Willy Seidel
Die magische Laterne des Herrn Zinkeisen
Willy Seidel

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Achtes Bild

Das älteste Ding der Welt

Die drei Zeichen

Es war an einem deutschen Fluß – sagen wir an der Lahn – und in einem Städtchen, das man sich wie Limburg vorstellen mag. In den tiefen Buchenwaldungen der Umgebung ging der achtzehnjährige Harald von Calmus, einziger Sohn des bejahrten, aber geistig noch regen Reichsfreiherrn von Calmus-Dunkelstedt – Kammerherrn und pensionierten Offiziers – sehr gern spazieren.

Wie schon öfter, war es Harald durch eine kleine Finte gelungen, seinen Hauslehrer abzuschütteln, der an einem sonnigen Samstagnachmittag bereits auf Montags-Lektionen erpicht war, denn er bereitete den Schüler auf die Maturitätsprüfung vor.

Harald ging allein durch die Felder auf das Pfaffenwäldchen zu. In ungestörtem, trächtigem Frieden reifte die kommende Ernte dem Herbst entgegen. Jeder Atemzug war Frieden. Die Lerchen, wie Punkte ins weite Blau gestreut, tröpfelten friedliche Triller hernieder. Der Wind umschmeichelte das fahle Grün der strotzenden Saat wie mit trägem, von Frieden erschlafftem Fächer. Insekten schrillten und summten; ihr Getön verwob sich zu feinmaschigem Netz von Lauten, sanft auf alle Daseinsängste sinkend. Irgendwo blinkte ein Teich hervor und spiegelte winzige weiße Wolken; gab dem hellen Blau funkelnde Verklärung zurück. Die Oberfläche dieses Teiches zitterte leise wie die Haut eines großen Tieres in Wollust der Ruhe.

Während Harald so schritt, machte er sich keineswegs Gedanken über die bevorstehende Prüfung, sondern er trug, ganz für sich, seine Andacht dahin zu den großen und stillen Linien, zu der strotzenden Natur; und in ihm fand jeder wispernde Ton des sich erfüllenden Wachstums dankbar liebevolles Echo. Er geriet, wie oft bei solchen Wanderungen, in eine Art entrückten Zustandes, der ihn für Stunden gefangennehmen konnte gleich sanfter Hypnose durch brennende Farben, einlullende Lieder. Das Hemd stand ihm offen auf der Brust, der weiche Kragen war zurückgeschlagen. Aus den kurzgeschnittenen Ärmeln pendelten die gebräunten Arme lässig zu seinen Seiten, und seine blauen, halb zugekniffenen Augen spähten in die Ferne, ohne doch etwas Bestimmtes zu sehen. Er war selbst zu einem Stück der Natur geworden, wie er so wunschlos einhertrottete ohne Bedürfen. Eines wußte er: daß er sich unendlich wohlfühlte; daß nichts ihm übelwollte, und daß er von Talenten und Möglichkeiten trächtig sei wie dieser von Keimen und fruchtbaren Zersetzungen erfüllte Boden.

Die von jungem Blut prall durchpulsten Lippen hielt er halb geöffnet in dem warmen Dunst und schlürfte die Luft, die ihn durchdrang wie Wein. Eine Mütze trug er nicht, das bräunlich goldene Haar ward frei von jedem Wind durchwühlt. Heute hing es ihm halb in die Stirn, und er schüttelte es zuweilen mit zuckender Bewegung des Nackens hinters Ohr.

Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen.

Ein grauer Stein fiel aus der Luft herab. Hierauf erhob sich Wogen der Halme und wildes Rascheln dort, wo er eingeschlagen. Als ob ein kleiner Wirbelwind an jener Stelle entstehe, sträubten sich die Ähren. Er hörte klatschendes Geräusch, schnell mehrmals wiederholt; zwei quiekende Töne – und nach kurzer Zeit arbeitete es sich aus den Ähren hervor, um in trägem Flug ein kleines Wesen davonzuschleppen, was noch zuckte, quer eine Gasse nach dem Wald zu in das Getreide peitschend: ein mächtiger Habicht, der einen Junghasen in den Krallen trug, eng an sein mörderisches Herz gepreßt. Harald stürzte nach der Einfallstelle und sah mohnblumenrote Tröpfchen im Umkreis verspritzt. Er suchte nach einem Stein, gab es bald auf, ging mit zielbewußteren Schritten weiter.

Das Pfaffenwäldchen, ein größerer Buchenbestand, nahm ihn auf. Er folgte ungefähr der Richtung, die der Habicht genommen; doch der Boden hier, uneben, gestattete kein gerades Vorwärtsdringen.

Er hatte kaum hundert Schritte in den Wald hinein getan, und die Klänge der sommerlichen Felder verschollen hinter ihm. Ab und zu war es noch, als trage ein warmer Windstoß eine Welle von Insektengezirp herzu, die sich jedoch nur flüchtig im Ohre hielt und wie zarter Aufschrei verebbte.

Es war tempelstill. Er sah nichts als grüne Dämmerung, wellig bewegten Boden, von stillen Lichtern gesprenkelt. Seine Tritte versanken im Moos oder stießen hart auf hervorbrechende Steine, und als er um die große Eiche bog, die auf einer kleinen Lichtung etwa in der Mitte des Wäldchens stand, geschah ein Zweites.

In spindelförmigen Drehungen glitten zwei braune Körper um einen knorrigen Ast. Dazwischen blitzte es gelb von schlangenhaft gewundenem Leib: ein Edelmarder. Wie ein zuckender Bausch von brauner Watte fuhr kurz vor seiner Nase der Schwanz eines Eichhorns hinweg. Sie stoben um den Baum: Verfolgtes und Verfolger. Rindenfetzen regneten herab. Oben aus turmhoher Spitze schossen sie durch ein Stück Blau wie Flieger, und man sah, daß der schwerere Körper mit größerer Schnellkraft den kleineren überholte. Man hörte ein gleichzeitiges Aufschlagen beider am nächsten Stamm, knirschendes Geräusch, einen Ton wie einen Pfiff, und dann Stille.

Harald eilte herzu. Noch sah er nichts. Zunächst kam noch ein Rindenstückchen – dann taumelten in sachten Schwingungen braune Haarflöckchen herab . . . Plötzlich fuhr er zusammen und erschrak im Tiefsten.

Es war, als ob ein leiser Finger ihn an der Schulter rühre, die aus dem geöffneten Hemde geglitten war. Er starrte darauf hin: ein Tropfen Blut saß auf seiner weißen Haut und sickerte, seine Rinnen entfaltend, die Brust herab. Er wischte es aufatmend mit dem Hemde weg, etwas Angstvolles trat in seinen Blick, für den Moment Ratloses – dann, in seinem Unvermögen, des Mörders habhaft zu werden, peitschte er mit einem Zweig wütend auf den Stamm los.

Langsam ging er weiter. War er in eine Gegend geraten, in die er sich so selten begab, daß sie ihm fast unbekannt dünkte? Es waren zwar immer Bäume, Moos, Steine, kleine Klüfte; aber es schien, als sei er nun in einem Bereich, der sonst gemieden wurde. Vorjähriges und vorvorjähriges Laub schwärte, von fauligem Wasser durchsetzt, in Löchern, die keinen Abfluß gestatteten. Der Boden trug das Gepräge vulkanischer Zerrissenheit, soweit ein sanftes deutsches Waldbild diese Form entwickelt.

Er erkannte, daß hier ein Sumpfgebiet war, das man ungern durchschritt; zwar war es nicht gefährlich, aber es ermüdete und führte zu keiner Entdeckung. Besser, man streifte am Rande dieses Teiles entlang, bis man auf die Straße zurückkam.

Aber er war nun einmal schon fünfzig Schritte hineingeraten, und er fand nicht den Entschluß, wieder umzukehren – seltsam überzeugt plötzlich, er werde noch auf etwas Bestimmtes stoßen; worauf, das wußte er nicht. Er sprang über die moorigen, von schlammigem Humus erfüllten Löcher, kam dann wieder auf trockene Stellen und merkte auf einmal an dem Ansteigen des Bodens, daß er an das »Hünengrab« gelangt sein müsse.

Dies war ein Hügel, den man in der Gegend so nannte, obwohl oberflächliche Untersuchungen längst festgestellt, daß von einem Grab keine Rede war. Nur die seltsam spitzige Form des Hügels hatte den Namen entstehen lassen. Außerdem knüpfte sich, wie ihm jetzt einfiel, lächerlicher Aberglauben an diesen Hügel. Da er im Freien lag, so hatte sich wohl vor Jahrhunderten ein Wirrkopf, der hier eingeschlafen, einen Sonnenstich geholt und allerhand gefaselt, was recht gut in den Rahmen durch Foltern erpreßter Berichte gepaßt haben mochte.

Eine andere Tatsache, die den Ort im Volksmund verfemte, war die, daß die hier wachsenden Pilze einen »Hexenring« bildeten – einen Ring, dem Bannkreis entsprossen, den dunkler Künste Fähige hier gezogen. Harald stand in praller Sonne dicht vor diesem »Hexenring«. Ja, da war er; Hunderte von Fliegenpilzschirmen leuchteten aus dem Grase hervor – wie Blutspritzer..

Ihn fröstelte. Wie kam ihm nur der Gedanke an Blut so ständig wieder in den Sinn?! – Zwei Morde hatte er erlebt, ja, da war's: alltägliche Morde, versteckte, lächerliche und belanglose Morde, die in den Kreislauf gehörten wie alles andere. Und doch scheute er sich, mit dem Fuß den Ring zu stören, sondern setzte mit breitem Schritt darüber hinweg in das Innere. Da er sich außer Atem fühlte, ließ er sich auf einem Stein nieder und blickte nachdenklich vor sich hin.

Plötzlich regte sich etwas im Grase. In rasenden Sprüngen, wie es sonst ganz gegen die Gewohnheit solcher Amphibien ist, durchquerte ein großer, brauner Frosch vor ihm das Gras. Er war unablässig beschäftigt, seine Schenkel zu gebrauchen, und längst auf der anderen Seite entschwunden, als der züngelnde Kopf einer mächtigen, meterlangen Ringelnatter auftauchte und sich schwarzäugig und zuckend umherdrehte. Dann schoß sie davon wie ein grauer Pfeil.

Jäher Impuls riß den Jungen empor: Hier endlich, hier, beim dritten Male, daß er einen Mord sah, diesen zu verhindern. Wie rasend suchte er nach einem passenden Stein. Endlich, als es gerade noch Zeit war, gelang es ihm, ein mäßig großes Stück herauszubrechen. Er stürzte der Natter nach und zermalmte sie damit in der Mitte des Leibes. Sie wandte ihm den Kopf zu mit geöffnetem Rachen, eifrig weiterzüngelnd; – dann versteinte diese Gebärde. Der Schwanz zuckte; dann verlor sich das Leben. Harald sank ins Gras nieder und sah, wie das anklagend geöffnete schwarze Mäulchen ruckweise zurückfiel.

Wie war das? – Er hatte etwas verhindern wollen, und nun hatte er es selber getan! Das Verhinderte hatte Sinn gehabt; das, was er getan, war zwecklos. Was ging ihn der Frosch an! Wirre Gedanken, mit einer halben Schläfrigkeit verknüpft, kreuzten seinen Kopf. Daß er nicht weiterging, daran war wohl noch diese leichte Müdigkeit schuld . . .

Als der Stein die Schlange zerquetscht hatte, war ein seltsamer Ton zu hören gewesen, wie wenn man mit einem Hammer an Metall schlägt. Er untersuchte den Fleck, und seine Finger erfaßten etwas Hartes, von Sonne stärker Durchhitztes. Kein Zweifel: hier sah ein Stückchen Metall, hellgrau, und von kleinen Zacken besetzt, aus dem Boden hervor. Er bemühte sich, es herauszureißen, doch schürfte er sich nur die Finger daran wund.

Mit einem Male befing ihn so tiefe Schläfrigkeit, vermischt mit seltsam abwehrenden Gedanken an das Blut an seinen Fingern und an die blutroten Pilze ringsum. »Ich glaube, ich mache mich in den Wald zurück«, dachte er. Doch es gelang ihm nicht mehr, den Vorsatz auszuführen; er sank mit dem Kopf auf den Rasen mitten zwischen eine Gruppe von Pilzen, die mit kühler Berührung seine erhitzte Wange streichelten. Dann war er traumlos entschlafen.

Er schrak empor. Es war halb finster. Die Sonne war gesunken. Er riß seine Uhr heraus, doch sie war stehengeblieben. Er erhob sich mit Beschwerlichkeit und ging auf der anderen Seite des Hügels in den Wald hinab, wo er des ungewissen Lichtes halber öfters stolperte und in schlammige Mulden einsank bis zum Knie.. Ein glühendroter Abendhimmel verblutete hinter den Stämmen am Rande, dort, wo die Straße war. Es war schwül, kein Lüftchen regte sich. Endlich hatte er sich aus dem wässerigen Bezirk herausgefunden und war auf festen Boden gelangt. Es kam ihm unbegreiflich vor, daß er von zwei Uhr nachmittags bis zum Sonnenuntergang unterwegs gewesen und einen so großen Teil dieser Zeit verschlafen haben sollte.

Verhext

Er stand auf der Straße. Die Abendglut war erstorben, und klarer Sternenhimmel wölbte sich über ihm.

Während er vorwärts ging, spürte er, daß er keine Eile mehr habe, heimzukommen; ja es schien, als sei er durch irgendeine Behinderung gezwungen, seine Schritte mit weit größerer Gemächlichkeit zu setzen, als er es sonst zu tun pflegte, wenn er von ausgedehnten Spaziergängen abends zurückkehrte. Es war beinahe, als müsse er im selben Tempo, wie er vor Stunden in der Sonnenglut in den Wald hineinspaziert, auch den Heimweg machen; und dies fiel ihm leicht; denn jedes Bedürfnis war ausgelöscht, schnell nach Hause zu kommen.

Der Gedanke an sein Zuhause widerte ihn auf einmal an. Dort drüben, wo der zackige Schattenriß des Städtchens von Lichtern bestreut in den Himmel schnitt, lauerte ein Gefängnis auf ihn. Hier draußen war es frei und kühl. Er verspürte die Weite und bedurfte zu diesem plötzlichen Glück nichts anderes als Ungebundenheit.

Von oben aus dem silbernen Geflecht schienen sich magische Fäden herabzuspinnen. Fäden, die ihn emporhoben und sanft dahintrugen. Was war das für eine Abgelöstheit, für ein seltsames Entrücktsein? . . . Es war wie ein Schreiten, wie ein sachter Tanz durch Luft, genienleicht.

Je näher er dem Städtchen kam, desto dumpfer hauchten die Wände ihn an. Ja, als er gar in die Schatten der alten Basteien trat, wehte ihm jene selbe wie aus erwärmten Kellern streifende Schwüle entgegen, die ihn auf seiner Flucht aus dem Wald mit Herzklopfen bedrängt.

Es war Neumond, es herrschte nur dieses stille, unbeirrte, kalte, flirrende Licht der Sterne, die doch in ihrer Gesamtheit nur schwachleuchtenden Nebel zustande brachten. Dann wichen die schwachen Lichtgeschehnisse der grellen Glut einer Bogenlampe.

Er ging eine leichthügelige, schlecht gepflasterte Straße hinauf, von der aus wie scharf einschneidende Schluchten sammetschwarze Nebengassen abzweigten; – bog dann selbst um die Ecke, erblickte ein rötliches Licht über einer altmodischen Haustür und verlangte Einlaß mit dem Klopfer.

Obwohl es noch ziemlich früh sein mußte, waren die Gassen doch ungewohnt still. Nach der Zeit, die er vom Walde her gebraucht, konnte es höchstens neun Uhr sein, und trotzdem dauerte es eine Weile, bis er den schlürfenden Schritt der Magd innen hörte und die Tür ihm entriegelt ward.

Sie starrte ihn etwas erstaunt – so dünkte ihn – an, machte aber keine Bemerkung außer der, daß seine Eltern bereits ins Bett gegangen seien und sich verwundert hätten, wo er so lange bliebe. Mitternacht sei längst vorüber.

Er versuchte, dies als einen Scherz abzuwehren und ein kurzes Gelächter dagegenzusetzen mit den Worten: »Sie träumen wohl, Mechtild!« Doch dann fielen ihm die anderen Anzeichen auf, die ihre Behauptung beweiskräftig machten, und sie brauchte kaum nach der Standuhr im Vorplatz zu deuten, um ihn von der Wahrheit zu überzeugen.

Er ging in sein Zimmer, schloß die Tür und entfachte die Öllampe auf seinem Schreibpult. Mechanisch zog er sich aus, ohne im geringsten müde zu sein; und doch war ihm zur Sammlung ganz erwünscht, daß er jetzt in seiner vertrauten Bude saß. Nackt ging er noch im Zimmer umher und sah sich von einem Empirewandspiegel zurückgeworfen. Dort bewegte sich sein Körper weiß wie Papier und sein Gesicht, das ihn seltsam erblaßt dünkte; – ja, nicht der geringste Kontrast in Farben bestand. Sein braunes Gesicht, seine roten Wangen schienen ihm kalkfarben, als sei er durch eine große Prüfung hindurchgegangen, die er sich nicht enträtseln konnte.

Er erschrak darob flüchtig, doch machte ihm diese offenbare Augentäuschung nicht weiter zu schaffen. Nur als er jetzt in der Mitte des Zimmers stand, unschlüssig, ob er noch etwas lesen solle oder sich hinlegen, war ihm auf einmal, als trete alles, was er sah; – der vertraute Stuhl, das Ledersofa, sein Pult mit dem Spiegel darüber und das Bett, von ihm zurück in eine Entfremdung und Entfernung . . . ähnlich so, wie man Dinge erblickt, wenn man ein Opernglas verkehrt ans Auge bringt.

Er schüttelte den Kopf, und müde, ja angewidert durch die aufdringliche Halluzination, ging er aufs Bett zu. Es schien ihm Minuten zu dauern, bevor er es erreichte. Endlich lag er drin und schloß die Augen; doch von Schlaf war vorerst noch keine Rede.

Die Türklinke ging, er öffnete die Lider und sah seine Mutter vor sich stehen. Er beschloß, sich sofort wieder schlafend zu stellen, merkte aber durch die fast geschlossenen Wimpern hindurch, wie sie sich aufmerksam mit ihrem streng geschnittenen kleinen Gesicht über ihn beugte. Er hörte sie noch wie aus weiter Ferne im Zimmer umhergehen und die Lampe mit leisem Klirren löschen. Dann ging die Klinke ein zweites Mal, und sie war draußen.

Er fühlte förmlich ihre Gedanken, mit denen sie den Gang zurückschlich; sah sie im Geiste durch Mauern hindurch den silbernen Scheitel schütteln und vernahm halb geflüsterte Sorgen, die sich über ihre schmalen Lippen drängten. Die rasselnde Stimme seines Vaters stellte noch vorübergehend einige Fragen und gebrauchte dazwischen ein heftiges Wort.

»Sie halten mich offenbar für berauscht«, dachte er. »Das wird morgen Kanzelton beim Frühstück geben.«

Dann versuchte er weiterzuschlafen, und ihm war dabei, als blicke er durch die Dunkelheit plötzlich in den Sternenhimmel hinein. Decke und Dach schienen gewichen, er schwebte irgendwo im Raum. Er starrte in ein Gewimmel von Welten, runden Kolossen aus Silber, bewegt nach unfaßbarem Rhythmus. Eine seltsame Gletscherstarrheit hielt sie trotzdem gebunden, und der Begriff: »Raum« überfiel ihn den Bruchteil von Sekunden lang, als sei seine Seele bloßgelegt und empfahe Lichthiebe, so ungeheuer scharf und kurz, wie nie zuvor gekannten Schmerz. Ja, es schien sich ein klirrendes Pathos von diesem Horizont von Welten her auf ihn zu wälzen, als sei er von so ungeheurem Getöse umhüllt, daß seine irdischen Ohren nicht mehr imstande seien, es wahrzunehmen, sondern nur seine Seele diesen Urlärm empfinde als gespenstische Vergewaltigung.

Die plötzliche Überbrückung nie ermessener Entfernungen war fürchterlich. Er wurde in den großen Strudel kosmischen Geschehens hineingezogen und geriet fast in einen Zustand, wo das Denken ihn im Stich ließ, in eine Angst vor plötzlichem Wahnsinn, dem er sich nähere wie unentrinnbaren Katarakten.

Ja, das war, als ob er für Augenblicke sein eigenes Alter nach Lichtjahren zu messen habe und von einer Kälte, die in kaum ausdrückbaren Graden herrsche, tödlich verbrannt werde. Einer der Weltkörper, der kupfern glühte und einen dunklen Ring wie einen Nebel um sich rotieren ließ, wuchs auf ihn zu wie ein Alpdruck. Sein Leib auf dem Bett bäumte sich, seine Brust tat angstvolle Atemstöße, und mit einem Schrei fuhr er empor.

Was ihm geschehen, wußte er nicht; nur daß er eines unsagbar Grauenhaften gewärtig gewesen, einen bizarren Traum lang.

Die Kammer war hell. Es herrschte erstes Morgenlicht.

Er erhob sich schwankend aus dem Bett und trat ans Fenster.

Noch lag das Städtchen tot. Auf einmal hörte er donnernden Hufschlag über das Pflaster, und zugleich das Gerassel eines wütend dahingewirbelten Wagens. Er beugte sich vor, doch konnte er nur mehr den hinteren Teil einer einzelnen Droschke wahrnehmen, die im gemächlichsten Tempo der Welt hinter einer Straßenbiegung verschwand.

Er rieb sich die Stirn und hörte ein schrilles Gezirpe. Waren das die Schwalben? Er blickte nach dem Turmdach; da sah er zuckende schwarze Linien, wie von Peitschenschnüren geformt, umherfahren; und vernahm dabei das unablässige Schrillen ohne Pause.

»Bin ich verrückt«, dachte er entsetzt, schlug mit der Stirn gegen die Wand und krampfte die Fäuste zusammen.

Beim nochmaligen Hinspähen gewahrte er die Schwalben wie zu jeder Morgenstunde zwitschernd um den Turmknauf streichen. Doch ihre Flugbahnen hatten nichts Beschleunigtes mehr, sondern er konnte die weißen Brüstchen mit dem rostbraunen Fleck und ihre segelnden Schwingen scharf und deutlich erkennen. Auch brach jetzt mit funkelnder Plötzlichkeit eine Garbe von Sonnenlicht hervor. Es schien, als habe die Sonne in einer Viertelminute einen kleinen Ruck über den Horizont getan, den sie doch gerade erst mit sanften Rosen zu bestreuen begonnen.

Mit äußerster Kraftanstrengung vergegenwärtigte er sich, daß dies alles Hirngespinste seien, goß ein Glas kalten Wassers herunter, und indem er sein übernächtiges Gesicht scharf im Spiegel betrachtete, gelang es ihm, wieder klar zu denken. Er versuchte jetzt, auf das Sofa niedergelassen, den Ursachen all dieser Seltsamkeiten auf die Spur zu kommen. Er erinnerte sich auf einmal des gestrigen Nachmittags, ja alle Einzelheiten jenes scheinbar absichtslosen Spazierganges traten ihm mit unglaublicher Schärfe wieder ins Bewußtsein. Er erinnerte sich der drei Morde, die er erlebt, des verfemten Hügels und der Pilze.

»Ha,« fiel es ihm ein, »diese Pilze! Habe ich nicht mit dem Kopf mitten zwischen ihnen geschlafen? Doch hat man je davon gehört, daß Pilze eine vergiftende Atmosphäre verbreiten können, ähnlich der von giftig-süßen Blumen im geschlossenen Zimmer? Das ist doch unmöglich! Oder habe ich einen Sonnenstich erlitten, während ich schlief? Das muß es sein; aber das kann man kurieren!« Logisch war es nicht, daß er seinen Zustand mit diesen Malen in Verbindung brachte; doch eine innere Stimme zwang ihn dazu. Er ging an den Waschtisch und reinigte die Narben, so gründlich es ging. Schmerzen verspürte er keine.

»Ich muß mich doch irgendwie vergiftet haben« dachte er mühsam. »Aber die Wirkung muß jetzt vorüber sein.« Er kleidete sich an und ging hinunter, wo er am Frühstückstisch mit gewöhnlicher unbefangener Stimme erklärte, er sei gestern im Walde eingeschlafen, vielleicht übermüdet durch große Hitze, und habe dann in der Dunkelheit nicht sofort den Weg auf die Straße gefunden.

»Ausflüchte, Verehrter, Ausflüchte«, schnarrte der alte Freiherr und zog die zottigen, weißen Brauen hoch in die Stirn, wobei ein scharfer Zug an die Nüstern seiner Nase trat, die dem Schnabel eines Raubvogels entfernt verwandt schien. Doch die Güte seiner alten Augen machte gut, was die Nase verdarb. »Du hast getrunken, gestehe es, Sohn! Wenn du es gestehst, bin ich der letzte . . .«

»Aber ich schwöre dir, Vater, es war so!«

»Nun . . .«, machte der Freiherr abwehrend, lachte kurz und rasselnd und vertiefte sich in seine Zeitung.

Die Mutter mischte sich ins Gespräch. Sie sei der Ansicht, daß Harald vollkommen nüchtern gewesen sei. Der arme Junge sei nur sehr erschöpft gewesen und habe wie ein Toter geschlafen. »Man muß sich nie in die Sonne legen«, meinte sie besorgt. »In welcher Gegend hast du denn dich herumgetrieben?«

»Ach, dort hinten bei dem alten Hünengrab, oder wie man es nennt.«

Hier, wie mit einem Zauberschlag, sank die Zeitung aus der zitternden, alten Hand des Freiherrn. Die Mutter setzte die Tasse klirrend wieder hin, und beide starrten ihn an, als habe ein Blitz vor ihnen eingeschlagen.

»Das Hünengrab?« sagte der Freiherr endlich rasselnd, wie aus gedrängter Brust heraus. Er wechselte einen Blick des Einverständnisses mit der Mutter. Beide beherrschten sich im selben Moment, doch Harald hatte die erschreckten Gebärden bemerkt.

»Es wird so allerhand dummer Aberglaube darüber verzapft, nicht wahr?« meinte er und begann mit gesundem Appetit zu frühstücken.

»Ganz richtig,« bekräftigten beide Eltern im Chorus, »ganz richtig. Dummer Aberglaube.«

 

Die folgenden Tage verrannen, und an Haralds Leben änderte sich nichts. Sein Hauslehrer, ein schwadronierender alter Student, der sich in der Nähe von Adeligen am besten gefiel, nahm ihn oft zu sehr in Anspruch, als daß er viel über das Erlebnis hätte nachdenken können. Doch wenn seine Hausarbeiten fertig waren und er sich selbst überlassen war, befiel ihn zuweilen die Erinnerung, so, wie wenn man sich einer Gefahr erinnert, der man knapp entronnen. Das Tückische an dieser Erinnerung war, daß die Gefahr sich nicht mehr definieren ließ und daß ihr Nachklang darum unerlöst im Hirne schmerzte. Im allgemeinen schüttelte er mit einiger Willensanstrengung das Gedächtnis daran ab und las viel in Büchern, aus denen heraus die abgeklärte Vernunft eines philosophischen Betrachters unserer Lebensumstände ihn beruhigte. Wiewohl er noch sehr jung war, griff sein unreifer Geist derartige Gedankengänge instinktiv auf, wie wenn man nach einem Rettungsgürtel faßt, und was ihm daran unverstanden blieb, schien trotzdem faßbar: irdische Materie, an die man sich halten konnte. Zudem trieb er sich viel in Gesellschaft Gleichaltriger umher, was ihn ablenkte. Sein Benehmen schien ihm selbst durchaus natürlich und gewohnheitsmäßig, doch fühlte er zuweilen mit eigentümlicher Befremdung, daß man hie und da begann, ihm erstaunte Mienen oder ausweichende Antworten entgegenzusetzen.

»Du denkst zuviel, Sohn«, knarrte der Freiherr des öfteren. »Sobald die Schonzeit vorüber ist, kommst du mit mir auf die Jagd.«

Doch diese Aussicht, anstatt ihn zu beruhigen, versetzte ihn in noch größere Nachdenklichkeit. Der Gedanke an Jagd bekam plötzlich etwas Fragwürdiges, ja Anrüchiges. Das hatte er noch nie vorher empfunden.

Etwa drei Wochen waren verflossen, da geschah es wieder, und zwar am hellen Tage, daß jenes Gefühl der Entrücktheit ihn wieder befiel, als seien alle Beziehungen zum Irdischen plötzlich gelockert.

Es war beim Abendessen. Sein Vater rückte auf einmal hinter einen mächtig ausladenden Tisch, hinter eine Wüste von Leinwand und saß klein und entfernt am Ende des erweiterten Zimmers. Tapete, Möbel und was es sonst gab, waren dieselben; nur die Eltern verständigten sich über Entfernungen hinüber, die Gebärdensprache notwendig machten. Sie schienen sich zu verstehen, auch wenn ihr Gespräch nur einem Flüstern glich.

Harald faßte sich an den Kopf. Wieder ging jene schleichende Verschiebung in seinem Hirn vor. Seine Hand tauchte in seltsame Tiefen, um zum Teller oder zum Wasserglase zu gelangen. Er gab das Essen auf und saß starr mit zähneknirschender Bemühung, sich selbst über diese Empfindung mit Gewalt hinwegzusetzen. Sein Vater, klein und in allen Umrissen äußerst deutlich von der Lampe bestrahlt, rief ihm etwas zu, was er genau verstand, ohne daß er Worte hörte.

»Ist dir nicht ganz wohl, Sohn? Was schneidest du da für ein Gesicht? Schmeckt dir das Essen nicht?«

Auch von der Mutter kamen ähnliche Stimmwellen herüber; aber er saß wie paralysiert und konnte nur denken, nicht reden. Er dachte also: »Ich fühle mich etwas schwindlig. Es wird gleich vorübergehen«, und er war selbst erstaunt darüber, daß die Gedanken laut aus seinem Munde traten. Er hörte sich selbst reden; aber es war, als rede ein Zweiter.

Zugleich bemerkte er, daß die Eltern mit seltsamer Hast sich gebärdeten. Die Mutter nippte unablässig, wie eine Bachstelze aus einem Quell, von ihrem Glas Tee, und der Vater gebrauchte sein Besteck mit einer taschenspielerhaften Geschwindigkeit.

Sein umherirrender Blick glitt nach der Uhr, die in der Ecke des Zimmers hing. Da gewahrte er mit ankriechendem Entsetzen, daß der Minutenzeiger sich vor seinen Augen über das Zifferblatt bewegte.

Er stand auf – es dauerte eine Ewigkeit, bis er den Tisch umschritt – und tappte den Gang hinunter in seine Kammer. Er hörte noch hastige Geräusche hinter sich: ein mit großer Behendigkeit und dialektischer Schärfe geführtes Zwiegespräch, das bei der sonstigen gemächlichen Unterhaltung seiner Eltern äußerst auffallend war. Dann hörte er, wie sie ihm folgten, und spürte, als er wieder auf dem Boden lag, wie eine kühle, lindernde Hand, die ihn ganz zu umhüllen schien, sich auf ihn senkte. Bald darauf umfing ein feuchtes Tuch seine fiebernde Stirn, und er verfiel in einen traumlosen Schlaf, der ihn wie ein Schacht verschluckte. – – Dies war das zweitemal, daß ihm das Unerhörte nachstellte.

 

Als er wieder erwachte, saß der Doktor, der die Familie schon seit langen Jahren betreute, an seinem Bett.

»Mein junger Freund,« bemerkte er mit fetter Stimme, als Harald die Augen aufschlug und ihn verständnislos ansah, »wir haben ein wenig Nervenfieber gehabt und sind ein paar Tage lang nicht ganz bei uns gewesen. Sagen Sie: hat Ihnen vielleicht kürzlich etwas plötzliche Furcht eingejagt? – Sprechen Sie sich aus, das ist das beste. Es liegt gar kein Grund vor, mit achtzehn Jahren Nervenfieber zu haben.«

»Danke, Doktor. Ich wüßte weiter nichts, was passiert sein sollte – außer daß ich manchmal ein wenig verrückt bin.«

Der Arzt hob beschwörend die fette, weiße, gepflegte Hand. »Verrückt! – Ich bitte Sie! Ein kleiner Sonnenstich; und was weiter!! Sie sind normal, wie jeder gesunde Junge! Vielleicht haben Sie sich überarbeitet . . . Ich habe schon mit dem Hauslehrer gesprochen: der hat mir recht gegeben in meiner Mutmaßung, daß er Sie ein wenig mit Lektionen überlastet habe. Sie seien ihm auch verträumt vorgekommen; konzentrationsunfähig. Nun, das wird sich alles geben! – Jetzt tun wir einmal gar nichts, wie? – Und legen uns ein paar Wochen ganz auf die faule Haut. Viel baden! Viel herumlaufen! – das ist das Wahre. Fieber haben Sie auch keins mehr, und wenn Sie mir etwas anvertrauen wollen, so bin ich stets zur Hand; das wissen Sie!«

Harald nickte und sah etwas zweifelnd auf den pompösen, selbstgefälligen Mann, der gemächlich aufstand, ihm herzlich die Hand drückte und sich würdevoll entfernte. Er hatte das Gefühl, daß jener die Güte selbst sei; aber daß trotzdem etwas Unausgesprochenes zwischen ihnen bestehen bleibe, so sehr er sich auch Mühe gab, seinen Zustand auf eine Formel zu bringen. Vor allem, wie wollte er ihm diese peinigende innere Unrast erklären, dieses Gefühl von etwas Unerfülltem, was ihn wie stete Mahnung quälte. Er wußte, wußte scharf und genau: »Ich habe etwas zu tun. Ich habe etwas gutzumachen! Eine Mission zu erfüllen! Die ersten Anzeichen meiner Berufung, ja, die habe ich damals im Walde erlebt! . . . Und was es eigentlich ist, das muß sich herausstellen, und wenn ich bei dem Versuche, es zu enträtseln, mein Leben opfern müßte!«

Solche Gedanken waren unendlich reifer als er selbst. Es war, als dächte sie ein Zweiter. So wie kürzlich während des Abendessens ein Zweiter aus ihm gesprochen, so erwählte sich diese Potenz, die er nicht kannte, seines Hirnes als eines Mittels, um sich zu äußern. Er fühlte sich unter der Kontrolle eines Willens, dem er nicht gewachsen war, der irgendwo in der Nähe, vielleicht in diesem Städtchen, waltete, und er beschloß, sich ihm ganz zu unterwerfen. War das nicht die einzige Möglichkeit, ihm die Maske vom Gesicht zu reißen . . . ihn ins Tageslicht zu zerren und seine eigene Persönlichkeit bewußt gegen das Fremde auszuspielen?

Er stand auf, als sei er nie erkrankt; kleidete sich gemächlich an. Eine Art tiefen Friedens war über ihn gekommen, seit er den Entschluß gefaßt. Die Angst war verblichen. Nur ganz schemenhaft glänzte noch einmal die silberne Vision jener ersten Nacht vor seinem inneren Blicke auf im Purpur seiner geschlossenen Lider und hinterließ eine vage Wohltat, so als habe er sein fieberndes Herz in Gletschereis betten dürfen und es schlage wieder voll, krampffrei und ruhig.

Er ging seinen kleinen Beschäftigungen nach wie sonst, und die Eltern erstaunten schier ob seiner plötzlichen Gesundung. Seine Wangen waren wieder rot und sein Auge hell. Man mußte sogar seinem Drängen nach Arbeit nachgeben, da er, wie er behauptete, nicht ohne geistige Beschäftigung diese Tage verbringen könne. Die Warnung des Arztes sei gut gemeint gewesen; aber er wisse selber am besten, was ihm fromme.

So ließ man ihn gewähren, und der Hauslehrer, in rücksichtsvoller Weise, trat wieder in seine Rechte ein.

Begegnung

Eines Morgens erhob er sich zeitiger als sonst. Es war ein rechter Gottesmorgen im August.

Die Schwalben schrillten um den Turm, und glühendes Sonnenlicht vernichtete alle Schatten. Da kam es Harald in den Sinn, vor dem Frühstück ein wenig zu wandern. Er ging die holprige Gasse hinunter; die Läden waren noch geschlossen. Es verlangte ihn nach Weite.

Woher kam dieser sanfte Antrieb, der ihn so unwiderstehlich aus der Stadt hinauszog, seinen sonstigen Gewohnheiten ganz entgegen? Er wußte es nicht. Aber er überließ sich einer leisen, schier wollüstigen Bangnis von Erwartung.

Er hatte das Stadttor schon passiert, als ihm plötzlich zum Bewußtsein kam, daß ihm ein Geräusch, das ihn nur ein Echo der eigenen Schritte in den Gassen gedünkt, noch immer nachfolgte. Er erkannte, daß dies die Schritte eines Zweiten waren, der in einiger Entfernung hinter ihm ging.

Er war ein Stückchen ins Feld gelangt, ehe er den Mut fand, sich umzublicken. Er wußte mit Klarheit, daß ein Vorhang jetzt fallen werde, wenn er es tue.

Brüsk drehte er sich um, und im selben Moment stand ein großer Mann still, der etwa in der Entfernung von hundert Meter hinter ihm hergegangen war. Der Mann, hoch aufgeschossen, schmalschultrig, trug einen hellgrauen Sommeranzug mit Strohhut. Es schien, als ob Haralds Stillstehen und das seine keine Beziehung hätten; er trat ein Stückchen ins Feld hinein, wo er sich bückte, so daß ihn die Ähren fast verschlangen – sich dann wieder aufrichtete und mit stelzenden Schritten näherkam. Harald versuchte, ihn innerlich abzutun als einen Spaziergänger gleich ihm selbst und ging weiter, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Er blieb lautlos hinter ihm; und so merkte er nicht, daß die Entfernung von dem Manne zusehends schrumpfte. Ja, der Mann trat leise auf und tat trotz ruhiger Gangart riesige Schritte, so als habe er die Absicht, Harald zu überholen.

Mit einem Male wußte der Junge so genau, als ob er Augen auf dem Rücken trage: Der Mann will etwas von mir. – Was in aller Welt sollte er sonst wollen? Ist er mir nicht nachgefolgt? Wählte er nicht denselben selten begangenen Feldweg?

Die Überzeugung wuchs, und gleichzeitig trat er, wiewohl er dagegen kämpfte, wiederum über die Schwelle jenes Zustandes, den er überwunden glaubte. Das Pfaffenwäldchen schien in entlegene Ferne gerückt; gleichwohl malte sich jeder Wipfel klar auf dem Westhimmel auf. Die Felder spreizten sich zu Wüsten, an deren fernstem Horizont die Pappelschnur der Überlandstraße einen Rand gegen die Luft schuf. Dort fuhr ein Wagen gemächlich die Allee herab und erzeugte eine leichte Staubschleppe hinter sich. Jetzt auf einmal tönte ein leises Rascheln, und die Allee ihrer ganzen Länge nach schien von einer einzigen Staubfahne bedeckt, als sei sie aufgewühlt von der Peitsche einer kopflosen Flucht . . . Dort gehen Pferde durch, dachte Harald. Aber die Schnelligkeit jener Pferde hatte etwas Gespenstisches. Er fühlte Hitze auf seinem Scheitel und blickte empor. Die Sonne flammte senkrecht über ihm. Wachsende Angst würgte ihn. Um Gottes willen, war es nicht gerade erst noch frühester Morgen gewesen, als er aufbrach?! Was wird nur daraus! dachte er wirr und betäubt; vor Ratlosigkeit halb entseelt, brach er in die Knie. Auf einmal sprach eine ruhige, leise Stimme neben ihm von einem etwas öligen Wohlklang: »Ist Ihnen nicht ganz wohl? Kann ich Ihnen zu Diensten sein?«

Harald sprang auf und sah den Mann neben sich stehen. Im ersten Augenblicke war er so verblüfft, daß seine ganze Erschütterung wie weggeblasen war. Denn was da vor ihm stand und ihn, die wachsfarbenen schmalen, sehr langen Lippen zu einem Lächeln verzogen, unter der steifen Hutkrempe hervor anblinzelte, war ohne Zweifel ein Mongole. Haralds Empfindung glich einem Schreck, als sei er plötzlich mitten in einem biederen deutschen Walde auf ein Gürteltier oder sonst ein exotisches Wesen gestoßen, so eigenartig wirkte die Figur in diesem Landschaftsrahmen, so plötzlich und unvermittelt, wie vom Himmel gefallen, stand sie da.

Der Mann nahm jetzt seinen Hut ab und entblößte dabei üppiges, steilstehendes, glanzlos schwarzes Haar. Dieser Reichtum an beschnittenem Haar überzeugte den Jungen, daß er ein Chinese sein müsse, ebenso wie ihm der gänzliche Mangel an Augenbrauen und Wimpern und die tief quittengelbe Farbe des faltenlosen, flachen Gesichts diesen Gedanken nahelegte. Er stammelte:

»Ich danke sehr, es geht mir ganz gut; ich habe nur soeben einen kleinen Schwindel verspürt. Möglicherweise bin ich zu lange in der Sonne umhergelaufen.«

Der Chinese fuhr fort zu lächeln und den Schimmer kalkweißer Zähne hinter den blassen Lippen spielen zu lassen. Seine Zunge bewegte sich ganz vorn, während er sprach, und die »R« fielen daher fast alle wie »L« ins Ohr.

»Ich nehme einen kleinen Ferienaufenthalt«, meinte er schmeichelnd und blickte sinnend in Haralds Gesicht. »Sie haben es gut hier. – Darf ich Sie ein Stückchen begleiten?«

»O bitte sehr«, sagte Harald noch etwas verwirrt. »Sind Sie vorübergehend in Deutschland?«

»Ich arbeite in Marburg«, sprach der Herr. »Ich heiße Sze. Wie lange meines Bleibens hier ist, weiß ich noch nicht. Ich bin schwierigen Sachen auf der Spur. Chemie, wissen Sie, hauptsächlich Geologie. Ich schnüffele, wo ich bin, den Gesteinsarten nach; da entdeckt man allerlei!«

Harald begann Interesse zu nehmen; denn man hat nicht alle Tage Gelegenheit, sich mit einem Chinesen in fließendem Deutsch zu unterhalten. Er blickte scheu auf seinen Begleiter und sah auf einmal mit einem gewissen Grauen, daß dessen Augen nie an einem festen Punkte verweilten, sondern daß die Pupillen in bläulichem Email wie zwei schwarze Mäuse zwischen den wimperlosen Lidern hin und her huschten. – Wenn er mich doch ansehen würde, dachte Harald mit einer fast quälenden Begierde danach, den Blick des Mannes festzuhalten. Als ob dieser seine Gedanken erraten habe, standen die Pupillen plötzlich still; die gewölbten, wie geschwollen anmutenden oberen Lider hoben sich um einen Bruchteil in die Höhe, und die dunkle Iris, die sich dabei etwas zu erweitern schien, stand unbeweglich. so daß es war, als blicke man in zwei Löcher hinein.

Eine Lähmung schien von diesem schwarzglühenden Blick auszustrahlen, eine Knebelung des Willens, eine bis zum äußersten konzentrierte elektrisch-ausbrechende Energie. Und mit einem Male wußte Harald, daß dies der einzige Mann sein könne, dem ein Verständnis für seine rätselhaften Gemütsabenteuer zuzutrauen war. Ein unwiderstehliches Bedürfnis überkam ihn, sich dem Schutz dieser allwissenden, klugen Augen anzuvertrauen.

Was man ihm sagt, das wird in ein Grab versenkt sein, dachte er und sah zu dem maskenhaften, großen Gesicht empor, das stereotyp weiterlächelte. Er allein ist vielleicht fähig, mich zu verstehen. – Woher ihm diese Gewißheit kam, wußte er nicht, nur glaubte er, daß zwischen den Seltsamkeiten der Vorgänge, so noch des allerletzten, und dem Hirn des Asiaten irgendwelche Verwandtschaft bestehe.

»Haben Sie«, sagte er plötzlich aufgeregt und sich überstürzend, »vorhin den Wagen dort auf der Allee bemerkt? Mir war, als gingen die Pferde durch . . . Ich muß wohl geträumt gehabt haben, und außerdem kommt es mir so seltsam vor, daß es offenbar schon Mittag ist. Sagen Sie mir,« – und er packte den Mann mit hastigem Griff am Ärmel – »wo war ich zwischen sechs und zwölfe?? –«

Es war, als ob das Lächeln aus dem Gesicht vor ihm langsam ausgetilgt würde. Die Mundwinkel senkten sich, die Lippen schlossen sich zu farblosem Strich. Dann sagte Herr Sze leise und erstaunt:

»Erklären Sie sich, ich verstehe nicht.«

»Und«, rief Harald aufgeregt, »wenn Sie nicht geträumt haben, dann müssen Sie doch gesehen haben . . .«

»Warten Sie, warten Sie«, sagte Herr Sze. »Dies ist neu, ich muß nachdenken.«

Er schritt etwas ab vom Wege, immer mit denselben stelzenden Schritten, als ob er etwas Unsichtbares dabei zu raffen habe, und hockte sich, die Beine in Kreuzform geschlagen, mitten in das wuchernde Unkraut. Er nahm den Strohhut ab, legte die Hände parallel auf seine Knie und senkte den Kopf. Nachdem er genau mit geschlossenen Augen eine Minute gesessen, erhob er sich Glied nach Glied und sprach mit schier papageienhafter Aneinanderkettung von Silben: »Sie haben Pferde gesehen, die durchgingen. Die Sonne ist Ihnen auf den Scheitel geklettert, ohne daß Sie es wußten. Sie waren nicht hier zwischen neun und zwölf. Erstaunlich, mein junger Freund! Was haben Sie sonst noch erlebt, machen Sie Ihrem Herzen Luft, erzählen Sie mir alles; nichts ist belanglos. Ich muß es wissen. Warum, das sage ich Ihnen noch, aber erzählen Sie.«

Und während sie jetzt auf das Pfaffenwäldchen zu weiterschritten, öffnete ihm Harald sein Herz. Er tat es stockend, doch der Fremde trieb ihn unablässig an, weiter zu berichten. Es war unendlich schwer für Harald, die subtilen Empfindungen in Worte zu kleiden, jene Träume selbst in vagen Umrissen deutlich zu machen. Doch der Mann wiegte den Kopf nach jedem Satz und streute seltsame fremdsprachige Ausrufe dazwischen, wodurch er Haralds Interessen an der eigenen Darstellung befeuerte und ihn nicht zur Ruhe kommen ließ. –

Endlich fragte Herr Sze:

»Und wo ist der Ort, wo Sie eingeschlafen waren damals?«

Harald deutete nach der Richtung des Waldes. »Es ist da hinten auf einem kleinen Hügel.«

»Sehr gut, ein Hügel«, sprach der Asiate. »Es muß ein Hügel sein – – haben Sie nichts vergessen, haben Sie nichts ausgelassen? Jede Einzelheit ist wichtig.«

Harald entsann sich, daß er dem Begleiter noch nichts von den drei Erlebnissen erzählt, und er holte es nach, wobei er nicht umhin konnte, wahrzunehmen, daß in dem toten, glatten Gesicht ein Zucken anhob, daß die tief zitronengelbe Haut von kleinen Fältchen überrieselt ward, als ob Nerven, noch nie aufgestörte, plötzlich ein ameisenhaftes Leben unter der dünnen Oberfläche vollführten. Dies machte sich doppelt seltsam, und mit einer gewissermaßen spitzbübischen Freude an der Aufregung, in die er ihn versetzen konnte, schilderte er ihm genau, was weiter vor sich gegangen: wie er die Schlange am Schluß getötet und wie der Stein gleichzeitig an ein Stück Eisen getroffen habe. »Es klang hell, wie eine zerbrochene Glocke«, fügte er bei, und daß er versucht habe, dieses Eisen herauszureißen und sich die Finger verletzt, worauf er dann zwischen dem Pilzen eingeschlafen sei – – dies alles machte auf den fremdländischen Gelehrten einen ungeheuren Eindruck. Hätte Harald gewußt, wie schwer es sei, einen Asiaten zu irgendeiner Gemütsäußerung zu veranlassen, so hätte er sich auf den Erfolg dieses seines Berichtes noch viel mehr zugute getan. Herr Sze schwieg eine Weile und dachte nach. Dann kehrte das Lächeln um seine Lippen wieder zurück, um von jetzt an nicht mehr zu weichen. Er sagte:

»Ich glaube, daß Ihr Erlebnis für Sie selbst noch sehr wichtig sein wird. Mich interessiert dieser Hügel, von dem Sie erzählen, in der Tat als Geologen. Bitte, führen Sie mich hin.«

Harald führte ihn durch den Wald. Als sie an die Eiche kamen, wo er den Edelmarder erblickt, stockte der Chinese einen Augenblick von selbst, hob die feingeschnittene Nase schnuppernd in die Luft und fragte: »Hier war es, nicht wahr? Das Zweite.«

»Ja, hier, aber woher wissen Sie . . .«

»Haben Sie nicht bemerkt, daß ich mich bückte, als Sie mich zuerst erblickten?«

»Das habe ich wohl.«

»Nun, ich bin auch dem Ersten ganz von selbst auf die Spur gekommen. Ich habe eine feine Witterung für – Blut.«

Sie waren auf dem Hügel angelangt, und die schmalen Augen, deren Pupillen jetzt wieder unablässig hin und her huschten, ergriffen von jeder Einzelheit sofort Besitz. Der Mann bückte sich, setzte sich wieder kreuzbeinig hin dicht neben das Aas der Schlange, von dem eine Wolke von schillernden Schmeißfliegen mit brausendem Summen in die Höhe stieg, und tastete dann vorsichtig mit der großen, hellgelben Hand, die zugespitzte Nägel trug, an das hervorstehende Metall. Er blickte sinnend darauf und sprach dann wie beiläufig:

»Sie haben recht! Es ist Eisen. Das Vorkommen dieses Metalls hier ist selten. Ich werde der Sache auf den Grund gehen, ob sich eine Ausbeute verlohnt. Wie Sie sehen, hat es keinen Rost angesetzt.«

»Das fällt mir jetzt auch auf, nachdem Sie es sagen«, bestätigte Harald.

»Es hat seinen Grund«, meinte Herr Sze. »Gehen wir jetzt.« Er untersuchte noch kurz die Ausmaße des ausgebleichten Ringes der längst vermoderten Pilze und stieg den Hügel hinunter. Unten bewegte er sich sehr schnell und hastig; mit vielen Zuckungen des Nackens nahm er Einzelheiten in sich auf. Es war so, als ob er das Maß nehme für irgend etwas, was Harald verborgen war. Er ging auch ganz um den Hügel herum, prüfte die Beschaffenheit des Bodens und erklärte sich endlich befriedigt.

»So, und nun wollen wir uns mit Ihnen näher beschäftigen«, meinte er mit seinem stereotypen Lächeln. »Sie haben mir in dankenswerter Weise soviel Vertrauen geschenkt, daß ich dies auch erwidern muß. Ärzte für Ihre Halluzinationen gibt es nicht, aber ich kann Sie jetzt vorübergehend heilen, wenn Sie mir ein paar Tropfen Blut opfern. Diese Heilung ist keine vollständige, aber sie wird so lange andauern, bis Sie wieder von mir hören. Ich vermute, wir haben noch manches miteinander zu tun; denn eine Sache, deren Wichtigkeit Sie gar nicht ermessen können, bindet uns von jetzt ab aneinander.«

Er zog ein seines Messerchen hervor und bat ihn:

»Öffnen Sie das Hemd auf der Brust.«

Harald tat es, und der Chinese machte einen leichten Schnitt in der Gegend des Herzens. In der anderen Hand hielt er plötzlich ein Platinbecherchen, wie es Chemiker zu benutzen pflegen, und preßte es an die Wunde, bis acht bis zehn große Tropfen Blutes es halb gefüllt hatten. Er stellte es auf den Boden und bestrich die Wunde mit einer Salbe, die nach fauligem Laub duftete, wodurch das Blut sofort ins Stocken kam.

»Warten Sie einen Augenblick, bis ich wieder herunterkomme«, sagte er und trug das kleine Gefäß wieder auf den Hügel zurück, wo er kurze Zeit beschäftigt war. Während er oben weilte, fühlte Harald, wie sein Herz, das seine Schläge in der Aufregung des schnellen Aufstiegs, der Hitze und der Beichte stark beschleunigt geschlagen hatte, auf einmal wieder ruhig und so voll, wie er es nie zuvor erlebt, seinen Körper durchpulste.

Jene traumhaften Geschehnisse, die er mühsam zu formulieren sich unterfangen, verblaßten auf einmal für ihn zu einem wirren und spukhaften Nichts, das er spöttisch bei sich abzutun wagte. Ja, alles noch kürzlich so Gegenständliche kam ihm auf einmal absurd, lächerlich und unmöglich vor, so daß er sich an den Kopf griff und sich vergebens zu enträtseln suchte, was ihn besessen habe.

Aber der Chinese war eine Tatsache; denn er sah ihn jetzt wieder vom Hügel herabsteigen. Eine zweite Sicherheit war, daß er sich von einem seltsamen Zwang zu dem Manne hingezogen fühlte. Es war keine Sympathie, es war nicht einmal die, die man Neuartigem entgegenbringt und die mit einer gewissen prickelnden Wollust versetzt ist; es war ein unfaßbares Gebundensein an dieses leere Gesicht mit der glatten Stirn, hinter der doch so viel erstaunliches Verständnis für seine Ängste sich entfaltet hatte. Er mochte ihn im Grunde nicht, er war ihm unheimlich, ja seine wie Mäuse umherhuschenden Augen waren ihm ehrlich zuwider, und doch fühlte er, mußte er diesem Manne Rede und Antwort stehen, wann immer er es verlangen würde. Ein Seltsames war noch dabei. Nämlich trotz des flammenden Grüns um ihn herum und all der wachen Laute des Lebens stahl sich mit dem Gedanken an Herrn Sze wieder jener silberne Traum durch sein Hirn wie ein huschender Eindruck von etwas gewaltig Ersehntem, fast Erfüllbarem, dessen gletscherne Kühle sein heißes Herz einst umbettet und beruhigt hatte. Woher dieser Zusammenhang kam, war ihm ein Rätsel, und er dachte auch nicht weiter darüber nach, da er beschloß, sich von jetzt ab der Führung dieses Mannes zu überlassen. Er merkte freilich nicht, daß dieser Entschluß kein selbstgewollter war, sondern – um eine Phrase zu gebrauchen, die Herr Sze später öfters anwandte – von Urzeiten her vorbestimmter.

Sie hatten das Wäldchen wieder durchquert, und auf der Landstraße sprach der Chinese:

»Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Führung. Sie werden von jetzt ab verschont bleiben von dem, womit Sie sich beunruhigt. Sie werden nicht darüber sprechen, daß Sie mich kennengelernt haben. Sie werden nach Hause gehen und weiter leben, wie Sie es gewohnt sind. Und dann, wenn die Zeit reif ist, werden Sie wieder von mir hören.«

Hierauf trennten sie sich.


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