Willy Seidel
Die magische Laterne des Herrn Zinkeisen
Willy Seidel

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Intermezzo

Wir verlieren Herrn Zinkeisen nach dieser Phase seines Daseins aus den Augen. Wir haben erfahren, daß er nach Bangkok fuhr und von da aus in die Heimat. Dann kamen acht Jahre, während deren ein Scherbenberg aufgehäuft wurde aus blechernen Schlagwörtern, vernichteten Werten und zertretenen Existenzen; ein Scherbenberg, der die Aussicht verrammelte und das Gedächtnis schwächte; ein Scherbenberg, über den Herr Zinkeisen mit zäher Geduld hinüberkletterte. Bei dieser zunächst zielbewußten und dann äußerst verdrossen geleisteten Betätigung verlor er seinen Glanz, Stück nach Stück, und landete ziemlich ramponiert auf der anderen Seite.

 

Zunächst erlangte er, schlecht und recht, einen Kellnerposten in einem maßgebenden Hotel einer deutschen Großstadt. Daraufhin ehelichte er ein ziemlich farbloses Mädchen aus kleinbürgerlichen Kreisen.

Im Jahre 1922 war er zum Aufseher avanciert. Waren auch alle anderen Embleme der Macht gefallen, so gefiel er sich jetzt, gleichsam zur Opposition, als Besitzer eines steilen Habybärtchens und bürstenartig geschorenen Haupthaars. Sein Frack saß gut; er bewegte sich mit den früheren exakten Schritten und vergab sich allmählich immer weniger durch Hast oder allzu beflissenen Zusprung. Abends forderte er die Bilanz ein und behob auch sein Gehalt in ständig schwellenden Paketen nagelneuen Papiergeldes. Doch war es ihm schon fast gleichgültig, ob die Anzahl dieser Millionen stimmte.

Dies war nichts das einzige, was ihm gleichgültig wurde. Eins sah er deutlich genug; einen phantastischen Ruin aller Verhältnisse und menschlichen Beziehungen. Wie einer, der vor einem Aquarium steht, vor dem Flossenspiel seltsamer Fische, starrte er in den Strom landfremder Menschen. Wiewohl er sich klar war, daß all diese drittklassigen In- und Ausländer ja nur ihre primitiven Wunschträume erfüllten und dank der Valuta ins Absurde trieben, schlug seine verscheuchte Seele keine Brücke zu ihnen. –

Er litt schweigend. Doch seine Seele suchte.

Suchte nach Menschen. denen er gern diente . . .

 

Die Zeiten entarteten immer mehr. – Seine Brieftasche, bis zum Platzen beansprucht, genügte nicht mehr für sein allabendlich im Büro erhobenes Gehalt. In der Tat: Der Schneider seines Fracks hatte nicht damit gerechnet, daß Reichtum die Taschen sprengen könne, sonst hätte er sie beutelförmig, als Säcke, entworfen. Herr Zinkeisen benötigte zwar noch kein Handköfferchen, aber immerhin schon eine Zigarrenschachtel, um seinen Gewinnst nach Hause zu tragen; und seine Gattin mußte um sechs Uhr aus den Federn gejagt werden, um die Kaufkraft der letzten zwölf Stunden noch auszunutzen.

Manch ein Charakter wäre durch solches Geschehnis erschüttert worden. Aber so, wie man sich im Halbschlaf einem skurrilen Traum mit gelähmter Kritik überläßt, so packte Herr Zinkeisen auch noch diese Narrheit in sein Lebensbild hinein und versuchte das brüchige Gummiband der Erfahrung darum zu schlingen. Einmal, so ahnte er, würde es mit scharfem Knall reißen, und dann würde alles herauspoltern . . .

Es bestand in einigen Köpfen zwar längst die vage Erwartung, daß, wenn nicht ein Wunder geschehe, dem ganzen Papierfasching, dem clownhaft hüpfenden Zahlenzauber, ein wüster Aschermittwoch drohe, der zugleich die Zwangsgesundung bedeute. Es war Herrn Zinkeisen nicht gegeben, mit Tatsachen zu rechnen, die sich aller geschichtlichen Präzedenz höhnisch entzogen. Er malte seine sechs bis neun Nullen mit sklavischer Geduld in die Bilanz und schon die Tätigkeit dieses Nullenschreibens hielt seinen wohlverdienten Schlaf bis in die Morgenstunden hintan, so daß seine flaumigen Backen etwas schrumpften und sein stählerner Blick sich verschleierte. Daß er's aushielt, war das Erbe des hanseatischen Stämmlings und eine gute Portion von Hilflosigkeit und mangelnder Phantasie. Gratulieren wir ihm dazu! Andernfalls wäre er ja auch nur ein kleiner Opportunist ohne Würze; einer von jenen Tausenden, die sich auf der »Achterbahn« der Entwertung besinnungslos hochtragen ließen, um dann plötzlich kopfüber vom Labilen höchst schmerzhaft aufs Stabile zu geraten und dauernd seekrank davon zu werden . . .

– – – Dies war sein Tageslauf: – kurz vor Mittag stand er auf und um zwei Uhr war er im Hotel zur Stelle. Dann lagen elf Stunden vor ihm, während derer er mit verbissener Verantwortung das Verantwortungslose auf sein Flußbett beschränkte, so daß sich selbst das Chaos noch nach Regeln drehte . . .

Kostbare Gäste

Eines Tages im November 23 sah er, daß ein reservierter Tisch in der Ecke der Halle lange über die bestellte Zeit hinaus leer blieb. Er rief Anton, den drallen Liftpagen, der sich gerade rosig und frech als Postillon d'amour Zettelchen schmuggelnd zwischen den nächsten Tischen betätigte, und jagte ihn zu dem fraglichen Zimmer hinauf. Doch da kamen die Erwarteten, ohne den Lift zu benutzen, bereits die von vergoldeter Balustrade gesäumte Haupttreppe herabgeschritten. Der Eindruck dieser Leute auf Herrn Zinkeisen war ein derart ungewohnter, daß er sich in der Folge, zart bemerkt, mindestens seltsam benahm. Er bestand nämlich zum größten Erstaunen des dienstbaren Geistes, dem das Rayon des leeren Tischchens zugeteilt war, auf einer für einen Aufseher völlig ungewohnten persönlichen Bedienung. Nicht bloß, daß er das Tischchen umkreiste und die darauf befindlichen Chrysanthemen zupfend ordnete, nein, er gefiel sich sogar darin, an den Stühlen zu rücken, um den Herrschaften Schutz gegen den grelläugigen Saal zu verschaffen. Er stellte einen unsichtbaren Paravent auf und erklärte damit sein tieferes Interesse. Der Ober, ein Mensch Namens Drechsler, zog sich mit kieferschlaffem Erstaunen zurück und überließ Herrn Zinkeisen das Feld.

Was war der Grund? Nun, diese Leute waren englisch, man sah es ihnen an der Nasenspitze an. Das war an sich nichts Erschütterndes. Aber sie unterschieden sich von anderen dadurch, daß sie offenbar der obersten Schicht angehörten. Sie wirkten deplaciert hier, oder, richtig gesagt, dies ganze Hotel wirkte neben ihnen so. Sie gingen quer durch den Saal, ohne jemanden zu bemerken. Von allen Richtungen mit Blicken beschossen, zuckten sie mit keiner Wimper. Es waren Geschöpfe aus einer anderen Welt; sie hatten den Krieg gewonnen und benahmen sich darnach. Sie schritten dahin in einem Dunst von Reserviertheit, der nichts Irdisches hatte.

Die Dame ging voraus. Sie trug einen schweren rotblonden Haarknoten, von schlichter Diamantspange zusammengehalten. Sie war schlank und wirkte durch Haltung größer als sie war. Ihr schaumweißer Rücken sowie die Brust waren tief ausgeschnitten, so daß der Oberkörper mit den nackt pendelnden Armen frei und beweglich seine Muskeln spielen ließ. Ihre Hände waren bis auf einen großen Saphir an der Rechten ebenfalls nackt. Sie trug ein Kleid aus nachtblauem Chiffon, das den Körper bis über die Hüften hinab mit tiefgelegter Taille knapp umschloß. Von den Lenden, im Gang knisternd geschaukelt, fielen gestärkte Faltenbäusche und endeten knapp über den Schnallenschuhen. Dies wie Schlangenhaut anliegende Kleid umriß die Kontur ihres stolzen Leibes ohne Vertuschung. Wo der Rand des Kleides beim Schreiten vorwärtsgeschleudert wurde, zeigten sich mattgraue Seidenstrümpfe. Die kleine hoffärtige Nase in die Luft gestreckt, die langen Wimpern über dunkelblauen Augen zum Ritz geschlossen, wandelte sie in der Luftlinie mit traumhafter Sicherheit des Hinsteuerns auf das zu, was ihr gehörte, jenes reservierte Tischchen, an dessen Seite wie ein Erzengel Herr Zinkeisen sich in würdiger Devotion postiert.

Nicht genug daran, daß sie schon als Einzelerscheinung blendete: doppelt bestechend hob sie sich noch ab von der Folie des Mannes, der ihr folgte. Es war ein zwei Meter hoher gebräunter Mann mit einem schmalen, eckig vorspringenden Kiefer und ausladendem Hinterkopf, der von brünetten Strähnen, in denen sich graue Fäden zeigten, dünn überkämmt war. Im tropengelben Gesicht bekam das Blau seiner Augen schier etwas Milchig-Helles. Er ging mit zurückgeworfenem Kopf, Hände in den Hosentaschen, schlendernd hinter ihr – seine rechte Schulter. als wolle sie das Milieu ablehnen, war dabei in die Höhe gezogen. Zwei schwarze Perlen zierten seinen Hemdeinsatz; die Welt war augenscheinlich zu herabgesetzten Preisen für ihn käuflich.

Beide wirkten nicht unbescheiden, sondern gleichsam gottgewollt. Jedenfalls stachen sie ab, auf so naiv selbstverständliche Art, daß sich in ihrem Kielwasser kein Tuscheln erhob, sondern es entstand nur ein kleines Schweigen. Dies Schweigen war selbst unter der Balalaika-Musik des Orchesters spürbar. Herr Zinkeisen verbeugte sich militärisch und wies die Plätze an. Die beiden setzten sich. Der Engländer ließ ein Grunzen hören, einen Mittellaut zwischen Resignation hinsichtlich des Milieus und Erwartung, und bestellte sich alsdann mit zweieinhalb Worten das Menu. Hierauf vertieften sich beide in das Studium der Weinkarte, und Herr Zinkeisen beugte sich mit deutendem Finger diskret über die linke Schulter der Frau. Bei dieser Gelegenheit stieg ihm ein flüchtiges Parfüm entgegen, das seinen ganzen Menschen durchrieselte, – er empfand es noch nicht bewußt. Noch war er viel zu beschäftigt damit, die kostbaren Gäste nach Gebühr zu würdigen . . .

Die Dame brauchte einige Zeit, um den richtigen Rotwein zu finden. Zwischendurch konnten also Herrn Zinkeisens Blicke nicht umhin, leicht abzuschweifen und sich in Gegenden zu verlieren, die nicht unbedingt auf der Tagesordnung standen. Zunächst waren diese Schulterblätter und die Mulde des Rückgrats sehr bemerkenswert. Mit Anstrengung richtete er sich auf und ließ ein Räuspern in sich verklingen, das den Zweck hatte, ihn zu festigen. Ihm war zumute, als stehe er im Museum, nur durch dünnes Glas von Kostbarkeiten getrennt; doch Kontrolle ist bedrohlich in der Nähe . . . Nun, dürfen dann nicht wenigstens Blicke rauben? Solche kletterten mit äußerster Behutsamkeit über die Schultern in die Brust der Dame und verweilten eine Viertelminute länger darin, als Herr Zinkeisen es vor seiner Position verantworten durfte. Er sah zwei apfelrunde Brüste, leider nicht völlig überblickbar, jedoch unschwer einzufügen in das, was ihm wie lähmend süßer Gesamteindruck übrigblieb. Er überhörte beinahe, daß die Dame nunmehr ihre Wahl getroffen; übersah fast, daß der Finger mit dem Saphir bereits herrisch auf eine Marke tippte. Unmerklich fuhr er zusammen und sagte: »Yes, Madame, No. 73«, wobei er sich umwandte und wieder mit Adlerblicken nach dem kieferschlaffen Menschen Namens Drechsler spähte, der aus der Entfernung die Gruppe dumm beglotzte. Die Kreatur eilte herbei und nahm die Bestellung entgegen.

Aber der lange Engländer hatte währenddessen nicht geschlafen. Herr Zinkeisen fühlte einen offenen und unverbindlichen Blick auf sich geheftet. Er verbeugte sich und trat zurück. Er blickte in den Saal. Die ganze Aussicht wurde zum Karussell, worin sich schreiende Farben wie flutende Bänder verschwisterten und nach dem Takt der entfesselten Zigeunermusik rhythmische Wellen schlugen. Dies war ein kleiner Schwindelanfall. Vielleicht kam es von der Schlaflosigkeit der letzten Nächte. Er mußte dieser Anwandlungen Herr werden; mit dem scheuen Pirschgang seiner Blicke sollte es, durfte es ja nichts zu tun haben.

Der Abend rauschte weiter. Immer gelöster klang das Brausen der Völkerscharen aus den Pufferstaaten und aus Neutralien. Einige Paare hatten auf dem freien Raum vor dem Orchester, aneinandergeklebt, bereits zu tanzen begonnen. Doch über all der kreischenden Lustbarkeit und diesem haltlosen Wälzen in Devisen und teurem Alkohol schwebte wie eine wütende Donnerwolke eine schwüle Faust. Herr Zinkeisen hätte sich keinen Moment gewundert, wenn die ganze Lüsterpracht der Decke langsam herabgesackt, wenn alle Spiegel plötzlich erblindet wären. So stark empfand er das kranke Europa. – Über den beiden, die hinter seinem Rücken gemessen plaudernd tafelten, hätte das Verhängnis Halt gemacht. Auch hätte er sie mit eigenem Leibe geschützt, fühlte er doch, daß das Einzige, woran man sich noch klammern konnte, mit diesem Paar zusammenhing. Mit dem schmalen eckigen Kinn des Mannes. Mit den nackten Schultern der Frau. Es war Haltung, es war etwas von jeher dumpf Bewundertes; und die leuchtenden Schultern, straff emporgezogen, mußten gleich den ehernen jenes mythischen Riesen den Niederbruch des Bestehenden spielerisch stützen können.

Gott weiß, was für Gedanken ihm sonst noch kamen. Es gab keine sichtbare Brücke von ihm zu jenen; aber das Gefühl der Kameradschaft auf irgendeiner Ebene war so groß, daß er es kaum über sich gewann, seine sonstigen Pflichten auszuüben. Den eigenen Untergebenen beneidete er jetzt darum, daß dieser die Herrschaften unablässig bedienen durfte. Er ärgerte sich in die Seele des Engländers hinein, wenn der schwarze pockennarbige Mensch an aufdringlicher Servilität des Guten zuviel tat. Wenn dessen Englisch versagte, ergriff er hastig die Gelegenheit, einzuspringen. Dies verschaffte ihm wieder einen Hauch des Parfüms, einen Blick, einen Laut der leicht geschürzten Lippen. So vertrat er den anderen, so oft es sich ohne Auffälligkeit machen ließ, und als die zwei sich erhoben, ging er ihnen voran und schuf ihnen eine Gasse. Gemessen verbeugte er sich an der Treppe. Dann, als er sie im Lift wußte, spürte er eine seltsame Schwäche in den Knien. Mit sinnlos emporgedrehten Augen starrte er noch eine Weile in den Schacht hinauf, wo die kostbare Fracht in die Höhe entschwand . . . Zum erstenmal erfaßte ihn ein unbezwingbarer Ekel und eine derbe Unlust darüber, zurückkehren zu müssen.

Gesicht der Zeit

Bevor er sich an diesem Abend auf den Heimweg machte, tat er etwas, was ganz gegen seine Gewohnheit war. Er ging in die Bar des Hotels und erstand sich von dem erstaunten Barkeep, der gerade seine Schränkchen schloß und seine Mixbecher ausschwenkte, eine Flasche vollwertigen schottischen Whiskys, für den er ohne Wimpernzucken nach oberflächlichster Zählung, einen Packen Papiergeld auf die Kredenz warf. Er versenkte die Flasche in seinem Ulster und machte dem Büro noch den gewohnten Besuch. Mechanisch nahm er Tagesgehalt und Bilanzheft in Empfang und ging dann zu Fuß hinaus.

Eine lange Kette staute sich auf dem regenbenetzten Asphalt, der die letzte abgedämpfte Helle des Hotels verschwommen zurückwarf. Ein feiner Rieselregen hing seine Perlenschnüre vor die Bogenlampen. Der Platz, umsäumt von Spekulationsbauten, die wie Pilze aus dem Boden geschossen schienen, schimmerte noch in dumpfem Licht, als habe sich der ganze Lebenstrieb der Großstadt an dieser Stelle eingenistet. Im übrigen lagen die Straßenschluchten kellerhaft spärlich beleuchtet. Die Stadt gemahnte an den eingegrabenen Leib eines Fakirs, auf dessen Scheitel an einer winzigen Stelle die Vitalität als matter Puls fortbesteht. In würdige alte Fassaden hatte sich die Krankheit der Zeit eingefressen als billig blaßblauer und rosa Stuckbewurf, schon im Entstehen schimmelnd, über gestrigen Kinos und Tanzdielen. Aus muffigen Lokalen drang noch der zirpende Geigenlaut träger Genußsucht.

Der Regen störte Herrn Zinkeisen heute nicht, ebensowenig die Entfernung, die er zu Fuß zurückzulegen gedachte. Ihm war, als werde er mächtiger an einen Entschluß hingedrängt . . . Dieser Entschluß, fast geburtsfertig ausgetragen, regte sich bereits im gewölbten Bauch der Flasche, die er im Mantel trug. Der ganze Rest seines Temperamentes, über das er noch verfügte. würde gleichzeitig herausgelockt werden und vielmehr noch unendlich viel mehr . . . Der Zaubertrank wird heute nacht halberloschene und niedergepflügte Jahre wieder lebendig machen; keimhaft regt sich darin schon das Kaleidoskop von früher, so wie man chinesische Blnmenschnittchen ins Wasser wirft, die sich unerwartet bunt entfalten.

Sein Leben war ja so kahl wie dieser Asphalt, den das kalkweiße Licht ärmlicher Bogenflammen bestreute, in so weiten Abständen, daß dazwischen immer wieder ein Tasten durch beklemmendes Dunkel daraus wurde. – Wie lange er so ging, wußte er nicht. Er schritt in einer schwebenden Sicherheit dahin, sich aus dem Gefängnis loslösen zu können, nach Bedarf, nach Laune, vielleicht mit einem brutalen Ruck . . . War dies nicht alles Gefängnis und Kerkerzelle? Das Hotel nicht nur, sondern auch diese Häuserzeilen? Diese kahle und schmutzige Pracht, der das Blut entzogen war?

Schlecht gekleidete Kokotten streiften ihn und blickten ihm mit ihren Gesichtern wie mit verwischten Flecken nach. Kokainheisere Stimmen lockten ihn an jeder Straßenecke. Auch junge Burschen boten sich ihm an. Er bemerkte sie erst, als aufglimmende Zigaretten an einer grauen Hauswand ihre jungen zerfallenen Züge glühwurmhaft beleuchteten; – gleich waren sie wieder mit dem Elend verschmolzen und mit dem Rieselregen der Mitternacht . . . Dies war nun Deutschland.

Der Horizont im Weizengeist

Nach einer Stunde erreichte er das Haus, in dessen viertem Stock er zwei Zimmer bewohnte. Er fand sich plötzlich vor der Tür, ohne genau zu wissen, wie er hinaufgelangt war, und dann in der Wohnstube, deren Tür nach dem Schlafzimmer offenstand. Er knipste die grüne Tischlampe an und enthüllte damit ein Milieu, das sich in dieser Gegend tausendfach wiederholte. Ärmlich war es nicht, beileibe nein, denn Herr Zinkeisen war nicht umsonst ein leidlich gut bezahlter Herr. Er hatte es mit dem ehrlichen Willen gekauft, ein Heim zu schaffen . . .

Er setzte sich noch nicht an den Tisch, sondern grub erst alles aus seinem Mantel hervor, Geld, Heft und Flasche. Darauf zog er seinen tadellos geschnittenen Frack, seine Hosen und alle Hotelwürde aus; hängte sie mechanisch sorgsam im Wandschrank über die Kleiderhaken und bekleidete sich mit seinen verwaschenen Pyjamas. Die Lackschuhe stellte er parallel an das gewohnte Plätzchen und tat dafür ein Paar alte Filzpantoffeln an. Hierauf schnaufte er ganz gewaltig auf, ohne sich viel Mühe zu geben, das Geräusch seiner Erleichterung zu dämpfen . . .

Er wußte genau, daß diese Vorbereitungen von seiner Frau so völlig überhört wurden wie Fliegensummen. Es war die Routine von Jahren. Neu war heute einzig eine Expedition in die Küche, wo er sich Selterswasser und Glas holte. Er trank sonst nie vor dem Schlafengehen. Heute aber tat er's, und verwunderte sich nicht einmal.

Er schlug das Heft auf und malte mit verbissener Gründlichkeit wie immer seine sechs bis neun Nullen. Auf einmal jedoch war es, als werde sein Kopf in eine andere Richtung gelenkt. Die schreibende Hand erlahmte, und sein Blick bohrte sich in das schwarze Rechteck der Schlafzimmertür. Der Bleistift entfiel den Fingern, und eine Weile saß er wie aus Holz geschnitzt.

Die beklommene Brust drängte sich schweratmend an die Tischkante. Als falle es ihm erst jetzt ein, kehrte sein Blick zur Flasche zurück und zu der Aufschrift der Etikette: »Purveyors to His Majesty.« –

Die Worte entlockten ihm ein irres Lächeln.

Es wird da ein Trank gebraut, irgendwo auf der Welt, den sich ein König, oho, ein veritabler König für seine Tafel bestellt! Sie gestatten, Sire, daß ich mir das für Ihren Privatgebrauch vorgesehene Getränk selber gönne, sozusagen hinter Ihrem Rücken!

Er gluckste vor sich hin und strich sich mit der Hand übers Knie. Dann füllte er das Glas zu einem Drittel mit dem bernsteinfarbenen Weizengeist und tat den Sprudel hinzu. Es moussierte wie Champagner. – »Etwas habe ich noch vergessen,« formten seine Lippen lautlos, »wesentlich, sehr wesentlich; es muß doch alles harmonieren; wir machen jetzt eine kleine Totenfeier für ein begrabenes Dezennium, das einmal zu leben sich verlohnte!« – Damit holte er sich aus den Tiefen des Kleiderschrankes eine runde Blechbüchse mit handlichem Deckelöffner, schnitt sie auf und sog den Duft der Capstan-Zigaretten ein. Es roch wie Sand und Honig.

Süßer Qualm steigt auf . . . Und nun sind die Straßenzüge da, von grellstem Leben überbrandet; gezackte Pisangblätter . . . Rollen von Rikschas . . . lehmgrüne Kanäle . . . ziegelrote Erde . . . Weißgekleidete Menschheit bewegt sich durch Schattenbänder, und über seinem Scheitel hängt eine senkrechte, eine ganz andere Sonne. Oh, dieser Geruch, der hinter Suez beginnt und in Australien endet!

Er trank das Glas mit vier Zügen leer und setzte es dann energisch auf den Tisch zurück. Dieser Knall hörte sich an, wie eine Herausforderung an alles, was ihn umgab; in dem Blick, den er den Möbeln schenkte, lag etwas kritisch und boshaft Abschätzendes. Genau konnte er sich's nicht klarmachen, was ihn an dem gehäkelten Überzug des Sofas dort und an jenen Öldrucken eigentlich störte. War es der gänzliche Mangel an Handwerkertum, was ihn erboste? Die Dutzendware, ausgespien von dieser seelenlosen Zeit, hatte sie ihm nicht selbst den Stempel aufgedrückt? Es gab einmal ein Individuum, gab freies Menschentum . . . Wie lange ist es her? Das lag vor dem Scherbenberg.

Sein Gesicht bekam etwas Verfallenes, seine Augen suchten und suchten. Nichts war da, gar nichts; und es grauste Herrn Zinkeisen auf einmal ganz bedenklich. Gegen dies plötzliche Unvermögen, Behaglichkeit zu empfinden, half nur ein zweites und ein drittes Glas. Seine Augen tränten, sein Puls klopfte beschleunigt. Da war sie wieder, die Engländerin: nackte Schultern und Arme, schlanke Schenkel, hoffärtige Brüste und herrisch geschürzte Lippen . . . Das ist nun der Feind, dachte er stier. Doch warum ist es eigentlich der Feind? Es ist das einzig Denkbare. Es ist Herrentum; und wenn man es selbst nicht leben kann, so will man es wenigstens anerkennen dürfen. Wenn man aber selbst dies nicht darf?

Ich verstehe euch ja so gut! Ich verstehe euch ja aus eurem eigenen Leben heraus! Ich müßte einer der Euren sein, wenn auch nicht auf gleichem Niveau, so doch irgendwie bescheiden beglaubigt! Denn das, was man jetzt hier treibt und tut, hat nichts mehr mit Menschentum zu tun! – Mit einem kaum unterdrückten ächzenden Aufschrei fegte er das Heft zu Boden und die Geldscheine hinterdrein, so daß sie das Zimmer wie Schneegestöber füllten. Dann schloß er beide Fäuste und brütete weiter.

– – – Nach fünf Minuten tödlicher Stille hörte er, wie sich ein Körper im Nebenzimmer im Bett herumwarf. Dies weckte ihn aus der Apathie. Mit lahmen Schritten ging er auf das schwarze Rechteck der Tür zu. Ein leises Gähnen war hörbar, gänzlich verschlafen, das sogleich wieder zu tiefem fauchendem Atem wurde. Er setzte sich im Dunkeln auf den Rand des eigenen Bettes, dem ihren gegenüber. Die schwache Beleuchtung aus dem Wohnzimmer ermöglichte es ihm, Umrisse zu sehen. Er erkannte ihren Kopf und den einen Arm, der halb aus dem Bett heraushing. In der Stube herrschte ein Geruch nach Leinöl und stagnierendem Küchendunst. Auf der schwarzen Fläche der Finsternis entstand wieder das Bild der strahlenden Schultern. Doch diesmal erweiterte es sich und wurde zum Leib, dessen herrischer Umriß sich in sein Hirn einätzte. Es war nicht eigentlich dieser schlanke Leib selbst, der ihn beunruhigte, sondern die Geste, mit der das Bild sich auftat: die Unnahbarkeit. Lichtjahre entfernt kreiste es, unbekümmert um sein winziges und fragwürdiges Dasein.

Doch lag eine seltsame Wollust in der Vorstellung solcher Unerlangbarkeit. Er wußte, dies Gefühl würde ihn mit der Zeit auffressen. Neid war das auf eine ganze Rasse von Menschen, deren Eitelkeitsbarriere es ihm selbst noch verwehren wollte, ihnen zu dienen . . .

Nach einer langen Pause Grübelns drehte er das Nachttischlämpchen an und streckte sich aus. Das soeben geschaute Bild wollte nicht verblassen. Er brachte es kaum über sich, die Augen nach dem anderen Bett hinüberzuwenden. Als er es dennoch tat, sah er, daß sie fest schlief mit jenem törichten Ausdruck, den Schlafende oft zeigen.

Dumm kam sie ihm vor, sklavisch und unterdrückt; ein an die Wand gehetztes Gewohnheitstier, das ermüdenden Käfigtrott im Schlaf vergaß.

Sie träumte nicht einmal. Sie pustete nur ihre Atemzüge in die muffige Luft, und hinter der niederen Stirn unter dem zerzausten Haarbusch regte sich nicht der Schatten einer Vorstellung. Sie war weiß Gott kein Geschöpf, das einen Mann ermuntern konnte, sein Bestes herzugeben! Nein, die kleinste Scheidemünze seiner Persönlichkeit, die er ihr hingeworfen, war gerade noch gut genug für sie!

– – – Lang noch ruhte sein Blick voll grimmer Lieblosigkeit auf ihrem törichten Gesicht. Er empfand es in diesem Moment als durchaus möglich, nicht bloß diesen Körper in endlose Distanz zu schieben, sondern auch alles, was mit ihrem tanzmausähnlichen Dasein zusammenhing. Ha, man mußte dort anknüpfen können, wo dies noch nicht begonnen hatte . . . So, als habe man sich kurz niedergelegt, sei nach schwerer Mahlzeit eingenickt und habe in einem kurzen Albdruck, der einem neun Jahre voll beklemmender Selbsterniedrigung vorspiegelte, konzentriert Liederliches geträumt, und nun erwache man mit einem Ruck. So wäre es gut.

Seine Blicke wurden mehr als lieblos. Abscheu nahm ihnen allmählich jeden Funken von biederer Wärme. Da half nur eins: Finsternis und Vergessen. Er knipste das Lämpchen aus. Ein Loch fraß jetzt alles, vielleicht verschwand es nun und war nie gewesen . . .

Nun begann es wieder: leuchtendes Grün, weißgekleidete Menschen in Schattenbändern, Großzügigkeit, Geld und Teilhaberschaft am Luxus der Erde . . . Es drehte sich langsam als Panorama und flammte . . . Eine Gestalt entpuppte sich, greifbar nah, die ihn mit weichem Spiel der Schulterblätter zwang, ihr blind zu folgen . . . Ein schaumweißer Leib, herrschsüchtig noch in der Demut der Hingabe, wölbte sich ihm entgegen und stieß ihn von sich: halb fordernd, halb sich versagend. Seine Arme griffen zu: da strafften sich diese apfelrunden Brüste und wurden fühlloser Stein . . .

Zinkeisen macht sonderbare Sachen

Am nächsten Tag, im Hotel, fiel sein Aussehen auf. Seine Stimme, sonst knapp und energisch, hatte einen zerborstenen Ton. Nachdem er den verwunderten Fragen der Gattin ein steinernes Gesicht entgegengesetzt, hatte er sie fassungslos unter dem zerstreuten Papiergeld zurückgelassen. Bei der Bilanz, die er gleichgültig noch am Morgen gefertigt, waren ihm Fehler untergelaufen. Vom jovialen Buchhalter darauf aufmerksam gemacht, entschuldigte er sich mit Kopfweh – wie? – einem leichten Fieberanfall vielleicht . . .

»Was ist das Sch . . . geld schon wert?« murmelte er. »Ein paar Millionen hin und her! Du lieber Gott!«

»Was mich betrifft,« grinste der Buchhalter, »können wir ruhig zu Billionen gedeihen. Aber, Zinkeisen, Sie verdienen eine Aufbesserung. Machen Sie's doch so wie ich!« – Hierauf zog er eine Schublade halb auf, die bis zum Rand mit Devisen gefüllt war. – »Decken Sie sich ein! Der Weizen kann noch lange blühen, und so rechnet es sich leichter!«

»Wegen der paar tausend Mark, die da drin liegen, echauffiere ich mich nicht«, sagte Herr Zinkeisen streng. »Bald kommt die Zeit, wo das alles bloß wieder ein Taschengeld ist. Das ist zu jämmerlich! Soll man auch noch sparen, was?«

»Das ist Ihr Standpunkt«, meinte der andere plötzlich geschäftig. Eine leichte Portweinfarbe stieg in sein Gesicht. »Ich will Sie nicht mit der Nase auf Ihr Glück stoßen. Wo selbst der kleinste Liftjunge hamstert, geht Ihr Anstand, oder wie Sie das nennen wollen, ein wenig zu weit. Diese Großbetrüger, diese Papiermühlenbesitzer verdienen es doch bloß, daß man ihnen Konkurrenz macht.« Vor Erregung schluckte er mehrmals hinunter. »Ich empfinde ja selbst, daß es eine Schweinerei ist. Aber was will man machen; wir sitzen alle in der Tinte.«

Hier kam Haltung in Herrn Zinkeisen. Er sagte mit schmetterndem Akzent: »Und in der Tinte bleiben Sie, Herr Brecht. Ob ich drin bleibe, ist noch nicht gesagt.« Und er wandte sich zum Gehen.

»Was wollen Sie denn machen?« rief ihm die fettige Stimme sarkastisch nach. »Haben Sie schon das Visum nach Amerika in der Tasche?? Feiner Empfang, der Ihnen da blühen wird. Wissen Sie denn noch nicht, daß wir das Geschmeiß sind in aller Welt? Und wo wollen Sie sich denn noch Haltung pumpen, außer hier?«

Die Tür zum Büro stand offen. Herr Brecht hatte seine Stimme gegen Schluß etwas gesteigert. Das durch die Drehtür strömende ausländische Publikum vernahm zweifellos noch die Endsilben seiner prächtigen Bemerkungen. Manche begriffen's, manche nicht. Im übrigen war es ja auch belanglos. Aber in Herrn Zinkeisen entstand das Gefühl, als ob etwas in ihm um eine Etage tiefer sackte. Schöner kann man sich nicht prostituieren, dachte er, während er in steifer Haltung langsam durch das Vestibül schritt. ›So weit sind wir nun, hurra!‹ Eine Art Verschmitztheit packte ihn plötzlich. Er krempelte sich innerlich die Hemdärmel auf. ›Na, denn man zu! Wozu denn auch die dumme Verstellung! Was soll man noch mit einer Würde protzen, die längst hinuntergeschwemmt ist, wie schlechter Stuck von gestern!‹ In sein Hirn, wie Kautschuk, schnellte immer wieder dieselbe zähe Vorstellung zurück: ›Da hat dieser Mensch ein paar hundert Pfund, und benutzt sie noch nicht einmal, um durchzubrennen . . .‹ Das Bild seines Heims verfolgte ihn wie ein Kobold. Er kniff die Augen zusammen, wie um es nicht sehen zu müssen, und genehmigte sich wieder ganz gegen seine sonstige Gewohnheit in der Bar ein scharfes Getränk . . . Das machte das Kopfweh, verstehen Sie? – Ein leichter Fieberanfall vielleicht . . .

An dem heutigen Abend kostete es ihn noch größere Mühe, so zu tun, als sei sein Interesse an den englischen Herrschaften rein funktionell. Der pockennarbige Ober wurde mit leichter Handbewegung wieder aus dem Bannkreis des Tischchens entfernt. Er versorgte ja ohnedies noch vier andere Tische . . . Herr Zinkeisen hatte das Feld für sich. Dies wäre (in Anbetracht der erwähnten gottgewollten Ausnahmestellung dieser Gäste) nicht aufgefallen, wenn Herr Zinkeisen für Kenner seines sonstigen Gehabens des Guten nicht ein wenig zu viel getan hätte. Aus der Weinbestellung wurde eine geflüsterte Konferenz. Die Wahl des Menus verstieg sich in höhere Politik. Sein Englisch, in letzter Stunde frisch memoriert, hinlänglich abgeschliffen, erstrahlte in bescheidenem Glanz. Selbst kleine Kürzungen brachte er an, die er irgendwann einmal als schick empfunden. Er gebrauchte von dem Sekt den Ausdruck »topping«, oder »ripping«, oder was solcher sportlichen Wendungen mehr waren.

Die Dame lachte amüsiert. Es war ein kindliches, glockenreines Lachen, das ihre Schultern beben machte. Sie betrachtete sich Herrn Zinkeisen, wie man eine Sehenswürdigkeit zu Notiz nimmt. Dies war ein Mann, der den Jargon eines englischen Dieners im Munde führte und dessen Format dennoch so was Erdrückendes hatte. Alte, tuschelnde, vertrocknete Diplomaten war sie gewöhnt, die sich stuhlrückend und einschmeichelnd sanft, im übrigen stumm wie Fische um sie bewegten . . . Sei es in ihrem Heim, wo sie schwarze Velourfräcke mit leise knirschenden Kniehosen trugen, oder sei es in helvetischen oder französischen Hotels, wo sie sozusagen nur symbolisch vorhanden waren als Bestandteil des Milieus. Doch daß sich ein stämmiger Niedersachse mit treuherzigem Feldherrnblick diesen gesäuselten Ton leistete, fiel ihr als drollig auf und stimmte sie leicht albern. Ein ebenso starker Anreiz zum Humor war ihr in diesem Zusammenhang der korrekte Ernst ihres Gemahls. Sie wurde blendender Laune, sie schmunzelte Herrn Zinkeisen sogar diskret ein wenig zu. Das Moiréband auf einer Schulter glitt ein paar Zentimeter herab; das kam von verschlucktem Beifall, und sie tat gar nichts, um das kleine Derangement an ihrer Toilette richtigzustellen. Die Bedienung hatte vorläufig, abgeschlossen durch drei angedeutete Bücklinge und ganz leichtem Klappen der Lackschuhe aneinander ihr Ende erreicht, und Herr Zinkeisen zog sich mit der fröhlichen Verheißung zurück, daß er persönlich in der Küche noch nach dem Rechten sehen werde. Sein Gesicht war etwas gerötet, als habe er eine Gewissensfrage in Ordnung gebracht.

Der Engländer schickte einen grauen Blick hinter ihm her und bemerkte dann mit leblosen Lippen und stärker vorgeschobenem Oberkiefer etwas von »Zudringlichkeit«. Diese Bemerkung wurde von der jungen Dame durch silberhelles Lachen entgiftet. Er sei humorlos; sie finde den Mann ganz originell. Auch sei man hier schließlich auf dem Kontinent, und sie sei froh, von einem Untergebenen endlich einmal ernst genommen zu werden. Ihren Butler zu Hause wage sie nicht derart scharf zu beschäftigen; flugs müsse sie dann Angst haben vor seiner gekränkten Onkelmiene. Er solle nicht immer den langweiligen Tory mit sich herumschleppen. Trotz Indien sei die Welt doch noch bunter, Gott sei Dank, als sie sich in seinem schmalen Schädel male.

Diese Predigt amüsierte den Engländer nun gewaltig, und er bog sich mit abgehacktem, kurzem Lachen in den Stuhl zurück. Es war sein Klubgelächter, und sie liebte es an ihm. Was sie denke! Er verstehe doch, Teufel ja, eine Masse Spaß. Man müsse sich anpassen; sie habe recht! – Worauf sie sagte, daß es sehr tolerant von ihm wäre, ihren Standpunkt zu teilen. Hierauf steckten sie die Köpfe zusammen und prusteten sich wie zwei große Kinder ins Gesicht. Mit Mühe beherrscht, blinzelten sie sich die Augen nach einem Schluck Champagner wieder blank. Diese Heiterkeit ging nicht nur auf Kosten Herrn Zinkeisens, dessen rotgesichtige Geschäftigkeit wieder im Saale spürbar wurde, sondern auch auf Kosten dieser ganzen hemmungslos schlemmenden Menschheit ohne Rasse. Ihr Gelächter war spurlos in der Musik untergegangen.

Nun erschien Herr Zinkeisen und sagte mit einem Senkblick auf die Dame: »Es ist alles in bester Ordnung! Alles schon unterwegs!« – Dann postierte er sich etwa zwei Meter entfernt wieder in scheinbar unbeteiligter Aufseherhaltung neben den Tisch. Er versäumte nicht, kurze Ausflüge zu anderen minderwertigeren Herrschaften zu machen; doch nie entfernte er sich so weit, daß er nicht durch ein leichtes Wort wieder zurückgelotst werden konnte. Bei dem englischen Paar, das bester Laune schien, wurde der Wunsch nach einer zweiten Flasche Sekt lebendig. Das Zugehörigkeitsgefühl zu seinem Lieblingstisch wurde in Herrn Zinkeisen immer stärker. Auch blieben die drei Cocktails, die sich Herr Zinkeisen genehmigt, nicht ohne Wirkung: sie waren wie Benzin auf glimmendem Zunder. Er riskierte eine leichte Verbeugung, eine kleine Schelmerei: »Wir wollen es«, sprach er flüssig, »heute einmal auf eine Nacht ankommen lassen, was?« – Worauf die Dame mit einer Stimme, die von verschlucktem Lachen bebte, ihm recht gab und der Herr ihn einen verschmitzten alten Sünder nannte. Beschwingten Schrittes eilte er dem Kellner entgegen, den er ausgesandt, entraffte ihm die Flasche eigenhändig, entkorkte sie mit neckischen Gebärden und schenkte ein. Bei dieser Gelegenheit, ein boshafter Gott mochte wissen wie, benahm er sich ungeschickt. Vielleicht kam ihm blitzartig zum Bewußtsein, daß es mit der »Zugehörigkeit« doch eine eigene Bewandtnis habe . . . Jedenfalls zitterte seine Hand und der Sekt spritzte abseits, ja, einige Tropfen verirrten sich in den Busen der Dame. – Ein drohender Unterkiefer schob sich plötzlich wieder vor, und die Eingefrorenheit war da, das erkältende Moment. Die Dame sagte lediglich: »Eine Dusche . . .« – während von der anderen Seite her scheinbar von Turmeshöhe eine rostige Stimme laut wurde: »Nehmen Sie sich doch zusammen!« Der schwarzhaarige Kellner sprang sofort ein, der nicht umsonst von Neugier geplagt auf der Lauer gelegen hatte, und nahm Herrn Zinkeisen den Rest der beschämenden Beschäftigung ab. Diesem fuhr das Wort des Engländers wie eine kalte Nadel durchs Hirn. Schmerzhafte Verschiebungen geschahen in seinem Innern. Er raffte alle noch vorhandene Würde zusammen, trat erblassend vom Schauplatz und tat die halbe Stunde, da die Herrschaften noch speisten, nichts mehr dergleichen oder vielmehr nur das Nötigste.

Das Ausland gibt Audienz

So kam es auch, daß Herr Zinkeisen fast erschrak, als der kleine Hallenpage nach dem Aufbruch der Engländer erschien und ihn ins Rauchzimmer hinüberbat. –

Dort sitze ein Herr, der ihn zu sprechen wünsche.

Gemessen nahm der Aufseher den Auftrag in Empfang und wanderte durch das Hotel, langsam hier und da kurzes Kopfnicken spendend . . . Wollte er sich das Rückgrat stärken durch einen zeremoniellen Abzug?

Im Rauchzimmer saß der Engländer allein in einem geräumigen Ledersessel, und es traf sich so, daß zufällig niemand zugegen war. Mit leicht militärischem Schritt näherte sich Herr Zinkeisen; wozu wurde er benötigt? Hing es etwa mit der kleinen Ungeschicklichkeit von vorhin zusammen? – Aber dies war doch ganz offensichtlich eine Lappalie, die von Herrenmenschen nicht aufgebauscht zu werden verdiente!

»Sie wünschen?« fragte er. – Der Engländer antwortete nicht sofort. Er starrte nur zu ihm herüber. Es war aber keine Indignation in diesem Blick, sondern eher große Nachdenklichkeit, so als sei die sich nähernde Person aus Glas und als betrachte er durch sie hindurch aufmerksam einen Gegenstand hinter ihr an der Stuckdecke oder sonstwo . . . Plötzlich fuhr er sich mit der tropengelben Hand, an der ein großer, aus Karneol geschnittener Siegelring saß, über die schmale Stirn . . . Und endlich fragte er: »Ihr Name ist Zinkeisen?«

»Zu dienen, mein Herr.«

»Scheußliches Wetter im Vaterland, was?«

Herr Zinkeisen war verwirrt. Er erwiderte bieder und zurückhaltend:

»In jeder Beziehung, mein Herr. – Sie beobachten scharf.« – (Die Unterredung vollzog sich in flüssigem Gebrauchs-Englisch.) – Die hagere Figur steifte sich, so daß sie die Lehne nicht mehr berührte, und zog die in die Gegend vorgestreckten Füße mehr nach der Kante des Sessels hin. Der Rauch einer süßlichen Zigarette stieg kaum gewellt aus den Mundwinkeln des Engländers empor; während er redete, geriet der Qualmfaden nur in sanftes Schwanken, so äußerst lippenfaul kamen seine Worte:

»Sie haben heute einen kleinen genehmigt, was? – Kann man verstehen; muß ja auch scheußlich sein, den Betrieb zu sehen bei dieser verrückten Valuta . . .«

»Yes, Sir. – Es ist kein schönes Leben.«

»Großer Gott, wenn ich in Ihrer Haut steckte, ich läge wahrscheinlich den ganzen Tag glorreich betrunken unter dem Tisch, verstehen Sie? – Und ich würde keinen Finger rühren, um diesen Gaunern zu helfen.«

»Ich muß existieren, mein Herr.«

»Wenn man aber fühlt, daß man nicht am Platze ist . . . Kommt mir vor, als durchschauten Sie den Betrieb . . . Muß doch eine Sorte von Hölle sein für einen anständigen Kerl . . .«

»Sehr richtig, mein Herr. Die Neuigkeit Ihrer Auffassung hat etwas Frappierendes.« – Herr Zinkeisen leistete sich diesen kleinen Sarkasmus. Es war ihm alles gleichgültig geworden. Er fühlte fast schon das Bedürfnis, alles in sich aufzureißen und sämtliche Schubladen hervorzuziehen, die gehäuft voll lagen von Nieten des Lebens.

»Ja, mein Herr,« sagte er fast drohend und trat einen Schritt näher, »wir sind sehr ins Hintertreffen geraten. Wir haben diesen Krieg verloren, aber wir haben es nicht nur als Volk auszubaden. Jeder einzelne muß blutig bezahlen. Es gibt sogar Landsleute, die dabei fett werden und prosperieren. Es gibt aber auch Menschen, denen die ganze Würde wankt. Ich bin ein einfacher Mensch. Ich habe mich mißbrauchen lassen in gutem Glauben. Hinschmeißen hätte man es sollen, rechtzeitig hinschmeißen. Aber was wollen Sie, wenn die Panzerfaust im Nacken sitzt?« – Sein Gesicht wurde fleckig, seine Lippen zitterten, seine Haltung war gelöst. – »Und ich kenne doch die Welt. – Ich bin herumgekommen. – Unsere Presse hat uns belogen, wir sind auch wohl einmal mit Hurra durch dick und dünn gegangen wie Ihre Tommies. Ein paar Wochen, nun ja, bis man Bescheid wußte, ein paar Monate, bis man Routine daraus machte und gar nicht mehr nachdachte . . . ›Das ist nun so eine Auseinandersetzung in großem Stil‹, bildete man sich ein, ›und darunter geht das Verständnis weiter‹, – verstehen Sie – ›von Mensch zu Mensch.‹ – Daran hat sich ja gar nichts geändert, mein Herr, an solchem Verständnis; nur die Politik und die Presse haben so jämmerlich gehaust.« – Er wurde immer erregter, er wanderte mit kurzen, exakten Schritten auf dem Teppich hin und her; zuweilen dämpfte er seine Stimme, wenn Menschen die Halle durchquerten; er tat die Maske an und nahm sie wieder ab . . .

Der Engländer starrte ins Leere an die Stuckdecke. Herr Zinkeisen brachte noch manches hervor. Der angedämmte Strom, die Bitternis von Jahren wollte sich nicht ohne weiteres lösen. Bruchstückweise kam es, wie sein Hirn es ihm zuspülte. Doch hatte das Bekenntnis das Gepräge der Echtheit.

»Wo will man hinfassen«, rief er gestikulierend.

»Wohin man greift, ist nichts zu erwischen. Alle gewohnten Werte sind schlüpfrig geworden. Man will ja nicht viel, man will ja eigentlich bloß leben dürfen nach bescheidenem Vermögen; aber wo kann man es? Überall hindern einen die Bestien im eigenen Land, und im Ausland wird man nicht mehr als Mensch genommen, sondern mit den Theaterrequisiten der Machtbesoffenheit von früher in die Ecke geworfen . . .«

»Es gibt auch bei uns solche Leute«, sagte der Engländer mit seiner rostigen Stimme. »Es gibt sie überall.«

»Sie sind sehr gütig, mein Herr! – Aber inzwischen macht die Zeit noch keine Anstalten, diese Profitgeier auszumerzen. Es ist alles ein großer Humbug, und jede Vernunft ist aus der Welt. Sie selbst werden freilich nicht davon berührt. Dies Affentheater amüsiert Sie; Sie schweben darüber. Entschuldigen Sie, wenn ich so von der Leber weg spreche. Aber glauben Sie mir, auch in mir rührt sich ein Bedürfnis nach Sauberkeit. Verwechseln Sie mich nicht mit den anderen Menschen, die im Trüben fischen.«

Der Engländer fuhr sich wieder mit der Hand über die Stirn und lehnte sich lässig im Stuhl zurück.

»Nun, wir wollen nicht persönlich werden«, murmelte er. »Es gibt auch für mich Probleme. Sie sprechen übrigens ein erstaunliches Englisch. Sie sind viel herumgekommen?« – Der Tonfall klang so, als wolle er alles vorher Gesprochene beiseite schieben, als sei es ihm plötzlich lästig geworden, Vertraulichkeiten Herrn Zinkeisens entgegenzunehmen. Der Aufseher stand still, dann ging er müde zu einem Stuhl an der anderen Seite des Rauchtischchens und setzte sich schwer und massiv darauf. »Allerdings bin ich herumgekommen. Ich war vor dem Kriege ein selbständiger Mann. Ich war Vertreter einer Hamburger Firma und darf wohl sagen, daß es wenige britische Kolonien gibt, die ich nicht kennen

»Waren Sie auch in – – Singapore?«

»Auch dort.«

»Wann war das?«

Herr Zinkeisen dachte etwas nach und meinte dann zögernd:

»Etwa im Mai 14.«

»Und wo wohnten Sie damals?«

Herr Zinkeisen ermunterte sich. »Lassen Sie sehen . . .«

»War es das Adelphi?«

»Das kann wohl stimmen. – Ja, in der Tat: es war das Adelphi. Ein irischer Manager war dort. Maloney.«

Der Engländer schwieg eine Weile. Er hob den Kopf. Seine Augen waren halb zugekniffen, er musterte Herrn Zinkeisen wiederum auf eine seltsam gründliche Art, die nichts mit Kritik zu tun hatte. –

»Das ist seltsam«, sagte er endlich. »Das ist verdammt seltsam.«

»Wie bitte? – Was ist seltsam?«

Der Engländer schwieg, steckte sich eine neue Zigarette an und lehnte sich wieder zurück. Er ließ sich zu keiner weiteren Erklärung herbei. –

Herr Zinkeisen war beunruhigt. Er blickte ihn mit seinen ehrlichen blauen Augen forschend an, kam jedoch zu keinem Ergebnis. Offenbar war das letzte Wort eine allgemeine Bemerkung gewesen, um die ganzen Zeitläufte zu kennzeichnen mit Inbegriff seines eigenen Schicksals.

Da der Engländer beharrlich weiter schwieg, stand er auf. Etwas Unerfülltes fraß an seiner Seele. Man hatte ihn in ein vertrauliches Gespräch zur Hälfte hineingelockt, hatte ihn ausgepumpt; damit war nun die Sache erledigt. Mit kühler Handbewegung wurde ihm angedeutet, daß das Gespräch nun zu Ende sei.

»Sie können mir«, sagte der Engländer noch mit großer Mundfaulheit, »den Kellner mit einem neuen Syphon herüberschicken. Ich bleibe heute noch ein wenig sitzen.«

Herr Zinkeisen nahm mit gewohnter Gebärde die Bestellung entgegen. Sein Gesicht war fleckig.

»Sehr wohl, mein Herr. Benötigen Sie mich noch?«

»No«, sagte der Engländer. – »That will do.«


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