Willy Seidel
Die magische Laterne des Herrn Zinkeisen
Willy Seidel

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Elftes Bild

Juan in der Sonne

Die kleine Sensation

In einem Schub dienstuntauglicher deutscher Zivilisten wurde aus England – um die Mitte des Jahres 1915 – ein Knabe herüberbefördert, den niemand kannte. Man hatte ihn aufgegriffen und, da er deutsch verstand, kurzen Prozeß mit ihm gemacht.

Der Krieg sprang nicht gerade zärtlich und gastfrei um mit landfremden Individuen. Durch die Schweiz kam er nach Köln, und hier benahm er sich, als sei er auf den Mond geraten. Oder vielleicht benahm man sich auf dem Monde so wie er, und er war aus Versehen herabgefallen mit seinen Mondsitten in eine aus den Fugen geratene sinnlose Welt.

Wiewohl er ein Durchschnittsmaß von Verstand sein eigen nennen mochte, setzte er dennoch allen Fragen nach seiner Herkunft eine blanke Gedächtnislosigkeit entgegen. Es war, als habe er in einem Anfall von phänomenaler Zerstreutheit sein Leben irgendwo liegengelassen wie ein Buch und dann den Titel vergessen.

Bekleidet war er mit einem dunkelblauen Sweater, wie ihn Fischer tragen, und darunter trug er einen gestreiften Schlafanzug, über dessen Hosen er noch ein zweites schlotterndes Paar von wolligen Beinkleidern gezogen hatte. Seine wundgelaufenen Füße steckten in klobigen Stiefeln. Sein Alter war beiläufig fünfzehn Jahre.

Was sollte man nun mit ihm in Köln machen? – Man schob ihn an die Fürsorgezentrale Berlin ab. Er wurde ärztlich untersucht und gesund befunden. Aber das, was die Psychiater anging, das vollkommen schwarze Loch in seinem Hirn, der geistige Defekt, – das war nicht aufzuhellen. Er erschrak leicht, hatte aber bei sanfter Ansprache ein höfliches Lächeln. Sonst war sein Ausdruck grübelnd; seine dunkelbewimperten grünlichen Augen blickten starr. Die in Falten gezogene Stirnhaut zog die dichten Brauen zu finsterem Strich zusammen. – Während man ihn, etwas zu forsch vielleicht, examinierte, zischte die Luft aus seiner bedrängten Brust durch die schlohweißen Zähne und seine Augen verschleierten sich in dem – offenbar ehrlichen – Bemühen, die Wand zu durchdringen, die ihm sein Gestern verbaute.

Für die Journalisten war er natürlich ein gefundener Stoff, und sie unterhielten das Publikum zwei Tage lang mit Debatten darüber, ob er ein Simulant sei oder ein echter Kollege Kaspar Hausers. Ein paar Leute kamen und besahen sich ihn, wiewohl die Kriegsnachrichten im allgemeinen breit alles Interesse überflammten. – Unter diesen Leuten, so ziemlich als letzter, meldete sich auch ein gewisser Herr Ziehlke, Seifenfabrikant seines Zeichens.

 

Nicht, als ob Herrn Ziehlke unwiderstehlicher philanthropischer Drang auf die Szene getrieben hätte! – Wir müssen seine Tochter, Fräulein Magda Ziehlke, dafür verantwortlich machen.

Als sie eines schönen Julimorgens aus der Schule kam – denn sie war ein schulpflichtiger Backfisch – durchstöberte sie die mit Plüschquasten geschmückte Etagere, wo ihr Vater seine Zeitungen aufhob, und fand bei dieser Gelegenheit das Bild des rätselhaften Knaben. Das Tempo, in dem Fräulein Ziehlke reifte, hielt seit einem Jahr Schritt mit der »großen Zeit« und so geschah es denn, daß sich nicht nur mütterlich-mitleidige, sondern auch ganz persönliche Empfindungen in ihr regten.

Abgesehen von den Schilderungen, kam dies auf Rechnung seines Bildes. Zwar saß ihm der Raster wie ein graues Gitter vor den Zügen, jedoch ließ das Übermaß an Dunkel ahnen, daß man nicht allein der Druckerschwärze den südlichen Eindruck verdankte, sondern auch seinem reichgewellten dunklen Haar. Es überschattete ein schmales Gesicht mit schwarzen Brauen und ungemein ausdrucksvollen Augen. Magda dachte an die geschorenen Köpfe gewisser Gymnasiasten, die ihr den Hof machten, und fühlte sich geneigt, sie zu verabschieden. Ob der Fremdling wohl erlauben würde, daß man ihm durch dieses Haar fuhr? Er würde seine Falkennase krausen . . . Ach ja, verbitte dir das nur, dachte sie; ich tu's doch – und sie schloß und öffnete die schmalen Fäuste.

Keiner von den entrückten Onkeln im Grammophon oder im Kino, über deren Anbetung ihre Mitschülerinnen ihre zopfumwickelten Köpfe verloren, interessierte sie. Ein solcher Onkel würde ja doch nur über sie lachen und ein Komplott gegen sie schmieden mit einer sehr viel älteren schlagfertigen Dame. Der Knabe aber würde kein Komplott schmieden, da er ja selbst das Opfer eines solchen schien – eines politischen (dachte sie unklar) –; vielleicht verfolgt man ihn mit der auswärtigen Polizei, und nun spielt er hier Aschenbrödel und sehnt sich nach jemandem, der ihn erlöst. – Ob vielleicht nicht – der Kaiser . . .? – Magda sandte sinnende Blicke durchs Zimmer. Da war er in Bronze und dort als Bild. In beiden Kunstwerken sah er ein wenig unverbindlich aus, als ob in bezug auf den geplanten Vorschlag kaum gut Kirschen mit ihm zu essen sei. Auf alle Fälle durfte man ihm, wo er doch jetzt an jedem Finger einen Widersacher hatte, nicht mit dieser Lappalie kommen.

Magda seufzte. Sie war einsam. Ihr grimmiger Fleiß, den sie in der Schule entfaltete, war Verteidigung gegen die eigne Grübelsucht, nicht Selbstzweck. Magda las auch viel und machte die Bekanntschaft heldischer oder zärtlicher Figuren, die für ihr elegantes oder trotziges Dasein nach Verständnis schmachteten. Sie hätten nicht verdient, wie Zinnsoldaten in den Schubladen ihrer Seele zu enden. Aber all die Heroen sanken nun, vergeblich Bärte zwirbelnd oder Trotzgesten schleudernd, mit erstauntem Scheideblick ins Wesenlose – siegreich verdrängt durch den großen Unbekannten, der gar nicht danach fragte, ob sie Ivanhoe, Siegfried oder Jörn Uhl hießen. – –

In der Schule ließ sich am nächsten Tag wenig mit ihr anfangen. Sie saß, ihren Bleistift kauend, voll unnahbar gestraffter Selbstversenkung, und ihre grauen Augen bohrten sich in das rotumränderte Vereinigte Königreich auf der großen Wandkarte, die ihr gegenüber hing. Dort am südlichen Rand krabbelte ein Pünktchen, das heraus wollte und dann über den Kanal hinweg mit einem gewaltigen Flohsprung in der Schweiz landete.

Und dann zog sich eine schwarzpunktierte Linie von dort über Köln nach Berlin und fand ihr Ende in diesem großen Klex – mitten in Magdas Herzen. Ihre kleine Weiblichkeit dehnte sich ungeheuer aus und zog ganz Berlin in ihren Wirbel. –

Der Lehrer sagte, aus seinem Vollbart hervor: »Glotze nicht, Magda.« –

Das Komplott

Ziehlkes hatten Geld. Mutters Vater war Hausbesitzer gewesen und Papa war erfolgreich in Kriegsseife. Ungeheure Posten von Seife, oft seltsamer Herkunft, entstanden in seinem Betrieb und wurden an der Ostfront verwaschen.

Sie roch manchmal so, wie wenn man die Nase in einen alten Speiseschrank steckt, aber mein Gott, sie erfüllte anscheinend ihren Zweck. Im Haushalt Ziehlke wurde diese Seife nicht verwendet. Es duftete im Gegenteil hier so, als ob die Geister eines Rivierafrühlings umgingen, auch wenn die Margarineküche ihr ernüchterndes Wörtchen mitsprach. Mit diesen Düften hing Frau Ziehlke zusammen. Sie war eine unförmige Frau, die fortwährend Stärkungsmittel benötigte, womit sich denn auch ihre Vorliebe für Parfüms erklärte.

Magdas Geburt hatte ihr beinahe das Leben gekostet. Von Natur zum Phlegma geneigt, griff sie den damaligen ärztlichen Rat, sich Schonung zu gönnen, sehr wörtlich auf und befolgte ihn bereits fünfzehn Jahre, so daß sie gewissermaßen darüber aus dem Leim gegangen war und allerhand Übel, die sie zu verhüten gehofft, der Reihe nach einlud. Magda hatte die Mutter nie anders gekannt als pompös dahinkränkelnd . . . Sie hatte sich jedoch angewöhnt, sich die in spitzenbesetzten Morgenröcken vegetierende, mit vagen Kartenlegereien beschäftigte Frau als Beichtstuhl vorzustellen, worin eine schläfrige Toleranz ihr ständig offenes Ohr bereithielt. Wie ein Trichter war dieses Ohr, in den man sein kleines Leid schüttete. Es kam noch nicht einmal so sehr darauf an, ob eine Predigt erfolgte oder nur ein leises Zungenschnalzen. – –

Nachdem Magda ihre Schularbeiten erledigt hatte, nahm sie die Zeitungsausschnitte und schlängelte sich an die Mutter heran. Mama Ziehlke saß in dem breiten, ebenfalls mit Plüschtroddeln verzierten Siestastuhl (alles in dieser Wohnung war so reich verziert) und ließ sich von der Ampel bescheinen, die wie ein rosa Bonbon von nie geschauter Größe an der Decke hing und all die Ergebnisse künstlerischen Machtwillens, deren Stunde damals noch nicht geschlagen, mit Boudoirlicht bestrahlte.

»Na, was is denn, Magdachen?« fragte sie nach einiger Zeit, als die Patience nicht aufgehen wollte. – »Was guckst du denn so?«

Bewegung kam in die magere Mädchengestalt. Sie starrte die Mutter an, vor Aufregung ganz blaß, wobei sie mit zitternden Fingern die Zeitungsausschnitte vor ihr ausbreitete. »Sieh mal, man muß doch was für ihn tun.«

»Für wen denn?«

»Ja, für ihn doch.«

Mutter Ziehlke raffte die Porträts an sich und versenkte sich in sie. –

»Herrje,« sagte sie, »das ist doch . . . Von dem hab' ich doch schon gehört? –«

»Ja, Mutter, das ist der Junge. Papa muß ihn holen.« Und als [ob] nun das Eis gebrochen sei, sprudelte sie hervor: »Wer kann wissen, was sie mit ihm machen? Nun ist er da angekommen und kann selber nicht sagen woher, und sie sind roh mit ihm, und Geld hat er auch keins, und du hast doch Geld, und Papa hat Geld, und da ist doch noch die Kammer neben der Küche, und wir könnten ihn doch bei uns aufnehmen und es ihm gemütlich machen, verstehst du. Man muß doch menschlich sein. Und da steht doch gar nicht darin, daß sich jemand gefunden hat für ihn. Immer noch guckt er so sehnsüchtig aus der Zeitung heraus. Vielleicht ist er ja auch Deutscher, und für den Krieg kann er ja nichts. Oder meinst du?«

Mutter Ziehlke kicherte ein wenig. »Na,« sagte sie, »du hast ja Feuer gefangen. Wie ich so alt war wie du. da habe ich noch gar nichts gewußt davon, daß es hilfsbedürftige junge Leute auf der Welt gibt.«

»Aber Mutter«, rief Magda und blähte die Nüstern. »Die Menschlichkeit, das ist doch das Wichtige!«

Wieder kicherte Mutter Ziehlke schwach vor sich hin.

»Nicht viel zu spüren«, sagte sie, »von Menschlichkeit heutzutage. Na, aber es ist auch ein Gesichtspunkt. Wir geben ja schon allerhand aus für Invalidenhilfe und Hospitäler und all sone Sachen. Gott, wo kämen wir hin, wenn wir sie alle persönlich beglücken wollten. Rein aus der Puste käme man ja da.« Hier schnaufte sie tief auf, als ob schon die bloße Vorstellung ihr Asthma verursache. – Nach einer für Magda angstschwangeren Weile: »Nee, das glaube ich ja nun auch nicht. Hübsch sieht er aus, und wo dein Vater so beschäftigt ist und immer aus dem Hause, da wäre es ja vielleicht ganz nett, noch so'n männliches Wesen in der Nähe zu haben, das sich verpflichtet fühlt.«

»Mutter,« schrie Magda auf, »dann läßt es sich machen? Dann sagen wir es Papa.« Sie war ganz außer sich. »Gleich sagen wir es ihm, und dann kann er morgen gehen und ihn holen.«

Mama Ziehlke saß tief in Nachdenken versunken. Ihre bleichen, schlaffen Wangen zitterten leicht. Sie nickte wie eine Pagode vor sich hin, so daß die Korallentropfen an ihren Ohren mitpendelten. »Wenn mir damals«, sagte sie endlich stockend, »nicht das Malheur passiert wäre . . .«

– – – Papa Ziehlke kam an diesem Abend sehr spät nach Hause, und da ein Übermaß genossenen Weißbieres mit Schuß ihn nicht gerade empfänglich machte, am allerwenigsten für diesen ausschweifenden und tollen Plan, so gab es für Magdas Ungeduld noch keine Entscheidung. Es dauerte noch einen ganzen Tag, bis er den ungewohnten Energieausbrüchen seiner Familie Gehorsam zollte. Endlich, am übernächsten Morgen, sehr skeptisch und verdrossen, nur um des lieben Friedens willen, machte er sich auf den Weg.

In dieser Stimmung gelangte er zur Fürsorgezentrale.

Der Wohltäter

Er mußte einige Zeit warten, und dieser Umstand tat noch ein übriges zu seiner Verfassung. Er wurde durch einen schlicht uniformierten Aufsichtsbeamten in ein büroähnliches Wartezimmer geleitet, wo er nach grunzender Verlautbarung seines Wunsches sich zunächst niederließ. An der Wand, auf einer farbenfröhlichen Reproduktion, betätigte sich der Jesusknabe als Tierbändiger; den einen Arm hatte er um den Hals eines gezähmten Tigers geschlungen, und die andere gab den Takt des Marsches an mit einem kleinen Palmenreis. In silbernem Hemd trabte er daher nach Kinderart. Ein Lämmlein hüpfte auf seiner anderen Seite; und viel Tiere folgten. Ein Elefant machte den Beschluß.

Es wäre nun gut gewesen, wenn Herr Ziehlke – dem Sinn des Ortes entsprechend – auf den naheliegenden christlichen Gedanken verfallen wäre, sich unter diese gezähmten Tiere einzureihen und der kleinen Hussapeitsche aus Palmfiedern geduckten Nackens zu folgen. Demut und Bereitschaft zum Guten wären die richtige Verfassung gewesen. – Leider aber zog er noch keine solchen Schlüsse aus dem Bild, sondern saß bös und voreingenommen gegen das Gute auf dem Stuhl. Er war ein waschechter Berliner, und es war nicht so einfach, ihm mit Palmwedeln und besänftigten Tieren den Sinn für das Praktische zu lähmen – ebensowenig wie die recht augenfällig angebrachten Bibelsprüche ihn ohne weiteres überzeugten.

Mit einer heftigen Bewegung zog er die goldene Schnappdeckeluhr und nahm sich vor, genau noch fünf Minuten zu warten, bevor er die Angelegenheit anderen Wohltätern überließ. – Er sprang auf und ging schnell auf der Bastmatte hin und her. Da er dabei an einen Spiegel geriet, bot ihm die Betrachtung der eigenen Person flüchtige Zerstreuung. Er konnte nicht umhin, sich selbst mit einem gewissen grimmen Wohlwollen zur Kenntnis zu nehmen. Patent, ja, das war das Wort. Und das wollte was heißen in diesen Zeitläuften. – Seidenes Hemd, guten Schneider, hellgrau Flanell und spitze Schuhe mit Glanzlederkappen. Wer lacht da? – Bauchansatz. Runde Figur. Das Gesicht rosa, vollkommen haarlos. Haare stören den Masseur. Sein Schädel glänzte hell himbeerfarben. Die Bäckchen sackten ein wenig, der Mund war leicht zur Hufeisenform gezogen durch ihr schütteres Gewicht; das Gesicht war wie aus einem soliden Gelee, das nur durch das Erdbeben einer Gemütserschütterung zum Zittern zu bringen war. Jetzt ließ der Zorn es zittern.

Herr Ziehlke trug auf dem Sattel der großen Nase eine Hornbrille, seit er durch den hurtigen Anschluß an die Heeresversorgungsstelle in die Intelligenzklasse aufgerückt. Hinter dieser Brille drangen große, runde, wasserblaue Augen auf den Beschauer ein, unter wagerechten rosa Hautwülsten, von der leeren Intensität, mit der ein lauerndes Amphibium die Welt betrachtet. Und so wie ein solches ganz jähe Sätze macht nach stundenlanger Überlegung, so hatte auch Herr Ziehlke nach monatelanger Begrübelung seiner Chancen einen jähen und zielbewußten Satz gemacht in jene von selbst funktionierende Kriegsfutterkrippe hinein. – Darin saß er nun in einem Hagel von Bestellungen; er war der Situation nicht ganz gewachsen, denn sie trug zu sehr das Gepräge einer temporären Zweckgründung, die auffliegen mußte mit Kriegsende. Es hieß, ständig die Ohren steifzuhalten, und das machte ihn nervös. –

In immer steigendem Zorn nahm er seine Wanderung wieder auf. Eine Minute noch! Es war doch toll, was man ihm zumutete! Und wie die Weiber ihm in den Ohren gelegen hatten! Logik haben sie nun mal nicht, und gegen eine Verschwörung, wo bei ihnen das Gemüt mitspricht, zieht man immer den kürzeren . . .

 

Herr Ziehlke stand durchaus nicht auf, als sich jetzt die Tür öffnete und ein Beamter das stellungs- und herkunftslose Individuum vor sich herschob. Es mußte geschoben werden, denn selbst hatte es keine Eile.

Der Fabrikant beugte sich leicht im Stuhl vor, rückte an seiner Intelligenzbrille und stemmte die Handrücken auf die gespreizten Knie. Der Knabe betrachtete ihn mit halboffnem Mund. Herr Ziehlke sagte mürrisch:

»Das hab' ich gern, mein Sohn. Behalt' nur ruhig die Hände in den Taschen. Is ja auch viel bequemer. Keinen Namen vor Gott und der Welt und keinen roten Marawedi im Kapital; aber reingetrudelt kommt man wie der Kronprinz.«

Von dieser Anrede verstand der Knabe offenbar nichts, denn seine saloppe Haltung blieb dieselbe, und er blickte fragend nach dem Aufseher.

Dieser tippte ihm auf die Hosentasche. Nun begriff der Knabe und zog seine Hände hervor: frischgewaschene, seltsam langfingrige und schmale Hände. Dann lächelte er langsam, als handle es sich darum, die Laune eines Originals zu befriedigen, und fragte:

»Bitte sehr?«

»Wissen Se, Herr –« sprach der Aufseher, ein braver Fünfziger mit eckigem Schnurrbart, – »Sie dürfen es ihm nicht verübeln. Er hat nun die lange Leitung. Er macht ja alles; nur mit die Verstehste, da hapert's noch so'n bißchen. Er ist hier oben in der Denkabteilung, wissen Se, nich jenüjend einjedeckt; 'n bißchen ausjeleiert, wenn ich so sagen darf. – Wer kann wissen, ob se ihn nich schon mal auf 'n Kopp jekloppt haben mit 'nem Jewehrkolben, un' nu kann er nich logisch mehr denken, so stell' ich mir das vor.«

»Und ich, –« sagte Herr Ziehlke durchaus nicht besänftigt, – »ich stelle mir vor, daß er'n ganz gerissener Simulant is – Is es so, mein Jung', oder is es nich so?«

Der Knabe gab ein Kichern von sich; fröhlich und harmlos. – »Sie sind komisch«, sagte er mit mutierender Stimme und betrachtete voll erfreuten Interesses Herrn Ziehlke.

Dieser bekam einen lachsroten Kopf. –

»Jetzt sag' nur noch –« und er steigerte sich zum Schmettern – »sag' nur noch putzige Kruke zu mir oder alter Schäker. – Dann hat's aber geschnappt.«

Der Knabe wurde langsam wieder ernst. Seine Lippen wurden schmal. Er zuckte die Achseln, als wolle er andeuten, daß er die Unterhaltung als resultatlos abzubrechen wünsche. – Der Aufseher legte sich flugs wieder ins Mittel.

»Aber Herr,« sagte er beschwörend, »nu muß ich Ihnen schon jenau ersuchen, sich reinzuvasetzen in sein Jemüt. Wenn Sie 'n weiter so anbrülln, wo er doch 'n landfremden Menschen is, machen Se 'n janz verrückt. Un' wohlteetje Absicht un' Anpfeifen is zwoerlei, sozusagen. – Na, mein Jung' –« fuhr er gegen seinen Schützling gewandt fort, nach Möglichkeit »hochdeutsch« – »nun erkläre mal diesem freundlichen Herrn hier – (und die forsche Note, die mußte nich tragisch nehm') – daß du ganz genau ausbaldowert worn bist von die Herrn Ärzte un' daß du heilig die Wahrheit sagst, wennde sagst, du weißt von nischt.«

Hier ereignete sich das Erstaunliche, daß der Junge einen zusammenhängenden Satz von sich gab. Seine Aussprache war dadurch gefärbt, daß er die Silben falsch betonte; sonst sprach er korrekt. Er wandte sich nicht eigentlich dem zukünftigen Wohltäter zu, sondern dem bisherigen Beschützer, und sprach eintönig wie etwas Eingelerntes:

»Ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet für die mir zugedachte Aufmerksamkeit.«

Als er dies hervorgebracht hatte, atmete er erleichtert auf und überließ es den beiden Männern, sich zu wundern. Eine Pause erfolgte.

– – – »Sehn Se! Sehn Se!« rief der brave Aufseher. »Von schlechten Eltern is er nich; so elejant red't er Ihn'. Das schüttelt er so aus'n Handjelenk; flüssig sitzt ihn das.«

Herrn Ziehlke stand der Mund offen. – Was waren das eben für Töne gewesen? Gleichsam raffiniert hatte es geklungen; so druckreif. Er massierte daher gründlich sein rosa Kinn. Und nachdem er sich durch Reibung des gelähmten Kiefers gefestigt und in die frühere Fahrtrinne zurückgefunden hatte, erwiderte er auf die zierliche Rhetorik folgendes:

»Von wegen. – Und ›zu Dank verpflichtet‹ – Ich würde noch die Luft halten, mein Sohn, eh' ich sone Opern singe. – ›Aufmerksamkeit!‹ – Was denn noch? Dein Gedächtnis haste verloren; gut. – Woll'n mal sehn, ob wir dir nich wieder zurückverhelfen könn' zu deinem Gedächtnis.« – Immerhin hatte ihm die Sentenz so imponiert, daß er nicht umhin konnte, den goldenen Kern in der rauhen Schale ahnen zu lassen. Auch gesellte sich die durchbrechende Heiterkeit über die so fabelhaft gewählten Ausdrücke hinzu. Lächeln konnte er nicht; das lag nicht in seiner Art. Also grölte er. – »Verpflichtet fühlt er sich!! – Das is köstlich!!« – Er meckerte noch eine Weile, während der schlichte Mann mit den blanken Knöpfen schmunzelte und der Knabe ihn voll unschuldigen Ekels betrachtete: die kleine Falkennase gekraust und die Augen verengt . . .

Es erfolgte nun, daß Herr Ziehlke sich erkundigte, wie er seinen Probeschützling nennen solle, und der Ausseher ihm erklärte, »Max« genüge. Das in Frage stehende männliche Individuum habe, da staatenlos und unbekannter Herkunft, bereits einen provisorischen Namen erhalten. – Dies sei geschehen, weil die Polizei keine Verpflichtung spüre, den Namen der Erscheinung anzupassen. Der Name passe zwar wie die Faust aufs Auge, aber man habe im Jahr des Unheils 1915 weit wichtigere Angelegenheiten zu erledigen, zum Teufel, als symbolische Namensgebung.. Das Wesentliche stehe in Maxens Legitimation, die er vorwies; neben »besondere Kennzeichen« stand »ohne«. – Nicht einmal ein Muttermal habe er, oder eine auftätowierte Dame, oder ein krummes Fingerglied. Er sei einfach »ohne«; man habe auf seinem Körper jeden Fleck mit der Lupe abgegrast.

Freilich – und diesen Verdacht bekam selbst Herr Ziehlke – in Maxens Seele hinein hatten diese Lupen bisher nicht gereicht. Er nahm sich daher vor, ihm »hinter die Schliche« zu kommen, und dies begann ihn fast zu reizen. Mit Komplimenten und Danksagungen des Direktors versehen, packte er sich und Max in ein Mietauto und fuhr nach Hause.

Der Junge war stumm. Er trug nur ein ständiges nervöses Lächeln um den Mund, und als man ausstieg, bot er sich zur Unterstützung an, mit einer sonderbar hastigen Höflichkeit, als ob Herr Ziehlke eine ältere, unwirsche Dame sei.

Das unbekannte Getränk

Man aß gemeinsam zu Mittag, und da es an Gesprächsthemen mangelte, so beschränkte sich die Unterhaltung auf Zukunftspläne des jungen Mannes. Er nahm ziemlich indifferent alle Vorschläge zur Kenntnis und war vor allem höflich. Entsetzlich höflich.

Immer lauerte er der gesamten Familie Ziehlke deren kleine Bedürfnisse ab – ob es nun der Gewürzaufsatz war, oder eine herunterrutschende Serviette, oder die Klingel zu dem »Mädchen für alles«. Stets schoß seine feingliedrige Hand hin und her, und dabei vergaß er schier das Essen, was bei einem Jungen seines Alters doppelt erstaunlich war.

»Na, nu iß mal, Jung'«, sagte die Mama. »Und mach' keine Fisematenten.«

»Wenn Sie gestatten«, äußerte Max.

Er aß, wie man bei Dressel ißt – wo es Spargelhalter gibt aus Silber und Schildpattschippen für den Kaviar.

Er aß wie ein magenleidender Graf, und alles staunte. Mama Ziehlke beobachtete dies Benehmen mit wohlwollenden Blicken halb von der Seite wie ein Huhn, und der Vater bohrte sich die Zähne mit dem silbernen Stocher aus, den er an der Uhrkette trug. Eigentlich war ihm das »unter Leuten« verboten, heute aber tat er's aus einer gewissen Gegensatzstimmung heraus. Um auf die nächstbeteiligte Person, Magda, zu kommen, so hatte sie Augen wie beim Sanktus in der Messe. Es kam so weit, daß die ganze Familie ohne Murren und Protest wartete, bis Max mit seiner Nahrungsaufnahme fertig war.

Endlich fragte Madame Ziehlke: »Hat's geschmeckt?«

»Ausgezeichnet«, sagte Max und faltete seine Serviette zusammen.

»Na – denn woll'n wir zum Mokka überjehn«, sagte Herr Ziehlke. Er zog gewöhnlich seine Jacke aus innerhalb seiner Wände; heute unterließ er's weiß Gott warum.

Man nahm in der Sofaecke Platz. Als Magda die Mokkatäßchen gefüllt, wurde Max nach dem ersten Schluck nachdenklich. Man merkte, daß ihm eine Frage auf den Lippen brannte, und ermunterte ihn. Da sagte er mit kindlich heller Stimme: »Entschuldigen Sie die Frage: was für ein Getränk ist dies?«

Ziehlkes sahen sich an. »Das ist Kaffee.«

Max sah sehr erstaunt aus. – »Kaffee . . .« wiederholte er . . .

»Nun, Magdachen, jetzt zeige Maxen sein Zimmer und besprich mit ihm, was er alles für morgen braucht. – Heute nachmittag soll Papa gehn und ihn anmelden bei der Schule.« Worauf Max, mit einer höflichen Verbeugung gegen das Ehepaar, hinter Magda, der er den Vortritt ließ, sich empfahl . . .

Frau Ziehlke zog sich in ihren mächtigen Erkerstuhl zurück. Dieser stand unter der künstlichen Fächerpalme, deren Stamm mit elektrischen Birnchen geschmückt war wie mit Ostereiern. An festlichen Abenden spiegelte sich diese Pracht in den Rundungen der drei Grazien aus galvanischer Bronze. – »Er hat Manieren«, sagte sie. »Das laß ich mir nich nehmen.«

Herr Ziehlke hatte bereits sein elfenbeinernes Zigarrenmundstück mit dem schwarzköpfigen Meerschaummops darauf im Aschenbecher deponiert. Nun schmiß er sich aufs Sofa, dessen Maltaspitzenschoner längst nach seinem Haarwuchsmittel duftete, und gähnte schnappend.

»Manieren . . .« gab er zurück. – »Was kauft er sich schon dafür . . . Grütze muß er haben. – Grütze!!«

Herrn Borinskys Steckenpferd

Max entwickelte die »Grütze«, die sein Mäzen an ihm zu vermissen glaubte, in ungeahntem Maß. Er wurde der letzten Vorbereitungsklasse für die Realschule zuerteilt und er stellte sich unter den Dreizehnjährigen als Ausbund von Fähigkeiten heraus.

Nicht nur konnte er fließend rechnen und schreiben (mit einer flüssigen lateinischen Hand), – auch in Physik und Chemie wußte er allerhand. Dies genügte, um ihn alsbald den Gleichaltrigen zuzugesellen, unter denen er als besonders aufnahmebereit hervortrat – denn er saugte den Lehrstoff der untersten Realklasse wie Löschpapier auf.

Im Verkehr mit Ziehlkes war er wesentlich unausgiebiger. Herr Ziehlke hatte zwar mehr als einmal versucht, ihm »auf die Schliche zu kommen«, doch Max war nur noch verschlossener und höflicher geworden. Einem Simulanten hätte Herr Ziehlke die Sache sehr leicht gemacht. Er geriet auch nicht weiter in der Erforschung des Gedächtnisschwundes als die Polizei.

Max bekam das Interesse seiner Mitschüler peinlich zu spüren. Man hatte ihnen zwar untersagt, Max mit Fragen zu belästigen, aber: – ihre durch den Krieg stark aufgerührte Phantasie äußerte sich heftig. Auch rief das Pathos des Freundes aller Ausnahmenaturen, Karl Mays, ihnen zu: »Dieser Fremdling ist vielleicht ein Freund Scharlis! –« In ihren Köpfen entstammte er der unsterblichen Botanisierbüchse jenes begeisterten Klischeesammlers, und das kam ihm zustatten. Denn für einen Knaben ist es weit wichtiger, mit seinesgleichen gut zu fahren als mit den »Autoritäten«.

Der Krieg hatte vom Lehrkörper nur das dürre Reis oder das untüchtige Organ übriggelassen. Beide rangen um seine Seele. Die älteren Knasterbärte, in ihrem täglichen Programm gleichsam eingepökelt, gaben ihm allerlei Ratschläge mit verlegener Geduld. Er war ein pathologischer Fall. Die jüngeren ließen ihrem Detektivdrang die Zügel schießen. Unter diesen tat sich besonders der Doktor Borinsky hervor.

Für diesen fünfunddreißigjährigen hageren Herrn und seine slawischen Augen, die oft in den seinen weilten, empfand Max eine Mischung von Furcht und Sympathie. Ja, die Augen Borinskys verfolgten ihn mit ihren kleinen Pupillen, und dies lähmte ihn völlig. So benahm er sich in der Stunde, die dieser Herr gab, besonders träumerisch.

Es hatte sich herumgesprochen, daß Max zuweilen spanische Brocken in seine Ausdrucksweise mischte.

Borinsky ging deshalb in der nächsten Geographiestunde sehr eingehend auf Südamerika ein.

Max benahm sich zum erstenmal seltsam. Bei den Städte- und Gebirgsnamen bekam er einen fernen Blick, dann sprudelte er einiges Hastige hervor in weichen, schnellen Lauten, die man nicht verstand. Als er es aufschrieb, waren es die einzelnen Staaten. Er gab die Einwohnerzahlen an; er wußte genau Bescheid über die Fauna und Flora . . . Und Herrn Borinsky, der ihn zwischendurch unverwandt beobachtete, wurde es klar, daß diese Kenntnisse keine neue Information waren, sondern aus dem verschütteten Bewußtsein des Knaben stammten. »Woher weißt du das so genau, Max?« fragte er. »Warst du dort?« Da aber verstummte Max, zitterte mit den Lippen und wiegte grübelnd den Kopf . . . Diese Vorgänge waren Wasser auf Borinskys Mühle.

Er hatte ein Steckenpferd. Der Name des Steckenpferdes war Hypnose. Dieser fragwürdige Gaul hält still, wie man weiß, wenn eine berufene Gelehrtenhand ihn aufzäumt und streichelt, und trabt wohl eine Weile in der dunklen Landschaft, verwegenem Abenteuer entgegen. Bei Herrn Borinsky jedoch, der sich das Hirn vollgesogen mit unverdauten okkulten Brocken, mit dilettantischer Tischrückerei und kritiklosem Traktätchenkram, streikte er. Der Reiter hieb ihm viel zu plumpe Sporen in die Weichen. Aber da es Borinsky nicht an dem Selbstvertrauen der Halbbildung mangelte, hielt er sich für berufen. Es reizte ihn ungeheuer, als erster die Wand in der Seele des Knaben niederzureißen und sich dessen wiedererlangte Identität wie einen Orden an die Brust zu heften.

Es war Borinsky schon öfter gelungen, einfache Kreaturen, wie Dienstboten, einzuschläfern und mit ihnen unter finster-interessierter Teilnahme kleinbürgerlicher Zirkel allerhand dramatische Szenen und verblüffende Akrobatik vorzuführen. Wer lag ihm also jetzt näher als Max Müller? Er nahm ihn von der Schule in seine Wohnung mit, um vier Uhr nachmittags.

Hier bewirtete er ihn mit einem Absud der deutschen Kräutlein Salbei und Schafgarbe, den er Tee nannte, und Max fand keine Gelegenheit zu fragen: »Verzeihen Sie, wie nennt man dieses Getränk?« – weil er gar nicht auf den Gedanken kam, es könne etwas anderes sein als eine Medizin, die man aus Höflichkeit schlucken müsse.

Plötzlich fand er sich auf dem Sofa liegen. Sein Hemd auf der Brust stand offen, und Borinskys Fingerkuppen huschten sacht über seine Haut, während die slawischen Augen ganz dicht über den seinen schwebten. Es wurde ihm so lange mit weicher Stimme versichert, er sei sehr müde und behaglich schlafbedürftig, daß er's am Schlusse glaubte. Immer wieder kam die das »R« rollende Stimme auf seine Müdigkeit zurück. So lag es mit der Zeit durchaus in der Luft, daß man sich aufs Ohr legte. Die Motoren draußen wurden zu schnurrenden Katzen, aus denen ein einsamer Kopf hervorwuchs voll pfeifender Atemzüge. Auch dieser verschwamm, und die Welt (so voll sie auch war von Hiobsposten und lärmenden Unternehmungen) tat ein Nickerchen.

Ein großer Vorhang war da und eine Stimme, die die Worte scharf betonte. Deutsche Worte, die das Hirn zu quälen begannen (denn die Welt dachte ja eigentlich spanisch).

Erste Vision

Die Stimme teilt ihm mit, er sei zwölf Jahre alt. Er sei zu Hause, es sei schön, und nun solle er genau beschreiben, wie es dort aussehe.

Max zwinkert mit den Lidern. Es flammt davor. Er hält sich an etwas, und es gelingt ihm, die Augen weit zu öffnen. Da sieht er vor sich ein gebauchtes Balkongitter. Er ist noch vom Schlaf betäubt. Durch das Gitter sieht er auf einen leeren Platz hinunter, den weiße zweistöckige. flachgedeckte Häuser umrahmen. In der Mitte des Platzes steht ein Klumpen verstaubt aussehender niedriger Palmen. Alles ist von Bläue durchtränkt.

Er sitzt im hellen Schatten einer träg flatternden, rotgestreiften Markise. Von den frühen Strahlen wird ein leiser Asphaltdunst befreit. Dazwischen stiehlt sich ein anderes Parfüm: es kommt von den Nelken, die in großen Vasen wachsen. Eine mächtige, schillernde Fliege klettert zwischen den Nelken umher; andere Fliegen beschreiben langsame, blitzende Kreise in der Luft.

Da birst es wie ein Sturm in das Bild; alles erzittert. Der Sturm ist eigentlich ein Dröhnen von Worten; deutschen Worten, die wie aus einer Posaune dazwischenfahren: »Was siehst du?«

Sein Hirn müht sich ab. Was hieß dies doch? Er versucht zu übersetzen; es ist Qual und Angst. Ist er denn in der Stube mit dem deutschen Fräulein? Seine schwere Zunge rührt sich und er murmelt auf spanisch: »Dort unten sehe ich die Plaza.«

»Was noch?«

»Ich sehe . . .« buchstabiert er weiter . . . »die Calle dell' Estado . . .« Er kann nicht weiter; darüber ist er tief beschämt.

»Bist du zu Hause?«

Er zuckt zusammen. Immer noch unter Tränen flüstert er gehorsam: »Ja, Señor. Auf dem Balkon.«

»Blicke wieder hinab! Wen siehst du jetzt unten? Auf der Straße?«

Er schiebt sich nah an das Gitter.

»Sieh doch genau hin!« sagt die Stimme. »Ist das nicht dein Vater?«

Richtig! Da kommt sein Vater. Ganz fern an der Straßenecke taucht er plötzlich auf. Ganz klein zunächst. »Papa!« ruft der Knabe mit tonloser Stimme. Die Fliegen schwirren nicht mehr; sie hängen als goldene Punkte in der Luft. Zwischen ihnen wächst der näherkommende Mann. Er trägt einen Anzug aus makellos weißem Leinen, und die Krempe seines Panamahutes ist tief ins Gesicht gezogen.

Plötzlich entsteht ein großes Gedränge auf der Straße. Die Rottos treiben ihre Maultiere vorbei. Mädchen in seidenen Mantos promenieren kichernd um die Palmen. Sonntägliche Menge strömt, Kutschen fahren kreuz und quer. Ein Polizist vom schwarzen Gaul herab wirft sein Lasso nach einem zusammenbrechenden Karrenpferd und zerrt es mit Gewalt in die Höhe. Das Pferd tut einen schneidenden Schrei. Gleichzeitig knattert eine rotaufblitzende Flagge. Sie ist dasselbe wie der Schrei.

»Papa!« schreit der Knabe auf dem Balkon. Flugs erstarrt das Menschengewimmel. Alles dreht die Hälse nach oben.

Auch der Mann mit dem Panamahut hebt den Kopf. Es ist um ihn eine Leere entstanden im Gedränge, wie eine kleine Wüste; es ist, als schleife er das Echo eines Schluchzens nach sich. Er hebt seine großen grünen Augen und sieht hinauf. Er macht eine fremde Grimasse, als ob er etwas vertuschen wolle. Etwas Unausdenkbares, das ihn am Sprechen hindere. Und so geht er weiter; er kommt nicht zu ihm hinauf . . . Er geht eine endlose Reihe von Rohrjalousien hinunter, die sich wechselnd regen in einem totenstillen Wind. –

Dann schwankt wieder alles. Die fremde, aufdringliche Posaunenstimme stellt immerfort Fragen. Nun fragt sie nach der Mutter. Weiß man denn nicht, daß er nicht zu ihr hineindarf? Daß er sie nicht stören darf? Alles wird so fremd. Er kann sich nicht äußern. Nur ein großes Rauschen bleibt zurück. Das Rauschen wird so überwältigend, daß sein Bewußtsein vergeblich dagegen ankämpft; von diesem Rauschen wird alles erbarmungslos verschlungen: all das Bunte, unfaßbar Sonnige. Er meint zu ersticken . . . Er ertappt sich noch bei dem Gedanken: Wenn er jetzt seinen wahren Namen gurgeln könne, den man so dringend von ihm wissen will, dann sei er gerettet . . . Er bringt ihn nicht heraus.

Nun sagt ihm die Stimme, er habe alles vergessen. Er wisse von nichts mehr. Das ist eine große Erleichterung.

Plötzlich findet er sich auf dem Stuhl mit Herrn Borinsky in dessen Stube. Soeben hat er einen Schluck Tee nehmen müssen, der ihm nicht schmeckte. Jetzt nimmt er einen zweiten . . . Merkwürdig, wie kalt dieser zweite Schluck ist! So abgestanden! Und außerdem ist es dämmrig im Zimmer, und es war doch eben noch ganz hell gewesen!

Borinsky plaudert vom Krieg, von Lebensmittelkarten, von anderen aktuellen Dingen . . . Ein achtel Pfund Butter habe er zusammengehamstert; das habe er ihm, Max, fast alles überreicht; freilich: mit Ziehlkes könne er nicht konkurrieren . . . Max empfindet Zutrauen und antwortet dankbar.

»Sag' einmal,« und Herr Borinsky lehnt sich gemütlich im Sessel zurück, »ist es behaglich bei dir zu Hause?«

Zu Hause? Ach ja! Das sind ja Ziehlkes!

»Nein«, sagt Max offen.

»Wieso? Es sind doch deine Eltern? Du mußt sie lieben . . .«

»Meine Eltern . . .« wiederholt Max und sitzt starr.

»Nun: deine Pflegeeltern . . . Sie geben Geld für dich aus; sie geben dir Essen, Kleider, bezahlen die Schule . . .«

»Ja . . . Aber ich mag sie nicht.«

»Warum denn nicht?«

Max wiegt den Kopf. Er kann nicht klar sagen, was er meint. Er denkt an Herrn Ziehlkes spiegelnde Glatze. Er denkt an die verschlafene Madame Ziehlke. Etwas, das ihn herunterziehen will, dringt auf ihn ein. Aber da ist ja noch Magda. Magda ist vorsichtig und fein.

»Paß gut auf, Max. Es ist ein Irrtum, daß du deine Eltern nicht liebst. Denn du liebst sie ja. Du willst es dir nur nicht eingestehen.«

Max versucht, sich diese neue Tatsache klarzumachen. Er stellt sich das Ziehlkesche Heim vor. In bengalischer Beleuchtung gewissermaßen. Sie lächeln alle um die Wette, und er lächelt zurück. Ja, es ist wahr! Er hat sich getäuscht! Die Frau hat ein so gutes Herz! Sie redet so drollig! Und auch Herr Ziehlke ist so komisch! –

Er lacht hell auf.

Max benimmt sich seltsam

Als er nach Hause kam, war es beinahe halb acht Uhr. Es traf sich, daß Vater Ziehlke schlechter Laune war. Er hatte gerade einen Brief von der Heeresversorgungsstelle erhalten des Inhalts, daß der Fettgehalt seiner Seifen den Anforderungen nicht entspreche.

Über diese Sache hatte er sehr viele heftige Worte verloren. Die Knochenzufuhr war schwierig; Kopra gab's keine, da saßen die Engländer drauf, und wer konnte Pflanzenfett en gros bezahlen! Katzen und Hundekadaver schienen die letzte Möglichkeit. Aber war das nicht eine unsichere Quelle?

Die Mutter hatte ihren Optimismus. »Der Krieg«, sagte sie, »hat schon nicht das Blankgeputzte mehr, Ziehlke, wie vor 'nem halben Jahr. Er trägt sich ab, verstehst du, genau wie 'ne neue Uniform, und das ist mit den ganzen Herrn Generals der Fall, auf aller Welt, das kannst du glauben. Gott gebe, daß wir uns durchsiegen, da sage ich ja auch Amen zu. Dralle hat ja auch schon seine Parföngs gesperrt bekommen . . . Aber ich sage durchhalten, wenn's auch Brennspiritus wird. Lob und Dank, sage ich, daß wir keinen Hund haben, an dem du dich könntest vergreifen und ihn zu Seife machen . . .«

Sie hatte so tierlieb gelacht, doch dieser makabre Humor seiner Gattin fand kein Echo in seiner Seele.

Man saß schon zu Tisch. Vater Ziehlke sah mit seinen wimpernarmen Augen grell auf, als Max Platz nahm. »Immer mit der hohen Ruhe«, sagte er schneidend. »Nicht mal 'ne Entschuldigung, einfach wie 'n Tiger aufs Essen.«

Max hielt mit der Gabel inne. »Ich bitte«, buchstabierte er korrekt, »um Verzeihung wegen meines Zuspätkommens. Herr Borinsky hatte mich eingeladen.« Dann nahm er seinen Pfannkuchen wieder aufs Korn. Er hielt die Sache für erledigt.

Papa Ziehlke war nicht zufriedengestellt, durchaus nicht.

»Borinsky«, sagte er. »Auch so'n Pollack.«

»Na, na«, meinte die Mutter. »Er ist sein Lehrer, Ziehlke.«

»Lehrer . . .« stellte Ziehlke anheim. Sein Mund hatte die Hufeisenform. Viel Unausgesprochenes lag in der Luft. »Lehrer oder nicht. Du hast pünktlich zu sein.«

Wieder legte Max die Gabel hin. »Ich habe Sie doch schon um Verzeihung gebeten?!« sagte er erstaunt und blickte in der Runde umher. Worauf Magda aufglänzte, Frau Ziehlke Brotkugeln herstellte und Vater Ziehlke mit heftigen Bewegungen einen Kognak nahm, die Nase sehr krauste und ihn anbellte: »Schweig!!«

– – – Max aß nichts mehr und saß still. Und während ein ungemütliches Schweigen über die Gruppe sank und die Uhr laut durchs Zimmer tickte, gebar sich in ihm ein Entschluß.

»Gestatten Sie,« sagte er plötzlich, »daß ich mich zurückziehe?«

Ziehlke stieß kurze Luft durch die Nase. »Wir gestatten«, sagte er. –

Max faltete seine Serviette sorgfältig zusammen, und seine dunklen Augen verschlangen Magda, die ihm demütig und begeistert zusah, wie er sein apartes Wesen trieb. Hierauf schien es, als ob eine Stahlfeder sich in Max straffe. Er verbeugte sich nicht nur wie gewöhnlich im allgemeinen vor der Familie, sondern ging diesmal um den Tisch herum, um zum Abschied allen die Hand zu reichen.

Er hielt sich aber nicht nur bei bloßer Markierung eines Handkusses bei Frau Ziehlke auf, sondern bückte sich schnell und brachte die zusammengekniffenen Lippen an die flaumigen Backen der Frau, die vor Erstaunen nicht wußte, wo sie war. Mit demselben strengen Ausdruck von Pflichterfüllung schritt er an den Hausherrn heran, gab ihm die Hand und zwang sich ein Lächeln ab. Dabei sagte er stockend: »Ich bin Ihnen und Ihrer Familie sehr verbunden für Ihre Freundlichkeit und möchte mich herzlichst bedanken.«

Ziehlke sah ihn an wie ein Uhu und behielt seine Zigarre schief im Mund. Und dann ging Max still und zielbewußt auf Magda zu und gab ihr einen langen Kuß auf den Mund. Sie wurde ganz blaß; dann schlang sie ihre Arme um seinen Hals und gab ihm den Kuß sehr andächtig zurück.

Als dies abgelaufen war, verschwand der Knabe mit einer höflichen Verbeugung.

Vater Ziehlke paffte heftig. »Das nennt man einbuttern«, äußerte er. »So wickelt er euch Weiber ein. ›Gestatten Sie‹ . . . ›zurückziehe‹ . . . ›sehr verbunden‹ . . . Hast du schon mal so 'nen Bengel gehört?«

»Kannst sagen, was du willst, Ziehlke«, sprach die Madame mit viel Autorität, und ein Lächeln zerquoll auf ihrem Gesicht, als werde ein Honigtopf darauf umgekippt. »Das sind nicht bloß leere Manieren . . . das is Herz. Jawohl: Herz hat der Jung'. – Geradezu goldig, das is er. Du natürlich: losgepoltert und grob, als ob es was könnte für deine olle Seife, das Engelchen.«

Vater Ziehlke begrub das Erlebnis unter einem Grunzen.


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