Willy Seidel
Die magische Laterne des Herrn Zinkeisen
Willy Seidel

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Neuntes Bild

Masken des Frühlings

»J'aime ton regard de feu,
ta bravour et ton cœur mâle,
bienque tu sembles un peu
pâle.«     (Théo de Banvile.)

Die Gräfin Ponquille besaß das Schlößchen, in dem früher der Prinz Viktor residiert hatte. Bei seinem Ableben vermachte er das Gebäude der Gräfin und setzte dadurch das Gerücht einer verstaubten Liebschaft wieder in Umlauf. Die alte Dame bekam dadurch, daß ihr überraschenderweise auf einmal ein Rahmen gewährt wurde, eine farbige Kontur, die sich nicht übersehen ließ: seit sie das Besitztum hatte, blühten ihre Wangen rosiger als vorher, und eine seltsam jungfräuliche Entschlossenheit in den Bewegungen belebte die magere Gestalt mit dem ungeheuren grauen Reifrock.

Das Schlößchen schob sich wie eine Kulisse vor das Ende des schnurgeraden Parkkanals, der auf beiden Seiten von kolossal dicken und strengwinklig geschnittenen Hecken begleitet wurde. Irgendwo gab es auch ein Labyrinth, in dessen Schneckengängen Küsse geraubt und Duelle ausgefochten wurden, als jener kleine Resident noch lebte. Denn er war, wie feststeht, ein phantasievoller und wollüstiger Herr gewesen.

Die Gräfin liebte ihren Park sehr. Seit der Prinz tot war, unterhielt sie keinen Verkehr mit der Stadt mehr und lebte anscheinend nur in Gesellschaft ihrer Erinnerungen dahin. Gestattete es das Wetter, so ging sie ganz allein durch die Heckenalleen, verzückt und hingenommen von dem hoch durchsonnten, streng gebändigten Grün, das ein so treues Versteck vor einer plebejisch werdenden Welt war. Unbeobachtet, wie sie sich wähnte, hatte die Gräfin es sich auch zur Gewohnheit gemacht, vor einem barocken Herrn aus Sandstein, der seinen muskelwuchernden Körper in römischer Feldherrntracht auf einem schmalen Sockel durch das Laub hob, stehenzubleiben und den Sockel mit ihrer kleinen gelben Hand zu streicheln. Denn dieser von Kraftüberschuß gekrümmte, von Moos gesprenkelte und von Amselmist gescheckte Herkules trug unter der tobenden Allongeperücke unvergeßliche Züge. Die Gräfin flüsterte: »Viktor!« – und säuberte seine Kriegerwaden bis zum Knie. (Den Rest anempfahl sie dem Gärtner.) Vielleicht kam ihr manch eine Träne ins Auge, während sie diesen zarten Kultus trieb.

Man würde jedoch mit der Meinung fehlgehen, daß sie dieses Erinnerungsopfer immer in gedrückter Stimmung brachte: Im Gegenteil, oft tat sie es mit einer gewissen Schalkhaftigkeit und leistete es wie einen graziösen Tribut, ohne dabei unbedingt zu den Pausbacken, der spitzen Nase und den etwas geistlosen Sandsteinaugen des Verewigten emporzuspähen. Denn es muß verraten werden, daß die Gräfin trotz ihrer Einsamkeit noch Ablenkungen kannte; und schließlich brauchte auch die andächtige Dankbarkeit zu dem charmanten Prinzen Viktor nicht alle Grenzen zu sprengen. – Besonders um Mitte Februar wurde sie flüchtig – denn dann war der Himmel schon blau und atmete weiche Luft über die kahle Welt. – Die Gräfin Ponquille ging an solchen Tagen trotz ihrer vollgerüttelten Sechzig wie ein junges Mädchen die Heckengänge hinab.

Daß sie sich um die Zeit des Karnevals jugendlicher zeigte als sonst, erregte noch nicht so starkes Staunen, da sie, wie man annahm, von verschämten Erinnerungen befallen wurde. Wohl aber gab es einen Punkt, über den sich die Domestiken schon lange den Kopf zerbrachen. Während des Zwölfuhrschlags in der Nacht zum Sonntag Estomihi ging die alte Gräfin in einiger Erregung den Gang des unbewohnten Seitentraktes hinunter und verschwand in einem bestimmten Zimmer, das sie bis Aschermittwoch von innen absperrte.

Tags zuvor hatte Baptiste seinen großen Staubwedel schwingen und das bewußte Gemach reinigen müssen, wie es seit dem Tode des Prinzen seine jährliche Obliegenheit war. Dann hatte er reichlich und trefflich zubereitete Nahrung, Wein und auch ein Dutzend Flaschen Champagner in einem Korb hineingetragen, alles nach Angaben, die sich seinem Hirn längst als Pflicht eingeprägt. Was das Gemach anbetraf, so war es kahl, rund, und hatte schwachgoldgestäubte Zierleisten über den hohen schmalen Fenstern, die von cremefarbenen, etwas brüchigen Seidenvorhängen bedeckt waren. Durch diese Fenster sah man in den Park hinaus. An Möbeln fanden sich lediglich ein zerbrechliches Sofa, eine Couchette, ein Tisch und zwei überzierliche Sessel vor. Die Seitenwände waren weiß und festlich, die Decke von einem heiteren, leuchtenden Fresko in der Art Tiepolos geschmückt. Es zeigte, inmitten einer mythologischen Szenerie, eine Anzahl bräunlicher Faune, mit dem Erobern zeternder nackter Nymphen frohgemut beschäftigt. – Zwischen den Fenstern gab es Spiegel.

Ein Umstand war rätselhaft, ja spukhaft: unter dem mittelsten Fenster stand eine vergoldete Holztruhe in Form eines Sarges. Dieser Gegenstand bestärkte die Domestiken ganz besonders in ihrer schreckhaften Neugier und hielt sie zugleich am nachdrücklichsten von dem Zimmer fern. Als nämlich Baptiste, während er den Jahresstaub aufrührte, den Inhalt besagter Truhe zu erforschen gedachte, drang ein ächzender Ton aus ihr hervor, wie wenn jemand herzhaft gähnt; und etwas später, als er sich noch blaß vor Schreck wieder näherzustehlen wagte, wollte er ein Rascheln gehört haben und eine unmutig murmelnde Stimme: »Mon Dieu,und es ist doch noch gar nicht an der Zeit!«

Mit der Truhe brachte man den Aufenthalt der Gräfin in Zusammenhang. Damit traf man wohl das Rechte, denn Gismonde, die Zofe, hatte einmal den Mut besessen zu lauschen, und von innen einen Dialog gehört (von einem leis perlenden melodischen Gelächter unterbrochen, wie man es der Alten nie zugetraut hätte) –, einen Dialog, der sich verstohlen zischelnd und darum leider unverständlich durch mehrere Stunden hinzog. Daß die Empfänglichkeit für Galanterie in der Greisin nicht abgestorben war, bewies diese periodische Vergnüglichkeit zur Genüge; welcher Art aber dieser Verehrer sei und auf welchem Weg sie ihm jedesmal aus der Truhe verhelfe, darüber tappte man völlig im Dunkeln. –

Es geschah nun um die Zeit, als die Gräfin sich wiederum rüstete, sich zu ihrem bewußten tête-à-tête zurückzuziehen, daß ihre siebzehnjährige Nichte Désirée mit vielen Koffern und auch sonst einigem Aufwand einen Besuch bei ihr machte. Diese Dame, wie es einer Doppelwaise ziemt, hatte bisher ihre Jugend unter der wohlwollenden Kontrolle eines alten bürgerlichen Ehepärchens auf einem Landgute verlebt, und drei Jahre gleichmäßig dahinplätschernder Langeweile, verbunden mit unaufhaltsam reifender Weiblichkeit, hatten eine Spannung in ihr erzeugt, die sich in Ermangelung richtigen Echos in allerlei ländlichen Liebhabereien entlud. So frönte sie der Jagd und vergab sich sogar einiges in Gesellschaft eines gefallsüchtigen Hirtenknaben, der durchaus, was Herkunft betraf, aus ihrer Sphäre fiel. Erschrocken über dies plötzlich erwachende, kaum standesgemäße demokratische Interesse, gab das ergreiste Pärchen ihr flugs den Reisesegen, und die Diana hatte sich unverzüglich auf den Weg zu ihrer fast vergessenen Tante gemacht. Ins Ohr gesagt: sie hoffte auf eine glänzende und rauschende Zeit, auf alles, was sie nicht kannte; und vor allem hoffte sie, sie könne sich in den Besitz eines Kavaliers setzen, jenes hiebfesten, herrlichen Mannes mit funkelnder Schoßweste, der in ihren Mädchenträumen die Hauptrolle spielte.

Hätte der selige Prinz Viktor aus dem Kreise seiner erlauchten Ahnen herniedergespäht, er würde zweifellos die rotwangige Frische des Kindes entzückend gefunden haben: im Gegensatz zu der Gräfin Ponquille, deren irdische Beschaulichkeit empfindlich gestört war.

Denn ihr kam dieser Besuch aus verschiedenen Gründen ungelegen. Der Februar war schon da, wo sie gern ungestört blieb. Dann mißfiel ihr die junge Dame aufrichtig. Die fröhliche Jugend, die sich bei ihr einnisten wollte, machte sie etwas unsicher und neidisch. So traf Désirée auf steife Höflichkeit; doch da sie eine humorbegabte Seele war, machte sie sich nichts daraus. Sie übersah den Schreck auf dem Gesicht der Greisin, wenn sie ihren kräftigen Arm im Bedürfnis, nett zu sein, um deren wespenhafte Taille rankte.

Was Wunder also, wenn die Gräfin, in die Enge getrieben, nichts sehnlicher wünschte, als sich von ihr in kürzester Zeit befreit zu sehen. In ihrem Wunsch bestärkte sie auch die plump zufahrende Art, mit der Désirée in ihrer ereignisreichen Vergangenheit umherforschte, gleichsam, als schlage sie sich auf eigene Faust durch ein Heckenlabyrinth. Jede Andeutung, die sie aus der verdrießlichen Alten herauslockte, versetzte ihr Blut in Wallung und entlockte ihr ungehobelte Schreie des Entzückens, fast noch, bevor sie den Angelpunkt solcher Angelegenheiten erfaßte. Sie bestaunte in der Tante eine Fundgrube des Wissenswerten; und diese, einer anderen Wirkung ihrer Person gewärtig, war schlecht damit zufrieden. Durch kleine mannigfache Auffrischungen, die sie mit so unendlicher Vorsicht gebrauchte – (etwa durch filigranfein geschnittene Silhouettchen auf der gelben Haut ihrer schlaffen Wangen, oder durch ihren von sehr hohen Absätzen beeinflußten Schaukelgang), erregte sie, statt des Nachahmungstriebes, nur die Lachlust des manierenlosen Mädchens.

Darum sagte die Gräfin Ponquille eines Morgens – es war am Freitag vor ihrem alljährlichen dreitägigen Verschwinden –: »Mein Kind, ich glaube, es wird eine Erleichterung für Sie sein, wenn Sie die kommende Zeit in der Stadt verbringen. Unser Name wird Ihnen die Türen öffnen; was sage ich, sprengen! – und Sie werden sich amüsieren. Was suchen Sie bei einer alten Frau, die sich an den Krücken ihrer Erinnerungen ins Grab schleppt . . . Ich liebe Sie; doch Sie erweisen mir einen Gefallen, wenn Sie sich zerstreuen. Ich werde Sie später gern in die Arme schließen; doch mein Temperament ist nicht mehr lebhaft genug, um mit dem Ihren in dieser Jahreszeit in Wettstreit zu treten!«

Désirée verstand. Sie war gern bereit, wegzufahren. Die Alte spitzte die Lippen und gab ihr einen Kuß; er war kalt, dieser Kuß; es war etwas Schales, Flaues in ihm; und doch war Désirée erstaunt, ihn überhaupt zu erhalten. Sie erwiderte ihn, und dabei nahm sie eine sonderbare, gleichsam morgenrötliche Färbung, ein vergnügliches und nicht geheimzuhaltendes Rosa auf den Wangenknochen der Tante wahr. Und Désirée sah noch eins: die Augen der Dame, die sonst wie verblichen schienen, hatten ein Glanzlicht, ein huschendes Leben wie ein neues Seelchen, das aus den Resten des alten hüpfte; und die Äderchen der schweren, listigen Lider schimmerten blutdurchpulst.

Und Désirée, mit klaräugigem Instinkt, spürte sofort, daß die Tante Pläne hege.

Darum bereute sie ihren Gehorsam, denn, wie sie sich blitzschnell überlegte, hier gab es eine Sensation, die die Tante zu verhehlen sich mühte. Doch war Désirée Weib genug, sich diese Wissenschaft nicht anmerken zu lassen, und beschloß, im stillen hinter die Sache zu kommen. Sie ließ daher ihre Koffer packen und raffte ihren ganzen Aufwand an Batist und Seide für eine Reise in die Stadt zusammen. Währenddessen zog sie Erkundigungen ein und erfuhr, wie es sich mit dem bewußten Zimmer verhielt. Dies Geheimnis genügte vollauf, um ihre Neugier bis zu einem brennenden Grade wachzurufen. So kaufte sie sich die Mithilfe des Bedientenpärchens und reiste mit einigem Lärm am Samstagnachmittag ab. Ihre Abschiedsliebkosungen waren echt: sie küßte mit Selbstverleugnung in die puderdurchstäubten Tälchen des welken Gesichts hinein, wobei ihr eines jener gummierten Silhouettchen an den roten Lippen haften blieb; sie zerriß die Tante fast an der Stelle, wo sie sich zwischen den schillernden, stufenweise gerafften Deckflächen der Taille wespenhaft verjüngte. Sie veranlaßte das gesetzte Alter zu unwürdiger Hast und hochgespannter Heuchelei; und endlich fuhr sie ab. Das polternde Gefährt entschwand durch den Toreingang, und die Gräfin Ponquille schlürfte das langersehnte Geräusch der entrollenden Räder mit vorgeneigtem Kopf.

In der Nacht, als alles still war und nur der fast gefüllte Mond wachte, kam Désirée zurück und wurde durch eine kleine Pforte in der Parkmauer durch Baptiste eingelassen. Den Wagen mit ihren Effekten hatte sie dem biederen und gutbewaffneten Kutscher zur Weiterbeförderung in ein bekanntes Gasthaus der Stadt anvertraut; nur das Nötigste trug sie bei sich. Sie schlich sich nun mit Hilfe eines ungefügen eingeölten Schlüssels in den Seitentrakt hinein und versteckte sich in dem Zimmer, das an das rätselhafte Gemach anstieß und voll verbrauchter Möbel, zerschlissener Roben und bröckelnder Familienbilder war. Ihr Herz klopfte; sie wartete, die Uhr in der Hand. – Endlich war es soweit. Ein fernes, verworrenes Klingen wob die Dauer einer Viertelminute durch die Flucht der leeren Säle . . . das waren die vielen Prunkuhren, die sich im Schlosse rührten. Ein rhythmisches Rascheln ward hörbar: die Tante kam den Gang herab. Jetzt kreischte die Klinke nebenan ganz leise, und ein Riegel schob sich vor. Das Mädchen, mit stürmisch bewegter Brust, stahl sich in den Gang und sah einen fadendünnen Strahl, der durch das Schlüsselloch fiel. Knieschwach vor Erwartungsfieber beugte sie sich und preßte – (mit gebührender Rücksicht auf ihr Toupet) – das Auge an das Loch.

Die Tante beschäftigte sich damit, einen Kandelaber, auf dem ein kleiner Hain schlanker Kerzen angebracht war, zu entzünden; und soeben beendete sie ihr Werk. Eine festliche Flut goldenen Lichtes erfüllte den Raum. Die Tante ging nun, nach musternden Blicken über den reizend gedeckten Tisch, zu der goldenen Truhe: mit seltsam trippelnden Schritten, wie das Kammermädchen einer Opera buffa. Vor der Truhe stehend, klopfte sie mit spitzem Knöchel an den Deckel. Nun ächzte es wieder darin – und Baptiste hatte recht, es klang wie Gähnen. Der Deckel tat sich auf, langsam und ruckweise, als werde er von einem plötzlich darin erwachenden Odem emporgeblasen und in Schwebe gehalten. Nun gähnte es noch einmal, mit einem schnappenden Abschlußlaut, und die Tante griff in die Kiste hinein und zog. Sie zog mit aller Kraft; die Nähte ihrer Ärmel krachten.

Désirée sah eine verschwenderische Masse von weißem, etwas vergilbtem Seidenstoff, der in weiten Falten aus der Truhe quoll. Dazwischen wogte eine Kette aufgeplusterter strotzender Pompons von der Farbe knospender Veilchen; und wo die Hand der Gräfin hineingegriffen hatte, erschien eine in mehreren Lagen aufblätternde Krause von derselben violetten Farbe. Aus ihr wuchs ein langer Hals hervor, der scheinbar wirbellos umherglitt, beschwert von einem kalkweißen Kopf mit tiefschwarzem Käppchen. Die Gräfin ergriff diesen Kopf am Hals, wie man etwa einen jungen Hund vom Boden nimmt, und zerrte eine schlaffe Puppe von Menschengröße aus der Truhe hervor, deren kurze spitzschnäblige Schuhe mit großen Rosetten das Parkett des Zimmers berührten. Kaum war dies der Fall, als die Gestalt gleich dem antiken Antäus zu zucken begann, als eine eilige Spannkraft ihr hochschoß und sie taumelnd stehenblieb. Das Gesicht drehte sich blinzelnd dem Kerzenlicht zu. Es durchfuhr Désirée wie ein Schlag.

Das war Liebe auf den ersten Blick; sie erbebte. – Der Held ihrer bisherigen Träume, der hiebfeste Herr mit der funkelnden Schoßweste, sank im Verein mit jenem Hirtenknaben (der sich in letzter, gewagtester Koketterie um sie mühte) schmerzlichen Scheideblickes ins Wesenlose. Was konnten sie beide ausrichten gegen dies kalkweiße Antlitz mit hochrotem beweglichem Mund; gegen diese Nase, die voll Wehmut, spitz, seltsam-asketisch in die Luft stach! – Die Augen! Sie waren rollende Feuerbälle, schwerlidrig und von Wimpern geziert, deren streichelndes Spiel die Lauscherin bis zum Schluchzen entzückte. Die zuckenden hohen Brauen wurden im Nasensattel durch eine blaue Falte zerschnitten. Nun intonierte er ein Lächeln. Es wanderte vom einen Mundwinkel in den anderen, denn noch schien der Auferstandene etwas erschöpft. Die Augen blieben tottraurig währenddessen, und die schmale Stirn sorgenumwittert. Es war gleichsam ein Lächeln auf Vorschuß; und erlosch wiederum. – Nun wankte er auf das zerbrechliche Sofa zu und sank darauf nieder, Falte nach Falte. Seine schmale Hand kam irgendwo zum Vorschein und pendelte, mit den Knöcheln das Parkett streifend, über die rosa gepolsterte Schneckenlehne herab.

Die Gräfin versäumte nichts, um ihn völlig wachzumachen. Sie näherte ein Glas Rotwein seinem Mund. Nach mehreren glucksenden Zügen (wobei er selig und schwach hüstelte) – kam denn auch sichtlich mehr Leben in ihn. Sein Mund öffnete sich wie ein Trichter, als entschlüpfe ihm ein köstlicher Ton im höchsten Diskant; doch vernahm man noch keinen nennenswerten Laut; noch präparierte er sich. Dies schien ein Signal für die Alte. Sie eilte zur Truhe und zog eine Guitarre mit breitem Tragband hervor, das sie ihm um den langen Hals schlang. Hierauf kam seine andere Hand aus dem wabernden Ärmel zum Vorschein und akkompagnierte der ersten, die zuckend emporschnellte. Seine dünnen Finger raschelten über die Saiten, schraubten, probten und erzeugten Klänge so zart, wie wenn ein Meislein im Neste träumt. Klare Akkorde folgten, und dazu sang jetzt seine Stimme. Sie schien vom Plafond zu kommen; sie hatte etwas pastoral Schwingendes. Sie klang wie der Föhn, der ein erstes Mal in die Knospen fährt und sie wild hin und her bewegt. Dann stand der Spieler auf und raffte den Fenstervorhang zurück. Die Kerzen und der Mond, an dem eilige Wölkchen vorüberhasteten, erzeugten geisterhaftes Zwielicht. Bewegung war draußen im Park; der Kanal blänkerte; ein flackerndes, stummes Leben schien geschäftig. Durch das Fenster sah man die samtschwarzen, parallelen Schatten der Hecken. Noch einmal hob der Mond sich von den Wolken ab, als sei er größer geworden, als wachse er wie ein silberner Alb heran, von Fledermäusen quer durchschnitten; dann wurde es mit einemmal pechfinster; ein trommelndes Geräusch, ein gläserner, flüsternder Vorhang umgab das Schloß, umgab den Park und die Welt; Regen sprühte.

Doch innerhalb dieser trommelnden Stille war ein goldenes Versteck, ein heimlich flammendes Zentrum. Draußen rührten sich Säfte, wucherten Augen im Holz, keimte das Grün des noch wiegenstillen Jahres so geheim, daß man sich kaum ins Ohr zu tuscheln wagte: »Pierrot ist wach!« – Vielhundertmal hatte man ihn begraben, im Duell gefällt, plump verkannt; hatte Eis und Schnee mit melancholischer Wut auf ihn getürmt; immer ward er wieder lebendig, wenn seine Stunde kam. Die Gräfin Ponquille hatte ihn gepachtet, und an der Tür stand ihre junge Nichte. Sie hatte noch nichts von Pierrot erfahren; sie bebte vor Eifersucht. –

Drinnen begann man nun, sich leise zu unterhalten. Das Kerzenlicht blühte durch die Gläser, in denen roter Margaux funkelte. Jetzt beugte sich Pierrot und küßte langsam und genießerisch die Hand der Gräfin. Und während dieser Sekunden geschah etwas so Seltsames, daß Désirée kaum einen Schrei unterdrücken konnte. Denn nicht mehr ihre Tante saß dort, sondern eine geschmeichelte, gepflegte Matrone von beiläufig vierzig Jahren. Die Runzeln waren verschwunden; die Figur hatte sich gerundet zu praller Fülle, die die seidne Panzerung bei jeder Regung zu sprengen drohte. Die ganze Erbschaft einer galanten Herzensära entstieg dem Alter, das wie entstellender Nebel verrauchte. Ihre zärtlichen Repliken, den sich häufenden Werbungen Pierrots gegenüber, wurden träumerisch und treffsicher . . . bis zu einem Grade zielbewußt, daß sie sich plötzlich – schon halb entblättert – erhob und zierlich pustend die Kerzen löschte, die zu einem Drittel geschmolzen waren. Zu dieser verheißenden Tätigkeit schlug Pierrot leise Rondotakte, und Désirée konnte gerade noch erkennen, wie sein Rosettenschuh zephirgleich über das Parkett strich. Dann fraß die Dunkelheit alles beim Erlöschen der letzten Kerze, und der Rondotakt endete in einem kleinen raschelnden Mißton . . .

 

Müssen wir die Verfassung schildern, in der Désirée  in ihrem Versteck diese Nacht verbrachte nach dem Sonntag Estomihi? Man erspare es uns. – Nur andeutungsweise wollen wir verraten, daß Glut mit Frost wechselte, und ihr Appetit auf die von Gismonde hereingeschmuggelten Mahlzeiten sehr zu wünschen übrigließ . . .

In der folgenden Nacht finden wir sie wieder auf ihrem Lauscherposten. Diesmal war die Tante – strafe sie Gott – mindestens um zehn weitere Jahr verjüngt. Auch hatte sie ihr Kostüm geändert, dem Schwund der Behäbigkeit, der siegreich sich vordrängenden Schlankheit, feinfühlig angepaßt; es war pfauenblau und von verschollener Mode. Pierrot schien seinerseits wesentlich aktiver; der Zustand des puppenhaft Schlaffen schien gänzlich überwunden. Man widmete sich diesmal dem Champagner und legte eine Bresche in die stattliche Batterie – ein Umstand, der durchaus geeignet war, in Pierrots Benehmen eine stürmischere Note zu züchten. Hätte die Tante (konnte man sie denn mit Fug noch so nennen?) das haßerfüllte Auge am Schlüsselloch gespürt – sie wäre zusammengezuckt wie bei einem Dolchstich. So aber wurde für das hübsche ausgeschloss'ne Kind wieder nichts aus dieser Nacht, als eine beklemmende und fruchtlos erregende Affaire . . . Wir müssen sie, so leid sie uns tut, wieder ungetröstet ins Bett schicken in dem Augenblick, als drinnen die Kerzen zu zwei Dritteln verbrannt sind. – Doch hatte diese neue Enttäuschung zur Folge, daß in der geplagten Désirée ein großer Entschluß zur Reife kam.

 

Blaß und angespannt, doch von unumstößlicher Absicht beseelt, fand sie sich in der dritten Nacht vor der Türe ein. Was sie aber nun gewahrte, setzte sie so in Erstaunen, daß es ihr fast den Atem verschlug. Denn dort auf dem Sofa saß eine Person, die auch nicht im geringsten mehr an ihr früheres mürbes Stadium gemahnte: eine Schäferin im Stile des Watteau, ein junges keckes Ding; auf dem Kopf trug sie, zu herabpendelnden gedrehten Locken, einen breitrandigen Strohhut, dessen Atlasbänder bis zur Hüfte wallten.

Es war nicht wegzudisputieren, daß diese Person mit ihr selbst, mit Désirée, eine vertrackte Ähnlichkeit aufwies. Dies kam noch deutlicher zutage, als sie sich zufällig in der Richtung der Tür bewegte und ihr Gesicht in das Blickfeld geriet – es kam Désirée genau so vor, als blicke sie in einen Spiegel. Es waren nicht bloß ihre Züge: das waren ihre eigenen Schultern, ihre eigenen jungen Brüste mit den zierlichen blaßroten Knospen, die dort zitterten und vom Kerzenlicht vergoldet wurden! Ihre eigene mattweiße Haut war's, auf der jener seidige Glanz ruhte, die sich der Umarmung des Geliebten bald näherte, bald spöttisch entzog . . .

Und nun war er da, der heroische Augenblick.

Außer sich vor Eifersucht, Haß und Sehnsucht warf Désirée sich mit der Schulter gegen die Tür. Das Zierschloß krachte auf, und so gelangte sie in kniender Haltung ins Zimmer. Die Rivalin tat einen spitzen Schrei und wich zurück. Doch Désirée erhob sich, etwas stolpernd (sie trat auf die Säume ihres mächtigen, gebauschten Rockes) und stellte sich ihr, keuchend vor Aufregung und erhitzt gegenüber. Es fiel ihr schwer, unter diesen Umständen die Form zu wahren, doch immerhin brachte sie leidlich fließend hervor: »Verzeihn Sie, liebe Tante. Ich bin ein wenig früher, als ich plante, aus der Stadt zurückgekehrt . . . Diese Art meines Erscheinens mag befremden . . . Ich gebe es zu . . .«

»Ah! – Sie geben es zu!« flüsterte die Tante. »Sehr gütig von Ihnen! – Und ich soll Sie entschuldigen! Was richten Sie an! Sie wissen es selbst nicht!« Ihre Lippen waren blutlos. »Sie spionieren! Dies ist mehr als in diskret! Dies ist Libertinage . . . ist Raub!« Und sie schien sich zu straffen. Sie hastete nach dem Fenster, an das ihr Schäferstab, ebenfalls mit Atlasbändern geziert, gelehnt stand, und ergriff ihn wie eine Waffe. Désirée folgte ihr kaum mit den Augen; es schien ihr viel wichtiger, von Pierrot Besitz zu ergreifen, sich an seine Seite zu schmiegen und den Arm um ihn zu schlingen. Sein Ausdruck war etwas verdutzt gewesen, doch er war offenbar entschlossen, mit sich geschehen zu lassen, was das Schicksal beschloß.

Jetzt kam die Tante zurück. Sie schwang den Stab in der Luft, daß die Bänder knatterten und die Kerzenflammen in allen Spiegeln wankten. »Sie werden vergessen,« keuchte sie dabei, »was Sie gesehen haben! Oder, bei Gott – ich jage Sie aus dem Schloß! Und Sie sind meine Nichte nicht mehr! Auf der Stelle geben Sie den Platz frei, oder ich enterbe Sie – Sie Lorette!! Er gehört Ihnen nicht! Sie haben kein Anrecht auf ihn!«

»Ein größeres als Sie. – Ihr Alter ist vorgetäuscht. Sie täuschen vor, Sie seien ein junges Mädchen wie ich. Sie erschwindeln sich die Zuneigung dieses Mannes. In Wahrheit sind Sie . . .«

»Hinaus!!« schrie das Gespenst mit dem Schäferstab und schlug zu . . .

Désirée war handfest. Sie fing den Schlag auf; er kam seltsam schwach herab. Bei dieser heftigen Bewegung platzte ihr Mieder und stellte, als bestes Argument, den Beweis blühender Jugend zur Schau. Dies hätte genügt, wenn die Tante nicht aggressiv geblieben wäre – so aber mußte sie sich zur Wehr setzen. Sie kämpften, und eine Wolke von Puder stieg auf. Aller Respekt war vergessen. Auf einmal tat die Gräfin einen Schrei, viel lauter und klagender als den ersten, und sank um. Entsetzt hielt Désirée inne: denn was dort lag, war wiederum die ihr vertraute alte Tante, nur viel älter, verdorrter und kümmerlicher, als sie sie je gesehn. Die Verwandlung geschah mit schauerlicher Plötzlichkeit. – Désirée hielt ihren Zustand für eine Ohnmacht, doch dann wurde die Reglosigkeit der Nebenbuhlerin ihr unbehaglich. Sie schaffte sie in den Nebenraum, der ihr als Versteck gedient, und bettete sie, so gut sie konnte. Es war ihr inzwischen jeder Zweifel darüber geschwunden, daß die Tante tot war. Der Zorn bebte noch in ihr nach, sie handelte wie unter einem Zwang. – Ohne sich weiter aufzuhalten, eilte sie zu Pierrot zurück.

Dieser zeigte sich von bemerkenswertem Gleichmut, als ob ihn der Wechsel der Szenerie nicht im geringsten berühre. Mokant lächelnd hatte er als Zuschauer, ohne einzugreifen, diesem weiblichen Duell um seine Person beigewohnt. War er in der Gesellschaft der Tante schon ausgelassen gewesen, auf seine verwöhnte Art, so ergriff ihn jetzt geradezu ein Taumel, als die echte Jugend ihn an ihre warme Brust nahm. Sein Hals dehnte sich wie eine Kerze; sein zurückgeworfenes Haupt schien von rätselhaftem Gram verschönt und verklärt von der Wissenschaft um eine geheime, allumfassende Liebe, die der äußerlich schenkenden ihre glühende Folie lieh. Er krähte förmlich vor Bedeutsamkeit und prophetischem Tiefblick; er zappelte und sah mit mokantem Mund, starre Entsagungsaugen im zuckenden Puderfeld, in die Spiegel hinein; er beschwor, deklamierte und fegte mit den wabernden Ärmeln einige Gläser vom Tisch. – Zuweilen blieb er stehen und wuchs vor Verachtung einem unsichtbaren Gegner gegenüber, den er dann mit der Laute bedrohte; mit Versen durchbohrte; zu Boden lächelte; und einen Augenblick glaubte Désirée in einem der Spiegel die Umrisse eines gescheckten Trikots zu sehen, das farbig durch das kristallene Gesichtsfeld glitt: – Arlecchino!! –

Dann, nach erneuter Umarmung, sprang er ans Fenster und riß, wie in der ersten Nacht, den Vorhang zurück. Wiederum blickte der Mond groß und hell herein. Und Désirée sah, wie der weiße Mann ihm Kußhände zuwarf, verliebte Gebärden machte und mit der Laute winkte. Siehe da: der Mond geriet ins Wanken, ins Rollen; er schwamm, er wuchs. Er schob sich durch die Bäume; wie ein Silberrad spazierte er über die Äste, er wurde groß und größer und sein Glanz immer stärker. Traumhafte Wellen von Lähmung wallten von ihm herab. Eine silberne Schlafsucht überzog die Welt. Gleichzeitig entstand draußen, wie früher, ein Raunen und Rieseln; und Désirée sah einige Knospen, schwarz und schlank, vor einem silbernen Hintergrund schwanken. Letzte Schneestückchen auf dem Dunkel der Erde schimmerten wie Leichentücher, und ein hohler, großer Ton ging um, aus den Bergen stammend: der erste Wächterruf, welcher der Genienschar des sonnigen, winddurchtummelten Sprießmondes vorauslief.

Darauf sanken sich beide in die Arme. Eine kurze Weile verharrten sie so, und dann spürte Désirée plötzlich eine unendliche Traurigkeit. Denn nun wußte sie: ihr ewiger, unerschütterlicher Rivale war nicht aus dem Feld zu schlagen. – Es war der Mond. Gleichzeitig trat das Nebengemach mit der verstummten Bewohnerin vor ihr inneres Auge; sie sah sie dort drinnen schrullenhaft lächeln, mit schattenhaftem, makabrem Behagen, mitten im Amüsement dahingerafft zu sein . . .

Sie stürzte mehrere Gläser hinab. Da entstand ein rosiger Nebel; und ihr wurde leichter. Aus einer klingenden Stille klang verworren Musik und Luftgekreisch – so fern, als ob ihr die Ohren klängen. Und Désirée versenkte sich in Pierrots Augen. Ein Brand glomm darin, der die Seelen versengte. Sie fuhr voller Andacht fort, ihn zu küssen . . .

Aus einmal zeigte er Unruhe.

»Was ficht Dich an?« fragte sie zärtlich. Doch er, seinen Kopf zwischen den weiten Ärmeln begrabend, stöhnte auf. – Ein Windstoß brauste draußen vorüber. Er hob den Kopf, sah stumm im Kreise um; seine Augen drehten sich; die Brauen krochen über der Nasenwurzel zu einem schwarzen Fleck zusammen. Seine Hände verließen ihre fröstelnden Schultern. Sie strichen tastend und zitternd an ihren blühenden Armen herab . . . Ein Krampf überlief ihn; und endlich sagte er, den Mund auf ihre Hand gepreßt, mit einer seltsam entlegenen Stimme:

»Nun muß ich gehen, Désirée; nun ist es Zeit, merke wohl . . . Nun schlägt die zwölfte Stunde, und der Sarg wartet auf mich . . .« Und leiser sprechend, sagte er mit starrem Blick: »Die Wunde brennt, zieh dein Florett, Arlecchino, du Würdeloser, und gib mir den Gnadenstoß! –« Dann schritt er still zum Fenster, öffnete es und sprach eintönig in die Nacht und in den Wind hinein:

»Wenn dir die Pulse pochen,
Mein Glaube ist's gewesen;
Ich habe dich erlesen,
Du bist mir zugesprochen!
Wenn ich die Wimpern senke,
Dann mußt du Atem holen,
Und wenn ich deiner denke,
Bist du dir selbst gestohlen . . .«

Désirée, von einer seltsamen Angst gelähmt, verhielt sich still. Ein stärkerer Windstoß brauste herein, und die nun zum Ende des letzten Drittels herabgebrannten Kerzen wurden bläulich und gingen flackernd aus. Silbernes Zwielicht herrschte im Raum. Der Schatten Pierrots trat vom Fenster zurück. Und während er reglos stand, wurde es auf einmal ruhig wie in einer Gruft.

Ein beklemmendes Nicht, ein gänzlicher Mangel an Geräuschen wuchs empor; Désirée vermeinte einen Sturz zu tun.

Plötzlich erscholl ein Uhrenschlag. Dann ein zweiter, ein dritter: drei fühllose Hämmer zerspalteten die Zeit mit scharfen Metallschreien, zwölfmal, grell und lieblos; und als sie verstummten, zog ein Flor vor den Mond.

. . . Pierrot tat einen wunderlich rührenden Seufzer und schritt auf die Truhe zu, deren Deckel geöffnet stand wie ein goldener Rachen, der nach ihm schnappte. Dies alles sah Désirée halb im Traume und untätig an; es war so hell, daß sie fast alle Einzelheiten sah; ein fahles Licht herrschte, wie sie es nie empfunden. Doch kaum, daß er den einen Fuß in den Sarg setzen wollte, kam ein wilder Entschluß über sie. Sie fuhr in die Höhe und hielt ihn fest.

»Geh' nicht hinein!« jammerte sie. »Bleib'! – Ich liebe Dich!«

Er wehrte sich und strebte heftig nach der Truhe. Sie versuchte alles, ihn zu halten. Wäre der glockenförmige Rock ihr nicht im Wege gewesen, so hätten ihre kräftigen Schenkel ihn wie eine Zange ergriffen, aus der es kein Entrinnen gab; – so aber öffnete eine seltsame, drängende Spannkraft ihm, Ruck nach Ruck, den Weg ins ersehnte Ziel . . . Schon hatte er den einen Rosettenschuh über den Rand gehoben, als er auf einmal einen gräßlichen Schrei tat und als leblose Puppe in Désirées Armen hing. Es war derselbe Zustand, in dem die Gräfin Ponquille ihn in der vorvorigen Nacht aus der Truhe gezogen. Gleichzeitig war er federleicht geworden, als sei er mit Stroh oder Werg ausgestopft; sein Hals pendelte elastisch über der Krause; – sein Rückgrat, wunderlich biegsam, knickte in der Mitte ein. Désirée bettete ihn auf das Sofa, schloß das Fenster und sah ihn an.

Sie setzte sich und preßte seinen Kopf an ihre Brust; und zugleich füllten sich ihre Augen mit Tränen. Das salzige Naß tropfte und tropfte ohne Aufhören aus ihren blauen Augensternen und sprenkelte das weiße Gesicht, das so schmal und spitz, einem künstlichen Gebilde aus Wachs ähnlich, mit blinden Augen zu ihr emporstarrte. Die Schmerzfalte darin hatte sich vertieft; eine stumpfe Trauer lag über seine Züge gebreitet, eine Trauer, die auch sie ergriff und sie leblos machte. Sie saß wie ein Steinbild.

Endlich raffte sie sich auf und legte ihn sorgsam in die goldene Truhe zurück. Die Laute gab sie ihm auf die Brust. Bis zum Morgengrauen noch kniete sie vor ihm und sah ihn. Endlich schloß sie den Deckel und ging in den bewohnten Mitteltrakt hinüber, wo sie die Dienerschaft, mit der nötigen Diskretion, vom plötzlichen Hingang ihrer Herrin in Kenntnis setzte . . .

 

Zur Erbin des Schlößchens und Parkes geworden, ließ Désirée die bewußte Truhe im Heckenlabyrinth vergraben. Eine Marmorplatte, mit einer Urne verziert, wurde darübergelegt; und die Tante war an einer anderen Stelle, die man im Testament verzeichnet fand, zur ewigen Ruhe bestattet worden: unmittelbar hinter dem Sockel mit dem Standbild des Prinzen Viktor.

Es fiel nun den Domestiken mit Recht auf und gab einiges Kopfschütteln, daß die gute Désirée, anstatt die Grabstätte der Verewigten gebührend zu pflegen, weit häufiger sich zu jener Marmortafel, unter der die Truhe lag, verfügte und dortselbst ausgedehnte Andachten hielt. Bisweilen nahm sie auch ein Büchlein mit und las psalmodierend daraus vor. Einmal wollte man sie auch schluchzen gehört haben. Man hielt es für Schmerzenslaute, dem Andenken der Tante geweiht . . .

Es geschah nun, daß sie wiederum in ihrem Verstecke saß, auf der Marmortafel ruhend und den Kopf an die Urne gebettet. Es war die Zeit, da die Rosen in höchstem Flor standen, um die Mitte Juni, und es war ein heißer Tag. Sie ließ den in rotes Maroquin gebundenen kleinen Band (einen Taschenkalender voll unartiger Kupferstiche, vertrackter Lebensmaximen und trostreicher Ratschläge), aus dem resigniert nachgebenden Schoß gleiten und starrte vor sich hin. Ihre umherirrenden Hände streckten sich nach beiden Seiten und betteten sich müde auf die Seide ihres Reifrockes, der, mächtig gebauscht, den Stein ganz verhüllte. – Und mit der Zeit wurde sie traurig in der Wärme und dem Rosenduft; der Gram überfiel sie, und sie schluchzte heftig. Dabei schlief sie ein; und auf einmal fuhr sie, von einer zierlichen Musik geweckt, empor und starrte in die Höhe.

Zunächst sah sie nichts als ein helles Blau. Auf einmal vertiefte sich dieses Blau, erhielt Perspektive, und zwar durch eine silberne Treppe, die aus ihm hervorwuchs und deren Fuß scheinbar hinter der Hecke mündete. Nun erschien auf der Höhe dieser Treppe ein Pärchen: der Prinz Viktor und die Gräfin Ponquille.

Der Prinz löste sich von der verewigten Freundin los und eilte die Stufen hinab, wobei seine Schritte eine hübsche Melodie ergaben. Seine Kleidung war heiter und leuchtend; ein rosiges Gewimmel von Puten purzelte hinter ihm drein. Kurz bevor er hinter der Hecke verschwand, nahm er das Lorgnon und spähte nach Désirée hinüber, worauf er befriedigt nickte und untertauchte.

Jetzt hörte Désirée Schritte im Grün, und auf einmal stand der Prinz vor ihr. Sie kannte ihn schon von der Statue her, die man ihm errichtet; doch hatte jener Künstler ihn mit einer viel zu kraftvollen Figur ausgestattet, wie durch den Augenschein ersichtlich war: denn er war nichts weniger als muskulös, vielmehr ein sehr zierlicher, beinahe schmächtiger Herr.

Er verbeugte sich und sprach mit besorgter Stimme: »Sie weinen, meine Beste?«

»Ja, Ew. Liebden«, erwiderte das Mädchen. »Muß ich nicht weinen? . . . Er ist tot.«

»Wer ist tot, meine Liebe?« Der Prinz blickte eifrig mit dem Lorgnon in der Runde umher. Seine Backen waren gebläht, seine Augen, kurzsichtig, traten etwas hervor.

»Aber er ist doch tot, Pierrot, mein Freund! – ich sitze auf ihm, Ew. Liebden!« rief sie und begann von neuem heftig zu schluchzen. Hier aber zeigte der Prinz kein Mitgefühl, sondern er begann hell und ungezwungen zu lachen; und es war, als ob das Gelächter ein zartes, tausendfaches Echo wecke; das war wie Bachgemurmel allerorten; es war, als ob die ganze Schöpfung sich amüsiere. »Nein, das ist köstlich! – Wer, sagten Sie, ist tot?«

»Pierrot!«

Da rief der Prinz mit verstärktem Gelächter und schüttelte sich:

»Aber ich bitte Sie, meine Liebe – – der ist ja unsterblich!!«


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