Willy Seidel
Die magische Laterne des Herrn Zinkeisen
Willy Seidel

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Siebentes Bild

Vom orangefarbenen Herzogtum

I

Er hat sich soeben »freigeschwommen«. Dadurch, daß er ohne Korkgürtel quer über den lehmgelben Fluß (die Hauptwasserstraße des schläfrigen kleinen Herzogtums) und wieder zurückgeschwommen ist, hat er ein großes Privileg; man wird in Zukunft nicht mehr zetern und den gütigen Himmel beschwören, wenn er ohne Aufsicht ins Wasser steigt. – Sein Vater ist zu diesem Examen erschienen und hat von der bretternen Badeplattform aus zugesehen. Als der Sohn prustend landete, haben Papa und Dunlop, der Erzieher, ein sehr wohlwollendes Benehmen gezeigt. – Nun kehrt man von der Badeanstalt zurück, und wie um die Gelegenheit noch besonders festlich zu illuminieren, brennt jenseits des Flusses eine Viertelmeile entfernt die große Zelluloidfabrik nieder.

Sie bleiben stehen und blicken zurück. Der Himmel ist voll träg geballter Augustwolken. Von ihren Rändern trieft noch der satte Widerschein der Sonne, die gerade unter den Horizont geglitten ist; die zerquellenden Massen strahlen rosa von innen heraus. Doch unter ihnen regt sich etwas Fremdes, Lebendigeres, das sie überbieten will. Teerschwarze Schirme spreizen sich untereinander, und zwischen ihnen geisternd, halb entblößt bald und bald versteckt, zuckt blutig die gefräßige Flamme. Und je dunkler blutrot es blitzend rinnt, desto schwerer türmen sich die schwarzen Schirme, wachsen die riesigen Pilze empor. Papa deutet mit seinem Bambusstock in die Höhe. – »Merkwürdig!« sagt er; »man sieht kaum, wo die Wolken aufhören und wo der Qualm beginnt; so natürlich fließt das zusammen.« – Dunlop, durch die Zähne pfeifend, stimmt bei. Und dem kleinen Albert kommt es beinahe so vor, als sei das Phänomen mit dem Qualm das einzige, was an dem ganzen Brand von Wichtigkeit sei.

Sie gehen weiter durch die abendliche Gegend. Das Zwielicht dauert lange im Herzogtum Plessenberg.

Die Pappelallee, die in das Villenviertel führt, ist voll von Staub und Rädergeräuschen. Albert hält seine ausgequetschte Badehose in der Hand, zum Klumpen geballt, und trabt in träumerischem Zickzack bald vor, bald hinter den großen Männern. Nun wird die Dämmerung tiefer, und die Männer werden zu schwarzen, wandelnden Türmen. Papa gibt Dunlop von seinen »Brevas«, den großen dunklen Zigarren, die er ständig raucht . . . Wie Wurzeln sehen sie aus bei Tageslicht. Sie geben eine Art Feuerwerk von sich, ehe sie brennen. Dunlop bestreut Albert mit Asche, sagt gedankenlos: »Ah, pardon«, und klopft ihn auf gut Glück ab, in das Dunkel hinein. Dabei unterhält er sich fortwährend zu Papa gewendet über Dinge, die Albert nicht versteht; – doch einzelne ungewöhnliche Wörter hascht dieser auf und macht Fabeltiere aus ihnen, die ein paar Herzschläge lang vor ihm bunt auf dem finsteren Pfade leben. Zwischendurch macht seine Seele schnelle, sehnsüchtige Ausflüge hinter die Pappeln über die welligen Wüsteneien von Fabrikabfall bis zu dem Punkt, wo diese beschränkte Zwielichtwelt einen Abschluß hat und eine neue, grellorangefarbene, beginnt . . . Nie würde er hoffen können, über diese zahllosen Schlackenberge zu klettern; Dursttod würde ihn ereilen zwischen Blechbüchsen und erstaunlichen Knochen, bevor ihm beschieden sei, das Mysterium jenes orangefarbenen Herzogtums zu ergründen . . .

Pflaster erklingt unter ihren Schritten. In spärlicher Kette zu beiden Seiten brennend, bestrahlen Gaslampen endlose Gartenmauern. Abgeblühte Fliedersträuche, zu schwarzen Klumpen gruppiert, hängen darüber und drängen sich nach den schwachen Zirkeln der Flammen. Es kommen noch drei Ecken; dann stehen sie vor dem schmiedeeisernen Tor der Garteneinfahrt zu Papas Haus. Papa tritt ein; das Geräusch seines Schlüssels ruft eine leise Tätigkeit in der Küche hervor; – fast unmittelbar steht das Abendessen für ihn und den Erzieher im Speisezimmer bereit. – –

In Alberts eigenem Raum brennt die Lampe auf der schwarzen, geschnitzten Wickelkommode. – Traulich gelb schimmert sie von dem dunkelbraunen, marmorierten Wachstuch zurück. Vor nicht so sehr langer Zeit, mit Respekt zu vermelden, hat dies Wachstuch Alberts leuchtendes Fleisch matt abgespiegelt; es fühlt und sieht sich sehr eng verwandt an, findet er; sehr verschwistert mit Bedürfnissen einer halbblinden Frühe . . . Angenehme Gefühle gab es da oben; man wurde umhergerollt, einbalsamiert und bandagiert; und stieß man Gebrüll hervor, so sank unmittelbar eine sanfte Flüssigkeit aus schwindelnder Höhe herab, und das Gebrüll, zum Gurgeln abgetönt, ertrank in Letzung. – Solches geschah häufig und regelmäßig. – –

Babette, die Kinderfrau, deren Vorhandensein hier nur den einzigen Hintergrund von Alberts Person hat, sitzt in Gesellschaft einer Kerze am Tisch, den schweren, robusten Leib gekrümmt, und befaßt sich keuchend mit ihrem nackten Fuß. Alberts knospenhafter Verstand verrät ihm noch nicht, was ein Hühnerauge ist; der Fuß, vom Kerzenlicht mit seltsamen Schlagschatten verziert, bietet keinen erfrischenden Anblick und hat etwas Unheimliches in seiner mächtigen Formlosigkeit. Als sie ihn kommen hört, versteckt Babette die Monstrosität schleunigst unter ihrem gefältelten Rock, praktiziert sich Schuh und Strumpf an und begrüßt ihn mit jener läppisch gezogenen Art von Platt, die unter der ländlichen Bevölkerung des Herzogtums Plessenberg gebräuchlich ist. Ihr knorriges, rotes Gesicht bezieht sich mit unendlichen Runzeln, und ihr offener, lippenloser Mund lächelt atemlos. – »Kommst aber heut s–pät zuhaus«, läßt sie vernehmen. »Un has die waaßen Hosen all voll mit S–taub.« – Sie kann ihm nicht böse sein.

Eigentlich müßte sie ihm grollen. Er hat verraten, daß sie ihn vorgestern abend in die Altstadt zu einer Wahrsagerin mitgenommen hat, die im obersten Stock eines Fachwerkhauses nahe der Petrikirche waltet. Mit hoher Kinderstimme, ungefragt, hat er während des Mittagessens (wo er den Mund halten sollte) plötzlich einen hastigen, etwas zusammenhanglosen Bericht erstattet. Wiewohl man ihn mehrmals zum Schweigen gemahnte, wurde es doch der Tafelrunde klar, daß die Seele der Babette im tiefsten Mittelalter schmachtete, trotzdem sie später bei schluchzender Entgegennahme des Rüffels versicherte, sie sei nur bei Frau Milchsack gewesen, um sich ihr Fußgebresten wegkurieren zu lassen . . .

Gab man nun auch zu, daß ein Hühnerauge zuweilen eine starke Beschwörung nötig mache, so war damit die Zeremonie mit den Kerzen, dem Goldfischglase und den Karten (noch dazu im Beisein eines unschuldigen Knaben) durchaus noch nicht zur Genüge geklärt . . . Für Babette bedeutet jenes Glas- und Kartenorakel eine unumstößliche Offenbarung. Es ist sehr belanglos für sie, daß Exzellenz es für Unsinn erklären und Herr Dr. Dunlop leise pfeift; – sie hat es immer besser gewußt . . . Heut abend sitzt sie schon, bevor der Kleine gekommen ist, äußerlich steif da und doch voll Unruhe; und wenn sie in die gelbe Lampe starrt, nehmen die Pupillen ihrer blicklosen Augen eine seltsame Farbe an, gleichsam ein glanzloses Schlehenblau . . . Als er kommt, umfaßt sie ihn mit dem aufleuchtenden Blick eines überlegenen, schweren Bedauerns. Täte man auch eindringliche Fragen, man würde nichts aus ihr herausbekommen; – sie würde höchstens mit der hölzernen Bauernhand durch die Luft fahren: »O nee, nee, nee!!« – Nichts verraten würde sie, und wenn man sie am Spieße röste . . . Es ist beinahe so, als sei sie zur Schonung ihrer Umgebung schmerzlich entschlossen; als ersticke sie gellende Kassandraschreie unter dem Fischbeinpanzer ihres Busens . . .

Dora, das Stubenmädchen, in schwarze Wolle und weißes Schürzchen gekleidet, erscheint und bringt das Abendessen für Albert. Babette bindet ihm die Damastserviette vor, die ihn schier priesterlich verhüllt und hinten in der Art einer großen Schmetterlings endet. – »Wie du rauskuckst von die Zerviett'!« spricht sie und schnalzt; »wie so'n S–piegel-Ei siehst du aus.« – Er bekommt Porridge, Milch, Butter und Brot mit papierdünn geschnittenem Käse. Gestern ist es Milchreis gewesen, und er hat mit dem flachen Löffel in den Kratersee von brauner Butter geschlagen, so daß Babette, die ihr kurzatmiges Gesicht immer in der Nähe hat, sattsam bespritzt worden ist; sie hat schrill gescholten. – Als er fertig ist, spielen sie Schwarzer Peter. Während Babette die Karten abhebt und eine »düstere« Konstellation erkennt, bekommt sie wieder ihr Zweites Gesicht; doch als sich die Hand bessert und sie harmlosere Farben findet, grunzt sie erleichtert auf, und ihr Blick wird wieder weich. Sie gewinnt, und er muß sich mit dem geschwärzten Kork, der für diesen Zweck bereitliegt, die Nasenspitze betupfen lassen. Es ist heute das drittemal, daß sie gewinnt; er steht auf und sagt sehr hoch und bestimmt: »Du schwindelst!!« Ein »besseres Kinderfräulein« hätte süßlich amüsiert gelächelt; sie aber, schlichtes Weib, das sie ist, haut sich auf die Knie und lacht krähend heraus . . . Er schlägt nach ihr, in steigender Wut; sie aber setzt ihm die solide Härte eines Baumstammes entgegen; er tut sich nur die Fäuste weh. – Schließlich verdrießt's ihn, und er will ins Bett.

Dies Ins-Bett-Gehn ist eine umständliche Angelegenheit. Er wird in einer Gummibadewanne gewaschen, obwohl er es nachgerade allein besorgen könnte; doch Babette läßt sich dies ihr fünfjähriges Privileg nicht wegdisputieren. Dabei pflegt sie ihm Geschichten zu erzählen; und wenn sie ihn abtrocknet und die Pointe auf sich warten läßt, nimmt sie jedes seiner Gliedmaßen einzeln vor, wobei sie sich in die Zehen und Finger vertieft. Meistens entwirft sie Zukunftsbilder und erschafft in ihrem Bauernhirn eine reichhaltige spätere Garderobe für ihren jungen Anvertrauten. Sie stellt sich die Berufe und Staatsanstellungen vor wie eine glanzvolle Treppe, deren ansteigende Stufen zu einer wachsenden Buntheit der äußeren Erscheinung berechtigen, bis die unmittelbare Nähe des Herzogs das Individuum im blendenden Glanz von Goldtressen fast verschwinden läßt. Dabei schwebt ihr dunkel so etwas wie ein Zirkusportier oder gar ihr eigener »Wirklicher Geheimer Sanitätsrat« vor, im Moment, wo dieser sich, im Dreispitz und mit einer schimmernden Sammlung von offiziellem Spielzeug behängt, zu einer höfischen Funktion begibt.

Sie hat ihn einmal flüchtig im halbverdunkelten Korridor so gesehen und wird den Verdacht nicht los, daß er unter seinem mausgrauen Gehrock diese Pracht andauernd trage, ja sie gleichsam nur verschmitzt verstecke, um andere Kreaturen, die von Natur und nicht nur aus Laune mausgrau sind, überrumpelnd zu blenden. Die Puppe ist von der Alltagsfarbe eines Plessenberger Dauerregens; der Falter aber, der nach Belieben hervorschlüpfen und so prächtige Schwingen spreizen kann, heißt »Exzellenz« . . . Ja, schon bei leiser Nennung solch reservierten Gattungsnamens streckt er Tastfühler hervor, die allein schon genügen, jeden erstarren zu machen. Nur der Herr Dr. Dunlop, der besitzt die Keckheit, die nur ein hochgebildeter Mensch besitzen darf. Er gibt den Fühlern einen Puff, und sie kriechen zurück. – Vielleicht hat auch er einige Orden, im Hemd eingenäht.

Albert, der Würdenträger en miniature, wird heranwachsen und in den Platz treten, den der Vater – unberufen – einmal freiläßt. Dann erbt er alles, auch den Dreispitz, der auf sein blondes Haupt passen wird, wenn Babette noch gerade am Leben ist. Da: auf einmal wieder fühlt sie sich hypnotisiert: – von der Kerze auf dem Waschtisch, in deren Licht ein Tropfen auf des Knaben weißem Rücken glitzernd herabrinnt wie eine Träne. Sie starrt in die Kerze; ihre Pupillen werden glanzlos. Es wird nichts mit dem Dreispitz. Es wird nichts mit der Treppe. Wo Goldtressen schimmern sollten, ist ein schwarzes Loch, aus dem ein Zwielicht fällt. Und in diesem Zwielicht bewegen sich hastige Leute, die in fremden Zungen durcheinanderplappern; ein scharfer Wind saust. Er fährt zwischen Vorhängen durch in geheimste Winkel: keine dicken Mauern helfen da; kein geräumiges Haus, voll von Urvätermöbeln. Keiner Lampe gelbes Licht scheucht ihn weg, kann ihn beschwören; und durch das Sausen hört sie, verklingend, die Stimme Alberts.

. . . Ihre Pupillen werden wieder lebendig: – er weckt sie auf; neckt sie wegen ihrer Schläfrigkeit; protestiert dagegen, weiter gewaschen zu werden. Er habe heute genug vom Wasser; er habe sich »freigeschwommen« . . . Er will noch weiter erzählen von dem Brand; von der roten, still rieselnden Flamme . . . Sobald sie aber versteht, wovon er redet, stülpt sie ihm schier erschrocken sein langes Hemd über den Kopf. Er kriecht in das eiserne Bett, das aus der Zeit stammt, wo er halb so groß war wie heute; es hat damals ein Netz gehabt als Umzäunung, aus blauen Schnüren. Liegt er einmal drin, so darf er erst wieder heraus, wenn all das sanfte Dunkel um ihn sich »ausgebrütet« hat und den ersten Sonnenstreifen zwischen den Gardinen gebiert.

Mittlerweile nimmt Babette die Lampe und setzt sich bei offener Tür ins Nebenzimmer. Dort blättert sie in Traktätchen und in der Plessenberger Landeszeitung; sie sitzt irgendwo hinter spanischen Wänden in einem schwachgoldnen Nebel, und wenn man vorm Einschlafen dies urvertraute Geräusch von Papier hört, läßt sich fast glauben, jemand anders habe sich eingefunden und lautlos den Platz von Babette eingenommen.

 

Vor dem Einschlafen denkt Albert noch an das zuckende rote Ding in der Masse von Qualm. Es ist lebendig; ist ein fremdes Geschöpf, das plötzlich in einer bekannten Landschaft anhebt zu hüpfen und ein erstaunliches Wesen zu betreiben; – herabgefallen von einem größeren Planeten windet es sich wie in Scham . . . Es gelingt Albert nicht, näherzukommen; das rote Wesen bleibt ihm immer fern wie eine Wolke.

Und nun (während sein zweites Leben, das Leben neben der Tapete beginnt) muß er wieder über den Fluß schwimmen. Der Fluß ist sehr viel breiter geworden; Albert treibt dahin, ohne die Glieder zu regen. Ganz weit hinter ihm, wie kleine dunkle Puppen, stehen Papa und Dunlop. Allmählich fühlt sich das Wasser an wie weicher Stoff; und er streckt sich im Bett. Er ist wieder an den Ort geraten, wo er sich so unbeschreiblich geborgen fühlt.

An diesem Ort gibt es eine sehr breite Treppe. Sie windet sich pompös in die Höhe, viele Stockwerke verbindend; wie viele, bleibt rätselhaft, denn immer wenn man denkt, man ist ganz oben angelangt, beginnt eine neue Flucht von flachen, teppichbelegten Stufen. Der ganze Schacht – eine ins Maßlose wuchernde Wiederholung von Alberts eigenem Treppenhaus – hängt voll gewaltiger Falten, voll enormer, lastender Vorhänge aus verschossenem, dunkelgrünem Samt . . . Sie fallen steil herab ohne Regel; sie entstehen hoch in heimlicher Nacht und enden in Nacht; starr geraffte Gruppen, vom Schlaf gefesselt, der zwischen ihnen wandelt und webt . . . Albert irrt traumselig durch die engen Gassen, die der Samt bildet; da und dort sieht er kolossale Quasten pendeln, wie sie in Papas Studierzimmer von den Portieren hängen; nur sind sie hier gewachsen und schwingen schwer über einem bodenlosen Schweigen.

Zuweilen erschrickt er, als nähere er sich einer Überraschung, die ihn süß beklemme; irgendwo, denkt er, muß es hinter einer Ritze hervorfunkeln zu halbersticktem Klang von Gläsern. Er hört eine Stimme, kaum weiß er, wann es gewesen ist, daß er sie unlängst vernommen hat . . . Es ist die Stimme der anderen, die zuweilen geisterhaft den Platz von Babette einnimmt und sie verdrängt. Es ist die Stimme, die zuweilen in der Nähe seines Bettes entsteht, im schwachgoldnen Nebel der Lampe . . . Hier hat, so scheint es, die Stimme einen Freipaß und wandert umher; nistet in den schweren Falten. Stets fühlt Daniel ein Paar ihm dunkel bekannter Augen im Rücken; doch hat jener Blick nichts Erschreckendes, sondern eher etwas Einfangendes, in sanftester Umarmung Umschließendes. Es sind die Augen der kranken Mutter. Und in dem schwach erhellten, samterfüllten Treppenhaus entsteht ein Gespräch; tief drunten muß es sein. Die Stimme nennt seinen Namen murmelnd in fragender Betonung. Sie sucht ihn. Er schiebt Dutzende der wallenden Vorhänge beiseite oder kriecht darunter hinweg von einem Stockwerk in andere hinab; tastet sich die Treppe wieder hinunter . . . Zwischendurch späht er durch das Geländer in den schwarzen Schacht; da sieht er ein helles Gesicht dort unten schwimmen, unendlich klein, doch die emporgerichteten Züge fein und fast erkennbar; – das Gesicht sieht auch ihn; – ein klarer Schrei steigt herauf wie aus dunklem Wasser eine schimmernde Blase; sehnsüchtig-täppisch greift seine Hand danach, und sie zerbirst unwiederbringlich.

Da steigt er langsam über das Geländer und läßt sich in den schwarzen Trichter gleiten; er fällt langsam, rollt von einem Daunenpolster auf ein anderes und hört und sieht nichts mehr.

II

Nun ist er dreizehn Jahre alt, hat mittelmäßige Schulzeugnisse und weiß viel von dem, worauf es ihm ankommt. Er ist überall im Wege, denn stets heften sich seine halbgesenkten, tiefblauen Augen auf Dinge, die anderen Leuten belanglos erscheinen, und hinter seiner hübschen, weißen, gewölbten Stirn vollziehen sich hellsichtige Spekulationen unaussprechlicher Art. Hat er den Schulweg hinter sich, den er in sonnetrunkenem Zickzackschritt zurücklegt, so entledigt er sich zu Hause seines Lederranzens mit einer Gewandtheit, die auf vielmonatigen Überdruß am Zwang schließen läßt – er wirft die ganze Wissenschaft mit einem Schwung in die Nähe seines Schreibpultes, womöglich zum Fenster hinein, und freut sich, wenn es recht rasselt und Lärm verursacht.

Und dann, indem sein Blick sich vertieft, etwas Starres bekommt, schlendert er wie ein junges Weidefohlen in den Garten hinein. Die Schwalben, die durch den Sonnenglast schrillten, sind plötzlich zerstoben und lassen eine sekundenlange Stille zurück. In diese Stille wächst der warme, feine Lärm der Insekten gewaltig und betäubend hinein; und hat er die Oberhand gewonnen, dann ist es wie zuvor: dann vibriert alles von Leben, dann werden Millionen Atemzüge und Pulsschläge wach, bis irgendein fremder Ton, eine ferne Fabriksirene diesen Schleier von Lauten wiederum brutal zerreißt.

Der kleine Albert spaziert als Mittelpunkt in dem warmen, pflanzlichen Leben umher und duldet gern, daß alles, was er wahrnimmt, sich auf ihn bezieht. Er begutachtet alles und freut sich der kleinsten Entdeckungen. Zunächst hat er die Hände in den Taschen seiner kurzen Leinenhose; dann beginnen sie ungeduldig zu zucken und möchten in die Vorgänge eingreifen, überall hinein, und sind sie einmal am Werk, dann gibt es kein noch so schmächtiges Wesen, das die erdbeschmutzten geschickten Finger nicht ergriffen hätten.

Er hockt im Sand, den Kopf fast zwischen die Knie gesteckt, und baut einen Laufzirkus für einen Käfer, der sich in kopfloser Flucht abstrampelt und den er zwingt, zu seiner Belustigung einen ratlosen Kreis zu beschreiben. Zugleich bedauert er ihn, er fühlt ihm das Peinliche seiner Lage nach, er erleichtert ihm mit einem nachdenklichen Strich seines Fingers den Ausweg und gerät in Entrüstung, wenn man seine Absicht mißversteht. Er sieht grübelnd, die Wimpern tief gesenkt, wie alles sich verfolgt, überfällt und auffrißt; seine Phantasie vergrößert diese kleinste Welt zu einem schaudererregenden Blutbad, an dem er selbst als Zuschauer beteiligt ist; und so wird ihm der Zwang klar, der durch den kleinsten Vorgang geht. Zugleich aber empfindet er die Lieblichkeit eines Falters so stark, daß er ihn atemlos betrachtet, fast gerührt von der holden Unbewußtheit des ephemeren Daseins, das nur wie ein farbiger Schatten ist. Die vier violettbestäubten Augen, die plötzlich aus dem seidenen Schwarz der Schwingen hervorblinzeln, sollen ihn schrecken wie jedes andere Geschöpf; und auch der kleine Albert sieht, daß der Falter phantastisch bunt ist, und das macht ihn stutzig.

Zuweilen liegt er, die Hände unter dem blonden Kopf gekreuzt, im Gebüsch, und sein Blick verliert sich in den Blättermassen. Und jetzt, wo es spät im warmen Mai ist, rieselt auch oben der Atem des Geschehens . . . . Die Blutbuche am Fluß bebt, voll entbreitet, unter dem Celloklang der Bienen, die ihr emsiges Tagewerk an winzigen Kelchblättern treiben; der Faulbaum schwenkt seine hängenden weißen Dolden wie Weihrauchgefäße; jeder Windhauch wühlt neue Duftwellen auf. Halb unter Sträuchern vergraben, hebt der Ahorn seine hellgrünen, gezackten Blätter wie Hände empor, die unter der Last der unablässig niederströmenden Lichtfülle leise und verschämt schwanken, über den samtdunklen Grund seiner Zweige. Die Espe zittert mit tausenden ovaler Blättchen für das Gedeihen ihrer rotbraunen Blütenschwänzchen; sie weiß, niemand tut ihr ein Leid an, alles vollzieht sich nach alter Weise, geheime Maßnahmen walten gütig und warm auch um sie, und dennoch zittert sie. Der kleine Albert betrachtet sich den nervösen Baum und muß verstohlen lächeln. Er ist so glücklich; »man« ist allgegenwärtig. Was »man« ist, weiß er nicht; jedenfalls macht dies alles, was er sieht und fühlt, ein Zweites aus, mit dem er ein behagliches Einverständnis hat. Man duldet ihn, man will ihm wohl, man haßt ihn nicht; er ist ein persönliches, anspruchsloses Einzelstückchen der großen Persönlichkeit, Garten genannt. Und das weiß er, wenn er es auch nicht sagen kann: das Einzige, was wahrhaft geschieht, ist das unbewußte Wachstum, das im kleinsten geschieht.

 

Wenn der kleine Albert im Gebüsche steckte, so glitt zuweilen die Silhouette seiner Mutter hinter dem Lichtwirrwarr der Blätter vorüber, langsam und mit der Feierlichkeit, wie sie Kranken eigentümlich ist – so langsam, daß ein leises Wort »Mutter« sie erreicht hätte, und wenn es auch nicht lauter geklungen hätte als eines Blattes Fall. Und nach einer sonnigen Pause, wenn der Zwölfuhrschlag der Petrikirche sein gespenstisches Klanggemurmel in der Luft verbreitet hatte – höhere und tiefere Wellen dröhnender Töne mit dem eifernden Lärm entfernterer Kapellenglocken verkuppelt –, wenn die kleine, sehnsüchtige Melodie, die stets bei Glockenschlägen im Ohr des kleinen Albert ihr Wesen trieb, wieder dahingesunken war wie ein mattes, selbstverlorenes Händetasten nach der Spur eines Glückes – dann ertönte ganz nah auf dem Kies der wuchtige Schritt des Vaters, der von der Klinik kam und der vor dem Mittagessen noch gewohnheitsmäßig nach seinen Terrarien und seinen Blumen sah.

Er war ein großer, breiter Mann mit einem runden Kopf und gütigem Gesicht. Sein fahlblonder weicher Schnurrbart war schräg zu den Seiten der Lippen herabgestrichen. Seine blauen Augen blickten etwas müde, sich bei einer Beobachtung gewaltsam vergrößernd, mit einem stumpfen Glanz; an ihren Winkeln saßen freundliche Fältchen, doch unter ihnen deuteten sich Ringe an. Die Haut der Wangen war von einem gleichmäßigen Grau, die Lippen jedoch, die der Bart mit einem braunen Schimmer von Nikotin umgab, schienen lebensvoll rot. So ging der starke Mann vorbei ohne Stock, mit dröhnendem Schritt, in dunkelgrauem Anzug, der an den Hüften und in den Kniekehlen breite Falten warf; er ging vorbei, ohne Abstecher, neben dem Beet von Azaleen und Palmen auf das Terrarium zu. Der kleine Albert hörte das Glas der Öffnung klirren und wußte, daß die Chamäleons und die Leguane ihre Mehlwürmer bekamen.

Nun schlängelte er sich selbst hervor, reichliche Grasflecken auf den Kniehosen, mit zerritzten Waden und erdfarbenen Fingern, mit sonnendumpfem Kopf und die fast weißen Wimpern zu bläulichen Ritzen geschlossen. Er sah selbst, von einer Hüftstellung der Beine in die andere fallend und mit halb offenen Lippen, wie Papa seine Tiere fütterte. Die Chamäleons setzten sich in Trab – für ihre Verhältnisse war es ein Rennen –; sie krochen auf dem Radius der Mehlwurmsphäre herbei, spinnenhaft und schneckenlangsam, die herausgestülpten Augen teleskopartig verlängert und mit bizarrem Schlenkern der kleinen Fußklammern. Die Leguane gingen, sie liefen nicht; sie wußten, daß sie Zeit hatten, und auf dem kurzen Weg warfen sie ihre zweigeteilten Zungenlappen lüstern und genießerhaft heraus. Alles war an ihnen gesträubt; ihre Zackenkämme erhoben sich wie ein Mann; sie waren die kleinen Zerrbilder ihrer riesenhaften Saurier-Ahnen, die unter Gebrüll ganze Wälder niederpflügten und deren Appetit nicht zu ermessen war – nun waren sie kleinwinzig, stumm und pfiffig geworden; doch im Grunde ihres Herzens dieselben geblieben, relativ, das war klar. Schön waren sie, bunt wie Fächer und voll Grazie; der sanfte Puls, der ihre Bäuche bewegte, blähte sie und ließ Reflexchen auf den Teppichmustern ihrer Schuppen erblitzen. So lagen sie wie kleine Kaimans übereinandergewürfelt und brachten ihre Tage hin.

Papa konnte viertelstundenlang vor ihnen stehenbleiben; die Zigarre ging ihm gewöhnlich dabei aus. Manchmal nahm er den Kopf des kleinen Sohnes, der sich stets ohne ein Wort bei ihm einfand, halb in seine warme Hand, und Albert hielt das behutsam aus. Der Vater sprach sehr selten mit ihm; er schien stets schwer beschäftigt; er schnob oft durch die Nase, als ob er an Asthma leide, und redete, was er zu sagen hatte, mit einem schwierigen und mühsam anmutenden Baß. Da zu dieser Zeit eine drückende Hitze herrschte, erzeugte der leichte Karboldunst seiner Kleider, der stets an ihnen haftete, eine lähmende Atmosphäre, so eine Mittelstimmung von Trostlosigkeit und Schläfrigkeit, unter der irgend etwas schluchzte, ein aufgegebener schöner Plan oder eine zermalmte kleine Freude. Der Mann stand an dem schweren Rad der Arbeit, seine Hände griffen täglich in zuckendes Körpergewebe, suchten täglich, wie die eines gewissenhaften Ingenieurs, nach Hemmungsquellen in der zarten Maschine; faßten so tief in das Uhrwerk, daß er sie blutbedeckt hervorziehen mußte . . . das wußte der kleine Albert nicht, aber er wußte, daß Papa sehr zu tun hatte und daß es darum nötig war, daß man bei ihm stand und nicht ungeduldig wurde oder davonrannte, wenn man die warme Hand um den Kopf spürte.

Dann kam das Mittagessen mit den Eltern. Man aß zwei Gänge, Suppe und Fleisch, und der Vater trank eine halbe Flasche Mosel dazu. Seine mühsame Stimme, die dennoch nie versagte, hielt ein stetes fließendes Gespräch mit der Mutter in Gang, die sich gewaltsam zusammennahm und immer munter war, um den Mann, den sie fast nur um diese Tagesstunde sah, mit kleinen Erzählungen aufzuheitern und ihm von Besuchen zu berichten. Der Vater fragte kurz und bestimmt nach Alberts Schulerfolgen; doch begnügte er sich mit wenigen Antworten, da er überzeugt schien, daß sich alle Entwicklung in dem Knaben folgerichtig und ohne frappante Sprünge vollziehe. Und Albert selbst hatte die Empfindung, daß Papa eine gleichmäßig warme Meinung von ihm hege; und demnach erfreute er sich einer possierlich selbständigen Würde, jederzeit bereit, sich ihrer um einen Kuß der Mutter in der kindlichsten Weise zu begeben.

War das Essen zu Ende, so folgte die Siestastunde. Der Vater trank schwarzen Kaffee, der fertig auf dem orientalischen Tischchen neben der niedrigen Ottomane stand. Die Mutter entschwand in ihr Schlafzimmer im ersten Stock, um, wenn es ihr von jedem Essen übermäßig erregtes Herz gestattete, vorübergehenden Schlummer zu suchen. Albert selbst hielt sich ein wenig in der Veranda auf, und dann ging er leise in das Entreeräumchen, das zum Arbeitszimmer seines Vaters führte, und setzte sich auf den Teppich, um in seinem Cooper zu lesen und zwischendurch die Wunden an seinen Beinen zu betrachten.

Er prüfte die kleine blutunterlaufene Stelle unterhalb des rechten Knies und bedauerte sie, da er es liebte, eine glatte, reine Haut zu haben. Ja, er trug Fürsorge für seine ganze Person; er besaß eine verstohlene animalische Eitelkeit, eine kleine lächerliche Andacht zu sich selbst. Deshalb empfand er ein Verantwortlichkeitsgefühl für sein mißhandeltes Knie und freute sich seiner weißen Beine auf dem dunklen Blumenprunk des Teppichs.

Darauf warf er sich auf den Bauch und las mit gerunzelter Stirn von Fährnissen und verzweifelten Situationen, in die ein rechtlich denkender Mann geraten kann, obwohl er ein meisterhafter Schütze ist. Die Daumenballen beider Hände gegen die Wangen gepreßt, so daß seine gewellten Lippen sich zu einem seelenlosen Ausdruck spalteten, verfolgte er die Zeilenkolonnen. Ein fremdes Panorama rückte näher, schloß sich um ihn. Er selbst trat aus sich heraus und schlüpfte in das Kostüm des blondbärtigen Helden, und der Autor des Buches redete mit Engelszungen aus seiner eigenen Seele heraus, beschwor zwei verängstigte Weiber, tat Aufblicke zu Gott und riß das Lederwams vor der Brust entzwei, um sie den Pfeilen bloßzulegen. Albert stöhnte tief und behaglich. Nun kam der erste Pfeil und heftete sich, leicht mit dem Federwirbel zitternd, dicht über der Schulter in die Baumrinde ein, und etwas erschrockenes Blut kam heraus und tropfte, tropfte . . .

Ach, das tat weh. Die Sensation durchzuckte den Knaben; seine Augen sahen geradeaus in das flammende Blau der Jalousienritzen, und ein leichter Druck, durch seine Lage in der Herzgrube hervorgerufen, wirkte strahlenförmig in ihm weiter und rief jene Beklemmung hervor, die aus Sehnsucht und Glück gemischt ist. Er sank mit dem Gesicht auf die kühlen Blätter und lag regungslos.

Die Gestalten seiner Schullehrer, die sich zu seinem Ärger immer in sein eigenes Urteil hineindrängten, zottige, barbarische, unrein duftende Gesellen, rotteten sich am Horizont zusammen und taten im Chorgesang (-gekrächz, dachte der kleine Albert mit trägem Grimm) mißliebige Äußerungen, die sich auf die traumhaften Geschehnisse bezogen. Sie entkleideten die hübschen Vorgänge ihrer Farbigkeit; ja, sie zupften sogar an der Persönlichkeit des blonden Helden und erstickten seine wonnigen Märtyrerbetrachtungen mit ungeeigneten Fragen nach seinem bürgerlichen Beruf und seinen Kenntnissen in Dingen, die, in Anbetracht der Romantik, keineswegs am Platze waren.

Doch man wurde ihrer Herr. Man grub das Beil aus und brachte sie einzeln um. Sie hätten ja ohnehin nicht viel ausgerichtet, denn – hier erinnerte sich der kleine Albert – man war ja zu Hause, und hinter den Portieren an dem breiten eichenen Schreibtisch saß Papa und schrieb Rezepte. Man konnte das leise Kratzen seiner Feder hören, er würde es den Oberlehrern schon geben, wenn sie seinem Sohn und Schutzbefohlenen, seinem Bundesgenossen und Liebling zu nahe auf den Leib rückten.

Denn Papa hatte nicht allzulange auf der Ottomane gelegen; er hatte aufstehen müssen. Es war sicher ein schwieriger Fall, vielleicht ein überseeischer Patient, der sich zur Konsultation angemeldet hatte, und um drei Uhr mußte Papa wieder in der Klinik sein. Albert dachte nach. Diese Stunde war die schönste des Tages. Tief in einen Traum verstrickt schien das ganze Haus. Die Uhr im Eßzimmer tat ihre leisen, vergrabenen Schläge. Traumhaft fern klang das einlullende Geklapper des Geschirres aus der Küche. Eine Fliege summte, und ab und zu räusperte sich der Vater. Er räusperte sich schwer und keuchend, während das Papier unter seinen Händen knisterte. Der Dunst seiner starken Manila, bläulich und durchsichtig, durchtränkte alle Dinge mit einschläferndem Geruch. Dieser Geruch hatte etwas Tropisches, Schweres, Reiches. Er war unzertrennbar von dem Entreeräumchen, von den hohen Bücherschränken, den massiven, plumpen und vertraulichen Eichenmöbeln und dem mattgoldenen Buddha, dessen leere, strenge Augen aus einer unfaßbaren, fabelhaften Fremde blickten.

So verrann die Zeit.

Dann kam der Vater zwischen den Portieren heraus, das Kautschukhörrohr in der Westentasche, und schritt mit schwerem, wuchtigem Schritt über das Söhnchen hinweg, das ihm den Weg verlegte und sich, in zärtlichem Respekt, halb vom Teppich erhob. Albert brauchte nicht aufzustehen, doch auf dem breiten Rücken des Vaters, hinter dem sich die Tür schloß, stand unsichtbar geschrieben: in einigen Minuten mußt du oben sitzen bei Algebra und Latein.

 

Nun war es Juli, und die Sonne, die schon vierzehn Tage lang unbehindert waltete, erzeugte eine Treibhausluft. Der Fluß, der nach einem Wolkenbruch, wie sie sich im Mai schon einstellen, tagelang träge, lehmbraune Massen dahingeschleppt hatte, verwandelte seine Farbe in ein stumpfes Grün, in dem die silbernen Leiber wandernder Weißfische blitzten, die am Abend, wenn die Mücken tanzten, viele kleine Kaskaden in die Höhe warfen.

Albert, dessen Ferienzeit begonnen hatte, liebte es, sich unter der Blutbuche zu entkleiden und auf dem kurzen Ufersand zu sitzen, versteckt von Flußampfer und Fenchel. War sein Körper von seinem Schweiß bedeckt und lockte die lautlosen braunen Stechfliegen an mit ihren dummen, bronzegrünen Augen, dann wälzte er sich ins Wasser, in den muschelgespickten Schlamm, und ließ sich auf dem Rücken treiben hinein in die kältere Strömung der Mitte. – – Er liebte es, langsam mit den Knien rudernd, dem Druck des Wassers mit den Handflächen fächelnd zu begegnen und die reglosen Wolkenbänke zu betrachten, die flimmernd schlohweiß mit bleigrauen Schatten am Horizonte lagerten und deren reglose Spiegelung der Fluß matt verzerrte.

Und abends war es am schönsten, wenn die Amseln ihre verirrten Tonfolgen zu einem Netz von Flötentönen zusammenfügten aus dem Baum- und Gebüscheschatten der Ufer heraus, wo die Villen leuchteten. Das jauchzende Geschrei der drei schwarzhaarigen Mädchen von drüben, wo der Börsenmann wohnte, ärgerte den kleinen Albert. Er pflegte alsdann zu pfeifen, unablässig und leise, eine stereotype Klage um etwas, das er nicht kannte.

Und in den Nächten war es einsam – irgendeine phantastische Irrfahrt nahm von seiner unruhig atmenden Brust Besitz. Fuhr er auf, dann schlug das über die Stuhllehne geworfene Hemd mit beiden Ärmeln nach ihm und erpreßte ihm einen schwachen Schrei, bis er sich besänftigte und den Vater in der Ferne hinter zwei offenen Türen schwer durch die Nase atmen hörte . . . Die Nächte waren voll feuchter Dünste, der Fluß schickte einen lähmenden Hauch herein, einen warmen pflanzlichen Verwesungsgeruch; und die Grillen feilten, als gelte es ihr Leben.

Und siehe da – eines Tages kam die Mutter nicht mehr zu Tisch. Sie lag, schwächer als sonst, in den Kissen, von zuckenden Schmerzen geplagt; ähnlich denen, die sie vor dreizehn Jahren bei Alberts Geburt erleiden mußte, heftigen Krämpfen, so daß sie ratlos wimmerte und der Knabe vor Hilfsbereitschaft hinter der oft verschlossenen Tür nicht aus noch ein wußte.

Pflegepersonal erschien; auch eine dicke Krankenschwester mit rotem, rundem, gutmütigem Gesicht und kleinen harten Fingern. Sie erinnerte den Knaben an die Bonne Babette, die ihn – vor längst vergangener, aber immer noch lebendiger Zeit – in einem Wägelchen über die Kieswege gestoßen und ihre einlullenden Zaubersilben dazu gesungen hatte, als er in seiner Milchbenommenheit ins Blaue entschwebte. Diese glanzumflossene Masse von steifer Leinwand, aus der zwei runde braune Augen hervorträumten, stellte sich nun wiederum in seinem Leben ein, ähnlich kostümiert, doch mit einem finsteren und gefährlichen Dienst betraut. Wenn sie auftrat – so leise sie konnte –, dann zitterten die Treppenstufen; sie ging auf den Fußspitzen, und doch brach sie sich Bahn. Der kleine Albert fühlte eine verschmitzte Überlegenheit über sie, und oft wandelte ihn der Drang an, zu lachen, wenn sie das Thermometer fallen ließ und eine mühsame Kurve beschrieb, um es aufzuheben. »Du könntest dich auch bücken«, sagte sie. »Ich bin eine ältere Frau.« Und Albert bückte sich, doch mit Absicht zu spät; und das tat er nicht dieser fetten Frau zuliebe, die vor Gesundheit rostrot war, sondern Mamas wegen, denn das Thermometer war eine Notwendigkeit, das sah er ein. Hinterher lachte er, weil es ihm Vergnügen machte, wie die dicke Schwester sich bemühen mußte.

Noch öfters aber weinte er sein tränenloses Weinen, wenn er von einem Besuch bei der bleichen, zarten Mutter kam; verkroch sich ins Gebüsch, lief lang und weit vor die Stadt, zwischen die Felder und in die Heide. Dann kam er abends erhitzt zurück und nahm ein paar Löffel Suppe mit Papa zusammen ein, an dessen Anblick er wenig Freude verspürte.

Denn die Kräfte des Mannes waren an dem Punkt, überspannt zu werden. Die Ringe unter seinen Augen traten plastisch hervor; ein roter Rand lief um die Lider. Seit einer Woche schon war man gerüstet, auf einen Monat an die See oder ins Gebirge zu gehen; und nun war Mama wieder kränker geworden. Alles mußte beim alten bleiben. Der Vater trank Abend für Abend schweren Bordeaux und rauchte Importen. Das konnte zu nichts Gutem führen, denn während oder nach einem solchen Genuß waren seine Augen zuweilen beinahe apoplektisch starr und blicklos, so als drücke eine Zentnerlast auf seine großen ermüdeten Hände. – Er duldete, daß der Knabe in seiner Nähe war, doch eine Antwort zu erhalten war für Albert nicht leicht. Ja, jetzt geschah es auch, daß er ihn barsch anfuhr, ihn unsanft beiseiteschob, kurz angebunden und ohne Verständnis für eine wohlgesetzte, grübelnd geprüfte und langer Hand schweigsam vorbereitete Frage, die der Knabe mit hoher Stimme an ihn zu richten wagte.

Ach, was war das! Das war so ungewohnt! Albert stand am Bücherständer mit dem Rücken gegen den Brehm gelehnt und hatte seine Fragen an Papa wie immer, und Papa war nicht einmal beschäftigt, nein, er rauchte bloß und räusperte sich, und da war es doch wahrhaftig nichts Ungehöriges, wenn er ein Gespräch in Gang zu bringen sich bemühte! Und um Mama sorgten sie sich doch beide, das war ein gemeinsamer Schmerz, und wenn der Vater ächzte, so fand es einen stummen Widerhall in Alberts Seele. Dann ächzte er auch, gehorsam gleichsam, erschöpfend und mit Sorgfalt, es war aufrichtige Betrübnis darin, und doch drehte der Vater sich mühsam um und sagte: »Albert, kannst du nicht stille sein«, oder: »Du störst mich, beschäftige dich.« – – Das war unerhört. Albert hatte nie die Verpflichtung gehabt, sich abends zu »beschäftigen«. Und wenn er sich mit der Schulter an den sitzenden Vater lehnte, so dauerte es nicht lange, denn der Vater schüttelte ihn ab und meinte dabei: »Schon gut, Albert. Aber du wirfst mir mein Glas um.« – Nie, so streng er sich besann, hatte er je etwas umgeworfen, am allerletzten vollends ein Glas, aus dem Papa sich in schwerer Zeit erquickte.

Deshalb wuchs eine Indignation in dem Knaben, die sich täglich neue Nahrung holte; er wurde scheu und vermied es, mit dem Vater außer zur Essenszeit zusammenzutreffen. Desto häufiger war er am Krankenbett der Mutter zu finden, las ihr vor oder führte inhaltlose Gespräche, die doch wie warme Sympathiewellen von ihm zu ihr glitten und sie überschütteten; und sie sah mit tiefer Dankbarkeit an den Fransen ihrer seidenen Decke vorbei auf seinen blonden Kopf, den er oft, behutsam und liebevoll zu ihr hinüberblickend, im Affekt eines gesteigerten Gefühls, das plötzlich in ihm aufschwoll, erhob. Auch hieraus schöpfte er sich seine kleine Sensation, die ihm die bekannte Beklemmung über dem Magen verschaffte wie bei der Lektüre von Cooper oder der kameradschaftlichen Annäherung an einen bestimmten Altersgenossen, den er verehrte.

 

Die Hitze wuchs mit jedem Tag. Als Albert an einem Vormittag vor dem Torausgang zur Straße stand, vollzog sich ein Wunder. Die Straße lag fast menschenleer; in der Ferne abgeschlossen durch den roten Backsteinbau der herzoglichen Klinik. Die Straße, gleichgültig gepflastert, mit ihrer langweiligen Laternenreihe und ihren bestaubten kümmerlichen Schmuckbäumen war eine ganz gewöhnliche Straße, gut genug für den Schulweg und keineswegs für einen Spaziergang geeignet. Und just diese Straße wählte das Schicksal, machte irgendwo einen lautlosen Schritt, kam, gleichsam aus der Glut geboren, um eine Häuserecke als schwarzer Punkt und war da, wuchs, wurde zu einem Mann, der sich gebückt und schlürfend auf den kleinen Albert zubewegte.

Es war ein alter Italiener mit graumeliertem, kautabakbeschmiertem Vollbart. Er trug ein schmutziges Hemd, geriffelte braune, schlotternde Samthosen (furchtbar geflickt) – und einen durchlöcherten Havelock aus Loden. Seine Augen waren grell und rehbraun. Albert interessierte sich sofort für ihn; er schlenderte ihm entgegen, schlug sich einmal an die linke Wade und blickte in die Luft. Als der Alte und der hellgekleidete Knabe sich einander auf wenige Meter genähert hatten, blieben beide stehen und lächelten. Der Alte zeigte eine Reihe gelber Zähne, hierauf ließ er sich, den grellen Blick immer auf den Knaben gerichtet, auf dem Steinfundament eines eisernen Gartenzaunes nieder. Er manipulierte etwas an seinem Umhang und förderte eine Meerkatze zutage, die offenbar in den letzten Zügen lag. Mit demselben grellen Lächeln blickte der schwachsinnige Greis auf das Tier, und auf einmal entdeckte Albert, daß der alte Mann müde und krank war, daß er sich vielleicht nicht deshalb gesetzt hatte, um zu plaudern, Geld zu bekommen und das Tier hüpfen zu lassen, sondern weil er sich unwohl fühlte und wohl ins Bett mußte. In der Tat blieb der Mann stumm und stöhnte nur ein bißchen. Dabei wischte er sich mit der rissigen, geschwärzten Skeletthand nachdenklich über die Stirn. Es ging ihm schlecht; er hatte ein langes, nutzloses Wanderleben hinter sich.

Und als der kleine Albert nähertrat und seine Hand nach der Meerkatze ausstreckte, sagte der Alte plötzlich etwas höchst Eilfertiges mit rauhem Akzent und sank mit entsetztem Blick einfach um. Er lag da als schmutzige braune Masse, und der Affe, dem er sich auf das Kreuz gelagert hatte, begann zu brüllen wie ein gehetztes Schwein. Albert rannte ins Haus und holte Papa. Dieser kam, untersuchte den Mann und sagte: »Hier liegt ein Hitzschlag vor.« – Das »liegt vor« war eine Redensart, wie er sie vor seinen Assistenten gebrauchen mußte; und Albert hörte sie mit offenem Mund an. Er war sehr erschrocken, beinahe fassungslos, daß man einfach umfallen könne, daß Papa so sachlich blieb, daß die Angelegenheit somit erledigt war. Er sah zum ersten Male einen Toten; doch begriff er nicht, daß dies der Tod sei. Übrigens wurde ihm die Unklarheit nicht genommen; denn er wurde bald fortgeschickt, und der Mann kam, wiewohl er schon tot war, in die Klinik.

Den Affen aber – da niemand Erbansprüche erhob – durfte Albert behalten.

Der Affe war so schwach, ach, so hinfällig. daß es nicht nötig erschien, ihn zu verankern; sondern er wurde recht warm ins Gras gesetzt und bekam viele Bananen zu essen. Er war zweifellos das erbärmlichste Exemplar seiner Gattung; er war von langer Selbsterniedrigung moralisch zerrüttet, und dieser Zustand spiegelte sich auch in seinem Äußeren wider. So wie er war, halb kahl, mit seinem nackten Gesicht und seinen geschlossenen Augen, die Lippen noch zu träumerischem Nachkosten tastend vorgestreckt, karikierte er in der Haltung in grotesker Weise jenen embryonalen Zustand, in dem auch der Mensch sich ungern stören läßt. Zuweilen fiel er plötzlich, – in dunkler Erinnerung an erlittene Peinlichkeiten – auf die vorderen Hände mit zwitschernden Kehllauten, dick gefalteter Stirnpartie und die engstehenden Augen rund und grell auf den kleinen Albert gerichtet. So konnte er eine Viertelminute regungslos verweilen – dann löste sich der Krampf der Angriffsstellung, und eine neue Banane machte ihn weich und dankbar. Der Vater hatte Albert eine Leine gegeben und ihm streng befohlen, den Affen anzuhängen. Doch Albert traute sich zu, den kleinen Vetter aus der Nebenlinie allein durch Liebenswürdigkeit zu fesseln, so daß es der Vetter nicht nötig hatte, immer nur »k–ch, k–ch« zu sagen und sorgenvoll und wütend auszusehen.

Dies schien ihm denn auch zu gelingen, denn, die kleinen schwarznägeligen Hände über dem zerscheuerten Bauch gekreuzt, begann der Affe zu entschlafen. Mitunter regte sich seine Hand noch, irgendwohin, wo es weh tat oder juckte, blieb dort liegen, sank herab. Nun schläft er – dachte Albert zärtlich. – Von dem Italiener will ich Mama nichts erzählen, aber von meinem Affen. Das wird ihr Vergnügen machen. – Und leise auftretend, stahl er sich hinweg. Die Leine wollte er auf dem Rückweg holen. Als er ums Haus bog, hörte er ein rauhes Gebell und sah einen großen Neufundländer hinter sich in den Garten brechen.

Fassungslos lief er zurück: der sanfte Schlaf der Kreatur war jäh unterbrochen worden. Jedenfalls war sie nicht mehr da, und der Neufundländer hatte das Nachsehen. Der kleine Albert war in Verzweiflung. Er suchte den halben Garten ab, umsonst. Und während er noch suchte, vollzog sich etwas Beklagenswertes.

 

Denn die Mutter, die friedevoll, in das Gefühl einer leisen Besserung gebettet, in ihren weißen Kissen lag, erblickte urplötzlich im Zimmer in der alltäglichsten Nachmittagsbeleuchtung eine kleine groteske Grimasse, die aus dem Wandspiegel glotzte; und dieser scheußliche Witz des Zufalls ließ sie mit einem heiseren Schrei zusammenfahren, warf sie empor, so gewaltsam, daß etwas in ihr zersprang und ihr Puls allmächtig zu rumoren und zu sausen begann, als führe sie steil in einen Schacht voll kreischender Flammen. Die kleine Grimasse, die aussah, als sei sie unvollendet aus einem Schoß gerissen worden, so in aschgrauem Schmerz verzogen, empört und rührend zugleich – war verschwunden, der Spiegel war leer; die Mahagonimöbel waren wie sonst, nur begannen sie jetzt leise, aber unaufhaltsam nach links zu rücken wie ein Karussell um einen Mittelpunkt, eine Spieluhr: den Schmerz, die bohrenden Stiche in ihrem Leibe, die wieder erwacht waren. Der hereinwuchtenden dicken Krankenschwester sagte sie noch etwas Unglaubliches über ein Gespenst, – – und dann fiel sie zurück und war bewußtlos.

Dies geschah, während der kleine Albert noch im Garten suchte, und es klärte sich auch auf, warum Mama einen Anfall hatte, schlimmer als sonst, und Papa wurde aus der Klinik geholt und ordnete allerlei an. Dann ließ er den Sohn rufen.

Er saß in seinem Lehnstuhl, als Albert eintrat, hatte einen großen Bambusstock über den Knien und sagte:

»Schließe die Tür.« –

Sehr befremdet und doch neugierig tat es Albert. Es mußte eine wichtige Unterredung sein, die Papa mit ihm führen wollte; die durfte niemand hören. Dann mußte er in Papas Nähe kommen und sah, wie der fahlblonde Schnurrbart über den bleigrauen Wangen heftig zitterte. Papa sagte noch: »Dein Ungehorsam, lieber Albert, hat schlimme Folgen gehabt, schlimmer, als du ermessen kannst!« – Und der gequälte Mann, dessen starker Körper den tausend kleinen Widrigkeiten, die von allen Seiten auf ihn eindrangen, kaum noch gewachsen war, warf sich aufrecht in den Stuhl und tat, was seine überreizten Nerven ihn hießen: Er ergriff den Knaben beim Kopf mit einem unnötig brutalen Griff, klemmte seine Beine zwischen die Knie und ließ den harten Stock sechs-, siebenmal auf den dünnen Leinenhosen tanzen, einmal auch auf dem Rücken, der sich zuckend bewegte. Dann beherrschte er sich, schob den kleinen Albert von sich und sagte: »Geh.« – Albert ging. Sein heller, weicher Blick war sehr trüb und starr; sein Kreuz schmerzte stark. Es war das erstemal, das allererstemal, daß man ihn prügelte. Nicht einmal einen Backenstreich hatte man ihm bisher gegeben. Seine ganze so kunstvoll aufrechterhaltene Selbstherrlichkeit war dahin. Und wenn er an die roten Striemen dachte, die sich brennend auf seine zarte Haut, auf seinen Leib, dem er so zugetan war, gelagert hatten, so zog ihm dies die Brust zusammen, so konnte er kaum atmen, beleidigt, fassungslos verzweifelt wie er war. Noch in der Tür drehte er sich um und sah am Kopf des Vaters vorbei mit einem schnell hervorgestoßenen Zischlaut und einem Blick, in dem sich Widerstand und Groll wie in einer Brennlinse sammelten. Dann schlich er wie ein waidwundes Wild in den Garten, verkroch sich und zerquälte sich den Kopf. Und da er sich endlich tränenlos aus dem Schatten hervortastete, zog ihn sein ganzes Herz zur Mutter. Sie sollte richten, sie hatte die Befugnis, ihr, und nicht – dem, der ihn schlug, vertraute er sich an. Sie mußte es ja wissen, warum man ihn mißhandelt hatte, sie würde ihn trösten können.

Er ging gebückt hinauf. Das Haus war seltsam still. Und nachdem er leise die Tür des Krankenzimmers geöffnet hatte, sah er mit einem kalten, entsetzten Erstaunen ein leeres, zerwühltes Bett. Er rief nach der dicken Krankenschwester: – eine Stille antwortete ihm. Eine Stille, die ihm den Grund unter den Füßen weichen machte. Ein leichter Wind flüsterte ins Zimmer und bewegte die Vorhänge und das Linnen des Bettes leise hin und her – –: ein kahles Nichts erfüllte den Raum, ein Nichts, das ihm weiß entgegengrinste und das sich behauptete wie ein taubes Hirn unter Kanonenschüssen.

Und gleichzeitig war ihm, als geschehe ein Unglück. Er hörte, wie über Wolken, das Klanggemurmel der Petrikirche. Und dahinter, furchtbar fern, seinen Namen rufen wie in Angst. Ganz leise zirpend kamen die Silben auf den Sekunden, die das Jetzt ihm zuspülte, angeschaukelt, die zwei Silben seines Namens, von einer bekannten Stimme gerufen, die sich in Angst brach – – und dann kamen Pausen, qualvoller als alles, was er je erlauscht, Pausen, die wie über die Grenzscheide einer nahegelagerten, verdeckten Welt, die unter dem Lichte brütete, herüberwuchsen – – – und der kleine Albert stand vor der Uhr und wußte mit einem Male, es ist Zeit, Mama ist in Not, ich muß eilen, eilen, eilen . . .

 

Totenblaß taumelte er die Treppe hinunter und rannte auf die Straße. Er rannte, wie er nie gerannt, es war ein gleichmäßiges Vorwärtsfallen seiner todmatten schlanken Beine . . . Hinter ihm lief ein windfüßiges Etwas, das ihn zwischen die Schultern stieß. Er lief schnurstracks auf den roten Backsteinbau der Klinik zu. Passanten sahen ihm kopfschüttelnd nach, gleichgültige Bruchstücke von Gesprächen, ein entfernter Alarm der Feuerwehr schwirrten in sein Ohr. Eine Sonate von Mozart klang hinter einem offenen Fenster; zwei, drei holde Akkorde, mit dem lieblichsten Motiv verkettet, das es auf der Welt gab, vibrierten hinter dem atemlosen Knaben her und riefen ein kurzes Aufschluchzen in ihm hervor.

Endlich hatte er das Tor der Klinik erreicht und stahl sich hinein. Mit flatterndem Herzen und verwildertem Haar blieb er im Gang stehen. Irgendwo plätscherte ein Wasserhahn, plötzlich wurde er abgedreht. Auf dem grünen Linoleumläufer, der sich schnurgerade in der Mitte des Ganges vor sich hinzog, lagen gleißende Lichtquadrate in einem Nebel von Sonnenstäubchen. Hinter den weißen, von innen gepolsterten Türen regten sich zuweilen murmelnde Stimmen. Der kleine Albert ging lautlos weiter. Er musterte die Türen, alle waren sich gleich. Er irrte einige Zeit ratlos; dann sah er eine Milchglasscheibe und eine Klinke, die goldgelb war und in der sich die Sonne in einem wabernden Karfunkelglanz sammelte. Wie behext starrte Albert auf die Klinke; seine Hand erhob sich, bebte, magisch angezogen; er tastete an das warme Metall, er drückte es nieder; und die Tür ging geräuschlos zur Hälfte auf.

Ein betäubender Chloroformdunst schlug ihm entgegen. In einiger Entfernung sah er drei weiße Gestalten, die sich über etwas bückten; die eine war offenbar der Vater. Mit erweiterten Augen starrte er die Gruppe an, die sich, tiefbeschäftigt, nicht um ihn zu kümmern schien. Jetzt trat der eine Mantel zur Seite; ein behaarter Arm mit einem fleischfarbenen Gummihandschuh hing an seiner Seite herab. Und zugleich sah Albert das Gesicht der Mutter, halb in einem Wattebausch vergraben, wie in friedlichem, lächelndem Schlaf; nur schien ihm eine seltsame Reglosigkeit darüber zu liegen. Das Gesicht sah er deutlich genug, obwohl die weißen Mäntel es nur für eine Sekunde freigaben; dann war es wie von den Falten verschluckt.

Und plötzlich vernahm er ein kurzes Ächzen; sah eine Brille funkeln, die sich beugte, sah zwei breite Schultern zucken und gleichsam eine Stufe tiefer sinken. Die Mäntel sprachen miteinander, sie sprachen leise und hastig. Ein Gegenstand fiel in ein Becken. Und plötzlich trat wieder einer zurück, und der kleine Albert sah eine riesige Blutlache, eine schwarze Purpurmasse, in der Pinzetten flimmerten . . . er tat einen schwachen Schrei, der einen Tumult in der Gruppe verursachte, tastete sich nach rückwärts und fiel stumm und steif an die innere Polstertür. Hier blieb er liegen, das Gesicht in den gebauschten Ausschnitt seiner Bluse vergraben, und ein wildes Getöse entstand hinter seinen Schläfen, das rasend anschwoll und seine Gedanken verjagte, bis er in der völligen Finsternis einer tiefen Ohnmacht lag.

 

Eine lange Zeit mußte vergangen sein, als Albert in seinem eigenen Bett erwachte. Sein eigenes Zimmer trat ihm entgegen mit allen vertrauten Gegenständen, dem Ofen, der wachstuchüberzogenen Kommode, dem japanischen Bettschirm und den Lilien an der Tapete dicht neben seinem Kopf. Er machte einen Versuch, sich zu erheben, und schließlich gelang es ihm, seine Beine unter der Decke hervorzuschieben. Lange saß er so auf der Bettkante und starrte auf seine Schenkel, deren Haut, wie am ganzen Körper, in Feuchte gehüllt schien. Er stand auf und taumelte im Zimmer umher mit einem wohligen Gefühl glatten Parketts unter den Sohlen. Dann stand er vor dem hohen Schrankspiegel und streifte das Nachthemd ab, um sich anzukleiden . . . Er unterließ es. Vor Schwäche stolpernd, zog er das Hemd wieder an; und sein Gedächtnis versuchte an einem bestimmten Punkte wieder anzuknüpfen. Es gelang ihm nicht; alles schien wie in einen Nebel gehüllt. Mit Behagen empfand er, daß seine Glieder von Schweiß wie gekühlt waren; er preßte sich an das Fensterbrett und sah in den Garten.

Huh, da sah es anders aus! Eine Amsel sang; alles lag im Schatten. Ein schwerer Hauch blähte sein Hemd. Die Kieswege krochen wie helle Schlangen durch die grauen Blättermassen. Ein leichter Wind bewegte die Fuchsien am Sims. Die Blutbuche am Fluß sah schwarz aus; und der Himmel war mit schwefelgelben und grauen Wolken bedeckt.

Der kleine Albert fühlte ein leises, irritierendes Prickeln am Haupte unter seinem dunkelblonden Schopf. Nun kommt der Regen, dachte er, und das hat mich geweckt. Gott sei Dank, daß der Regen endlich kommt. –

Er lehnte sich mit offener Brust weit aus dem Fenster. Und siehe da: plötzlich fiel aus dem Himmel, gar nicht sehr eilig, ein violettroter Schein, wie eine Zunge, die über den Bäumen aufblakte, oder ein Knäuel Feuergarn, das sich abwickelte. Und nachdem das Phänomen vorüber war, hörte Albert einen scharfen Böllerknall, der ihm beklemmenden Schreck machte, und sah, wie die große Pappel hinter den Terrarien langsam in Bewegung geriet. Sie fiel gemächlich um; sie war in der Mitte gespalten; sie tastete mit peitschenden Zweigen, mit silbern durcheinanderrieselnden Blättern eine lustige Kreislinie entlang und lag dann, quer über dem Weg, mit der halben Krone in den Gladiolen und Azaleen.

– Und dann ging in der Luft noch etwas vor. Ein Rascheln erhob sich oben; und auf einmal sprang ein kühler Sturm irgendwo auf; er führte schräge Schwaden von Hagelkörnern mit sich, die tanzten, polterten, rumorten. Die Scheiben an den Terrarien waren plötzlich nicht mehr da. O weh, dachte Albert, das wird Papa wenig Freude machen. Wie schade war das! . . .

Wo ist Papa? . . .

Eine Minute lang dauerte das klirrende Donnergemurmel dort oben, dann kam Regen, Regen; der Fluß war von Millionen weißer Blasen gesprenkelt. Albert ging in sein Bett zurück und streckte sich der Länge nach aus. Sofort schlief er wieder ein, und der Vater war jetzt in der Stube, das wußte er. Er hatte gefühlt, daß sich eine warme Handfläche auf seine Stirne legte, und dann hatte er tief geatmet, so als ob sein Herz plötzlich voller und gesünder schlage.

Als er gegen Abend erwachte, saß der Vater noch immer an seinem Bett; er hatte sich nicht um das Unwesen gekümmert, auch nicht darum, daß seine kleine Tierwelt da draußen in alle Himmelsrichtungen entschlüpft war – er war froh genug, daß sein Knabe diese Krisis überstanden hatte und daß er ihn behalten durfte. Und dann kamen die schlanken Hände auf ihn zu, er ergriff sie mit seinen großen Fingern und spielte mit ihnen, während er mit seiner mühsamen Stimme, die tief und voll klang, unablässig beruhigende hübsche Sachen redete, oft zweimal, bis das aufblühende Verständnis Alberts davon Besitz ergriff.

Er sagte: »Deine Mutter ist von uns gegangen. Sie hat noch von dir gesprochen und läßt dich grüßen. Sie hat keine Schmerzen erlitten; es kam, wie es kommen mußte.« –

Er sagte: »Du bist jetzt mein Einziger. Du hast mich sehr geärgert; doch es war nicht nötig, daß ich dich prügelte. Wir wollen Sand darüber streuen.«

Und sagte noch dies und das, was angenehm zu hören war, und am nächsten Morgen durfte der kleine Albert trotz seiner tiefen Trauer wieder aufstehen. Er ging an der Hand des Vaters; sie aßen wieder zusammen; er bekam Wein zu trinken, und am Nachmittag sahen sie sich den Garten an.

Da sah es nun freilich übel aus. Aber sie würden reisen, hatte Papa gesagt, und wollten weit, weit weg. Vorher jedoch war es nötig, daß man sich umsah und Anordnungen traf.

 

Als die Pappel gehoben wurde, hätten die Gärtnergehilfen sie beinahe wieder fallen lassen.

Denn unter ihrem Laub saß, halb in die Erde vergraben, eine kleine, halb verkohlte, behaarte und seltsam menschenähnliche Gestalt, zusammengekrümmt, mit krauser Stirn, erhobenen Händen und weitgeöffneten blinden Augen. – –


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