Paul Schreckenbach
Um die Wartburg
Paul Schreckenbach

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XX.

Die Gefangennahme des Grafen Weilnau zog Folgen nach sich, die kein Mensch hätte vorausahnen können.

Zuvörderst war das Belagerungsheer der Wartburg wie mit einem Schlage verschwunden. Die Soldknechte hatten schon vierzehn Tage lang ihr Geld nicht erhalten, denn es war keines vom Könige abgesandt worden. Darob hatten sie gewaltig geflucht und gemurrt, waren auch längst dieses Feldzuges satt, da er ihnen vielen und harten Dienst brachte, keine Ruhe ließ bei Tag und Nacht und magere Beute in Aussicht stellte. Nur die Furcht vor der grausamen Strenge des eisernen Grafen hatte den Aufruhr niedergehalten. Nun waren sie ihn los, und in derselben Stunde lösten sich alle Bande der Zucht und des Gehorsams. In Rotten von zwanzig und dreißig Mann zogen sie aus der Stadt, kümmerten sich um niemandes Befehle mehr, verübten in den Dörfern mancherlei Raub und Unfug und verliefen sich nach Franken. Ja, ein großer Haufe, der sich einen Hauptmann gekürt und eine eigene Fahne gegeben hatte, kam vor Schloß Tenneberg gerückt und begehrte Kriegsdienst zu nehmen beim frommen Landgrafen, der ein viel besserer Herr sei als der harte König und dem sie treulich dienen wollten, wenn er sie gut bezahle. Aber als sie ankamen, wies man sie nach der Wartburg, wohin der Fürst mit einer großen Macht sich am Morgen begeben hatte. So kam es, daß dieselben Leute, die zwei Tage vorher die Feste mit Brand und Untergang bedroht hatten, sich jetzt friedlich zu Füßen des Wartberges lagerten und dem Landgrafen durch drei Abgesandte ihre Dienste anbieten ließen.

Friedrich, der sich gerade mit Hermann Goldacker im Vorderhofe der Burg erging, empfing sie nicht ungnädig. »Wieviel sind Euer?« erkundigte er sich.

»Herr, wir sind über fünfzig, lauter altgediente Leute,« erwiderte der Sprecher, ein Schwabe mit schon ergrautem Haar, gewaltigen Gliedern und einer breiten Narbe auf der Stirn.

»Und seid ihr zufrieden, wenn ich euch den Monat einen Gulden gebe, dazu jeden Tag ein Maß Wein mit der Kost und Sturmgelder?«

»Heil dem frommen Landgrafen von Thüringen!« schrien alle drei, als hätten sich sich verabredet.

»Warum soll ich sie nicht nehmen?« sagte der Landgraf zu Hermann Goldacker. »Hätte ich lauter Lehnsmannen, es wäre ja besser. Aber ich bin auf geworbenes Volk angewiesen, und da kommen mir diese Leute gerade gelegen. Sie werden mir nicht schlechter dienen als andere.«

»Gewißlich nicht, gnädiger Herr,« entgegnete der Marschalk. »Es macht nichts aus, daß sie bisher wider Euch im Felde standen. Sie dienen dem, der sie bezahlt, und gegen einen Goldgulden für den Monat dienten sie wohl auch dem Sultan der Sarazenen wider den Herrn Papst.«

»Es muß auch solches Volk geben,« versetzte der Landgraf. »Geht hin zu euren Leuten und sagt ihnen meine Bedingungen,« gebot er den Söldnern. »Sind sie zufrieden wie ihr, so nehme ich euch alle in Eid und Pflicht und reihe euch in meine Rotten ein.«

»Herr, da brauchen wir nicht zu fragen,« gab der Sprecher zur Antwort. »Donner und Strahl! Einen Gulden im Monat und jeden Tag eine Maß Wein! Da folgt Euch jeder!«

»Dann mögt ihr unten harren bis eine Stunde nach Mittag. Da führt der Ritter von Hopfgarten sechs Fähnlein nach dem Tenneberg. Der soll euch schwören lassen und euch unter seine Leute einreihen.«

»Heil dem Landgrafen von Thüringen!« schrien die drei, bogen ihre Knie und zogen zufrieden ab.

Friedrich blickte ihnen nachdenklich nach. »Auch ein Zeichen,« murmelte er, »wie anders ich dastehe in der Meinung der Menschen als im vorigen Jahre.«

»Da habt Ihr Recht, gnädiger Herr,« bemerkte der Marschalk. »Einer Sache, die es für sieglos hält, schließt sich solches Volk nicht an, auch nicht für Geld.

Die Furcht vor dem Könige hat sich abgestumpft, da er zweimal diese Burg nicht gewonnen hat.«

»Goldacker,« sagte der Fürst und legte seine Hand schwer auf des Ritters Schulter, »dir habe ich viel, sehr viel zu danken. Kommen wir aus diesem Kriege, du und ich, und ich sitze fest auf dem Landgrafenstuhle – bei Gott, dann sollst du noch ein Lehn erhalten zu dem, als du schon hast, in dem dein Name soll zur Wahrheit werden. Es soll ein goldener Acker sein.«

Der Marschalk neigte sich und wollte eben etwas erwidern, da wurden ihrer beider Blicke durch ein sonderliches Schauspiel gefesselt. Durch das Tor bewegte sich eine von Eseln getragene Sänfte, zu deren beiden Seiten je ein Bürger von Eisenach barhaupt schritt und in der sich ein weißhaariger, ebenfalls barhäuptiger Mann befand.

»Es ist der alte Ditmar Hellgrave,« sagte erstaunt der Landgraf. »Ein alter Getreuer unseres Hauses während sein Sohn ein Wühler und Hetzer ist.« Er schritt rasch auf die Sänfte zu, die hinter dem Tore Halt gemacht hatte und der nun der Greis mit verhältnismäßiger Behendigkeit entstieg. »Was bringst du mir, Ditmar Hellgrave?«

Der Alte ließ sich auf ein Knie nieder. »Herr, den Frieden!« sagte er.

»Wer sendet dich?«

»Der Rat und die gemeine Bürgerschaft von Eisenach.«

»Wie kommt das?«

»Herr, es war vorgestern eine wilde Ratssitzung, da des Königs Feldhauptmann gefangen war und des Reiches Heer von dannen zog. Die Ratsmannen einigten sich dahin, daß es nun besser sei, den Frieden mit unserm gnädigen Herrn zu suchen.«

»Ach so, nun bin ich wieder Euer gnädiger Herr.«

»Mir seid Ihr das immer gewesen,« entgegnete der Altbürgermeister.

»Ja, dir, das ist wahr! Stehe auf, Ditmar Hellgrave. Aber warum kommen die Bürgermeister und Schöffen nicht selber?«

»Herr, sie meinen, mein Wort werde bei Euch eine gute Stätte finden. Denn Ihr wißt, ich bin dem, der als Landgraf hier gebot, immer treu und gewärtig gewesen!«

»Das bist du gewesen, Hellgrave. Und bätest du für dich um eine Gnade, wahrlich, ich würde nicht nein sagen. Aber für Eisenach sollen die bitten, die Eisenachs übelberatene Herren waren bis hierher. Sie sollen selber ihre trotzigen Nacken beugen, und nicht den Frieden sollen sie suchen, sondern ihre Unterwerfung anzeigen. Die Stadt ist im Aufruhr wider mich, nicht im Kriege. Du weißt, ich bin nicht grausam und werde mit mir reden lassen, wenn sie mich bitten. Aber unterwerfen müssen sie sich, ohne jede Bedingung, auf Gnade und Ungnade. Das sage denen, die dich gesandt haben. Du aber gehe hin in Frieden.«

Der Alte schwieg ein paar Augenblicke, dann sagte er trocken: »Recht so. Wär' ich an Eurer Stelle, tät ich's auch so machen. Gehabt Euch wohl, gnädiger Herr.«

Er beugte sein Knie noch einmal, wandte sich um und stieg schwerfällig in seine Sänfte.

Der Landgraf schaute ihm lachend nach. »Das läßt sich gut an,« sagte er. »Ob sie wohl den Mut finden werden, vor mir zu erscheinen und sich auf Gnade und Ungnade zu unterwerfen?«

»Allsogleich schwerlich, gnädiger Herr,« versetzte Goldacker. »Die jetzt das Regiment halten in der Stadt, die werden Himmel und Hölle in Bewegung setzen, daß sie dem entgehen. Und es wird ihnen wohl noch einmal gelingen. Die Stadt ist des Krieges satt, aber sie ist noch nicht mürbe genug. Sie haben gar zu schön geträumt von Eisenach, des Reiches freier Stadt. Ganz und gar werden sie sich noch nicht ducken.«

Darin behielt der Marschalk Recht. Nach Frieden sehnten sich die Eisenacher, aber sich auf Gnade und Ungnade ergeben, das wollten sie doch nicht. Sie schlossen daher ihre Tore und sandten von neuem flehentliche Bitten um Hilfe an den König. Aber ihre Angst war groß, und in jeder Weise hüteten sie sich, den Landgrafen zu reizen. Die auf der Wartburg hatten vor ihnen vollkommene Ruhe.

Viel wertvoller freilich war es für Friedrich, daß sich jetzt überall im Lande Leute für ihn erklärten, die bisher scheu zur Seite gestanden hatten. Viele kleine Schildträger besannen sich mit einem Male darauf, daß sie ja eigentlich dem Herrn, der auf der Wartburg thronte, zur Heeresfolge verpflichtet seien, und kamen nun herbei, um ihre Lehnspflicht zu erfüllen. Meist brachten sie nur wenige Knechte und Pferde mit, aber zusammen bildeten sie doch eine ganz stattliche Zahl wohlbewaffneter und kriegstüchtiger Männer. Ja, es geschah, was Friedrich wenige Wochen vorher für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten hätte, zwei der Großen des Landes traten offen auf seine Seite. Graf Otto von Lobedaburg, Frau Elses Vetter, kam mit vierzig geharnischten Reitern und brachte ebensoviele mit vom alten Vogt Heinrich von Weida, der selbst seines Alters wegen nicht mehr zu Felde zog.

Friedrich fiel seinem Vetter um den Hals, als er vor ihm auf der Wartburg erschien, und es fehlte wenig, daß er vor Freuden weinte. »Gesegnet seist du für deine Hilfe!« rief er, »dir und Herrn Heinrich von Weida werde ich das bis an meinen Tod gedenken!«

»Wisse, Landgraf,« erwiderte der Lobedaburger, »wie wir, so denken viele, ja die allermeisten. Aber noch fürchten sie sich und wagen sich nicht hervor. Selbst die von Orlamünde möchten dich am liebsten als Oberherrn in Thüringen anerkennen, ich sprach mit dem in Weimar und mit dem auf dem Lauenstein. Gelänge dir's einmal, das Heer des Königs in einer Feldschlacht zu überwinden, auf der Stelle fiele dir ganz Thüringen zu.«

»Das fehlte nur noch, Vetter,« rief Frau Else erschrocken, »daß du meinem Manne zu einer Feldschlacht zuredest. Er sinnt leider ohnedies auf nichts anderes.«

Der Landgraf lächelte. »Da redest du recht. Nichts ersehne ich heißer. Aber ich bin noch nicht soweit.«

»Fehlen dir noch Leute?« fragte der Lobedaburger.

»Viel mehr, als ich habe, werden mir schwerlich zuziehen, und an Zahl werde ich des Königs Heer niemals erreichen.«

»Aber du willst es wagen?«

»Auf jeden Fall.«

»Wahrlich, du bist ein kühner Mann und wert, der Thüringer Hauptmann und Oberherr zu sein!«

»Nein, Vetter, so sollst du nicht reden!« rief Frau Else und faßte mit beiden Händen ihres Mannes Rechte. »Du sollst ihn nicht noch anfeuern, denn tollkühn ist es, wenn der Schwächere dem Stärkeren im Felde entgegen treten will.«

»Das sage nicht,« entgegnete der Landgraf sehr ernst. »Ich war tollkühn in meiner Jugend, jetzt bin ich's nicht mehr. Ich stelle mich nur zur Schlacht, wenn die Gegend mir günstig ist, und ich greife nur an, wenn ich den König überrumpeln kann. Sonst kann ich der großen Überzahl nicht widerstehen, viel weniger siegen. Doch nun kommt zum Abendschmause. Du mußt vorlieb nehmen, Vetter von Lobedaburg, mit dem, was du findest. Ein Feldlager ist die Wartburg jetzt, nicht wie sonst ein fürstliches Hoflager.«

»Von Essen setze mir vor, was du willst. Nur wenn ein guter Wein fehlte, würde ich trauern,« erklärte der wackere und trunkfeste Lobedaburger.

»Dann freue dich vielmehr in deinem Herzen,« rief der Landgraf lachend. »An gutem Wein ist mein Keller noch immer überreich, und auch ich bin so gestimmt in meinem Gemüte, daß ich mehrere Becher leeren möchte bis auf den Grund.«

Es erhob sich in der Tat ein schweres Zechen, als die Abendmahlzeit vorüber war und Frau Else sich zurückgezogen hatte. Friedrich erschien so heiter und aufgeräumt, wie ihn lange niemand der Seinen gesehen hatte, und Hermann Goldacker hätte sich um ein Haar einen schweren Rausch angetrunken. Es war aber weniger der gewaltige Frankenwein, der ihn überwältigte, sondern die Ehre, die ihm widerfuhr, brachte seine tapfere Seele aus dem Gleichgewicht. Denn der Landgraf ließ ihn zwischen sich und dem Lobedaburger Grafen auf einem erhöhten Herrensitze Platz nehmen, was einem Dienstmann, auch wenn er von ritterlichem Herkommen war, sonst nie geschah.

Nach Mitternacht drängte sich der Ritter Günther von Schlotheim, der gerade die Wache hatte, an den Landgrafen heran und flüsterte ihm zu: »Herr, es steht einer draußen und will Euch sprechen!«

»Jetzt? Wer ist's?« fragte Friedrich befremdet.

»Herr, ein Mönch. Er kam mit zwei Begleitern auf Saumtieren ans Tor und sagte, er habe eine wichtige Kunde für Euch. Die Kapuze hat er übers Gesicht gezogen, und seinen Namen will er nur Euch offenbaren!«

Friedrich stand sogleich auf, entschuldigte sich wegen seines Fortgehens bei dem Lobedaburger und folgte verwundert dem Ritter. Als er in sein Gemach trat, sah er einen verhüllten Dominikaner vor sich, den zwei Knechte bewachten.

Er blickte ihn scharf an. Etwas in der Haltung des Mannes kam ihm bekannt vor. »Wer seid Ihr?« fragte er neugierig.

»Entfernt die Knechte, Herr Landgraf von Thüringen. Ihr seht, ich bin unbewehrt, Euch droht keine Gefahr. Aber ich muß ohne Zeugen mit Euch reden.«

Wunderlich! Auch die Stimme des Verhüllten hatte er sicher schon gehört, und doch erkannte er ihn nicht. Aber warum sollte er ihn fürchten? Nur ein Wahnsinniger konnte den Versuch machen, ihn hier zu überfallen. So gab er denn seinen Leuten einen Wink und war gleich darauf mit dem Mönche allein. Der schob sofort seine Kapuze zurück, und Friedrich sah sich dem Domherrn von Aspelt gegenüber.

Er war aufs höchste überrascht. »Gott zum Gruße, Herr Domherr!« rief er und streckte ihm die Hand entgegen. »Wie kommt Ihr in dieser Kutte und um diese Stunde auf die Wartburg?«

»Ich bin am Nachmittag mit zwei Predigermönchen nach Gotha zu gezogen. Den Bürgern sagt' ich, daß ich nach Erfurt wolle. Das Geleit der Stadt verbat ich mir. Trotzdem war mir's, als ob mir einige folgten bis über das Dorf Schönau hinaus, denn der Hinz Hellgrave mißtraut mir seit einiger Zeit. Als ich merkte, daß sie nicht mehr hinter mir her waren, wartete ich die volle Nacht ab in Sättelstädt und bin nun hier, um Euch eine Botschaft zu bringen von meinem Bruder. Zu schreiben wagt' ich's nicht, sie sehen jetzt in Eisenach mit großem Argwohn auf die gesamte Geistlichkeit.«

»Da habt Ihr einen weiten Weg hinter Euch. Soll ich Euch nicht Wein bringen lassen und einen Imbiß?«

»Gebt mir nachher einen Becher Weines, ehe ich mich zur Ruhe lege, und meinen Begleitern ebenso. Denn behalten müßt Ihr uns die Nacht und morgen noch verbergen oder fortbringen. Der Ritt durch die Nacht wird meinen Gliedern sehr schädlich sein, und ich werde schlafen, wie ein Toter, denn ich bin der Strapazen ungewohnt.«

»Es muß nichts Geringes sein, was Euch zu mir führt.«

»Nein, wahrlich, ich habe Euch viel zu künden. Also hört zu, edler Herr, was Euch mein Bruder vermelden läßt: Das Heer des Königs ist vollzählig und bricht von Nürnberg auf am Sankt Georgentage.«

»Teufel!« rief der Landgraf und fuhr empor. »Das wäre übermorgen.«

Der Domherr nickte. »Der Zug geht über Hof und Greiz nach Altenburg. Zieht der König selbst mit aus, so führt er das Heer. Bleibt er daheim – er ist unpaß, und es könnte sein, daß ihn das hindert –, so treten alle seine Ritter und Fähnlein unter den Befehl des Küchenmeisters von Nortenberg, der jetzt Altenburg hält. Alle die Herren aus Meißen, die Euch gram sind, der Burggraf von Meißen, der Burggraf von Leisnig und andere, sollen mit ihrem ganzen Aufgebote zu ihm stoßen.«

Der Landgraf machte eine heftige Bewegung, aber er schwieg.

»Von da,« fuhr Aspelt fort, »geht's nach Leipzig. Euer Bruder wird aufgefordert, die Stadt zu übergeben, sonst soll sie gestürmt werden.«

Der Landgraf lachte rauh auf. »Das wird ein saures Stück Arbeit werden. Wir haben sie gut befestigt, und die Bürger sind treu.«

»Das weiß der König,« sagte Aspelt mit schlauem Lächeln und nahm eine geheimnisvolle Miene an. »Und deshalb hat er Nortenberg den Befehl gegeben, nicht lange seine Kraft an der Stadt zu probieren. Er soll die darin schrecken und ängstigen, indem er das Land umher barbarisch verwüstet, alle Dörfer und Städtlein niederbrennt. Aber wenn sie sich ihm nach drei Tagen nicht ergeben, so soll er weiterziehen.«

Friedrich lachte noch einmal. »Drei Tage? Leipzig ist auf acht Wochen mit Brot und Fleisch versehen!«

»An Leipzig liegt ihm nur wenig. Er meint, das müsse später doch noch fallen. Sein letztes Ziel ist dieser Berg. Die Wartburg will er, denn er weiß das alte Wort und glaubt fest daran: Wer die Wartburg hat, der hat Thüringen. Auch meint er, daß Ihr Euch hier mit den Euren bergen werdet vor seiner Macht.«

»Daß wir Weilnau haben, weiß er gewiß noch gar nicht, und daß wir den mörderischen Schuft über das Tor hängen, wenn er stürmt, das weiß er auch nicht,« sagte der Landgraf finster.

»Meint nicht, erlauchter Herr, daß Ihr dadurch des Königs Gemüt bewegen könnt, von der Wartburg abzulassen. Der Graf von Weilnau stand bei dem Könige in Gunst, weil er ihm ein tüchtiger Feldhauptmann war. Nun, da er gefangen und sein Heer auseinandergelaufen ist, wird er bei ihm wohl nicht mehr hoch im Preise stehen. Der Habsburger liebt, die seines Blutes sind, sonst keinen Menschen in der Welt.«

Der Landgraf blickte eine Weile nachsinnend vor sich hin, dann sagte er: »Ihr habt eine wichtige Kunde gebracht, Domherr von Aspelt. Ich bin Euch und Eurem Bruder zu sehr großem Danke verpflichtet, und Ihr könnt gewiß sein, daß ich Euch solches nimmer vergessen werde.«

»Wir hoffen, daß wir Euch auch im Felde wohl bedienen können,« erwiderte der Domherr. »Kommt einer zu Euch und trägt Euch eine Kunde zu mit der Losung »Johann von Schwaben«, so traut ihm unbedingt.«

»Des bin ich über die Maßen froh und danke Euch nochmals,« rief Friedrich. »Darf ich Euch jetzt einladen, drüben mit uns einen Becher Weines zu trinken? Wir feiern ein Fest, weil mein Vetter, der Lobedaburger, mir zugezogen ist.«

»Am des Himmels willen! Bringt mich lieber sogleich in ein Bett, Herr Landgraf, denn alle meine Glieder sind mir wie zerschlagen. Ihr könnt mir keine größere Wohltat erweisen.«

»Ganz wie Ihr wollt,« gab Friedrich zur Antwort, lief nach den Dienern und geleitete den Domherrn selbst nach den Gastgemächern des Schlosses. Dahin wurde gerade auch der Vetter von der Lobedaburg gebracht, der sich einen gewaltigen Rausch angetrunken und den Gebrauch seiner Glieder zum größten Teile verloren hatte.

Friedrich ging noch lange im Hofe auf und nieder und ließ sich den kühlen Nachtwind um die Stirne wehen. Er entwarf in dieser Stunde seinen Feldzugsplan, soweit er sich entwerfen ließ. Sein Lager suchte er erst auf, als die schärfere Luft das Kommen des Tages kündete, und sein Schlummer war kurz.

Als er dann beim Morgenimbiß mit seiner Gemahlin allein war, weihte er sie in alles ein, was der Domherr ihm berichtet hatte.

»Darfst du den Aspelten auch wirklich trauen?« fragte Frau Else unruhig. »Sie sind ungetreue Leute. Wer seinen Herrn verrät, der verrät vielleicht auch dich, wenn's sein Vorteil will!«

»Wenn's sein Vorteil will,« wiederholte Friedrich. »Da liegt eben der Hase im Pfeffer. Nein, ich traue ihnen sonst nimmermehr, denn der Erzbischof ist ein Wolf und der Domherr ein Fuchs. Aber ihr Vorteil ist der meine. Sie möchten, daß der König Krone und Land verlöre, und ich kann mich auf sie verlassen. So werde ich die Wartburg wohl verwahren, aber mich selber mit soviel Leuten, wie ich aufbringen kann, nach Leipzig werfen. Und da du nirgend anderswo sicherer weilen kannst, so wirst du mich mit unserem Kinde nach Leipzig begleiten, es sei denn, daß du nach Erfurt ins Kloster wolltest.«

»Nimmermehr!« rief Frau Else. »Willst du mich mit dir nehmen, so folge ich mit Freuden.«

»Dann bereite alles vor. Gegen Abend reiten wir nach Gotha und ziehen die an uns, die auf dem Tenneberg sind. Morgen in der Frühe brechen wir dann nach Leipzig auf.«


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