Paul Schreckenbach
Um die Wartburg
Paul Schreckenbach

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XV.

Am folgenden Tage saß Landgraf Friedrich im Kloster Reinhardsbrunn in ernster Beratung mit Abt Markwart zusammen. Nach tiefbewegtem Abschied von seiner Frau und seinen getreuen Mannen war er am Morgen von der Wartburg abgeritten, und noch am Fuße des Berges hatten ihn die Boten getroffen, die ihm eine seltsame, aufregende Nachricht brachten. Sein Bruder Diezmann hatte an einem abendlichen Gastmahl im Predigerkloster zu Leipzig teilgenommen und war in einem halbdunkeln Kreuzgange von einem Unbekannten, der an ihm vorbeihuschte, durch einen Messerstich in die Seite verwundet worden. Der Mordbube war entkommen, und niemand ahnte, wer ihn gedungen hatte. Die Wunde war nur klein und nicht tief, so daß sich der Getroffene auf seinen eigenen Füßen heim in die Burg begeben konnte. Aber nach einigen Stunden schwoll sie an, ward blaurot und schwarz, verursachte dem Fürsten große Schmerzen und ein heftiges Fieber. Es war wohl möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß die Spitze des Messers vergiftet war. Er hatte sofort eine Gesandtschaft an seinen Bruder abgeordnet und verlangte dringend, daß Friedrich auf der Stelle nach Leipzig komme.

Das alles und ebenso Wertherns Bericht erzählte der Landgraf dem Abt, zu dem er eiligst geritten war. Herr Markwart hörte gespannt zu und sagte dann ohne sonderliche Ergriffenheit: »Du und ich hätten ihm ja gewiß einen schöneren Tod gegönnt, obschon er niemals unser Freund war. Du hast dich weidlich mit ihm gezankt und herumgeschlagen, und nur die Not hat euch zusammengeführt.«

»Ja,« erwiderte Friedrich düster, »als wir Jünglinge wurden, da fing unsere Feindschaft an und dauerte durch unsere Mannesjahre bis in die jüngste Zeit. Aber als Kinder haben wir uns innig lieb gehabt, als wir am Hofe unseres Ohms von Landsberg groß wurden. Und nun, da es mit ihm zu Ende geht, da ist mir, als wäre alles ausgelöscht, was dazwischen lag in den vielen Jahren, und ich gedenke seiner als des Menschen, der die schönsten Erinnerungen des Lebens mit mir teilt. Nun ist der alte Schlotheim der einzige noch, mit dem ich über die Landsberger Zeit reden kann.«

»Noch ist Herr Diezmann nicht tot,« warf der Abt ein.

»Vielleicht indem wir hier sitzen, läuten ihm die Totenglocken von Sankt Thomä und Sankt Nikolai in Leipzig. Und fast muß man's ihm wünschen. Ein Mensch, der Gift hat in seinen Adern, siecht langsam dahin und kann niemals gesunden. Dann hundertmal lieber ein schnelles Ende! Wunderlich übrigens, daß nun doch die Weissagung des alten Juden in Erfüllung geht! Du kennst sie nicht? Ich will sie dir erzählen.«

»Das ist in Wahrheit sehr wunderlich,« sagte der Abt, als Friedrich seinen Bericht beendet hatte, »so wunderlich, daß ich den alten Hebräer peinlich befragen würde, ob er etwa Näheres davon weiß.«

»Wie, du argwöhnst doch nicht etwa, daß er der Mörder sei?« rief der Landgraf erstaunt.

»Ist er so alt und zittrig, wie du erzähltest, so kann ich das nicht glauben. Aber vielleicht weiß er, wo der Mörder zu suchen ist. Bei diesem Volke ist alles möglich.«

»Jedenfalls werde ich ihn befragen, wenn auch nicht sogleich peinlich,« versetzte Friedrich. »Ich breche noch heute auf und nächtige in Gotha. Von dort aus geht's morgen, so schnell ich kann, zu meinem Bruder. Er hat eine stattliche Schaar gesammelt, die er mir zuführen wollte, um Eisenach zu bedrängen. Nun führe ich sie heran, die Wartburg zu entsetzen. Ich will auch dort Söldner werben und noch mehr Rosse kaufen, denn wisse, Frau Else hat mir den Schmuck ihrer Mutter geschenkt, den ihr meine Schwieger gegeben, als sie nach Erfurt zog.«

»Blitz, Donner und Mordbrand! – – würde ich sagen, wenn ich zu den Kindern dieser Welt gehörte,« rief der Abt. »Das ist ja hoch erfreulich. Ist's viel?«

»Ein alter Hausschatz von hohem Werte. Viele Stücke von Gold, einige besetzt mit teuren Steinen.«

Der Abt schlug sich auf die Schenkel und lachte dröhnend auf. »Ein Mirakel! Ein wahres Mirakel, daß der Herr Albrecht es nicht längst verjubelt hat. Nun, dir kommt's trefflich zustatten. Landgraf, es geht aufwärts mit dir!«

»Ich fühle ebenso, und mein Mut wächst mit jedem Tage,« entgegnete Friedrich. »Vor Ende April wird schwerlich der König dem Nortenberger in Altenburg zu Hilfe kommen. Bis dahin denke ich soviel Leute zu haben, daß ich mich auf diesen Weilnau stürzen kann. Hab' ich die Wartburg frei, so helfe mir Gott dazu, daß ich dem Könige im freien Felde begegnen kann!«

»Bist du des Teufels?« rief der Abt aufspringend. »Wenn König Albrecht kommt, so ist er sicherlich schwer gerüstet, und du bist ihm in keinem Falle gewachsen.«

»Manchmal schon hat der Kleinere den Großen geschlagen, wenn Gott mit ihm war. Und mit mir muß Gott sein, denn ich stehe auf meinem Recht, und wider mich steht ein gekrönter Räuber. Ich habe den Habsburger herausgefordert zu einem Gottesgericht – er hat sich geweigert, weiß nicht, ob aus Hochmut oder aus Feigheit. Nun zwing' ich ihn zu einem Gottesgericht auf freier Heide, und ich bin der festen Zuversicht, daß Gott mir den Sieg geben wird.«

»Ein Wagehals bist du!« grollte der Abt. »Ein Wagehals, der alles auf seines Schwertes Spitze stellen will. Laß doch den König sich den Schädel an einer deiner Burgen Wartburg und Tenneberg einrennen oder an dem festen Leipzig.«

»Wie weit sind wir damit gekommen zu König Adolfs Zeit?« fragte der Landgraf finster. »Eine Burg nach der andern ward gebrochen, und wir mußten ins Elend ziehen.«

»Aber die Wartburg war damals nicht dabei, sie gehörte noch deinem Vater, und an der beißt sich jeder die Zähne aus.«

»Ich hoffe, es werden sich viele daran verbluten. Aber tritt niemand dem Könige im Felde gegenüber und schlägt ihn aufs Haupt, so wird die Burg der Umlagerung nicht ledig, und auch die stärkste Feste bezwingt zuletzt der Hunger. Auch bin ich des Zustandes, in dem ich lebe, satt und übersatt. Mein Weib ist noch immer der Meinung, daß ihr Leben mit mir Sünde sei und Verderben bringen müsse. Sie will nun die Sünde tragen und mit mir ins Verderben fahren, weil sie sieht, daß ich elend werde ohne sie, und weil sie es doch nicht übers Herz bringt, sich von mir zu lösen. Auch dämmert ihr schon der Gedanke, den sie noch vor drei Monden mit Heftigkeit von sich wies, daß die Nonne in Weißenfels sich könnte geirrt haben. Aber sicher kann ihr das nur werden, wenn der König geschlagen ist. Dann sieht sie, Gottes Zorn will sie nicht verderben, obwohl ihres Vaters Eid unerfüllt geblieben ist. Dann erst kann sie wieder mein Weib sein mit freiem Herzen, und dazu will ich ihr verhelfen.«

»Hm, hm,« brummte der Abt und machte noch immer ein sehr bedenkliches Gesicht. »Du wirst sehen, der König kommt mit solcher Macht, daß du nimmer gegen ihn anrennen kannst.«

»Ja, seine Macht ist groß. Aber sie ist innerlich morsch und faul, der Wurm der Untreue und des Verrates sitzt darin. Denn wisse, wie mir Dietrich von Werthern im geheimen kündete: der Erzbischof Peter von Aspelt kommt mit dem Könige nach Thüringen gefahren. Er hat des Königs Gunst gewonnen und sitzt in seinem geheimen Rat und sinnt doch nur sein Verderben. Unheimlich und verächtlich ist mir der untreue Mann, aber ein Narr wär' ich, wenn ich seine Hand zurückstieße.«

»Richtig,« sagte der Abt, mit der Hand auf den Tisch schlagend, »ein ausbündiger Narr wärst du da. Große Schurken wie Aspelt sind Werkzeuge in Gottes Hand, um den Guten zu nützen. Und er wird dir ungeheuer viel nützen. Der Herr erhalte ihn noch ein Jahr in Gesundheit und in des Königs Gunst, hernach mag er meinetwegen vom Teufel geholt werden!« Er schlug ein Kreuz und fuhr dann fort: »Ist er bei des Königs Heer, so hat dein Plan für mich ein ander Gesicht. Er kündet dir dann vielleicht eine Stunde, in der du über deine Feinde herfallen kannst.«

»Dem Werthern hat er das angedeutet,« erwiderte der Landgraf. »Und sein Bruder, der Domherr, scheint uns hier nützen zu wollen, denn er will nach Eisenach kommen. Da, hoff' ich, wird manch Brieflein auf den Tenneberg fliegen, und manches wird uns kund getan werden, was wir sonst nicht wissen würden.«

»Ohne Zweifel!« rief der Abt, und seine Augen glänzten.

»Schade nur,« fuhr Friedrich fort, indem ein Schatten über sein Antlitz fuhr, »daß meine Reiter und Knechte, die ich auf dem Tenneberg habe, wohl über eine Woche lang untätig müssen feiern und säumen.«

»Warum?« fragte der Abt verwundert.

»Ich muß nach Leipzig, das siehst du ein. Dort steht viel auf dem Spiele. Und hier habe ich keinen Feldhauptmann. Schlotheim und Frankenstein sind zu jung und leider noch zu hitzig und unerfahren. Das kleine Heer, das ich zusammenhabe, muß einer führen, der zugleich kühn und sehr vorsichtig ist.«

»Und solche hast du nicht? Wie? Nimm Goldacker, Werthern, –«

»Die brauch' ich anderswo. Hermann Goldacker bleibt auf der Wartburg. Meine Frau muß einen zur Seite haben, auf den sie sich unbedingt verlassen und in jeder Lage stützen kann. Und Werthern geht mit mir nach Leipzig, denn er ist wie kein anderer geschickt, die Werbung zu leiten, und wir müssen in großer Eile werben und rüsten. In acht Wochen müssen wir bereit sein, die habsburgische Majestät zu empfangen. Und so bleibt mir nichts übrig,« schloß er finster, »als meine Leute hier stehen zu lassen und den strengsten Befehl zu geben, nichts zu tun und zu harren, bis ich wieder aus Leipzig zurückkehre.«

»Und wann erwartest du Weilnau mit des Königs Aufgebot?«

»In drei Tagen kann er vor der Burg stehen. Und wie ich den Hund kenne, so wird er auf der Stelle die Eisenacherburg stürmen und wird sie auch gewinnen, denn er wird viel Volks haben. Von da kann er auf dem schmalen Bergrücken seine Bliden und Ballisten vorschieben und das Schloß auf der Höhe hart bedrängen. So würde ich tun, und Weilnau ist nicht dümmer als ich.«

»Das tut er gewiß, und dabei müßte er beständig gestört und beunruhigt werden!« rief der Abt. »Friedrich, ich rate dir, laß den Werthern hier!«

»Wem soll ich mein Geld und meine Kostbarkeiten anvertrauen, wenn nicht ihm? Ich habe keinen andern. Das weiß Gott, meinen Finger ließ ich mir abhacken, hätt' ich einen hier, der meine Fähnlein führen könnte wie Werthern oder Goldacker.«

Der Abt sah ihn lange an, und in seinen Zügen arbeitete es heftig. »Harre hier!« rief er dann plötzlich. »Ich will dir einen zeigen!«

»Du?« rief der Landgraf erstaunt. »Kannst du einen aus der Erde graben?«

»Ja, aus dem Grabe wird einer erstehen, in dem er achtundzwanzig Jahre lag. Gedulde dich,« sagte der Abt und schritt mit einem seltsamen Lächeln zur Tür hinaus.

Friedrich ließ sich auf einen Sessel nieder und blickte ihm nach, höchst verwundert über sein Gebaren. Ein Scherz konnte das nicht sein, aber wie sollte er's im Ernst verstehen? War etwa einer der Großen des Landes ins Kloster eingekehrt und wollte nun offen an seine Seite treten? Von manchem wußte er, daß ihn nur die Furcht vor der Übermacht abgehalten hatte, sich offen zu ihm zu bekennen. Einige hatten ihm sogar insgeheim sagen lassen, daß sie auf der Stelle zu ihm übergehen würden, wenn durch eine Niederlage des Königs Macht schwächer würde. Albrechts Begünstigung der Städte hatte unter den stolzen Grafen und Herren Thüringens böses Blut gemacht, und die kalte und herrische Art des Habsburgers verdroß und erbitterte jeden, der mit ihm zu tun hatte. Auf dem letzten Hoftage zu Fulda hatte er die Orlamünder und Schwarzburger, die Gleichen und Hohnsteiner und wie sie sonst alle hießen, wie kleine Vasallen behandelt, hatte kaum ein Wort für sie gehabt, geschweige daß er einen zur Tafel zugezogen hätte. Das und vieles andere hatte sie sehr bedenklich gemacht; sie bereuten es jetzt, daß sie ihm nicht gleich von Anfang an im Bunde mit dem alten Oberherrn des Landes entgegengetreten waren.

Alles das wußte Friedrich sehr wohl, aber er kannte auch ihre große Furcht vor König Albrechts Zorn. Sollte es wirklich einer wagen, schon jetzt offen zu ihm überzugehen und damit den andern ein Beispiel zu geben?

Er hatte ziemlich lange Muße, darüber nachzudenken, denn die Tür öffnete sich erst wieder nach geraumer Zeit. Als sie aber langsam aufging, fuhr der Landgraf mit einem lauten Rufe des Staunens empor. Vor ihm stand kein anderer als der Abt, aber die geistliche Tracht hatte er abgelegt. Er trug einen Helm auf dem Haupte und einen mächtigen, stark verrosteten Kettenpanzer über Brust und Leib, und in der Hand hielt er ein gewaltiges Schwert.

Eine Weile weidete er sich an der stummen Verblüffung des Landgrafen. Dann stieß er sein Schwert auf den Boden auf und sprach mit starker Stimme: »Das war zum ersten Male dabei, als ich mit König Rudolf über das Marchfeld ritt, wo wir des Böhmen Ottokar Macht und Herrschaft in Trümmer schlugen. Damals führte ich des Königs Söldner und galt viel bei ihm. Aber dann kehrt' ich heim auf böse Kunde und fand meine Burg zerstört, Weib und Kind erschlagen und verbrannt. Da ward aus dem Kriegsmanne ein Mönch, und des Königs Fürsprache und deines Großvaters Gunst machten mich zum Abte dieses Klosters. Seitdem habe ich den Streit mit Waffen gemieden. Aber ist nicht Christian von Mainz mit einem Streitkolben vor dem Heere des Rotbartes hergeritten? Ziehen nicht viele Bischöfe und Prälaten selbst mit in den Kampf, ohne daß die Not sie dazu treibt? Soll ich nicht dürfen, was andere tun? Bei Sankt Hubertus! Ich will's und ich kann's. Die Welt soll sehen, daß Markwart von Eberstein noch einen Heerhaufen führen kann!«

Der Landgraf stürzte auf ihn zu und warf sich an seine Brust. »Du bist mein Vater und mein bester Freund!« rief er. »Dir vertraue ich ganz und gar, und noch in der nächsten Stunde reite ich ab nach Leipzig. Verabrede dich mit meiner Frau und Hermann Goldacker, wie Ihr Euch verständigen wollt durch Zeichen mit Licht oder Feuer, daß sie dir helfen durch Ausfälle, wenn du angreifst. Tu alles, was du willst. Und höre, Abt, noch eines: Kommt die Burg in große Gefahr, brechen Brände dort aus oder geschieht Ähnliches, so brichst du durch die Feinde und führst mein Weib hinweg mit oder gegen ihren Willen, samt ihrem Kinde. Das schwöre mir!«

»Es wird ein schweres Stück sein, Frau Elsen wider ihren Willen zu etwas zu vermögen, aber ich tu's und schwöre dir's,« erwiderte der Abt.

»So komm! Wir reiten nach Tenneberg, daß ich dich meinen Mannen und Knechten vorstelle als ihren Gebieter an meiner Statt.«


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