Paul Schreckenbach
Um die Wartburg
Paul Schreckenbach

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II.

Markgräfin Else wurde von ihrer Base, der Frau Domina, mit allen Ehren aufgenommen, die der Landesherrin gebührten. Auf die Kunde, daß der Zug der Fürstin nahe sei, zogen alle Schwestern zum Empfang vor das Tor hinaus, und Frau Sophie begrüßte ihre Base, der ihr Marschalk Helldorf schnell und gewandt vom Pferde half, mit feierlichen Worten und dem Kusse des Friedens.

Die hohe Frau gab eine freundliche, aber kurze Antwort. Sie war bleich und schien erregt, und ihre Blicke flogen unruhig über die Schar der Nonnen hin.

»Wo ist die Schwester meiner Mutter, Frau Elisabeth? Sie ist doch nicht krank?« fragte sie. »Um ihretwillen bin ich gekommen.«

Die Domina starrte sie an und war unfähig, sogleich einen Laut hervorzubringen. Abergläubisches Erstaunen, ja Schrecken prägte sich in ihren harten Zügen aus, und denselben Ausdruck nahmen die Mienen der Schwestern an, die zunächst standen und die Worte der Fürstin vernommen hatten.

»Um Gottes willen, was ist Euch?« rief Frau Else bestürzt. »Warum erschreckt Ihr? Sie ist doch nicht etwa gestorben?«

»Herrin,« erwiderte die Domina mit zitternder Stimme, »sie lebt, wenn sie wohl auch die Bürde des irdischen Leibes nicht mehr lange tragen wird. Aber wie soll ich nicht erschrecken, wenn ich sündhafte Dienerin Gottes Wunder über Wunder mit meinen Augen sehe und mit meinen Ohren höre? Denn wisset, sie hat Euer Kommen im Geiste vorher geschaut und uns vorhin verkündigt.«

Frau Else zuckte zusammen. Ein Erzittern ging durch ihre schlanke Gestalt, sie wankte und stützte sich schwer auf den neben ihr stehenden Ritter Helldorf.

»Und wo ist sie? Warum ist sie nicht hier?« fragte sie, nachdem sie sich mühsam zur Ruhe gezwungen hatte.

»Sie pflegt um diese Zeit vor dem Altare des heiligen Franziskus zu beten, und niemand würde wagen, sie in ihrer Andacht zu stören. Tretet einstweilen in das Refektorium und nehmt vorlieb mit einem Imbiß, den das Kloster Euch bietet.«

Frau Else schüttelte den Kopf. »Ich habe mir heute ein strenges Fasten gelobt bis zum Untergange der Sonne. Mich hungert und dürstet nur nach einem: Ich will Antwort hören auf eine Frage, die mir Gott durch den Mund seiner Auserwählten geben wird. Führt mich sogleich in ihre Zelle. Dort will ich sie erwarten.«

Die Domina schlug die Hände zusammen. »So im Reisekleide und ohne geruht zu haben?«

»Im Reisekleide und wie ich bin,« erwiderte die Fürstin in einem Tone, der keinen Widerspruch duldete.

Sophie von Landsberg neigte schweigend das Haupt. Sie war nicht gewohnt, sich befehlen zu lassen, und die Art, in der die junge fürstliche Base ihr Antwort gab, würde sie sonst nicht wenig verletzt haben. Jetzt aber stand sie so sehr unter dem Eindrucke, etwas Wunderbares zu erleben, daß ein Gefühl des Gekränktseins in ihrer stolzen Seele gar nicht emporstieg.

»Tretet ein!« sagte sie. »Gott und seine Heiligen wollen Euren Eingang segnen!« Die beiden verschwanden im Halbdunkel des Kreuzganges, und die Nonnen folgten ihnen paarweise nach.

Ritter Helldorf stand noch auf dem nämlichen Flecke, wo er der Markgräfin vom Pferde geholfen, und blickte verdutzt vor sich hin. Dann wandte er sich um und sagte zu dem Ritter Gartolf: »Ein wunderlicher Einritt! Für Euch hatte die hohe Frau keinen Blick, für mich einen halben.«

»Ihr hört doch, was sie hier begehrt, und welches Wunder sich zugetragen!« versetzte Gartolf. »Mir fuhr's durch alle Glieder.«

Helldorf zog die Augenbrauen hoch und sah ihn nachdenklich an. »Sollte ihr's nicht einer vorher verkündigt haben?« fragte er kühl und bedächtig.

Der Alte warf ihm einen geradezu entsetzten Blick zu, und das Blut schoß ihm ins Gesicht. »Wie,« rief er heftig, »Ihr zweifelt? Meint gar, die heilige Frau triebe ein betrüglich Spiel? Da sei Gott vor, solches zu denken!« Er schlug mit zitternden Fingern ein Kreuz und fuhr dann ruhiger fort: »Wußtet Ihr doch selber nicht, was sie hier sucht, und seid der Herrin Marschalk! Wer soll's gewußt und vor Eurem Kommen hierher getragen haben? Warum denket Ihr so Arges? Wollt Ihr leugnen, daß der Geist Gottes die frommen und heiligen Menschen erleuchtet, daß sie schauen, was uns verborgen ist? Wollt Ihr die Wunder der Heiligen leugnen?«

»Nein,« entgegnete Helldorf, »Wunder gibt's. Aber ich will's Euch offen sagen: Ich wollt, es gäbe keine. Mir wird unfroh zumute bei solchen Dingen. Hätt' ich die Welt zu regieren, so ginge darinnen alles zu auf natürliche Weise.«

Gartolf knurrte mißbilligend: »Mich freut's nicht, Euch reden zu hören wie einen Heiden und Ketzer. Und es sollte mich wundern, wenn die Frau Markgräfin Gefallen fände an solchen Gedanken ihres Marschalks.«

»Ha,« rief Helldorf, »der hohen Frau würde ich natürlich das nicht sagen. Das würde mir nicht geziemen, weil ich weiß, daß sie anders denkt. Sie hat von ihrer Frau Mutter her das Blut der Orlamünder in den Adern, und die sind alle halbe Heilige. Aber unser Herr, der Markgraf, denkt wie ich, wenn er's auch selten sagt, denn er ist nicht umsonst der Enkel des großen Kaisers Friedrich von Hohenstaufen. Doch wir wollen nachher weiter davon reden, wenn's Euch gefällt. Jetzt muß ich mich um die dort kümmern. Es wird schwer sein, ihnen allen Herberge zu schaffen.« Er wies auf die Bewaffneten, die in einiger Entfernung hielten.

Während dieses tiefsinnigen Gespräches der beiden Männer war Frau Else, geführt von der Domina, den Kreuzgang entlang geschritten. An seinem unteren Ende befand sich die Zelle, in der Elisabeth von Orlamünde, die Tante der Fürstin, seit zweiundzwanzig Jahren büßte und betete. Das Gemach war leer, seine Bewohnerin war noch nicht aus der Kirche zurückgekehrt.

»Ich bitte Euch, laßt mich hier allein,« flüsterte Frau Else, und die Domina trat sogleich zurück und schloß hinter ihr die Tür.

Hochaufatmend blieb die junge Markgräfin stehen und preßte die Hände auf ihr pochendes Herz. Ihr war mit einem Male zumute, als ob sie umsinken solle. War es die dumpfe, kellerartige Luft der Zelle, was ihr fast den Atem benahm, oder war es die Angst, die plötzlich riesengroß in ihr emporstieg? Eine Schicksalsfrage wollte sie tun – wie würde die Antwort lauten? Vielleicht zertrümmerte sie das Glück ihres Lebens.

Sie blickte sich scheu in dem gewölbten Raume um, der nur durch ein schmales Gitterfenster sein trübes Licht empfing. Die hier ihre Tage verbrachte, die würde ihr, ohne Schonung ihres Glückes, die Wahrheit sagen, denn sie konnte wohl keine Empfindung mehr haben für weltliche Freuden und Schmerzen, sonst hätte sie nicht leben können in dieser Umgebung. In einer Ecke stand die Lagerstätte der heiligen Frau, eine harte Holzpritsche mit ein paar härenen Decken. In der Mitte erhob sich ein plumper Tisch, davor eine schmale Holzbank. In einer andern Ecke befand sich unter einem großen Kruzifixus, der streng und düster von der Wand herniederblickte, ein grob zugehauener Betschemel. Darauf lagen keine weichen Kissen, wie das sonst zumeist üblich war; die Beterin pflegte auf dem harten Eichenholze zu knien, das starke Spuren der Benutzung aufwies. Daneben hing eine Geißel, und die dunklen Blutflecke an der getünchten Wand und auf dem Estrich des Fußbodens zeigten deutlich, daß die Bewohnerin dieser Zelle furchtbaren Ernst machte mit der Abtötung ihres Fleisches.

Die junge Frau fuhr unwillkürlich schaudernd zurück, als sie die Spuren qualvoller Selbstpeinigung bemerkte. Gleich darauf aber warf sie sich auf die Knie, und indem ihr große Tränen aus den Augen stürzten, begann sie zu beten. Sie betete so leidenschaftlich und inbrünstig, daß sie das Eintreten der Nonne überhörte und erst emporfuhr, als sie dicht vor ihr stand.

Sie sahen sich einige Augenblicke schweigend an, und wer sie hätte stehen sehen, der wäre keinen Augenblick darüber im Zweifel gewesen, daß sie nahe Blutsverwandte waren. Die Ähnlichkeit trat jetzt besonders stark hervor, weil von dem Antlitz der Fürstin das zarte Rot geschwunden war, das es für gewöhnlich bedeckte. Ihre Wangen waren fast so bleich wie die der Nonne.

»Kind meiner Schwester, ich habe dich erwartet. Die Heiligen haben mir dein Kommen kundgetan,« sagte Frau Elisabeth, während die Markgräfin nach Worten rang. »Meine Füße wollen mich nicht tragen,« fuhr sie fort und ließ sich auf ihr Lager nieder. »Setze auch du dich und sage mir, was dich zu mir treibt.«

Sie wies auf die Holzbank, aber Frau Else glitt zur Erde nieder und faßte ihre Rechte. »Laß mich zu deinen Füßen liegen, du Heilige unsres Geschlechtes!« rief sie und führte die schmale, blutlose Hand an ihre Lippen.

Aber Frau Elisabeth entzog sie ihr. »Stehe auf!« sagte sie mit müder, trauriger Stimme. »Knie vor dem, der unsere Sünden getragen hat, und vor seiner gebenedeieten Mutter. Vor mir knie nicht, denn ich bin eine Sünderin, die der Fürbitte bedarf wie du.«

Die Markgräfin erhob sich gehorsam und setzte sich auf die harte, niedere Bank. Sie hielt die Augen zu Boden gesenkt und seufzte tief auf, aber über ihre Lippen kam kein Wort.

Die Nonne richtete ihre klaren, glänzenden Augen fest auf ihr Gesicht und sprach: »Du brauchst mir's nicht kund zu tun, weshalb du hier bist. Längst, längst habe ich gewußt, daß du einmal kommen würdest. Denn einmal mußte doch deine eitle, weltliche Seele wach werden, und die Angst mußte über dich kommen, weil du eines Mannes Weib geworden bist und nicht das, was du werden solltest: eine Braut Gottes!«

Die junge Frau stöhnte wie in großer Qual und streckte beide Hände wie zur Abwehr gegen sie aus.

»Ich stand dabei, als dich dein Vater und deine Mutter den Heiligen gelobten,« fuhr Frau Elisabeth fort. »Schwere Eide waren es, die sie in die Hände der ehrwürdigen Äbtissin von Himmelskron schwuren. Aber als dann der männliche Erbe ausblieb, da brach Graf Otto von Arnshaugk seinen Eid und ließ seine Tochter erziehen zu weltlichen Ehren. In dieser Sünde ist er gestorben, und sein Tod war jäh und böse – du weißt es. Dann hat deine Mutter dem alten Landgrafen die Hand gereicht, und sie hat neben Herrn Albrecht viel trübe Tage gesehen zu ihrer Strafe. Und du wußtest das alles, und doch bist du des Markgrafen Weib geworden, statt deiner Eltern Eide zu erfüllen. Warum hast du das getan?«

»Weil ich ihn lieb hatte,« erwiderte Frau Else leise.

Die Nonne machte eine wegwerfende Bewegung. »Was ist die Liebe zwischen Mann und Weib? Sündige Befleckung der Seelen! Du hast dein himmlisches Erbrecht für ein Linsengericht dahingegeben. Du weißt das auch, und es martert dich. Lange hast du die Stimme übertäubt, die in dir sprach. Nun vermagst du's nicht länger. Das Verderben kommt über den, der dein Gatte heißt, und der schuldig ist wie du, da er alles wußte und doch die Hände nach dir ausstreckte. Da ist dein Gewissen wach geworden und läßt dich nicht rasten noch ruhen. Du fühlst es: Was über euch hereinbricht, das ist die gerechte Strafe eurer Sünde.«

Während der letzten Worte war die Markgräfin wieder auf die Knie gesunken und rang die Hände. Dann rief sie in flehendem Tone: »Ja, du redest recht. Eine große Sünde haben wir auf uns geladen, und Gottes Zorn verfolgt uns darob. Aber ist er nicht barmherzig und voller Gnade? Was nicht zu ändern ist – sollte das nicht zu sühnen sein? Ich will hingeben, was mein ist, ich will meinen Goldschmuck verkaufen, ein Kloster will ich erbauen – –«

»Närrin!« unterbrach sie die Nonne, »Gott will dein Opfer nicht, er will dich selber. Denn also sprach zu mir eine Stimme, die von obenher kam: ›Der Frau, die zu dir kommt, sage: Du sollst den Eid halten, der mir gelobt ist, und nicht schwach sein. Dann will ich gnädig sein, und Fluch soll sich in Segen kehren.‹«

Die Markgräfin blickte entsetzt zu ihr auf. »Was sollte Gott damit meinen?« stammelte sie. »Wie sollen wir das deuten?«

»Da ist nichts zu deuten. Gott hat klar geredet. Er will, daß du dich von deinem Manne lösest und deines Vaters Gelübde erfüllst.«

Frau Else schrie laut auf und sprang empor. »Ich habe es gefürchtet, das zu hören. Aber das kann Gott nicht wollen! Ich bin doch meines Mannes angetrautes Weib!«

»Der Vater der Christenheit hat Recht, auch die Ehen zu lösen, wenn sie wider Gott geschlossen sind.«

Die Markgräfin lehnte sich an die Wand. Ihre Knie zitterten, und es war ihr, als solle sie ohnmächtig werden. »Darein willigt mein Mann nimmermehr,« murmelte sie.

»Du sollst nicht nach deines Mannes Willen fragen, sondern nach Gottes Willen. Ist Gottes Kraft in dir, so kann er nichts dawider tun. Weigere dich ihm, entziehe dich ihm, fliehe vor ihm – wie könnte er dich zwingen und halten?«

»Nein! Nein!« stöhnte die Markgräfin. »Nimmer täte ich ihm solch Herzeleid an. O sei barmherzig, nimm die Worte zurück!«

»Ich habe nicht geredet, Gott hat aus mir geredet,« erwiderte die Nonne.

Die Markgräfin schlug die Hände vors Gesicht und verharrte in Schweigen. Auch Frau Elisabeth sprach nichts mehr und schaute, die Hände im Schoße gefaltet, vor sich nieder. Plötzlich fuhr die junge Frau auf. »Und mein Kind?« rief sie. »Die kleine Elsbeth? Was würde aus ihr?«

»Nimm sie mit dir, und erziehe sie zu einer Dienerin der Heiligen! Weihe sie den Altären Gottes!«

Frau Else schauderte. »Damit sie dereinst unglücklich wird, wenn sie erkennt, daß ihr nach ihrer Natur das Leben in der Welt frommt?« fragte sie herb.

»Das Leben dieser Welt frommt keinem,« erwiderte die Nonne. »Frau Welt zahlt jedem, der sich ihrem Dienste weiht, zuletzt einen übeln Lohn. Alles Glück der Erde ist wie ein Traum und ein entschwindender Schalten. Nur wer der Welt entsagt und nichts mehr von ihr will und alle Lust des Fleisches in sich tötet, dem geht der Schein des ewigen Lichtes auf. Und der Glanz dieses Lichtes, das von Gott ausstrahlt, ist siebenmal siebzigmal heller als die Sonne, und wer ihn schauen darf, der ist selig. Er hat volles Genügen und sehnt sich nur nach einem: dahin zu kommen, von wo aus das Licht zu uns herüberleuchtet.«

Wieder trat ein tiefes Schweigen ein. »Ich kann nicht! Ich kann nicht,« flüsterte endlich die Markgräfin kaum hörbar.

Die Nonne erhob sich, und ihr Gewand zusammenraffend, schritt sie an ihr vorüber auf den Betstuhl zu. »Wenn du nicht kannst,« sagte sie ruhig, »so will ich für dich beten, daß du es lernst. Aber hebe dich hinweg von mir!«

Sie ließ sich auf ihre Knie nieder und begann leise zu beten. Der Markgräfin achtete sie nicht mehr.

Mit einem tiefen Seufzer verließ Frau Else die Zelle, und wie im Traume wandelnd schritt sie den Kreuzgang hinab. Am Eingang traf sie ihren Marschalk Helldorf, der sie erschrocken anstarrte.

»Bei Sankt Hubertus!« rief er. »Sind Euer Gnaden krank geworden?«

Sie schaute ihn an, als ob sie den Sinn seiner Frage gar nicht verstanden habe. Dann sagte sie mühsam: »Laßt satteln und zäumen, Helldorf! Wir reiten auf der Stelle ab!«


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