Paul Schreckenbach
Um die Wartburg
Paul Schreckenbach

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VII.

In der ersten Morgenfrühe, noch ehe der Tag graute, war Markgraf Friedrich von der Wartburg weggeritten, und wenige Stunden später beichtete Frau Else dem Abt Markwart an derselben Stelle, wo gestern ihr Mann gebeichtet und den Rat des geistlichen Herrn empfangen hatte. Der Abt war ihr seit langen Jahren besonders wert, denn sie kannte ihn als den treuesten Freund ihres Gatten. Er hatte ihre Ehe eingesegnet, ihr kleines Töchterchen getauft, war oft und lange Gast auf der Wartburg gewesen, und nicht zum wenigsten seinem Einflusse und seiner Klugheit mußte man es zuschreiben, daß zwischen dem alten Landgrafen und seinen Söhnen ein leidliches Einvernehmen erzielt worden war.

Eben hatte sie ihm ihr Herz ausgeschüttet und die Absolution erhalten, und der Abt wollte gerade in kunstreichen Worten das wiederholen, was er gestern Herrn Friedrich gesagt hatte, als eine schwere Hand an die Pforte der Kapelle pochte. Gleich darauf erschien die große Gestalt Hermann von Goldackers in der Tür.

»Es sind zwei Bürger von Eisenach da, die mit Eurer Gnaden reden wollen,« meldete er. »Tut mir leid, daß ich meine gnädige Herrin stören muß, aber die Schurken begehren hoch auf und wollen auf der Stelle abreiten, wenn sie nicht Bescheid erhalten.«

»Zu mir wollen sie?« fragte Frau Else sich erhebend.

»Zum Herrn, an dessen Stelle Ihr steht. Erst begehrten sie sogar, zu dem Herrn Landgrafen zu dringen, aber ich habe es ihnen verwehrt. Sie wollen die drei Gefangenen zurück haben, die neulich der Herr Markgraf eingebracht hat, und da ist es wohl besser, daß wir sie nicht vor das Angesicht unsres alten Herrn bringen.«

Die Markgräfin tauschte einen schnellen Blick mit dem Getreuen. Ohne daß ihr Mund es aussprach, dachte sie das Gleiche wie ihr Burgvogt: Wenn Landgraf Albrecht von einem Lösegeld hört, so wird er höchst geneigt sein, die Leute frei zu lassen, die man unter Umständen als Geiseln verwerten kann. Darum ist es das Beste, er erfährt überhaupt nichts von ihrem Dasein.

Frau Else nickte dem Ritter freundlich zu. »Das habt Ihr gut gemacht, Goldacker! Wo sind die Leute?«

»Sie stehen im Hofe, gnädige Herrin. Soll ich sie heraufführen?«

»Nein, ich komme in den Hof. Geleitet mich,« erwiderte die Fürstin und verließ mit einem huldvollen Neigen des Hauptes gegen den Abt die Kapelle. Herr Markwart erhob sich und folgte ihr, denn er war neugierig zu sehen, was sie tun würde.

In stolzer Haltung trat die Fürstin auf die beiden Eisenacher zu. Der eine, der lange Hinz Hellgrave, trug den Kopf verbunden und stand in seinem festtägigen Bürgergewande da. Der andere, der kleine dicke Kunz Pomyl, rasselte von oben bis unten in Eisen einher und stampfte von Zeit zu Zeit mit dem Fuße auf, damit jeder das Klirren seiner Sporen vernähme.

Die Markgräfin, die der beiden herausfordernde Haltung verdroß, trat auf sie zu und fragte in kühl überlegenem Tone: »Was begehren die Herren von Eisenach?«

Der Lange lächelte und erwiderte in seiner langsamen und trockenen Sprechweise: »Herren von Eisenach? Was Ihr wohl spöttlich meint, edle Frau, ist gerade in diesen Tagen Wahrheit geworden. Des Königs erhabene Hoheit hat Eisenach zur freien Reichsstadt gemacht.«

Das log er zwar, denn die Urkunde war noch nicht unterzeichnet, aber er meinte, dadurch die Markgräfin zu schrecken und einen besonders hohen Wurf auszuspielen. In Frau Elses Zügen zeigte sich nicht die geringste Bestürzung, nur ein Rot des Zornes flog über ihre Wangen.

»Seid Ihr gekommen, mir das zu sagen?« fragte sie scharf.

»Wir find gekommen, von dem Herrn Markgrafen die zu fordern, die er von uns gefangen hält.«

»Die drei sind gefangen in voller Felonie und offenem Aufruhr wider ihren angeborenen Herrn, und wenn mein Gemahl nicht Gnade walten läßt, so haben sie den Galgen verdient.«

Diese Worte, mit großem Nachdrucke gesprochen, schreckten den langen Bürgermeister aus seiner Gemütsruhe auf. Der Markgraf hatte Glück gehabt mit seinem Fange, denn unter den dreien befanden sich zwei reiche Ratsherrnsöhne, deren einer mit der Familie Hellgrave nahe verwandt war. Er schoß daher einen giftigen Blick auf die Fürstin und sagte in trotzigem Tone: »Ich rate dem Herrn Markgrafen oder Euch, die Ihr an seiner Statt hier steht, gar sehr, Gnade walten zu lassen. Wir sind bereit, ein reiches Lösegeld zu zahlen. Haltet Ihr aber die Männer noch länger im Kerker, so wisset, daß wir morgen vor der Burg stehen mit Zweitausend und mehr, und Ihr wisset auch wohl noch, wie das feste und stolze Kirchberg bei Eurer Stadt Jena vor den Bürgern der Städte in den Staub gefallen ist.«

»Ihr wagt es, mir zu drohen? Mir, Eurer Herrin?« rief die Markgräfin mit heller Stimme und blitzenden Augen. »Marschalk von Goldackcr! Führt die beiden Leute vors Tor. Ich rede nicht mehr mit ihnen.«

»Gnädige Frau!« schrie der Bürgermeister, »ändert Euren Sinn, sonst werdet Ihr die Stunde bereuen.«

Frau Else wandte ihm den Rücken. Hermann Goldacker aber faßte den Langen mit seiner Eisenfaust am Oberarme, sodaß er einen Schmerzensschrei ausstieß, und sagte drohend: »Hellgrave, Ihr habt freies Geleit. Dabei war die Meinung, daß Ihr Euch nach Gebühr benehmen würdet. Zeigt Ihr Euch aber noch mit einem einzigen Worte dörfisch und ohne Höflichkeit, so werf´ ich Euch, bei Sankt Wipperti Wunden, dort über die Mauer! Kommt!«

Er zog mit den beiden durch die Torhallen ab, und Hellgrave wagte nicht einen Laut mehr, denn er kannte sehr wohl Hermann Goldackers Stärke und wußte, daß er sein Wort wahr zu machen pflegte.

Frau Else ging langsam nach dem Schlosse zurück; sie hatte aber erst einige Schritte getan, als sie von der Seite her ein Gelächter vernahm. Verwundert wendete sie sich und sah Markwart, den Abt, stehen, der sich vor Lachen die Seiten hielt und dessen gewöhnlich sehr ernstes Gesicht aufs fröhlichste erglänzte.

»Ei, lieber Abt, was stimmt Euch so heiter?« fragte Frau Else.

»Das will ich Euch sagen, gnädigste Frau. Nehmt es Eurem getreuen Knechte nicht übel: Ihr selbst seid die Ursach' meiner Fröhlichkeit.«

»Ich? Was meint Ihr?«

»Denkt an das, was Ihr mir vorhin gesagt habt,« erwiderte der Abt. »Ihr wollt ins Kloster gehen, wollt beten und büßen, wollt der Welt entsagen und heilig werden. Das ist, wie wenn ein Fisch will auf dem trockenen Lande leben. Kein Tropfen Blutes ist in Euch, der zum Heiligsein taugt. Hier kam Eure wahre Natur zutage. Eine Fürstin seid Ihr, zum Gebieten geschaffen, zur Herrschaft geboren. Laßt Euren Vorsatz fahren, ich rate Euch gut. Was Ihr gelobt habt, läßt sich lösen; was gesündigt worden ist, läßt sich gut machen. Ihr habt ein reiches Vatererbe, davon spendet den Heiligen mit vollen Händen. Das wird ihnen lieber sein, als wenn Ihr der Welt entsagt, für die Ihr geboren seid, und ins Kloster geht, wofür Ihr nicht geboren seid. Glaubt mir das, edle Frau, glaubt mir das!«

Die Markgräfin blickte ihn traurig an. »Bis jetzt ward ich gelehrt, daß leichtgebrachte Opfer bei Gott wenig gelten und daß ihm die schwersten Opfer die liebsten sind.«

Der Abt neigte bestätigend das Haupt. »Das ist so, ohne Zweifel. Aber alles an der Statt, wo es hingehört. Eine Fürstin soll Gott dienen, indem sie Gutes tut in der Welt.«

»War nicht Sankta Elisabeth auch eine Fürstin und ist doch zur Heiligen geworden? Und ich will gar nicht heilig werden. Ich will nur, daß der Eid meines Vaters erfüllt und die Sünde von uns genommen wird, damit mein Gemahl und seine Herrschaft nicht untergehe.«

Der Abt wiegte seinen großen Kopf nachdenklich hin und her. »Wisset,« sagte er, »was das erste betrifft, so gibt es Menschen, die sind nur durch ein Versehen in eine Fürstenwiege gekommen. So war es mit der heiligen Elisabeth. Sie war des Königs von Ungarn Tochter und des Landgrafen von Thüringen Ehegemahl, aber sie hatte das Gemüt einer Nonne von Kindheit an. Und was das Zweite angeht, was Ihr sagt,–«

Hier wurde er unterbrochen, denn Hermann Goldacker kam vom Tore her und brachte einen Menschen mit sich, der, nach seiner Tracht zu urteilen, ein Jäger oder Förster war. »Der Mann bringt wichtige Kunde, gnädigste Frau,« rief er schon von weitem. »Es ist Lutz Zeume, den der Herr voriges Jahr für die Wildbahn bei Herrede zum Waldvogt eingesetzt hat.«

»Ich kenne ihn wohl. Was bringst du uns, Lutz?«

»Herrin,« antwortete der in der rauhen Sprechweise der Waldleute, »ich war gestern in Gerstungen. Da sah ich sehr große Dinger aus Holz, die hatte der König an die von Eisenach geschickt, und viele große Armbrüste auf Wagen, und die Leute sagten, sie wollten damit die Wartburg belagern.«

Frau Else blickte ihren getreuen Goldacker an. »Was sollen wir davon denken?«

»Der König hat, so steht zu vermuten, die Schleudern und Ballisten und andere Werkzeuge zur Berennung und Beschießung einer Burg den Eisenachern zugesandt, da er sie auf seinem Zuge nach Böhmen nicht brauchen kann.«

»So wird es sein,« erwiderte die Markgräfin. »Sie werden ihnen sehr gelegen kommen.«

»Wie der Jäger sagt,« bemerkte Goldacker, »wollten sie erst heute nach Eisenach weiterziehen. Es geht sehr langsam mit dem schweren Rüstzeug bei den schlechten Wegen. Wie denkt Euer Gnaden: Soll ich nicht ausziehen mit dreißig zu Roß und zusehen, ob ich sie überfallen kann und ihre Werkzeuge zerstören?«

Frau Else dachte nach. »Wieviel Knechte waren dabei?« fragte sie.

»Ein paar Hundert werden's wohl gewesen sein,« entgegnete der Jäger.

»Da seht Ihr selber, Goldacker, daß es nicht geht. Sie werden denen von Eisenach sicherlich Kunde gegeben haben, und die werden sie einholen. Da könntet Ihr auf eine große Übermacht stoßen und zwischen zwei Feuer geraten.«

»Ich fürchte die Übermacht nicht und nicht die zwei Feuer,« versetzte der Ritter unzufrieden.

Die Fürstin lächelte. »Das glaub' ich Euch ohne Eid. Ihr werdet Euch wohl in Eurem Leben noch vor nichts gefürchtet haben, und hätte ich zehn Männer wie Ihr, so könntet Ihr mitsammen gegen das Königsheer vorreiten. Aber unser Herrgott schafft nicht viele solche Mannsbilder, und wir brauchen jeden, denn ich sehe, es wird Ernst.«

»Wie Euer Gnaden befehlen,« sagte Goldacker noch immer etwas ungehalten, aber schon fast versöhnt durch das Lob seiner Stärke, das er nicht ungern hörte.

Die Markgräfin wandte sich nun zu dem Jäger. »Ich danke dir, guter Freund,« sprach sie huldvoll, »du hast uns wohl gedient. Gehe in die Küche, und laß dir ein Frühstück geben, und Ihr, Goldacker, gebt ihm etliche Silberstücke.«

Der Bursche drehte seine lederne Mütze verlegen zwischen den Fingern hin und her und grinste. »Er will noch etwas sagen. Nun los, mein Sohn!« ermunterte ihn der Ritter.

»Herrin, mit Verlaub,« begann der Jäger stockend, »wie wär's, wenn Ihr mich ließet auf der Burg bleiben? Ich kann eine Armbrust wohl bedienen.«

Goldacker trat an die Markgräfin dicht heran und raunte ihr zu: »Nehmt ihn, er ist goldtreu, der Herr hält was auf ihn.«

Frau Else blickte den Jäger wohlgefällig an. »Es sei, mein Bursch, du darfst hierbleiben. Goldacker, Ihr sorgt wohl, daß er eingestellt wird.«

»Dies Begebnis erfreut mich,« sagte Frau Else zum Abt, als die beiden gegangen waren. »Wir haben noch treue Leute im Volke. Das hebt den Mut. – Wer weiß, was solch ein Mensch uns einmal nützen kann!« setzte sie gedankenvoll hinzu.

»Nützen wird er auf jeden Fall, so oder so,« versetzte der Abt. »Dagegen werdet Ihr sogleich drei unnütze Esser loswerden, denn ich kehre mit Bruder Boso und meinem Knechte nach Reinhardtsbrunn zurück. Ich gehöre in diesen Zeitläuften zu den Brüdern, die der Herr des Himmels meiner Sorge anvertraut hat. Hier kann ich doch nichts tun, denn es geziemt mir nicht, Steine und Pfeile zu schleudern, obwohl ich's gerne täte. Was aber ein geistlicher Mann auf der Burg zu tun hat, das kann Herr Walther, der Kaplan, besorgen. Also gebt mir Urlaub, edle Frau, daß ich von dannen reite.«

Frau Else blickte ihn traurig an. »Es ist mir leid, daß Ihr schon von hinnen fahren wollt. Ich hätte gern noch viel mit Euch geredet.«

Der Abt zuckte bedauernd die Achseln. »Wenn ich noch länger säume, so verwehren mir am Ende die von Eisenach den Ausritt ganz und gar, trotz meines geistlichen Gewandes. Und was das Reden anbelangt, gnädigste Frau, so will ich Euch ein Gleichnis erzählen. Das wird Euch mehr zu bedenken geben, als alles, was ich Euch erzählen könnte, und vielleicht hilft's dazu, daß Ihr Euren Sinn ändert. Es war ein König in den Krieg gezogen gegen die Ungläubigen, und die Feinde standen wider ihn im Felde mit großer Macht, und es ging das Gerücht, sie seien viel stärker als sein Heer. Da begab sich des Königs einziger junger Sohn, der seinen Vater über die Maßen liebte und von ihm über alles in der Welt geliebt ward, zu einem weisen Zauberer und fragte: ›Ist's möglich, daß mein Vater den Sieg gewinnt?‹ Da antwortete der Zauberer und sprach: ›So er das verliert, was ihm das Liebste ist in der Welt, so wird er siegen.‹ Da dachte der Königssohn in seinem Herzen, lieber als mich hat mein Vater nichts auf Erden, und er stieg auf einen hohen Turm und warf sich hinab und blieb tot liegen, und die Diener begruben ihn. Und nach dreien Tagen kehrte der Vater als Sieger zurück. Als er aber das Grab seines Sohnes sah, da heulte er laut vor Schmerz und warf sich zu Boden und raufte sich sein greises Haar und schrie: ›Weh' mir! Was hilft nun Sieg und Ehre und mein ganzes Königreich, wenn ich mein liebes Kind nicht habe, das meines Lebens Wonne war!‹ und er grämte sich so, daß er nach einigen Monaten starb. – – Seht, edle Frau, was half nun dem Könige seines Sohnes Opfer? Was half ihm Krone und Sieg, da er seinen Sohn nicht mehr hatte? Dem denket nach, edle Frau, und der Herr unser Gott erleuchte Euch und lasse seine starken Engel um Euch schweben, wenn die Feinde Euch bedrängen. Lebt wohl, edle Frau, lebt wohl!«


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