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Siebzehntes Capitel.


Wir landen die Observatorien. – Jagdexpeditionen. – Jagd auf wildes Hornvieh. – Die Schiffe werden gekielholt. – Ankunft des Kriegsschiffes Carysfort mit Vorräthen und Lebensmitteln. – Port William,. – Flora der Insel. – Das Tussockgras.


Am nächsten Morgen stattete ich in Begleitung des Capitains Crozier dem Gouverneur Lieutenant Moody einen Besuch ab und erfuhr von ihm, dass es den Ansiedlern sehr an Brot und Mehl fehle, da die gewöhnlichen Zufuhren von Buenos-Ayres, von denen sie abhingen, noch nicht angekommen waren.

Es war ein Glück, dass wir von unserm Ueberfluss so viel entbehren konnten, als sie bis zur Ankunft neuer Vorräthe bedurften. Weil fast alle Gauchos die Ansiedelung verlassen hatten, war der Vorrath der Regierung an Rindvieh so klein geworden, dass wir nur einen Tag um den andern frisches Fleisch für unsere Mannschaft bekommen konnten, und von Gemüse war im Regierungsgarten nicht genug für den Tagesbedarf einer Tafel vorhanden. Dennoch überliess der Gouverneur einen grossen Theil desselben so wie auch eine kleine Tagesration von Milch und Butter für die Offiziere.

Da Ueberfluss an frischem Rindfleisch für unsere Mannschaft eine Sache von grösster Wichtigkeit war, so erhielt ich von dem Gouverneur Erlaubniss, eine Jagdgesellschaft zur Verproviantirung unsrer Schiffe während der ganzen Dauer unsers Aufenthalts auszuschicken, unter der Bedingung, für das auf diese Weise erlegte Vieh denselben Preis zu zahlen, der den Ansiedlern bei Ankäufen aus den Regierungsvorräthen berechnet wurde. Wegen der mit dieser Jagd verbundenen Gefahren hielt ich es jedoch für besser, die stündlich erwartete Ankunft der königlichen Ketch Arrow unter dem Befehle des Lieutenants Robinson abzuwarten. Da er nebst seiner Mannschaft seit mehreren Jahren mit der Aufnahme der zahlreichen Häfen und Buchten dieser Inseln beschäftigt gewesen war, so hatte er sich geübte Jäger erzogen, auf deren Beistand ich rechnete, bis unsere Leute ohne ihre Hülfe jagen könnten. Noch mehr war mir an den an Bord des Arrow befindlichen Hunden gelegen, die zur Jagd auf wildes Rindvieh besonders abgerichtet waren und durch ihre Geschicklichkeit nicht wenig zur Sicherung der Jäger beitrugen.

Unterdessen schickten wir täglich Jagdpartien aus, die uns mit Kaninchen in grosser Anzahl und verschiedenen Arten von Vögeln versorgten. Unter diesen waren die Kriekente, die Schnepfe und die Berggans die schmackhaftesten.

Das astronomische und meteorologische Observatorium erhielt seinen Platz neben dem 1764 von Bougainville zum Schutz der Ansiedelung erbauten Fort, 68 Fuss über der Meeresfläche. Das magnetische Observatorium stand an einer geschützteren Stelle, den Schiffen etwas näher und 32 Fuss tiefer; zwei Hütten wurden dicht neben demselben für die bei den Observatorien beschäftigten Offiziere und Leute errichtet und die gewöhnliche Reihenfolge von magnetometrischen und andern Beobachtungen begann am 15. April.

Die astronomischen Beobachtungen und Pendelexperimente, bei denen mir Capitain Crozier beistand, wurden fast gleichzeitig angefangen und wir erlangten eine Serie von mehr als gewöhnlicher Ausdehnung, in der Absicht, den grossen und unerklärlichen Unterschied in den Beobachtungen, welche die französischen Seefahrer Capitain Freycinet und Capitain Duperrey hier angestellt, zu entdecken.

Capitain Duperrey stellte sein Observatorium unter den Ruinen der Niederlassung St. Louis auf; aber da er kein Zeichen an dem Orte zurückgelassen zu haben scheint, so konnten wir seine Lage nicht mit der gewünschten Genauigkeit feststellen, und unsere späteren Beobachtungen zeigen, dass unser Observatorium ungefähr eine halbe Meile südlich von dem seinigen stand.

Die Mannschaften der beiden Schiffe bauten unter Leitung des Commandeurs Bird und des Lieutenants Mac Murdo aus den vielen grossen Steinen, die am Ufer lagen, einen Hafendamm, an welchem unsere Boote zu jeder Fluthzeit landen konnten, wodurch das Aus- und Wiedereinladen der Vorräthe des Schiffes sehr erleichtert wurde, denn wir mussten sie ganz ausräumen, ehe wir sie behufs der Untersuchung und Ausbesserung kielholen konnten. Auch errichteten sie in der Nähe des Dammes einen grossen Speicher, geräumig genug, um die ganze Ladung eines Schiffes aufzunehmen, und vor dem schlechten Wetter, das wir zu erwarten hatten, durch ein festes Dach von Tussockgras geschützt.

Während wir so beschäftigt waren, kam Lieutenant Robinson mit dem Arrow gegen Ende April an, und da er nur sehr kurze Zeit dableiben wollte, rüsteten wir sogleich eine Jagdexpedition nach Port St. Salvator aus, dessen tiefeingeschnittene Küsten er als die beste Jagdstation empfahl. Eines unsrer Boote liessen wir über die schmale Landzunge tragen, welche den westlichen Theil von Port Louis von Port St. Salvator trennt, und in ihm schiffte sich die Expedition ein, begleitet von einigen der besten Jäger des Arrow und den Hunden.

Sie benutzten ihre Zeit gut, denn nach zwei oder drei Tagen kam uns schon ein Beweis des guten Erfolges ihrer Jagd in zwölf Centnern Rindfleisch zu; und ich benutze die Gelegenheit, hier eine interessante Beschreibung der Jagd auf wildes Hornvieh, die ich einem bei der ersten Expedition anwesenden Offizier verdanke, beizufügen.

»Nach einer beschwerlichen Fahrt von drei Stunden, während deren wir nur eben so viele Meilen zurücklegten, näherten wir uns dem Jagdgrunde auf der Westküste der St. Salvator-Bucht. Durch den feinen mit Schnee gemischten Regen erblickten wir sogleich eine Heerde von 15 Stück Rindern auf einer Landspitze, ein Anblick, der uns alle in die vortrefflichste Laune versetzte. Wir bemächtigten uns sogleich der Hunde und zwangen sie, sich auf den Boden des Bootes niederzulegen; denn sie pflegen, schon wenn sie die Thiere wittern, sich in das Wasser zu stürzen und durch Bellen das Wild, bevor die Jäger das Ufer erreichen können, weit weg zu scheuchen. Die Leute waren ganz Eifer, zogen sich bis auf ihre Guernsey-Hemden und Hosen aus und steckten jeder ein scharfes Messer in den Gürtel. Mein Gefährte und ich luden unsere Büchsen, da es für Neulinge unmöglich ist, mit den Verfolgenden gleichen Schritt zu halten, und da wir keine andere Aussicht auf Ruhm hatten, als aus der Ferne einen Schuss auf einen kampffertigen Stier oder eine fliehende Kuh abzusenden.

»Ehe ich jedoch die Vorfälle dieses Tages erzähle, gedenke ich die charakteristischen Züge einer Hornviehjagd zu schildern, wie sie unsere Matrosen betrieben, und welche sich wesentlich von der Jagdweise der Gauchos unterscheiden; hauptsächlich durch die Abwesenheit der empörenden Grausamkeiten, deren sich die Letzteren schuldig machen, manchmal ohne es zu wollen, aber öfter um eine kindische Rache für die Mühseligkeiten der Jagd zu befriedigen, und nicht selten aus blossem Uebermuth. Pferde und Lasso's werden nie angewendet; starke Hunde und rasche Füsse sind allein unbedingt nothwendig; obgleich auch einige Büchsen sehr wünschenswerth sind, denn die Stiere sind von einer Grösse und Wildheit, von welcher ich früher keine Ahnung hatte, und vertheidigen zuweilen die Heerde auf das Tapferste. Die Hunde waren von keiner besondern Race, sie waren kräftig gebaut und schnellfüssig und hatten mehr vom spanischen Jagdhund als von jeder andern Race an sich; einige der besten schienen Bastarde vom Neufoundländer, von dem Fleischerhund, dem Bulldog und selbst dem gemeinen Zughund zu sein. Sie waren alle sehr muthig, und wenn neue Hunde in eine gute Koppel aufgenommen werden, nehmen sie unmerklich die Gewohnheiten der alten an. Sehr selten greifen sie einen ausgewachsenen Stier an, was nicht zu verwundern ist, denn der »Tauro« der Falklandsinseln ist der grösste seiner Race. Sein Hals ist kurz und die Brust von ausserordentlicher Breite; das Fell eines von uns erlegten war über 2 Zoll dick und sein Kopf ein halb Mal so gross als der eines gewöhnlichen Stieres. Meistens sind sie schwarz, haben eine ansehnliche Haltung und sind von unerschrockenem Muth und unbezähmbarer Wildheit. Exemplare dieser Grösse sind jedoch selten und mengen sich nicht unter die Heerden, obgleich sie dieselben zuweilen begleiten. Meistens sieht man sie allein auf den Hügeln mit gesträubter Mähne und weit geöffneten Nüstern, den Vorübergehenden herausfordernd anstierend und zuweilen, ohne gereizt zu werden, ihn angreifend; dann muss er sich in ein Balsammoor, ein Steingeröll oder hinter eine Klippe flüchten. Befindet sich kein solcher Zufluchtsort in der Nähe, so ist das letzte Mittel (wie mir Leute erzählten, die, wie ich glaube, von der List Gebrauch gemacht haben), sich plötzlich auf die Erde zu werfen; dann springt der Stier bei Seite, erschrocken über das unerwartete Hinderniss auf seinem Wege, und läuft weiter. Wenn sie im offenen Lande gereizt und in Wuth gebracht werden, lässt sich ihnen selbst so nicht entgehen; der Constabler des Erebus wurde niedergeworfen und der Rasen auf beiden Seiten seines Körpers von den weit auseinander stehenden Hörnern des verwundeten und wüthend gewordenen Stieres aufgepflügt; mein Freund Capitain Sullivan trägt an seinem Kopfe noch die Narbe einer Wunde, die er unter ganz ähnlichen Umständen erhielt; in beiden Fällen wurden die Stiere zum Glück erschossen, ehe sie ihren Angriff erneuern konnten.

»Die Kühe sind so gross wie die gewöhnliche Ayrshire-Race; sie fliehen stets vor den Menschen und leisten den Hunden selten starken Widerstand. Sie bilden mit den jungen Stieren und Fersen herumstreifende Heerden von 10 bis 30 Stück, halten sich aber meistens in Tussockgebüschen auf. Wer nur das zahme Rindvieh kennt, kann sich keinen Begriff von ihrer Schnelligkeit und Stärke machen; es gehörten stets drei starke Hunde dazu, eine ausgewachsene Kuh festzuhalten.

»Der Angriffsplan ist sehr einfach: man versucht aus einer Heerde so viel Stück als möglich zu erlegen. Wir hatten nur soviel Hunde, um eine Kuh auf einmal festzuhalten, welche der Jäger tödtet, ehe die Hunde die Heerde wieder verfolgen und sich einer neuen Beute bemächtigen können. Daher ist Schnelligkeit das erste Erforderniss bei dieser Jagdweise. Mit Schiessen kann sich der Jäger nicht abgeben, denn um zu laufen, muss er ganz unbeschwert sein. Obgleich das Pirschen auf Rindvieh interessant und von Vortheil ist, so hat doch der Schütze verhältnissmässig nichts zu thun, ausser wenn die Stiere angreifen sollten; denn er kann beim Anfang der Jagd nur einen oder zwei, nach der Zahl seiner Leute, erlegen, während die Laufenden so lange aushalten müssen, als die Hunde noch ein Stück einholen können. Doch um wieder mit unsrer Erzählung zu beginnen: die Hunde zeigten durch ihre gierigen Blicke und ihr Keuchen, dass sie die Ursache unserer Aufregung kannten und sie theilten, und liessen sich nur mit grosser Mühe halten. Wir landeten an der Spitze, ungesehen von der Heerde, und schlichen uns vorsichtig um einen Hügel, bis wir 15 schöne Kühe, junge Stiere und Fersen vor uns sahen, die ihre Schwänze emporwarfen und mit einem linkischen Sprunge und einer Schnelligkeit, die ich dem Rindvieh kaum zugetraut hatte, landeinwärts flohen. Die bereits losgekoppelten Hunde sprangen nach und holten sie in Kurzem ein. Die Jäger, in leichten Schuhen, flogen mehr, als dass sie rannten, hinter ihnen her, während ich und mein Gefährte, jeder mit einer schweren Büchse, Patrontasche, Munition und Riemenzeug, einer Lootsenjacke, Wasserstiefeln und Südwester ausgerüstet, aus einer Entfernung von mehr als 300 Yard ein Paar Kugeln nachsendeten und dann mühsam über Balsammoore, Tussockklumpen und Diddledeebüsche kletternd ganz athemlos auf der Spitze eines Hügels ankamen, wo wir den Schauplatz bequemer sehen konnten. Die Heerde floh im Hintergrunde, nur eine schöne Kuh hielten die Hunde fest. Yorke, ein schöner Hund, hielt sie bei der Kehle gepackt; Laporte, sein minder starker Kamerad, hatte den Schwanz in der Mitte gefasst und liess nicht los trotz ihres Sträubens und Ausschlagens, während der kleine Bully, ein kleiner dem Fleischerhund ähnlicher Hund, sich in die Zunge des armen Thieres verbissen hatte und alle ihr Geknurr und halbersticktes Gebell mit dem kläglichen Stöhnen der Kuh vermischten. Es war ein höchst kläglicher Anblick, aber zum Glück dauerten ihre Leiden nicht lange. Ein Jäger, kaum weniger sehnellfüssig als die Hunde, kam schon mit dem Messer herbei und zerschnitt ihr schnell wie der Blitz die Flechsen beider Hinterbeine. Mit einem stöhnenden Gebrüll sank sie auf die Erde; er sprang wie ein Wilder auf ihren Rücken, und ehe sie noch, um zu stossen, den Kopf wenden konnte, stiess er sie mit dem Messer in das Genick; sterbend sank sie zusammen. Ein Hund fuhr mit der Schnauze in die klaffende Wunde und die andern leckten schon das Blut auf; sie wurden heftig mit den Füssen weggestossen und eilten mit den Jägern, schnell wie der Wind, der Heerde nach; denn dies Alles geschah in so kurzer Zeit, dass wir den Rest der Heerde noch nicht aus den Augen verloren hatten. Ein junger Stier und eine Ferse wurden noch auf gleiche Weise von unsern Hunden gepackt und von unsern Schnellläufern erlegt, die alsdann die Jagd aufgaben. Mit bewundernswürdiger Schnelligkeit reinigten und zerlegten sie dann das zuletzt getödtete Stück und kehrten zu dem zweiten zurück; jeder trug ein Viertel auf der Schulter, noch zuckend von dem raschen Lauf, der so plötzlich sein Ende gefunden hatte. Das zweite wurde auf gleiche Weise behandelt und nach der zuerst erlegten Kuh gebracht, bei welcher ich stehen geblieben war. Da wir nicht Alles nach dem Boote schaffen konnten, wurde letztere ausgeschlachtet und auf dem Rasen die Haut zu oberst gelegt, um sie vor den Aasgeiern, die in Schaaren über uns kreisten, zu schützen. Zuerst wurde jedoch ein schönes Stück mit so viel Haut, um es ganz einzuwickeln, herausgeschnitten, um ein Mal »carne con cuero« für die ganze Gesellschaft zu bereiten.

»Unterdessen hatte sich mit einem empfindlichen Südwestwind die Dunkelheit und ein schweres Regen- und Schneewetter eingestellt; in der Aufregung der Jagd hatte Keiner daran gedacht, sich die Richtung unseres Landungsplatzes zu merken; und bald hatten wir uns unter den zahllosen kleinen Spitzen, welche in die Bucht vorspringen, und den schmalen Lagunen der Küste verirrt. Mehrere Stunden lang stolperten wir durch den Schlamm und das Geröll des Strandes, ehe wir die beim Boote Zurückgebliebenen finden konnten, denn ihre Halloh's liess der widrige Wind nicht bis zu uns gelangen und ihre Signalfeuer machte der Regen unsichtbar. Ganz durchfroren, durchnässt und müde erreichten wir sie um Mitternacht und hatten die Freude, ein grosses Feuer von Diddeldee zur Bereitung unserer Abendmahlzeit vorzufinden, nach welcher wir Alle ein äusserst lebhaftes Bedürfniss fühlten. Das Stück Fleisch wurde fest in die Haut eingewickelt und eingenäht und dann auf das Feuer geworfen, das, mit frischen Markknochen genährt, lustig brannte. Nach ungefähr einer Stunde wurde das »carne con cuero«, wie eine glühende Kanonenkugel aussehend, herausgenommen, denn das Fell bildete eine harte Kohlenkruste um das Fleisch; nachdem es sich noch etwas abgekühlt hatte, schnitten wir es auf und fanden ein ausnehmend wohlschmeckendes, aber etwas zähes Rindfleisch in seinem eigenen Saft gedämpft. Die Zelte waren auf einer mit Steingeröll bedeckten Stelle errichtet, der einzige trockene Boden, der auf diesen moorigen Inseln zu finden ist; der von den Wänden des Zeltes thauende Schnee fand seinen Abzug unter dieser Schicht und trotz seiner Härte schmiegt sich dieses Lager vermittelst einiger geschickten Bewegungen an die Formen des Körpers an und ist leidlich bequem, so lange man seine Lage nicht verändert. Nach dem Essen zogen wir uns in unsere Bettsäcke zurück, deckten uns mit einem Segel zu und niemals zu müde für eine Pfeife Tabak und ein Glas Grog plauderten mein Gefährte und ich noch eine Stunde zusammen, wobei wir zu folgenden Bemerkungen veranlasst wurden.

»Wie alle ähnlichen Jagdvergnügen, die wenig Ueberlegenheit des Geistes oder List verlangen und viel Blutvergiessen nach sich ziehen, mussten wir auch dieses eine barbarische Unterhaltung nennen, die, so aufregend und männlich sie auch ist, nur als Pflicht und nicht blos des Vergnügens wegen betrieben werden sollte. Der durch gewaltsame Mittel herbeigeführte Tod jeder dem Menschen unschädlichen Creatur muss in einem unverfälschten Gemüthe Mitleid erregen, das im Verhältniss zur Schutzlosigkeit des Getödteten steht, während der Anblick eines der grössern Thiere, das sich hülflos in seinem Blute wälzt, nicht nur peinlich, sondern empörend ist. Die vorübergehende Aufregung oder die Gelegenheit, sich über seine Kraft oder seinen Muth zu freuen, welche den Jäger zum Erlegen des Rehs zu Hause oder des wilden Rindviehs auf den Falklandsinseln antreibt, die ihn aber anderwärts so sehr im Stiche lässt, dass er den Anblick der Schlachtbank scheut, kann nicht nützlich sein, denn sie macht ihn gefühllos gegen den Ruf des Schmerzes, den er selbst zufügt, und hat einen rein egoistischen Zweck. Wir wendeten den Kopf weg, als die Kuh getödtet wurde, und entfernten uns, während der Schlächter sie zerlegte, und ebenso hatten wir auf der Kergueleninsel die ersten von uns erlegten Seebären liegen lassen müssen bis sie kalt waren, ehe wir sie mit Seelenruhe fortschaffen konnten. So hatten wir auch nicht ohne Reue den ersten Seeleoparden auf der Reise niedergestochen; seine Furchtlosigkeit vor dem Tode und sein sanftbittendes Auge, als er unter dem Speere in Todeszuckungen sich wand, schienen zu fragen, ob passiver Muth ein solches Loos verdiene und ob es Recht sei, dass ein anderer Grund als unbedingte Notwendigkeit einen edelmüthigen Feind bewegen dürfe, Zeuge des standhaften Ertragens von Unrecht zu sein, welches der darunter Leidende weder abwenden noch vergelten kann. Wir fanden, dass die Gewöhnung an ein solches Schauspiel unser Gefühl abstumpfte: eine Gemüthsveränderung, welche wohl bei gesitteten Menschen keine schädlichen Folgen haben mag, wohl aber bei wilden oder nur halb civilisirten. Keiner, der die von dem unmenschlichen Gaucho verübten Barbareien kennt, der seinen Mitmenschen aus Rache verstümmelt, kann bezweifeln, dass diese Grausamkeiten aus seiner Liebe zum Viehschlachten herrühren, das er wegen seines blutdürstigen Charakters als sein Gewerbe wählt. Zu tödten ist ihm ein Gesetz; jeder Widerstand von Seiten seines Opfers, wenn er diesem Gesetz nachkommen will, ist für ihn selbst eine Beleidigung, deren Bestrafung er für seine Pflicht hält: daher die mutwillige Grausamkeit, die er an dem armen Vieh auf der Jagd ausübt, und daher das Martern seiner Kriegsgefangenen. Ich ging später nie an der Stelle vorüber, wo die Gebeine des meuchlerisch ermordeten Brisbane in der Sonne bleichten und wo er, noch lebend, an den Schweifen der Pferde der Gauchos hingeschleppt worden war, ohne dass mir das Gewissen zuflüsterte, dass die Motive, die mich zur Theilnahme an der Rinderjagd, wo mich weder Pflicht noch Notwendigkeit riefen, bewogen, dieselben waren, welche, in Herzen genährt, deren Leidenschaften die Sittigung noch nicht zügelte, zu Thaten führten, wie sie nur je die Menschheit schändeten. Dass sie auch auf uns ihre Einwirkung nicht verfehlten, zeigt folgender kleiner Vorfall, den wir später Alle bitter bereuten.

»Das wilde Pferd streift in Heerden von 20 bis 40 Stück in den nördlichen Theilen der Westinsel frei herum und ist oft ein Gegenstand der Jagd, vornehmlich für den Gaucho, wenn er kein anderes Wild finden kann. Kurz vor unserer Abfahrt hörten wir, dass eine schöne Ferse sich unter einem Trupp Pferde aufhalte, und da wir bald auf lange Zeit frisches Fleisch, das neuerdings sehr knapp geworden war, entbehren mussten, so trugen wir grosses Verlangen, diese Ferse zu erlegen. Fünf Jäger mit Flinten und einem Hunde machten sich auf den Weg und verliessen an einem schönen Morgen den Berkeleysund in der Absicht, den Gegenstand unsrer Wünsche einzufangen. Unterwegs kam die Rede auf die Essbarkeit des Pferdefleisches, und die traurige Aussicht, einen Sommer im Eise ohne frisches Fleisch zubringen zu müssen, bestimmte uns zu dem Entschlusse, uns in Ermangelung der Ferse eines Füllens todt oder lebendig zu bemächtigen. Wilde Pferde sind gereizt Unbewaffneten sehr gefährlich; die Heerde rennt sie zuweilen nieder, oder sie werden von den Hengsten geschlagen und gebissen, und wir trugen daher Sorge, diese Gefahr zu vermeiden. Wir entdeckten die Pferde auf der Höhe eines Hügels, von welchem, 60 Yard von einander entfernt, zwei breite Streifen von Steingeröll herabliefen; diese gewährten uns einen vortrefflichen Zufluchtsort, da kein Hufthier diese lockern, scharfkantigen Quarzblöcke betreten kann, und wir wussten die Heerde zwischen diese beiden Streifen zu bringen. Obgleich mager, waren die Pferde doch von edlem Aussehen; ihre kleinen Köpfe, runden Schenkel, feinen Füsse, ihre fliegenden Mähnen und Schweife und vor Allem ihr freier und kecker Anstand liessen sie in sehr vortheilhaftem Lichte erscheinen. Ein glänzend schwarzer Hengst führte die Heerde an und schien mit einer eisengrauen Stute, neben welcher ihr langbeiniges Füllen her lief, über unsere Anwesenheit besonders unzufrieden zu sein. Sie kamen uns allmälig näher, bald im Pass, bald galoppirend, begleitet von ihren Gefährten; sie schnaubten, schüttelten die zottigen Mähnen, schwenkten an uns vorüber, sammelten sich wieder in einen Haufen, blieben stehen und sahen uns herausfordernd an. Sie hielten sich alle so dicht beisammen, dass wir durchaus die Ferse nicht aufs Korn nehmen konnten, die mit linkischer Anmaassung die Bewegungen ihrer kühnen Beschützer nachzuahmen suchte. Wir beschlossen daher uns zu theilen und den Hund, der kaum mehr zu halten war, auf die Heerde zu hetzen, welche dadurch zerstreut werden würde; alsdann konnte einer von uns die Ferse aufs Korn nehmen und erlegen, wenn der Hund sie nicht packte. Mit kurzem Gebell sprang dieser voraus; die Pferde sahen ihn an, schüttelten den Kopf, drehten uns den Rücken und fingen jetzt allesammt an zu wiehern und in die Luft auszuschlagen mit einer Schnelligkeit, Tactmässigkeit und Ausdauer, welche den armen Yorke in die grösste Verlegenheit setzten und uns zu einem unauslöschlichen Gelächter zwangen. Wahrhaftig, dachte ich, das Pferd ist ein Bruder des Esels; doch seine Vertheidigung war so wirksam, dass der Hund, dessen Augen auf die Ferse geheftet waren, nirgends die Phalanx durchbrechen konnte. Wir feuerten einmal über sie weg und sie erschraken und flohen; mit der Schnelligkeit des Gedankens hatte Yorke die Ferse bei der Kehle gepackt; ihr Gestöhn und unser Geschrei verscheuchte die Heerde, die in einer langen Reihe nach dem Gebirge floh. Jeder legte die Büchse an, denn die Lust zu schiessen war unwiderstehlich; eine Kugel pfiff durch die Luft und ein Pferd stockte in seinem Laufe, stolperte nach vorn und fiel; der Wetteifer war geweckt, vier Schüsse folgten noch und keiner verfehlte sein Ziel. Ich sah die graue Stute hoch in die Luft springen; eine gut gezielte Kugel hatte ihr Herz durchbohrt; sie stürzte todt zusammen und riss im Fallen ihr Füllen mit zu Boden.«

Da wir jetzt einen reichlichen Vorrath von frischem Fleisch hatten und unsere Jäger hinreichend eingeübt waren, um ohne Beihülfe auf die Jagd zu gehen, im Fall wir noch mehr gebrauchen sollten, wurde die Mannschaft des Arrow zurückberufen, da sie schon fast fünf Jahr im Dienst war und natürlich sobald als möglich nach Hause zurückzukehren wünschte.

Lieutenant Robinson hatte Befehl in Rio-Janeiro anzulegen, und ich benutzte daher diese vortreffliche Gelegenheit, um einen Bericht über meine bisherige Reise und meine Pläne für die Zukunft an die Lord-Commissäre der Admiralität und den Commodore Purvis, den ältesten Offizier in diesem Theil der südamericanischen Station, abzusenden und zugleich Letzteren zu benachrichtigen, dass wir ein neues Bugspriet und eine Ergänzung unsrer Vorräthe wünschten, wenn sich eine günstige Gelegenheit, uns dieselben zu senden, finden sollte; dass wir aber andern Falls mit unsern jetzigen Vorräthen auskommen könnten, da ich den jetzigen guten Gesundheitszustand unsrer Mannschaft durch die Versetzung in ein wärmeres Klima nicht gefährden wollte, bevor wir unsre Mission in den südlichen Regionen beendigt hätten. Ich schickte auch mit dem Arrow alle während der Reise gesammelten naturhistorischen Gegenstände ab, die, wie ich später vernahm, mit dem königlichen Schiff Actäon von Rio nach England gebracht und im britischen Museum aufgestellt worden sind.

Nachdem Mitte Mai der Hafendamm und die Niederlagen fertig geworden waren, wurde der Erebus vollkommen ausgeladen und nach sorgfältiger Untersuchung des Grundes am Morgen des 25. so weit umgelegt, als die Hochfluth es erlaubte. Hierauf begannen die Zimmerleute beider Schiffe und alle Matrosen, die ihnen etwas behülflich sein konnten, die Schäden auszubessern, die das Fahrzeug während der letzten beschwerlichen Reise erlitten hatte.

Den 24. Mai, den Geburtstag unserer gnädigen Königin, begrüssten wir mit der üblichen Geschützsalve von einer vorläufig am Strande errichteten Batterie, wo die Kanonen und Haubitzen beider Schiffe aufgestellt waren, und die Mannschaft erhielt zur Feier des Tages eine Extra-Ration Fleisch und Grog.

Nachdem der Erebus am Abend des 26. unter der Wasserlinie vollkommen ausgebessert und kalfatert war, wurde er während des Hochwassers wieder aufgerichtet und in gehöriger Entfernung vom Damm vor Anker gelegt. Die nächsten Tage vergingen mit dem Reinigen und Lüften des Raumes, während die damit beauftragten Offiziere eine strenge und sorgfältige Revision aller nur vorhandenen Vorräthe vornahmen; ihre Wiedereinschiffung nahm die Zeit vom 1. bis 7. Juni in Anspruch.

Die ganz gleiche Arbeit fingen wir jetzt mit dem Terror an; er wurde am 22. behufs der Untersuchung und Ausbesserung gekielholt und am 25. wieder aufgerichtet.

Am Abend des 23. erschien ein Kriegsschiff im Berkeleysund, und als es spät Abends vor der Einfahrt des Hafens vor Anker ging, schickte ich einen Offizier an Bord, im Fall es einen Lootsen brauchen sollte. Bei seiner Rückkehr benachrichtigte er mich, es sei der Carysfort, befehligt von Lord George Paulet, mit einem Bugspriet und Lebensmitteln an Bord, welche uns Commodore Purvis schickte. Ausserdem brachte er uns noch Vorräthe, die wir von einem Handelshause in Rio verschrieben hatten und die uns mit grossen Kosten in einem gemietheten Schiffe hätten gesendet werden müssen, wenn nicht Lord George Paulet so gütig gewesen wäre, sie trotz des engen Raumes, der ihm in seinem eigenen Schiffe noch übrig blieb, für uns mitzunehmen.

Das Handlungshaus in Rio, von welchem wir diese Sachen gekauft hatten, schickte später auf Speculation ein kleineres Fahrzeug mit einer neuen Sendung von Artikeln, die es an uns noch abzusetzen hoffte; aber da man von diesem Schiffe nie wieder etwas gehört hat, ist es wahrscheinlich mit seiner ganzen Mannschaft und darunter des Eigenthümers Bruder in einem der heftigen Stürme, die damals in jenem Meere wütheten, untergegangen.

Am 24. Juni früh machte ich Lord George Paulet meine Aufwartung und nahm Mr. Tucker, den Master des Erebus, mit, um den Carysfort in den innern Hafen zu lootsen. Mit einem schwachen Gegenwind fuhr er mit Hülfe der Fluth durch den engen Eingang und legte sich Nachmittags dicht neben den Erebus vor Anker. Glücklicherweise waren wir in Stand gesetzt, ihm eine Quantität frisches Fleisch abzulassen, welches unsere Jäger diesen Morgen geschickt hatten. Von den Regierungsvorräthen konnte er keines mehr erlangen; und indem wir unter unsere Mannschaft einige Tage lang Salzfleisch austheilten, was ihr mehr ein Genuss als eine Entbehrung war, konnten wir den Carysfort während seines kurzen Aufenthalts vollständig versehen. Wer nicht in ähnlicher Lage gewesen ist, kann sich die Freude, wieder mit Kameraden nach so langer Entbehrung ihrer Gesellschaft zusammen zu treffen, nicht gut denken; und die Festtage, wie unsere Leute diese Zeit nannten, welche ihre Ankunft und der angenehme Verkehr mit ihnen veranlasste, waren für Alle ein grosser Genuss.

Das Wetter war während ihres Aufenthalts unbeständig und stürmisch und seine Rauheit wurde ihnen noch fühlbarer durch den Umstand, dass sie in so kurzer Zeit das herrliche Klima von Rio-Janeiro mit den kahlen, schneebedeckten Küsten der Falklands-Inseln vertauscht hatten.

Am Morgen des 7. Juli segelte der Carysfort nach dem stillen Ocean ab und begrüsste uns zum Abschied mit drei Hurrah's, die wir zurückgaben.

Mit dem neuen Bugspriet, den Reservevorräthen und Lebensmitteln sahen wir uns jetzt mit Allem versehen und in Stand gesetzt, unsere Entdeckungsfahrten in den südlichen Regionen so seetüchtig wie am Tage unsrer Abfahrt aus England fortzusetzen.

Die Ausrüstung der Schiffe ging ohne Unterbrechung vorwärts; gegen Ende Juli waren sie wieder vollkommen in Ordnung und segelfertig. Aber da unsere magnetischen Experimente erst gegen Ende August oder zu Anfang September vollendet werden konnten und ich während dieser Zeit der Schiffsmannschaft eine nützliche Beschäftigung geben wollte, liess ich eine 7 Fuss hohe und ebenso dicke Mauer um den Platz aufführen, der bis jetzt als Begräbnissplatz gedient, aber noch keine Umfassung hatte. Nach Vollendung derselben wurden die Gebeine des unglücklichen und grausam ermordeten Brisbane, des Gefährten Weddell's auf seiner kühnen und gefahrvollen Reise in die höchsten südlichen Breiten, von dem Orte, wo die Gauchos sie gelassen, nach dem neuen Friedhof geschafft und eine Inschrift auf dem Grabe angebracht.

Auf den Wunsch des Gouverneurs machte ich in Begleitung des Capitains Crozier einen Ausflug nach Port William, um ein Urtheil über die beiden Häfen, welcher von beiden sich als Marinestation und in commercieller Hinsicht am besten zum Haupthafen der Colonie eignet, abzugeben. Das Ergebniss dieser Untersuchung, die wegen der ungünstigen Witterung fast eine Woche in Anspruch nahm, zeigte, dass Port William so viele Vorzüge vor Port Louis besass, dass ich die Niederlassung nach dem erstgenannten Orte zu verlegen anempfahl.

Der Haupteinwand gegen Port William ist die geringe Ausdehnung anbauungsfähigen Landes in seiner Nähe; da er aber bei den herrschenden Winden leichter zugänglich ist, zwei sehr sichere Rheden besitzt und eine viel grössere Tiefe hat als Port Louis und die Inseln hauptsächlich als Seestationen von Bedeutung sind, so nahm die Regierung meine Vorschläge an, und die Ansiedelung ist seitdem von Port Louis nach Port William verlegt worden.

Die erst neuerdings von Capitain Fitzroy und Mr. Darwin veröffentlichten guten Berichte über die Falklandsinseln machen eine Beschreibung derselben hier unnöthig. Ich will daher nur bemerken, dass der Zustand der Colonie zur Zeit unsrer Anwesenheit nichts weniger als blühend erschien. Die Zahl der Einwohner hatte beträchtlich abgenommen und bestand damals blos aus 46 Köpfen ausser dem Gouverneur, seiner Familie, seinen Leuten und Capitain Allen Gardiner mit seiner Frau und zwei Kindern, die mit der ersten Gelegenheit nach Patagonien reisen wollten, um sich dort niederzulassen und einem Missionair in dem weiten Felde, welches dort ihren frommen Bestrebungen offen steht, Bahn zu brechen.

Die nachfolgenden Bemerkungen über die Flora der Falklandsinseln von Dr. Hooker werden unsern Lesern von Interesse sein.

»Die einförmigen Ebenen und mit Gras bewachsenen wellenförmigen Hügel der Falklandsinseln versprechen auf den ersten Anblick dem Botaniker nur geringe Ausbeute, und dies findet sich bei genauerer Untersuchung bis zu einem gewissen Grade bestätigt. Die Species sind wenig zahlreich, indem die Flora dieser beiden grossen Inseln höchstens hundertundzwanzig Phanerogamen aufzuweisen hat und ihre Vegetation aus solchen Pflanzenarten der regen- und sturmumtosten Berge von Feuerland und der kahlen Küsten und unfruchtbaren Ebenen von Patagonien besteht, welche die dem Klima der Falklandsinseln eigenthümlichen schnellen Abwechselungen von Hitze und Kälte, Trockenheit und Nässe vertragen können. Die Lage der fraglichen Inseln in gleicher Entfernung von den ebengenannten Ländern legt die Vermuthung nahe, dass ihre Vegetation einen gleichmässigen Beitrag von jedem derselben empfangen. Gräser und der Balsammoor (Bolax glebaria) bilden den vornehmsten und eigentlich den einzigen hervorstechenden botanischen Zug in der Landschaft. Das ganze Jahr hindurch bedecken sie die Hügel, die Torfmoore, die Ebenen, die Küsten und die um die Hauptinseln gruppirten Eilande. Auf letzteren hauptsächlich gedeiht das Tussockgras in grösster Ueppigkeit, das Ansehen eines Waldes kleiner Palmen annehmend; und da es die wichtigste falkländische Pflanze ist, so verdient es auch zuerst genannt zu werden. Die Aehnlichkeit zwischen dem Tussockgras und einer kleinen Palme rührt von dem eigenthümlichen Wuchs des erstern her. Jede Pflanze bildet einen Hügel ineinander verschlungener Wurzeln, die gerade aus dem Boden empor steigt und durch einen Zwischenraum von einigen Fuss von den Wurzeln der andern Tussockpflanzen getrennt ist. Die Hügel sind oft sechs Fuss hoch und haben vier oder fünf Fuss im Durchmesser; aus ihrem Gipfel steigen zahlreiche Halme von sechs Fuss Länge empor, die nach allen Seiten herunterhängen und mit denen der gegenüberstehenden Pflanzen den dazwischenliegenden Raum überwölben. Auf diese Weise wird ein Tussockmoor (so heissen die mit diesem Grase bedeckten Landstrecken) oft ein gefährliches Labyrinth für den Wanderer, denn sie sind ein Lieblingsaufenthalt der Seelöwen, die, wenn man sie unvorsichtig stört, mit ihren Hauern schlimme Wunden schlagen können. Das Tussockgras und der Balsammoor kommen auch auf dem Feuerland vor; aber auf den Falklandsinseln wachsen sie am häufigsten und üppigsten. Die letztgenannte Pflanze zeigt sich anfangs als kleines Kraut, dichtbeblättert wie ein Steinbrech; nach und nach bekommt es Zweige, die sich mit dichten Blättern bedecken und immer wieder neue Zweige aussenden, bis das Ganze eine Kugel bildet. Wenn die Pflanze noch grösser wird, nimmt sie die Gestalt eines aus der Erde emporwachsenden halbkreisförmigen Kissens von blasser gelbgrünlicher Farbe und sehr fester Textur an; die kleinern Zweige sind so dicht zusammengedrängt, dass sie eine ebene Fläche von solcher Härte und Festigkeit bilden, dass man sich die Knöchel an der Masse verletzen kann. Diese Hügel erreichen oft eine Höhe von vier Fuss und einen gleichen oder viel grössern Durchmesser. Sie heissen Balsammoore wegen ihres angenehmen harzigen Geruches, oder auch zuweilen Hungerkugeln, weil sie meistens einen schlechten Boden verrathen. Die Pflanze gehört zu den Umbelliferen; ihr eigentümlicher Habitus ist ein Charakterzug, den sie mit einigen andern antarktischen Pflanzen gemein hat, welche zusammen eine den höhern südlichen Breiten in den südamericanischen Anden fast eigenthümliche Gruppe der doldentragenden Pflanzen bilden.

»Keine der beiden merkwürdigen Buchenarten, ebensowenig wie die Wintersrinde, die Fuchsia, die Johannisbeere und die Berberitze, die auf dem Feuerland vorkommen, finden sich auf den Falklandsinseln. Die Veronica elliptica (die V. decussata unsrer Gärten) ist der einzige grössere Strauch auf den Inseln und wächst nur in einigen Buchten an der südlichen und westlichen Küste. Eine weissblühende asterähnliche Pflanze, etwa 4 Fuss hoch, ist der am häufigsten vorkommende Strauch; während das kleine Empetrum rubrum, eine Art Moosbeere, die sich durch die Leichtigkeit auszeichnet, mit welcher sich ihr Kraut, selbst wenn es vom Regen ganz durchnässt ist, in Brand setzen lässt, grosse Strecken Landes wie Haide bedeckt. Eine kleine Myrte, die jedoch keine Aehnlichkeit mit ihrer classischen Verwandten in Italien zeigt, kriecht auf dem Boden hin und trägt eine süsse, angenehmschmeckende Beere; und ein Rubus, unserm R. arcticus oder saxatilis entsprechend, aber niedriger, kommt unter dem Empetrum vor und trägt eine Frucht von der Grösse und dem Geschmack einer Himbeere. Dies sind lauter feuerländische Pflanzen, sie sind aber auf den Falklandsinseln viel häufiger. Im Frühling sind die Ebenen und Abhänge in der Nähe der See mit einigen sehr schönen und in die Augen fallenden Blumen geschmückt, die sich meistens auch in Patagonien häufig finden. Es sind dies Oxalis enneaphylla, mit Blüthen grösser als das Schneeglöckchen; eine merkwürdig kleine Calceolaria mit einer einzigen Blume; ein gelbes Veilchen und ein Sisyrinchium, welches nebst dem gewöhnlichen europäischen Cerastium arvense die Thonschieferufer des Berkeleysunds mit einer weissen Decke überzieht. Auf den Haiden und Wiesen blüht in derselben Jahreszeit eine weisse Primel, fast identisch mit unsrer Primula farinosa, so wie das obenerwähnte Sisyrinchium, dessen nickende weisse Blume an das Schneeglöckchen erinnert; und eine Pflanze, die dem Löwenzahn ähnelt, aber weisse, angenehm nach Benzoe riechende Blumen hat, ist ebenfalls häufig.

»Nirgends auf der Welt treten die Lichenen mehr hervor als auf den Falklandsinseln. Die schöne Usnea melaxantha, die auch in den arktischen Regionen vorkommt, bildet ein Miniaturgebüsch auf den kahlen Gipfeln der höchsten Felsenspitzen, wahrend die Abhänge mit mancherlei Arten bedeckt sind, meistens identisch mit den englischen. Am Seestrande finden sich mehrere Species dieser Gruppe, vornehmlich eine hängende Ramalina, sehr nahe verwandt mit der europäischen R. scopulorum und eine Länge von 8 Zoll erreichend; sie zeigt sich an den Felsen so häufig, dass sie dieselben an manchen Stellen ganz bedeckt.

Tange sind im Ueberfluss an den äussern felsigen Küsten vorhanden, und nirgends sahen wir solche ungeheure Massen submariner Vegetation, wie sie an der Ostküste der Falklandsinseln an den Strand geworfen werden. Sie bestehen hauptsächlich aus Macrocystis pyrifera, die auch auf der Kergueleninsel gefunden wird, Lessoniae, und D'Urvillea utilis. Von ihrem natürlichen Standort an den Klippen losgerissen und an das Ufer geworfen, werden diese Seepflanzen von der rollenden Bewegung der Brandung zusammengedreht, bis sie ungeheure Taue, viel dicker als ein männlicher Körper und mehre Hundert Fuss lang, bilden. An einigen Orten ist das Ufer so hoch mit diesen Massen bedeckt, dass das Gehen sehr beschwerlich wird; der Fussgänger sinkt oft bis an die Kniee in die halbverwesten Haufen, die, mit zahlreichen Seethieren vermischt, einen höchst unangenehmen Geruch verbreiten. Viele sehr seltene und schöne Seepflanzen sind so am Ufer zu entdecken, die entweder mit den grössern von unzugänglichen Klippen draussen im Meer losgerissen worden sind, oder parasitisch auf ihnen wachsen. Die grünen und rothen Tange Grossbritanniens werden leicht erkannt; obgleich mehrere derselben in den dazwischen liegenden warmen Breiten nicht zu finden sind, erscheinen sie doch wieder in den kältern Meeren der andern Hemisphäre neben andern, die nicht dieselbe Art, aber Repräsentanten der im Norden vorkommenden Species sind. Sie erinnern den Botaniker an die Heimath, während sie ihm zugleich sagen, dass er nicht dort ist. Eine riesenhafte Gattung ist vorzüglich häufig in der Nachbarschaft der Falklandsinseln und des Caps Horn und übertrifft alle andern an Grösse. Sie führt den Namen Lessonia (nach dem Naturforscher der Duperrey'schen Expedition) und gleicht in ihrem Wuchse ganz einem Baume. Der Stamm oder Strunk heftet sich mit seinen Wurzelfibern an den Felsen, immer unter der Hochwasserlinie, er erreicht eine Höhe von 8 oder 10 Fuss und die Dicke eines Mannsschenkels; nach oben theilt er sich in Zweige, die an ihren Spitzen drei bis vier Fuss lange und kaum drei Zoll breite Blätter aussenden, welche im Wasser wie die Zweige einer Weide niederhängen. An manchen Stellen ist diese Pflanze so häufig, dass sie unter dem Wasser einen wahren Wald bildet. Es giebt verschiedene Arten dieses Seegrases, die alle sehr gross werden. Wenn die Stämme an das Ufer gespült werden, sehen sie dem Treibholz auf das täuschendste ähnlich; mit aller Ueberredungskunst konnte ich dem Capitain eines Kauffahrers, mit welchem ich einen Theil der Falklandsinseln besuchte, nicht ausreden, ein paar Bootsladungen desselben nach seinem Schiffe zu bringen; er war fest überzeugt, dass dieser Seetang, wenn er trocken sei, ein treffliches Feuerungsmaterial abgeben werde. Einen bessern Gebrauch wissen davon die Gauchos zu machen, welche Griffe für ihre Messer daraus verfertigen; so lange der Stamm noch frisch ist, schlagen sie die Angel der Klinge hinein und lassen es dann trocken werden, wo dann die Masse so hart ist wie Horn, und keine Gewalt die Klinge aus ihrem Heft reissen kann. Auf ähnliche Weise werden einige grössere Algen auf den Orkney-Inseln benutzt. Obgleich dieses grosse und üppige Seegewächs dem Menschen bis jetzt von wenig Nutzen ist, so spielt es doch in der Erhaltung der niedern Ordnungen des Thierreichs eine grosse Rolle. Wer es nicht wirklich gesehen hat, kann sich keinen Begriff machen von den zahlreichen lebenden Wesen, die eine einzige dieser drei Tangarten ernährt und beherbergt. Zwischen ihren Wurzelfibern hausen verschiedene Arten Würmer, kleine Schwämme, Corallen und andere Crustaceen. Der Stamm ist mit Corallen und Flustren überzogen und bildet oft einen Anhaltepunkt für Fischeier und Mollusken, während eine Menge kleinere Algen, wie das Moos an den Bäumen des Waldes, an ihm wuchern. Die Blätter sind oft ganz weiss von Myriaden Serpulae und andern Muscheln, und beherbergen verschiedene Raubfische, während sie den schwächern Arten zum Zufluchtsort dienen.

»Die Moose der Falklandsinseln verdienen kaum Erwähnung, da sie im Vergleich mit den auf andern antarktischen Inseln gefundenen sehr wenig zahlreich sind. Das gemeine Sphagnum, das europäische Torfmoos, kommt vor, aber nicht so häufig als die vielen Torfmoore vermuthen liessen; auch ist es zur Bildung derselben nicht so thätig wie in Schottland oder Irland. Die zahlreichen Gräser, das Empetrum, die kleine Myrte und einige andere Phanerogamen tragen zum Entstehen des Torfs auf den Falklandsinseln viel mehr bei als das Sphagnum; und die so gebildete Erde ist vielleicht eben so antiseptisch wie in den nördlichen Regionen; denn die Blätter verschiedener Pflanzen fanden wir in beträchtlicher Tiefe noch nicht von Fäulniss angegriffen.

Die Farren sind wenig reich an Arten, obgleich zwei derselben, Lomaria alpina und L. Magellanica, beide auf dem Feuerland heimisch, sehr häufig sind. Erstere ist klein, bedeckt aber oft grosse Strecken; die zweite wächst auf Felsen und ist strauchartig, indem der Strunk einen kurzen dicken Stamm bildet, von dessen Spitze zahlreiche Wedel nach allen Seiten ausgehen. Meistens sieht man es auf steinigem Boden, und in seinem Habitus ähnelt es sehr einer kleinen Zamia.

»Von den falkländischen Pflanzen sind sehr wenige essbar; die es sind, besitzen antiscorbutische Eigenschaften, vorzüglich der gemeine Sellerie, der an den Küsten häufig ist, so wie eine Art Cardamine und Oxalis enneaphylla. Die letztern heissen beide Scorbutgras und würden sich jedenfalls in dieser Krankheit sehr heilsam erweisen. Der untere Theil des Tussockhalmes, etwa einen Zoll lang und von Fingersdicke, ist fleischig und saftig und von sehr angenehm nussartigem Geschmack. Zwei Matrosen hatten sich vierzehn Monate lang fast allein von dieser Substanz genährt. Sie waren von ihrem Schiffe auf die West-Falklandsinsel desertirt, wo es keine Wohnungen giebt. Ihr einziges Obdach war eine Hütte, gebaut aus den von ineinanderverschlungenen Tussockwurzeln entstehenden Rasenstücken, die sie über einander gethürmt hatten; eins wurde während der Nacht als Thür vor den Eingang gewälzt. Die Beeren des Empetrum und der Myrte sind zur Noth essbar, aber die Frucht des Rubus gleicht einer Himbeere an Grösse und Geschmack.

»Einige vor langer Zeit von hier landenden Seefahrern eingeführte europäische Pflanzen sind jetzt durch das Rindvieh und die Pferde über sämmtliche östliche Inseln verbreitet. Ich meine hauptsächlich Veronica serpillifolia, Poa annua, Senecio vulgaris, Cerastium viscosum und Stellaria media.

»Die eigenthümliche Constitution des Tussockgrases (Dactylis caespitosa) gestattet ihm auf blossem Sand und in der Nähe des Meeres zu gedeihen, wo es die Vortheile einer mit Feuchtigkeit angefüllten Atmosphäre, eines mit faulenden Seegräsern befruchteten Bodens und guten Düngers geniesst, der auf den Falklandsinseln aus einem reichlichen Zufluss animalischer Stoffe und den Excrementen zahlreicher Vögel besteht, die in den Tussockbüschen ihre Eier legen, ihre Jungen aufziehen und nisten. Meistens findet es sich an den Rändern der grossen Torfmoore, die sich bis in die Nähe der Küste erstrecken, und trägt hier viel zur Bildung des Torfes bei. Obgleich es längs den Ufern dieser Inseln nicht allgemein vorkommt, so findet es sich doch in erstaunlicher Menge, denn es ist ein gesellschaftliches Gras, das häufig fast meilenlange Strecken bedeckt, aber ausser im Bereich der Seeluft nur selten gesehen wird. Diese Vorliebe für das Meer rührt nicht davon her, dass es blos in unmittelbarer Nähe des Salzwassers gedeihen könnte, sondern weil andere nicht für die Nachbarschaft des Meeres geeignete Pflanzen schon das Binnenland in Besitz genommen haben. Ich habe das Tussockgras auf unzugänglichen Klippen im Innern gefunden, wo es von Vögeln hingebracht und später von ihnen gedüngt worden war; angebaut kommt es auf den Falklandsinseln und in England in weit vom Meer entlegenen Gegenden fort.

»Mir ist kein Gras bekannt, das eine so grosse Menge Futter liefern könnte, wenn es regelmässig angebaut wird; zum Beweis führe ich Gouverneur Moody's Bericht an, für dessen Wahrheit und Genauigkeit ich nach eigener Anschauung und Erfahrung stehen kann.

»Auf verschiedenen längern Excursionen habe ich das Tussockgras stets auf Stellen, die der Seeluft ausgesetzt waren, oder auf einem Boden, wo keine andere Pflanze wachsen wollte, z. B. auf dem unfruchtbarsten Torfmoor, im kräftigsten Gedeihen gefunden. Meilenweit lassen sich über die kahlsten Moore die ausgetretenen Pfade von wildem Hornvieh und Pferden verfolgen, aber stets endigen sie auf einem mit diesem Lieblingsfutter bedeckten Vorgebirge, wo man fast sicher sein kann, ein paar einzelne alte Stiere oder eine Heerde Rinder, vielleicht auch einen Trupp wilder Pferde zu treffen, die, sowie sie den Fremdling von weitem wittern, entfliehen. Beim Anbau des Tussockgrases würde ich empfehlen, es fleckweise unmittelbar unter der Oberfläche, jeder Fleck von dem andern zwei Fuss entfernt, zu säen; später muss es gerauft werden, da es sehr üppig emporsprosst und oft eine Höhe von sechs bis sieben Fuss erreicht. Abgeweidet darf es nicht werden, sondern es muss geschnitten und in Garben gebunden werden. Wenn man es schneidet, sprosst es rasch nach, aber Abweiden schadet ihm sehr: denn alle Thiere und vornehmlich die Schweine wühlen gern die angenehm nussartig schmeckenden Wurzeln heraus. Ich habe keine Versuche gemacht, es als Heu zu verfüttern, aber Rindvieh frisst im Winter das dürre Stroh, mit welchem die Häuser gedeckt sind; sein Appetit nach Tussockgras ist so gross, dass es dasselbe aus grosser Entfernung wittert und keine Mühe scheut dazu zu gelangen.«

Seit Obiges geschrieben wurde, hat man das Tussockgras auch als Heu verfüttert, in welchem Zustande das Rindvieh dasselbe den andern vortrefflichen gedörrten Gräsern der Falklandsinseln vorzieht. Gouverneur Moody benachrichtigt mich, dass es in seinem Garten rasch zunehme und durch Abmähen gewinne. Ein Umstand nimmt jedoch dem Tussockgras etwas von seinem Werthe: es ist ein perennirendes Gras von langsamem Wuchse, und deshalb hat man sich in England einigermaassen in seinen Erwartungen von dem Nutzen desselben getäuscht gefunden. Jeder Tussockbusch besteht aus vielen hundert Halmen, aus einem Klumpen Wurzeln emporsprossend, die eine lange Reihe von Jahren gebraucht haben, ehe sie sich zu dieser Productivität ausbildeten. Die in dem königlichen Garten in Kew cultivirten Exemplare, die jetzt ziemlich drei Jahre alt sind, sind auf dem besten Wege gute Tussockbüsche zu werden, denn die Zahl der aus jeder Wurzel, also aus einem Samenkorn, sprossenden Halme ist viel grösser als bei jedem andern Grase, und es bilden sich schon Kugeln aus den Wurzeln, die mit der Zeit zu Klumpen erwachsen werden. Aber diese Kugel, die jetzt sechs Zoll breit und noch nicht zwei Zoll hoch ist, muss eine Höhe von sechs bis acht Fuss und einen Durchmesser von drei oder vier Fuss erreichen; anstatt vierzig Halme muss sie deren vierhundert haben, und die Blätter, die jetzt drei Fuss lang sind, müssen sieben Fuss lang werden, ehe das englische Tussockgras mit seinem Ahn auf den Falklandsinseln in die Schranken treten kann.

»Obgleich die Pflanze in ihrem Vaterlande in dem feinen Sand am Meeresufer fortkommt und dort so gross wie auf jedem andern Boden wird, lässt sich dies doch schwerlich in dem trockenen Klima von England hoffen, wo der Mangel einer eben so feuchten Atmosphäre künstlich ersetzt werden muss. Ein nasser, leichter, torfiger Boden begünstigt in England ihr Wachsthum; Düngung mit Seegras und jedenfalls mit Guano könnte mit Vortheil angewendet werden. So langsam auch ihr Wuchs ist, kann er doch durch solche Treibmittel beschleunigt werden. Bis dahin hat man keine Ursache über ihren Ertrag zu klagen; die Pflanze nimmt unten schon ungewöhnlich zu und hat viel mehr Halme als jedes andere Gras, die alle aus einem verhältnissmässig kleinen Wurzelklumpen entspriessen, so dass sie bei gleichem Ertrag nur ein Zehntel des Raumes einnimmt, den eine andere Grasart brauchen würde.

»Es giebt wenig Pflanzen, die wie dieses Gras aus vollkommener Dunkelheit zu so grossem Ruf gelangt sind. In seinem Vaterland scheint das Tussockgras als Stoff zur Ernährung fast ohne Nutzen zu sein. Ein kleines Insect, das einzige, welches ich darauf beobachtete, lebt ausschliesslich von dieser Pflanze; ein Vogel, nicht grösser als ein Sperling, nährt sich von seinem Samen; einige Seevögel nisten unter dem Schutze seiner Halme, Pinguine und Sturmvögel finden unter den Wurzeln, weil sie weich und locker sind, einen guten Versteck; Seelöwen lagern im Schatten seiner dichten Büsche – aber ausser dem Insect kenne ich kein Thier und keine Pflanze, die in Ermangelung dieses Grases, des grössten vegetabilischen Productes der Falklands-Inseln, untergehen mussten; nicht einmal ein parasitischer Schwamm ist darauf zu finden. Dieselben Seevögel nisten wo kein Tussockgras wächst; Klippen dienen an andern Orten den Seelöwen zum Aufenthaltsort; und der Sperling, der elf Monate im Jahre sich von anderm Gesäm nährt, könnte den zwölften gewiss auch ohne dieses auskommen. Jedenfalls wäre das Tussockgras ungekannt und ungewürdigt geblieben, wenn der Mensch kein Hornvieh auf diese Inseln gebracht hätte; so wurde er der Entdecker und dann der Beschützer und Verbreiter dieses schönen Grases; denn die auf den Falklandsinseln zurückgelassenen grasfressenden Thiere waren schon auf dem Wege es auszurotten, als der Mensch zurückkehrte, es unter seinen Schutz nahm und weiter verbreitete. Es scheint seltsam, dass ein so eigentümliches Gras an einem Orte vorkommt, wo es kein einheimisches grasfressendes Thier giebt; aber es ist nicht weniger gewiss, dass ohne die Dazwischenkunft des Menschen das Tussockgras unberührt an dem stürmischen Gestade des antarktischen Meeres gegrünt hätte, bis vielleicht ein Fisch, ein Vogel oder eine Robbe, angelockt von der Ueppigkeit seines Wuchses, die Gesetze der Natur überschritten und seine Organe an die Verdauung und den Genuss dieses lange vernachlässigten Geschenks einer gütigen Vorsehung gewöhnt hätte.

»Demjenigen, welcher Gräser nur von englischen Wiesen kennt, mag es seltsam vorkommen, dass die Tussockgebüsche Wäldchen von niedrigen Palmen am meisten gleichen. Diese Aehnlichkeit rührt von dem Umstande her, dass die in einander verwobenen Wurzeln jeder Pflanze cylinderförmig emporsteigen, und die Halme mit den Blättern am Gipfel dieser strunkartigen Wurzelmasse eine volle und schöne Krone bilden. Eine Wanderung durch ein grosses Tussockdickicht macht einen eigenthümlichen Eindruck wegen der Höhe der Büsche und des geringen Raumes zwischen den Stämmen, die ein wahres Labyrinth bilden – über sich sieht man nur schlanke Blätter und den Himmel, und auf allen Seiten diese seltsamen Strünke von Wurzeln und verweste Halme und Blätter, ausser wenn dann und wann ein Pinguin aus seiner Höhle hervorguckt oder ein Seelöwe quer über den Weg liegt.«


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