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34.
Adreas Tagebuch

Ich hätte nicht gedacht, daß ich noch einmal etwas in dieses Buch schreiben würde. Ach, ich muß alle Kraft zusammennehmen, um mich aufrecht zu halten. Nur noch ein paar Stunden – bis das Ende kommt! Ich will nicht mehr an das Schreckliche denken, nur an jene glücklichen goldenen Tage unseres Zusammenseins. Aber die Vergangenheit mit ihren schrecklichen Schatten quälte mich – ich sehe immer diese zusammengesunkene Gestalt auf dem Sessel vor mir. Heute morgen kam Paul zu mir. Er war totenbleich, als er mir eine alte, zerknitterte Zeitung reichte,

»Lies das, Adrea«, sagte er. »Es ist etwas Schreckliches geschehen!«

Die Zeitung entglitt meinen Fingern, und die Furcht lähmte mich.

»Ich weiß es«, rief ich, »ich weiß es!«

»Du wußtest es und hast mir nichts gesagt?«

»Nein –«

Mein Blick trübte sich, und ich hörte ein sonderbares Singen in den Ohren. Dann sank ich zurück, und meine Sinne schwanden, Dieses Hinübergleiten in das Nichts war wunderschön. Als ich wieder zu mir kam, lag ich im Fieber, und Paul erwähnte nichts von alledem, was uns so erschreckt hatte. Am nächsten Tage war er liebenswürdig und gut wie immer, aber es hatte ihn eine Unruhe gepackt. Bis dahin hatte er noch keinen Verdacht geschöpft, aber ich konnte sehen, wie er sich nach Hause sehnte. Er wollte zurück nach England und dieser Gedanke war für mich furchtbar.

Dann kam das Ende. Wir wohnten in einer Villa, die wir in der Nähe von Florenz auf einen Monat gemietet hatten. Eines Tages fuhren wir zusammen in die Stadt, um Einkäufe zu machen. Paul war zur Post gegangen, und ich überquerte einen freien Platz, um ihn dort zu treffen. Plötzlich fühlte ich, wie mich jemand am Aermel berührte, hörte eine heisere Stimme und wandte mich erschrocken um. Ein verstörter, bleicher Mann stand vor mir: Gomez!«

»Hören Sie schnell«, sagte er, »man darf uns nicht zusammen sehen. Sie sind in Gefahr! Die Polizei ist auf Ihrer Fährte!«

Alles drehte sich um mich, und nur mit äußerster Anstrengung gelang es mir, die Fassung zu bewahren.

»Gomez, sagen Sie schnell, was kann ich tun?«

»Sie müssen fliehen. Wenn Sie noch länger in Florenz bleiben, werden Sie verhaftet. Ich bin Tag und Nacht gefahren, um Sie zu finden, und die heilige Mutter Gottes mag uns gnädig sein, daß es noch nicht zu spät ist. Nehmen Sie einen anderen Namen an, und wenn Paul de Vaux bei Ihnen ist, dann soll auch er seinen Namen ändern. Es sind schon zwei Detektive aus London in Florenz eingetroffen, die nach Ihnen suchen, und ein dritter mit dem Haftbefehl kann jeden Augenblick ankommen. Verbergen Sie sich in einem fernen Land! Gehen Sie nach Südamerika! Es ist alles herausgekommen. Fliehen Sie schnell! Leben Sie wohl!«

Er verließ mich rasch. Obwohl ich wußte, daß mein Urteil gesprochen war, ging ich doch festen Schrittes über den Platz, um Paul zu treffen und ihm alles zu sagen. Er sollte mein Richter sein. Meine Liebe sollte für mich um Verzeihung bitten. Sie würde triumphieren, ich wußte es. Ich dachte kaum an die Gefahr, in der ich schwebte. Auf den Treppenstufen zur Post traf ich Paul. Er hielt einen Stoß Zeitungen in der Hand. Die oberste hatte er geöffnet, und als er den Kopf hob und mich ansah, erkannte ich, daß das Gefürchtete eingetreten war. Er schien von dem plötzlichen Schlag vollständig vernichtet zu sein.

»Wir wollen nach Hause gehen«, sagte er mühsam. »Wir müssen miteinander sprechen.«

Wir stiegen in den Wagen, der auf uns wartete, und fuhren ab. Dann traten wir in dieses Zimmer – es sind noch keine zwei Stunden seitdem vergangen. Ich wartete seine Fragen nicht ab, sondern erzählte ihm sofort alles!

Ach, ich dachte, daß die Liebe alles überwinden könnte. Ich habe ein schweres Verbrechen begangen, das ist wahr, aber ich hoffte, daß er mich nicht verurteilen würde. Ich war wohl niedergeschlagen; aber ich hatte keine Angst vor dem, was vor mir lag. Aber als ich sein Gesicht beobachtete, packte mich plötzlich kalte Furcht. Was bedeutete dieser leere, schreckerfüllte Blick? Und als ich mich ihm näherte, um seine Hand zu streicheln, trat er vor mir zurück. Mit wenigen Worten beendete ich meine Geschichte.

»Paul!« sagte ich dann, »warum wendest du dich von mir ab? Ach, küsse mich doch! Es war entsetzlich, was ich durchlebte, als ich ihn umbrachte, aber ich mußte es doch tun, um dich zu retten!«

Er antwortete nicht, und er öffnete seine Arme nicht, wie ich erwartet hatte. Brennender Schmerz wühlte in mir, und ich ging in die äußerste Ecke des Zimmers.

»Wie lange ist es her, daß du Gomez trafst?« fragte er. Seine Stimme klang müde und fremd.

»Eine Stunde! Vielleicht auch mehr. Ich kann es nicht sagen!«

»Ich muß sofort in die Stadt und ihn aufsuchen! Verzeihe mir, Adrea, aber ich kann jetzt nicht sprechen! Ich komme zurück!«

So ging er von mir. Ob ich ihn noch einmal wiedersehen werde? Mein Herz ist elend, und ich kann es nicht mehr länger ertragen. Wenn er in einer halben Stunde nicht hier ist, dann ist es zu Ende!

*

Es ist geschehen. Ich habe das Gift genommen. In weniger als einer halben Stunde ist alles vorüber. Ach, Paul, komme doch zu mir! Wenn ich nur in deiner Armen sterben könnte, wenn ich deinen Kuß noch einmal auf meinen Lippen fühlen könnte! Es ist furchtbar, allein zu sterben! – Ich fühle, wie ich schwächer werde. Ach, möchte er doch noch im letzten Augenblick kommen! Und wenn es einen Gott im Himmel gibt, so frage ich nicht um Vergebung, aber ich will den Geliebten noch einmal sehen! Ich verlange nicht nach dem Himmel, aber nach deinen Armen – Paul, komme doch zu mir!


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