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22.
Adreas Tagebuch

Das ist es, was gestern abend geschah. Als ich in das Wohnzimmer trat, war ich auf alles gefaßt. Pater Adrian hatte mein Kommen nicht gehört, und so hatte ich den Vorteil, daß ich ihn überraschen konnte. Er stand mitten im Zimmer, mit verschränkten Armen und gesenktem Blick. Seine Stirne lag in Falten, und seine Augenbrauen waren zusammengezogen. Er mußte furchtbar erregt sein, denn sein Gesicht sah aschgrau aus. Als ich geräuschlos eintrat, sprach er leise mit sich selbst, und als ich mich anstrengte, konnte ich seine Worte verstehen.

»Heute abend muß es ein Ende haben – sie selbst soll entscheiden! Größere Männer als ich sind denselben Weg gegangen. Ich habe kein Mitleid mehr mit ihm. Es ist der Wille der Kirche! Ich selbst bin nur ihr Werkzeug. Erstand zwischen der Kirche und ihren uralten Rechten. Zwischen mir und – ihr!«

Seine Züge belebten sich und in seine Wangen kam wieder Farbe. Seine Mienen verloren ihre natürliche Härte, und seine Züge waren wieder männlich und schön. Ich sah es – aber mein Herz war kalt und hart wie Stahl.

»Pater Adrian«, sagte ich plötzlich, »ich bin hier.«

Er fuhr zusammen und schaute mich an. Wenn mein Herz ihm gegenüber noch irgendeiner milden Regung fähig gewesen wäre, so hätte es dieser Blick erweichen müssen. Aber er hatte mich zu tief getroffen. Ich kämpfte um meine eigenen Rechte. Der Mann, den ich liebte, war in Gefahr. Für andere Gedanken war kein Raum in mir, und ich blieb hart.

Einen Augenblick sah er mich schweigend an.

»Sie wissen also, was Liebe ist?« begann er dann. »Dieser Engländer hat Sie die Liebe gelehrt. Der Sohn des alten Martin de Vaux! Lieben Sie ihn? Ja oder nein?«

»Ja, wir lieben uns!« Ich zögerte nicht mit der Antwort und sprach herausfordernd und trotzig.

»Sie werden ihn niemals heiraten. Sie werden nicht einmal seine Freundin werden!«

Ich lachte ihm nur ins Gesicht.

»Wer sollte mich denn daran hindern?«

»Ich!«

»Wie wollen Sie denn das machen?«

»Ich habe die Mittel dazu in der Hand!«

Mein Herz schmerzte, aber ich zwang mich zu einem Lächeln.

»Welche Mittel?«

Er überlegte einen Augenblick.

»Ich kann Paul de Vaux' Vermögen und Besitz nehmen. Und ich kann das Herz seiner Mutter brechen! Ich kann bekanntmachen, daß sein Vater ein Mörder war!«

»Das verstehe ich nicht! Das glaube ich nicht!«

Ich stieß die Worte kühn hervor, aber ich fühlte, wie sich meine Kehle zusammenschnürte.

»Hören Sie mich«, sagte er und zog ein kleines goldenes Kruzifix unter seinem Gewande hervor, das er küßte. Dann hob er es in seiner Hand empor.

»Ich kann Paul de Vaux durch ein Wort zum Bettler machen«, wiederholte er. »Ich kann ihm alles nehmen, was ihm das Leben wertvoll macht. Ich kann seinen Namen in den Staub ziehen. Und ich kann und werde das tun, wenn Sie nicht auf mich hören.«

Wieder küßte er das Kruzifix und verbarg es. Ungeheure Angst packte mich, und ich begann zu zittern. Ich fühlte, daß seine Worte einen Kern von Wahrheit enthielten, aber ich trat ihm entgegen.

»Selbst wenn das alles so ist, was hat das mit mir zu tun?«

»In Ihrem innersten Herzen wissen Sie es. Sie lieben Paul de Vaux?«

»Ja, das ist wahr?«

»Und Sie glauben, daß er Sie wiederliebt?!«

»Ja!«

»Hören Sie. Vor wenigen Abenden hob ich diesen Vorhang und stand neben der Frau, die Sie für immer verlassen hat. Da sah ich Sie in seinen Armen. Dann ging ich mit ihm fort von diesem Hause nach dem Schlosse, und ich sagte ihm, was ich Ihnen eben gesagt habe. Ich verlor keine Zeit mit leeren Drohungen und zeigte ihm meine Macht. Und dann stellte ich ihm die Wahl – und er schwieg!«

»Was sollte er wählen?« fragte ich schnell

»Ich forderte von ihm, daß er einen Eid leisten sollte, Sie nie aus freiem Willen wiederzusehen, sonst würde ich mich mit meiner ganzen Macht gegen ihn wenden und ihn zu Fall bringen.«

»Und was tat er?«

»Er bat um Aufschub – um eine Woche Bedenkzeit!«

Plötzlich packte mich helle Wut. Ich wandte mich mit blitzenden Augen und zitternden Lippen zu ihm. Mir war nun alles gleich. Ich fühlte den Mut einer Löwin in mir und hatte nur noch den einen Wunsch, ihn umzubringen.

»Mit welchem Recht dürfen Sie sich zwischen uns stellen?« rief ich. »Was habe ich mit Ihnen zu schaffen, oder Sie mit mir?«

Er hob einen Augenblick abwehrend die Hände, als ob er den Anblick meines Gesichtes nicht ertragen könnte, aus dem Zorn und Haß sprühten. Ein kurzes Schweigen trat ein, dann sprach er leise und mit zitternder Stimme.

»Du weißt alles! In deinem Innersten weißt du, was ich dir sagen muß. Ich bin so erniedrigt worden wie noch niemand in meinem Stande. Alle Trübsal und alle Bitterkeit ist über mich gekommen, und ich habe mich in Gram verzehrt und mich selbst verflucht!«

Ich sah ihn spöttisch und höhnisch an.

»Ich bin nicht Ihr Beichtvater! Gehen Sie zu den Priestern Ihrer Kirche! Ich bin nur eine Frau. Warum sehen Sie mich so begehrlich an? Ich bin kein Gebetbuch!«

Ich hatte gehofft, ihn durch meine Worte so in Wut bringen zu können, daß er sich vergaß. Aber zu meinem größten Erstaunen machten sie gar keinen Eindruck auf ihn. Er schien mich kaum gehört zu haben.

»Wenn es einen Gott gibt«, rief er leidenschaftlich, »so weiß er, daß unsere Lebenspfade getrennt sind. Und doch müssen wir uns immer wieder begegnen!«

»Sie sind ja ein schöner Priester!« sagte ich mit höhnischem Lachen. »Was soll denn aus Ihrem Gelübde werden? Wie dürfen Sie es wagen, mir gegenüber den Liebhaber zu spielen? Sie schändlicher Heuchler!«

Diese Worte trafen ihn. Er schrak vor mir zurück, als ob ich ihn geschlagen hätte, und ich lachte in wilder Freude auf.

»Andrea«, sagte er langsam, »ich habe dir gegenüber niemals geheuchelt. In deiner Gegenwart habe ich nie ein Wort von meiner Religion gesprochen. Denke doch an die Tage in Cruta zurück. Habe ich mich nicht geweigert, dich zu verraten? – Warum? Du weißt es! Ich dachte an diese langen, traumhaft schönen Tage, die wir zusammen verleben durften. Ich war nicht der Priester, der dich zur Buße rief, sondern wir traten uns frei gegenüber, als Mann und Weib – als zwei Menschen. Denkst du noch an die ragenden Klippen und die düsteren Riesenschatten, die sich steil aus dem blauen Meere erhoben? Wir saßen in der Talsenkung, umgeben von dem süßen Duft der wilden Blumen, schauten auf die See hinaus und beobachteten die weißen Segel in der Ferne. Denkst du noch an die Nächte mit ihrem weißen Mondlicht und ihrer stillen, schweigenden Größe? Adrea, sieh mir ins Gesicht, wenn du es kannst, und sage mir, ob du das alles vergessen hast! Du warst es ja, die wie süßes Gift meine Adern und meine Seele durchdrang. Du standest in deiner Schönheit vor mir und wecktest in mir den Rausch der Sinne, so daß ich für immer dein Sklave bin! War ich früher ein wirklicher Diener Gottes, so kann ich es jetzt nicht mehr sein. Das hast du aus mir gemacht. Du hast in mir den Fackelbrand der Lust entfacht. Ein wildes Feuer durchglühte mich, wenn deine Hand mich berührte oder wenn ich deinen schönen Körper sah. Du bist es, die mich die Liebe gelehrt hat, die mir die rosenbekränzten Tore der Hölle öffnete! – Es gibt kein Zurück. Du hast mich zu dir niedergezogen, und du sollst bei mir bleiben, ganz gleich was die Zukunft auch bringt. Du entkommst mir nicht, kein anderer Mann soll dich besitzen. Ich habe schwer dafür gezahlt, und ich lasse mir mein Recht nicht nehmen!«

Er hatte mich bei den letzten Worten umfangen, aber ich riß mich aus seiner Umarmung los.

»Sie Wahnsinniger!« schrie ich. »Wie durften Sie so von mir denken, weil ich Sie in Cruta zu meinem Werkzeuge machte? Ich handelte doch nur in kalter Selbstsucht. Ich wollte fliehen, und Sie und die Frau waren die einzigen, die mir helfen konnten. Hätte ich Sie nicht gebraucht, so hätte ich niemals einen Gedanken an Sie verschwendet. Als Mann haben Sie mir nie etwas bedeutet, Sie waren stets nur ein Priester für mich. Niemals hatte ich den Wunsch, Sie wiederzusehen. Jetzt aber stehen Sie mir im Wege. Sie haben sich zwischen mich und den Mann gestellt, den ich liebe – darum hasse ich Sie!«

Seine dunklen Augen glühten und seine Wangen färbten sich dunkelrot.

»Das glaube ich nicht!« rief er. »Du bist nicht so falsch, wie du dich jetzt hinstellst, Adrea!«

Er hatte mich am Handgelenk gefaßt und sah mich flehend an. Irgend etwas in seinem Wesen und in seiner Stimme erinnerte mich plötzlich an Paul. Ich war wie gebannt und konnte mich sekundenlang nicht bewegen.

»Adrea, ist dir meine Liebe denn gar nichts wert? Weißt du noch, daß du mir einmal erzählt hast, was das Ideal deines Lebens wäre? Sehnst du dich nicht mehr nach einem starken treuen Mann, der dich mit seiner nie versagenden Liebe umgibt? Niemand könnte dich heißer und zärtlicher lieben als ich. Niemand würde dir treuer sein. Vor dir hat keine Frau Eindruck auf mich gemacht. Du allein herrschst in meinem Herzen, Adrea.«

»Ich verstehe Sie nicht«, erwiderte ich langsam und entzog ihm meine Hände. »Sie sprechen von irdischer Liebe, von der Treue eines Mannes. Was verstehen Sie davon? Sie waren doch zeitlebens ein Priester!«

»Du hast mich ganz in deine giftigen Netze verstrickt und jetzt quälst du mich. Um deinetwillen habe ich mein Gewissen und meine Zukunft aufs Spiel gesetzt, um deinetwillen habe ich meine Seele verkauft. Niemand kann dich mit solcher Glut lieben wie ich, Adrea!«

Ich sah ihm frei ins Gesicht, Es war das Beste, wenn er die Wahrheit erfuhr.

»Das ist eine unsinnige Torheit von Ihnen. Wenn Ihnen Ihre Religion überhaupt noch etwas wert ist, dann halten Sie sich daran. Sie wird Ihnen helfen. Sie werden mich vergessen. Ich liebe Sie nicht. Ich habe mein Lebensideal gefunden. Verlassen Sie mich und stellen Sie sich nicht zwischen uns. Tun Sie ihm kein Leid an! Sollten Sie es aber doch tun, so werde ich Sie mit einem abgrundtiefen Haß verfolgen!«

Er hatte mein Kleid gefaßt und lag nun auf seinen Knien vor mir – eine gebeugte und bemitleidenswerte Gestalt.

»Ach, es ist zu spät!« rief er. »Meine Religion bist du! Es ist Sünde, schamlose Sünde, aber habe Mitleid mit mir, Adrea. Liebe mich nur ein wenig, deine Neigung zu mir wird wachsen. Adrea, du mußt es versuchen!«

Ich entzog ihm mein Kleid und sah ihn verächtlich an. Niemals hatte ich gedacht, daß dieser Mann sich so vor mir beugte; umso größer wurde meine Verachtung. Das flackernde Feuer im Kamin beleuchtete sein blasses, hageres Gesicht, aber ich sprach erbarmungslos alles aus, was ich fühlte. Dann erhob er sich langsam. Er sah aus wie ein gehetztes Tier. Ich hatte ihm kein gutes Wort, keinen Blick gegönnt, und als er sich aufgerichtet hatte, sank sein Kopf auf die Brust. Er schaute mich nicht an und sagte nichts mehr zu mir. Mit unsicheren Schritten ging er zur Türe, verließ das Zimmer und gleich darauf das Haus.

Ich beobachtete ihn, wie er den Gartenweg entlangging, und war erstaunt über sein seltsames Schweigen. Ich hätte lieber Drohungen oder einen Wutausbruch gehört. Dieser merkwürdige Abschied war unheimlich, und mir graute es plötzlich.

Vor dem Gartentor blieb er in der Mitte der Straße stehen. Der Weg zur Linken führte zu dem Kloster, in dem er sich aufhielt, und rechts lag Schloß Vaux. Mein Herz schlug, als er dort stehen blieb. Eine Minute lang stand er dort, als ob er überlegte. Dann wandte er sich mit einem plötzlichen Entschluß nach rechts und ging nach Schloß Vaux.

Vierundzwanzig Stunden sind seit diesem Vorfall vergangen, und seitdem ist niemand hierhergekommen. Heute morgen in der Frühe sah ich Pater Adrian, der von Vaux zurückkam. Ich eilte nach oben in mein Zimmer und schloß mich ein. Allen Dienstboten hatte ich streng untersagt, ihn ins Haus zu lassen. Vom Fenster aus beobachtete ich ihn, aber zu meinem Erstaunen sah er nicht einmal zu dem Hause herüber. Er ging am Gartentor vorbei und schlug den Weg nach dem Kloster ein. Nur einmal, bevor er die Höhe des Hügels erreicht hatte, blieb er stehen und schaute zurück. Ich konnte aber seine Züge nicht mehr erkennen. Dann wandte er sich und ging weiter.

*

Wenn nicht bald jemand zu mir kommt, werde ich wahnsinnig. Wieder ist eine Stunde vorübergegangen, Ich habe jetzt den Entschluß gefaßt, nach Schloß Vaux zu gehen.


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