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3.
Nur eine Tänzerin

»Nun, was sagst du jetzt?«

Paul schrak zusammen, als er aus seinen Träumen gerissen wurde. Er hatte noch mit verschränkten Armen zu der Nische hinübergesehen, in der sie verschwinden war. Die plötzliche Frage seines Bruders brachte ihn in Verwirrung, und er errötete leicht. Arthur sah, daß Paul nervös war und sprach weiter.

»Das Mädchen war einfach großartig und entzückend. Ich muß herausfinden, wer sie ist!«

Mit diesen Worten verschwand er in der Menge. Paul wollte ihn zurückhalten, aber dann unterließ er es doch. Vielleicht konnte Arthur etwas erfahren.

Er selbst hatte keinen Grund mehr, noch zu bleiben, und verließ bei der nächsten Gelegenheit das Haus. Dieses Erlebnis war eine Offenbarung für ihn. Etwas Neues, Süßes, unaussprechlich Schönes war in sein Leben getreten, worüber er sich noch nicht klar werden konnte. Er drückte den Hut in die Stirn und eilte die breite Freitreppe hinunter auf die Straße.

Die Luft brachte ihn wieder zu sich, und er stand einen Augenblick still, um seine Gedanken zu sammeln. Dann rief er das nächste Auto an, ohne sich umzusehen. Der Chauffeur hielt in seiner Nähe, sah sich aber zögernd um, und Paul bemerkte plötzlich, daß wenige Schritte von ihm entfernt eine junge Dame stand, die zu gleicher Zeit wie er dem Chauffeur ein Zeichen gegeben hatte.

Er erkannte dieses Gesicht mit den dunklen Augen sofort wieder. Gewöhnlich wußte er sich in allen Lagen zu helfen, aber nun stand er wie erstarrt am Rand des Fußgängersteiges. Ihre plötzliche Gegenwart schien ihn hypnotisiert zu haben. Der Chauffeur mischte sich nicht ein, sondern überließ den beiden die Entscheidung.

Endlich faßte sich Paul de Vaux. Die Falten, die sich in sein Gesicht eingegraben hatten, zeigten, daß er schon manchen Kampf durchlebt und das Leben von vielen Seiten kennengelernt hatte. Im Dschungel Indiens hatte er einst einen Tiger erlegt, und die Eingeborenen eines entlegenen Walddorfes sprachen noch jetzt achtungsvoll von dem englischen Sahib, der ihren furchtbaren Feind so mutig zur Strecke gebracht hatte. Aber im Augenblick schien alle Kühnheit von ihm gewichen zu sein, und es war ihm, als ob er sein Herz schlagen hörte, als er einen Schritt vorwärts trat. Er wollte sich bei ihr entschuldigen und ihr beim Einsteigen helfen. Aber die Worte kamen nicht über seine Lippen. Er reichte ihr nur die Hand, um ihr behilflich zu sein, und schwieg.

Sie reichte ihm die ihre, stieg aber nicht gleich in den Wagen. Sie sah seine Verlegenheit, und um der merkwürdigen Situation ein Ende zu machen, sprach sie zuerst.

»Es ist eigentlich nicht recht von mir, daß ich Ihnen den Wagen nehme und Sie im Regen stehen lasse.«

Ihre Stimme klang ihm wie zauberhafte Musik, wie Töne aus einer fernen Welt. Und doch wurde dadurch der Bann gebrochen, der ihn gefangen hielt. Er sah sie an. Ein reicher Pelzmantel schmiegte sich um ihre herrliche Gestalt. Einige vorwitzige braune Locken hatten sich unter dem kleinen Hut hervorgeschoben. Als sie den Fuß auf das Trittbrett stellte, öffnete sich ihr Mantel ein wenig, und Paul sah, daß sie ihr Tanzkostüm noch trug.

»Das macht nichts, ich kann gehen.«

»Aber Sie werden ganz naß. Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen? In diesem Wagen ist Platz für uns beide. Steigen Sie auch ein. Meine Wohnung ist nicht weit entfernt, und Sie können dann weiterfahren.«

Sie stieg ein und setzte sich, denn sie hielt es für selbstverständlich, daß er ihr Anerbieten annahm. Er folgte ihr auch, ohne im geringsten erstaunt zu sein. Es war ihm plötzlich, als ob er von jeher zu ihr gehört hätte und sie nicht verlassen dürfte. Sie gab dem Chauffeur ihre Adresse, und der Wagen fuhr an.

An der Ecke des großen Platzes standen zwei Herren, die sich miteinander unterhielten. Als das Auto langsam an ihnen vorüberfuhr, sahen beide ins Innere, und einer von ihnen schrak zusammen. Paul, der bis dahin geradeaus gesehen hatte, bemerkte die beiden und war etwas beunruhigt, als er seinen Bruder Arthur erkannte.

»Wer war dieser elegant gekleidete Herr?« fragte sie.

»Mein Bruder.«

»Ach so.«

Er wandte sich ab und fühlte sich etwas unangenehm berührt.

Sie schwiegen, bis der Wagen vor einem schönen, aber etwas düsteren Haus in einer Nebenstraße hielt.

»Ich wohne hier«, erklärte sie dann ruhig.

Er half ihr beim Aussteigen. Der Gedanke, daß er sie nun verlassen sollte, war ihm schmerzlich, und doch fürchtete er, daß sie ihn einladen könnte.

»Wenn Sie es nicht sehr eilig haben, kommen Sie vielleicht noch zu einer Tasse Tee herauf?« fragte sie und sah ihm voll ins Gesicht.

»Darf ich Sie wirklich begleiten?« erwiderte er leise.

»Aber natürlich, sonst hätte ich Sie doch nicht eingeladen. Paßt es Ihnen nicht?« fügte sie mit einem spöttischen, aber bezaubernden Blick hinzu.

»Es wird mir eine große Freude sein«, entgegnete er ernst. Nachdem er den Chauffeur bezahlt hatte, folgte er ihr ins Haus.

Auf dem ersten Treppenpodest hielt sie an, schloß auf und forderte ihn durch eine Handbewegung auf, näherzutreten. Er war erstaunt und befangen, als er die reich und prachtvoll ausgestatteten Zimmer sah. Die Tür zum Speisezimmer stand auf, wo der Tisch zum Abendessen gedeckt war. Sie zog ihre Handschuhe aus und bot ihm einen Sessel an.

Er verneigte sich, blieb aber stehen, während sie Hut und Mantel ablegte. Dann trat sie zu ihm.

Die Farbe ihres Kostüms paßte wundervoll zu ihrer bräunlichen Hautfarbe, ihren schwarzen Haaren und ihren dunklen Augen. Sie trat so nahe an ihn heran, daß er den Duft ihres Körpers atmen konnte. Er spielte halb unbewußt mit einem venezianischen Glase, das auf dem Kaminsims stand, aber plötzlich öffneten sich seine Augen weit, und er neigte sich vor. Das Glas zerbrach in seiner Hand, aber er achtete nicht darauf.

»Bist du deshalb aus dem Kloster St. Lucile weggelaufen, Adrea Kiros?!«


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