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25.
Die Bitte einer Sterbenden

Es schlug Mitternacht. Pater Adrian hielt in seiner Erzählung inne, und Paul sah auf die Uhr.

»Sie müssen die Nacht hierbleiben. Es ist zu spät. Sie können nicht mehr fortgehen.«

Er klingelte und gab dem Diener Auftrag, ein Gastzimmer fertigzumachen. Aber der Priester, der nachdenklich vor sich hingesehen hatte, schaute auf und schüttelte den Kopf.

»Nein, ich bleibe nicht hier«, erklärte er ruhig. »Das ist unmöglich.«

»Sie sind mit Ihrer Geschichte noch nicht fertig, und es ist bereits spät. Wenn Sie zu dem Kloster St. Bernhard zurückwollen, so müßten Sie noch drei Stunden gehen.«

»Ich bin daran gewöhnt, in der Nacht zu wandern. Wollen Sie jetzt noch den Rest der Erzählung hören?«

»Nun gut, ich bin bereit. Fahren Sie fort!«

»Von dem Besuch des alten Grafen ab«, erzählte ihr Vater weiter, »ging eine Änderung im Wesen Irenes vor sich. Sie wurde nervös und bleich, nahm ab und wandte sich von allen Vergnügungen ab. Wir verkehrten damals in den Künstlerkreisen von Paris, und unter unseren Bekannten befand sich auch ein Mann, der mir stets unsympathisch gewesen war. Es war ein Graf Victor Hirsfeld. Mit Irene stand er besser als mit mir, und aus ihrer Unterhaltung ging hervor, daß sie sich schon früher gekannt haben mußten. Ich fragte Irene nicht, denn ich traute ihr. Aber ich beobachtete den Grafen genau. Ich war überzeugt, daß er unter der Maske der Freundschaft versuchte, mir Irene zu entfremden. Und obgleich ich keinen Augenblick glaubte, daß er mit seinen Bemühungen Erfolg haben würde, war ich doch begierig, Beweise in die Hand zu bekommen, um ihn zu fordern. Er besuchte Irene immer, wenn ich nicht zu Hause war. Und wenn ich manchmal später zurückkam, fand ich sie in Tränen. Aber auf meine Bitte, mir alles zu erklären, machte sie nur Ausflüchte.

Wir hatten drei Jahre glücklich zusammen gelebt, als mich Irene plötzlich ohne Warnung verließ. Als ich eines Abends von einem Essen auf der englischen Gesandtschaft zurückkehrte, war sie nicht mehr da. Sie hatte keine Nachricht, keine einzige Abschiedszeile für mich hinterlassen, und ich hatte keinen Anhaltspunkt, wie ich ihre Spur auffinden konnte. Es war ein furchtbarer Schlag für mich, aber als der erste Schmerz vorüber war, fühlte ich doch eine gewisse Erleichterung. Ich war dieses unregelmäßige Leben, das wir geführt hatten, müde, und sehnte mich, nach England zurückzukehren. Um Irene kümmerte ich mich nicht länger. Solange sie mir treu geblieben war, hatte ich mich ihr gegenüber verpflichtet gefühlt. Aber mein Verhältnis zu ihr hatte sich im Lauf der Zeit verändert und war nicht mehr so glücklich wie zu Anfang. Da sie mich nun aus freien Stücken verlassen hatte, fühlte ich mich frei. Ich war davon überzeugt, daß sie entweder zu ihrem Vater zurückgekehrt oder mit dem Grafen Hirsfeld durchgegangen war. Die zweite Theorie erschien mir glaubwürdiger, da sie keinen Abschiedsgruß zurückgelassen hatte. Ich verkaufte meine Villa, um alles, was mich an diese Zeit meines Lebens erinnerte, zu vergessen. Als ich nach England zurückkehrte, ließ ich mich auf meinem Schloß Vaux Abbey nieder, und einige Monate später lag mein Leben mit Irene für mich weit zurück. Es erschien mir nur noch wie ein böser Traum, und selbst mein Gewissen quälte mich nicht mehr. Sechs Monate nach meiner Rückkehr hatte ich eines Abends viele Gäste. Während des Essens kam ein Diener und sagte mir leise, daß ein fremder Herr mich zu sprechen wünschte, der in der Bibliothek wartete. Eine dunkle Vorahnung stieg in mir auf. Ich hatte erwartet, Irenes Vater dort zu treffen, aber ich stand dem Grafen Hirsfeld gegenüber, der müde und abgespannt aussah. Ich blieb wie angewurzelt stehen und reichte ihm nicht die Hand.

»Mr. de Vaux, ich bringe Ihnen einen Brief«, sagte er einfach. »Ich bin als Bote hier, und nur die Bitte einer Sterbenden hat mich dazu gebracht, in Ihr Haus zu kommen!«

»Ihre Anwesenheit hier erfordert allerdings eine Klärung. Geben Sie mir den Brief«, erwiderte ich kühl.

Er überreichte mir das Schreiben, und ich trat an die Tischlampe heran. In größter Eile überflog ich Irenes Zeilen.

 

»Cruta.

Martin,

als ich Dich verließ, wollte ich nie wieder mit Dir sprechen oder Dir schreiben. Aber das Schicksal war stärker als ich. Wenn Du dieses Schreiben erhältst, denkst Du vielleicht, daß ich Dich wieder mit meiner Gegenwart beschweren will. Aber ich weiß, daß ich Dir zu lästig bin, und Du brauchst Dich nicht zu fürchten. Bald wird nichts mehr von mir übrig sein, denn ich liege im Sterben. Mein Leben kann nur noch Tage und Stunden dauern, und wenn mir der Tod nicht so nahe wäre, hätte ich Dir nicht geschrieben.

Wenn man der Ewigkeit gegenübersteht, spricht man auch seine letzten Wünsche und Gedanken aus. Ich habe Dir niemals einen Vorwurf gemacht, aber Du hast mir großes Unrecht getan. Durch Dich ist unser Zusammenleben, das für uns beide das höchste Glück hätte bedeuten können, bitter und schal geworden. Ich erwähne dies nicht, um Dir Vorwürfe zu machen, sondern weil ich Dich auf dem Totenbett bitten möchte, mich zu heiraten.

Ich kann Dir nicht schildern, was ich während dieser letzten Monate gelitten habe. Obwohl mein Vater weiß, daß ich im Sterben liege, spricht er kaum mit mir. Er hat ganz vergessen, daß ich seine Tochter bin. Er beklagt sich höchstens. Tag für Tag sitzt er allein und grübelt über die Schande, die ich über ihn gebracht habe. Der Priester an meiner Seite sucht mich zu trösten, aber seine Worte klingen so zweifelhaft, als ob kaum noch Rettung für mich möglich ist. Meine Sünde und meine Vergehen stehen immer vor meiner Seele, und mein Herz ist verzweifelt.

Ich wende mich deshalb an Dich, Martin. Rette mich, Du allein kannst es. Du verlierst nichts, und Du setzt nichts aufs Spiel, wenn Du mich in den letzten Tagen meines Lebens tröstest, so daß ich den letzten Weg hoffnungsvoller antreten kann, von dem es keine Wiederkehr gibt.

Du hast mir geschworen, mir immer treu zu bleiben, als wir damals in der Nacht von Cruta flohen und die Küste meines Heimatlandes immer mehr in der Ferne verschwand. Diese Worte kommen mir jetzt wieder in Erinnerung, während ich in diesem großen, öden Zimmer liege und der Priester mit den strengen, kalten Zügen an meiner Seite betet. Ich muß hier allein sterben. Kein freundliches Gesicht zeigt sich mir. Aber ich will Dir keine Vorwürfe machen, ich bitte Dich nur darum, mich zu heiraten. Es kostet Dich so wenig. Es bedarf nur einer schnellen Reise hierher und einiger Antworten auf die Fragen des Priesters. Wenn Du dann noch eine Woche hier wartest, kannst Du mich zu Grabe geleiten und bist wieder frei. Ist Dir das zu viel? Du kannst dadurch das Herz einer Sterbenden erlösen. Ich bete zu Gott, daß Du meine Bitte erfüllst. Du warst immer großzügig und deshalb komme ich auch zu Dir.«

 ,

Der Brief entglitt meinen zuckenden Fingern und fiel zu Boden. Nun machte ich mir die schwersten Vorwürfe. Ich hatte das Leben dieser jungen Frau vernichtet. Die Erinnerung an die Tage, da ich sie gebeten und leidenschaftlich bestürmt hatte, mir zu folgen, brannte jetzt wie Feuer. Sie hatte mir vertraut und ich hatte ihr Vertrauen elend getäuscht!

»Verzeihen Sie, daß ich Sie in Ihren Gedanken störe«, sagte Graf Hirsfeld plötzlich, »aber die kostbare Zeit entflieht und ich warte auf Ihre Antwort.«

»Das ist nicht notwendig – ich werde vor Ihnen in Cruta sein!«


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