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10.
Eine Bitte

»Waren heute keine Briefe für mich bei der Post?« fragte Paul, als er seiner Mutter am Teetisch gegenübersaß.

»Nur einer«, entgegnete sie. »Er liegt in der Bibliothek. Soll ich ihn holen lassen?«

Paul schüttelte den Kopf. »Nein, es hat Zeit«, entgegnete er leichthin. »Ich kann ihn ja auf meinem Weg nach oben mitnehmen. Der Ritt war doch herrlich, Lady May. Wir haben eine unglaublich weite Strecke zurückgelegt. – Darf ich noch um etwas Tee bitten?«

Mrs. de Vaux nahm die Tasse und lächelte glücklich über die Begeisterung ihres Sohnes. Er hatte in der letzten Zeit so blaß und verstört ausgesehen, daß sie sich Sorgen gemacht hatte. Aber nun schien eine Veränderung mit ihm vorgegangen zu sein. Seine Augen glänzten, seine Wangen hatten sich gerötet. Die Art, wie er mit Lady May umging und für sie sorgte, gefiel ihr und machte sie glücklich. Das Verhältnis der beiden schien wieder recht herzlich geworden zu sein, und sie schienen sich so gut zu verstehen wie in früheren Tagen.

Paul fühlte sich zum erstenmal seit seiner Rückkehr nach Schloß Vaux wieder stark und sicher. Er war jetzt fest davon überzeugt, daß er all diesen Erinnerungen entkommen könnte. Er wollte Adrea vergessen. Der Ritt durch die frische Herbstluft und die weite Heide hatte ihm unendlich wohl getan. Lady May war stets bei ihm geblieben. Sie hatte ihn durch ihr fröhliches Geplauder erheitert und jeden Gedanken an Adrea verscheucht. Er hatte sich von ihr losgerissen und war nun hier wieder zur Ruhe gekommen. Wie froh war er, daß er Lady May noch offen in die Augen sehen konnte, und daß er noch unbefangen ihrer lieben Stimme lauschen durfte! Als Lady May seinen Blick auf sich ruhen fühlte, wurde sie verwirrt, erhob sich plötzlich und nahm ihren Hut.

»Ja, es war ein schöner Tag, und die Rast hier hat mir sehr gut getan. Auch der Tee war wundervoll«, wandte sie sich an Mrs. de Vaux. »Aber jetzt muß ich aufbrechen. Mein Pferd ist vollständig erschöpft, ich werde zu Fuß gehen.«

»Das sah ich voraus. Ich weiß nicht, ob ich recht getan habe«, erwiderte Paul und erhob sich auch, »aber ich habe Ihren Reitknecht mit dem Pferd sofort nach Hause geschickt und den Wagen für Sie bestellt.«

Sie sah ihn dankbar an.

»Das war sehr lieb von Ihnen.«

»Sie können also noch etwas länger bleiben. Das ist meine Belohnung. Es ist erst sechs Uhr.«

»Nein. Heute abends haben wir wieder Gäste. Auf Wiedersehen, Lady de Vaux.«

Paul begleitete sie und half ihr beim Einsteigen. Zum erstenmal in seinem Leben hielt er ihre Hand etwas länger, als es nötig war, und sie erwiderte seinen sanften Druck.

»Sind Sie morgen zu Hause, Lady May?«

Sie sah ihn einen Augenblick an, dann senkte sie den Blick. Ihr Herz schlug schneller, denn sie verstand, was er damit sagen wollte.

»Ja«, entgegnete sie leise.

Dann will ich zu Ihnen hinüberreiten. Auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen!«

Er blieb noch eine Zeitlang in der Türe stehen und sah ihrem Wagen nach, der die lange Allee entlangfuhr. Dann kehrte er in die Halle zurück und trat nach einem kurzen Zögern in die Bibliothek.

Es war ein großer, dunkler Raum. Die Bücherschränke reichten bis zur halben Höhe der Wände, darüber hingen Ölgemälde, die Bilder seiner Vorfahren. Am anderen Ende des Saales waren die Bücherschränke so angeordnet, daß sie rechte Winkel mit den Wänden bildeten. Dadurch entstanden Nischen. Und in einer dieser Vertiefungen, die so groß wie ein kleines Zimmer war, stand Pauls Schreibtisch. Auf Regalen in der Nähe standen seine Lieblingsbücher. Er war häufig hier und las, in dem großen, bequemen Lehnsessel sitzend.

Da die Jagd schon sehr früh am Morgen begonnen hatte, war es ihm nicht möglich gewesen, die Ankunft der Post von der nahen Stadt zu erwarten. Mrs. de Vaux hatte die Briefe verteilt und das Schreiben, von dem sie vorher gesprochen hatte, lag auf der Tischkante. Er hatte keine Ahnung, von wem es sein mochte. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Einladung oder einen Bettelbrief. Aber plötzlich fuhr er zusammen, als er das große, viereckige Kuvert aufnahm und die Schriftzüge erkannte. Eine plötzliche Erregung bemächtigte sich seiner, und es war ihm, als ob er einen Schleier vor den Augen sähe. Dann öffneten sich die Wände der Bibliothek, und er sah das Zimmer Adreas mit den prachtvollen Farbstimmungen wieder vor sich. Er fühlte ihren heißen, verlangenden Blick auf sich ruhen. Ach, es war eine Torheit, aber sie war so süß und bezaubernd!

Der seltsam berauschende Duft, der auch diesem Brief entströmte, als Paul ihn öffnete, schien diese Erinnerung noch zu verstärken. Als er sich jetzt niederließ, war er ganz Adreas Zauber verfallen. Das Kaminfeuer war abgebrannt, und der Mond schien fahl durch die Fenster.

Von draußen in der Halle tönte plötzlich der Gong. Paul fuhr aus seinen Träumereien auf und schämte sich über sich selbst, daß er sich von einfachen Erinnerungen so hatte hinreißen lassen. Rasch zog er den Brief aus dem Umschlag und las schnell.

 ,

»18, Grey Street, London W.
Donnerstag.

Monsieur Paul,

meine Hand zittert ein wenig, wenn ich an Sie schreibe und dabei daran denke, wie wir uns trennten. Aber ich muß Ihnen schreiben. Ich bin jetzt sehr klein und schäme mich vor mir selbst und vor Ihnen. Ich bin traurig und fühle mich verlassen und elend. Seitdem Sie fortgegangen sind, bin ich unglücklich. Verzeihen Sie mir. Sie haben es gut gemeint als mein Vormund und ich habe mich häßlich benommen. Ich verdiene meine Strafe, und glauben Sie mir, ich bin schwer gestraft. Ich habe seit der Zeit kaum geschlafen, und meine Augen schmerzen vom Weinen. Alle Verabredungen und Einladungen für diese Woche habe ich abgesagt, ich bin nicht aufgetreten und habe nicht getanzt. Meine Türen sind für jedermann geschlossen. Monsieur Paul, seien Sie großmütig und vergeben Sie mir. Ich habe viel gelitten, aber es war alles meine Schuld. Bitte vergessen Sie, was an dem Nachmittag geschah. Ich war von Sinnen. Vergessen Sie, was ich gesagt habe. Ich will nur das sein, was ich früher war – Ihr Mündel. Mehr will ich nicht! Seien Sie kalt und hart zu mir, wenn Sie wollen. Schelten Sie. Ich werde nur sagen, daß ich das verdient habe. Aber kommen Sie wieder zu mir und sagen Sie mir, daß Sie mir verziehen haben. Ich will alles tun, was Sie wollen. Ich will Artur nicht sehen, wenn er mich besuchen will. Sie selbst sollen mir sagen, wie ich seine leidenschaftlichen Briefe beantworten soll. Ich habe ihm nichts erwidert. Sie liegen noch alle unbeantwortet auf meinem Schreibtisch, ein ganzer Stoß. Monsieur Paul, Sie müssen kommen, oder Sie treiben mich dazu, daß – aber ich will nicht drohen. Ihnen ist es ja gleichgültig, was mit mir geschieht.

Monsieur Paul, Sie waren so gut zu dem »kleinen braunen Mädchen«, wie Sie mich früher immer genannt haben. Verlassen Sie mich nicht ganz. Ich bereue mein Verhalten jetzt aufs tiefste. Celeste sagt mir jeden Tag, daß ich schmal und krank aussehe, und mein Spiegel sagt mir dasselbe. Ach, ich bin so unglücklich, weil Sie mir zürnen, und weil Sie soweit von mir entfernt sind. Kommen Sie doch wieder zu mir. Ich werde gehorchen und alles tun, was Sie haben wollen. Nur verzeihen Sie mir!

Ihre Adrea.«


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