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29.
Adreas Tagebuch

Paul und ich standen allein in dem großen, feierlichen Raum, der sonderbare Lichter und Schatten aufwies. Er stand einige Schritte von mir entfernt und hatte das Gesicht abgewandt. Leise trat ich zu ihm und nahm seine eiskalte Hand in die meine.

»Es macht mir nichts aus«, flüsterte ich ihm zu. »Ich kümmere mich nicht um deine Mutter. Ihre Worte bedeuten mir nichts. Ich gehe nicht von dir fort, du mußt mir alles sagen.«

»Alles!« Er wiederholte das Wort und sah mich hilflos an. »Ich soll dir alles sagen?«

Aber allmählich faßte er sich wieder.

»Adrea, verzeihe mir, aber ich habe etwas Schreckliches erlebt. Ich habe die ganze Nacht einer Erzählung gelauscht, die großes Leid und Elend über mich gebracht hat.«

In seinen Augen lag ein weltferner Blick. Ich drückte seine Hand und wollte ihm dadurch zu erkennen geben, daß ich ihn verstand.

»Wir wollen hinausgehen auf die Heide«, sagte er plötzlich. »Dieses Zimmer bedrückt mich so sehr.«

»Wolltest du dich nicht erst umziehen?«

Er sah auf seinen zerknitterten Abendanzug.

»Warte, bitte, hier auf mich«, bat er; »und versprich, daß du nicht fortgehen wirst, was sich auch ereignen mag.«

Ich versprach es,

»Ich werde die Türe abschließen«, sagte er, als er auf der Schwelle stand, »damit dich niemand stören kann!«

»Aber laß dir Zeit. Nimm ein Bad und iß etwas. Ich warte gerne auf dich. Du wirst noch krank, wenn du so wenig auf deine Gesundheit achtest.«

Er blieb eine halbe Stunde fort. Einmal kam jemand und versuchte die Türe zu öffnen, aber ich kümmerte mich nicht darum. Schließlich drehte sich der Schlüssel im Schloß, und Paul trat ein. Er hatte sich umgezogen und trug nun einen braunen Jagdanzug und Gamaschen. Aber seine elegante Kleidung und seine korrekte Erscheinung standen in scharfem Gegensatz zu seinem verstörten Gesicht. Harte Linien hatte sich in seine Stirne gegraben, und seine Wangen waren bleich und eingesunken. Scharf abgegrenzte rote Flecken brannten darauf. Auf seinen Zügen spiegelte sich seine innere Trostlosigkeit wider.

Er nahm meinen Arm, und wir verließen zusammen das Zimmer. Durch eine Glastüre traten wir hinaus ins Freie und gingen die Terrasse entlang, bis wir in den Park kamen. Dann schlugen wir einen breiten, gepflegten Weg ein, der von hohen Jasminhecken umsäumt war. Am Ende befand sich ein kleines Tor, das in den äußeren Park führte. Die Luft war süß und erfüllt von Blumenduft, und ich konnte einen Ausruf der Freude nicht unterdrücken. Paul öffnete die kleine Türe für mich.

»Wie schön ist doch dein Heim«, rief ich. »Wie sehr mußt du es lieben!«

»Ja, ich liebe es sehr«, entgegnete er. »Aber es ist nicht mehr mein Heim. In Zukunft besitze ich es nicht mehr.«

Ich sah ihn bestürzt an und wartete auf eine Erklärung, aber er ging schweigend neben mir her.

»Ich verstehe dich nicht«, sagte ich nach einer Weile. »Willst du mir nicht etwas von deinen Sorgen und deinem Kummer sagen?«

»Ich wollte, ich könnte es, Adrea.« Seine Stimme klang weich und zart, aber seine Gesichtszüge waren hart. »Aber es ist ein Geheimnis. Gestern habe ich ein trauriges Kapitel unserer Familiengeschichte erfahren und dadurch ändert sich alles!«

»Bist du arm geworden?« fragte ich mit stockender Stimme.

»Wenn es wahr ist, woran ich kaum zweifeln kann, dann verliere ich alles, Geld, Heim und Zukunft. Es bringt mir Schande, Adrea, und nicht nur mir, sondern meiner ganzen Familie. Selbst wenn die Lebenden verschont werden, wird doch das Gedächtnis des Toten dadurch entstellt und entehrt! Ich habe einen älteren Bruder, von dem ich früher niemals etwas wußte. Ihm gehört natürlich alles. Ich muß ihn finden!«

»Wo ist er denn?«

»Das kann ich dir nicht sagen. Pater Adrian weiß es. Aber er will nicht sprechen. Ich werde ihn selbst suchen – ich gehe nach Cruta!«

»Nach Cruta!« Der Name klang schrecklich in meinen Ohren.

»Dorthin darfst du nicht gehen«, rief ich entsetzt. »Das ist ein schrecklicher Ort!«

Er stand still und sah mich verwundert an. Wir hatten jetzt den ganzen Park durchquert und standen an der Grenze der Heide. Ich war halb von Sinnen vor Furcht und Verzweiflung. Er verstand nicht, was mich bewegte. Wie konnte er das auch?

»In Cruta kann ich alles erfahren, was ich wissen muß«, sagte er. »Ich werde noch heute abend dorthin aufbrechen.«

Ich ergriff seine Hände.

»Paul, ich möchte dich etwas fragen. Als du damals hörtest, daß Verwandte mich von dem Kloster fortgenommen hätten und du mich später in London als Tänzerin fandest, was dachtest du dir da?«

»Ich dachte, daß du die Oberin hintergangen hättest und davongelaufen wärest.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Ich wußte, daß du so dachtest, und habe dem niemals widersprochen. Aber es war nicht so. Im Kloster ging es mir ja nicht schlecht, aber eines Tages schickte man nach mir und sagte, daß ich eine Reise machen sollte. Verwandte von mir hätten Nachricht geschickt, und ich müßte fortgehen. Und was war das Ziel meiner Reise? Es war Cruta. Paul, es war der alte Graf von Cruta, der mich vom Kloster zurückforderte. Ich kann dir nichts sagen von der schrecklichen Zeit, die ich dort zubrachte, als ich in dem alten, düsteren Schloß eingesperrt war. Selbst die bloße Erinnerung daran macht mich schaudern. Als ich kaum sechs Monate dort zugebracht hatte, fühlte ich, daß ich langsam dem Wahnsinn verfiel, und eines Nachts stahl ich mich zur Küste hinunter, machte ein kleines Boot los und ruderte fort. Ich kümmerte mich nicht darum, was aus mir werden würde. Es war eine Tat der Verzweiflung. Einen ganzen Tag brachte ich auf der weiten Wasserfläche zu, ohne zu essen und zu trinken. Dann fischte mich eine englische Yacht auf und brachte mich nach London. Hilflos und elend kam ich dort an. Zum Klosterpensionat durfte ich nicht zurückgehen, sonst wäre ich sofort wieder nach Cruta geschickt worden. Du warst der einzige, an den ich mich hätte wenden können. Ich ging zu deiner Bank, und sie sagten mir dort, daß du außer Landes wärest. Zufällig fragten sie nach meinem Namen, und dadurch erfuhr ich, daß Geld für mich dort lag. Ich brauchte nur eine Quittung zu unterzeichnen, und sie gaben mir viel mehr, als ich haben wollte. Dann erinnerte ich mich an die Adresse eines englischen Mädchens, die mit mir zusammen im Konvent war. Sie nahm mich einige Zeit bei sich auf, und durch ihre Tanzlehrerin wurde ich ausgebildet. Ich habe dir dies alles erzählt, weil du mir versprechen sollst, nicht nach Cruta zu gehen. Die Leute dort sind entsetzlich!«

Er sah mich zärtlich und doch ernst an, und seine Stimme klang fest,

»Adrea, es ist notwendig, daß ich hingehe. Ich habe keinen Augenblick Ruhe, bis ich sicher weiß, ob die Geschichte wahr ist, die mir Pater Adrian erzählt hat. Den Beweis dafür kann ich nur in Cruta finden. Es ist keine Laune, die mich dorthin treibt. Was hätte ich auch in Cruta zu fürchten?«

»Du willst nicht auf mich hören«, antwortete ich traurig. »Ich darf es dir nicht sagen, aber willst du mir eine Bitte erfüllen?«

»Wenn es möglich ist, ja.«

»Reise erst morgen früh. Es kann dir doch ganz gleich sein.«

»Welchen Unterschied macht das denn für dich aus?« fragte er betroffen.

»Darauf kommt es nicht an. Versprich es mir nur!«

Er zögerte einen Augenblick und legte die Stirne in Falten,

Nun gut, ich will es dir versprechen.«

Ich faßte seine Hand und hielt sie fest.

»Das ist sehr lieb von dir. Nun wollen wir aber weitergehen!«

Wir hatten das Haus erreicht, in dem ich wohnte, und ich hatte kaum ein tröstendes Wort zu ihm gesprochen. Eisige Kälte schien sich in mein Herz geschlichen zu haben. Ich dachte nicht mehr an Paul und an meine Liebe. Erst als er mit mir ins Haus trat, fühlte ich wieder, daß ich ganz sein war. Er hielt mich in seinen Armen, und mein Kopf ruhte an seiner Schulter. Alles um uns her versank, nur wir beide waren noch auf der Welt. Aber das Glücksgefühl dauerte nur solange, als er bei mir war. Als er aufstand und sagte, daß er gehen müsse, suchte ich ihn nicht zu halten.

»Soll ich wiederkommen?« fragte er, als wir Hand in Hand vor der Türe standen.

Ich schüttelte den Kopf.

»Nein, nicht heute abend, Liebster. Es ist besser, wenn ich allein bleibe. Ich bin so verwirrt, und ich muß auch packen.«

»Du willst wieder von hier fort?«

»Was sollte mich hier noch halten, wenn du auch gehst? Ich könnte hier nicht allein leben. Jeder Stein und jeder Baum würde mich immer nur an dich und mein Glück erinnern. Morgen gehe ich nach London. Ich habe das Personal mit Ausnahme von Gomez heute schon entlassen. Wirst du morgen in aller Frühe hierherkommen?«

»Schon bevor du aufgestanden bist, werde ich vor deinem Fenster stehen«, versprach er, und sein Ton klang beinahe fröhlich und schalkhaft. »Sage Gomez, daß er das Frühstück für zwei servieren soll.«

Er ging, und ich schloß die Haustüre. Ein leichter Schauder überlief mich, und ich wandte mich um. Gomez stand an meiner Seite. Trotz der Dunkelheit konnte ich sehen, daß seine Augen blitzten. Sein Gesicht sah entschlossen und grimmig aus.

»Was haben Sie, Gomez?« fragte ich schnell.

Er trat dicht an mich heran.

»Der Priester ist wieder da«, flüsterte er leise. »Hat er – es gewagt?«

Er atmete schnell und erregt.

»Ja, er hat Mr. de Vaux eine schreckliche Geschichte erzählt! Was wissen Sie davon?«

»Alles! Alles! Ich war auch in der Klosterzelle und hörte, was Martin de Vaux dem Priester sagte. Also, ist er hierhergekommen und hat Mr. Paul bedroht, O, wenn ich es nur gewußt hätte!«

Die erregten Züge des Mannes sagten mir alles. Ich gab ihm einen Wink, mir ins Zimmer zu folgen.

»Sie waren der treue Diener von Martin de Vaux. Wollen Sie, daß sein Sohn aus Erbe und Haus vertrieben wird?« fragte ich ihn.

Der Mann zitterte vor Erregung.

»Wer würde das wagen?«

»Der Priester«, antwortete ich leise.

»Nur wegen der Geschichte, die mein Herr damals auf dem Totenbett erzählte?«

»Ja!«

Er stöhnte, dann richtete er sich geräuschlos an meiner Seite auf. Seine Bewegungen erinnerten mich an einen Panther. Er flüsterte mir etwas ins Ohr. Seine Augen brannten und sein Blick glühte unheimlich. Ich schrak nicht vor ihm zurück, im Gegenteil, ich ermutigte ihn durch ein Lächeln. Und als er mir etwas zuraunte, war es wie das Zischen einer Schlange. Ich antwortete ihm ebenso leise und er nickte. Also endlich sollte sich mein Lebensweg klären! War es nicht Schicksal, daß ich mit Gomez in diesem fremden Lande zusammentreffen mußte? Ja, es war ein gutes, gnädiges Geschick. Wir standen dicht nebeneinander in dem schwach erleuchteten Zimmer und obwohl wir allein im Hause waren, sprachen wir doch ganz leise. Als ich zur Tür ging, folgte mir Gomez.

Ich kam zehn Minuten später wieder herunter, in einen langen, dunklen Mantel gehüllt. Außerdem trug ich einen kleinen Hut mit Schleier, nahm einen schweren Stock in die Hand und barg noch einen Gegenstand in meiner tiefen Manteltasche.

»Allein?« fragte er mich leise, als ich zu der Haustür ging.

»Allein!« erwiderte ich. »Machen Sie Feuer im Zimmer, und stellen Sie Essen und Wein auf den Tisch.«

»Für zwei?« fragte er mit einem unheimlichen Lächeln.

»Für zwei!«


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