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9.
Wiedersehen

Als Paul bei der Wohnung ankam, fand er niemand, der ihn anmelden konnte, und nachdem er einen Augenblick gewartet hatte, stieg er die Treppe hinauf und klopfte an die Tür der Wohnung. Auch hier erschien das Mädchen nicht, und Paul betrat den Vorraum. Dann klopfte er an die Türe des Zimmers, in das ihn Adrea damals geführt hatte.

Zuerst erhielt er keine Antwort, und erst nach einem etwas lauteren Versuch hörte er, daß sich jemand im Zimmer befand.

»Kommen Sie nur herein«, sagte eine müde Stimme.

Paul öffnete, ging hinein und schloß die Türe wieder vorsichtig hinter sich.

Der Raum schien in einem Halbdunkel zu liegen, obwohl die Sonne hell schien. Die Vorhänge waren dicht zugezogen, so daß kein Lichtstrahl hereindrang. Aber allmählich gewöhnte sich Paul an das Zwielicht und konnte verschiedene Gegenstände in dem Raum erkennen. Er kam erst zum zweitenmal hierher, aber trotzdem kannte er diesen Raum und seine Einrichtung. Wie oft hatte er an ihr erstes Zusammensein hier zurückdenken müssen!

Es kam ihm sonderbar vor, daß niemand anwesend war. Aber gleich darauf erkannte er beim Aufflackern des Kaminfeuers Adrea und blieb starr und regungslos stehen. Sie lag auf einem großen Diwan in der Nähe des Feuers und hatte die Arme hinter dem Kopf verschlungen. Die Ärmel ihres losen Gewandes waren zurückgefallen, und über ihrer ganzen Haltung lag jene besondere Grazie, die ihn damals bei ihrem Tanze so entzückt hatte. Einen Augenblick stieg das brennende Verlangen in ihm auf, vor ihr niederzuknieen und sie zu umarmen. Aber er bezwang sich. Es war eine fremde Schönheit, die er halb gegen seinen Willen an ihr bewunderte. Sie trug ein grünseidenes Teekleid, das vorzüglich zu ihrer braunen Hautfarbe stand. Ihre Augen waren geschlossen, aber sie bewegte sich leicht.

»Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie möchten mich nicht vor fünf Uhr stören«, sagte sie verschlafen.

Paul trat einen Schritt weiter ins Zimmer hinein.

»Es ist ein Viertel vor fünf. Entschuldigen Sie, daß ich zu früh gekommen bin.«

Sie öffnete die Augen, und als sie ihn sah, richtete sie sich jäh auf. Paul fühlte sich zugleich angezogen und abgestoßen von ihr, und die alte Furcht vor ihrem unheimlichen Einfluß stieg wieder in ihm auf. Sicher war sie sehr schön, aber wie verschieden war sie von Lady May!

Sie erhob sich, strich mit einer kurzen Handbewegung die Haare zurück und brachte ihr Kleid in Ordnung. Dann reichte sie Paul die Hand, der an ihre Seite getreten war, ohne daß er es wollte.

»Verzeihen Sie, daß ich verschlafen habe. Ich dachte, es sei mein Mädchen. Wie kommt es, daß Sie so hier eingedrungen sind?«

Er schwieg einen Augenblick, während sie ihn fragend betrachtete. Diese schöne, melodische Stimme mit dem leichten, aber fremden Akzent hatte er sich oft wieder vergegenwärtigt, seitdem er sie zum erstenmal gehört hatte.

»Es tut mir leid«, erwiderte er schließlich etwas kalt und abweisend. »Der Portier hat zweimal nach Ihrem Mädchen geklingelt, nachdem ich in der Halle war. Und da sie nicht kam, suchte ich selbst den Weg zu finden.«

»Nun, das macht nichts«, entgegnete sie leichthin, ging zu der Wand hinüber und drehte das Licht an. Pauls Blick hing an ihrer schlanken Gestalt, und als sie sich plötzlich umsah, trafen sich ihre Augen.

»Paul, wie gefalle ich Ihnen so?«

»Sehr gut.« Er schaute auf ihren goldenen Stirnreifen, der vorn in der Mitte mit einem großen Smaragd geschmückt war. »Ihr Kopfschmuck erinnert mich irgendwie an den Orient. Aber es kleidet Sie vorzüglich. Ich kann in solchen Dingen allerdings wenig urteilen, da ich keine Erfahrung habe«, fügte er schnell hinzu.

Sie lachte leise, klingelte und gab dem Mädchen, das gleich darauf erschien, einige Aufträge.

»Was Sie da eben vom Orient sagten, haben die Zeitungskritiker auch immer von mir behauptet. So kommt doch meine Abstammung immer wieder zum Durchbruch. Ich kann mich noch sehr gut an Konstantinopel erinnern«, fuhr sie träumerisch fort und sah nachdenklich zu ihm hinüber. »Ich war damals allerdings nur ein Kind. Aber diese Bilder kommen immer wieder, wenn ich allein bin.«

Plötzlich überkam Paul wieder das alte Gefühl, daß er für Adrea verantwortlich war. Sie stand allein in der Welt, sein Vater hatte sie einsam gemacht. Wie wenig hatte er sich bis jetzt um sie gekümmert. Er sah sein Verhältnis zu ihr in einem neuen Licht. Wenn sie Schiffbruch litt, dann war es seine Schuld, weil er sich nicht mehr um sie gekümmert hatte. Er hätte dafür sorgen sollen, daß sie unter der Obhut einer gütigen Frau herangewachsen wäre, eine Erziehung im Kloster konnte das nicht ersetzen. Er hätte sich dauernd persönlich davon überzeugen müssen, daß sie zufrieden und glücklich war. Er schämte sich jetzt, daß er sich ihr gegenüber so kalt und abweisend verhielt. Er vergaß, daß sie aus dem Kloster geflohen war, und er vergaß ihre jetzige Stellung. Als sie ihn mit ihren weichen dunklen Augen ansah, wußte er nur noch, daß sie eine einsame Waise war. Er hatte ihr gegenüber seine Pflicht nicht erfüllt, und er fühlte jetzt eine zarte Hinneigung zu diesem merkwürdigen, fremdartigen Mädchen, das vor ihm auf dem Diwan saß. Unbewußt legte er seine Hand wie liebkosend auf ihren Arm.

Sie fuhr zusammen, als ob sie einen elektrischen Schlag erhalten hätte, und als sie ihn ansah, entdeckte sie die Veränderung in seinem Gesicht. Es war das erstemal, daß er ihr einen freundlichen Blick schenkte, seitdem sie sich in London wiedergesehen hatten. Es war so unerwartet gekommen, und sie war so wenig darauf gefaßt gewesen, daß eine tiefe Röte ihre Wangen überzog. Ihre Augen glänzten, und sie atmete erregt. Paul lächelte bei dem Gedanken, daß er sich vor diesem Mädchen gefürchtet hatte. Er war jetzt nur noch der Mann, der für sie sorgen mußte.

»Fühlen Sie sich manchmal einsam und verlassen, Adrea, obwohl Sie so viele Bekanntschaften haben?«

Das Rot ihrer Wangen wurde noch tiefer, und sie sah ihn halb vorwurfsvoll an.

»Verstehen Sie unter Bekanntschaften etwa die Leute, die kommen, meinen Tanz bewundern und nachher mit mir sprechen? O, ich hasse sie alle. Manchmal erheitert mich ihre Gesellschaft, aber das ist alles. Sie bedeuten mir nichts.«

»Haben Sie denn keine Freundin?«

»Nein. Mit Frauen komme ich wenig zusammen, und die Engländerinnen liebe ich überhaupt nicht!«

»Aber diese Abgeschlossenheit und Vereinsamung ist nicht gut für Sie, Adrea.«

»Nicht gut für mich«, wiederholte sie leise. »Sind Sie so besorgt um mich, Paul?«

»Sie haben Ihr Leben jetzt selbst in die Hand genommen und sich meiner Aufsicht entzogen.«

»Ja. Ich mache Ihnen ja auch deshalb keinen Vorwurf.«

»Es wäre vorher leicht gewesen, ein Heim für Sie zu finden, aber jetzt haben Sie es sich so schwer gemacht.«

»Ich brauche kein Heim in dem Sinn, wie Sie es meinen«, unterbrach sie ihn stolz. »Ich kann mich selbst unterhalten. Ich brauche nichts von Ihnen, – nur etwas!«

Sie hob ihr Gesicht und sah ihn zärtlich an. Ihre Augen glänzten auf, und ihr Ausdruck war nicht mißzuverstehen. Leidenschaft zitterte in ihren Worten, und bevor er sich zurücklehnen konnte, hatte sie sich mit einem glücklichen Seufzer an ihn geschmiegt. Ihr Kopf ruhte an seiner Schulter, und ihre Arme schlangen sich um seinen Hals.

»Paul, ich bin so einsam und fühle mich so elend. Lieben Sie mich doch nur ein wenig, ein ganz klein wenig«, bat sie.

Sie hatte ihm nun endlich ihre Liebe gestanden, und er fühlte ihre Leidenschaft, während sie widerstandslos in seinen Armen lag. Er stieß sie nicht zurück, aber er zog sie auch nicht an sich. Bestürzt kämpfte er gegen die große Versuchung, denn er wollte frei bleiben mit Körper und Seele. Aber ihre Nähe betörte ihn. Ein süßer, zarter Duft strömt aus ihren Haaren und Kleidern. Paul fühlte sich schwach, und es war ihm, als ob ihn ein unsichtbarer Zauber gefangen hielt. Aber allmählich gewann die Vernunft doch wieder die Oberhand und er widerstand der Versuchung, sie in seine Arme zu schließen, sie zu trösten, zu streicheln und leidenschaftlich zu küssen.

Langsam und vorsichtig löste er ihre Arme von seinem Hals und hielt ihre Hände in den seinen. In ihrem Blick glühte brennende Sehnsucht.

»Adrea«, sagte er mit heiser und fremd klingender Stimme, »wissen Sie denn nicht –«

Sie unterbrach ihn, indem sie ihn aufs neue umarmte.

»O, ich weiß es, ich weiß es. Ich verstehe alles. Aber ich kann nicht ohne dich leben, Paul.«

Ihr Kopf sank auf seine Schulter. Er konnte sie nicht zurückstoßen. Zart legte er den Arm um sie und zog sie näher an sich. Der Kampf war jetzt für ihn vorüber, denn als sie sich wieder an ihn lehnte, stieg die Erinnerung an eine blonde Frau mit blauen Augen in ihm auf. Er dachte plötzlich an die grauen Felsen und Moore seiner Heimat, an die dunklen, schweigenden Tannen mit ihren weitausladenden Ästen, und es war ihm, als ob er das Rauschen des Meeres hörte. Wenn er jetzt der Versuchung nachgab, durfte er nie wieder diesem blonden Mädchen vor die Augen treten. Dieser Gedanke gab ihm neue Kraft.

»Aber meine liebe Adrea, fast könnte ich vergessen, daß ich Ihr Vormund bin«, sagte er liebevoll. »Setzen Sie sich hierher, ich möchte mit Ihnen sprechen.« Er führte sie zu einem Sessel und sie leistete nicht den geringsten Widerstand.

»Adrea –«

Plötzlich stieß sie seinen Arm von sich, den er auf ihre Schulter gelegt hatte, und sprang auf.

»Wie dürfen Sie mich anrühren? Wie dürfen Sie sich über mich lustig machen? Ach, ich hasse Sie – ich hasse Sie!«

Ihre Stimme klang leidenschaftlich erregt, und sie zitterte am ganzen Körper. Vor ihrem Zorn senkte er den Kopf und schwieg. Sie stand hochaufgerichtet da und war in ihrer Empörung schöner denn je.

»Sie haben mich beleidigt, Paul de Vaux. Ich schulde Ihnen viel, aber deshalb brauchten Sie mich nicht so demütigen. Glauben Sie wirklich, daß ich Sie liebe? Denken Sie noch an jene unheimliche Nacht, in der mein Vater ermordet wurde? Haben Sie damals etwas getan, um diese furchtbare Tat zu verhindern? Sie ließen es geschehen, damit Ihnen Schande und Schmach erspart blieben! Aber hören Sie mich jetzt an, bevor Sie gehen. Sie haben einen Bruder! Er liebt mich wahnsinnig und ich werde sein Herz brechen. Wenn er mich begehrt, werde ich ihn zurückstoßen und wegwerfen wie einen alten Handschuh. Artur ist nicht so kalt und gefühllos wie Sie. Doch das ist noch nicht alles! Ich werde das Geheimnis meines Vaters herausbringen und erfahren, warum man ihn ermordete. Eines Tages wird die Welt alles hören, und zwar durch mich. Aber nun gehen Sie!«

Paul verließ die Wohnung schweigend, aber der böse Klang ihrer Worte begleitete ihn auf seinem Weg.


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