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33.
Rettung

Irene de Vaux war in Frieden gestorben. Sie hörte nicht mehr, daß draußen im Gang Lärm erscholl, daß die Türe aufgerissen wurde, und daß wütende Stimmen durcheinander schrien. Paul kümmerte sich nicht um die Gefahr, in der er schwebte. Er hielt die Frau mit seinen Armen umschlungen, drückte noch einen letzten Kuß auf das bleiche Gesicht und legte sie dann sanft in die Kissen zurück.

Das Zimmer war jetzt von Lampen erleuchtet. Unheimliche Schatten fielen auf die Wände. Fast ein Dutzend Mönche standen Paul gegenüber, an ihrer Spitze Pater Andreas und ein großer, alter, aufrechter Mann mit schneeweißem Bart und Haaren und unheimlichen Zügen.

»Das ist der Sohn dieses verteufelten Engländers!« schrie er mit tiefer Stimme, die ein merkwürdiges Echo in dem gewölbten Raum hervorrief. »Nun, das ist ja schön, daß Sie gekommen sind!«

Paul richtete sich zu seiner vollen Größe auf und legte die weiße Hand, die er noch gehalten hatte, auf die Bettdecke.

»Sie ist tot«, sagte er ruhig und feierlich. »Ich habe erfahren, was ich wissen wollte. Sie hat mir alles gesagt. – Lassen Sie mich jetzt gehen!«

Er trat einen Schritt vor, aber der alte Mann blieb ruhig stehen. Die Mönche in den schwarzen Kutten hatten sich um ihn geschart und starrten zornig auf ihn. Paul konnte das unnatürliche Schweigen nicht länger ertragen.

»Bin ich hier ein Gefangener?« rief er. »Was wollen Sie von mir, Graf von Cruta?«

Ein hämisches Lachen durchbrach die Stille. Paul glaubte, in einem Irrenhaus zu sein, als er in diese verzerrten Gesichter blickte.

»Paul de Vaux, Sie haben das Geständnis der Sterbenden gehört und sind froh darüber geworden. Sie glauben, Sie können nun in Ihre Heimat reisen, mich um meine Rache bringen und die Rechte der Kirche verspotten? Sie wollen ein Leben in Reichtum und Ehre leben, Sie elender Sohn eines ehrlosen Vaters? Sehen Sie mich an! Wer hat mein Leben zerstört? Mein Glück, meine Ehre? Wer hat meinen Namen in den Staub getreten? Als Ihr Vater meine Tochter entführte, hat er damit seine Familie ausgelöscht. Ich spielte mit ihm wie der Tiger mit einem elenden Hindu spielt. Ich wartete, und als das Leben für ihn am glücklichsten war, führte ich den Schlag gegen ihn. Er kam hierher und flehte um Erbarmen, aber ich verlachte und verhöhnte ihn. Und dann war ich mitleidig und stieß ihm den Dolch ins Herz. Das Dolchmesser habe ich in der großen Waffenhalle aufbewahrt, es hängt neben den Waffen meiner Vorfahren, die als Kreuzfahrer das heilige Grab befreiten. Sie sind sein Sohn! – Und Sie sind der Nächste, der sterben wird! Lebendig verlassen Sie dieses Schloß nicht. Die Mönche kennen Sie. Sie sind der Eigentümer des Familienerbes der de Vaux, das von rechtswegen der heiligen Kirche zusteht, und wenn Sie in Ihr Land zurückkehren, werden Sie dort ihre Ansprüche bekämpfen. Das Interesse der Kirche verlangt es, daß Sie nicht zurückkehren, und ich als Graf von Cruta will Ihren Tod. Sie sollen auf der Stelle sterben, wo Ihr Vater den Todesstoß erhielt, aber es soll Ihnen nicht gelingen, aus dem Schlosse zu entkommen und außerhalb zu sterben. Ich will Ihre Knochen hier auf den Felsenklippen bleichen lassen! – Schlagt ihn!« rief er den Mönchen zu.

Die dunklen Gestalten stürzten sich auf ihn wie eine hungrige Meute. Lange, dürre Finger packten seine Kehle, und er sah ein Messer blitzen. Mit übermenschlicher Kraft riß er sich los, aber er mußte immer weiter vor ihnen zurückweichen, an dem Bett vorbei, wo die Tote noch lag, deren Augen niemand zugedrückt hatte. Er kämpfte mit seinen Fäusten, so gut er konnte, aber die Übermacht war zu groß. Allmählich wurde er schwach und schloß die Augen.

Aber plötzlich hörte er einen schrillen Schrei. Paul fühlte, daß man ihn losließ und sah auf. Die Mönche flohen in wildem Durcheinander, denn in dem Zimmer züngelten Flammen. Auf der Schwelle stand Guiseppe und winkte Paul.

»Fliehen Sie!« rief er. »Fliehen Sie, das Schloß brennt.«

Paul eilte mit den Mönchen zur Tür. Im letzten Augenblick trat ihnen der alte Graf in den Weg. Seine Stimme zitterte vor Wut.

»Ihr gemeinen Feiglinge«, schrie er. »Aber trotzdem sollen Sie mir nicht entkommen!«

Er packte Paul, aber dieser stieß ihn beiseite und eilte auf den Gang hinaus. Guiseppe stand neben ihm.

»Diesen Weg zur Rechten bleiben Sie immer dicht hinter mir!«

Der alte Graf hatte sich wieder aufgerichtet und wollte sich aufs neue auf ihn stürzen. Aber plötzlich schien er seine Absicht zu ändern, denn er lief mit einem heiseren Schrei den leeren Gang entlang. Guiseppe und Paul eilten in der entgegengesetzten Richtung davon.

»Wir müssen eilen«, rief Guiseppe. »Er geht zu den Kellern. Er ist ein fürchterlicher Teufel. Sicher will er das ganze Schloß in die Luft sprengen! Halten Sie Nase und Mund zu!«

Sie eilten durch lange, verlassene Gänge und viele Stufen hinunter. Schließlich kamen sie an eine breite Wendeltreppe, die in die Felsen gehauen war. Ohne anzuhalten, liefen sie hinunter. Pauls Sinne drehten sich, aber die Luft war hier kühler und er konnte wieder freier atmen. Noch eine Biegung, dann blieb Guiseppe stehen. Sie standen jetzt vor einer Öffnung, durch die sie die See sahen. Aber es waren noch zwanzig Meter bis zum Wasser. Ein kleines Boot mit einem einzelnen Mann lag unten und wartete auf sie.

»Springen Sie!« rief Guiseppe. »Wir können nicht auf die Strickleiter warten!«

Mit kurzem Entschluß befolgte Paul den Rat. Endlos schien er zu sinken und es dünkte ihm eine Ewigkeit, bis er wieder an die Oberfläche kam. Als er aufschaute, war er dicht neben dem Boot. Guiseppe kletterte gerade hinein und reichte ihm die Hand. Im Wasser unten spiegelte sich der Feuerschein des brennenden Schlosses wieder. Guiseppe griff nach einem Ruder.

»Rudern«, rief er dem Mann zu. »Es geht um Leben und Tod!«

»Aber warum denn?«

»Keine Fragen jetzt, das wirst du bald sehen!«

Mit aller Anstrengung ruderten sie auf die Jacht zu. Auf halbem Wege hörten sie ein dumpfes donnerähnliches Grollen. Hohe Feuergarben brachen nach allen Seiten aus dem Schloß, und dann stürzte das große Gebäude in sich zusammen.


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