Paul Neubauer
Maria
Paul Neubauer

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XVII.
Der steinerne Heilige

So betritt man das Abteil mit der Braut, wie ich das des Eilzuges betrat, der mich mit Maria in die Heimat zurückbrachte. Wir fuhren am Abend. Über Paris ergoß eine Sonne ihre Strahlen, die schon den Frühling hervorzuzaubern versuchte. Erst schritten die Häuser langsam mit, dann liefen sie den Zug entlang, um uns das Geleit zu geben . . . lange liefen sie, auf leichten Sohlen, lachten, nickten uns zu und schwanden erst dahin, als die Lokomotive mit einem wilden Pfiff ankündigte, daß es nun genug sei.

»Paris! . . .«

Ich ergriff Marias Hand und küßte sie. Das Lebenszeichen sollte den Trennungsschmerz lindern. 372

Als die letzte Häuserecke mit einem grotesken Sprung vor unser Fenster gesprungen und zurückgesunken war, fiel Maria auf den Sitz und schluchzte.

»Nie wieder . . .«

»Warum, Maria? Paris wartet auf uns und wird uns immer herzlich aufnehmen!«

»Du weißt es nicht! Du kannst es nicht wissen!« schluchzte sie.

»O doch, ich weiß! Was Paris gibt, was es uns gegeben, vergißt man nie wieder. Und doch, Maria, denke an die Heimatstadt. Wir treffen morgen ein, und alles Alte und Treue wartet dort auf uns! Sei heiter und denke voraus: Es ist überall schön, überall Paris!«

Tränen in den Augen, mit sanftem Kopfschütteln:

»Nein, du weißt es nicht!«

»Denke an die Wunderbrücke! Morgen fahren wir hinüber . . . Der steinerne Heilige, der Ritter mit Schwert und Panzer, der Schutzheilige unserer Liebe, wird uns begrüßen und sein behelmtes Haupt vor uns neigen. Er hat mich zu dir gebracht, er hat mich beschützt . . .«

Da lächelte sie.

»Und wenn er inzwischen fort ist?«

Ich blieb ernst.

»Wie sollte er? Er ist aus Stein, jahrhundertalt und treu! Er ist die Stadt und rührt sich nicht. Er liebt uns!«

»Weißt du das sicher?«

»Du fragst mit Beziehung . . . Was ist denn das für eine Stimmung? Gerade du, die kluge Frau! Bald wird's ein Jahr, daß ich dich zum Geschenk 373 erhielt. Da warst du nichts als Energie und Klugheit und bist jetzt abergläubisch?«

»Nein!« sagte sie mit komischem Trotz. »Ich spreche vom Heiligen auf der Brücke!«

Da mußte ich auf das Spiel eingehen. Sie hatte Paris schon verschmerzt und sprach eine Zeit lang vom Heiligen, der sie und mich beschützt hätte, und da ich ihr nicht widersprach, kam sie allmählich auf Fred van der Werften, die Maitresse des Konsuls, jene Nacht in seinem Hause und die beiden letzten Reisen zu sprechen.

»Ich hatte mit Fred die Reise nach Paris vereinbart . . .«

»Sagst du jetzt die volle Wahrheit?«

»Diese Frage darfst du nie an eine Frau richten!« antwortete sie mit sehr ernstem Blick, griff nach Spiegel und Lippenstift, gab mir Zeit, sie auf ein anderes Thema zu bringen, und da ich beharrlich schwieg, als wollte ich trotzdem die Wahrheit erfahren, fügte sie hinzu. »Wenn eine Frau die volle Wahrheit sagt, nimmt sie Abschied! . . .«

»Unsere Freundschaft . . .«

»Es gibt keine, die eine Ausnahme bildet. Frag nicht nach der Wahrheit; denn du mußt sie erraten! Was ich mit Fred vorhatte,« setzte sie fort, obwohl sie eben gesagt hatte, daß sie nichts erzählen werde und ihre Worte selber als unwahr gestempelt hatte – »wußte ich zu Hause noch nicht.«

»Du wolltest die Frau, mit der er nach Paris fuhr, besiegen . . .«

»Ach, das war keine Aufgabe!«

Die beleidigte Eitelkeit ließ sie die Wahrheit sprechen. Sie leugnete die Schwierigkeit der Aufgabe, 374 als sie weiter sprach, noch zweimal aufs entschiedenste, das heißt, sie anerkannte sie.

»In Fred van der Werften habe ich mich geirrt!«

»Darf ich die Frage stellen: was erwartetest du von ihm?«

Schnell und sicher kam es:

»Nichts . . .«

»Dann kannst du dich nicht geirrt haben!«

»Nichts . . . und doch . . .« – Sie sprach mehr zu sich und lächelte ihrer Erinnerung zu – ». . . und doch; denn eine Frau erwartet immer etwas . . . und vielleicht am meisten dort, wo nichts zu erwarten ist, weil sie nichts will und an nichts denkt . . . und doch . . .«

Sie wiegte den Kopf mit sanfter Bewegung und zwinkerte mit den Augen, als sähe sie jemanden in der Ferne, dem die Worte galten. Dann schnitt sie ab:

»Die Männer sind klüger! Sie wissen Bescheid!«

»Das heißt, daß sie bodenlos dumm sind!«

Zum ersten Mal lachte sie wieder selbstsicher und wohlgelaunt.

»Das hätte ich dir nicht zugetraut! Man muß sich vor dir in acht nehmen! Du bist nicht dumm! Oder – hast du gelernt?«

Ich begnügte mich mit dieser Feststellung und schwieg, um sie zum weiteren Reden zu verleiten, und erst als ich sah, daß diese Hoffnung nicht in Erfüllung ging, warf ich ein:

»Fred van der Werften ist allem Anschein nach ein – interessanterer Mensch als ich dachte.« 375

»Ja . . . interessant? . . .«

»Denn die meisten hätten anders gehandelt!«

Gespannt und lauernd:

»Wie hat er gehandelt?«

»Ich möchte sagen: wie ein Vater, der die Tochter von einem Schritt zurückhält, der entscheidend sein kann.«

»Entscheidend?«

»Nun, ich glaube nur, was uns beide anbelangt! Nicht deine Person . . .«

»Weißt du, wie er sich benommen hat?«

»Ich sehe: du bist zurückgekehrt! Und ich weiß, daß du nie so heiß, nie so hingebungsvoll zu mir warst wie an jenem Morgen, an dem er von uns ging . . . als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, da war es . . . wie in der ersten Nacht in der Sommerfrische . . .«

»Und dachtest dir nichts dabei?«

»Ich dachte nur an dich!«

»Mit keinem Gedanken an Fred?«

»An . . .«

»Daß die Glut, die wie in der ersten Nacht war . . . daß er sie entfacht haben konnte? . . . Er, der andere? Du bist doch klug! Konnte es nicht sein, daß die Sehnsucht nach Neuland, nach Hollywood in mir erwachte?«

»Warum bist du grausam? Es ist doch alles zu Ende!«

»Zu Ende? Sagtest du nicht vorhin, der Heilige, der Ritter, unser Beschützer stehe noch immer auf derselben Stelle und würde uns begrüßen, wenn wir vorbeikämen? Du sagtest: das jahrhundertalte Treue . . .« 376

»Du sprachst jetzt von Fred!«

»Ich weiß nicht . . . ich weiß nichts . . . wir Frauen haben keine Logik, und die Männer, die das wissen, überfallen uns immer urplötzlich mit der Forderung, logisch zu denken wie sie!«

»Jetzt sprichst du logischer als je!«

»Ich weiß nichts davon! Aber antworte mir logisch auf eine Frage . . .«

In fiebernder Erwartung ihrer nächsten Worte ließ ich sie los: »Was kann auf dieses Geständnis noch folgen?«

»Es ist von keiner großen Bedeutung, es ging mir nur so durch den Kopf. Du hast vorhin gesagt, Fred van der Werften habe mich vor einem Schritt zurückgehalten, der entscheidend hätte sein können! Wie ein Vater die Tochter . . . sagtest du. Es muß alles einen Sinn haben! Was meintest du mit dem Wort?«

»Wenn er dich mir entrissen hätte, wäre unsere Liebe zu Ende gewesen! Das nannte ich entscheidend. Du nennst es nicht so?«

»Wollen wir annehmen, daß ich eine Stunde in den Armen Fred van der Werftens gelegen hätte, weil er stärker gewesen wäre als ich . . . weil er mich berauscht hätte . . . Und wäre ich dann zu dir zurückgekehrt, um frei mit dir zu sprechen, nicht wie die biblische Sünderin, nicht reumütig, sondern frei, ein Mensch zum Menschen . . .«

Ich ließ sie sprechen, und es gelang mir im Augenblick meiner größten Erschütterung, den Hebel des Gedankens herumzureißen:

»Dann, Maria, hätte ich dir ehrerbietig die Hand geküßt und dich gefragt, ob du nun weiter mit mir bleiben willst . . .«

377 Sie bohrte den stahlgrauen Pfeil ihres forschenden Blicks in meine Augen, und alles, Religion, Glaube, Weltanschauung und Bekenntnis stand als Forderung unerbittlich in diesem Blick.

»Sprichst du die Wahrheit?«

»Wenn Männer die Wahrheit sprechen,« – lächelte ich, »denken sie nicht an Abschied. »Wo der beginnt, dort setzt die Lüge des Mannes ein.«

»Gib deine Hand!«

So saßen wir. Ihr Blick Siegel des Frauenglaubens an eine neue Zeit, die das Unmögliche bringen soll: die Revolutionierung des uralten Verhältnisses. der beiden Geschlechter. Ein grauer Frauenblick: der Wille, niederzureißen, was alle Testamente der Natur und der Menschheit für ewige Zeiten besiegelt hatten. Und eine schmale Frauenhand, die Zügel der neuen Zeit haltend, die Zügel der Rosse, die über die Trümmer der menschlichen Ehe hinwegjagten, in die Horizonte der Zukunft hinein, wo die Räume auseinanderschlugen, um unter einer neuen Sonne einem neuen, myriadenhaften Gewimmel Platz zu schaffen . . .

Kurz war die Fahrt! . . . Schon waren wir am Ziel! Der Zug stand still, wir mußten aussteigen . . .

*

378 Direktor Marx war eitel Freude:

»Da seid Ihr beide wieder!«

Maria begegnete der Freude mit einer leichten, netten Bewegung.

»Dachtest du, wir kämen nicht zurück?«

Die breite Ampel mit dem schweren Milchglas verbreitete einen sanften Schein im Speisezimmer, das ein Spiegelbild restlosen Glücks und der überall fühlbaren Heimlichkeit bot. Der Direktor ließ sich Zeit, um behaglich lächeln zu können. Dann erst antwortete er:

»Ich dachte, du würdest allein zurückkehren.«

Maria war ein wenig betroffen.

»Warum?«

Er lachte noch behaglicher.

»Na, na, du bist doch mein kleines Töchterchen, mein Sonnenstäubele! Dich sollte ich nicht kennen?«

»Vielleicht hast du dich geirrt!«

»Das wirst du mir nicht einreden! Ich weiß, was ich weiß!«

Trotz des scherzenden Tones ließ er seine mißtrauischen Augen einige Sekunden lang auf Maria ruhen.

Er schwieg, um keinen Fehler zu begehen, aber die Sorge stand plötzlich in seinem Gesicht. Er sorgte sich wirklich und wahrhaftig darum, daß Maria bei mir aushielt. Einmal schon hatte er sich verrechnet gehabt! Damals, als Maria in der Nacht ausgeblieben war. Damals hatte er mich sofort aus seinem Gedankengang ausgeschaltet, weil er glaubte, Maria wolle von mir nichts mehr wissen. Ihr brüsker Entschluß, mit mir nach Paris zu fahren, zog einen allzu plötzlichen Strich durch seine Rechnung, und darum 379 wagte er jetzt nicht, etwas zu entgegnen, da er den Verlauf der Reise nicht kannte.

Kurz nach dem Abendessen wollte er aufbrechen. So sagte er etwas forziert:

»Ich muß noch heute mein Caféhaus haben!«

Zwei Köpfe dachten in diesem Augenblick dasselbe. Der Frauenkopf kam mir zuvor.

»Mußt du dich jeden Abend im Caféhaus herumtreiben?« fragte Maria und sprach damit den Wunsch aus, ihren Mann zurückzuhalten. Ein Wunsch, der alledem widersprach, was wir beide seit einem Jahr uns so oft gewünscht hatten: der Wunsch, nicht allein zu bleiben.

Sein fast ausschließlich auf sie eingestellter Instinkt begriff sofort. Die kleinen Augen leuchteten vor Stolz.

»Ach, wo! Ich bleibe natürlich sehr gern!«

Er setzte sich wieder, und mit einer fröhlichen Stimme, die mit Rührung kämpfte, begann er zur Erheiterung, und um seine Brauchbarkeit zu beweisen, die endlosen Erzählungen.

Wir wagten es nicht, uns anzusehen, und Maria wetteiferte mit mir in der Aufmerksamkeit, mit der wir beide seinen Reiseanekdoten lauschten, als säße der geistreichste Gesellschafter an seiner Stelle.

Nur einmal huschten die Blicke dicht aneinander vorüber.

Wie aufgescheuchte, verängstigte Vögel flatterten sie rasch zu Direktor Marx zurück und suchten bei ihm Schutz.

Und wir brachten es fertig zu lächeln . . .

380 Bis zum nächsten Morgen konnte er sich nicht gedulden, ich wußte es. Auch er Iächelte, und sein Lächeln verriet ihn.

Ich lag im Bett, als er leise zu mir geschlichen kam.

»Haben Sie schon Schlaf? Maria schläft schon!« Auf meine einladende Bewegung: »Bleiben Sie liegen, ich setze mich zu Ihnen auf den Bettrand. Sind Sie mir wegen meines Benehmens von damals, vor Ihrer Abreise, böse?«

»Nein, nein! Vielleicht im Gegenteil . . .«

»Im Gegenteil, das ist nicht gut möglich . . . aber trotzdem . . . ich habe Sie als einen prächtigen Menschen kennengelernt, und mein sehnlichster Wunsch ist, daß Sie mit Maria . . . daß Maria mit Ihnen . . . ach, ersparen Sie mir die Worte! Sie wissen ja, was ich sagen will! Sie müssen mir von Ihrer Reise genau erzählen! Ganz genau, bitte!«

»Es geschah nichts Nennenswertes!« quälte ich.

»O, o! Wie können Sie so lügen!« Er war mit rotem Kopf aufgestanden.

»Verzeihen Sie, Herr Direktor . . .«

Mit einer grotesken Bewegung, die ein Kniefall hätte sein können, setzte er sich auf den Bettrand und hielt beide Arme erhoben. Seine Stimme klang trotz des Flüsterns, als verkündete er die Heilige Schrift:

»Sie haben . . . verzeihen Sie mir! . . . Ich bin so heißblütig! . . . Sie haben . . .« Während er sprach, erhob er sich langsam, und es war, als wüchse er zu einer übermenschlichen Größe empor. ». . . Sie haben es doch erlebt, daß Maria mich heute zurückhielt! Daß sie meine Anwesenheit wünschte!«

381 Er tat mir in diesem Moment unsäglich leid. Es war mir, als marterte mich ein Knecht der Inquisition mit einer Feuerzange.

Er aber wuchs mit jedem Wort, und das begeisterte Leuchten seiner Augen verstärkte sich.

»Wissen Sie, daß ich Jahre darauf gewartet habe, daß Maria mich eines Tages zurückrufen möchte? . . . daß sie mich bei sich behält? . . . Mich braucht?! . . . Wissen Sie, wie lange eine Minute ist, in der man nicht zurückgerufen wird und vom Tisch zur Tür schreitet? . . . Eine Minute, in der man das Wunder erhofft? . . . Das Wunder von heute abend? . . .«

Ich erzitterte unter der Decke vor der Liebe dieses Mannes und verbarg meine Erregung hinter den Worten:

»Ich werde Ihnen von der Reise erzählen! Setzen Sie sich bitte!«

»Lieben Sie Maria?«

»Ich . . . liebe sie . . .«, stotterte ich gequält, ganz außer Fassung, da mir der Ehemann nach zehnjährigem Zusammenleben mit einer Frau, das für mich die Hölle hätte sein können, diese Frage stellte und in einer Weise, die zur Hälfte Beschwörung, zur Hälfte ein Todesstoß war.

»Sie lieben Maria?« fragte er noch einmal.

Da wußte ich, daß ich gelogen hatte und schwieg. Er sprach von einer anderen Liebe, er lebte die Liebe anders, und ich wurde klein vor ihm, dem ich nicht folgen konnte und nicht folgen wollte. Noch einmal lenkte ich ein:

»Wollen Sie von der Reise hören?«

382 »Ja! Ich bitte Sie, jetzt zu erzählen! Jetzt werden Sie alles erzählen! Sie haben keinen Grund, mir etwas zu verschweigen.«

Mit der konzentriertesten Aufmerksamkeit hatte er mir zugehört. Dann schwieg er lange in sich versunken.

»Alles hängt jetzt von Maria ab! Von ihr allein . . .«

Ich lachte höhnisch zwischen Hochmut und Bewunderung.

»Für mich hängt jetzt alles davon ab,« sagte er unbeirrt, »was Maria tun wird. Was Sie anbelangt, verhält es sich anders . . . doch das interessiert mich in diesem Augenblick überhaupt nicht!«

»Und mich haben Sie in später Nacht nur zu dem Zweck aufgesucht, um mir zu sagen, daß ich Sie nicht interessiere und überhaupt nicht in Betracht komme?«

»Aber ich habe das doch nicht gesagt!« Ganz kleinlaut sprach er plötzlich.

»Und morgen werden Sie Ihr Benehmen genau so bedauern, wie Sie es heute getan haben?«

»Wenn Sie etwas beleidigt hat . . . ich wüßte zwar nicht . . .« – er grübelte.

»Aber nein! Sie haben mich nicht beleidigt! Und . . .« Ich schwieg nach dem Bindewort, das den Abschied einleiten sollte.

»Ich gehe schon!« schrak er aus seiner Grübelei. »Nur eines will ich Ihnen sagen.«

»Muß es sein?«

»Morgen wäre es vielleicht schon zu spät! Vielleicht hab ich's Ihnen schon angedeutet . . . Sie waren der erste Mann, den Maria liebte!«

383 »Scherzen Sie nicht, bitte!« – Ich setzte mich im Bett auf und lachte leise.

»Sie sind der erste und der letzte! Wenn sie von Ihnen geht oder Sie von ihr, dann werde ich endlich entweder unaussprechlich glücklich sein oder noch unglücklicher! Unglücklich für ewig! Denn nach Ihnen kommt nichts mehr . . . nichts mehr . . .« Er wand sich unter seinen eigenen Worten. Die Stimme sank zu einem kaum verständlichen Flüstern herab . . . »Nichts mehr . . . sie hat es mir gesagt, sie hat mich einmal gefragt . . . es war eine Nacht der Verzweiflung . . . ob sie immer diese Qual werde erleiden müssen, immer wie ein Wrack auf den Wellen treiben . . . das, genau das waren ihre Worte . . . Ich beruhigte sie, ich versprach ihr die Seligkeit der Seele . . . und ich wartete all die Jahre, daß der Lenker dort oben mein Versprechen, das ich nicht erfüllen kann, erfüllen möchte, und ich glaubte an das Wunder! Denn als Sie kamen und Maria Sie zu lieben begann, war es, als hätte sich das Wunder erfüllt! Und jetzt sollen Sie es wissen: Maria hat Sie nie hintergangen, und die Probe mit den Rosen . . . es war eine Probe . . . die letzten Kämpfe, das letzte Sichwehren . . . jetzt sollen Sie es wissen, daß Maria, Tag für Tag, Abend für Abend . . . sich quälte und mich bedrängte und die schreckliche Frage stellte: Wird es aufhören? . . . Und sich selbst auf die Probe stellte, sich kasteite und geißelte und rein blieb . . . rein und keusch . . .«

Er stand auf.

»Rein und keusch! . . . Ich habe für sie die Beichte abgelegt; denn sie wäre zu stolz gewesen! Jetzt . . . morgen . . . können Sie handeln!«

384 Langsam entschwand der nächtliche Mann meinen Blicken. Und alles Leid stand steinern im leeren Raum, der mich umgab, als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte.

*

Nun stand noch einer hinter mir und wartete ängstlich auf das Kommende. Der Direktor beobachtete Maria scharf, und wenn er unbefangen Konversation machte, konnte ich bequem hinter seine Maske blicken: sein Gesicht drückte Angst und Erwartung aus.

Maria unternahm nichts. Tage und Wochen vergingen, und nichts hatte sich geändert. Sie wich jeder Auseinandersetzung aus, und Direktor Marx erlebte die große Genugtuung, daß er jeden Abend, so oft er sich ins Caféhaus begeben wollte, von ihr zurückgehalten wurde.

Ich tat nichts dagegen. Ich wußte, daß alles nutzlos und erzwungen gewesen wäre; denn Maria lebte jetzt ausschließlich ihren Gedanken, und mir war, als wartete sie auf den schon sehr nahen Frühling, von dem sie sich die plötzliche und große Lösung versprach. Ich sah ihren Kampf, den sie mit sich, mit der Forderung, die sie an ein kommendes Geschlecht stellte, ausfocht, und wußte, daß ich gezwungen war, in meiner vollkommenen Stille zu verharren. In dieser Frau, die im Zuzweit mit mir alle möglichen Etappen eines Verhältnisses zwischen Mann und Frau durchlaufen 385 hatte, bereitete sich eine Wandlung vor, der sie zunächst noch trotzte . . . doch schon wußte ich, der Frühling werde sie im Sturm überrennen, und sie, die ein Neues erzwingen wollte, müßte unter die Räder der Natur kommen.

An einem Abend wurden die verschiedensten Unsinnigkeiten in der Luft lebendig.

Am nächsten Morgen begann der Winter Hals über Kopf den Rückzug. Zwischen Schneeschmelzen und klirrendem Eis hob sich der Frühling aus der Erde.

Ich ging mit Maria ins Freie.

Es war urplötzlich Frühling geworden. Übermütig schmetterte sein Horn: Ich! Ich! Und die Eiszelte der Erde antworteten donnernd und zerstürzten. In den Mulden lagen noch eigensinnige, schmutzige Schneeklumpen, aber die Birken traten siegesgewiß und keck vor die Wälder. Die Felsen begannen zu dampfen. Ein lauer Wind griff in die Bäume wie in die Saiten einer Riesenharfe. Die Ferne, unendlich lange nebelverhängt, war plötzlich blau aufgetan. In dieses Blau rannten die Wellen der Gewässer so überschäumend, als sollten sie dort jemand treffen, den sie verlassen mußten, als sie zu Eis geworden. Alles begann zu laufen und zu rennen . . . Die Mädchen und Frauen lachten unmotiviert und seltsam. Die Hunde bellten. Die Bäume stemmten sich gegen das Naß des Erdreichs und schnupperten mit den Astenden in der Luft umher.

Allen diesen verrückten Bewegungen voran tanzte der Frühling, der noch unsichtbare . . .

Maria machte plötzlich halt und maß mich mit einem einzigen leidenschaftlichen Blick, aus dem die Freude über ihre neuerwachte Begierde loderte. 386 Wortlos gingen wir bis zu einer Haltestelle der Straßenbahn. Maria hielt mich mit ihrem Blick fest. Der Straßenbahnwagen fuhr ihr zu langsam, sie sprang hinaus, und wir warfen uns in ein Auto. In wenigen Minuten waren wir zu Hause, und Maria, die mir noch einen unaussprechlichen Blick zugeworfen hatte, verschwand in ihrem Zimmer.

Hörte ich das Wasser plätschern? Marias Zimmer lag entfernt, ich konnte es nicht hören und hörte es dennoch . . . wie in der ersten Nacht in der Sommerfrische, als sie mir befohlen hatte, auf der Schwelle zu warten . . . wie ein Hund vor der Tür, erinnerte ich mich . . . und das Bild der nackten Frau, die nur in ein vielfarbiges Araberhemd gekleidet war, das die Beine und Brüste sehen ließ, stieg auf . . . und ich hörte ihre Stimme . . .

Wo blieb sie so lange? Wie lange hatte ich geträumt?

Langsam kehrten die Gedanken zurück. Ich durcheilte die Zimmer. Die Tür ihres Boudoirs war nur angelehnt. Ich trat ein . . .

Auf dem Bett lag Maria in ihrem farbenprächtigen Araberhemd und weinte.

Ich küßte ihr Haar, küßte ihre Hand und wollte zu ihr sprechen. Doch im selben Augenblick klingelte das Telephon, und die Redaktion meldete sich. Hussitenhaufen zögen durch die Stadt. Ich solle augenblicklich Erkundigungen einziehen und eine Reportage bringen.

»In einer Weile bin ich wieder da, Maria! Ich soll eine Reportage machen . . . oder soll ich bei dir bleiben?«

387 »Geh!« stieß sie hervor, und der Klang der Stimme jagte mich hinaus. Schnell und ohne noch einmal zu Maria zurückzukehren, verließ ich das Haus.

Auf den Straßen gab es Massenansammlungen. Das ungestüme Volk dieses Landes machte sich wieder einmal mit der Aufklärung zu schaffen. Einem atavistischen Impuls gehorchend, versuchte es immer wieder, sein Banner bis nach Rom zu tragen.

Von einem fremden Mann, der mich stellte und wild auf mich einredete, erfuhr ich, ein Haufe habe auf der ältesten Brücke Posto gefaßt und sei im Begriff, die Brücke zu sprengen. Ich hielt zwar die Nachricht für mächtig übertrieben, eilte aber sofort in die entgegengesetzte Richtung, um vom Schauspiel noch etwas zu sehen. Ich kam zu spät.

In diesem Teil der Stadt erstarb der Lärm. Die Straßen waren von Polizeipatrouillen gesperrt. Ich mußte von meiner Journalistenlegitimation häufigen Gebrauch machen. Der Weg, den man sonst in einer halben Stunde zurücklegen konnte, dauerte über zwei Stunden. Überall mußte ich den Befehl irgend eines Kommandanten abwarten. Dann endlich war ich angelangt.

Ein Militärkordon sperrte die alte Steinbrücke ab. Die Soldaten machten über den Aufstand faule Witze. Ihr Kommandant, ein Leutnant, stand mir bereitwilligst zur Verfügung.

»Es gibt nicht viel zu berichten! Einige Idioten, die meisten angeheitert, hatten den großartigen Einfall, eine sogenannte revolutionäre Tat zu begehen, eine Steinfigur in Trümmer zu schlagen und die Stücke in die Moldau zu werfen. Elf Verhaftungen, und die 388 Stadt um ein Kunstwerk ärmer. Sonst nichts von Belang! Wenn Sie wollen, passieren Sie die Brücke.«

Die Soldaten ließen mich durch.

Ich ging langsam von Figur zu Figur. Mein Herz schlug so wild, daß ich immer wieder stillstehen mußte. So war ich fast am Ende angekommen . . .

Sie hatten meinen Heiligen zertrümmert!

Umständlich, als handelte es sich um einen Mord, auf jede Kleinigkeit scharf achtend, untersuchte ich den Platz. Mit Hämmern und Äxten waren sie gegen ihn vorgegangen, aber er hatte Widerstand geleistet. Er war zu gewaltig gewesen! Ein Stück seines Schwertes lag noch vor dem Sockel, und die Hand umklammerte den Knauf.

Ich lehnte an der Brüstung. In dunkler Ruhe floß die Moldau unter der Brücke dahin. Auf ihrem Grund ruhten die Trümmer des steinernen Ritters . . . doch mein Blick erreichte ihn nicht.

Schmerzgeschüttelt rannte ich fort und stürzte in eine Telephonzelle.

»Hallo! . . . Hallo! . . .«

Verzweifelt rief ich Maria, doch kein Name tönte vom anderen Ende der Leitung zu mir herüber. In ihr brausten die Frühlingsstürme der erwachenden Erde: Meer, Sonne und Wind . . . in die sich der Frauenname Maria aufgelöst hatte . . .

Dann meldete sich die Redaktion.

»Keine Reportage! Sie haben bloß eine Steinfigur zerschlagen. Es herrscht vollkommene Ruhe überall.«

»Sonst nichts?« hörte ich die verschlafene Stimme des Nachtredakteurs.

»Sonst ist nichts geschehen!«

389 Als ich zu Hause ankam, schlief Maria. Beim Direktor brannte noch Licht, er mußte auf mich gewartet haben. Trotzdem ging ich geräuschlos in mein Zimmer und begann meine Sachen zu packen. Ich wußte gar nicht, daß ich es tat. Anzüge und Wäschestücke lagen im Raum verstreut umher. Plötzlich überfiel mich ein sonderbares Angstgefühl. Ich glaubte Schritte zu hören. Zur Tür springend, wollte ich den Schlüssel im Schloß umdrehen, aber bevor ich es tun konnte, stand Direktor Marx im Zimmer. Lange sahen wir uns schweigend an. In seinem Gesicht kämpfte Scheu mit einem Ausdruck von Glückseligkeit, die immer mehr von seinen Zügen Besitz ergriff.

»Sie läßt Ihnen sagen . . .« begann er dann sehr leise und stockte.

Das Erlebnis mit dem steinernen Heiligen vermischte sich in meinem müden Hirn derart mit der Wirklichkeit, daß ich weder zu denken noch zu sprechen vermochte.

»Maria hat sich zu mir zurückgefunden!« sagte er endlich. In seiner Stimme schwang alles mit: überwundenes, namenloses Leid, Dank und Freude. »Ich danke Ihnen!« fügte er hinzu. »Es ist Ihr Werk! Ich danke Ihnen! Maria bittet Sie . . .«

Er sprach den Satz nicht zu Ende. Er war gekommen, um mir zu danken, so konnte er mich nicht bitten, sein Haus zu verlassen. Als er gegangen war, setzte ich mich vor den Schreibtisch. Und fern schon diesem Zimmer, fern dem Jahr mit Maria, griff meine Hand nach der Feder, und ich begann mit den Aufzeichnungen über meine Begegnung mit einer Frau und einem steinernen Heiligen, die auf dem Wege zwischen Europa und Amerika stattgefunden hatte.

390 Am nächsten Tag gelang es mir, das Haus so zu verlassen, daß ich Maria nicht mehr sehen mußte. Die Koffer ließ ich holen. Ich begegnete ihr vor meiner Abreise nach Hollywood nicht mehr.

Dann, als die Erinnerung das Erlebnis freundlich überblickte, fand ich eine einzige leere Stelle. Ich schrieb und fragte:

»Warum wolltest du kein Kind von mir?«

In ihrer Antwort stand:

»Es wäre nicht das meines Mannes gewesen . . . das es nun sein wird . . .«

Und die leere Stelle begann sich plötzlich mit Leben zu füllen und erstrahlte im warmen Licht des noch ungeborenen Kindes.

 


 


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