Paul Neubauer
Maria
Paul Neubauer

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III.
Paradiso / Ein Fragment

Zunächst bemerkte ich die Veränderung nicht; denn ich selbst war so verändert, daß mir die Umstellung der Natur, der Einrichtungen und des Lebens ganz natürlich erscheinen mußte. Ich merkte es nicht, daß sich alles vor mir tief verneigte und mich seiner Ergebenheit versicherte, ob es nun eine menschliche Lebenseinrichtung war, ein Baum oder die Gewalten, die auf der Lauer liegen, um das Glück zu verhindern. Die Bewegungen des Lebens nahmen eine Richtung an, die für uns fördernd war. Eine Windstille herrschte unter der Kuppel, die der Sommerglast spannte, in der jedes Geräusch erstarb.

Maria sagte:

»Wir reisen! Ich will mit dir am Meer sein.«

65 Am Tage der Abfahrt war das Auto pünktlich zur Stelle. Am Abend vorher hatte das Reisebureau die Fahr- und Platzkarten durch den Diener pünktlich in meinem Hotel abliefern lassen. Wir hatten die Pässe nicht vergessen. Unsere Plätze waren die Eckplätze am Fenster. Ins Abteil stieg niemand weiter, wir blieben bis zum Reiseziel allein. Der Träger hatte das Gepäck im Abteil versorgt, ich mußte ihn nicht suchen, mußte nicht schreiend und schwitzend den Bahnsteig vergeblich entlang rennen. Der Zug fuhr pünktlich ab. Maria hatte nichts vergessen, wirklich gar nichts, und wir fühlten uns körperlich und geistig ausgezeichnet. Kein Rückschlag, keine Ermüdung war erfolgt.

Und dennoch merkte ich zunächst die Veränderung nicht.

Die Zimmer, die ich tags zuvor telegraphisch bestellt hatte, waren die schönsten des ganzen Bades. Der Portier lächelte gratulierend, als er mir mitteilte, alles sei bis auf den letzten Winkel besetzt und dieses Appartement bloß darum frei, weil es mit meinem Bestellungstelegramm gleichzeitig telegraphisch abbestellt wurde. Ich verstand die besondere Ehrung nicht, und ohne den Portier eines Blickes zu würdigen, ließ ich das Gepäck hinaufschaffen.

Ein Appartement zu betreten, in welchem man mit einer Frau einige Wochen verbringen will, ist einer der gewagtesten Schritte; denn er unterliegt dem Gesetz des ersten und entscheidenden Eindrucks. Der Eindruck, den wir empfingen, war überwältigend. Das unendliche Meer rollte, als wir die Schwelle überschritten, sein Blau durch die breiten Fenster in unsere Zimmer, und darüber zerstob das Sonnenlicht in 66 Kaskaden. Wir traten auf die breite Terrasse hinaus, die von den anderen vollkommen abgesondert lag und umfaßten das Bild mit unseren Blicken.

»Côte d' Azur,« sagte ich still, »das Paradies der Erde. Es ist aus deinen weißen Rosen erblüht, Maria.«

»Aus deinen Rosen!« – sagte sie.

Marias weiße, langstielige Rosen standen in einer hohen Vase auf unserer Terrasse.

Denn in jener Zeit meines Lebens war mir alles zuwillen, auch der liebe Gott, der mich für eine Zeit aus dem Weltgetriebe entlassen hatte. Erst als diese Urlaubszeit vorüber war, erinnerte ich mich, daß ich selbst Befehl gegeben hatte, jeden Tag neue, weiße Rosen in Marias Zimmer zu stellen. Damals aber auf der Terrasse dachte ich nicht daran und hielt es für selbstverständlich, daß sie auf dem Tische standen. Ich glaube aber, daß schon zwei Wochen unseres Aufenthaltes vorüber waren, als ich die Rosen zum erstenmal erblickte, obwohl Maria immer behauptete, sie wären schon dort gewesen, als wir die Terrasse des Appartements zum ersten Male betraten. Sie hatte sicher recht. Das beweist auch die Rechnung, in der die Rosenlieferungen pünktlich notiert waren. Ich aber verstehe es doch nicht; denn ich erinnere mich nur an den Tag, mit dem die dritte Woche begann. Von den beiden ersten Wochen weiß ich nur den Augenblick, in dem wir auf die Terrasse hinaustraten und die Worte:

»Côte d' Azur, das Paradies der Erde. Es ist aus deinen weißen Rosen erblüht, Maria.«

Und ihre Antwort:

»Aus deinen Rosen!«

67 Wenn ich mein Gehirn noch so sehr anstrenge, wenn ich Erinnerungspole miteinander in Verbindung bringe, um Ganzes zu formen, mehr weiß ich von den beiden ersten Wochen nicht. Das Meer lag uns zu Füßen, als wäre es unbeweglich. Wir hatten einen Kahn gemietet und schritten über die Wellen, die uns so verläßlich und gütig trugen wie die Erde. Aber auch das ist möglich, daß wir nie einen Kahn gemietet hatten und mir die Erinnerung an das Schreiten über die Wellen nur darum so lebendig ist, weil das Meer uns jeden Abend, wenn wir auf der Terrasse mit den Rosen saßen, auf seinen Rücken nahm und in weite Fernen wiegte . . .

Ich weiß es nicht.

In meiner Erinnerung lebt nur der erste Tag der dritten Woche. Alle anderen Tage sind Windstille unter der Wunderkuppel, die der Sommerglast über uns wölbte. Denn alles das war eine Veränderung, die ich nicht merkte.

Paradiso . . .

Bilder der ersten beiden Wochen steigen vor mir auf. Vielleicht nur darum, weil ich eben niederschrieb, daß ich mich an nichts erinnere, was in dieser Zeit geschehen war. Die Bilder der Erinnerung an diese Wochen schauen mich still an, und ich weiß, daß sie Traumbilder waren, die im Paradiso an uns vorüberhuschten. Lautlos kamen und gingen sie, wesenlos und ohne Bedeutung.

Am Vormittag schliefen wir lange. Dann saßen wir in der Hotelhall in großen Lehnstühlen und ließen die Farbenpracht des internationalen Lebens an uns vorüberpromenieren. Wir blätterten in illustrierten Zeitungen, schauten uns von Zeit zu Zeit an und 68 wechselten belanglose Worte. Die Worte, die Sprache hatten ihre Bedeutung verloren.

Schon am ersten Vormittag saß ein junges Paar uns gegenüber, ein hochgewachsener, sehr eleganter Engländer mit einer jungen Frau. Ich gab mir keine Mühe, zu erfahren, wer sie wären, obwohl sonst fast alle Hotelgäste neugierig waren und einander gegenseitig auflauerten, um den Boden für Flirts vorzubereiten und sich so das obligate Amüsement der Sommerfrische zu verschaffen. Von der Zeitung aufschauend, erhaschte ich einen Blick, mit dem der Engländer Maria musterte. Ich lächelte und machte sie auf ihre Eroberung aufmerksam. Auch sie lächelte, und wir vertieften uns wieder in unsere Zeitungen.

In den nächsten Tagen begegnete uns das Paar immer wieder, und der Blick des jungen Menschen, der englischblond war und gesunde, rote Sportwangen hatte, zu denen die wasserblauen Augen paßten, ruhte bei jeder Begegnung so lange auf Maria, bis wir vorüber waren.

Am vierten Tage warf mir die Engländerin einen Blick zu, aus dem ich Interesse herauslesen durfte.

Am fünften Tage fuhr der ganze Ort nach einem anderen, wo ein großes Fest gefeiert wurde.

Die Wagen sausten in endloser Reihe an unserem Hotel vorüber. Auch ich wollte mit Maria das Fest besuchen und hatte ein Auto bestellt. Schon fuhren die letzten vor, aber unser Wagen kam nicht. Wir standen reisefertig vor dem Hoteleingang. Ich telephonierte in die Garage. Irrtümlicherweise, sagte der Besitzer und entschuldigte sich tausendfach, hätte man den Wagen anderen Gästen zur Verfügung gestellt, und nun sei kein Ersatz aufzutreiben.

69 Als ich dieses ärgerliche Resultat Maria mitteilte und den Portier bat, mir ein Auto zu beschaffen, was er mit dem Hinweis auf die Unmöglichkeit ablehnte, fuhr ein großen Wagen vor. Der Engländer stand mit der Frau in der Halle. Er hatte mein Gespräch mit dem Portier gehört, trat zu uns und stellte sich vor. Er bot uns sein Auto an, da auch er mit seiner Frau zum Fest wollte.

Nach der gegenseitigen Vorstellung nahmen wir die Einladung an. Wir verbrachten den Abend zusammen. Er tanzte viel mit Maria und mit seiner Frau.

Paradiso – Windstille und ein weites, unbewegtes Meer.

Noch rührte sich nichts unter der Kuppel, denn alle Dinge waren mir ergeben, ohne daß ich es gemerkt hätte.

Jeden Abend zogen wir uns auf unser Zimmer zurück, um unsere Einsamkeit wohlig in die Pracht des scheidenden Tages zu betten. Wir trieben die Spiele der Liebe, und alles Unsinnige erhielt seinen Sinn. Die Sonne fiel als breiter Kegel ins Zimmer, und das Meer musizierte. Maria setzte sich auf meine Knie, und, während die Sonnenstrahlen sie umfluteten, entkleidete ich sie. Stück für Stück fielen die Hüllen von ihrem Körper, bis ich sie nackt in meinen Armen hielt. Das rote Licht tollte auf dem Alabaster ihrer blendenden Haut, und sie freute sich wie ein Mädchen, dessen Brüste sich zum erstenmal dem Leben entgegendrängen.

Dies Entkleiden, die in Sonne getauchte Nacktheit war das Letzte, was das Leben geben konnte, der Wundergrat der Herrlichkeit. Jeden Abend 70 nahm die Sonne Abschied von Maria. Sie tat es mit blutendem Herzen und stemmte sich mit ihrer Kugel gegen das Meerungeheuer, das ihr die Frau nicht gönnte und sie verschlang. Zögernd und einzeln sanken die Strahlen von Marias Nacktheit zurück und erstarben, einer nach dem anderen . . . bis auch der letzte, der ihre Füße umklammert hielt, ins Meer zurücksank.

Es wurde dunkel, doch wir rührten uns nicht, denn nun begann das Meer, das die Sonne besiegt hatte, für Maria zu musizieren . . . Der leidenschaftliche Gigant brandete zu ihr empor, und sein Begehren, den Frauenkörper an sich zu reißen, erklang zu unseren Füßen. Die Begierde steigerte sich, ergriff Besitz von unseren Körpern, und wenn sie uns ganz erfüllt hatte, daß wir voll waren von ihrer Süße und ihrem Schmerz, dann hob ich Maria hoch wie einen heiligen Kelch und erlöste mich von mir selbst im vernichtenden Feuer des Kusses . . .

Ewiger Rausch, aus dem uns nichts erweckte, aus dem die Körper und Seelen in den tiefsten traumlosen Schlaf sanken, als gäbe es keine Wiederkehr ins Licht der Erde! Nackte Maria, umbrandet von Sonne und Meer, die reife Frau zur Liebe erwacht, als wäre sie das Mädchen, das zum erstenmal den Lebensfrühling fühlt. – – –

Wir machten Ausflüge, tanzten auf Festen und nahmen teil am Leben der anderen Menschen, doch der Abend war unser. Wenn er siegreich herannahte, versank der Tag, die Menschen und die Feste. Eines nur blieb: unsere selige Zweieinheit.

Paradiso . . . denn nichts geschah außer uns beiden, und nichts erlangte Wirklichkeit in unserem 71 Bewußtsein außer unserer Liebe. Alles war verändert. Die Dinge der Welt, die immer feindlichen, breiteten sich vor uns aus und bildeten einen weichen Teppich. Auch die Menschen konnten uns nichts anhaben, denn ihre Blicke erreichten nicht die Seele. Und auch die Worte nicht.

Zwei Wochen lang waren die Dinge verändert, und ich merkte es nicht, denn in diesen beiden Wochen geschah nichts, was in der Erinnerung haften geblieben wäre. Nichts, nur die Abende weiß ich, das Versinken des einen in den anderen . . .

Bis der erste Tag der dritten Woche kam.

Am Nachmittag dieses Tages waren wir bei einem Fünfuhrtee im größten Dancing des Ortes. Der Saal war überfüllt; zwei Jazzbandkapellen spielten abwechselnd. Maria tanzte. Wir hatten mit dem englischen Paar einen gemeinsamen Tisch bestellt und unterhielten uns in den Tanzpausen. Er wandte sein Einglas nur ungern von Maria und überließ mir seine Frau. Mich beunruhigte er nicht. Waren doch diese Wochen so geartet, als wäre alles Häßliche und Böse von uns gewichen und als gäbe es nichts in der Welt außer Marias berauschender Nacktheit, der Sonne und dem weiten, verträumten Meer.

Die leergebrannten Fratzen, die sich im Rhythmus des Jazz vorüberschoben, hätten sonst meinen Widerwillen herausgefordert, und ich hätte ihn nicht verbergen können. Auch das englische Paar, hätte ich es anderswo kennen gelernt, wäre mir lästig gefallen. Marias gute Laune hätte mich beunruhigt, denn sie schien der Anfang eines Flirts zu sein. Doch ich dachte an unsere erste Begegnung, an den bisher 72 zurückgelegten Weg und fühlte nicht die geringste Unruhe.

Es war sieben Uhr, als wir uns erhoben, um in unser Hotel zu gehen. Die beiden Frauen gingen im Gedränge mit dem Engländer voraus, und ich folgte ihnen in einer Entfernung von einigen Schritten. Plötzlich fühlte ich einen raschen und stählern-geschmeidigen Griff an meiner Brust. Ich umklammerte eine Hand. Sie gehörte einem glattrasierten Mann, der uns, wie ich mich in diesem Augenblick erinnerte, bei unserem Eintritt in den Saal gegrüßt hatte. Die umklammerte Hand war leer. Ich griff mit der Linken in die Rocktasche – meine Brieftasche war fort! Darin war mein ganzes Vermögen.

»Meine Brieftasche!« – herrschte ich den Mann an.

»Herr, sind Sie verrückt?« – gab er zurück.

»Sie haben sie gestohlen!«

Im Dancing wurde es still, die Bewegungen erstarrten.

Der Mann hatte mit einer Hand meine Tasche gezogen und sie mit der anderen wahrscheinlich jemandem weitergegeben, oder er hatte sie noch bei sich.

Ich wiederholte meine Aufforderung.

Der Engländer und die beiden Frauen standen auf der Türschwelle. Der Direktor trat zu uns und fragte nach der Ursache des Auftrittes.

»Dieser Mensch,« sagte der Dieb näselnd und vornehm, »ist verrückt; er behauptet, ich habe seine Brieftasche gezogen.«

73 »Geben Sie den Herrn frei!« – sagte der Direktor fest und erteilte einige Befehle. »Das Weitere wird sich finden.«

Ich wußte, daß der Komplize des Diebes längst das Gebäude verlassen haben mußte. Eine irrsinnige Wut erfaßte mich. Das Leben und die Leidenschaften hatten mich plötzlich wieder in ihrer Gewalt. Ich ließ die Hand des Mannes los und schlug ihm im selben Augenblick mit der Faust ins Gesicht, daß sein Einglas zersplitterte.

Mechanisch legitimierte ich mich vor dem Polizeikommissar, schloß mich den Frauen und dem Engländer an, und schweigend erreichten wir unser Hotel.

Ich besaß nicht so viel, um die Hotelrechnung bezahlen zu können und konnte keinem Menschen drahten.

Im Zimmer hatte ich schon wieder meine Fassung erlangt und versuchte den Fall ins Harmlose hinüberzuspielen.

»War dein ganzes Geld in der Brieftasche?« – unterbrach mich Maria. Und da ich eine ausweichende Antwort gab, fragte sie:

»Wieviel war's?«

Ich nannte die Summe und gestand, daß sie mein ganzes Vermögen repräsentierte.

Ein Schweigen, das mich erdrückte. Unbewußt schaute ich aufs Meer hinaus, um meinen Gedanken, die einander jagten, rascher und ungestörter folgen zu können. Es lag in ruhiger Majestät, die Sonne schickte sich an, ihr allabendliches Spiel zu treiben.

»Was werden wir tun?« fragte Maria ruhig, und als ich von Depeschen sprach, winkte sie geringschätzig mit der Hand. Ich brauste auf, verstummte 74 aber; denn ich fühlte meine Ohnmacht dieser Situation gegenüber.

Sie blickte mich unausgesetzt, fast starr an, doch ihr Blick war leer, sie schien mich nicht zu sehen. Ein Blick, der ihre Gedanken verschleierte, die sich schon der neuen Lage anpaßten. Etwas stand zwischen uns, davon ein eisiger Wind ausging. Die Sonne, die Abend für Abend mit glutender Begierde ins Zimmer eingebrochen war, erschien fahl und umtänzelte uns mit erblindetem, gleichgültigem Licht.

Es klopfte an der Tür, und der Engländer trat ein. Er lächelte höflich, sehr wohlerzogen – ich witterte den Feind.

Ich glaubte zu bemerken, daß Maria sein Lächeln erwiderte und sein Erscheinen als Erleichterung empfand. Er machte zunächst Konversation und sagte einige bedauernde Worte über den unliebsamen Zwischenfall. Dann setzte er leicht fort:

»Meine Frau hätte den Abend gern in Ihrer Gesellschaft verbracht! Es ist leider der letzte Abend; denn wir müssen morgen fort.«

Er reichte Maria ein Telegramm, das ihn in geschäftlichen Dingen abberief.

Maria bedauerte lebhaft.

Er hatte seine Worte an sie gerichtet und die Depesche nicht mir, sondern ihr gereicht. Ich fühlte die Absicht dieser Handlung. Maria behielt ihren Wert als Frau, ich hatte den meinen verloren, da man mir die Brieftasche gezogen hatte. Maria sollte entscheiden.

Ich beschwor die Abende unseres Paradiso herauf und flehte still zur Sonne, sie möge das Nebelgewölk durchbrechen. Doch sie blieb fahl und leuchtete kalt, 75 wie die Korrektheit des Engländers, der scheinbar meinte, daß sein Augenblick gekommen wäre.

»Wir bedauern lebhaft,« warf ich ein und markierte Festigkeit, »den Abend nicht mit Ihnen verbringen zu können . . .«

»Warum nicht?« – fragte Maria, leicht über meine Worte hinwegschreitend.

»Aber du weißt doch . . .«

Da griff der Engländer ein.

»Die ganze Stadt ist voll vom Skandal! Es ist sehr bedauerlich; denn es wird wohl ein zwei Tage dauern, bis Sie die Drahtanweisung Ihrer Bank erhalten.«

Ich raffte meine ganze Energie zusammen.

»Ich hoffe, daß die Anweisung morgen früh da ist!«

Ein Blick Marias traf mich, als sie ihm sagte:

»Wir verbringen also den Abend gemeinsam.«

»Mit größtem Vergnügen! Und Sie sind, wenn Sie gestatten, unsere Gäste. Wir wollen den Abschied feiern! Meine Frau wird sich sehr freuen.« – Und sich an mich wendend, immer lächelnd:

»Wir kennen uns allerdings erst kurz, aber wenn Sie gestatten, würde ich Ihnen mein Scheckbuch zur Verfügung stellen.«

»Sie fahren doch morgen schon?« sagte ich finster und bedauerte sofort, mir so viel vergeben zu haben. Die Lage hätte ich überwunden, aber Marias sonderbare Haltung vernichtete meinen Stolz.

»Das tut nichts!« – antwortete er – »Sie haben unsere Adresse und schicken das Geld später zurück.« Er nahm sein Scheckbuch zur Hand.

»Welchen Betrag?«

76 »Danke, nichts!« antwortete Maria. »Aber Ihrer liebenswürdigen Einladung wollen wir gerne Folge leisten.«

Er bat, uns um neun Uhr in der Halle treffen zu dürfen. Ich stahl mich fort und fragte den Portier, denn jetzt mußte ich Bescheid wissen, nach dem englischen Paar.

»Herr Lorrant? Fabrikant aus England mit seiner Frau.«

Ich kehrte zu Maria zurück. Wir konnten das erste Wort nicht finden. Nach einer Anstrengung schwiegen wir und schauten aneinander vorbei auf das Meer. Ich suchte den Weg zurück. Es war nichts geschehen, man mußte ihn finden können.

»Ich danke dir für deine Antwort! Sein Anerbieten war unverschämt!«

»Sein Anerbieten war gar nicht unverschämt, es war sehr nett!«

»Es galt dir und . . .«

». . . nicht dir! Das ist doch nur selbstverständlich!«

»Wie kannst du so sprechen!«

Sie stand nervös auf.

»Nimm doch endlich die Sachen, wie sie liegen! Er kann an dir sicherlich kein Interesse haben!«

»Und an dir darf er keines haben!« – fuhr ich auf.

Sie wechselte die Tonart, als hätte sie sich besonnen.

»Du dummer Junge!« – sagte sie sanft und mitleidvoll. »Daran kannst du doch weder ihn noch einen anderen Menschen hindern!«

77 Ich mußte es zugeben, und doch empörte mich die Natürlichkeit, womit sie die unerbittlichen Gesetze der Weltordnung hinnahm. Eine Antwort fand ich nicht, weil es keine gab. Ich senkte den Kopf und grübelte. Da war etwas Furchtbares geschehen. Nicht, daß man mir das Geld gestohlen hatte und ich mich augenblicklich in einer peinlichen Lage befand, das war es nicht; denn es gab Auswege. Nein, hinter dieser Tatsache verbarg sich eine andere, die ich noch nicht greifen konnte, deren Schwere ich nur erfühlte und gegen die ich mich vergeblich wehren wollte. Maria, die Frau mit dem feineren Instinkt, hatte es längst erfaßt, und ihre Sanftheit war schon Mitleid dem Schwächeren gegenüber. Sie durfte sanft sein; denn sie war die Stärkere.

Es war dunkel geworden, wir hatten es nicht bemerkt.

Hastig begann sie ihre Toilette, ohne sich um mich, der unschlüssig dastand, zu kümmern. Sie wendete besondere Sorgfalt an und widmete jeder Kleinigkeit das größte Interesse. Sie wollte schön sein und glänzen, stellte ich bitter fest.

»Beeile dich, sonst kommen wir zu spät!«

»Sie werden warten!«

Ohne mich weiter zu beachten, setzte sie die Toilette fort. Ich mußte, wollte ich sie nicht allein gehen lassen, den Smoking anlegen. Wir wurden gleichzeitig fertig. Mit raschen Schritten ging ich voraus.

Der Engländer und seine Frau warteten auf uns in der Halle. Wir gingen ins Restaurant, wo er ein großes Abschiedssouper bestellt hatte. Unsere Gastgeber waren von einer Liebenswürdigkeit, die nichts zu wünschen übrig ließ. Dann suchten wir eine Bar 78 auf. Während mich die Engländerin mit Beschlag belegte, befaßte er sich mit Maria. Er tanzte unausgesetzt mit ihr.

Maria war an diesem Abend so schön, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Übermütig, charmant, kokett. Der Widerschein eines inneren Feuers spielte auf ihren Wangen, und die Nervosität der angeregten Frauen, die alles mitschwingen läßt, verlieh ihr eine libellenhafte Leichtigkeit. Ich hatte nur einige Frankstücke in der Tasche und dachte voller Schauder an den Augenblick, wo der Engländer bezahlen würde. Seiner Frau war die einzige Waffe geblieben, mit mir zu flirten, um sich zu rächen, doch die beiden andern waren die Stärkeren; denn während wir uns für einander überhaupt nicht interessierten, hatte sich sein Interesse für Maria während des ganzen Aufenthaltes gesteigert, und Maria hatte bereits die Grenzen des Flirts überschritten.

»Wohin fahren Sie morgen?« fragte ich gezwungen in der Tanzpause, um etwas zu sagen und die lebhafte Unterhaltung der beiden, die uns vergessen hatten, zu unterbrechen.

Er erzählte, sie wollten mit ihrem Auto einige Städte besuchen.

»Das schönste Reisen ist doch nur im eigenen Auto!« sagte Maria begeistert.

»Fahren Sie mit uns!« fiel er rasch ein und blickte dabei weltmännisch und beherrscht nicht Maria, sondern mich an.

Maria wäre bereit gewesen, und ich mußte, um die Lage nicht aus der Balance zu bringen, scheinbar auf den Plan eingehen. Wir begossen ihn mit Sekt. Dann tanzten wir wieder. Endlich wollten wir 79 aufbrechen, doch der Engländer überredete uns, noch die letzte Flasche zu trinken, bei der wir die Reiseroute angeben sollten; denn er wollte Marias Wünsche erfüllen. Die Schwäche hatte mich so sehr übermannt, daß ich plötzlich Kraftmeierei trieb. Ich blickte meinen Rivalen herausfordernd an und fragte:

»Würden Sie mir wirklich zwanzigtausend Francs leihen?«

Maria erstarrte und sah mich mit Augen, aus denen jedes Leuchten gewichen war, hart an. Die Frau des Engländers dagegen lebte in diesem Augenblick auf.

»Selbstredend!« antwortete er gleichgültig. »Wie Sie wünschen!« – Er richtete die Worte an Maria.

»Ich danke Ihnen! Wir fahren also morgen zusammen!«

Einige Minuten später war es Maria, die zum Aufbruch mahnte.

»Ich glaube, daß ich zu viel verlangte!« – flüsterte ich auf dem Heimweg grausam Maria zu. Sie beachtete es nicht und sprach weder mit mir noch mit dem Engländer.

In der Hotelhalle angelangt, traten von beiden Seiten zwei Geheimpolizisten auf uns zu und forderten unsere Legitimationen. Nach Einsicht baten sie uns höflich, auf das Kommissariat mitzukommen. Dort wurde ich aufgefordert, genaue Angaben über den Inhalt meiner Brieftasche zu machen und ihr Äußeres sorgfältig zu beschreiben. Dann wurde sie mir ausgehändigt. Es fehlte nichts. Unsere englischen Freunde erklärte der Kommissar für verhaftet und ließ sie trotz heftigsten Protestes abführen.

80 »Zwei internationale Hochstapler,« sagte er dann, »die wir schon lange suchen. Ihre Brieftasche, mein Herr, haben wir im Zimmer der beiden gefunden.«

»Und der Mann, dem ich den Fausthieb versetzte?«

»Ist auch verhaftet und gehört zur Bande. Alltägliche Sache hier bei uns, wo sich das Geld der ganzen Welt Rendezvous gibt.«

Ich dankte und führte Maria nach Hause.

Morgendämmerung löschte die elektrischen Birnen aus, und als wir ins Zimmer traten, konnte man jeden Moment den Ausbruch der Sonne erwarten. Ich störte Maria nicht. Sie setzte sich vor die offene Tür, die auf die Terrasse hinausführte, und verharrte regungslos.

Ich lehnte seitwärts an der Wand. Ich wußte die Gedanken, die sie jetzt bewegten.

Nun war ich der Stärkere, und darum faßte ich meine Antwort in eine Bewegung zusammen, trat zu ihr und strich ihr übers Haar.

Drüben schleuderte sich die Sonne aus den Wellentiefen des Meeres empor und sprang dem Leben auf den Kopf.

»Ein neuer Tag, Maria!« – flüsterte ich und drückte sie an mich. Die Sonne war schon bis zur Hälfte emporgetaucht und verscheuchte den letzten Rest des Nachtdunkels. Das Meer blitzte auf. Eine Turmuhr schlug mit hellem Klang die Stunden aus, und der Klang zitterte nach.

Maria saß noch regungslos.

Ich erwartete den vollständigen Sieg der Sonne, dann schloß ich die Tür, und zog überall die Rolläden vor. Wenige Minuten später schlief sie tief. Wie ein 81 Kind sah sie aus, das so lange weint, bis es der Schlaf überwältigt.

Paradiso . . . dachte ich, Windstille unter der unendlichen Kuppel . . . Ich saß an Marias Bett und dachte über den Vorfall nach. Etwas war in unser Paradies eingebrochen, und obwohl es nur wie ein Luftzug vorübergesaust war, vermochte es das Antlitz dessen, was unser gewesen, völlig zu ändern. Ich mußte die Gedanken erst mühsam zusammensuchen, um eine logische Kette der Überlegung zu formen. Vom Augenblick unserer Abreise hatte sich kein Hindernis in den Weg gestellt, alles gelang nach Wunsch. Der Engländer . . . auch er bedeutete keine Störung, und noch weniger eine Gefahr. Man hatte mir das Geld gestohlen –, das war ein peinlicher Augenblick, und er konnte sich vielleicht zu unbequemen Komplikationen auswachsen. Sollte es das sein, das seine Schatten vorauswarf?

Antwort auf diese Frage konnte nur Maria geben. Sie rührte sich nicht und schlief bis in den Nachmittag hinein. Als sie erwachte, war es schon spät. Einige träge Bewegungen, hinter denen sie das schlaftrunkene Blinzeln verbarg, dann ein Lächeln, ein glückliches, zufriedenes, und sie streckte die Hand nach mir aus.

Ich zog die Rollbalken hoch und ließ die Sonne und das Meer hineinströmen. Sie sprang aus dem Bett und lief ins Badezimmer. Dann kam sie in einem weiten seidenen Schlafrock zurück, mit dessen lichtgelber Farbe die Sonne sofort ihr Spiel begann.

»Wir bestellen ein kaltes Essen aufs Zimmer. Und Sekt! Wir haben doch wieder Geld!« rief sie begeistert und klatschte in die Hände.

Während des Essens griff ich an.

82 »Warst du wegen des Geldes sehr beunruhigt?«

»Erlaube?«

Ich lenkte das Gespräch in andere Bahnen und fragte später, unmerklich zurückbiegend, indem ich einen neckischen Ton anschlug:

»Der Engländer hat dir gefallen, Böse!«

»Nein!« – sagte sie energisch und entschieden.

»Wozu also . . .«

»Wozu? Es scheint mir, daß man dich in allem belehren muß! Ohne Flirt gibt es keine Liebe!«

»Wolltest du ein Liebesverhältnis mit ihm?«

Da lachte sie hell mit der Siegesgewißheit, die den Frauen eigen ist, wenn sie den schwerfälligen Denkapparat des Mannes mit der Raschheit ihres Fühlens überrennen und das stärkere Geschlecht besiegen.

»Mit ihm ein Liebesverhältnis? Ich meinte unsere Liebe! Meintest du, sie könnte ohne Flirt bestehen? Und wie lange?«

»Wir weilten doch erst seit zwei Wochen im Paradies!«

»Erst seit zwei Wochen!« rief sie entrüstet. »Du bist ein Mann und ein schwerblütiger dazu! Du wirst nie begreifen, worum es sich handelt!«

Diese Wertung war neu und eigenartig, ich mußte es vor mir eingestehen. Unsere Liebe ist also zu Ende, dachte ich. Jedenfalls ist Maria eine Frau, die sich nicht einfangen läßt und die Initiative immer in Händen hält.

»Wir müssen also jetzt auseinandergehen?« fragte ich leise.

Da machte sie die verwundertsten Augen der Welt und schüttelte den Kopf.

83 »Auseinandergehen? Jetzt verstehe ich dich überhaupt nicht. Ich sagte dir doch eben, daß ich um unserer Liebe willen den Flirt begonnen hatte! Verstehst du denn nicht? Hast du denn nicht die geringste logische Fähigkeit?«

Ich wollte nicht verstehen! Ich wollte diese Wertung nicht gelten lassen und ließ die großen Geschütze auffahren. Ich führte den Egoismus und die Ausschließlichkeit der Liebe ins Treffen und versuchte sie mit allen Mitteln zu bekehren. Ihre Ansicht war der Ausdruck einer völlig verwilderten Lebensauffassung, die alles auf den Kopf stellte, und dennoch sollte ich der Logik entbehren, die sie sich selber in besonderem Maße zuerkannte. Oder war hier etwas grundlegend Neues? War diese Frau Vorbote einer neuartigen Beziehung der Geschlechter, die einmal Wirklichkeit werden würde?

Ich mußte sie treffen und verwunden, um zu erfahren, ob ihre Worte leichtfertig und böse waren oder ob sich hinter ihnen der Sinn einer neuen Zeit verbarg. Daher fragte ich im gleichgültigsten Tonfall:

»Sag aufrichtig: wolltest du mich nicht in dem Augenblick verlassen, als ich ohne Geld dastand?«

Ihre Augen füllten sich mit einem weichen Licht. Und das Mütterliche der Geliebten verzieh mir in einigen Sekunden des Schweigens, in denen die Wandlung vor sich ging. Dann sagte sie mit tief erklingender Stimme:

»Ich wollte dich nicht verlassen.«

Die Schwerkraft meiner brutalen Frage aber hatte mich schon zu sehr vornübergerissen, als daß ich hätte stehen können.

84 »Du wandtest dich aber sofort dem Engländer zu und ließest dich zum Abendessen einladen!«

Ruhig stand sie auf und holte aus ihrem versperrten Reisenecessaire ein Blatt hervor. Es war ein Akkreditiv an eine Bank des Badeortes und lautete auf dreißigtausend Francs.

»Von meinem Mann!« fügte sie bloß hinzu. »Ich erzählte dir schon von meinem letzten verlorenen Goldstück in Monte Carlo. Und ich sagte dir auch, daß es keine Lage geben kann, in der ich mein letztes Goldstück verliere. Aber du bist dumm, merkst dir nichts und bist ein Kind.«

»Ich kann dich nicht verstehen!«

»Du wirst mich verstehen!«

Der Tag war für mein Paradies verloren. Die Sonne war schon zur Hälfte ins Meer versunken. Viel konnten wir mit dem Rest nicht anfangen. Wir kleideten uns an, saßen in der Halle und beschlossen, in die Oper zu gehen. Die Aufführung war mittelmäßig, wir verließen sie nach dem zweiten Akt. Nach dem Abendessen besuchten wir noch einen Privatzirkel, wo man mit hohen Einsätzen Roulette spielte. Ich verlor und gewann wieder alles zurück. Das Spiel war mir so gleichgültig wie die Oper. Ich wollte nichts forcieren und beendete den Tag rasch; nachdem ich Maria die Hand geküßt hatte, streckte ich mich im anderen Zimmer des Appartements auf meinem Bett aus.

Ich glaubte ihr nicht und hielt ihre Worte für ein geschicktes Spiel. Jetzt lag sie drüben, schlief nicht und dachte an den unerwartet und übel abgebrochenen Flirt.

85 Auf Zehenspitzen näherte ich mich der Verbindungstür, die nur angelehnt war, und lauschte.

Sie schlief. Ihre Atemzüge gingen tief und regelmäßig. Sie hatte keine quälenden Gedanken. Sollte ich mich irren? Waren ihre Worte wirklich Ernst gewesen? Mußte es so sein? Das Neue? . . . Ein Akkreditiv auf dreißigtausend Francs . . . Das bewies die völlige Unabhängigkeit. Wie sollte ich diese Zusammenhänge verstehen? Zwei Wochen ausschließlichen Zusammenlebens waren zu viel und gefährdeten die Liebe? . . .

Der nächste Tag begann strahlend und ging strahlender zu Ende, als wir es bisher erlebt hatten. Maria saß in der Abendsonne und schaute auf das Meer hinaus. Die Strahlen umbrandeten heiß und begehrend ihren Körper, und das Meer rauschte werbend zu ihren Füßen.

Paradiso . . . erklang es in mir.

Und meine Hände, die dem in unser Paradies eingebrochenen Feind nun den Todesstoß versetzen wollten, glitten heran. Sonnenstrahl und Meeresrauschen sollten unsere Seelen wieder erfüllen wie damals . . .

Die Hände hielten inne. Wie damals? . . . dachte das Hirn. Und es lag plötzlich weit zurück. Unendlich weit! Ich konnte mit meinen Händen die Zeit nicht mehr zurückbiegen, sie waren zu schwach und blieben erschrocken in der Luft hängen.

Oder hatte Maria eine kleine, unmerkliche Abwehrbewegung gemacht, die meine Hände, an die Feinheiten ihres Körpers gewöhnt, bemerkten?

Ihr Blick traf mich, der volle, warme, mütterliche Blick. Sie zog meine Hände an sich, und ich kniete vor ihr.

86 »Wie lange sind wir jetzt hier?« fragte sie.

Ich legte meinen Kopf auf ihren Schoß, sog das Meeresgebraus ein, ließ mich von der gewaltigsten Musik ganz erfüllen, und während ich es erfaßte, daß Maria, die da meine Hände festhielt, schon weit fort war von Meer und Sonne, antwortete ich:

»Wir reisen morgen, Maria.«

Da ließ sie meine Hände los und schenkte mir noch einmal das Paradies, das Spiel der scheidenden Sonne und des brausenden Meeres mit ihrer alles überstrahlenden Nacktheit.

Zwei Tage später trafen wir in der Stadt ein. Eine Leere klaffte mir von überall entgegen, in die ich kopfüber hinabstürzte. Auf dem tiefen Grunde der Stille blieb ich liegen, ganz ohne Gefühle, ohne Gedanken. 87

 


 


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