Paul Neubauer
Maria
Paul Neubauer

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XVI.
Pariser Kaskaden

Das bleiche Gesicht Marias vom roten Plüsch des Abteils umrahmt. Stunde auf Stunde war vergangen, der lange Tag und die lange Nacht, beide in das gleichförmige Geratter der Eisenräder aufgelöst.

Noch hatte sie kein Wort gesprochen. Alle meine Fragen ließ sie unerwidert. Der Ausdruck ihres Gesichts war in sein Gegenteil verwandelt. Mut und Entschlossenheit, Energie und Klugheit waren aus ihm gewichen. Er war leidend, sehnsüchtig.

Das Geratter der Räder war die einzige Antwort. Sie schloß die Augen, deren Grau unheimlich dunkel war. Nach Stunden erst öffnete sie sie wieder und schaute zum Fenster hinaus. Uns beiden gleich floh die Gegend. Maria, die Dinge, die Gedanken lösten 344 sich in Bewegung auf, in viele Bewegungen, die blitzartig ineinander übergingen . . . Das einzig Feste und Ständige war das Abteil, in dem sich außer uns niemand befand. Es blieb bis zum Ziel leer.

Manchmal würgte der Schmerz Maria so stark, daß trotz aller Beherrschung Tränen in ihre Augen traten. Ich sah die zitternden Lippen, wie sie sich zum Sprechen öffneten, und wie sie sich dann ineinander verbissen. Wollte sie, durfte sie nicht sprechen?

»Unsere Flucht wird die guten Alten schwer getroffen haben! Kannst du mir nicht den Grund sagen?«

Ich erhielt keine Antwort. Nur wenn sie etwas benötigte, bat sie mich darum, sonst schwieg sie. Sie aß trotz meines heftigsten Protestes sehr wenig. Wie geistesabwesend starrte sie zum Fenster hinaus, und meine Frage, ob wir denn wirklich nach Paris fahren sollten, entzündete in ihren Augen ein verzehrendes, fremdes Licht.

Wenn ihr Blick sich ins Abteil zurückfand, betrachtete sie mich manchmal sehr lange mit einer Aufmerksamkeit, als entdecke sie jetzt erst mein Gesicht. Dann starrte sie wieder hinaus oder vor sich hin. Mir war, als spräche sie zu einem Unsichtbaren; denn einmal lächelte sie ironisch und herausfordernd, dann trat wieder der Ausdruck der Angst in ihre Augen, und sie erblaßte bis an die Haarwurzeln.

Alle meine Bemühungen erwiesen sich als vergeblich. Die lange Fahrt war ermüdend, doch Maria schlief nicht. Die Gedanken schienen sie unaufhörlich zu bewegen, Gedanken, die ich nicht erraten konnte.

Der Zug brauste schon die Marne entlang dahin. Eine trostlose Gegend mit Steinbauten, den roten, 345 kleinen Steinhäuschen, die man als schnelle Hilfe für die vom Krieg betroffenen Menschen erbaut hatte.

Schon ahnte man in naher Ferne Paris, die gigantische, die einzige Stadt. Die Wirkung war beunruhigend! Paris . . . Genies, Weltgeschichte, Kunstwerke, Elend, strahlendster Luxus . . .

Die bleiche Frau wurde von einer Unruhe erfaßt«

»Kennst du Paris, Maria?«

Auch jetzt antwortete sie nicht. In den leeren Blick aber kehrte allmählich das Leben zurück, und die Geister, mit denen sie gekämpft hatte, waren verschwunden, irgendwo am langen Weg zurückgeblieben. Die blassen Wangen überzog Röte, die Augen begannen zu glänzen.

»Sprich doch endlich! Ich hab deine Stimme seit so vielen Stunden nicht gehört! Ich weiß nichts mehr von dir, du bist mir abhanden gekommen! Ich weiß nicht, wo du in jener Nacht gewesen bist, weiß nicht, was du von mir denkst! Warum bist du mit mir zu meinen Eltern gereist? Was wolltest du von den alten Leuten, die du ohne Abschied verlassen hast? Sie sitzen jetzt schweigend beieinander, ratlos! Was tust du? Du bist mir abhanden gekommen . . .«

Da bohrte sich die Lokomotive wie ein Riesenkeil in den Leib der Stadt der Städte. Das Grau der Jahrhunderte wich nach beiden Seiten zurück. Unfaßbar dies Stürzen der Materie! Häuserreihen rasten über- und untereinander hinweg. Tief unten oder hoch oben, in einer Straße, auf einem Platz, das Bild eines Mädchens . . . im nächsten Augenblick verhundertfacht . . . hundert Gestalten, tausend und zehntausend . . . und alles die eine Gestalt: Häuser, Ecken, Parks, Menschen, Autos, Bahnen . . . und darüber die 346 Kirche von Montmartre . . . Paris, in dessen Masse der Zug sich hineinbohrte, sieghaft vordrang . . . der kleine Wurm gegen die Unendlichkeit dieser Stadt kämpfend . . . bis mit einem Schlage alles erstarrte, ein Kristall: Paris!

Mit strahlenden Augen stand Maria am Fenster und sprach das erste Wort:

»Du wirst mich wiederfinden!«

Es gab keinen Tag, keine Sonne, keinen Himmel und keinen Boden. Auch keine Straßen und Häuserreihen gab es. Wir stürzten in einen Strudel kopfüber hinab.

Ein heißes Bad und eine kalte Dusche hatte alle Müdigkeit von uns genommen. Im Claridge auf den Champs Elysées richteten wir uns ein.

Ihr Aufschrei angesichts der ewigen Stadt klang mir wie Kampfansage in den Ohren und erfüllte mich wie eine Sinfonie unbekannter Instrumente. Der Einsatz ein Prestissimo, von gigantischen Paukenschlägen eingeleitet, und ein aufstampfendes Riesenmotiv der Leidenschaft . . .

Ich blieb plötzlich mitten im Salon mit einer Reisetasche in der Hand betäubt stehen. Die Rhythmen von Paris hämmerten mir in allen Poren! War das die Stadt? War es Marias Leidenschaft? Galt sie mir? Ich erblickte Maria im Nebenzimmer . . . Auch sie stand angewurzelt: das vor uns ausgebreitete Elysium, die unvergleichliche Straße . . . Und auf Marias Antlitz spiegelte sich ihr Widerschein . . .

Die unendliche Stadt raste durch die Luft . . . ein hohler Ton. Sie schwebte über sich, unter sich: sie war überall. Kein Oben, kein Unten! Sie selbst und ihr eigen Spiegelbild ließ sie die unzählbaren 347 Herzschläge der sich stauenden, lösenden und vorüberrasenden Massen in einen einzigen Ton münden, der sich über alle Töne emporschwang. Die Stadt, ein großes Wahntier, unabsehbar und unüberwindlich: Selbstzweck. Ihre Atome wurden in Augenblicken geboren und starben in Augenblicken. Sie sagten von sich: Ich! – aber sie waren das Wahntier, die Stadt . . .

Durch das Licht hämmerten Straßenbahnen fremden Zielen entgegen. Sie rissen Köpfe und Beine mit sich ins Unbekannte. Alle Augen spiegelten die eine Frage: wohin? Der Mund nannte Straßen, Plätze, Häuser, das Hirn wußte Wohnung, Zimmer, Familie, Freunde . . . und dennoch waren die Augen die eine Frage: wohin? . . .

Die Häuserreihen preßten sich gegeneinander, ängstlich und gespenstisch. Derselbe Wille, der sie ins Erdreich hinabdrückte, stieß sie dem fahlen Graublau der Horizonte entgegen. Sie wankten und führten seltsame Bewegungen aus. Manchmal fiel, wie ein Schleier vom Gesicht, ihre Vorderseite in eine Versenkung. Wohnungen wurden sichtbar, hunderte, tausende zugleich. In ihnen saßen Menschen an Tischen, tanzten, standen in Gruppen . . . In Kellerlokalen . . . in prunkvollen Wintergärten . . . Die Räume standen still, während die Häuserreihen in den Magnetenzwang der Horizonte hineinwankten . . .

Breite Parkanlagen verdämmerten in ihrem Schweigen. Die Gesichter der Menschen verströmten in ein Gesicht, ein müdes, grausames: es schob sich unaufhörlich auf Millionen vorwärts und zurück: das eine Antlitz der Welle, die, sich ewig fliehend, sie selbst zu bleiben scheint . . . das Gesicht der Stadt floh immer rascher, je länger das Auge es 348 anstarrte . . . bis es zum Wirbel geworden, plötzlich erstarrte und stillstand, da die Bewegung den Höhepunkt erreicht hatte . . .

Und die Töne, die auf ihren unsichtbaren, unheimlichen Flügeln in ein Rauschen zusammenschwirrten, kämpften miteinander . . . bis auch die Töne in einen einzigen Ton mündeten . . .

Die Nacht war herniedergesunken – – –

Da drehte eine mächtige Faust eine Kurbel. Ein Ruck, und alles stand still. Doch nur einen Atemzug lang. Dann stoben die Atome auseinander, die Teile der Stadt, wie zerstiebende Wassertropfen im Licht . . . Der Gedanke faßte den Wechsel nicht . . . Die hereinbrechenden Fluten zerfallender Einheit schossen durch die Straßen . . .

Flammen sprangen auf, grüne, rote, gelbe Flammenbänder.

Es wurde hell.

»Maria!«

Aus ihren Augen leuchteten die vorübergezogenen Bilder. Die farbigen Flammen umzüngelten sie. Erschrocken griff ich nach ihr, der plötzlich so fremden Frau, die unbemerkt meinem Leben eine neue Richtung gegeben hatte.

»Paris!« stieß sie hervor. »Komm! Man erwartet uns bei Pigalls!«

Das Auto raste durch Nacht-Paris.

Ziellos durch die freie Republik Montparnasse. Den Boulevard Raspaille entlang. Dann über die Place de la Concorde. Die Champs Elysées hindurch und empor zum Montmartre.

Flammenbänder, Lichtsignale, grün, rot und gelb sprangen unaufhörlich über uns hinweg. Marias 349 Gesicht glühte. Trotzig hob sich ihr blonder Kopf aus dem Biberpelz, und die Nase sog gierig Paris ein.

»Warum fahren wir so kunterbunt? Wir wollen doch zu Pigalls?«

»Wir fahren durch Paris! Lehn dich zurück! Es ist Mitternacht, und bei Pigalls beginnt der Betrieb erst.«

»Du bist so fremd, Maria! Du glühst! Ich erkenne dich nicht!«

»Du sollst mich heute abend wiederfinden! Ich habe es dir versprochen.«

»Was erwartet uns bei Pigalls? Rede doch endlich vernünftig!«

»In Paris redet man um Mitternacht nur noch unvernünftig! Ich habe Sehnsucht nach Hollywood . . . nach irgendeinem Hollywood der Erde! Du selbst hast es so gesagt! Damals! Weißt du noch? . . .«

»Damals! . . . In der ersten Nacht, als ich dich von Adele nach Hause brachte . . . ich weiß . . .«

»Du weißt nicht, wie recht du damals hattest!«

Ihr Lachen, das etwas verbergen sollte, klang nach Schluchzen. Ich glaubte, im Augenblick alles begriffen zu haben: ihren Abend bei van der Werften, die Reise zu meinen Eltern und jetzt Paris . . . Und darüber hinaus den Sinn dieses Jahres, das ich mit ihr verlebt hatte. Erbleichend faßte ich sie hart am Arm:

»Was verheimlichst du? Was hast du vor?«

»Ich habe kein Geheimnis vor dir! Hätte ich eines, so wäre ich allein nach Paris gefahren.«

»Was meintest du mit Hollywood? Das war ja damals nur ein leichtsinniges Wort, um dich zu reizen!«

350 »Leichtsinnig? Es hatte seinen Reiz, wir sind in Hollywood . . .«

Das Auto hatte die letzte Kurve scharf genommen und blieb inmitten eines Automeeres stehen. Der Schlag wurde aufgerissen. Licht sprang auf Licht. Jazzband, Brillantengefunkel und Smokings, Amerika in Paris: Pigalls.

Geblendet stand ich mit Maria vor dem Eingang.

Die Betäubung dauerte eine Sekunde. Der Blick schlug sich durch: am anderen Ende des Saales saß in einer Loge Fred van der Werften und neben ihm in großer Abendtoilette meine Unbekannte. Als ich sie erblickte, tranken sie sich eben zu. Sie hatten uns noch nicht bemerkt.

Marias Wangen wurden um eine Schattierung röter, sie streifte mich mit einem raschen Blick und sagte freudig erregt:

»Fred van der Werften mit einer Dame!« Sie hob ihr Lorgnon an die Augen. »Eine hübsche Frau! Komm, setzen wir uns zu ihnen! Das nenne ich einen reizenden Zufall.«

Wir durchquerten den Saal, in dem eifrig getanzt wurde. Wundervoll sah Maria in ihrem Abendkleid aus. Einige Tänzer verschlangen sie mit heißem Blick, während sie mechanisch mit ihren Damen den Tanz fortsetzten. Van der Werften hatte Maria, die Unbekannte mich ins Auge gefaßt, und bevor ich einen einzigen Gedanken zu Ende zu denken vermochte, war er mit einladender Geste aufgestanden und kam uns entgegen. Er glich seinem Vetter, dem Konsul, wirklich aufs Haar.

Er hatte auch die Art seines Vetters: die vollkommene Ruhe des Weltmannes, dessen Einglas der 351 Brennpunkt aller Möglichkeiten scheint, des Mannes, den nichts überraschen kann. Sein Erstaunen, Maria in Paris zu sehen, war entweder ehrlich oder gut gespielt. Er zeigte nicht die geringste Unruhe.

Ich begrüßte meine Unbekannte, ohne von meiner Verwirrung etwas zu verraten.

»Kennen sich die Damen?« fragte ich leicht.

»Wir kennen uns sozusagen kreuzweise!« meinte verbindlich Herr van der Werften und stellte die Damen vor. Ich kannte den Namen, den er nannte, nicht, doch da ich auf alle Lügen gefaßt war, mußte ich davon überzeugt sein, daß es ein falscher war. »Mich kennen Sie gewiß!!« sagte er zu mir und reichte mir die Hand. »Ich bin mein eigener Vetter. Wollen wir alle wieder Platz nehmen! Sind Sie heute in Paris angekommen? Wo wohnen Sie?«

Er sprach in gleichgültigem Ton, als machte er konventionelle Konversation.

»Wir sind heute eingetroffen,« antwortete Maria unbefangen, »und wohnen im Claridge

»Welcher Zufall! Wir wohnen auch dort. Erste Etage, Appartement 121.«

»Dann sind wir Nachbarn!« sagte ich scharf. »Unser Appartement ist daneben. Ich zähle die Zufälle. Dieser ist der dritte heute abend.«

Er ließ sich nicht überraschen.

»Sehr nett! Dann können wir die letzte Zigarette des Tages gemeinsam zu Ende rauchen. Wenn Sie nicht anderweitig besetzt sind, schlage ich vor, gleich heute zusammenzubleiben.«

»Ich weiß noch nicht, ob es gehen wird!« sagte Maria. »Vielleicht holt man mich hier ab, falls meine Verständigung rechtzeitig ankam.«

352 »Sagtest du nicht, man erwarte dich hier bei Pigalls?« fragte ich.

»Ach, glaubst du vielleicht, ich wußte, Herr van der Werften werde hier sein? Ich verständigte einen Freund, der mir sehr lieb ist und in Paris wohnt. Aber Paris! Der Pariser ist nie zu Hause, selbst dann nicht, wenn er zu Hause ist.«

Frage und Antwort zeitigten eine leichte Spannung. Ich bemerkte, daß van der Werften Maria mit einem raschen Blick streifte.

»Sollte aber mein Freund kommen, dann könnt Ihr, falls Sie nichts Besseres vorhaben, den angebrochenen Abend zusammen beenden.«

Sie hatte es bemerkt, daß ich die Frau, die mit van der Werften war, als Bekannte begrüßt hatte, stellte aber keine Frage. Sie war also mit einem festumrissenen Plan nach Paris gekommen.

»Wir wollen abwarten!« sagte van der Werften und bat Maria um einen Tanz.

Ich verneigte mich vor der Unbekannten, aber sie gab mir einen heimlichen Wink und bedauerte, heute nicht tanzen zu können, da sie zu müde sei.

»Werden Sie sich jetzt bequemen, die Wahrheit zu sagen?« fragte ich sie, als wir allein geblieben waren, ironisch. »Fast glaube ich, es dürfte hoch an der Zeit sein, und fast glaube ich, daß selbst ein reumütiges Geständnis nicht viel wird nützen können.«

»Was will Ihre Freundin hier? Wozu ist sie nach Paris gekommen?« fragte sie eisig. – »Sie wußte, daß Fred . . .«

»Mit Ihnen, gnädige Frau?«

»Falsch angebrachte Ironie! Sie wußte, daß Fred mit mir nach Paris gefahren war!«

353 »Wo waren Sie an jenem Abend? Ich meine den Abend, als mir die ehrenvolle Rolle zugedacht war, Sie vor Herrn Fred van der Werften zu beschützen!«

Ihr Blick verdunkelte sich vor Zorn.

»Und wo waren Sie an jenem Abend?«

»Zunächst bei van der Werften und dann in der Villa. Ich wurde nicht eingelassen, dafür aber sah ich Frau Lia mit ihrem Freund herauskommen. Und Sie?«

»Sie haben also mit Ihrer Freundin Maria noch über nichts gesprochen?«

»Bisher habe ich alles verheimlicht.«

»Wirklich?« lachte sie mit vernichtender Ironie. »Und wie glauben Sie, die anderen, der Konsul, René, Lia, sie alle hätten auch alles verheimlicht?«

»Das ist jetzt ganz gleichgültig! Nehmen wir an, jemand habe Maria genau informiert. Wo aber waren also Sie damals?«

»Ich war damals,« antwortete sie sehr langsam, »im Salon, im großen Salon des Herrn Konsuls Leonid van der Werften.«

»Sie waren . . . der Konsul kam zu mir in den kleinen Salon und sagte mir . . .«

»Und sagte Ihnen!« spottete sie. »Und Sie gingen ihm augenblicklich auf den Leim und rannten in die Villa?!«

»Das tat ich allerdings! Ich rannte Ihnen nach! Ich gestehe es! Und Sie waren im Salon . . . Der Konsul sagte mir, Sie hätten in seinem Auftrage gehandelt, als Sie mich bestimmten, um Mitternacht im kleinen Salon zu erscheinen . . . denn damals wollte er seinem Vetter Maria zuführen, der Herr Konsul! . . . Und Sie . . .«

354 »Ich war im großen Salon. Dort war außer mir der Konsul, sein Vetter und . . . Ihre Freundin Maria!«

»Also doch!«

»Aber gewiß!« lachte sie höhnisch. »Freds Wahl war auf mich gefallen . . .«

»Herr Fred van der Werften konnte nicht wählen! Er hatte nicht die Möglichkeit!«

»O, das ist ein Irrtum! Glauben Sie mir! Wenn Sie noch so böse sind! Wenn Sie aber nicht glauben wollen, dann können Sie mir wahrscheinlich die Zwischenfrage beantworten, warum Frau Maria Sie an jenem Abend so lange zurückhielt, bis Sie den Mitternachtstermin versäumten, verspätet kamen und – – warum sie sich so plötzlich entschlossen hatte, mit Ihnen nicht auszugehen, zu Hause zu bleiben, um dann doch, ebenso plötzlich, bei van der Werftens zu erscheinen?«

»Das zu fragen, haben Sie kein Recht!«

»Möglich!« sagte sie leicht und gar nicht beleidigt.

»Was wollten aber Sie von mir?«

»Eine Liebesnacht!«

»Scherzen Sie weniger frivol! Und beeilen Sie sich! Der Tanz ist gleich zu Ende!«

Da griff sie mit einer raschen Bewegung nach meinem Haar und zog meinen Kopf zu sich. In diesem Augenblick tanzte Maria mit van der Werften an der Loge vorüber, und beide sahen es.

»Ich wollte eine Liebesnacht mit Ihnen!« flüsterte sie rasch. »Ich, die Maitresse des Konsuls Leonid van der Werften!«

Ich riß meinen Kopf zurück.

»Das sind Sie?«

355 »Ich werde mich nicht schämen, obwohl ich das Geheimnis preisgegeben habe!«

»Wo enden die Lügen? Wo beginnen sie? Was wollen die Leute?«

Sie lächelte nachsichtig.

»An jenem Abend wollten sie mir Fred entreißen, der sich in mich verliebt hatte und mich heiraten will. Verstehen Sie noch immer nicht?«

»Sie lügen!! Sie sind Frau Lias Freundin! Wie können Sie des Konsuls Geliebte sein?«

»Bewegen Sie sich noch auf dieser Plattform?« sagte sie erstaunt. »Die Ehe ist, denke ich, seit mindestens zwei Jahrzehnten tot! Lia hatte ebensowenig etwas dagegen wie der Konsul gegen den Oberleutnant Creuzot . . .«

»Was geschah an jenem Abend?« fragte ich atemlos.

Der Tanz war zu Ende. Maria und Fred stiegen die Treppen empor. Sie konnte nicht mehr antworten und blickte mich schnell und warnend an.

Die Erregung dieses Gesprächs zitterte noch in der Luft. Fred behielt unentwegt sein verschlossenes Gesicht, Maria scherzte und strahlte. Sie schwärmte für die allermodernsten Tänze und lobte die ausgezeichneten Fähigkeiten und Kenntnisse ihres Partners. Fred lächelte liebenswürdig, ohne besonderes Interesse für den Tanz und Maria zu zeigen, und befaßte sich mit meiner Unbekannten.

Ich tauchte mit einem Kopfsprung unter, um die drei aus der Reserve herauszulocken.

»Wir beide,« sagte ich nebenhin, »haben inzwischen eine interessante Entdeckung gemacht. Wir 356 kennen uns von früher und wissen nicht, woher. Wir kennen uns ganz gewiß.«

»Ich glaube,« sagte Fred absichtlich etwas gepreßt und steif, »daß man immer die Frau von irgendwo zu kennen glaubt, die gefällt. Man sieht die eigenen Wünsche in ihr realisiert, und das erklärt alles.«

»Das ist zum Teil richtig!« bestätigte Maria mit einem nachdenklichen Blick auf mich. »Und habt Ihr Euch noch nirgends gesehen?«

»Das ist es eben, was ich nicht weiß!« sagte lebhaft die Unbekannte.

»Die beiden Damen haben sich auch noch nie gesehen?« fragte ich.

»Nein!« sagten beide zugleich, und im nächsten Augenblick entstand eine Pause der Verlegenheit.

Die Musik setzte ein. Fred verneigte sich, da die Unbekannte den Tanz ausschlug, vor Maria und führte sie in den Saal.

»Was geschah an jenem Abend? Rasch! Ich warte nicht mehr bis zum dritten Tanz!«

»Sie sehen, was geschah: Maria ist Fred nach Paris nachgereist.«

»Und Sie hatten mich gebeten, Sie vor Fred zu beschützen!«

»Das war Komödie. Der Konsul wollte es.«

»Und sagen Sie doch endlich, wozu er die Komödie arrangierte? Wenn Sie jetzt lügen, begehen Sie die denkbar größte Unklugheit! Sie brauchen mich, den Verbündeten! Ich als Feind wäre sehr schädlich!«

»Glauben Sie? Mit Ihrer Freundin werde ich fertig! Das schwöre ich Ihnen! Es geht um ein ungeheueres Vermögen! Hat sie vielleicht auch Appetit auf das Schloß von Bombay bekommen? Oder ist es 357 eine Laune von ihr? Fred wollte nur sehr kurze Zeit bleiben; denn ihn interessierte weder sein Vetter noch dessen Frau. Der Konsul war erst sehr bestürzt, als er von seinem Kommen hörte und arrangierte den ersten, arg mißlungenen Teil der Komödie. Der zweite war dann sein Ernst.«

»Es handelte sich demnach in jener Nacht nicht um Sie, sondern um Maria?«

»Das hätten Sie in dem Augenblick wissen können, als Maria Sie aufhielt, bis Mitternacht vorüber war, und als Sie mich weder im kleinen Salon noch in der Villa gefunden hatten.«

Dann schwieg sie absichtlich, und die fein ironische Einkerbung, die die Mundwinkel nach abwärts bog, vertiefte sich. Ihr Blick spiegelte den Sinn des ganzen Intrigenspiels der van der Werften. Sie nagte an der Unterlippe.

»Ihre Freundin Maria hat einmal den Oberleutnant Creuzot davon zurückgehalten, Frau Lia ins Bad nachzureisen . . . Frau Lia hat die richtige Antwort gefunden! Jetzt wissen Sie, wie Sie zu der Ehre kommen, in dieser Komödie eine ziemlich bedeutende Rolle zu spielen . . .«

»Aus welchem Grunde ging aber Maria auf den Flirt mit van der Werften ein? Sie kannte ihn nicht und folgte dennoch der Einladung des Konsuls!«

Sie beugte sich ein wenig vor und sagte ruhig:

»Zunächst, weil sie von unserer ersten Liebesnacht längst wußte . . . und dann . . . aber Sie werden die Frauen nie verstehen! So viel will ich Ihnen doch noch verraten: Fred erwartete in jener Nacht mich. Der Konsul hatte es ihm versprochen. Plötzlich erschien Maria. Sie wird etwas nach Ihnen gekommen sein. 358 Das war der Trumpf, den der Konsul an jenem Abend ausspielte: er entriß Maria Ihnen und stellte sie mir gegenüber.«

»Und Fred?«

Sie errötete heftig und überwand sich.

»Wenn ich in diesem Augenblick nur eine Frau wäre, müßte ich notgezwungen anders antworten . . . Fred . . . Fred biß an . . . Maria war an diesem Abend sehr schön . . . Um ein Haar wäre sie statt meiner mit ihm nach Paris gefahren und vielleicht nach Bombay . . . Es gelang mir noch im letzten Augenblick! Der bekannte Frauensieg um die Länge eines Pferdekopfes, der gewöhnlich den Männern gehört! Und jetzt habe ich keine Angst mehr! Nicht im geringsten!«

Ich antwortete sehr rasch, um sie abzulenken. Es sollte ihr nicht in den Sinn kommen, danach zu fragen, wo Maria am Tage nach der Nacht beim Konsul gewesen war. Ich wußte fürs erste genug. Maria und Fred hatten sich in jener Nacht besprochen gehabt, nach Paris zu reisen und im Claridge Wohnung zu nehmen. Er hatte sein ständiges Appartement, und wahrscheinlich hätte Maria um einen Zug später eintreffen sollen . . .

Dann, im allerletzten Augenblick vielleicht, ergriff sie die Flucht und verbrachte die Tage in meinem Elternhaus. Um von Fred loszukommen? Um mir verzeihen zu können?

Sie hatte von meiner Unbekannten alles erfahren und geschwiegen, weil ich mich in trotziges Schweigen gehüllt hatte. Aber den Flirt mit Fred, den der Konsul arrangierte, hatte sie begonnen, um sich zu rächen und die unbekannte Frau, die sie besiegt hatte, zu 359 erniedrigen. »Was hatte sie mit den alten Eltern gesprochen? Warum ergriff sie wieder die Flucht?

Die Maitresse des Konsuls konnte nur den Teil der Wahrheit gesagt haben, der mich für sie eingenommen machen mußte.

»Kenne ich Sie?« dachte ich laut. »Ich glaube, das Abenteuer beginnt für uns beide unbequem zu werden! Sie wissen es! Kenne ich Sie? Oder ist das Einbildung?«

»Ich weiß es nicht!«

»Kennen Sie mich? Das müssen Sie wissen! Sie müssen mir antworten!«

»Denken Sie an den Mascagni-Abend zurück. Als ich die Loge betrat . . .«

»In jener Nacht wurden Sie mir zur Gewißheit . . . und ich konnte mich doch nicht erinnern . . .«

»Und jetzt?«

»Sie sind mir jetzt fremder denn je!«

»Ach! Wirklich? Das ist wenig liebenswürdig von Ihnen! Fremder denn je?«

Die sammetweiche Stimme vibrierte leise und traf mich tief. Die Augen waren regungslos auf mich gerichtet, die hypnotischen, zauberhaften Augen dieser Frau . . . und schon begann mein Blut dem Traum zu verfallen . . . Die Schleier breiteten sich wieder über mein Bewußtsein, und irgendwo tief innerlich begann sich die Überzeugung zu verdichten . . .

»Ich kenne dich!« flüsterte ich gehorsam.

»Also doch?« gab sie flüsternd zurück und machte einige Bewegungen mit dem Oberkörper und den Armen. »Also doch . . .?«

Ich sah wie im Traum ihren nackten Leib.

»Du!« flüsterte ich schaudernd und begehrend.

360 Sie warf sich mit einem Ruck herum.

»Sie kommen!« rief sie schneidend, daß ich urplötzlich erwachte. »Nun kennst du mich! Und jetzt schweige!«

Das letzte Wort fiel schon in die Pause. Die Paare lösten sich. Silber und Schwarz wogten durcheinander und darüber die Brillantenkaskaden der Frauen.

Das Blut, das von ihrem Blick verängstigte, schoß mit größter Gewalt durch meine Adern und ebbte zurück. Ich ergriff ein Glas.

»Sie kommen nicht!« sagte sie beunruhigt.

Ich beugte mich über die Logenbrüstung. Der Saal begann sich zu leeren, aber im Nebensaal spielte eine zweite Jazzband.

»Vielleicht dort?«

Sie war nervös aufgestanden.

»Nein! Das ist nicht gut möglich.«

»Was sonst?«

Ihr Gesicht zuckte.

»Sieh mal nach! Drüben!«

Ich machte eine rasche vergebliche Runde durchs Lokal.

Sie stand mit starrem Gesicht. Und in diesem Augenblick erkannte ich sie . . .

»Wohin? Im Claridge können sie nicht sein! Sie sind geflohen!«

Sie kümmerte sich nicht um mich. Einige Augenblicke noch stand sie ganz still, dann rannte sie aus der Loge und verschwand.

Ich eilte in die Garderobe. Maria hatte sich ihren Pelz vor einer Viertelstunde geholt. Ich beschrieb Fred.

361 »Jawohl!« sagte die Garderobiere. »In Begleitung dieses Herrn.«

Zehn Schritte rannte ich durchs Menschengewoge. Dann stand ich plötzlich still. Der Gedanke, ein Auto herbeizurufen, verschwand.

Maria war mit Fred fort . . .

Sie war mit mir nach Paris gekommen, weil sie wußte, daß Fred mit der Frau hier weilte und wollte sich an ihr und an mir rächen . . . Waren sie ins Claridge gegangen? Maria konnte sich diese besondere Grausamkeit ausgedacht haben, und ich hatte weder das Recht noch die Möglichkeit, sie zurückzuhalten! Oder fuhr vielleicht in diesem Augenblick ihr Zug schon aus der Bahnhofshalle hinaus? . . .

Rädergeknatter in den Ohren stand ich da. Der Menschenstrom war lästig. Ich durchbrach ihn und lief durch eine kleine Gasse, die aufwärts zum Montmartre-Dom führte. Das Geknatter verstärkte sich, und ich lief rascher.

Auf einem kleinen Platz erblickte ich eine alte Caféhausterrasse, eine von den vielen Murgerkneipen. Aufatmend setzte ich mich und saß reglos, ohne einen Gedanken fassen zu können, hinter meinem Absynthglas.

Der Platz war nur zur Hälfte beleuchtet. Das Dunkel des übermächtigen Domes lastete über mir. Rechts, am Ende der Gasse, die ich heraufgekommen war, entdeckte ich einen kleinen Laden mit Zeichnungen und Bildern von Montmartre. Die ausgewanderten Künstler hatten ihn hier vergessen. Er schlief.

Kein Mensch. Vollendete Stille. Der Garçon versuchte ein Gespräch, gab es aber auf und zog sich zurück. Er hatte mir den Namen des Platzes gesagt, den 362 ich automatisch wiederholte, als berge er ein Geheimnis.

Wollte ich nicht . . . Wohin? Ich wollte doch zur Bahn? Auf dem Bahnsteig stand vielleicht . . . Wer? . . . Wo? . . .

Woher die Stille? Soeben ratterten die Räder des dahinbrausenden Zuges, der Maria entführte . . . Jetzt die Stille an diesem fremden Ort . . . Paris . . .

Ein Mädchen ging langsam auf mich zu. Als käme sie von oben aus dem Montmartre-Dom. Sie lächelte.

»Bon soir!« sagte sie so selbstverständlich, daß ich die einladende Handbewegung machte, ohne es zu wissen.

Doch plötzlich sprang ich auf und lief zum Telephon. Claridge meldete sich. Maria war nicht zu Hause.

Ich hängte ab. Gesenkten Hauptes trat ich auf die Terrasse:

»Ich fahre nicht . . .«

»Wohin?« fragte sie lachend.

»Nach Paris!« antwortete ich.

»Dann können Sie in Ruhe Ihren Absynth trinken, Oder nicht?«

»Wollen sehen, wollen sehen!« trommelte ich mit den Fingern auf den Tisch. Etwas wiederholte sich hier . . . eine Szene, sogar Worte . . . aber ich wußte nicht, wußte nichts . . .

Sie erriet sofort meine Gedanken.

»Ist es Ihre Braut?«

»Wie meinen Sie?«

»Sie ist mit einem anderen?«

»Sie wird mit ihm wegfahren!« sagte ich, als säße ich meinem besten Freund gegenüber.

363 »Erscheinen Sie nicht auf dem Bahnhof! Wenn Sie nicht dort sind, darf sie nicht fahren. Hat sie Kenntnis davon, daß Sie alles wissen?«

Was ging da vor? Was wiederholte sich? Wo hatte ich das erlebt? . . . Die Terrasse, eine fremde Frau und diese Worte? . . .

Ich riß die Uhr hervor. Ein Auto! Ankurbeln! – dachte ich . . .

Mein Kopf begann wie infolge dieser Worte plötzlich rasend zu denken. Er sank vor Anstrengung ein wenig zur Seite. Das Ohr lauschte in die Ferne. Mein Blick bohrte sich in den der kleinen, fremden Frau . . .

Und plötzlich war die Bahnhofshalle da. Menschengewirr. Schwitzende Träger. Abschiedsgefühle zerrannen im Gelärme. Maria und Fred vor der Waggontür! Die Plätze belegt. Auch der meine. Freds Einglas bohrt sich in die Reihe der Hastenden. Sein Gesicht drückt immer mehr zunehmende Gewißheit aus: er weiß, daß ich nicht kommen werde . . . Maria bleibt ruhig . . . ganz in sich gefestigt, obwohl der Zug sich in einer Minute in Bewegung setzen wird. . . . Jetzt weiß sie auch, daß ich nicht mehr kommen werde. Und sie weiß, daß ich mit einer Unbekannten bin! Sie lächelt gütig. Sie spielt mit dem Leben, das die Menschen so ernst nehmen. Sie ist überreich und beschenkt die Bettler des Lebens, die es ernst nehmen, weil sie arm sind . . . Sie lächelt . . .

Ankurbeln! Ankurbeln! brüllt mein Hirn, aber die Lippen sind aufeinandergepreßt, der Mund schweigt.

Da: ein Pfiff! Fred, der eingestiegen war, streckt seine Hand heraus und zieht Maria empor. Bevor sich die Tür schließt, sehe ich zwei Augenpaare. Fred 364 grinst Hohn. Marias Augen füllen sich plötzlich mit Licht. Licht und Güte. Nicht Güte! Leichtsinn, der Trotz ist, Trotz, der Spiel ist . . . göttliches Spiel . . .

Maria!

Wie am Rande der Erde ratterte der Zug davon.

Ich wollte aufspringen, doch eine Hand hielt mich zurück. Die Hand der fremden, zufälligen Frau neben mir.

»Die Frau zwischen Europa und Amerika . . .«

»O, ich bin Pariserin!« sagte sie wohlgefällig.

Ich rief den Kellner und zahlte.

»Nein! Laufen Sie nicht! Bleiben Sie noch!« – Sie bat nicht. Ihre Augen schienen zu befehlen. Augen, die ich in diesem Moment entdeckte . . . die ich schon gesehen haben mußte . . .

»Was geht mich das an!« schrie ich plötzlich. »Ich habe das Spiel satt! Scheren Sie sich zum Teufel!«

»Sie sind Ausländer!«

»Verzeihen Sie . . .«

Eine Wiederholung der verschiedensten Dinge! Ich wurde langsam irrsinnig . . . ich fühlte es deutlich . . . Ich strengte das Hirn an, um dahinterzukommen. Irgendwo hatte ich dieselbe Szene erlebt! Vor langer, vor sehr langer Zeit . . . Ich saß auf einer Terrasse und sah und hörte plötzlich einen Zug davonfahren, wie jetzt den mit Maria und Fred van der Werften . . . Der Garçon verband mich mit dem Hotel. Maria nicht zu Hause! Und meine Unbekannte?

»Ach! –«

»Was haben Sie?« fragte die fremde Frau ein wenig erschrocken, als ich aus dem Kaffeehaus herausstürzend vor ihr plötzlich stehen blieb und sie anstarrte. –

365 Das war sie, die bekannte Unbekannte!

»Sie sind es!«

»Ganz gewiß, ich bin's! Keine andere!«

Sie war es, dieselbe! Wie ich sie anschaute, diese schwarzen, zwingenden Augen, die eine besondere Gewalt ausübten, den Einschnitt zwischen den kleinen Brüsten . . . die Knie . . . die Beine . . . Sie war's! Ich erkannte sie, ohne sie je gesehen zu haben; denn sie wollte, daß ich sie erkenne! Die Frau wollte vom Manne erkannt werden, und der Mann gehorchte! Ich begann zu gehorchen wie damals, als jene andere in die Loge eingetreten war . . . Sie alle, die erkannt sein wollten, die es mit ihrem Blick befahlen, waren bekannt mit einem Schlage . . . alle die Unbekannten . . . Und dann gaben sie sich nicht zu erkennen, waren plötzlich fremd mit tausend Gesichtern . . . doch wenn sie wollten, schwor man den heiligsten Eid, sie seit immer zu kennen . . . Wenn sie die irrende, flackernde, suchende Begierde des Mannes aufpeitschten und die Begierde sich auf sie stürzte, wenn der Mann, das Eigenste vergessend, von einer unheimlichen Unruhe überfallen wurde, wenn er, seine Liebe verneinend, in der Begierde das Bekannte, Ersehnte erblickte, dann hatte jede Unbekannte gleich der meinen ihr Spiel gewonnen . . .

Das Spiel der Frauen . . . das Spiel der meinen, das in der Loge begann . . . jetzt endlich wußte ich, daß ich sie nie vorher gesehen hatte. Jetzt durchschaute ich ihr Spiel und das Spiel des Konsuls Leonid van der Werften, das Spiel seiner Frau, das Spiel Renés und Alexanders . . . verstand, wie es möglich war, daß ich plötzlich an einer Jagd teilnahm, in der ich das gehetzte Wild gewesen . . .

366 Ich stieß ihre Hand von mir und rannte davon.

»Ausländer!« hörte ich noch.

Unten im Gewoge blickte ich in alle Frauenaugen. Hunderte, tausende glitten im Rennen von meinem Blick ab. Da und dort aber erhaschte ich einen Blick . . . eine Flamme sprang mir zu . . . und ich erkannte die Blicke: das waren die Frauen, die ich kannte, ohne sie zu kennen, denn sie wollten, daß ich sie kenne . . . Frauen, denen ich nachgeschlichen oder nachgestürzt wäre, um zu erfahren, wer sie sind . . . Frauen, für die ich den heiligsten Eid geschworen hätte, wie für die eine, die Maitresse des Konsuls!

Von Montmartre stürzte ich mich auf Paris. Ich lief durch hundert Straßen. Überall von hundert Augen verfolgt. Mir war, als schossen sie alle zusammen, und ich rannte durch ein Flammenmeer von Frauenblicken . . .

Vor Claridge wurzelte mich ein Gedanke an die Schwelle:

– Maria! . . . Wenn sie jetzt dort oben wäre, in unserem Appartement! . . . Und in diesem Moment erfaßte ich das Ende der Gedankenkette. Denn Maria, die ich kannte, war die einzige große Unbekannte . . . wenn sie oben wäre . . . Sie, das einzige Rätsel . . . die mir verbundene Frau, wenn sie jetzt oben wäre. –

»Madame est chez elle?«

»Mais non, monsieur!«

Ich nahm vom Portier, der arglos lächelte, den Schlüssel entgegen. In meinem Zimmer überfiel mich plötzlich Schwäche. Ich zündete eine Zigarette an, vergrub mich in einem Fauteuil und hörte dem Surren der Gigantenstadt zu, das wie ein unendlicher Ton, ohne Anfang, ohne Ende an mein Ohr drang . . . 367 Er zeugte Bilder, die, eines nach dem anderen, verschwanden . . .

Und ich dachte an Maria. Versöhnlich, milde, abschließend . . . Ich fühlte eine Wiederholung der Situation, wie vorher auf dem Montmartre . . .

Und ich wollte nachdenken! Unwichtig dies alles! Ein Entschluß, und all dies vorüber. Das fremde Zimmer, die Stadt, die Frau. Es war geboten, dem Portier zu telephonieren, er möchte eine Fahrkarte besorgen und das Gepäck zum Bahnhof befördern. Wohin? Nach Berlin etwa oder nach London? Unwichtig, wohin! Ich preßte plötzlich den Hörer ans Ohr. Sekunden verstrichen. Minuten. Niemand meldete sich. Ich klingelte. Niemand kam. Ich drückte dauernd auf die Klingel und wartete. Das Telephon funktionierte scheinbar nicht, aber die Klingel schrillte durch den Raum. Ich wartete. Und ich dachte: Berlin . . . London . . . Das Warten dauerte lange . . . Ich dachte: Maria! . . . Doch niemand kam! Da drückte ich den Zeigefinger auf den Knopf der Klingel und ließ nicht mehr los. Obwohl der Ton unaufhörlich schrillte, kam kein Mensch, und es wurde einsam um mich herum. Berlin . . . dachte ich, und eine ungeheure Leere tat sich auf. Paris . . . London . . . Hollywood . . . Die Einsamkeit wuchs, je mehr ich dachte, je mehr ich von der Erde umfaßte. Sie war wie eine unendliche, durchsichtige, graue Kugel, die rasend rotierte und alles in ihren Mittelpunkt riß . . . Ein einziger, schriller, monotoner Ton nur war hörbar . . . Die Leere ergriff auch mich, und bevor ich stürzte, war mein letzter Gedanke: Maria . . .

Der Ton riß. Der Zimmerkellner stand in der Tür.

368 »Madame hat telephoniert. Sie ist bei Pigalls.«

Eine halbe Stunde später stand ich in der Eingangstür des Lokals. In derselben Loge saß Maria mit Fred van der Werften. Man tanzte noch. Mir schien, es drehten sich noch mehr Paare als vorhin im Saal.

»Jetzt wissen Sie wohl doch alles?« fragte Fred, und sein konventionelles Gesicht durchgeistigte ein heiterer Ernst.

Mein Blick umfaßte Maria: ich wußte alles.

»Wohin ist sie gegangen?« fragte Maria.

Ich erzählte.

»Sie ist jetzt in Versailles oder wenigstens unterwegs dorthin. Ich besitze dort ein kleines Landhäuschen, und sie kennt es. Sie dachte, Frauen sind schließlich Instinktgeschöpfe . . .«

»Wir waren nebenan im Gaumontpalais!« sagte Maria und zeigte ein heiteres Gesicht.

»Verzeihen Sie, Herr van der Werften, daß ich diese Frage stelle . . .«

»Stellen Sie sie nicht, und ich will sie gern beantworten. Das heißt, einen Teil Ihrer unausgesprochenen Frage. Mein Vetter, den der Hafer sticht, hat sich einen Scherz mit Ihnen erlaubt, der schlecht und geschmacklos war. Ein Körnchen Wahrheit ist bei alldem; denn ich bin wirklich vor fünf Jahren ausgewandert, weil ich die schwarze Kugel gezogen hatte. Inzwischen aber habe ich begriffen, daß die Welt unendlich groß ist und ein Mensch in ihr von geringer Bedeutung. Ich dachte an Lia nicht mehr, und nur als ich die Maitresse meines Vetters, des Konsuls, sah, schoß es mir durch den Kopf, ihn eines Besseren zu belehren und mich für die schwarze Kugel zu revanchieren. Er mischte die Karten sehr geschickt, als er 369 Sie in das Spiel hineinzog; denn er wußte, daß Sie mit seiner Maitresse . . .«

Er verstummte und lächelte etwas verlegen, doch Maria sagte:

»Nur weiter! Nur keine Zurückhaltung und nichts verschweigen!«

»Sie wissen ja das Weitere! Und was Sie noch wissen möchten, wird Ihnen Frau Maria besser sagen als ich. Mir war es ein großes Vergnügen, meinem Vetter eine Lektion zu erteilen und mit seiner Freundin nach Paris zu reisen. Darf ich Sie noch um einen Tanz bitten, den letzten, gnädige Frau?«

Im Claridge, vor unserem Appartement, wollte er sich verabschieden. Sein Zug nach London fuhr in zwei Stunden. Maria bat ihn, noch bei uns einzutreten.

Das Sektglas in der Hand, meinte er mit einem Lächeln, das fast unbeholfen aussah:

»London . . . dann Bombay . . .«

Ein Blick auf Maria, der voller Sehnsucht war, verriet seine Gedanken. Eine Stunde verging.

»Meine lieben Freunde!« war sein Abschiedswort.

*

Pariser Morgengrauen. Eine Sonne, die lange kämpfen muß, bis sie durchdringt, denn das Häusermeer ist mächtiger als sie. Jetzt endlich schwieg der Ton, das ferne, monotone Gesurre der Stadt. Sie gönnte sich für Augenblicke Ruhe, sie, die Memnonsäule, die unter dem heißen Kuß der Sonne bald ihren Gesang beginnen mußte . . .

370 In dieser Augenblicksstille kniete ich vor Maria, und sie hielt ihre Hand auf meinem Kopf.

»Du Unbekannte . . .« flüsterte ich. »Ich werde dich ewig lieben!«

Sie lächelte schmerzlich:

»Ewig? Welch törichtes Wort?«

»Hörst du die Stille? Die Stadt hält ihren Atem an und lauscht uns beiden . . . Ewig!«

»Hast du es verstanden?«

Und wieder war der rote Mund tief unter mir. Ihre Augen schlossen sich in der Blässe des Gesichts, und die weichen Arme zogen meinen Kopf herab . . .

Da sprang der erste Sonnenpfeil auf die Stadt und traf ihr Herz. Sie begann den Gesang, den täglichen, ewigen. Erst sangen nur die höchsten Spitzen, dann mehr und immer gewaltigere Stimmen, bis der volle entfesselte Choral emporbrauste: Ein neuer Tag!

»Ich habe dich wieder! Maria?«

»Und wir dürfen Abschied nehmen!«

Ich riß mich los.

»Was sagst du?«

Sie suchte ein Wort, das sie nicht gleich fand. Erst als sie die Stores weggezogen und das Fenster geöffnet hatte, sagte sie, mit einem Blick die Stadt umfassend:

»Von . . . Paris . . .«

Und in den klugen, grauen Augen standen Tränen, die ich nicht verstand. 371

 


 


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