Paul Neubauer
Maria
Paul Neubauer

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IV.
Die Anderen

Vor dem Hotel lief ich Adele in die Arme. Überschwänglich begrüßte sie mich.

»Ich weiß schon alles, Sie Böser!« rief sie. »Frank hat alles prophezeit! Frank ist ein ausgezeichneter Menschenkenner! Ich habe es mir auch gedacht . . .«

»Was denn, gnädige Frau?«

»Was denn!« – Sie schien entzückt, amüsiert und verärgert zugleich. »Ich wußte, daß Sie mit Ihrer Braut Schluß machen!«

»Aber gnädige Frau!« ermahnte ich.

»Ihre Braut ist nichts für Sie! Das habe ich gleich heraus gehabt! Sie passen absolut nicht zueinander. Es ist besser so!«

Ich wendete sanft ein, daß wir doch gar nicht auseinander wären, doch sie ließ sich nicht beirren.

88 »Frau Adele, ich muß jetzt leider . . .«

»Ich heiße Leda! Adel von rückwärts gelesen! Leda! Es paßt besser zu mir. Wohin müssen Sie jetzt? Ich gehe ein Stück mit.«

Die Redaktion befand sich in derselben Straße.

»Sie kommen sehr bald . . . noch heute! Heute abend! Vorgestern hat es meinem Mann unendlich leid getan! Er war fünf Minuten nach Ihnen zu Hause!« – Sie nickte mehrmals gutmütig und arglos freundschaftlich.

Ich versprach alles und eilte hinauf. Oben empfing mich ihr Mann liebenswürdig lächelnd und sagte wie ein Gassenjunge:

»Es hat mir so leid getan . . . aber ich begegnete einem Mädchen, einer entzückenden Person! . . . Ich kam erst gegen Morgen nach Hause.«

Ich schloß ihn daraufhin sofort ins Herz. René, der schlanke Junge mit dem gescheitelten Blondhaar, sah sehr jung aus. Die Wangen rosig wie die eines Mädchens, die hellblauen Augen voller Leben, Witz und Tücke aus Freude am Witz. Die Bewegungen von einer abgerundeten Lebhaftigkeit, die den Witz unterstrichen. Er war Redakteur einer großen Zeitung.

»Bleiben Sie in unserer Stadt? Tun Sie es nicht! Eine scheußliche Kleinstadt. Sie würden ersticken!«

»Und ich wollte Sie bitten, beim Chefredakteur ein gutes Wort für mich einzulegen. Ich möchte bleiben und, wenn Sie mich brauchen können . . .«

»Selbstverständlich!« sagte er, ohne zu zögern. »Ich habe sogar bereits mit meinem Kollegen, der da vieles tun kann, gesprochen!«

89 »Und raten mir, die Stadt zu verlassen? Das ist wenig verheißungsvoll!«

»Ich bitte Sie . . .«, meinte er geringschätzig, »wenn es Ihnen nur darum zu tun ist, hier anzukommen, kann Ihnen geholfen werden. Aber ich rate Ihnen, fahren Sie, so rasch Sie können!«

»Ich möchte bleiben,« sagte ich ruhig; denn ich hatte gemerkt, daß er von Frank bereits tendenziös informiert war.

»Mein Kollege ist augenblicklich nicht da, aber kommen Sie am Abend. Ich werde noch einmal mit ihm sprechen, und für alle Fälle nehmen Sie meine Karte.«

Sein Blick war in diesem Augenblick nichts als Tücke. Er reichte mir seine Visitkarte, auf der stand:

René Fernet, Redakteur des Deutschen Tageblattes, Korrespondent mehrerer ausländischer Zeitungen.

»Könnten Sie übrigens nachmittags kommen? Gleich nach Tisch?« Ich bejahte und wollte gehen, doch er hielt mich zurück. Er suchte nach einem vermittelnden Wort und fand es nicht gleich.

»Maria ist eine entzückende Frau,« begann er und verbarg seine Verlegenheit, indem er an seinem blonden, englisch geschorenen Schnurrbart zupfte.

Ein psychologisches Experiment! Kein Wunder, er langweilt sich in dieser Stadt. Ich ging darauf ein.

»Glauben Sie? Frau Maria ist zu klug und – zu kalt.«

Ein Blick traf mich: ein belustigter, tückischer Blick.

»Kalt?!«

Ich schoß zurück.

»Ihre Frau ist zwar gegenteiliger Ansicht; aber ich glaube dennoch, daß meine Beobachtung stimmt.«

90 »Meine Frau!« sagte er fast gereizt und setzte rasch hinzu, »Frauen gönnen einander doch nicht das geringste! Maria . . .«

»Wie ist also Maria? Sie behaupten dasselbe, was Ihre Frau behauptet . . .«, holte ich aus.

»Sie ist eine reizende Frau!« sagte er mit Nachdruck, und ich wußte, er verfolgte mit dieser Aufmunterung besondere Ziele, indem er sich gegen Maria, aber vielleicht gleichzeitig auch gegen seine Frau und gegen andere Menschen richtete. Das Telephon klingelte. Er sprach einige Worte, verbiß ein Lächeln, hängte ab und sagte rasch:

»Sind Sie heute frei? Kommen Sie um zwei Uhr in die Redaktion, wir besprechen die Sache Ihres Eintrittes bei uns. Dann nehme ich Sie im Auto zu einem Fünfuhrtee mit. Die Hausfrau hat soeben telephoniert. Ein liebenswürdiges Haus. Sie bekommen einen guten Wein, den wir abends auf der Terrasse trinken. Es sind ein paar nette Menschen dort, die aber bald weggehen. Wir sind dann allein. Kommen Sie mit, ich bringe Sie später nach Hause.«

Die plötzliche Wärme überraschte mich. Ich ahnte sofort zwischen all diesen Sätzen einen Zusammenhang, der mir nicht klar war, jedoch irgendwie mit mir zu tun haben mußte. Ich überflog in der Phantasie rasch die nächsten Stunden. Bis zwei Uhr hatte ich Zeit genug.

»Auf Wiedersehn also um zwei Uhr!« – und wir schüttelten uns sehr herzlich die Hände.

Einige Stunden allein. Es war etwas wie ein Umschwung in so kurzer Zeit. Jetzt erst, da die Intensität der Bewegung nachließ, merkte ich es. Bemerkte mich, die Stadt und den Tag. Ich hatte Zeit bis zwei 91 Uhr, war müde und suchte mein Hotel auf. Mechanisch nahm ich den Zimmerschlüssel vom Portier entgegen und fuhr hinauf. Das Zimmer war vom Licht des Frühlingstages erfüllt. Ich setzte mich in den breiten Lichtstreifen. Nach einiger Zeit nahm ich den Hörer des Telephons, aber Maria war nicht zu Hause.

Ich dachte nicht in Gedanken. Immer wenn mich die Bewegungen des Lebens in einen konkreten Rahmen hineinschleuderten, vergaß ich die Gedanken, weil mich Verwunderung über das Konkrete überflutete. Nun war ich in dieser Stadt. Ich hatte die Braut verloren, Frank verloren, eine Frau gewonnen und einen steinernen Heiligen erblickt. Alles Dinge, die ich gestern noch nicht gewußt hatte. Dinge, die heute von größter Bedeutung für mich waren. Gewöhnliche Dinge des gewöhnlichen Lebens . . . ungewöhnliche, höchst sonderbare Dinge, für die es keine Erklärung gab.

Ich wollte nachdenken! Unwichtig dies alles! Ein Entschluß, und alles ist gleich den anderen Dingen vorüber: dies fremde Zimmer, die Stadt, die Frau.

Es war geboten, dem Portier zu telephonieren, er möchte eine Fahrkarte besorgen und das Gepäck zum Bahnhof befördern. Wohin? Nach Berlin etwa oder nach Paris? Das Ziel war unwichtig. Wichtig war bloß, daß ich von hier fort käme. Ich hielt den Hörer ans Ohr. Sekunden verstrichen. Minuten. Niemand meldete sich. Ich klingelte. Niemand kam. Ich drückte dauernd auf die Klingel und wartete. Das Telephon funktionierte scheinbar nicht, aber die Klingel schrillte durch den Raum. Ich wartete. Und ich dachte: Berlin . . . Paris . . . Das Warten dauerte lange. Ich klingelte wieder und länger als das erste 92 Mal. Und ich dachte: Maria! . . . Aber niemand kam. Da drückte ich den Zeigefinger gegen den Knopf der Klingel und ließ nicht mehr los. Obwohl der Ton unaufhörlich schrillte, kam kein Mensch, und es wurde einsam um mich herum. Berlin . . . dachte ich, und eine ungeheuere Leere tat sich auf. Paris . . . Hollywood . . . Die Einsamkeit wuchs, je weiter ich dachte, je mehr ich von der Erde umfaßte. Sie war wie eine unendliche, durchsichtige, graue Kugel, die rasend rasch rotierte und alles in ihren Mittelpunkt riß . . . Ein einziger, schriller, gleichförmiger Ton nur war hörbar. Die Leere der Unendlichkeit ergriff auch mich, und bevor ich stürzte, war mein letzter Gedanke: Maria . . .

Da riß der Ton, und der Zimmerkellner stand in der Tür. Einen Augenblick stutzte ich, dann hieß ich ihn wieder gehen. Es war zwei Uhr.

Auf der verschlossenen Tür René Fernets war ein langer Streifen Papier von der Rotationsmaschine angebracht. Darauf mit nervösen, geistvollen Lettern einige Zeilen: er wäre verhindert, käme später, ich möchte mit seinem Kollegen sprechen, den er bereits verständigt habe, es wäre alles in bester Ordnung. Unterschrift. Unter ihr mit derben Buchstaben rot unterstrichen von einer anderen Hand: »Verlassen Sie sich auf das Schwein, wenn Sie blöd sind!«

»Sind Sie blöd?« fragte hinter mir eine knarrende Stimme, während ich las.

Ein untersetzter Mann stand vor mir in Hemdärmeln, die über dem Ellenbogen abgeknöpft waren. Die Arme, behaart und rot, bestanden aus lauter Muskeln, deren letzter die Pranke war. Er trug weder Kragen noch Kravatte, dafür eisenbeschlagene Riesenschuhe. In klotziger Ruhe fragte er noch einmal.

93 »Sind Sie blöd?« – Dann grinste er für den kürzesten Bruchteil eines Augenblicks, indem ein elektrischer Schlag seine Lachmuskeln zusammenzog und sofort wieder losließ. Das Grinsen sollte ein Lächeln sein und mutete gutmütig an, aber der Eindruck, den es hinterließ, war verschämtes Leid.

Ein junger Mensch ging durch den Gang. Der dicke Mann, der wie ein verkommener Bismarck aussah, übergab ihm Manuskripte, und ohne mich weiter anzusehen, entfernte er sich mit knarrenden Schritten. Ich trat auf ihn zu, nannte meinen Namen und wies Renés Papierstreifen vor. Zwei durchdringend kluge, dunkle Augen, deren Grund gütige Liebenswürdigkeit war, die eine zynische Maske schützend vors Gesicht hielt, blickten mich oberflächlich an, und ich folgte dem einladenden Wort.

»Redakteur René Fernet hat mit Ihnen gesprochen . . .«

»René? Über Sie? Kein Wort! Aber das tut nichts. Sprechen Sie mit mir!« Ich zeigte ihm abermals den Papierstreifen, war aber nach einer erledigenden Handbewegung, die die ironische Krümmung der Lippen akkompagnierte, sofort im Reinen. Er setzte plötzlich das einfachste Gesicht auf:

»Sie haben kein Geld?«

Wie eine Frage klang es und war doch mehr als Annahme: Gewißheit. In diesem Satz, dem einfachsten, den ich je gehört hatte, lag die Summe der Weltweisheit und der Hilfsbereitschaft dieses Menschen, der den Stier bei den Hörnern packte und Umschweife nicht liebte. Die Geradlinigkeit und Kürze der Frage verwirrte mich. Hatte ich kein Geld? Wollte ich Geld verdienen? Journalist sein? Das 94 war mir bisher nie eingefallen! Ich wußte plötzlich weder mit mir noch mit meiner Lage Bescheid. All dies war unsinnig und gegen meinen Willen. Ich trieb auf einer Welle, die mich entführte.

Dennoch antwortete ich:

»Sie haben richtig geraten. Ich habe kein Geld und möchte verdienen.«

Die zynische Maske erschien augenblicklich wieder und unter ihr die Hilfsbereitschaft.

»Ich werde mit unserem Chefredakteur sprechen. Kommen Sie morgen wieder.«

»Soll ich auf Herrn Redakteur Fernet hier warten?«

»Da können Sie bis morgen früh warten!«

Aber der Unberechenbare riß eben die Tür auf. Er konnte mich nur als Silhouette sehen, beachtete mich überhaupt nicht und rief seinem Kollegen zu:

»Kommen Sie! Unten steht das Auto! Eine entzückende Person! Wir fahren für zwei Stunden hinaus. Kommen Sie schnell!«

Der andere kniff die Lippen zusammen und blinzelte amüsiert. Da bemerkte mich René.

»Ach, der brave . . .« – Mein Name fiel ihm nicht gleich ein. »Reizend, daß Sie hier sind! Warten Sie eine Sekunde, ich bin gleich wieder da!«

»Jetzt können Sie bis morgen abend warten!« sagte der Redakteur, als René draußen war, und ich verabschiedete mich von ihm. Auf der Treppe aber kam mir wirklich René entgegen, doch er war in Begleitung seiner Frau, die mich entzückt begrüßte.

»Kommen Sie!« lud mich René mit auffallender Wärme ein, und als ich angab, eine kleine Besorgung 95 vorzuhaben, mußte ich ihm versichern, daß ich bald wieder kommen würde.

»Ich erwarte Sie unbedingt!« – er zwinkerte mir verstohlen zu und ging mit seiner Frau weiter.

Ich bog um die Ecke, um zweimal über den Korso zu gehen. Es gelang mir nicht, meine Gedanken zu ordnen . . . Die Leute, denen ich bisher in dieser Stadt begegnet war, bildeten eine kleine Interessengemeinde und boten keine unlösbaren Probleme. Ich unterlegte einem jeden von ihnen sein Interesse und knackte die Nuß des Charakters ohne Mühe. Der Kern schmeckte nicht schlecht, aber er war kein Gaumengenuß. Von dieser Sorte durfte man ruhig massenhaft essen, man verdarb sich nicht den Magen. Nur Maria . . . Eine Frau, die auf mich losgegangen war, wie sonst immer ich, der Mann, den Frauen zu Leibe rückte. Rücksichtslos und ganz ohne Scham, weder die falsche noch die echte . . . los aufs Ziel, das ihr vielleicht erst der letzte Augenblick eingegeben hatte? . . . Maria verstand ich nicht. Aber das war kein Grund, in dieser Stadt zu bleiben, und noch weniger ein Grund, in der Redaktion eine kleine Stelle zu bekleiden! – Ich drehte mich auf dem Gedankenabsatz herum: die kleine Maria wird nett sein! Einige Tage konnte man hier verbringen.

Dies stand fest, als ich wieder in der Straße der Redaktion war. Als ich Renés Zimmer betrat, saß, wie ich richtig vermutet hatte, Adele vor seinem Schreibtisch und unterhielt sich angeregt mit ihrem Mann über mich und Maria. Ich konnte die letzten Worte eben noch hören. Später brachte ein Redaktionsdiener einen Zettel herein. Er sei eben abgegeben worden.

96 René las, zerriß ihn, indem er einen Wutausbruch vortäuschte, in ganz kleine Stücke, die er, durchs Zimmer rennend, auf dem Boden zerstreute und schrie:

»Ich werde irrsinnig! Keinen Augenblick hat man mehr für sich! Für diese lumpigen paar Lappen, die man am Ersten bekommt, schindet man sich zu Tod! Ich kann nicht weiter . . . ich bin krank! . . . Ich nehme ein Jahr Urlaub!«

Er täuschte den Wutausbruch mit vollendeter Schauspielkunst vor. Adele mochte zwar schon an diese Szenen gewöhnt sein, wußte aber doch nicht, ob es diesmal nicht ernst war, und wollte unbedingt das Prestige ihres Gatten wahren. Sie zeigte eine leidende Miene.

»Rege dich nicht auf, René! Was ist es schon wieder?«

Er lief wild im Zimmer umher und gab keine Antwort.

»Du kannst doch fahren, wann du willst!«

»Der Chefredakteur läßt mich doch nicht fort!« schrie er wütend.

»Laß das meine Sorge sein!« sagte sie liebevoll-energisch.

René blieb plötzlich stehen.

»Würden Sie mitkommen?« fragte er mich. »Ich muß mit dem Auto hinausfahren. Eine Mädchenleiche wurde gefunden. Reportage . . .«

»Gern!«

»Ich bin zum Abendessen zu Hause!« schrie er noch seiner Frau zurück.

Unten sausten wir im Auto davon. Ich hielt es für belanglos, René nach dem Ziel unserer Fahrt zu 97 fragen. Es war gleichgültig. Reportage ist schließlich alles, ob für die Tageszeitung, dachte ich, oder zum eigenen Gebrauch. Er lächelte verschmitzt und schoß einen Seitenblick aus seinen blauen Augen auf mich ab.

»Haben Sie den Kollegen gesprochen?«

»Alles in Ordnung,« gab ich ebenso zurück. »Ich danke Ihnen!«

Er ließ es gelten und sprach plötzlich über die neue Literatur und Philosophie. An der Diskussion, die er nicht ernst nahm, aber mit blendender Dialektik führte, lag ihm nichts. Während er mit einer geschmeidigen Leichtigkeit, die nichts an Tiefe und Ernst zu wünschen übrig ließ, von der Unhaltbarkeit der deutschen Systematik sprach, die das Leben vergewaltigt, blinzelte er unaufhörlich nach beiden Seiten, um Mädchenblicke zu erhaschen, und seine Blicke streiften blitzschnell jedes schlanke Frauenbein. Wir fuhren scheinbar ziellos. Einmal wollte er aussteigen und zu Fuß gehen. Es ließe sich so besser diskutieren. Doch er blieb sitzen. Dann wollte er dem Chauffeur Befehl geben, aus der Stadt hinauszufahren. Die kleinen Pläne wechselten mit unseren Themen: bei der peripathetischen Schule wollte er zu Fuß gehen, bei Schellings Naturphilosophie dem Dunst der Stadt entfliehen. In seinem Hirn spielte sich alles kaleidoskopisch und blitzschnell ab, und jedes seiner Worte war ein psychologisches Experiment. Als er scheinbar begeistert von Stirner sprach, saßen wir glücklich in einer Weinstube. Der Zusammenhang war mir nicht verständlich, aber ich ließ ihn gelten, weil er amüsant war. Eine Viertelstunde später rollten wir wieder im Auto durch die Straßen. Für diesen Menschen, der 98 elegant, biegsam und grenzenlos begabt war, bedeutete die Zeitspanne von zwei Stunden mehr als für andere Menschen ein Leben. Er wog die Werte, die er genießen und erraffen konnte, beständig ab. Kein Augenblick sollte verloren gehen; denn er war unwiederbringlich. Und wozu das eine tun, wenn das andere vielleicht mehr Genuß bereitete?

Ich sah, daß er vielerlei Möglichkeiten als Ziele der Autofahrt und des zufälligen Beisammenseins mit mir ins Auge faßte und sich entscheiden wollte. Dieser Nachmittag hätte ein Ausflug mit dem hübschen Mädchen sein sollen. Nun war er mit mir. Plötzlich entschloß er sich und nannte dem Chauffeur die Adresse. Der Wagen fuhr los, und René sagte zu mir, als hätte er während der ganzen Zeit an nichts anderes gedacht gehabt:

»Es ist höchste Zeit! Die Dame, zu der ich Sie mitnehmen wollte, wird schon warten!«

»Welche Dame?« fragte ich unschuldig.

»Zu deren Fünfuhrtee Sie mitzunehmen ich Ihnen heute vormittag versprochen hatte.«

Er sagte es so natürlich und mit einer selbstverständlichen Unverschämtheit, daß ich nicht weiter fragte.

Zehn Minuten Fahrt. Eben begann der Stadtteil mir bekannt zu erscheinen, da hielt das Auto. Wir stiegen aus, und ich erkannte das Haus. Es war Marias Villa. Langsam stiegen wir die Treppe hinauf.

»Ist es Ihnen recht?« fragte er.

»Aber jetzt ist es sieben Uhr!«

Er zog die Uhr aus der Tasche, als müßte er sich überzeugen.

99 »Sieben Uhr . . . wirklich . . . man würde es nicht für möglich halten!«

Ich fürchtete eine Falle. Maria hatte Gesellschaft, und ich war nicht geladen.

»Wie sind die Leute?« fragte ich etwas ungehalten.

Er merkte es sofort und reagierte seismographisch.

»Wenn welche da sind, sind es in der Regel nette Menschen.«

Bevor er klingelte, wollte ich umkehren. All das war zu albern. Aber das Mädchen öffnete, und hinter ihm stand Maria. Die Überraschung, die sich auf ihrem Gesicht malte, hatte sie sofort überwunden.

»Ich bringe einen netten Menschen!« rief René, und es klang wie der Anfang des Amüsements, das er sich für diesen Abend ausgedacht hatte, nur um den Abend zu retten. Maria warf ihm einen undefinierbaren Blick zu und bat uns, einzutreten.

Obwohl im Salon ein Klavier stand, schrillte mir ein Grammophon entgegen, das eine Jazzband ersetzte. Eine Menge Menschen lärmte durch die Räume. Sie tanzten und flirteten. Unsere unerwartete Ankunft störte sie nicht im geringsten. Die Formalitäten der Vorstellung besorgte René, der sich hier ganz zu Hause fühlte. Maria, in einer etwas willkürlichen Kombination von Abendkleid und Schlafrock, tanzte ununterbrochen. Ihr Partner, ein junger Student mit gekräuseltem, rötlich blondem Haar, wasserblauen Augen und dem Nur-Hand-und-Fuß-Körper der Flegeljahre, mußte bis über die Haarwurzeln in sie verliebt sein und schmachtete sie an. Der Hausherr war nicht anwesend, er sollte erst später kommen.

100 Eine Frau, die sich bedeutend jünger kleidete und bedeutend älter aussah, als sie in Wirklichkeit war, tanzte mit einem jungen Menschen, dem man trotz seines Zivilanzuges den Offizier ansah. Plötzlich hielten die beiden im Tanz inne und steuerten auf mich und René los. Die grauen, kleinen Augen der Frau waren vor Leere des Blickes fast durchsichtig. Weder die rote noch die schwarze Schminke konnte die Ringe verdecken, die von einer Vergangenheit sprachen, in der es nichts als augenblickliche Gegenwart gegeben hatte. Sie schob ihren überschlanken Körper, der die einzige Bestimmung hatte, das Kleid zu tragen, katzenartig nach vorn und lächelte ohne Unterbrechung. René wurde geräuschvoll begrüßt. Das veranlaßte ihn, sein Amüsement sofort zu beginnen.

»Die brave Frau Lia, die phantastisch reiche Lia van der Werften!« sagte er über sie hinweggleitend und drückte dem Oberleutnant, der mich mit festen Blicken abzuschätzen und einzureihen trachtete, die Hand. »Oberleutnant Creuzot!« stellte er vor.

»Alexander Creuzot!« sagte dieser und schlug die Hacken halb militärisch, halb theatralisch zusammen. Ein breitschulteriger, stämmiger Bursche, noch nicht dreißig Jahre alt, mit disziplinierten und doch katzenartigen Bewegungen, die ihm aber nicht natürlich waren; denn er stieß überall an, trat aller Welt auf die Füße, und wenn er während der Konversation den Blick in die Ferne richtete und dabei mit wirksamer Geste von weitem die Zigarettenasche in den Behälter schleudern wollte, fiel sie mit mathematischer Sicherheit daneben und verunreinigte das Tischtuch. Zwei tiefe Falten, die von der Nase zu den 101 Mundwinkeln liefen, konnten für Uneingeweihte Ironie und Sarkasmus bedeuten. In Augenblicken der Abspannung glättete sich das Gesicht und hatte einen liebenswürdigen, klugen, markanten Ausdruck, dem es an Offenheit und Intelligenz nicht fehlte. Man sah es ihm an, daß er René sehr hoch einschätzte.

»Da können Sie gleich französische Konversation machen!« sagte René zu ihm.

»Ich spreche sehr schlecht,« sagte ich verwundert, »wer hat Ihnen gesagt . . .«

Aber der Oberleutnant stürzte sich bereits mit einem ausgezeichneten, pariserischen Französisch auf mich und erklärte in einem Atem, er habe in seiner Eigenschaft als Artilleriereferent des Nationalverteidigungsministeriums zwei Jahre in Paris gelebt. Dies sei die schönste Erinnerung seines Lebens; denn die Pariser Frauen, wie ich wohl wüßte, könnte man mit den anderen Frauen der Erde nicht vergleichen, und eine, die sich Zizi nannte . . .

Das trug ihm einen Rippenstoß von Frau Lia ein. Bevor ich noch Zeit hatte, aus seinem Redefluß aufzutauchen, umarmte und küßte er sie. Ich fühlte Renés Blick, und als ich ihm begegnete, sprangen mich tausend Kobolde daraus an. Er lachte.

»Der Oberleutnant ist ein interessanter Mensch! Er . . .«

»Ich bitte Sie, Herr Chefredakteur . . . jetzt kommen Sie wieder mit den Problemen der Religion!« ereiferte er sich und verbarg es nur ungeschickt, daß er sich sehr geschmeichelt fühlte und froh war, daß René die Brücke zur Konversation so geschickt geschlagen hatte. Frau Lia war entsetzt.

102 »Jetzt kommt wieder das endlose Gerede! Komm' tanzen!« Der Oberleutnant ließ sie los.

»Wir haben genug getanzt!« Und sich zu mir wendend: »Was die Religion anbelangt . . .«

»Du bist ein Ekel und rücksichtslos!« sagte sie und forderte mich zum Tanz auf. Ich bedauerte, nicht tanzen zu können.

In diesem Augenblick kam Maria mit dem rotblonden Studenten auf uns zu. Sie hatte für mich bisher weder ein Wort noch einen Blick gehabt, und ich dachte, das wäre um der Gesellschaft willen, die von uns beiden nichts wissen sollte.

»Er tanzt nicht!« klagte Frau Lia. Maria sagte, ohne mich anzusehen:

»Er hat auch nicht die richtige Figur!«

Der Student an ihrer Seite reckte sich empor und ließ seine Blicke prüfend über meine Gestalt gleiten. Mit dem Resultat schien er zufrieden zu sein. Maria ging mit ihm weiter, und Lia wurde von einem anderen Tänzer geholt. Der Oberleutnant zog mich sofort ins Gespräch. Er eröffnete die Redeschlacht mit der These, nur ein religiöser Mensch sei wirklich Mensch und der Katholizismus die einzig denkbare Religion. René beteiligte sich an der Debatte und reizte den Oberleutnant, um ihn in ein dichtes Gestrüpp zu locken.

»Man sollte das Drahthemd des Mittelalters wieder einführen!« hörte ich den Oberleutnant sagen. »Die Menschheit ist ganz unmoralisch geworden, und nur Kasteiungen können retten!«

René verband die Kasteiungen und das Drahthemd der Buße mit den erotischen Lüsten der Nonnen und Mönche und verstrickte den Oberleutnant, der ihm 103 Schritt für Schritt folgte, um den Katholizismus besser verteidigen zu können. Er sprach von der Modernität der katholischen Kirche, die für alles Verständnis habe. Die etwas komplizierten Sätze mit ihrem Beiwerk von mathematischen Ausdrücken waren schwere Geschosse, denen René mit fast unmerklichen Bewegungen auswich. Sie sausten an ihm vorbei ins Leere, was der Oberleutnant nicht merkte. Er hatte sich vorgenommen, vor mir, dem neuen Menschen dieser Gesellschaft, besser zu erscheinen als die anderen und war voller Eifer. René aber sprang mitten in seiner Rede auf und begab sich ins Nebenzimmer zu Maria, die für einen Augenblick allein geblieben war. Während ich dem Oberleutnant zuhörte, beobachtete ich, daß René und Maria von mir sprachen. Die Ausführungen über den Katholizismus ermüdeten meine ohnehin geteilte Aufmerksamkeit; denn ich kam nicht zu Wort. René erhob sich, nahm ein Glas Wein vom Tablett und rief:

»Jetzt beginnt das Ende des Karnevals von Nizza!«

»Hoch der Karneval! Hoch Nizza!«

Man trank die Gläser leer.

»Nizza! Der schönste Ort der Erde!« rief jemand Maria zu. Sie nickte, und ihr Gesicht blieb ernst.

»Wer würde jetzt nicht hinfahren!« rief lachend René.

Einige sprachen gleichzeitig. Andere lachten und tuschelten. Nur Oberleutnant Creuzot zuckte verächtlich die Schultern.

»Eine geistlose Gesellschaft!«

»Wer fährt denn nach Nizza?« fragte ich.

104 Sein Gesicht veränderte sich für einen Augenblick. Die Augen wurden vom Schleier der Unaufrichtigkeit verdeckt, und die beiden Falten vertieften sich. Er schoß einen Blick gegen mich ab und rief ins Nebenzimmer hinein:

»Kinder, fährt jemand von euch nach Nizza?!«

Alle schauten zu uns herüber, ein vielstimmiges Lachen beantwortete seine Frage. Als es verklang, hörte man René:

»Creuzot, Sie sind ein Pharisäer!«

»Aber warum?« entrüstete er sich lachend. Und Maria sagte:

»Er fragt noch! Er wagt noch zu fragen, wo er, der Beneidenswerte, mit Lia übermorgen in Nizza ist!«

Wieder lachte man, und ich hatte die Erklärung. Lias Mann wollte seine Frau begleiten und mit dem nächsten Zug zurückfahren, während Oberleutnant Creuzot mit ihr in Nizza bleiben sollte. Das erzählte mir René und fügte trocken hinzu:

»Der Mann ist enorm reich, er darf sich einen Hausfreund leisten.«

»Eine verdammte Sache, die Demokratie!« sagte er zu Creuzot, der zu uns trat, und lief davon.

»Sie betreiben einen praktischen Katholizismus!« sagte ich. »Ich meine, Frau Lia und Nizza – das ist eine hübsche Sache und sieht nicht nach Drahthemd aus!«

Er betrachtete mich mit einer verschlagenen Miene und glitt über das Thema hinweg.

Eine halbe Stunde später verabschiedete man sich. 105

 


 


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