Paul Neubauer
Maria
Paul Neubauer

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IX.
Der erste Abend ist der letzte

Meine Koffer hatte ich schon am Vormittag nach Marias Villa befördern lassen. Sie wollte mein Zimmer eigenhändig herrichten, meinen Kasten in Ordnung bringen, mich sollte ein bequemes Nest empfangen. Ihre Stimme war von einem Liebreiz und von einer Innigkeit, die früher nie aus ihr geklungen hatte, als sie mir dies telephonisch mitteilte und mich bat, die Koffer am Vormittag zu senden.

»Hast du es mit deinem Mann schon besprochen? Wird sich denn die Sache praktisch durchführen lassen?« fragte ich.

»O, darüber mußt du dir keine Sorgen machen! Er wird sich der Lösung nur freuen!«

188 Ich wunderte mich über diese Antwort, aus der hervorging, daß Direktor Marx von der beschlossenen Tatsache noch keine Kenntnis hatte. Eine sonderbare Nervosität befiel mich; denn ich kannte Marias Mann nur sehr flüchtig und sollte als der Freund seiner Gattin mit ihm leben, ihn täglich sehen, an seinem Familienleben teilhaben: mich in einer Welt zurechtfinden, in der ich auf tausend Hindernisse stoßen mußte.

Wieder wunderte ich mich, daß ich mich in dieses Erlebnis, das nun sehr kompliziert zu werden begann, verstrickt hatte, und staunte über die fremde Macht, die mich immer tiefer stieß, obwohl es gegen meinen Willen geschah. Stricke legten sich um mich und hinderten mich an jeder freien Bewegung, aber ich merkte gleichzeitig, daß es mir so sehr willkommen war und ich das schmerzliche Gefühl, der Freiheit beraubt zu werden, interessant genug fand, um nichts zu unternehmen, was ihm ein plötzliches Ende bereitet hätte.

Und Maria? Sie beraubte sich ihrer Freiheit und setzte mich in ihr Haus! Ihre Freiheit opferte sie, auf die sie nicht nur maßlos stolz war, sondern auf die sie sich immer berief, die sie bei jeder ihrer Unternehmungen einem Schild gleich vor sich hielt. Alles, was sie tat, stützte sie mit ihrer Freiheit und Unabhängigkeit, und beides hatte sie jetzt mir geopfert.

Ich schüttelte jedes Bedenken ab.

»Um neun Uhr also! Auf Wiedersehen! Die Koffer schicke ich gleich.«

Dann empfand ich, als ich abgehängt und mit meinen Gedanken geborgen war, meine Nervosität und Angst als übertrieben und geradezu lächerlich. Ich wagte ein Experiment, bei dem ich nur gewinnen 189 konnte, und war schließlich frei, wie Maria. Ich konnte gehen, wenn das Experiment mißlang. Der große Lärm und Kräfteaufwand lohnte sich nicht. Statt mich mit meinen Problemen zu befassen, die letzten Endes keine sind, sollte ich mich mit Maria befassen, dachte ich. Sie unternahm mit meiner Einquartierung etwas, was nicht alltäglich war, und schlug der Gesellschaftsordnung mit ihrer Hausordnung ins Gesicht, indem sie mich, ihren Freund, zu sich nahm.

In der Redaktion übergab man mir eine Depesche, die für mich soeben angekommen war.

Mein alter, steinreicher Gönner verständigte mich, daß er eingetroffen sei und mich um neun Uhr abends im Speisesaal seines Hotels zum Abendessen erwarte. Es war höchst seltsam! Er hatte bisher meine Briefe unbeantwortet gelassen, in verbissener Schweigsamkeit im Pariser Zentralkontor seines Konzerns sitzend. Plötzlich erfolgte ohne erkennbaren Grund diese Einladung.

Um neun Uhr sollte ich bei Maria sein. Sie hatte es mir streng aufgetragen, und ich konnte unmöglich die Hausordnung gleich am ersten Abend stören. Das Zusammentreffen dieser beiden Bestimmungen verwirrte mich, und etwas wie Aberglaube begann sich zu melden. Es war erst acht Uhr, und ich konnte ruhig überlegen und meine Verfügungen treffen.

Der alte Yankee tat nichts ohne Überlegung, das stand fest. Er beurteilte alles nach dem Prinzip der Zweckmäßigkeit und vereinfachte die komplizierten Lebensangelegenheiten. Was nicht mittun wollte und sich diesem Prinzip widersetzte, schied er ohne viel 190 Aufhebens aus seinem Gedankenkreis aus. Er hatte also zweifellos seine Gründe für diese Einladung gehabt, und es konnte mich teuer zu stehen kommen, mit einer Absage zu antworten. Ich hätte persönlich mich nicht entschuldigen können, denn ich konnte um neun Uhr nicht bei Maria und im Hotel zugleich sein.

Wieder meldete sich die Nervosität. In der Welt dieser unscheinbaren Dinge wirkten Kräfte, die die sichtbaren, kleinen Dinge nur als Mittel zu ihrem Zweck, nur für das Spiel mit den Menschen, benutzten. Ich fühlte die schreckliche Wirkung dieser Kräfte . . . Oder war alles Einbildung? Warum wollten sich die Nerven nicht beruhigen? Und immer wieder sprang mich die Angst an . . . ich spürte ihren Griff an meiner Kehle . . . und wußte nicht, wovor ich mich ängstigte! Vor dem ersten Abend im Hause Marias, das nun für mich auch das Haus ihres Mannes war? . . . Vor solchen Nichtigkeiten empfand ich Angst? Früher, in meinem freien Leben, ängstigte ich mich vor nichts, und jetzt, da ich in die kleinlichste Gebundenheit hineingeraten war, sollten mich die gewöhnlichsten Unscheinbarkeiten bedrängen, über die ich mich sonst mit einem Sprung hinwegsetzte? Ich mußte den Knoten mit einem Hieb zerhauen, um die lächerlichen Gespenster des Alltags zu verjagen!

Ich dachte plötzlich logisch und zwang mich zur Ruhe: Den alten Joe mußte ich unbedingt sprechen. Es konnte sich um Angelegenheiten handeln, die vielleicht mein ganzes ferneres Leben beeinflussen würden. Maria wollte ich telephonisch Bescheid geben. Ich betrat die Hall eines Hotels. Die Telephonzelle war 191 besetzt. Ich ließ mich in einem Klubsessel nieder und wartete.

Minuten waren schon vergangen, und ich begann wieder die Nervosität zu fühlen. Die eben erzwungene Ruhe war eine scheinbare gewesen, und obzwar ich die Erregung, die sich meiner bemächtigte, nicht zu erklären wußte, konnte ich mich ihrer nicht erwehren. Mein Herz klopfte so unbändig, als sollte ich im nächsten Augenblick einem unabwendbaren Schicksal gegenüber stehen. Ich steckte mir rasch eine Zigarette an, um mich für einen Moment zu betäuben.

»Hallo, alter Junge, du bist da?!« hörte ich eine helle Mädchenstimme mit englischem Einschlag, und Friedel stand vor mir.

Sie streckte mir lachend die Hand entgegen. Im ersten Augenblick der Verwirrung fiel mein Blick auf die Tür der Telephonzelle. Sie stand offen.

»Wolltest du telephonieren?« fragte sie. »Dann mußt du mich schön verflucht haben, weil ich so lange in der Zelle war.«

»Du hast telephoniert?« fragte ich fassungslos.

»Was weiter?« staunte sie. »Seid ihr in diesem winzigen Europa langwierig! Was wunderst du dich über mein Telephongespräch? Zwei Jahre sind es beinahe, daß wir uns zum letzten Mal gesehen haben, und du wunderst dich über ein Telephongespräch, statt darüber zu staunen, daß ich plötzlich vor dir stehe!«

Sehr schlank, sehr elegant stand sie da und lachte.

»Woher kommst du?« brachte ich endlich heraus.

»Die Frage läßt sich wenigstens beantworten!« sagte sie immer noch lachend und setzte sich in den andern Klubsessel. »Ich komme direkt aus 192 Hollywood! Dort wurde ich einige Male gedreht, aber mit wenig Erfolg! Ich kann einfach nicht! Die Kaffern, die amerikanischen! Ich kann nicht mit! Ich bin eben ein Reinhardtgirl!«

Friedel, das Reinhardtgirl! Den Ausdruck hatte sie selbst geprägt, und zu einer Zeit, da das Theater zum Film überging, in der Zeit der Hochkonjunktur der Prominenten! Sie hatte bei Reinhardt einige Rollen sehr gut absolviert und es bis zur Lulu gebracht. Allerdings nur für die Sommersaison. Film machte sie nicht mit. Die Theatertraditionen des Deutschen Theaters waren ihr heilig, und sie wäre eher verhungert, erklärte sie immer wieder stolz, als daß sie den Filmrummel mitgemacht hätte. Immer fröhlich, immer frei und elegant, mit blonder Etonfrisur, schlank und unsentimental: Friedel, das Reinhardtgirl. Ihre Augen schimmerten grünlich, die etwas zu kurz geratene Nase schnupperte überall neugierig umher, ohne sich für das Gefundene recht zu interessieren. Reinhardt selbst hatte sie gelegentlich entdeckt, und das hatte ihr Leben entschieden.

»Also auch du hast es mit Hollywood versucht?« neckte ich.

Mit Friedel kam ich im Leben immer von Zeit zu Zeit irgendwo zusammen: in Berlin, in Wien, in Ostende. Und immer gab es eine nette Stunde und einen festen Händedruck, der zu bedeuten hatte, daß keines von uns das schöne Gemeinsame eines ganzen Sommers an der Ostsee vergessen hatte. Reizvolle, friedliche Wochen. Friedel kannte keine Eifersucht. Man war vor dieser Leidenschaft durch ihr völlig freies Wesen geschützt. Sie lockte nicht, sie gab sich: eine prächtige Überraschung. Wenn sie wieder gehen 193 wollte, dann sagte sie es, und man war nicht böse, nicht eifersüchtig.

»Ich mußte die Sache mal versuchen!« sagte sie. »Charell fuhr gerade hinüber! Da dachte ich: na!«

»Und dann dachtest du wieder: na!«

»Nein, das nicht. Das Leben drüben ist ja wirklich wundervoll. Bis auf die amerikanischen Kaffern und Kafferinnen. Aber das Meer und die Wunderstadt . . . na!«

»Na gut, Friedel, und jetzt?«

»Jetzt erwarte ich hier einen alten Bankier. Weißt du, ich bin ein wenig . . . na, ich brauche eine Grundlage – momentan. Ich habe drüben abgewirtschaftet. Man muß eben Protektion haben, und du weißt ja, daß die Kerle von Kunst nichts verstehen! Mit meiner Lulu und dem großen Max konnte ich nicht kommen. ›Zeigen Sie Ihr Bein, mein Fräulein!‹ . . « ahmte sie einen amerikanischen Regisseur nach. – »Ich zeigte ihm das linke. Er fand es schön und verlangte das andere zu sehen. Ich sagte, es sei genau so wie das linke. ›Well!‹ – schnaubte er mit rotem Gesicht: ›Sie sind engagiert, müssen aber bis zu meinem nächsten Film warten, dessen Titel sie schon gehört haben werden: Die Dame mit den beiden linken Beinen!‹ . . . .«

»Der Witz ist nicht eben gut, Friedel; aber du hättest den Regisseur nicht beleidigen sollen. Wenn er deine beiden Beine sehen will . . .«

»Dann soll er sich sie anderswo suchen! Ich zeige sie, wem ich will!«

Ja, das war Friedel. Und statt den Rock ein wenig hinaufzuziehen, verzichtete sie auf Hollywood 194 und die Wunder einer amerikanischen Karriere und segelte ohne Cent in der Tasche nach Europa zurück.

»Wer ist der alte Bankier, den du erwartest?«

»Ja, wenn ich das wüßte! Ich bin eben erst in Erwartung seiner . . .«

»Ach so!« – Und plötzlich fielen mir zwei Dinge gleichzeitig ein: Mein alter Joe und Frank in Hollywood. – »«Willst du mit mir zum Abendessen bleiben?«

»Obzwar du kein alter Bankier bist, gern!«

»Ich werde dir aber einen solchen vorstellen, Friedel. Und wenn du klug bist . . .«

»Ich bin sehr klug!«

»Schweig doch! Du sprichst viel zu viel! Warte eine Sekunde, ich telephoniere bloß. Dann setze ich dir einen Plan vor, daß du sofort die Koffer packst und nach Hollywood zurückfährst.«

Ich telephonierte an Maria und bat sie, nicht böse zu sein, weil ich die Hausordnung störe und dies gleich am ersten Abend. Weder von Joe noch von meiner Begegnung mit Friedel sagte ich etwas.

»Ist es wirklich nicht möglich, daß du kommst?« fragte sie. Ich log gewandt glaubbare Dinge.

»Wie schade!« sagte sie bedauernd.

»Bist du mit deinem Mann?«

Nach einer kleinen Pause erst, in der sie zu überlegen schien, sagte sie:

»Ja, er ist zu Hause.«

Ich merkte wohl die Pause, war aber von meinem Plan so sehr erfüllt, daß ich nur schnell gute Nacht hervorbrachte und versprach, nicht zu stören, wenn ich spät heimkäme. Ich lief zu Friedel zurück, die mich sehr neugierig erwartete.

195 »Wer ist der alte Herr?« fragte sie und wies auf einen glattrasierten, eleganten Sechziger, der in diesem Augenblick in die Hall eingetreten war.

»Der erwartete Geldgewaltige!« – Die Uhr zeigte ein Viertel vor Neun, und ich stellte fest, daß ich mich zufällig in dem Hotel befand, in dessen Speisesaal mich der Alte um neun Uhr erwartete. Ich wußte, er würde den Speisesaal vor neun Uhr nicht betreten. Rasch trat ich mit Friedel, die interessierte Blicke verfolgten, ein, und besetzte einen kleinen Tisch für zwei Personen. Ich stellte ihr ein gutes Souper zusammen und skizzierte meinen Plan:

»Wir haben zehn Minuten, Friedel. Ich werde dir heute abend eine große Möglichkeit bieten. Wenn du klug bist, entscheidet sich dein Leben. Du mußt die fixe Idee des Reinhardtgirls endgültig aufgeben. Sprich nicht! Es ist nichts damit – mit der dritten Lulu-Besetzung.«

»Es ist die zweite!«

»Schweig und antwortete rasch und logisch: Wie hieß der Regisseur . . .«

»Der mit meinen Beinen? White, ein Jude und heißt Weiß . . .«

»Von der Famous?«

»Ja.«

»Schön! Zuhören!« – Ich erzählte ihr kurz von Frank, unseren gemeinsamen Filmen und dem Kontrakt des Managers.

»Das ist doch der große, gefürchtete . . .«

»Schweig!«

»Aber so höre doch! Ich kenne die Geschichte und kenne deinen Frank und Genia. Übrigens: gut, daß du sie nicht geheiratet hast. Sie paßt nicht zu dir, sie 196 ist viel intelligenter als du. Das wäre keine Ehe geworden . . .«

»Erzähl mir die Geschichte!«

»Die ist zum Totlachen! Kommt also dieser brave Frank, den ich nicht kannte und von dem ich natürlich nicht wußte, daß er dein Freund ist und Filme mit dir geschrieben hat, nach Hollywood. Zum großen Manager kommt kein Sterblicher, aber dieser Frank, der komische Kerl mit dem roten Kainszeichen unter dem Auge, der wie eine Großmutter aussieht und sich immer mit dem Einglas zu schaffen macht, wird herzlich empfangen. Alles staunt; denn hinter der Herzlichkeit steckt in Hollywood ein großes Geschäft. Wir hatten es bald herausgeschnüffelt: Der Große war von Franks Filmstücken begeistert und wollte sie drehen. Frank sollte am Reingewinn beteiligt sein. Weißt du, was das heißt? Wo kannst du das wissen, du Europaratte! Frank ist plötzlich der Mittelpunkt, der Mann der Gegenwart, der Stern. Wochen vergehen. Nichts! In Hollywood vergehen nie Wochen, nicht einmal Stunden. Frank rührt sich nicht, und der Gewaltige zieht sich zurück. Kein Mensch kann sich die Sache erklären, aber endlich bringt's die Sonne an den Tag: von den Filmmanuskripten fehlen einige Akte, und Frank, der Tag und Nacht schwitzend über den Blättern sitzt, kommt zu keinem Ende.«

»Ausgezeichnet, Friedel! Du kommst den Menschen auf halbem Wege entgegen!«

»Mit einem Wort, es ist nichts mit dem Drehen, und Frank sitzt auf dem Trockenen.«

»Also: die ergänzenden Manuskripte befinden sich in meinem Besitz. Wir haben sie gemeinsam geschrieben, aber Frank beeilte sich sehr, von hier 197 fortzukommen, und nahm in der allzugroßen Eile an ihrer Stelle meine Braut mit.«

Sie schüttelte sich vor Lachen, während sie einen Krebs zerlegte.

»Hat er dir denn nicht geschrieben?«

»Doch! Aber damals schien er noch zu glauben, mit den Manuskripten ohne meine Hilfe fertig zu werden. Ich hatte ihm ein gutes Geschäft vorgeschlagen, und er ging darauf nicht ein; denn er war froh, die Sache allein machen zu können und alles in seine Tasche fließen zu lassen. Ich besitze auch die Unterschrift des Managers.«

Joe trat ein. Er bemerkte uns sofort, schritt gemessen an uns vorbei und nickte einen Gruß. Dann setzte er sich in unserer Nähe an einen Tisch.

»Jetzt kommst du, Friedel! Ich schreibe an den Manager und verkaufe ihm meine Filme. Du segelst zurück, zwingst den guten Frank, der von Herzen froh sein wird, daß die Sache diese Wendung genommen hat, und bist gemacht. Hand in Hand mit meinen Filmen forderst du ganz Hollywood in die Schranken!«

»Dazu benötige ich zunächst Toiletten und, sagen wir, tausend Dollars!« antwortete sie mit lustiger Geschäftsmäßigkeit.

Ich deutete auf Joe, der mit dem Ober konferierte und bereits mehrere verstohlene Blicke herübergeschickt hatte.

»Glatter geht es nicht: hier hast du die Toiletten und mindestens tausend Dollars!«

»Auf welcher Grundlage?«

»Reelles Geschäft.«

»Linkes Bein genügt?«

198 »Linke Fußspitze! Sei klug!«

Ich küßte ihr die Hand und begab mich an den Tisch meines alten Gönners.

Nach kurzer Begrüßung eröffnete ich arrogant:

»Ich bin ganz Ohr! Thema Heinrich Heine und sein Onkel? Oder hast du etwas Wichtiges mitzuteilen?«

Der Alte parierte:

»Wer ist die Dame?«

»Halbwelt, alter Joe! Theater! Nichts für dich! Übrigens reich. Und überdies fährt sie übermorgen nach Hollywood, wo sie gedreht wird.«

»Übermorgen . . .« sagte er nachdenklich. Er konstatierte, daß er Zeit gewonnen habe. – »Ich habe dich gebeten . . .«

»Und ich bin da! Entschuldige mich für den Bruchteil einer Sekunde!«

Ich ging an den Tisch meiner Freundin und flüsterte:

»Angebissen! Du verschwindest in spätestens einer Viertelstunde und erwartest uns in der Hall. In einer knappen halben Stunde sind wir draußen!«

»Nun schieß los, Joe!« sagte ich wieder an seinem Tisch.

»Wie heißt die Dame?« – Für ihn waren alle Frauen Damen, die ihm gefielen.

»Friedel heißt sie und ist eine hochbegabte Reinhardtschülerin.«

Er nickte beifällig:

»Wirst du die Liebenswürdigkeit haben?«

»Ich stehe dir wie immer auch heute zu Diensten. Da du aber nicht wissen konntest, daß du mich in Friedels Gesellschaft antreffen würdest, und noch weniger, 199 daß sie dir gefallen würde, darf ich vielleicht erfahren, was dich bewog, mich herzubitten?«

Er setzte sich zurecht und begann die wichtige Auseinandersetzung. Er habe meine Bittbriefe unbeantwortet gelassen, um mich endlich zur Arbeit zu zwingen. Ich hätte mich wie jede existenzielle Halbheit in die Arme der Journalistik geworfen, aber das wäre noch ärger als Beschäftigungslosigkeit. Er habe mich beobachtet und sei zu der Überzeugung gekommen –«

»Bist du gewillt, noch einmal etwas für mich zu tun?« fragte ich.

»Ich habe dich gerufen, um dir dies mitzuteilen.«

»Was ist die Summe?«

Ein Blick traf Friedel, die vom Tisch aufstand und, von Männerblicken verfolgt, den Speisesaal verließ. Er bewahrte Ruhe.

»Hast du einen Plan?«

Da schossen die Gedanken im Hirn zu einem Mittelpunkt, und ich sagte innerlich bebend, doch vollkommen ruhig:

»Zum letztenmal: Hollywood. Ich brauche fünftausend Dollars!«

»Du willst mit deinen Filmen nach Hollywood und . . .«

»Und ich würde in einer Woche fahren. Mit Friedel!«

»In einer Woche?« fragte er mit derselben knöchernen Stimme, mit der er Prozente und Zinsen angab.

»Sagen wir in zwei Wochen.«

»Und du bürgst dafür . . .«

»Daß diesmal die Sache auf Ernst beruht und du nicht zu kurz kommst!«

200 »Erledigt! Ich werde dir das Geld anweisen.«

Zehn Minuten waren vergangen, seit Friedel den Saal verlassen hatte. Der Alte stand auf und richtete seinen Geschäftsblick auf mich. Ich ging mit einladender Geste voraus.

In der Hall wartete Friedel zigarettenrauchend. Männer versuchten mit Blicken beredte Sprache zu führen. Sie gab die Blicke nicht zurück. Joe genoß den Augenblick, in dem er Sieger über sie alle war. Ich stellte vor.

Wenn Friedel klug sein wollte, dann machte es ihr so leicht keine ihrer Geschlechtsgenossinnen nach. Und heute wollte sie besonders klug sein.

Erst um fünf Uhr früh fuhr das Auto vor dem Hotel vor.

»Reizend, daß wir unter einem Dach wohnen!« sagte mein alter Gönner, der trotz der durchtanzten Nacht, in der viel getrunken wurde, sehr unternehmungslustig aussah. Er schüttelte mir zum Zeichen seiner Befriedigung kräftig die Hand.

»Auf morgen!«

Und nun, da ich allein war, lachte ich hell auf. Mein Lachen galt nicht den beiden Gestalten, die der Abend mir zufällig in den Weg geworfen hatte. Es galt der schweren, steinernen Stadt, die mich gefangen gehalten und aus deren Umarmung ich mich nun losriß. Ich lachte über den Frühling und Sommer, und das kleine Erlebnis des halben Jahres war plötzlich wesenlos. Hollywood! schrie und rauschte es in mir! Und die Freiheit brach in dem Augenblick übermächtig in mir auf, wo ich mich dem kleinlichsten Leben, dem Familienleben, der Gebundenheit hatte überantworten wollen . . . Ich lachte befreit, glücklich, 201 erwachend, dem erwachenden Tag entgegen, der anbrach, um mich von den Fesseln zu lösen, die tief in mein Fleisch geschnitten hatten. Zwei lustige Wochen noch in Europa, und dann den großen Horizonten entgegen!

Ich lief die Morgenstraßen entlang meinem alten Hotel zu. Der Portier begrüßte mich etwas verwundert, da ich, eben ausgezogen, schon wieder ein Zimmer wünschte.

Eine halbe Stunde noch lag ich wach auf meinem Diwan und überdachte das Geschehene. Mir kam erst jetzt alles so recht deutlich zum Bewußtsein, alles, was sich seit meinem Einzug in diese Stadt abgespielt hatte. Ich war eingefangen worden, ich, der eben zum Sprung von Europas Küste nach Amerika hatte ausholen wollen. Jetzt erst verstand ich ganz richtig meinen grotesken Widerwillen gegen den steinernen Heiligen auf der Brücke als Vorausahnung des Experiments, das das Leben mit mir vorhatte: ich sollte eingespannt werden, gleich allen anderen, die ich bis dahin verlacht hatte, da ich ihren Eifer, ihren Ernst und ihre Gefühle längst durchschaut hatte. Nun sollte auch ich dem Leben dienen, das sich seines einfachsten und ewig wiederkehrenden Mittels, des Weibes, bediente. Und das Leben verstand sich aufs Kuppeln; denn Maria war eine interessante Frau, die mich zu fesseln wußte, indem sie die Fessel immer mehr lockerte und Gefühle ineinander übergleiten ließ, um sie gegeneinander auszuspielen . . . Aber das Leben! Oder was so genannt wird: die spielerische Gewalt im Weltall. – – Scheinbar sollte es genug sein, und ich durfte den unterbrochenen Weg fortsetzen! Denn ebenso plötzlich wie Maria, die Gebundenheit, Stadt, 202 Wohnung, Ehe bedeutete, war Friedel da und mit ihr auch der alte Joe, der mir schon so oft zu Sprüngen verholfen hatte . . . der unermeßlich reiche Amerikaner, der aus Spleen in Paris residierte und sich mit Künstlern abgab . . . Und wieder im Augenblick der Sprungbereitschaft! Damals wollte ich bloß von Europas Ufer nach Amerika springen. Jetzt aber? Wohin hatte ich wollen?

Bevor mir die Augen zufielen, dachte ich noch an Joe. Seine Depesche war zu plötzlich, und unsere Zusammenkunft mußte einen anderen Grund gehabt haben und wäre anders verlaufen, wenn Friedel nicht die Rolle des Zufalls gespielt hätte. Ich mußte den Alten aushorchen, mußte erfahren, was ihn veranlaßt hatte, mit mir zusammenzutreffen! Den Dollarsegen hatte ich Friedel zu danken, aber der Alte war mir unklar . . . Die Sache mit den Filmmanuskripten! Ich hatte Frank in der Hand gehabt, ohne es zu wissen!

Ich überlegte noch . . . und schlief ein. Und erwachte auf das Klingeln meines Zimmertelephons. Meine Blicke umfaßten den Herbst der Straße unten. Er war so plötzlich gekommen . . . War wirklich schon Herbst . . . So über Nacht?

»Hallo?« fragte ich.

Und hörte die Antwort deutlich und ganz nahe:

»Hier Maria . . .«

*

203 Der erste Tag meines neuen Lebens verlief vollkommen ruhig. Die Redaktion zog es vor, sich heute mit mir nicht zu befassen. Alle meine Gedanken waren bei Friedel, bei Hollywood. Mein alter, kraftstrotzender Übermut erfüllte mich ganz, und ich verrichtete zwar die gewohnte Tagesarbeit, blickte aber auf alles, was ich auch tat, aus der unendlichen Höhe des neuen Lebens herab.

Zwischendurch fiel mir ein, daß es ein humorvoller Einfall Marias gewesen war, mich in der Frühe in meinem alten Hotel anzurufen. Sie kannte die Wege und die Art alter Bohemiens! Mein Bett stand die erste Nacht leer in ihrer Wohnung, die die meine hätte werden sollen, aber sie wollte die Sache scherzend übergehen. Mir fiel keineswegs ein, daß sie mich hatte kontrollieren wollen; denn ich gab mir nicht die Mühe, mich in ihre Gedanken hineinzudenken, da ich von den meinigen viel zu sehr erfüllt war.

Ironisch betrachtete ich die verstaubte Redaktion, die Zeitungen, die Kollegen und den Chefredakteur. Ich konstatierte, er hatte unter der Nase eine kleine Warze, die bisher von mir unbemerkt geblieben war, und ich lachte darüber. Der und Maria! Und diese ganze Aufregung . . .

Den Blick auf die neuentdeckte Warze gerichtet, in der ich die Zusammenfassung des ganzen Unsinns sah, lachte ich hell auf und strich mit diesem Lachen das komische halbe Jahr mit allen seinen Menschen aus meinem Bewußtsein!

»Warum lachen Sie?« fragte der Chefredakteur ungehalten.

»Weil . . .« begann ich und lachte höhnisch.

204 Jetzt konnte ich ihn treffen, ihn verwunden, vernichten. Mit einem einzigen Wort wie mit einem Keulenschlag alles zertrümmern. Mich rächen, rächen . . . Wofür? fiel mir plötzlich ein. Für den vielen Lärm ohne Bedeutung? Für das große Nichts der sechs Monate? Oder Rache am Leben, das mir diesen dummen Streich gespielt hatte?

»Wenn Sie ausgelacht haben, darf ich Sie wohl bitten, wieder zu mir zu kommen!« sagte er, Würde wahrend, und fühlte mich mit mißtrauischen Blicken ab. Er mochte sich denken, daß ich in einem Anfall von Eifersucht ihn verlache.

»Haben Sie, Herr Doktor, einen Auftrag für mich?«

»Ich danke!« Er entließ mich mit beleidigtem Ernst.

Vielleicht ist es mir gelungen, seine Gunst zu verscherzen! dachte ich sehr befriedigt und begrüßte diese Möglichkeit als angenehmsten Racheakt. Im allernächsten Augenblick aber kümmerte ich mich nicht im geringsten mehr um ihn und die Redaktion, zu deren Tor ich hinausstürmte, um mit Friedel zusammenzutreffen, die mich im Café des Hotels erwartete.

Ich fand Joe allein und in ausgezeichneter Laune. Er berichtete von Friedel: ein ganz famoses, kluges Mädchen, ein reizendes Geschöpf! Sie sei oben im Zimmer, würde aber gleich herunterkommen. Der Alte strotzte vor Gesundheit und Lebensfreude und war gütig bei Wahrung der Vornehmheit, die es als selbstverständlich erachtete, daß seine neueste Frauenaffäre meinerseits gentlemanlike verschwiegen blieb. Nach einem Blick des Einverständnisses fragte ich geradeheraus:

205 »Und was hat dich bewogen, mir zu drahten? Du wolltest mir doch etwas mitteilen?«

»Ich wollte mit dir sprechen und dich bewegen . . .«

»Laß das!« sagte ich abweisend. »Das Märchen mit der Journalistik ist nichts! Es konnte dir nur recht sein, daß ich, um in Eurer Sprache zu sprechen, endlich Fuß gefaßt hatte, mein Brot selbst verdiente und keinem Menschen mehr zur Last fiel!«

Er wich aus.

»Das ist nicht so! Es gibt Unterschiede!«

»Friedel ist ein Zufall! Willst du nicht ehrlich reden?«

Da lachte der Alte trocken, doch gutmütig:

»Ich habe dir das Geld bereits angewiesen!«

»Das nehme ich mit großem Dank zur Kenntnis und werde mich erkenntlich zeigen, soweit es in meinen schwachen Kräften steht. Vielleicht entschließt du dich aber, noch bevor Friedel herunterkommt, mir zu verraten, was dich zu einer Annäherung veranlaßte.«

Er verzog ein wenig den Mund, und das gab seinem Gesicht einen sanft ironischen Ausdruck. Er sah zum großen Fenster hinaus. Auf der Straße stand der Herbst und gab seinen Blick zurück. Ich verhielt mich still und beobachtete den alten Mann und den Herbst, der sich irgendwie in seinem Blick allmählich zu spiegeln begann. Die Ironie verlief sich, und eine Härte des Entschlusses griff Platz. Endlich sagte er langsam:

»Du lebst mit einer Frau Maria Marx.«

»Gut informiert!« gab ich zurück, doch er blieb ganz ruhig, schien Friedel und mein Amerikaprojekt 206 vergessen zu haben und faßte seine Gedanken zusammen.

»Ich bin gut informiert. Und darum wollte ich dich sprechen. Es ist mein Wunsch, daß du diese Frau und diese Stadt verläßt. Es hat keinen Sinn, daß du hier verkommst . . .«

»Erlaube! Ich hätte mir diese Art der Kritik ein für alle Mal . . .«

»Ich kritisiere nicht, ich will dir helfen. Diese Frau Maria habe ich sehr schätzen gelernt . . .«

»Du kennst sie?« stürmte ich gierig.

»Und darum möchte ich dir eine Enttäuschung ersparen. Sie ist eine ganz ausgezeichnete Frau! Das beweist dieser an deine Eltern gerichtete Brief.«

Er zog den Brief hervor und überreichte mir ihn mit einer Gebärde, die Achtung vor Maria ausdrückte. Als ich die Zeilen durchflogen hatte, starrte ich sprachlos auf den Briefbogen. Sie teilte in dem Brief meinen Eltern in knapper Form und größter Aufrichtigkeit alles mit, was uns beide anging und was seit unserer Begegnung an Wichtigem vorgefallen war. Weiter, daß sie sich entschlossen habe, mich zu sich zu nehmen, um mit mir leben zu können; denn dies sei ihr innerster Wunsch. Die Ehe mit ihrem Mann sei eine vorbildliche Kameradschaft, der wahre Gatte sei ich; denn sie lebe für mich und mit mir. Erst als ich noch einmal las, bemerkte ich, daß der Brief an meine Mutter gerichtet war und aus der Zeit stammte, wo sie ihr Spiel mit dem Chefredakteur begonnen hatte. Ich verglich das Datum und stellte fest, der Brief war unmittelbar nach meiner Reportagenacht geschrieben.

207 »Ich wollte dir also helfen!« sagte Joe still und gedehnt – »Und darum bat ich dich, mit mir zu speisen. Den Brief habe ich von deiner Mutter erhalten.«

»Wie soll ich deine Hilfe verstehen?«

Bevor er antwortete, leuchtete das noch Unausgesprochene aus seinen Augen, und ich fühlte: die beiden Generationen kreuzen die Klingen! Und seine Worte, die mich von ihm für immer trennen sollten, waren von einer Vorahnung erfüllt.

»Wenn du nach der Lektüre dieses Briefes noch diese Frage an mich richten kannst, dann sehe ich, daß es hoch an der Zeit war, dich zu warnen und zur Besinnung zu bringen. Diese Frau Maria hat einen Mann, über den ich Erkundigungen eingezogen und das Beste erfahren habe, während seine Frau ein allzu freies Leben geführt haben soll. Sie besitzt nicht nur den Mut, dich, den Liebhaber, in ihr Haus zu nehmen, sondern teilt dies auch noch deinen Eltern mit. Ich will mich jedes Urteils enthalten und nur dich bitten, diese Frau und diese Stadt zu verlassen. Den gewünschten Betrag habe ich dir, wie bereits bemerkt, angewiesen.«

Die Vergangenheit hatte gesprochen: klar und unerbittlich. Ich kannte diesen vornehmen, korrekten Alten zu genau, als daß ich mich auf eine Erörterung eingelassen hätte.

»Ich erklärte dir gestern, daß ich nach Hollywood will!« sagte ich hart. »Jetzt ziehe ich das zurück! Ich bleibe in dieser Stadt und bei dieser Frau!«

»Dann bedauere ich, die Anweisung rückgängig machen zu müssen!«

»Das kann meinen Entschluß nicht ändern.«

208 Friedel trat in diesem Augenblick an unseren Tisch, von dem ich aufgestanden war.

»Du fährst also morgen mit Joe, Friedel! Da Euer Zug erst nachmittags abgeht, bringe ich dir am Vormittag die Manuskripte und den Brief an den Manager ins Hotel und werde dir alles Wissenswerte mitteilen. Jetzt muß ich gehen.«

»Warum eilst du?« fragte sie etwas betreten; denn sie hatte herausgefühlt, daß zwischen dem Alten und mir etwas vorgefallen sein mußte.

Und in diesem Moment geschah etwas Unerwartetes. Joe, der alte Freund meiner Mutter, hielt mich mit seinem tiefernsten Blick fest und sagte traurig:

»Ich hatte dir das alles gestern sagen wollen. Das war der Zweck meiner Depesche. Da aber Fräulein Friedel den glücklichsten Zufall verkörperte und du mir in Anlehnung daran von deinen Hollywooder Plänen sprachst, konnte ich mir die Ausführungen sparen. Du hast deinen Plan von gestern in einem unbesonnenen Augenblick geändert. Ich rate dir noch einmal, mit Fräulein Friedel und deinen Manuskripten nach Hollywood zu fahren.«

»Mit Fräulein Friedel?« fragte ich. »Und mit meinen Manuskripten? Und zu welchem Zweck?«

Er wich aus:

»Ich will wissen, daß du frei bist.«

»Und weist mir in diesem Falle . . .«

»Nicht nur den erwähnten Betrag an, sondern stehe dir ganz zur Verfügung.«

Friedel richtete ihren gesammelten Blick auf mich. Sie hatte alles erfaßt. Ein Wort, und ich war reich! Ein Wort, und Meere winkten! Alles war erfüllt, was mich seit gestern abend in Atem hielt.

209 »Du kannst aber,« sagte er, »hier nur so viel beheben, wie du für die Reise benötigst. Ich akkreditiere dich für drüben!«

Friedel hielt den Atem an. Alles stand auf dem Spiel. Ein Wort . . .

»Freiheit?« – Meine halblaute Frage galt dem Schicksal.

Freiheit . . . sie war nur an einer einzigen Stelle zu finden, dort, wo die Gebundenheit die größte war: bei Maria! Ich wußte nicht, warum. Ich wußte, wie so oft in entscheidenden Augenblicken meines Lebens plötzlich nichts und dachte nicht in Gedanken. Ich wußte nur: hier in dieser Stadt, hier mit dieser Maria hatte ich noch eine große, die größte Sache durchzukämpfen. Den Kampf, der zwischen gestern und heute entscheiden sollte.

»Morgen um zehn Uhr, Friedel!« –

Joe grüßte ich nicht.

*

Ich stieg zu Fuß den Serpentinenweg empor.

Vor einer Stunde war ich der Freiheit entgegengestürmt. Noch hatte ich den Weg nicht betreten, und schon entpuppte sie sich als Sklaverei. Heute ist der erste Abend in Marias Hause . . . Ein neues Leben beginnt. Ein Mensch wird in mein Leben treten, der Gatte, und ich in sein Leben . . . Wir sind Gegner, denn die Frau steht zwischen uns. Ich dachte an Romane, die in tausend Varianten den betrogenen Ehegatten zeigen. Was wollten die Autoren damit? Aus einer kleinen Frauenlaune Hunderttausende von 210 Büchern fabrizieren? . . . Marias Mann hat eingewilligt . . . Er wird sich rächen, weil ihn die neue Art der Frau zwang, es zu können! Ich ziehe in ein Gefecht und bin nicht gerüstet! Denn ich kenne nicht Maria, die meiner Mutter geschrieben hatte, als sie mit dem Chefredakteur spielte. Einerlei . . . Heute ist der erste Abend! . . .

Maria führte mich in mein Zimmer, in ein bequemes, weiches Nest. Für alles war vorgesorgt, alle Gewohnheiten berücksichtigt, ich war zu Hause.

Ich schilderte ihr die Ereignisse, die sich seit tagsvorher abgespielt hatten. Ihren Brief an meine Eltern ließ ich unerwähnt.

»Der erste Abend in deinem Hause, Maria!«

»Wirst du es nicht bereuen?« fragte sie.

»Niemals! Ich bin zu Hause bei dir!«

»Du kannst von deinem alten Gönner nichts mehr erwarten!« sagte sie schwer und mit beklommener Stimme.

»Der erste Abend bei dir, Maria!« – Und plötzlich erschrak ich – – der erste Abend sollte uns beiden gehören . . . »Kommt dein Mann schon heute?« fragte ich zögernd.

Ihre Antwort war von einer Trauer überschattet.

»Gestern war ich allein und wartete auf dich . . . Der erste Abend war gestern . . . er war der letzte . . . heute kommt mein Mann!«

Ich dachte: Friedel . . . Dollarland . . . Freiheit . . . und küßte Marias Hand:

»So ist es gut! Es sollte so sein!«

Verwundert blickte sie mich an. Sie verstand nicht. Bald darauf trat Direktor Marx ins Zimmer. 211

 


 


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