Paul Neubauer
Maria
Paul Neubauer

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VI.
Gespenster der Wirklichkeit

Das Gespräch mit dem Chefredakteur der großen Tageszeitung war kurz und bündig. Der gewandte Mensch formte mühelos Sätze, die sich zu einer aus Spiegelglas erbauten Wand zusammenfügten, und so oft ich diese erklimmen wollte, um einen Ausblick zu erreichen, glitt ich zurück und riß mir die Hände wund. Er war wohlwollend, sehr pressiert, und ich hatte fünf Minuten, um ihm meinen Wunsch mitzuteilen, eine Prüfung zu bestehen und das unwiderrufliche Urteil zu hören. Am Ende der fünf Minuten durchbohrte mich die große Brille:

»Sie machen also Probearbeit, und dann werden wir das weitere sehen!«

Er war ein Mensch der strengen Disziplin, der dort abbrechen konnte, wo ihn das Gespräch am meisten interessiert hätte. Selbst sein Gesicht, es mochte noch 115 so beherrscht wirken, und sein Gang straften das zur Schau getragene Wesen Lügen. Er schaute entweder ins Leere oder auf einen Stoß von Manuskripten, um sein Gegenüber besser beobachten zu können. Traf aber der Blick der grauen Augen, die unbeweglich und fast starr wie die eines Fisches waren, den Blick des anderen, dann hatte man erst recht das Gefühl, sie sähen ins Leere. Sie durften von seinen Gedanken nichts verraten; denn diese Gedanken beschäftigten sich ohne Unterlaß mit den Menschen, die er gegeneinander ausspielte. Er hatte seine Freude daran, die Fäden ihres Lebens in Verwirrung zu bringen: ein Intrigant, der die Intrigen nicht um des Bösen willen praktizierte, sondern aus Spiel, Langweile und Machtbewußtsein, das ihn trieb, sich die Größe und Wichtigkeit der eigenen Person stündlich vor Augen zu führen. Die starke, fleischige Nase stimmte zu den ganz abnorm breiten Lippen, deren Bewegungen ebenfalls an die eines Fisches erinnerten. Ein falscher Psychologe hätte ihn für ungewöhnlich leidenschaftlich und brutal halten können, für einen starken Erotiker, dem die Frau den Weltmittelpunkt bedeutete. Hände und Füße standen im Gegensatz zu diesem Gesicht, sie waren schmal gebaut und gut geformt. Das schwarze, an den Schläfen ergraute Haar und der gelbliche Teint verliehen ihm etwas Orientalisches. Er war hoch gewachsen und von schlanker Figur, sein Gang federnd. Zu jeder Zeit hielt er ein Lächeln bereit, das keines war, weil weder die Augen noch die Lippen, deren eine breit herabhing und deren andere noch breiter und platter nach oben ausgriff, mitlächelten.

Es war elf Uhr vormittag, als es geschah: die Fenster der Redaktion standen weit offen, denn die Hitze 116 war unerträglich. In dem einen großen Zimmer des zweiten Stockwerkes saß ich mit zwei Redaktionskollegen, jungen Burschen. Der eine, sehr begabt und unruhig, ließ keinen Augenblick vorbeigehen, ohne eine neue Idee in die Welt zu schleudern, die er mit der nächsten erschlug; er hieß Rudolf Santeau. Sein Vater Franzose, seine Mutter Ungarin, beide Juden, er deutscher Journalist. Der andere, ein stiller Mensch, dessen Lebensziel zu sein schien, stets die korrekteste Haltung zu beobachten und nie seine Kaltblütigkeit zu verlieren.

Santeau erklärte, gewohnheitsgemäß heftig gestikulierend, mit katzenartigen Bewegungen irgendein neues sozialpolitisches Problem. Plötzlich schrillte ein Schrei, ein langer Schatten fiel für eine Sekunde über den sonnenüberglänzten Tisch, etwas schlug wie in der Ferne dumpf auf, dann: erstarrte Stille.

Im nächsten Augenblick Lärm und Jagen über die Treppen. Wir eilten zum Fenster und schauten in den Hof hinab, den ein Garten umgab.

Unter dem Fenster auf dem Asphalt lag ein Mädchen auf dem Rüchen. Deutlich konnten wir es sehen: die Augen offen und starr, Arme und Beine weit von sich gestreckt. Sie lag in einer kaum merklichen Blutlache und war tot. Aufgeregte Menschen berichteten, sie wäre einige Minuten vor Elf langsam die Treppen hinaufgestiegen. Im zweiten Stockwerk war sie stehen geblieben und hatte einen Brief durchflogen, den sie ohne Umschlag in der Hand hielt. Ein Diener hatte sie gefragt, wen sie suche, aber sie sagte bloß, sie möchte einer Freundin, die in der dritten Etage beschäftigt sei, einen Brief übergeben. Dann lief sie plötzlich nach oben, sprang im vierten Stock auf das 117 offene Fenster, und, bevor es jemand verhüten konnte, warf sie sich in die Tiefe hinab.

Inzwischen waren wir im Hof bei der Leiche, die viel Menschen umstanden, angekommen. Jemand hatte ihr schon die Augen zugedrückt.

Ein achtzehnjähriges, blondes Mädchen, schlank und vornehm, sehr gut gekleidet. Die weiße Sommerseidenbluse war während des Sturzes gerissen, und man sah die kleinen, zarten Brüste. Sie war mit Rücken und Hinterkopf aufgeschlagen und mußte augenblicklich tot gewesen sein. Ihrem Kleid entströmte ein feines Parfüm, das mir konturlose Erinnerungen vorgaukelte.

Der Chefredakteur erschien mit dem Schutzmann. Bei der Leiche stockte er und gab Befehl, sie mit einem Tuch zu bedecken. Dann mußten wir zu unseren Schreibtischen zurückkehren.

Wir gingen nach einigem Zögern wieder an die Arbeit. Rudolf Santeau fehlte und kam auch den ganzen Tag über nicht zum Vorschein.

Für den Abend waren wir zu Maria, der ich inzwischen den Chefredakteur und einige Redakteure durch René hatte vorstellen lassen, zum Essen geladen.

Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, mir eine Position bei der Zeitung zu verschaffen und mich zum Gelderwerb zu zwingen. Erst hielt ich es für eine Laune der verwöhnten Frau, der dieser Sport etwas Neues sein mußte. Überdies hatte sie die schönste Gelegenheit, ihre Macht wiederum zu erweisen.

»Ist dir denn wirklich so viel daran gelegen, Maria?«

Wäre ich weniger zerfahren gewesen, so hätte ich die feine Schattierung bemerkt, um die sich ihr 118 Gesichtsausdruck seit einiger Zeit bereichert hatte. Ich war viel zu zerquält und unruhig, als daß ich darauf geachtet oder den Tonfall herausgehört hätte, als sie antwortete:

»Daran ist mir unendlich viel gelegen!«

»Nehmen dich diese Äußerlichkeiten gefangen?« fragte ich gereizt.

»Du kannst nicht alle Nachmittage bei einer Frau verbringen! Wie lange würde das dauern?«

»Danach frage ich nicht!« fuhr ich beleidigt auf.

»Aber ich um so mehr!« sagte sie langsam und entschlossen.

Mich beleidigte ihre Voraussicht und ihr nüchternes Denken.

»Du liebst nicht!« sagte ich ungestüm, »würdest du lieben, dann hättest du weniger praktische Ideen, dafür aber mehr Gefühl und den Mut zur Unbesonnenheit. Ich verstehe dich nicht, ich weiß nur, daß du nicht liebst! Liebe ist seliges Spiel, das alles vergessen macht.«

»Zur Hälfte!« mahnte sie.

»Und zur anderen Hälfte Zank und Streit, der zur ersten Hälfte zurückführt. Du liebst nicht.«

Lächelnd entgegnete sie:

»Ich liebe dich.«

Ihr Lächeln, ihre Ruhe, die ich als Kühle empfand, ihre kleinen praktischen Spiele, die Ausfluß von Launen waren, alles das schrieb ich einer Langenweile zu, von der ich meinte, daß sie immer mehr um sich griff. Die Leidenschaft und Glut unserer Nachmittage widersprach zwar dieser Voraussetzung, doch da ich keine andere Erklärung wußte, glaubte ich in meinem Trotz an eine Entfremdung.

119 »Gib mir doch lieber gleich den Abschied! Ich soll wohl von früh bis Mitternacht in der Redaktion arbeiten, um Geld zu verdienen? Das alte Lied! Dich soll ich gar nicht mehr sehen oder nur am Sonntag? Das ist der berühmte Kreislauf: Wenn man mit einer Frau leben will, muß man Geld verdienen, und hat man sich aufs Verdienen verlegt, verliert man die Frau!«

Sie schwieg und blickte mich ernst und bittend an.

Nun wurde ich heftig.

»Alexander kann die ganzen Nachmittage mit dir verbringen und mit dir auf dem Corso spazieren gehen! Und ich soll in die Redaktion?!«

Entschlossen stand sie auf.

»Willst du heute abend mit mir essen?«

Freudig erregt dankte ich für die spontane Einladung. Am nächsten Abend machte sie über die wundervolle Sommerluft andeutende Bemerkungen; ich zitterte, sie könnte mich wieder auffordern, mit ihr zu Abend zu essen. Tags vorher hatte sie allem Anschein nach absichtlich ein Sektmenu zusammengestellt, so daß ich heute ihrer Aufforderung nicht hätte Folge leisten können.

Eine Zeitlang erging sie sich in Redensarten über die Schönheiten des Sommers, dann erinnerte sie sich plötzlich an die Sommerfrische unserer ersten Nacht, stellte fest, daß sich der Ausflug noch lohnen würde, und erst als sie mich zur Genüge gemartert hatte, deckte sie wie einem plötzlichen Entschluß zufolge den kleinen Tisch auf der Terrasse für uns beide.

Ich schätzte die Rolle, die ich in ihrem Leben spielte, nicht so hoch ein, als daß ich auf den Gedanken 120 verfallen wäre, sie beabsichtige, meinen Lebensweg zu ebnen. Auch Berechnung war nicht die Triebfeder ihres Handelns, denn ihr Mann war reich genug, ihr alles zu geben, wonach sie verlangte. Und hätte die elegante Frau mehr gefordert, die Güter, die ein Ehemann seiner Frau nicht schenkt, ein reicher Freund hätte sich glücklich geschätzt, ihr das Gewünschte vor die Füße legen zu dürfen.

Ich wußte nicht, was ich denken sollte und überließ ihr die Führung.

Sie packte klug und zurückhaltend an. Ein-, zweimal hatte sie den Chefredakteur gesprochen. Dann waren wir in einer größeren Gesellschaft bei René zusammengetroffen. Maria überging ihn und befaßte sich nur mit den anderen Herren. Er versuchte sie in ein längeres Gespräch zu verwickeln, doch sie wich geschickt aus. Sie wußte sich beobachtet: der Brotneid meiner Kollegen lag auf der Lauer. Der katzenartige Santeau und der andere, der die personifizierte Korrektheit darzustellen bemüht war, hatten scharfe Augen.

Nach dem Abend bei René lud Maria die ganze Gesellschaft für den nächsten Abend zu sich ein.

René und Adele entschuldigten sich im letzten Augenblick. Die anderen fanden sich pünktlich ein.

Das Gespräch drehte sich um den Selbstmord des Mädchens. Der Chefredakteur verhielt sich reserviert und drechselte gewohnheitsgemäß vornehme Allgemeinsätze über die Neurasthenie dieser wirren, schwächlichen Zeit.

Meine Kollegen, Santeau und der überkorrekte Steifling, warfen sich verstohlene Blicke zu. Das Essen verlief etwas eintönig. Maria bot das Bild der 121 vollendeten Gleichgültigkeit: eine Frau, die von den Herren Aufmunterung erwartet. Diese bemühten sich offenbar erfolglos, und ich durfte mich bei dem Gedanken an einen mißlungenen Abend, dem aller Voraussicht nach kein zweiter folgen würde, beruhigen.

Erst beim Kaffee rührte Maria leicht an das Thema, den eigentlichen Zweck des Abends, und fragte den Chefredakteur nach mir. Er nickte mehr gefällig und galant als ernst und sprach von anderem.

Ich sah Marias harten, klaren Blick, den Ausdruck jener zielbewußten Energie, der keine Regung ihres Objektes entgeht. Sie studierte die Wesensart des Chefredakteurs und leitete das Gespräch zwischen den verschiedenen Themen, um seine Antworten einander gegenüberzustellen, die Fehler und Lücken, Eigenheiten und Widersprüche zu entdecken und zu einem psychologischen Urteil zu gelangen.

Santeau sprudelte ohne Unterlaß die unsinnigsten Sachen hervor und trank mit uns allen um die Wette. Oberleutnant Creuzot vertrat den abwesenden Hausherrn. Ein trinkfester Bursche, hetzte er, wie ich zu bemerken glaubte, auf Marias Wunsch die Gesellschaft in den Weinrausch. Er sang französische Chansons und wirbelte in allen Räumen umher. Man kam nicht zur Ruhe, und selbst der Chefredakteur vergaß seine ewige Würde und sprach dem Wein gewaltig zu.

Im Nebenzimmer wurde ein Grammophon aufgestellt. Man tanzte. Die Hausfrau war die einzige Dame. Meine Kollegen lehnten ab, sie waren keine Tänzer. Alexander eröffnete den Tanz.

Der Chefredakteur gab schwer nach. Dann tanzte auch er. Zunächst aus Höflichkeit. Nach einer Pause, 122 in der wir wieder viel tranken, äußerte er den Wunsch, mit Maria tanzen zu dürfen.

Versuchten sich die beiden Körper? Wollten sie sich aufeinander einstellen? Ich beobachtete gequält, machtlos; die Kollegen lauernd ironisch.

Der Chefredakteur tanzte nur Shimmy. Maria lehrte ihn den langsamen Tango, diese in die genießerische Ruhe zurückgedrängte Erotik. Zwei Magnetenpole, der Männer- und der Frauenkörper, ziehen sich gegenseitig an. Der Rhythmus lockt und gebietet der raschen Bewegung durch willkürliche, unerwartete Cäsuren Halt. Die Körper, in der Stille der Pause erstarrt, schweben übereinander. Bis der neue Rhythmus sie aus der Starre erlöst und sie zur nächsten Pause treibt . . .

Er hatte die Figur erlernt. Maria entfaltete als Lehrerin alle Nuancen des Weiblichen. Darin zerschmolz seine Vorsicht und Reserviertheit. Seine Fischaugen glommen auf, ihr trüber Glanz galt der Frau, mit der er tanzte.

Ich saß ruhig und entschlossen inmitten der sich verdichtenden Atmosphäre und wartete ab.

Um Mitternacht wehrte er sich gegen die weiteren Sektgläser, konnte aber Maria nicht mehr widerstehen. Um halb eins war er berauscht. Ich sah förmlich, wie sich das aufoktroyierende Ich, diese Hülle, vom wahren Ich loslöste und abfiel. Einige Minuten lang versuchte er noch leutselig und jovial mit uns zu sein, dann plötzlich vergaß er auch dieses letzte Mittel.

Er wurde bleiern, unbeweglich.

Das Hirn kam den Bewegungen nicht mehr nach. Er fraß Maria minutenlang mit dem starren Blick, und erst allmählich stellte sich die Scheu ein, seine Gier 123 vor uns preiszugeben. Dann wandte er schwer den Kopf und lachte übermäßig laut.

»Warum seid ihr so still? Wollen wir nicht tanzen?!«

Die Zunge versagte noch nicht. Der Tanz belebte ihn für die Dauer der Bewegung; denn er konnte Maria umarmen. Dann, wenn er sich setzte, fiel er neben sie auf den Divan und begann ihr den Hof zu machen.

Alexander rettete die Situation fast ununterbrochen. Er forderte immer im richtigen Augenblick Maria zum Tanz auf. Oder er sang ein Lied. Einmal begann er urplötzlich mit dem Chefredakteur einen wissenschaftlichen Streit.

Ich kümmerte mich um alles das fast gar nicht. Ich beobachtete nur Maria. Sie hatte bisher mäßig getrunken und hatte sich in der Gewalt. Hinter allen Masken ihres Spiels sah ich den gesammelten Ausdruck der Wachsamkeit.

Als erster begann Santeau zu wanken. Der katzenartig lautlose Mensch wirbelte Worte durcheinander. Er war berauscht.

»Herr Chefredakteur, küssen Sie sie!« flüsterte er lallend, als ich ins Nebenzimmer gegangen war,

Da stand ich mit einem Satz vor ihm und blickte in seine geröteten Augen, die taten, als wüßten sie nichts von den Worten, die der Mund soeben ausgesprochen hatte.

»Santeau!« Ich legte meine Hand auf seine Schulter. Er war berauscht und sagte, was er dachte. Seine Gedanken waren nur darauf gerichtet, dem Chefredakteur zu schmeicheln.

124 Als sich mein Mund auftat, traf mich Marias rascher Blick. Alexander brachte in diesem Moment den schwarzen Kaffee.

Der Chefredakteur glitt über die Szene hinweg und führte die Schale zum Mund. Der Korrekte, der ebenfalls viel getrunken hatte, saß nun ganz steif da. Wie aus Holz geschnitzt, völlig unbeweglich. Nur ein Punkt des rechten Auges flimmerte unmerklich nach der Richtung, wo Maria saß.

Santeau sprang auf. Seine Gedanken verkörperten sich im Raum. Er stolperte über sie bis zum Telephon, ließ sich interurban verbinden und telephonierte einer Berliner Redaktion:

»Spreche vom Abend des russischen Botschafters . . . Eben hochbedeutsames Gespräch zwischen ihm und dem englischen Botschafter . . . Frankreich ist nicht erschienen! Ich konnte mit dem ungarischen Grafen . . .«

Etwa zehn Minuten lang improvisierte er Lügen. Dann hängte er ab, wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich mit hoheitsvoller Miene zu uns.

Ich mußte mich nochmals verbinden lassen und gab Aufklärung. Der Nachtredakteur fluchte, ich hängte ab.

»Herr Graf!« sagte Santeau mühsam zum Chefredakteur und deutete auf Maria. »Die Tänzerin ist . . . sie ist, wie soll ich sagen? . . .«

»Schweig!« knarrte steif der korrekte Kollege.

»Sie ist . . . ich muß sagen, Herr Graf . . . nehmen Sie sie ins Bett!« Er wandte den Kopf zur Seite, um meinem Blick auszuweichen. »Ins Bett, Herr Graf! So ist sie! Reizend ist sie!«

125 »Du bist betrunken, Santeau, du mußt nach Hause!« sagte Alexander, der inzwischen mit allen Brüderschaft getrunken hatte.

»Laß ihn doch!« befahl Maria lachend, aber entschieden. »Was er da gesagt hat, ist die schönste Liebeserklärung. Eine häßliche Frau begehrt kein Mann.«

Der Chefredakteur lachte hemmungslos. Die Fischlippen glänzten vor Feuchtigkeit und standen offen.

Santeau lachte weinselig.

»Die Tänzerin« – er wies auf Maria – »wird nicht so dumm sein, wie die von heute morgen . . . und vom vierten Stock springen . . . Warum? Ich werde gefragt? . . . Ihr fragt noch? . . . Jeder Mensch weiß es schon . . .«

»Schweigen Sie, Santeau!« befahl der Chefredakteur.

Santeau grinste.

»Schweigen soll ich . . .«

Der Chefredakteur herrschte ihn an:

»Schweigen!« – In diesem Augenblick hatte er sich verraten. Mit allem: dem Tonfall, der Geste, dem Blick. Alles sprach: Erzähle! Rede! Gierig erwartete er Santeaus Worte. Er erwartete sie den ganzen Abend. Jetzt war der Moment! Jetzt!

»Hehe!« grinste Santeaus Fratze, und er stand auf. Er zog die Brauen zusammen und zwang das Hirn. Die Katzenaugen flackerten im zündenden Licht der Erinnerung, deren Faden sofort wieder riß. Aber schon hatte er hervorgezischt:

»Warum? Vier Stockwerke in die Tiefe und mausetot? . . . Verliebt . . . verliebt . . .«

126 »Schweigen!« gebot der Chefredakteur.

Santeau streckte den Arm aus, zeigte mit dem langen Finger hölzern und beschwörend auf ihn und stieß den Satz wie einen Dolch hervor:

»Verliebt in den Chefredakteur . . .«

Da verwandelte sich mit einem Schlage blitzartig alles. Das Zimmer und die Menschen. Die dicken Rauchschwaden schwebten ineinander, als wäre ein Sturmwind durch den Raum gebraust. Sie formten sich zu phantastischen Wesen, zu wilden Szenen. Wir sechs unter sie verstreut.

»Was sagt er?« fragte Marias Stimme.

»Betrunken!« hörte ich den Chefredakteur.

»Und der Brief?« zischte Santeau wie aus der Ferne.

»Erzählen Sie!« hörte ich Maria, und ihre Stimme war verwandelt.

»Es ist nicht wahr . . .«, reizte der Chefredakteur.

»Bitte . . . Erzählen Sie! Es ist wahr!«

Ihre Augen bestätigten die Wandlung. Sie standen voll leidenschaftlicher Interessiertheit den Fischaugen gegenüber. Ihre Nasenflügel bebten.

»Wenn er nicht, werde ich . . .«, lallte Santeau.

Da sprang der Chefredakteur vor.

»Schweigen Sie! Ich werde . . .«

Maria setzte sich so, daß sie das Dunkel aufsog. Schon nach den ersten Worten des Chefredakteurs verschwanden die anderen. Er selbst stand scharf beleuchtet. Schatten und Licht zerklüfteten sein Gesicht in hundert Flächen und Kanten. Seine Geste, mit der er einsetzte, riß die Rauchschwaden zu ihm hin. Sie umgaben seinen Kopf wie Gewölk. Er erschien plötzlich ganz phantastisch.

127 Ich stellte fest: jetzt wagt er es! Das ist der Einsatz, der Maria gilt. Jetzt springt sein Ich aus der Hülle!

Rasch stürzte er ein Glas hinunter. Dann begann er zu sprechen.

»Die Mädchenleiche verfolgte mich überall. Als ich beim Unglücksort ankam, lag sie noch so, wie sie aufgeschlagen war. Das Kleid hinaufgerutscht bis übers Kniee. Die schlanken, edlen Beine freigelegt. Die Bluse über der Brust zerrissen. Die junge Brust lugte hervor. Sonne fiel auf sie.«

In der Pause, die er auf diese Worte folgen ließ, musizierte die Gier, die dem noch lebenden Fleisch des toten Mädchens galt.

»Ich versuchte zu arbeiten. Es ging nicht!« – Er jagte plötzlich die Worte. Bisher hatte er schleppend gesprochen, als müßte er mit der Trunkenheit und der lallenden Zunge kämpfen. »Es ging nicht! Überall stand das Unglück. Als die Selbstmörderin in die Tiefe sprang, malte sich der fallende Leib wie ein Schattenblitz auf meinen sonnenüberglänzten Schreibtisch. Der Schatten blitzte überall, wohin ich blickte. Ich lief aus der Redaktion. Ich lief ins Freie. Zurück. Der Schatten mir voran und hinter mir. Und überall die schlanken Beine und die kleine, weiße Brust des Mädchens . . . Um sechs Uhr abends kam ich keuchend in der Bar an, wo ich sehr oft stundenlang sitze. Meistens allein. Oder mit zufälligen Menschen. Es gibt seltsame Zufallsmenschen, Silhouetten, die man nicht kennt, aber man kennt sie doch. Ich sehe sie, ich spreche mit ihnen, höre sie und weiß doch nicht, ob sie leben. Von Zeit zu Zeit tauchen sie auf und verschwinden . . . Ein solcher setzte sich 128 heute abend um sechs Uhr, als ich die Bar betrat, an meinen Tisch.«

Während der letzten Worte hatte er sich allmählich auf einen Stuhl niedergelassen. Nach der Pause waren die Worte wieder schwer und gedehnt.

»Er begrüßte mich, als ob wir Freunde wären und lächelte intim. Er fragte: ›Haben Sie das Mädchen, das vom vierten Stockwerk sprang, gekannt?‹ Und als ich verneinte, wiederholte er die Frage dringlicher. Trotz meiner abermaligen Verneinung stellte er sie zum dritten Mal. Und ich mußte ihm aufs Wort versichern, daß ich das Mädchen nie gesehen hatte.

›Umso seltsamer!‹ sagte er und schüttelte den Kopf. ›Es wird Sie also gewiß sehr interessieren, was ich Ihnen zu erzählen habe. Hören Sie gut zu! Vor zwei Wochen erschien das Mädchen zum erstenmal in dieser Bar. Sie waren bei ihrem Eintritt nicht anwesend, doch in dem Augenblick, wo Sie die Schwelle überschritten, zuckte das Mädchen zusammen und fragte ihre Gesellschaft, ob nicht jemand Sie kenne. Man gab ihr die gewünschte Auskunft. Sie war den ganzen Abend über wortkarg und verließ die Bar rascher, als es ihrer Gesellschaft lieb war. Sie erklärte, nie wieder herkommen zu wollen. Wo Sie sind, wolle sie nicht sein, weil sie Sie haßt und verabscheut! Das wußten Sie nicht? Merkwürdig! Tags darauf erschien sie wieder und wartete nervös. Sofort als Sie eintraten, wiederholte sich die Szene, die ich eben schilderte. Ich war in ihrer Gesellschaft und beobachtete ihre Bewegungen. Minutenlang fixierte sie Sie, und ihr Blick gefror zu Eis, doch das Eis flackerte mit seltsamer bläulicher Flamme. Sie aber, wenn Sie es noch so leugnen, erwiderten es mit demselben 129 flammenden Eisblick!‹ – Ich herrschte ihn an: er müsse verrückt sein; denn ich hatte das Mädchen nie gesehen, und alles war Erfindung. Er ließ sich nicht beirren: ›Ich glaube es Ihnen! Und doch haben Sie das Mädchen in den Tod gejagt!‹ . . .«

Maria beugte sich in diesem Moment vor. Ihr Gesicht stand im Lichtbereich. Die Augen hatten einen krankhaften Ausdruck. Sie waren groß, wie ich sie nur in der Leidenschaft gesehen hatte. Der Chefredakteur blickte über sie hinweg ins Leere und setzte seine Erzählung fort:

». . . ›Diese Szene,‹ sagte der Fremde – ›wiederholte sich zwei Wochen lang jeden Abend. In dieser Zeit tranken Sie viel und verließen in der Regel als letzter Gast die Bar. Am letzten Abend kamen Sie mit einer kleinen Gesellschaft. Sie tanzten viel mit einer Frau, tranken, lachten und waren recht übermütig.‹ . . .«

Der Chefredakteur hielt in der Erzählung inne und bemerkte:

»Diese Frau waren Sie, Frau Maria! Es war der Abend, als wir mit René, seiner Frau und den anderen noch in die Bar gingen, um zu tanzen.«

Er hatte diesen Hinweis nur beiläufig eingeschaltet, als käme der Tatsache keine Bedeutung zu.

». . . ›Um Mitternacht,‹ setzte also der Fremde fort – ›stand das Mädchen auf, und ohne Sie weiter zu beachten, verließ sie das Lokal. Am nächsten Tag ging sie in die Redaktion. Unterwegs traf sie einen Freund, besprach sich mit ihm für den Abend, ging die Treppen hinauf und warf sich in die Tiefe.‹ . . .«

»Ich wollte,« sagte der Chefredakteur, »grob werden und ihn anfahren. Es war blödsinnig, diese Sache 130 mit mir in Zusammenhang zu bringen. Doch als ich ihn anblickte, blieb mir das Wort in der Kehle stecken. Ich blickte ihn an, den bekannten Unbekannten, und erkannte ihn plötzlich: Er war ich! Ich saß mir selbst gegenüber! Und doch wars nicht mein Ich! Nicht das Ich, das Chefredakteur ist, über den Tisch gebeugt, Zeitung macht. Ein anderer war es und dennoch mein eigentlich innerstes Wesen. Ich schüttelte mich. Rasch trank ich mein Glas leer, um den Spuk loszuwerden, und es half; denn kaum stellte ich das Glas hin, saß wieder der andere dort, der, den ich vorübergehend aus der Bar kenne, der Fremde. Er sprach nichts und überreichte mir diesen Brief.«

Er hatte wieder die Worte, die er flüsterte, gejagt und gepeitscht. Jetzt zog er ein Papier aus der Tasche und las:

Du willst es, und ich gehe in den Tod. Ich habe Deinen Blick, den fürchterlichen, begriffen: Wenn wir beide Eines werden, sind wir von einander entfernter als jetzt, da wir uns nicht kennen. Darum darf uns nie Erfüllung werden! So verstehe ich die kalte Flammenglut Deines Blickes und befolge den Befehl. Und weil ich Dich so irrsinnig begehre, versperre ich selbst den Weg, der zu Dir führt: Ich gehe in den Tod, auf daß Nie-Erfülltes ewige Erfüllung sei! Du wolltest es, und Dein Wille geschehe.

– – Der Brief fiel mir aus der Hand, und zitternd brüllte ich den Menschen an meinem Tisch an. Er sagte ruhig, ich hätte nun wieder einmal genügend getrunken, und ich solle die Bar verlassen. Und als ich dies an seiner Seite getan hatte und mich in die Straßenbahn setzte, war alles vorüber. Ich war nüchtern; denn ich hatte kaum etwas getrunken.«

131 In die Pause, die nach dieser Erzählung entstand, stürzten die widerspruchvollsten Empfindungen. Der Chefredakteur knüllte den Brief in die Tasche und trank sein Glas leer. Platter Schwindel, dachte ich. Er will interessant erscheinen und auf Maria Eindruck machen! Zum Glück ist sie klug genug und läßt sich nicht beeinflussen. Sie lacht über ihn . . .

Maria lachte hell, seltsam angeregt:

»Alexander! Ankurbeln!«

Das Grammophon trompetete den Shimmy. Der Tanz wurde fortgesetzt. Er schien mir gespenstisch, mit eckigen, hölzernen, abgehackten, starren Bewegungen. Täuschten mir die Sinne etwas vor? Wirkte die Erzählung des Chefredakteurs? Oder der übermäßige Sektgenuß? Die Stimmung wurde wüst. Marias plötzliches, überreiztes Lachen . . . Kein Wort der Entgegnung, keine Abweisung des Schwindels? Die Rauchschwaden sanken wie Schleier über das Zimmer. Die Burschen intonierten falsch ein Burschenschaftslied. Jeder sang für sich. Das Grammophon spielte den Shimmy.

»Maria,« flüsterte ich, »schick uns fort!«

Da öffnete sich die Tür, Marias Mann stand auf der Schwelle.

Maria hatte ihn erst für den nächsten Tag von seiner Reise zurückerwartet.

Die Stimmen brachen ab. Das Grammophon spielte weiter. Und Santeau flüsterte:

»Ein Gespenst . . . ein Gespenst . . .«

Der kleine, untersetzte Mann machte einige Schritte in der Stille, die plötzlich eingetreten war. Hinter seiner Brille funkelten kleine, schwarze Augen: Vorsicht und Mißtrauen mit Ängstlichkeit gepaart. 132 Zurückgedrängte Angriffslust und Ungewißheit. Ein Mann von fünfzig Jahren mit schwarzem, graumeliertem Haar. Körperkonturen, Blick und Bewegungen führten zu seinem Lebensmittelpunkt: Geld. Geld, das Kraft verlieh auch dem Schwachen, Geld, das Naturunterschiede ausgleicht.

»Kein Gespenst!« – versuchte er, die Situation überblickend, zu scherzen. Er ging an uns vorbei zu Maria und küßte ihr die Hand. Alexander besorgte die Vorstellung.

Der Nüchternheit gegenübergestellt, versuchten sie Haltung zu bewahren und das Gleichgewicht zurückzuerlangen. Das Gewaltsame der Anstrengung verdoppelte das Komische der Situation.

»Ich wußte nicht . . .«, begann der Chefredakteur mit starkem Ansatz, stockte aber nach dem dritten Wort.

»Lassen Sie sich nicht stören, meine Herren!« war die Antwort.

Santeau stand auf und hielt die Lehne des Fauteuils krampfhaft umschlungen.

»Mein Name ist Rudolf Santeau . . . väterlicherseits Franzose . . .«

»Ich hatte ja soeben die Ehre, aber wenn Sie meinen und doppelt auch in diesem Fall stärker ist: ich heiße Marx.«

»Marx . . .«, stotterte der Betrunkene, setzte sich und grübelte weiter.

Nach einer Pause versuchte Herr Marx:

»Ich habe gestört. Wenn ein Nüchterner in eine angeregte Gesellschaft kommt . . .«

»Ich bitte dich!« unterbrach ihn Maria.

133 Er zog sich sofort zurück.

»Ich meine nur, daß ihr euch wahrscheinlich sehr gut unterhalten habt, wie immer!«

Der Chefredakteur, dem es gelungen war, einige Gedanken zusammenhängend zu formen, wollte den Abend so rasch wie möglich abrunden.

»Sie werden von der Reise müde sein. Es wäre unverantwortlich, wenn wir weiter bleiben würden!«

»Bitte auf mich keine Rücksicht zu nehmen!« sagte er eifrig und blickte Maria forschend an. »Ich bin gar nicht müde, es tut mir wohl, lustige Menschen angetroffen zu haben! Ich bitte die Herren zu bleiben!«

Er sprach die Worte mühsam aus; denn mit jedem einzelnen drückte er sich einen Dorn ins eigene Fleisch. Die Müdigkeit hing faltenreich von seinem etwas gedunsenen Gesicht herab, das nach Kraft und Gesundheit aussah und doch krank war: von unterdrücktem Haß, der allen Lebewesen und der ganzen Welt galt. Die Rache des Geldes: er tat ein ganzes Leben lang nichts, als sich vor dem Gelde tief verneigen. Die, von denen er es erraffen wollte, waren seine Herren und schonten nicht die Peitsche. Er durfte unter den Hieben nicht zucken. Er selbst, reich genug, um unabhängig sein zu können, diente nicht nur dem fremden, sondern auch dem eigenen Gelde.

»Sag den Herren,« wandte er sich an Maria, »sie möchten bleiben.« So brachte er ihr ein Opfer nach dem anderen und verriet seine Liebe zu dieser Frau. Der Haß, der ihn erfüllte, legte sich als Liebe und väterliche Zärtlichkeit der viel jüngeren, reizenden Frau vor die Füße. Sie setzte ihre kleinen Brokatschuhe darauf wie auf den Rücken eines gehorsamen Tieres. Da verschwand der Haß, die Müdigkeit und 134 die Selbstquälerei, und er lächelte beglückt: ein Mensch, ein einziger, den er lieben durfte und der ihm nahe stand. Verließ ihn Maria, dann versank er in die Einsamkeit, die niemand mit ihm teilen wollte.

Maria belohnte den Takt ihres Gatten.

»Tanzen wir noch einige Shimmys!«

Der Chefredakteur bat um einen Tango. Das Grammophon kreischte los, und der Abend wurde fortgesetzt.

»Trinken Sie mit mir ein Glas!« vermittelte Alexander.

Ich rückte näher und winkte den korrekten Kollegen heran. Maria und der Chefredakteur tanzten. Santeau saß ins Fauteuil versunken und beobachtete die Vorgänge mit starren Blicken.

»Wie steht es in Berlin, Herr Direktor?« fragte ich eröffnend.

Er erzählte ungezwungen. Zunächst hörte ich zerstreut zu; denn ich beobachtete das tanzende Paar. Er sprach über das Theater, über Bilder und dann über die volkswirtschaftliche Lage. Seine Sätze waren gut geformt und verrieten einen scharfen Beobachter, der über reiche Intelligenz verfügte und persönlich Erlebtes eigenwillig verarbeitete.

Nicht ohne Zögern versuchte ich das psychologische Experiment:

»Und die deutschen Frauen? Berlin ist seit dem Kriege stark amerikanisiert.«

Die Antwort erfolgte offen und ohne Scheu.

»Die Frau? Sie tragen immerhin Bubiköpfe, aber das Brandenburger Tor ist noch nicht l'Arc de triomphe. Paris ist in der Welt dasselbe Phänomen wie der Dichter: Keine Stadt kann es werden, sie muß es sein.«

135 Alexander betonte den intimen Freund des Hauses:

»Haben Sie nette Erlebnisse gehabt, Herr Direktor?«

Herr Marx betrachtete wohlwollend den Oberleutnant. Sonderbar, er, den man nie zu Gesicht bekam, schien genau zu erfühlen, wer zu Maria in einem bloß kameradschaftlichen Verhältnis stand. Alexander war ungefährlich. Der Direktor wußte es. Haß sprang aus seinem Blick, wenn er den Chefredakteur erreichte. Mir gegenüber verhielt er sich vollkommen ruhig. Ich dachte, er wisse nichts von meinen Beziehungen zu Maria.

Während er sprach, beendete sie den Tanz mit dem Chefredakteur, sie setzten sich in einer Ecke hinter den Rücken des Direktors und führten flüsternd ein angeregtes Gespräch.

Plötzlich empfand ich das Gespenstische der Situation.

Der bisher völlig ruhige Gatte begann sichtlich nervös zu werden. Ich selbst bebte innerlich. Zwei Männer, der Gatte und der Freund, verbanden sich in diesem Augenblick, um dem Dritten entgegenzutreten. Wir hatten uns vor einer Weile erst kennengelernt und mußten, obzwar Todfeinde, Freunde und Waffenbrüder sein.

Alexander verstummte, es wurde ernst. Der Korrekte verkroch sich hinter seine Steifheit, die ihm als Panzer diente. Santeau schien zu schlafen.

Das nächste Wort mußte Kampfansage sein.

»War's schön im Süden?« fragte der Direktor mit lauter Stimme und blickte mich an, als sagte er: Vorwärts! Zum Angriff!

136 Da machte Santeau eine jähe Bewegung, setzte sich steif auf und wollte sprechen, doch ich fiel ihm ins Wort, das er nicht aussprechen konnte.

»Wunderschön! Sonne und Meer, Strand und Kasino einzig schön!«

Ich fühlte mein Blut heiß durch den ganzen Körper jagen.

Maria tat, als hörte sie nichts und flüsterte weiter.

»Eine unangenehme Episode, als man Ihnen die Brieftasche zog!«

Er wollte schnell zum letzten Hieb ausholen. Ich sah deutlich sein zerrissenes Gesicht: Kasteiung jeder Zug. Das Flüstern hinter seinem Rücken machte ihn irrsinnig. Er machte eine sonderbare Handbewegung und wollte sprechen, doch Santeau sprang auf. Mit einer Hand die Tischkante festhaltend, mit der anderen auf den Direktor weisend, der wie unter einer Suggestion verstummte, fragte er trocken, mit nüchterner Stimme, die die letzte Kulmination des Rausches war:

»Sie haben ihn gekannt? Sie haben ihn nicht erst heute kennengelernt?«

Und er führte dabei die Hand im Halbkreis vom Direktor bis zu mir, und vor mir blieb der ausgestreckte Zeigefinger stehen.

Dies alles geschah blitzschnell.

Der Direktor erbleichte. Maria und der Chefredakteur waren aufgesprungen.

Ich packte die gespenstische Hand des Betrunkenen, die im Raum wie ein böses Omen aussah und ganz blutleer war.

»Sie haben ihn gekannt?!« erklang es noch einmal. »Sie haben von der Reise gewußt . . .«

137 Aus den Augen des Besinnungslosen stürzten Tränen. Sein Gesicht blieb starr. Und plötzlich, während die Tränen noch über die Backen rannen, strahlte es im Lichte der Verzückung. Er stürzte vor dem Direktor, der totenblaß dastand, in die Knie.

»Ich wußte es! Ich ahnte es! – Nieder vor dem großen Leid! Man muß vor dem Leid im Staube knien . . . Das Leid . . . das einzig Wahre . . . Der Mörder vor der Dirne . . . Der Heilige vor dem Vatermörder! . . . In den Staub vor dem Leid, das die Welt besiegt! Dostojewski . . . Wer viel gelitten hat, vor dem muß man knien . . .«

Er riß die Hand des Direktors an sich, umklammerte sie krampfhaft und küßte sie unter Tränen. Der riß sich los. Santeau verlor das Gleichgewicht, fiel aufs Gesicht und blieb liegen.

Maria war die einzige, die die Fassung nicht verlor. Sie hob den Hörer und bestellte mit klarer, schneidender Stimme ein Auto vors Haus. Ihre scharf rhythmisierten Worte nahmen den Kampf mit den Gespenstern auf. In wenigen Minuten fuhr das Auto tutend vor.

Dann brachten wir noch die Kraft auf, nach allen Regeln der Etikette Abschied zu nehmen und für den Abend zu danken. Alexander und der Korrekte trugen Santeau ins Auto.

Der Chefredakteur war der letzte. Er machte eine tiefe Verbeugung.

»Dank für den Tango, gnädige Frau!«

Und der Morgen lief uns strahlend entgegen, als das Auto durch die leeren Straßen sauste. 138

 


 


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