Paul Neubauer
Maria
Paul Neubauer

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XI.
Das tiefste Geheimnis

Dann fiel der erste Schnee und deckte alles zu. Es wurde still in der Welt und im Zimmer, und die Stille trug der Weihnacht entgegen.

Maria saß jetzt oft in ihrem kleinen ovalen Zimmerchen, dessen Straßenteil eine alkovenförmige Ausbuchtung bildete, die dem Raum, der ganz weiß gehalten war, einen besonders innigen Liebreiz verlieh.

Aus dieser weißen Umgebung starrte sie auf die große, weiße Landschaft des Winters, und wenn ich sie da überraschte, konnte ich die Gedanken, die ihre Lippen verschwiegen, dort draußen auf der Schneefläche erblicken. Der Horizont war weit. Man sah viel weiter als im Frühling und Herbst; denn der 239 große Baum vor der Terrasse hatte seinen Laubmantel abgelegt, und der Blick glitt zwischen seinen kahlen Ästen immer weiter, bis der Horizont ihn aufsog.

Es war, als stünden dort am Horizont Gedanken, die man einst verlassen hatte, weil Frühling geworden war und die Füße dem Wasser, dem eilenden, nachgeeilt waren. Jetzt aber stand alles plötzlich still, und man merkte in tiefer Verwunderung, daß die Gedanken von damals sich nicht gerührt hatten und wartend am Ende des Blickes standen – in greifbarer Nähe. Denn die winterliche Weitsichtigkeit brachte überraschenderweise alle näher: ganz nahe. Und man mußte an seine Gedanken denken, die man im Frühling treulos und leichtsinnig verlassen hatte.

So saß Maria in ihrem kleinen, weißen Zimmer und starrte auf die Schneefläche des Winters. Ich folgte ihrem Blick, und als ich ihm einmal bis ans Ende, bis zu den großen Horizonten, gefolgt war, nahm ich ihre Hand:

»Wird es immer so bleiben?«

»Wie sollte es werden?« – Ihre Stimme war ganz vom Gesang der Weite erfüllt.

»Ich könnte dich führen!«

»Wohin?«

»Noch kurze Zeit, und die Weihnacht ist da.«

»Ein schönes Fest für Kinder.«

»Ja, für Kinder, Maria! Wo die nicht sind, gibt es kein Ziel, und solange du dem Kinde nicht begegnest, wirst du in der Schneewüste immer im Kreis umherirren.«

Groß erglänzte tiefe Verwunderung in ihrem Blick:

»Weißt du denn . . .«

240 »Alles, Maria! Das Geheimnis des Kindes weiß ich.«

Sie wurde unruhig.

»Wie kannst du wissen, was mein tiefstes Geheimnis war? Und warum hast du nicht früher gesprochen?«

»Wie hätte ich können? Ich trat im Frühling in dein Leben. Wir wollten nicht verweilen, es hätte nur eine Nacht sein sollen, doch es kam anders. Da ich dies begriffen hatte, mußte ich erst den Weg betreten, der zu dir führt. Die Hindernisse mußte ich erst aus dem Weg schaffen, um bei dir anzukommen, mit denen mich zu messen, die mich verdrängen wollten. Du lebst mit einem Mann seit vielen Jahren – – ich mußte erst diesen Mann sehen, den Mann, den du verlassen hast und von dem du doch nicht fortkannst. Denn in jener Nacht, als ich zwischen Europa und Amerika stand, enthüllte sich dein Wesen so gebieterisch und zwingend, daß ich hinter dem Abenteuer das Schicksal erblickte. Konnte ich früher sprechen?«

»Und du wußtest davon?«

»Erst als ich deinen Mann kennenlernte. Seit dem letzten, schrecklichen Novemberabend.«

»Und was soll jetzt geschehen?«

Ich sprang erregt auf.

»Willst du dich bis ans Ende mit der Lüge quälen? Hast du nicht die Kraft, die Ketten zu zerreißen und neu zu beginnen? Ich kenne jetzt dein Geheimnis, und darum darf ich fordern! Du mußt zurück und alles neu beginnen!«

Lange Zeit antwortete sie nicht. Draußen wurde es dunkel. Die Horizonte verschwanden und mit ihnen die Gedanken. Von der unendlichen Weite blieb 241 nur das enge Zimmer, und auf Marias Gesicht legten sich große Schatten. Leise sagte sie:

»Das wird nie geschehen können.«

Nach diesem Gespräch gab sie mir keine Gelegenheit, länger als fünf Minuten mit ihr zu sprechen. Ihr Wesen änderte sich wie mit einem Schlage. Zu ihrem Mann wurde sie zärtlich, wie ich es zwischen den beiden noch nicht gesehen hatte, und er war so überglücklich, daß er mich beängstigend freundlich behandelte. Auch Alexander wurde jetzt in einem Maße herangezogen, daß Maria von Uneingeweihten eher für seine als für meine Freundin gehalten werden mußte.

Mit mir befaßte sie sich kaum, ja, sie ging mir aus dem Weg. Schon nach einigen Tagen der Beobachtung wußte ich, daß ich mich zurückziehen mußte. Meine Gegenwart machte sie nervös. Wenn sie mit Alexander sprach und ich dazu kam, verwandelte sich ihr Gesichtsausdruck, und ich fühlte ihren Unwillen, ohne ihn verstehen zu können. So oft ihr Mann frei war, ging sie mit ihm aus. Ins Theater oder ins Restaurant. Eine große Unruhe war in ihr. Sie ging mit eiligen Schritten durchs Zimmer und blieb plötzlich stehen; denn sie hatte vergessen, was sie holen wollte. Dieser Zustand verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Einmal, als es zu arg wurde, stellte ich sie zur Rede. Ich hatte bis dahin alle Launen erduldet und zu allem geschwiegen.

Aus der Redaktion kommend, traf ich Alexander bei ihr und machte über die innige Freundschaft harmlose Bemerkungen. Ihr Gesicht zuckte, während Alexander ironisch lächelte.

»Du bist wohl auch auf Alexander eifersüchtig?« fragte sie böse.

242 »Ich bin weder auf ihn noch auf andere eifersüchtig. Ich habe keinen Grund dazu.«

»Das glaube ich dir!« sagte sie gehässig. »Das hast du erreicht!«

Ich war von ihrem Tonfall überrascht.

»Hast du etwas gegen mich? Was habe ich erreicht?«

Wütend blickte sie mich an.

»Wie du dich verstellen kannst! Und du wagst, Alexander mit dem Namen Pharisäer zu beschimpfen?«

»Ich verstehe dich nicht . . .«

»Um so besser ich dich! Es ist noch nicht lange her, daß du sehr unzweideutig gezeigt hast, wie gut du mich verstehst!«

Ich zuckte die Achseln und ging in mein Zimmer. Kurz darauf kam Alexander zu mir und verabschiedete sich. Maria ging mit ihm in ein Tanzlokal. Sie schritt an meiner Tür vorüber, ohne mich zu rufen. Und erst in früher Morgenstunde kam sie nach Hause. Ich hörte die angeheiterten Stimmen vor dem Fenster und dann das Getute des sich entfernenden Autos.

Am nächsten Tag bat ich Maria in Anwesenheit ihres Mannes, mir zu erlauben, meine Koffer zu packen und wieder ins Hotel überzusiedeln.

»Jetzt willst du gehen!?« rief sie.

In der Stimme klang so viel Verachtung, daß ich zurückschrak. Da ich nicht dahinterkommen konnte, um was es sich handelte, sagte ich:

»Ich glaube, daß ich bei euch nicht bleiben kann! Ich bin dir überall im Wege. Das ist ein peinliches Gefühl. Auch ist es eine Nervenprobe für dich und deinen Mann.«

243 »Plötzlich bist du rücksichtsvoll! Wirklich unerwartet und in einer sehr unrichtigen Stunde!«

»Zwar weiß ich keineswegs, was diese Stunde von anderen unterscheidet, aber ich fühle, daß ich so handeln muß.«

»Nein! Jetzt wirst du nicht gehen! Gerade jetzt nicht!« rief sie empört und wandte sich an ihren Mann. »Er ist in neuester Zeit auf Alexander eifersüchtig! Kein Mensch kommt mehr zu uns, weil er auf alle eifersüchtig ist, und jetzt soll am Ende sogar Alexander nicht mehr kommen dürfen!«

Der Direktor lächelte mit sanfter Selbstironie: er, der Gatte, sollte sich mit seiner Frau über meine Eifersucht unterhalten!

»Ich versichere Ihnen,« sagte er fröhlich und gab mir einen Wink, auf alles einzugehen, »daß Sie nicht den geringsten Grund zur Eifersucht haben. Meine Frau ist Ihnen sicher treu.«

Auf den Scherz eingehend, lachte ich mit, doch unsere gute Laune steigerte Marias Wut.

»Du würdest ihn auch anders behandeln, wenn du wüßtest . . .«

»Was gibt es da zu wissen?« – Etwas in ihrer Stimme machte ihn ernst, und er wurde aufmerksam.

»Nichts! Nichts! Laß mich endlich in Ruhe! Ich will allein sein! Immer seid ihr um mich herum! Geht doch endlich!«

»Aber mein kleines Hündchen . . .«

Sie rannte ins Nebenzimmer und schlug die Tür zu.

Am Morgen ging ich zu ihr, um mich zu verabschieden. Sie verstand nicht.

244 »Du hast Launen! Was soll diese Verabschiedungskomödie bedeuten? Geh in die Redaktion! Ich hoffe, daß du bis zum Abend den Unsinn vergessen hast.«

Diesmal aber blieb ich bei meinem Vorsatz und sagte ihr schonungslos die Wahrheit. Wenn sie von mir loskommen wollte, konnte es anders geschehen. Es mußten nicht so viele Kräfte in Bewegung gesetzt werden.

»Da ich nun endgültig überzeugt bin, daß du die Episode satt bekommen hast, ist es das Vernünftigste, wenn wir scheiden.«

Sie ging rasch zur Tür, die in die Küche führte, und sagte:

»Vergiß nicht, wenn es dir keine Mühe macht, mir am Abend ein Pfund Kaffee zu bringen. Ich möchte mich heute nicht hinausrühren. Komm so bald wie möglich!«

»Maria!«

»Was noch? Ich habe jetzt keine Zeit! Komm bald!« – Und sie eilte hinaus. Am Abend war sie nicht zu Hause. Das Mädchen meldete, sie sei in Begleitung Alexanders um fünf Uhr im Auto fortgefahren, ohne für mich eine Nachricht zu hinterlassen.

Geraume Zeit stand ich mit dem Kaffeepaket in der Hand mitten im Zimmer. Endlich fiel mein Blick, der auf der Schneefläche herumgeirrt war, auf den Kaffee. Grundlos und mechanisch öffnete ich den Papiersack und roch an dem duftenden Inhalt. Das typische Bild stieg auf: das alte, ruheerfüllte Speisezimmer mit dem runden Tisch, und um ihn die kaffeetrinkende Familie: Mann, Frau und Kinder. Tausend Seiten aus tausend Romanen fielen mir ein und verursachten einen sonderbaren Wirrwarr in meinem 245 Kopf. Ich hatte nicht sonderlich viel gearbeitet und war doch so müde, daß ich mich kaum halten konnte. Nach einem aussichtslosen Kampf gegen die Müdigkeit, die geradezu einer Verblödung gleichkam, gab ich's auf und streckte mich auf den Diwan hin.

Im Kamin brannten Scheite und beleuchteten das Zimmer. Das langweiligste aller Bilder, die kaffeetrinkende Familie, wollte nicht weichen. Ich sah jedes Mitglied ganz deutlich, und die Kinder bewegten sich in meiner nächsten Nähe . . .

Auf ein vielstimmiges Lachen schreckte ich empor. Aus verschlafenen Augen blinzelte ich Maria an, die vor mir stand. Das Zimmer erfüllten Menschen. René und Adele erkannte ich trotz meiner Schlaftrunkenheit sofort und dann Alexander mit Frau Lia, Marias Studenten und seinen Nebenbuhler, den großen Offizier, und als letzten erblickte ich einen Fremden.

»Brav, brav!« lachte Maria. »Du befolgst die Befehle des Frauchens und hältst den Kaffee sogar im Schlaf fest. Ist dir der Duft nicht in die Nase gestiegen? So was bringt Träume. Wenn ich neben einem Sack Kaffee eingeschlafen wäre wie du, hätte mir ganz bestimmt von den fernen Ländern geträumt, wo der Kaffee zu Hause ist. Träumte dir überhaupt was?«

»Ich hatte einen Traum, gewiß. Aber vielleicht gestattest du . . . ich sehe einen Herrn in der Gesellschaft . . .«

»Den du noch nicht kennst! Das tut nichts!«

Die Gesellschaft lachte, ich stand auf.

»Mein Traum also war . . .«

»Ich errate ihn! Ich setze tausend gegen eins, daß ich ihn errate! Ich kenne deine Träume!«

246 Adele und Lia lachten laut bei dieser Bemerkung, die Herren schmunzelten. Ich schüttelte das Lachen ab, begrüßte die Gesellschaft und stellte mich dem Fremden vor. Wir sprachen unsere Namen gleichzeitig aus, so daß der eine den anderen nicht verstand, aber die Augen umfaßten die Gestalt: Ihm haftete etwas Fremdländisches an, etwas vom englischen Offizier, der lange Zeit in den Kolonien gedient hat. Ein glattes Oval, völlig zur Ruhe gezwungene Augen, peinlich genaue Frisur des schwarzen Haares und eine schlanke Figur. Als wir die Hände zurückzogen, klemmte er sein Einglas ein und schaute über mich hinweg.

»Was ist mit der Wette?« rief Maria.

»Ich halte sie.«

»Du sagst aber, wenn ich richtig rate, die Wahrheit! Dir träumte von einer Familie, die gemütlich an einem Tisch sitzt . . .«

Ich sprang auf.

»Woher . . .«

»Und Kaffee trinkt! Daher! Familienglück! Gartenlaube!«

Schallendes Gelächter belohnte ihre Augenblicksproduktion, als ich mechanisch bejahend nickte.

»Du bist brav! Du gibst es zu!«

Da klang so Böses und Gehässiges mit, daß ich meinen forschenden Blick nicht von ihr wenden konnte, während sie lachte.

»Schau mich nicht so böse an!« rief sie lachend. »Jeder hat andere Träume! Nicht wahr, Herr Kapitän?«

247 Der Fremde lachte plötzlich diszipliniert und eintönig drauf los. Man hatte die Empfindung, er mache alles auf Befehl.

»Wir alten Seeratten, wie der Admiral zu sagen pflegt, träumen nie, nur wenn wir Festland sehen. Es erwacht in uns die Erinnerung . . .«

»An die Stätten, die wir im Flug um die Erde besuchten, an ihre Frauen und ihre Paläste, an die Ecken, die molligen – – aber der Traum dauert nur Sekunden; denn wir sind alle fliegende Holländer und müssen weiter, immer weiter . . .«

Ich hatte seinen Satz beendet. Er stand mit offenem Mund. Vereinzelt lachte man. Maria zog die Brauen zusammen.

»Was soll diese . . .«

»Ein Zitat! Zu lesen im berühmten Roman ›Seemannslos‹. Hat schon so manchen Menschen zum Weinen gebracht. Andere zum Lachen.«

Der Kapitän legte den Mund in ironische Falten und antwortete nicht.

»Ausgezeichnet! Ausgezeichnet!« jubelte René.

Der Abend brachte keine Überraschung. Maria befaßte sich mit dem Kapitän. Ich versuchte, mich dem unerquicklichen Bild zu entziehen, da ich es müde geworden war, dem Spiel auf den Grund zu gehen.

Ziemlich spät, angewidert und ernüchtert, kam ich, als die Gäste sich entfernt hatten, in mein Zimmer.

Das war es?

Zu wenig! Nichts. Ich konnte den Punkt hinter das Kapitel setzen. Nicht aus Eifersucht, nicht aus beleidigtem Stolz.

In meiner Müdigkeit lachte ich noch leise. Das Leben, bestand es aus diesen kleinlichsten 248 Kleinigkeiten? Aus Gebundenheit aller Art, die, gelöst, die Sinnlosigkeit alles Geschehens dartun mußte? Konnte nicht einmal eine Frau vom Schlage Marias, eine Frau, deren Blut sich in wilder Strömung ihr eigenes Bett grub, etwas Ungewohntes hervorbringen? Der Kapitän mit dem Einglas, das Männchen . . .

Ich schob den Abend und Maria beiseite, doch im letzten wachen Augenblick fiel mir ihr Brief an meine Eltern ein. Die Erinnerung an ihn riß mich ins Wachen zurück. Ich durchlas ihn noch einmal und verstand danach Maria noch weniger und am Ende überhaupt nicht. Dieser Brief an die unbekannten, alten Eltern . . . Ein Spiel? Aber jedes Spiel wird von einem Interesse getrieben, und sei es ein noch so fernes und indirektes! Wann hatte sie diesen Brief geschrieben? Gerade als sie mit dem Chefredakteur ihr Spiel trieb . . . Das Ineinandergreifen von aufgewühlter Erotik und Mütterlichkeit! . . . Und immer wieder ein Spiel?

Am Morgen sprang ich unter die kalte Dusche. Rieb mich dann heiß. Von Friedel noch keine Nachricht. Einerlei! Als ich gehen wollte, hörte ich Marias Stimme. Sie rief mich. Zwei Augen, groß, gütig, vertrauensvoll und hilfesuchend. Sie lag im Bett:

»Komm her! Setz dich noch ein wenig zu mir. Du hast doch noch Zeit?«

Nur die Leidenschaften bringen den Menschen um seinen Humor und um die Einfälle einer versöhnlichen und phantasiereichen Weltanschauung. An diesem Morgen war es still in mir.

»Doch, Maria, ich habe viel Zeit!« Und ich setzte mich auf den Rand ihres Bettes.

249 Nach einer Stille:

»Ich habe dich so innig lieb!« – warm und furchtsam – »Bist du mir böse?«

»Wegen des Kapitäns? Und wegen der letzten Tage?«

Sie blickte mich verständnislos an:

»Wegen? . . . Meine Frage hat mit dem Kapitän nichts zu schaffen! Und die letzten Tage? War ich böse zu dir?«

»Maria! Ich bin heute so ruhig, daß du mit mir über alles offen sprechen kannst! Du mußt nicht immer die Mittel der Frau in Anwendung bringen!«

»War ich böse? Nein! Ich fragte dich bloß, weil ich . . . mir ist so seltsam zu Mute! Ich glaube, daß zwischen uns etwas Unausgesprochenes ist! Und ich wäre so glücklich, wenn ich es aus der Welt schaffen könnte.«

Sie setzte also das Spiel hartnäckig fort. Ich ging darauf ein.

»Zwischen uns ist nichts, Maria!«

»Sei nicht so böse zu mir! Ich kann ja nichts dafür. Ich liebe dich! Ich liebe dich innig!«

Ich blieb kalt. Es gehört zum Spiel, dachte ich. Und ich war frei und fröhlich.

»Ich verstehe dich nicht, Maria! Was treibst du? Warum weinst du? Gibt es hier überhaupt etwas zu beweinen? Ich will dir nicht im Weg stehen, nicht in dich drängen . . .«

»Schweig!« herrschte sie mich an. »Du unterhältst dich mit Adele über mich!«

Die Ruhe begann mich zu verlassen:

»Und du, Maria, bringst eine wilde Gesellschaft ins Haus und einen fremden Kapitän. Dann findest du es notwendig, mich zu verlachen, weil ich 250 eingeschlafen war und flirtest mit dem Einglas. Das hat sich in unserer Bekanntschaft schon zu oft wiederholt, und ich glaube, es muß langweilig wirken. Ich für mein Teil, habe genug davon! Das ist nicht Eifersucht, das ist Sache des Taktes! Du hast . . .«

Ich unterbrach den Satz, weil mir die Geschmacklosigkeit meiner Diktion zum Bewußtsein kam, und schwieg betroffen. Wird das kein Ende nehmen? Und dahinter vermutete ich ein besonderes Geheimnis?

Da legte sie die Arme um meinen Hals:

»Ich habe an deine Eltern geschrieben!«

Ich spielte den Erstaunten.

»Ich mußte schreiben!«

»Die Antwort?«

Sie zog ein Briefpapier unter dem Kissen hervor. Die Antwort meiner Mutter war gütig und verständnisvoll. Ich durchflog den kurzen Brief, in dem mich nur der Endsatz fesselte: Was Sie verschweigen, Frau Maria, bleibt verschwiegen in meinem Herzen. Es kommt immer anders, als wir wünschen und uns mühen. Aber eine Freundin haben Sie gewonnen, die Sie grüßt und auf Sie wartet, wie es auch kommen mag.

»Meine Mutter!« – sagte ich strahlend und stolz. An anderes dachte ich nicht.

»Komm!« flüsterte Maria und suchte mit ihren Lippen meinen Mund.

»Was willst du?!« – Ich hielt ihren Kopf fest und blickte ihr in die Augen, um ihr Geheimnis zu erforschen.

»Dich, dich will ich!«

Doch als sich unsere Lippen begegneten, stieß sie mich mit großer Kraft zurück und schrie:

251 »Geh weg! Ich will nicht.«

Sie warf sich herum und kehrte mir den Rücken zu. In der Bewegung lag Haß und Abscheu. Ich stand auf und ging.

»Komm! Komm her!« rief sie plötzlich, als ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, aber ich stürmte hinaus und die Wege entlang in die Redaktion.

*

Abend mit allen Schauern, in unermeßlicher Ruhe: die Weihnachtsruhe der Seele. Schneeflächen das äußere Bild. Der Gottessohn wird geboren. Still wird das Kindlein in der Krippe liegen, und der große, der leuchtende Stern von Bethlehem wird über der Tür des Stalles stehen bleiben auf seinem ewigen Wanderweg. Das Stroh, von dem die Kuh frißt, wird rascheln, und die drei seltsamen Reiter in reicher Gewandung, die von Edelsteinen übersät ist, werden von ihren Tieren absteigen: vom Pferd, vom Maulesel und vom Kamel, um anzubeten . . .

Vor zwei Jahrtausenden hatte sich das Märchen ereignet. Und die Ruhe und Seligkeit setzt sich fest in allen, die an das Märchen glauben. Denn es kann sein, daß morgen, wenn die Kerzen des Baumes brennen, das Märchen sich wiederholt und der Gottessohn geboren wird, um sich ans Kreuz schlagen zu lassen. Wie viel Kinder werden an diesem Abend geboren?! In Europa und am Ganges . . . irgendwo in einem Land, das wir nicht kennen . . . Morgen ist Weihnacht, die weihevolle Nacht . . .

252 Der Schnee unter meinen Füßen war frisch gefallen und sog meine Tritte und meine Gedanken auf. Ich schritt langsam über die reine, weiche Decke, um den Weg zu verlängern. Ich machte die verschiedensten Bogen, denn ich wollte spät nach Hause kommen. Etwas hielt mich zurück, ich konnte mir mein eigenes Gefühl nicht erklären.

Endlich blieb mir nichts anderes übrig als entweder zurückzukehren oder das Haustor zu öffnen. Ich zögerte einen Augenblick.

Aber wer möchte an diesem Abend allein sein? Man findet nirgends einen Freund, denn alles sucht das festgefügte Haus auf. Und auch der Wein schmeckt an diesem Abend nicht so wie sonst. Die Mädchen auf der Straße sind mit einem Mal auch nicht mehr da: man bleibt allein. Wer bliebe draußen oder ginge zu beiläufigen Bekannten, die es nicht freudig begrüßen würden, daß man da ist?

Ich trat ein.

Aus der Wohnung schlug mir große Stille entgegen. Als wäre keiner da, oder als hätten sie eben das Haus verlassen. Während ich die Treppe hinaufschritt, mußte ich ein Angstgefühl bekämpfen.

Im ersten Zimmer saß Alexander, der anders aussah als sonst. Unverkennbarer Ernst schnitt eine Falte zwischen die buschigen Brauen. Er hatte mich erwartet.

»Sei still!« winkte er, als ich, verträumt und ganz in meine Weihnachtsgedanken eingesponnen, eintrat.

»Warum so feierlich? Ist es wieder wegen der Pfaffen, alter Katholik? Und wo ist Maria?«

»Drinnen!« sagte er, und eine Geste forderte mich auf, Platz zu nehmen.

253 »Seid ihr aber feierlich! Christi Geburt scheint selbst dich irgendwie zu beschäftigen!«

»Sie hat hohes Fieber!« – Er maß mich feindlich.

In diesem Augenblick kam Direktor Marx heraus:

»Gelobt sei Gott, daß Sie da sind! Sie hat nach Ihnen gerufen!«

Ich würgte die Angst hinunter und durchschritt schnell die Zimmer, die mich von Marias Schlafzimmer trennten. Sie hatte die Arme unter dem Kopf verschränkt, ihre Augen strahlten.

»Ich dachte, daß du nicht kommen würdest!«

Mit einem Satz war ich vor ihrem Bett:

»Maria!«

»Ich habe dich so lange nicht gesehen!« – Mit hilflosem Versuch, die Arme zu heben – »Komm her zu mir!«

Ich kniete stumm vor dem Bett. Der Direktor schloß die offen gebliebene Tür. Wir waren allein. Sie strich mir ohne Unterlaß übers Haar und wandte keinen Blick von mir:

»Ich habe dich lange nicht gesehen . . . Was ist heute abend? Ich bin so müde, so unsagbar müde . . . und die Stille ist so unermeßlich . . . Ich liege seit Stunden im Bett und höre die Stille! »Was ist das?«

»Weihnacht, Maria. Die Geburt Christi.«

Sie blickte mich an, doch der Blick glitt traumverloren ins Unermeßliche. Blick und Geste, Wort und Stimme, alles war heute so weich und warm, von einer kindlichen Angst erfüllt.

»Erzähle mir das Märchen von Christi Geburt!«

»Du kennst es doch! Sag mir lieber . . .«

»Nein, nein! Erzähle!«

254 Fieberrosen erschienen auf ihren Wangen. Sie machte eine ungeduldige Bewegung, wie ein Kind, dem etwas versagt wird. Ich gab nach.

»Das Märchen, wie es erzählt wird, kennst du. Aber ich will dir eines erzählen, das es ergänzt und das viel weniger Menschen kennen. Die Geschichte des Riesen Reprobus, des Verworfenen.«

»Das kenne ich nicht! Was hat das mit der Geburt Christi zu tun?« Sie fieberte. Ich wollte unter dem Vorwand, kalte Kompressen zu holen, ihren Mann um den Arzt schicken, doch sie ließ mich nicht fort.

»Reprobus war ein Riese, der sich geschworen hatte, nur dem zu dienen, der mächtiger wäre als er. So kam er zum Kaiser von China und diente ihm treu viele Jahre; denn der Kaiser war der mächtigste Mann und hatte alle seine Feinde besiegt. Schließlich erfuhr Reprobus, der Verworfene, wie er genannt wurde, daß der Kaiser sich vor dem Teufel ängstigte. Nun suchte er den Teufel auf und diente auch diesem lange. Bis der Teufel eines Tages auf der Landstraße vor einem hölzernen Mann, der ans Kreuz geschlagen war, im Bogen auswich und auf die Frage des Riesen, wer dies sei, zur Antwort gab, dies sei Christus von Nazareth, der stärker sei als er. Nun suchte Reprobus den Christus viele Jahre; denn er wollte ihm dienen, aber er fand ihn nirgendwo auf der ganzen Erde. Endlich sagte ihm ein Einsiedler in einem Urwald, er möge weiter wandern. ›Am Ende des Waldes fließt ein Fluß. Dort mußt du dir eine Hütte bauen. Der Fluß ist sehr breit, und die Strömung ist reißend, und du mußt die Menschen, die auf das jenseitige Ufer wollen, hinübertragen; denn es ist nirgends eine Fähre. Wenn du das mit Aufopferung aller deiner 255 Kräfte bei Tag und bei Nacht tun wirst, findest du Christus.‹

»Kennst du das Märchen nicht, Maria?«

»Nein! Nein! Erzähle weiter! Aber bitte dreh das Deckenlicht ab und zünde die kleine Stehlampe an!«

Das Zimmer änderte sich kaleidoskopisch. Schatten sprangen auf Flächen, kleine Lichtfleckchen setzten sich rasch zurecht und veränderten die Maße. Die Konturen wurden weich. Und plötzlich konnte man draußen den weißen Schnee in seinem fahlen Eigenlicht erblicken.

»Reprobus tat, wie ihm der alte Einsiedler befahl. Er durchquerte den Wald und fand den gewaltigen Fluß. Am Ufer erbaute er eine kleine Hütte und begann unverzüglich den schweren Dienst. Bei Tag und bei Nacht kamen Menschen, junge und alte, die alle auf das jenseitige Ufer hinüber wollten, und ohne Zögern, ohne Murren, ohne jemals Lohn zu empfangen, verrichtete er seine Arbeit. Eines Nachts aber, als ein furchtbarer Schneesturm tobte, klopfte es an der Tür seiner Hütte, und wie im Traum hörte er die Stimme eines Kindes. Er stand auf und sah nach, doch er fand niemand und legte sich wieder hin. Und im Schlaf hörte er zum zweitenmal die Stimme des Kindes. Als er aber wieder die Umgebung der Hütte durchforschte, fand er abermals kein lebendes Wesen. Und kaum war er eingeschlafen, so hörte er die Stimme zum drittenmal, und wirklich, da er vor die Tür trat, stand ein kleines Kind vor ihm, dem Riesen. ›Kannst du mich hinübertragen?‹ fragte das Kind. Reprobus lachte und meinte, er habe die vielen Erwachsenen hinübergetragen, wie sollte er denn ein 256 kleines Kind nicht tragen können. Er setzte es auf seine Schultern, und, den Knotenstock in der Hand, stieg er ins Wasser. In diesem Augenblick brach der Sturm los. Die Strömung trieb gewaltige Eisblöcke gegeneinander, die Luft war von ihrem Donner erschüttert. Reprobus aber kannte keine Furcht und trug das Kind. Das Kind, das zu Beginn federleicht war, wurde immer schwerer und schwerer . . .«

Maria hatte sich plötzlich aufgesetzt.

»Das Kind? Rettete er es?«

Ich sah den Fieberglanz ihrer Augen, mußte aber, um sie nicht zu beunruhigen, das Märchen zu Ende erzählen.

»Das Kind wurde immer schwerer, so daß er die letzte Kraft aufbieten mußte, um es trotz aller Gefahren auf das jenseitige Ufer zu bringen. Als er es dort auf den Boden setzte, legte sich der Sturm, und plötzlich stand ein großer, glänzender Stern über dem Haupt des Kindes. ›Wie kommt es,‹ fragte Reprobus, – ›daß du, ein kleines Kind, so schwer warst? Ich vermeinte die Last der ganzen Welt auf meinen Schultern zu tragen!‹ – Und das Kind antwortete: ›Du hast die Last der ganzen Welt getragen. Sieh, dieser Stern ist der Stern von Bethlehem. Heute ist Weihnacht, die Nacht meiner Geburt. Ich bin, den du gesucht hast, Jesus Christus. Du aber, der du das Kind hinübergetragen hast, da alle Lasten und Gefahren des Lebensflusses dich nicht schrecken und nicht abhalten konnten, deine Pflicht zu tun‹ . . .«

»Ist das Märchen wahr?«

»Ein Märchen, Maria!«

»Aber es ist . . . Warum hast du es mir erzählt?«

»Du wolltest es hören . . .«

257 »Und das Ende?«

»Christus segnete Reprobus, und der Verworfene hieß von dieser Stunde Christophorus, der im Geist Geheiligte.«

Sie sah zum Fenster hinaus.

»Das Märchen ist nicht wahr!«

»Es soll ja nur ein Symbol sein, Maria.«

»Wofür?«

»Für unser Leben, die Eltern und das Kind.«

Da lachte sie grell:

»Es ist nicht wahr! Ich habe es gleich gewußt! Es gibt keinen Riesen, der in solcher Sturmnacht den Fluß überqueren kann!«

»Das soll uns an unsere Pflicht gemahnen . . .«

»Nein! Ich will nicht!«

Ich nahm beschwichtigend ihren Kopf in meine Hände.

»Reg dich nicht auf, Maria. Es ist ja nichts . . .«

Sie riß sich los.

»Ist es nichts? Ich werde eine Frage stellen. Beantworte sie, aber lüge nicht! Hörst du? Wenn du jetzt zu lügen wagst, bist du ein Schurke! Antworte also: Darf man ein Kind, das geboren werden soll, ermorden?«

»Wie kannst du plötzlich . . .«

»Ja oder nein?«

»Nein!«

Sie rückte von mir ab und sah mir scharf in die Augen.

»Du hast nicht gelogen! Das paßt zu deinem Märchen!«

»Nun, siehst du!« begann ich abwehrend. –

258 »Und sag, heute ist Weihnacht? Warum ist das eine heilige Nacht? Christi Geburt ist doch so gut ein Märchen wie das des Christophorus?«

Ihre Augen weiteten sich in ängstlicher Spannung, mit der einen Hand glättete sie unaufhörlich die Seidendecke. Ich sah das Fieber steigen, und jede Möglichkeit, mich zu rühren, war mir genommen.

»Auch das ist möglich, Maria!« sagte ich nachgiebig. »Die Menschen feiern in dieser Nacht die Geburt der Liebe . . .«

»Aber wenn es doch nur ein Märchen ist?« fragte sie in höchster Ungeduld triumphierend.

Ich wollte sie mit ihrer eigenen Auffassung beruhigen und das Gespräch rasch beenden:

»Heute nacht werden viele Kinder geboren, und jedes Kind ist die himmlische Liebe und der Heiland auf Erden. Das Märchen . . .«

Da flackerte es wie Irrsinn und tödliche Angst in ihrem Blick, und sie packte mich krampfhaft an meinen Schultern. Aus unmittelbarer Nähe drang ihr heißer Atem stoßweise auf mich ein:

»Und ich sage dir: Ich will kein Kind! Ich will kein Kind!« – mit vernichtendem Haß: »Warum hast du mir das Märchen erzählt? Um mir Angst einzujagen? Ich habe keine Angst, weder vor deinem Märchen noch vor dir!«

»Maria!«

»Jetzt ist die Stunde gekommen! Du hast den Dolchstoß schlecht geführt!« – Ihr Körper begann zu zittern. »Hast mir nicht beikommen können?! Und wolltest so den Dolchstoß führen gegen meinen Körper? Er war dir zu schön, und du zittertest, er könnte mehr verlangen . . . mehr, immer mehr . . . und 259 du wärst neben seiner Schönheit ein Zwerg gewesen! Das war deine Angst, die Schönheit meines Körpers! Schau! Schau!!«

Sie ließ meine Schultern los und riß die Decke vom Körper.

»Du fieberst! Um Gotteswillen . . .«

»Fieber? Nein! Jetzt ist keine Gefahr mehr! Rühr dich nicht! Jetzt mußt du hören! Schau!!«

Sie riß die Lade ihres Toilettetischchens auf und umkrampfte einen kleinen Browning.

»Damit spielte ich alle die Wochen hindurch; denn dein Märchen, das ich nicht kannte, verfolgte mich. O, ich hätte dich am liebsten niedergeschossen . . .« – Sie ließ die Hand mit der Waffe auf das Bett fallen.

»Ich schenkte dir in einer Nacht meinen schönen Körper! Und du?«

»Was tat ich?«

»Du wolltest ihn zerstören!«

»Laß doch . . .«

»Bleib ruhig! Jetzt wirst du alles hören müssen! Ich sollte ein Kind von dir haben!?«

Ich sprang auf.

»Ich beschwöre dich bei allem . . .« – In diesem Augenblick krallte sich das Fieber auch in meinem Hirn fest.

»Setz dich!« befahl sie im Ton einer Irrsinnigen. »Du hast beim Märchen nicht gelogen, du wirst auch jetzt nicht lügen! Oder . . .« Die Hand mit der Waffe hob sich ein wenig und fiel zurück, während mich die fieberglänzenden Stahlaugen hypnotisierten. Ich hob die Hand.

»Laß mich reden!«

260 »Ich werde reden! Ich habe lange geschwiegen; denn was ich auch tat, du merktest nichts! So höre jetzt. In jener Nacht, als du mich und den Chefredakteur ausspioniertest . . .«

»Alexander!«

». . . trug ich das Kind von dir schon unter meinem Herzen. So warfst du mich dem Abenteuer in die Arme! Und zwangst mich zum Spiel mit einem Mann, dem ich unterliegen wollte. Denn ich haßte dich abgrundtief!!«

»Du haßtest mich?«

Sie stach mit den Blicken nach mir.

»Es gelang nicht! Ich wußte nichts von deiner Nähe, aber mein mißhandelter Körper verriet sie mir. Und da, gleich am Morgen nach dieser Nacht, in der mir die Rache mißlungen war, in der mein Körper mich verlassen hatte, schrieb ich deiner Mutter. Ich wollte die abweisende Antwort der alten Frau . . . ich brauchte sie; denn mein Körper war zu sehr in deiner Gewalt! Aber die alte Frau umarmte mich liebevoll mit ihrer Antwort . . . Ich wollte nicht! Ich wollte . . . das Fremde, das Gift, das mich und meinen Körper zerbrach, mußte fort! Doch es war stark, dein Märchen und das Fremde, das Deine in mir . . . es lähmte meinen Willen! Es machte mich schwach und elend! Wie ich dich haßte! Deine Mutter . . . alle . . . euch alle! Und ich stürzte mich in Gefahren! Lockte die Männer! Tanzte mich heiß . . . um zu sehen . . . ich mußte sehen, ob mein Körper nichts an Kraft verloren hatte! Sehen, mich überzeugen, ob er noch befehlen könne, wie immer, wenn ich wollte . . . Und wäre mir nur ein Mann in den Weg gelaufen, der stärker gewesen wäre als 261 mein Körper – – hätte es nur einen gegeben, der an ihm achtlos vorübergegangen wäre, du hättest das Spiel verloren . . . Sie waren alle, wie sie sind . . . alle, bis zum Kapitän . . .«

Sie hielt inne. Ihr Blick erlosch. Das Fieber schien sich zu legen. Ich wollte den Augenblick benützen.

»Bleib hier!« – hart und unerbittlich, den Revolver in der Hand.

»Du hattest ein Kind von mir?« – ich murmelte den Gedanken, den ich nicht fassen konnte, für mich.

»Ich hatte es!« – Es sauste durch die Luft.

Jetzt erst blitzten die Zusammenhänge.

»Und du hast . . .«

»Getötet! Jetzt sind wir einander nichts schuldig!«

Gefühllos und ohne Verständnis starrte ich vor mich hin.

»Getötet . . . und heute ist Weihnacht . . .«

»Und ich bin auferstanden! Die menschliche Kunst hat gesiegt. Das Fremde, das gekommen war, um mich zu vernichten, ist getötet. Ich bin neugeboren!«

»Es wäre dein gewesen, Maria! . . .«

»Die Lüge!« – Sie ballte die Fäuste – »Die uralte Lüge! Es wäre das andere, das Fremde gewesen, das mich immer mehr und mehr getötet hätte! Ich habe die Natur besiegt! Ich! Ich will sein! Und nicht das Kind, das fremde! Das Kind ist Lüge!«

»Lästere nicht!«

Ich stieß es in meiner großen Angst und Not als furchtbare Drohung hervor, und sie erschrak. Dann trat ein Ausdruck in ihre Augen, der Angst und Triumph zugleich war. Sie kniete in ihrem Bett und riß sich den Pyjama vom Leibe.

262 »Schau! Schau!« – sie nahm die kleinen Brüste in die Hände.

»Was tust du?«

»Sag mir, sag! Ist das nicht das Letzte? Gibt es darüber hinaus noch etwas?«

»Maria . . .«

»Nein, du mußt sprechen! Du hast mich beinahe getötet und den Mord mit deinem Märchen heiliggesprochen. Sprich jetzt!«

»Ich wußte nicht, Maria! Und hätte ich's gewußt . . .«

»Was hättest du getan?«

»Nennst du das Mord? Ich hätte dich beinahe getötet? Ein neues Leben . . .«

»Das neue Leben . . . faßt du es nicht? Es wäre mein Tod gewesen! Der Tod dieses meines Körpers, der dir lieb ist! Den du begehrst!«

»Nicht der Tod, Maria, das Leben! Dein neues Leben!«

»Nein! Nein! Der Tod meines Körpers! Ich hätte alles hergeben müssen! Alles! Mein Leben wäre Tropfen für Tropfen in das andere, das junge Gefäß hineingeronnen, bis ich ganz leer gewesen wäre . . . die Brüste wären verdorrt . . . die Schlankheit dahin . . . Wo wäre ich?! Du mußt verstehen . . . Hier . . . mein Körper! Nimm ihn in deine Arme, wie du es immer machtest . . . und warte, bis dein Blut zu rauschen beginnt und dein Körper sich an dem meinigen entzündet . . . bis dir die Gedanken still stehen und das Leben sich in seiner Allgewalt meldet . . . drück mich an dich! Gib mir deinen Mund! Brust an Brust . . . Laß alle Sinne 263 wach werden! Laß die Flammen emporschlagen! In der Umarmung alles untergehen . . .«

Sie hielt mich umschlungen. Ihre Arme preßten mich mit Fiebergewalt an sich.

»Ja . . . ja . . . Geliebter, ich bin da . . . bin dein! Dein! Küß mich! Ich will dich fühlen! Ich will . . . ich will . . . ich . . . ich . . . und nicht das fremde . . . Kind . . .«

Plötzlich lockerte sich der Druck ihrer Arme, und ich ließ sie auf die Kissen niedergleiten. Sie hatte das Bewußtsein verloren.

»Den Arzt!« rief ich.

Alexander stürzte hinaus. Sie lag bewußtlos. Auf dem Bett neben dem halbnackten Körper der Revolver. Der Direktor starrte verständnislos auf die Waffe. Ich besprengte die Leblose und rieb ihre Schläfen. Ein tiefer Seufzer. Und ohne die Augen vorher aufzuschlagen, schlief sie ein. Ich bedeckte sie mit der blauen Seidendecke. Wortlos saßen wir beide, der Gatte und ich, an ihrem Bett. Auf ihrem Gesicht der Widerschein eines Lächelns . . .

Ein scharfes, langanhaltendes Klingeln. Der Arzt. Maria erwachte.

»Schon spät? Warum seid ihr da?« – Und als sie den Arzt bemerkte – »Ach so, ich bin ja krank!«

»Sie waren krank, gnädige Frau!« brummte der Arzt nach der Untersuchung. »Sie haben es hinter sich. Ich hätte es nicht so rasch erwartet.«

»Kann ich morgen aufstehen? Es ist Weihnacht!«

»Ich komme am Vormittag noch einmal vorbei. Wollen dann sehen.«

264 Und als er gegangen war, hielt sie uns drei zurück und lächelte von Gesicht zu Gesicht. Sie suchte etwas in uns drei Männern.

In den Kirchen der Erde wurde jetzt Hosianna gesungen; denn das Kindlein ward geboren. Das Glockengeläute klang ins Zimmer herein.

Maria lächelte wie das Antlitz des tiefsten Geheimnisses . . . Sie wollte fragen. Und plötzlich schluchzte sie auf und vergrub den zitternden Körper in die Kissen. 265

 


 


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