Paul Neubauer
Maria
Paul Neubauer

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XIII.
Grelle Farben

Das alte Barocke Palais versank bis über die Ohren im Dunkel der schmalen, zerrissenen Straße. Sie begann auf einer kleinen Anhöhe, endete vor dem breiten Fluß und bestand aus lauter scharfen Winkeln und Vorsprüngen, Steinfiguren und Giebeln. Neben dem alten Palais kleine verfallene Hütten.

Ich war schon des öfteren dort gewesen und mußte, immer wieder geblendet, über die Pracht staunen, die diese schwarzen, breiten Steinmauern bargen.

Van der Werftens, die das Palais bewohnten, waren unermeßlich reich. Sie führten kein Haus, das heißt, sie beschränkten sich auf den Verkehr mit einigen Menschen, die auch ihrerseits keinen anderen 284 Verkehr pflegten. Maria war die erklärt intimste Freundin von Frau Lia, doch Direktor Marx hatte im Palais noch keinen Besuch gemacht, und auch Konsul Leonid van der Werften kam nicht, wenn Marx einen Abend gab.

Mit van der Werften hatte ich noch nie gesprochen, wir hatten uns bloß einige Male gleichzeitig verbeugt. Über den Räumen lagerte eine fremdartige schwüle Atmosphäre. Die großen Zimmer waren überfüllt. Nicht etwa, daß zu viel Möbelstücke angehäuft gewesen wären. Im Gegenteil: Es war alles sehr zweckmäßig geordnet und gut verteilt. Jedes einzelne Stück aber war von solcher Wucht und Bedeutung, daß es allein für einen Raum genügt hätte. Ein echter El Greco, eine altgriechische Ausgrabung – sie verbreiteten eine Jahrhundertstille, durch die man nicht zu schreiten wagte.

Herr van der Werften wuchs aus dieser Stille, wenn er dem Besuch gegenüberstand: ein hochgewachsener Vierziger von klassischen Proportionen, einer vollkommenen Geschlossenheit des Wesens, mit dem Verstand über allen Ereignissen stehend. Blaue, nordisch klare Augen, eine scharf hervorspringende Nase, ganz schmale Lippen, glatt rasiert: ein Mann, der dem Sport näherstand als allen anderen Lebensäußerungen. Blick und Lippen verrieten die gewaltige Muskulatur des sehr schlank und biegsam aussehenden Mannes.

Dieser Fremde, der mit mir noch nie gesprochen und meine Anwesenheit in seinem Hause stets nur mit einem konventionellen Händedruck quittiert hatte, war plötzlich auf die Idee gekommen, mir einen Brief zu schicken, der folgenden Wortlaut hatte: 285

Wenn Sie nicht verhindert sind, schenken Sie mir heute das Vergnügen. Ich erwarte Sie in meinem Hause um zehn Uhr abends. Es handelt sich um eine ungemein wichtige Angelegenheit.

Er empfing mich, schon zum Souper im Smoking, in der Bibliothek.

»Ich habe zwei Bitten an Sie zu richten!« Seine Stimme entsprach vollkommen dem klaren Blick: ungetrübt, kühl. »Fragen Sie mich nach nichts! Weder jetzt, noch später. Die erste Bitte! Und vergessen Sie alles Geschehene und Gehörte sofort. Die zweite Bitte!«

»Ich stehe Ihnen zu Diensten.«

»Nachher sprechen wir uns.«

Er drückte auf einen Knopf, und der schwarz gekleidete Diener führte uns in ein kleines ovales Speisezimmer. Die Konversation während des Soupers wurde fast ausschließlich von Frau Lia und mir bestritten. Silberseide war um ihren knabenhaften Körper geschwungen: ein Phantasiekleid, das in einer Masche endete, die man nur leise anziehen mußte, um das Kleid aufzulösen und sie im Seidenkombiné zu sehen, dessen Rot leise durchschimmerte. Ihr Haar hatte eine undefinierbare, abgetönte Farbe – man konnte an die irrsinnige Ophelia mit dem Strohgeflecht denken. Sie hatte sehr müde, schwarzunterstrichene Augen, in denen einzig und blank die Leere ihres Lebens stand.

Als wir im Rauchzimmer in die Fauteuils versunken die Zigaretten angesteckt hatten, begann Herr van der Werften zu sprechen. Sein erster Satz 286 zerbrach die groteske Ruhe, in der die beiden wie Gestalten eines Wachsfigurenkabinetts saßen. Unruhe durchdrang den Raum wie ein fremdes Element, das mich erschreckte, der ich weder ihn noch Frau Lia kannte und nicht wußte, warum seine Wahl auf mich gefallen war, warum gerade ich dies Gespräch mitanhören sollte.

Hinter einer Rauchwolke:

»Sieh, Lia, ich muß es dir sagen . . . ich kann dich nicht länger im Unklaren lassen. Nur so kann ich es noch rechtzeitig abwenden. Ein drohendes Unheil . . .« – Er setzte Pausen hinter jeden langsam ausgesprochenen und nicht vollendeten Satz.

Sie blickte kaum hin.

»Wovon sprichst du?«

Er beugte sich ein wenig vor. Das steife, blendende Hemd krümmte sich. Er kniff das Auge über dem Einglas ruckweise zu.

»Sofort will ich es dir sagen.«

»Ist es sehr wichtig?« Ihre müde Stimme klang ein wenig ironisch. Die seine vibrierte leise, als er antwortete, aber ich bemerkte augenblicklich, daß er Komödie spielte; denn diese Stimme zitterte nie.

»Fred ist eingetroffen!«

Bei diesem Wort stand er auf, holte aus einem Schrank Gläser und Kognak und goß so zeremoniell ein, als wäre diese Handlung im Augenblick das Wichtigste. Er tat es aber nur, um seiner Frau, die nervös aufgefahren war, nicht in die Augen sehen zu müssen; denn er wollte um so schärfer auf die Färbung ihrer Stimme hören.

»Was weiter?« fragte sie gelangweilt.

Er knüpfte die Fäden der Komödie.

287 »Fred liebt dich . . .«

»Lieben? . . .«

Das Wort klang von ihren Lippen wie etwas, was die Menschheit längst überwunden hat. Etwa Feueranbetung oder Götzendienst. Liebe? Ein Stück verschimmelten Brots im Staube der Landstraße, das niemand aufhebt. Der Bettler vielleicht.

»Er liebt dich!« sagte er fest.

»Ich nehme es zur Kenntnis! Verstehe aber nicht . . . ich kenne doch Fred nicht. Ich habe ihn nie gesehen. Alles, was ich von dir erfahren habe, ist, daß Fred, dein Vetter, dir so ähnlich sieht, daß man ihn deinen Doppelgänger nannte.«

»Das ist es! Darum handelt es sich. Er war immer mein Doppelgänger, und diese unerhörte Ähnlichkeit war überall bekannt. Erinnerst du dich noch des Abends, an dem wir Bekanntschaft schlossen?«

»Vor fünf Jahren . . . auf der Soirée der Gräfin Wolkonskaja . . .«

»Als ich mit dir tanzte . . .«

»Ich erinnere mich genau!«

»Da hatte nicht ich mit dir getanzt . . .«

Sie drehte sich herum und zeigte verwunderte Augen:

»Wer denn?«

»Fred . . . Zu der Zeit war er mein Doppelgänger. Ich war auf dieser Soirée nicht anwesend, nur er allein. Und er tanzte mit dir. Er hat um dich geworben, er hat dich erorbert . . . er hat dich heiß geküßt . . . er war der Erste in deinem Leben . . .«

»Fred?« – wiederholte sie mit auflebenden Zügen, als gelte es das Leben neu zu beginnen.

288 »Er! Am Morgen, der auf diese Soirée folgte, schwärmte er vor mir von deiner Schönheit, die ihn trunken gemacht hatte . . . Ich suchte dich, da mein Interesse geweckt war, und fand dich! Und sagte dir nicht, daß ich Leonid van der Werften und nicht Fred wäre . . . und obwohl er dich erobert hatte, warst du mein, ohne es zu wissen . . . Und weil keiner von uns beiden von dir lassen wollte, entschied die schwarze Kugel. Er, Fred, zog sie . . .«

»Daher mußte er verschwinden?«

»Zehn Jahre Exil waren zwischen uns ausbedungen worden! Wir waren Männer, die das gegebene Wort heilig hielten . . . Er verschwand, und du bist meine Frau geworden . . . Nun weißt du alles!«

»Die zehn Jahre sind noch nicht um!«

»Fünf sind vorüber! Er hätte erst nach weiteren fünf Jahren erscheinen dürfen, aber er hat sein Wort nicht gehalten und ist zurückgekommen . . . Er hat es nicht länger ertragen, denn er liebte dich unendlich wie ich.«

»Es ist vernünftiger, wenn er sich vor mir nicht zeigt! Nach all dem ist er kein Mann! Er hat mich verleugnet, und somit interessiert er mich nicht . . .«

»Und wenn er doch kommen sollte?«

»Er soll ruhig kommen, ich werde ihn nicht sehen!«

Herr van der Werften verneigte sich tief vor seiner Frau. Abermals, um ihrem Blick zu entgehen. Denn hinter dem Einglas blitzte einen Augenblick lang die Freude über seinen Sieg hervor.

Nach diesem ungewöhnlichen Dialog sprachen wir wieder in der mir bekannten Art von verschiedenen Dingen, und es war schon ziemlich spät, als ich die beiden sonderbaren Menschen verließ.

289 Ich gab mir nicht die geringste Mühe, hinter das Geheimnis zu kommen, und dachte auch darüber nicht nach, warum van der Werften mich, den Fremden, zum Zeugen dieser Szene gemacht hatte. Selbst Maria gegenüber erwähnte ich nichts, um die Fortsetzung nicht irgendwie zu stören.

Einige Tage danach durchfluteten tausend Flammen das alte Palais. Der bisherigen Gewohnheit entgegen war eine unübersehbare Gästemenge versammelt. Im Gedränge überreichte mir ein Diener eine Karte.

Ich erwarte Sie in meinem Boudoir, las ich.

Frau Lia verbarg mich hinter schweren Vorhängen, bevor ich zur Besinnung kommen oder eine Frage stellen konnte. Ein Mann trat ein:

»Ich bin es, Lia!«

»Fred!«

Er klemmte mit derselben Geste, mit der es van der Werften getan hatte, sein Einglas ein. Er war sein Doppelgänger, doch jünger, straffer, lebendiger. Das Auge unruhiger.

»Erinnern Sie sich, Lia? Auf der Soirée der Gräfin Wolkonskaja . . . hinter der Glaswand des Wintergartens, mit der gotischen Ornamentik . . . Ich hielt Sie in meinen Armen . . . ich brach Ihren Widerstand . . . ich küßte Sie auf den Mund, Sie gaben sich mir . . .«

Lia gab den Blick des Mannes trotzig zurück.

»Was wollen Sie?«

»Ich bin gekommen, um mir den anderen Kuß zu holen!«

»Sie haben mich nie geküßt! Den ersten Kuß gab mir mein Mann!«

290 »Aber Sie lagen doch in meinen Armen . . . Mein Kuß brannte auf Ihren Lippen . . . Ihre Augen schlossen sich . . .«

Lia hart:

»Bei geschlossenen Augen denkt eine Frau in der Phantasie immer an einen anderen!«

Er begann zu wanken und verlor die Sicherheit.

»Sie leugnen also? Sie rauben mir auch die Süße des ersten Kusses, die mich fünf Jahre . . .«

»Sie hätten zehn Jahre lang fortbleiben sollen!«

»Ein Vorwurf! Sie haben recht, Lia, ich hätte für Sie kämpfen sollen, nicht feige Sie und mich aufgeben. . . . Und doch, vielleicht tat ich es nur aus großer Liebe zu Ihnen!«

»Nur wir Frauen dürfen schwach sein!«

Seine Augen strahlten.

»Gut! Ich werde stark sein! Werde Sie aus den Armen Ihres Mannes reißen . . .«

»Was sind Sie?«

»Unermeßlich reich, drüben in Bombay! Wollen Sie hier leben? In dieser Stadt? Kommen Sie mit mir hinüber, dort lebt man ein hundertfaches Leben . . .«

»Würden Sie mich entführen?«

Er umschlang sie triumphierend.

»Lia, den zweiten Kuß! Das zweite Leben!«

In diesem Augenblick klingelte scharf das Telephon. Lia riß den Hörer ans Ohr.

»Ja, gewiß . . . Herr Geheimrat sollen entschuldigen . . . Ja . . . ja . . . ich bin es, Frau van der Werften . . . Nein, durchaus nicht . . . ich bin informiert . . . Mein Mann ist verreist und wollte es nicht dem Sekretär überlassen, daher teile ich es mit! Herr 291 Geheimrat sollen sich die Sache aus dem Kopf schlagen . . . Ja, so sagte er. Aus dem Konzern wird nichts . . . er möchte warnen . . .«

Fred riß ihr den Hörer aus der Hand.

»Hallo! Herr Geheimrat . . . hallo! Meine Frau hat Sie unrichtig informiert! Zum Glück bin ich noch da, weil ich erst mit dem nächsten Zug fahre . . . hallo . . . hallo . . .«

Er hängte ab. Drehte sich langsam um:

»Demnach hast du schon im ersten Moment gewußt . . .«

»Daß du nicht Fred bist! Es war ja doch gar nicht der Geheimrat, der da telephonierte!«

»Es war eine falsche Verbindung!« sagte er steif.

»Eine falsche Verbindung,« antwortete sie.

»Und . . .?«

»Hier!« sagte sie und zog den Vorhang weg. Ich trat vor. – »Ich danke Ihnen!«

Er verbeugte sich: »Bleibt meine zweite Bitte: alles zu vergessen!«

»Ich habe bereits alles vergessen!« antwortete ich und betrat mit dem Hausherrn die Empfangsräume, wo ich mich unter die Gäste mischte, ohne vom Vorgefallenen auch nur das Geringste verstanden zu haben.

Ich hielt es damals für richtig, Maria noch immer nichts zu verraten. Die Lösung interessierte mich so gewaltig, daß ich glücklich war, als von van der Werften drei Tage später eine Karte kam, ich möge ihn am Abend besuchen. Gleichzeitig mit meinem Eintritt öffnete sich die gegenüberliegende, kleine Tür, und er trat ein.

»Ich nehme an, daß ich mich auf Ihre Nerven verlassen kann!«

292 »Sie gehen nicht leicht aus dem Leim.«

»Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig,« setzte er fort, klingelte aber zunächst und bestellte Likör.

»Ich verzichte auf jede Erklärung, die sich auf den kleinen, in Ihrem Hause erlebten Bluff bezieht, Herr van der Werften.«

Ein prüfender Blick:

»Fällt Ihnen das leicht?«

»Ich denke mir die Erklärung zurecht. Gedanken sind zollfrei.« Ich beobachtete vollkommene Ruhe.

»Würden Sie es nicht vorziehen, bei einem Weltblatt tätig zu sein? In Paris oder sonst? Ich bin da und dort Großaktionär.«

»Ich breche hier meine Zelte sofort ab, wenn ich einen guten Tausch mache.«

Er glitt auf dem hingeworfenen Brocken aus:

»Sie würden die Stadt verlassen, wo Sie doch . . .«

»Ihr Interesse für mich ist mir nicht verständlich. Ich habe nichts für Sie getan!«

»Doch, Sie werden etwas tun, was für mich von allergrößter Wichtigkeit ist. – Ich habe Sie die Szene miterleben lassen. Sie mußten sehr verwundert sein; denn Sie standen meinem Hause fern, und ich zog Sie plötzlich zu dem Schauspiel dieser Familienintimität heran.«

»Ich habe über den Grund nicht nachgedacht.«

»Ich fürchte aber, daß Sie bald sehr angestrengt darüber nachdenken werden.«

Herr van der Werften machte dieselbe Bewegung wie damals, als er im Boudoir seiner Frau gegenüber saß, und sagte: »Fred ist wirklich da!«

Da mußte ich aus vollem Halse lachen.

293 »Na, hören Sie, das ist doch bei Gott Ihre eigenste Angelegenheit, die mich höchstens amüsieren, aber nicht interessieren kann!«

»Ich lasse Sie also hiermit los!« rief er ein wenig betonter, als seine Gewohnheit war. »Es geht um große Dinge. Wenn Sie mir folgen, geht alles gut aus. Sind Sie heute abend frei? Ihre Aktion beginnt wahrscheinlich in der nächsten Minute im kleinen Salon meiner Frau.«

»Das klingt ja wie ein spannender Roman!« höhnte ich.

»Es ist sogar ein Detektivroman. Vorläufig ohne Mord und Totschlag. Ich habe Ihnen weiter nichts zu sagen. Nehmen Sie bitte dieses Kuvert. Eine Summe, die zur Bestreitung der eventuellen Ausgaben der nächsten Tage reichen dürfte. Sollte meine Rechnung nicht stimmen, rufen Sie bitte meinen Privatsekretär an. Er hat die nötigen Weisungen erhalten.«

»Sie engagieren mich also als Detektiv, ohne anzugeben, um was es sich handelt?«

»Darf ich Sie bitten,« antwortete er, auf einen Knopf drückend, »sich vom Diener in den kleinen Salon meiner Frau geleiten zu lassen.«

Wir machten eine gegenseitige tiefe Verbeugung. Während ich langsam eine Flucht von Zimmern passierte, die in den anderen Flügel hinüberführte, versuchte ich in großen Sprüngen dem Geheimnis nachzujagen. Ich sah mich so plötzlich in eine dunkle Affaire hineingehetzt, daß meine Gedankenkombinationen weit zurückblieben. Im letzten Zimmer blieb ich stehen, um mich zu sammeln. Was war ich? Welches Interesse konnte van der Werften an mir haben? Welchen Wert konnte ich für ihn besitzen? Geld ist 294 die Summe der Werte . . . und der Gegenwert? Ich selbst konnte ihn nicht darstellen, denn ich konnte van der Werften nichts geben . . . Geld – – eine Frau muß es sein . . . die Frau ist der Gegenwert . . . und das Hirn tat einen Satz: Maria! Sie ist der Gegenwert! Wie . . . in welcher Form . . .

Der Diener öffnete mir die Tür des kleinen Salons. Eine Stehlampe brannte, und Zigarettenrauchschwaden zogen durch die Luft. Frau Lia saß im Licht.

»Kommen Sie . . . jemand erwartet Sie!«

Im Fauteuil, ins Dunkel zurückgelehnt, saß eine Dame.

»Maria?«

»Nein, ich bin's!«

Meine bekannte Unbekannte saß vor mir. Alle Zusammenhänge zerrissen im Augenblick. Ich hielt Lias Hand fest:

»Sagen Sie mir, wer sie ist! Sie kennen sie!«

»Ihr habt die schönste Gelegenheit, die Bekanntschaft zu erneuern!« sagte Frau Lia. »Ich werde euch dabei nicht stören. Ihr gestattet, daß ich mich zurückziehe. Ich will mich umkleiden.«

Alleingeblieben mit dieser Frau, fühlte ich den herannahenden Sturm.

»Wer Sie auch zu sein belieben, legen Sie doch endlich die Maske ab!« sagte ich zitternd von unterdrücktem Haß.

»Sie werden alles erfahren!« flüsterte sie rasch. »Jetzt handelt es sich um furchtbar wichtige Dinge . . . Gewiß, Sie werden später auch erfahren, woher Sie mich kennen! Doch vorher müssen Sie mir blind folgen!«

295 »Das hat mir soeben Herr Konsul Leonid van der Werften auch seinerseits gesagt. Ich beginne komplett verrückt zu werden! Seit ich Ihnen bei Mascagni begegnet bin, häuft sich Rätsel auf Rätsel! Wie kommen Sie in dieses Haus, wo ich Sie noch nie gesehen habe? Wissen Sie auch vielleicht von der Szene, die ich da vor einigen Tagen miterlebt habe? Warum haben Sie mich aus Ihrem Hause gewiesen? Und wie kamen Sie in die Villa, die gar nicht Ihnen gehört?«

»Interessiert Sie das alles wirklich sehr?« Sie hatte die Beine gekreuzt und ihre Hand auf die meine gelegt. Der hypnotisierende Blick ließ mein Blut ins Gehirn emporsausen.

»Wer sind Sie?« fragte ich flehentlich flüsternd.

»Komm her . . . komm her zu mir!« befahlen die Augen, und ich näherte mich ihr.

»Ich will alles dafür hergeben! . . . Ich muß es wissen . . .«

Ihr Knie zeichnete sich greifbar vor mir ab. Die Augen drangen durch die Seide des Kleides . . . ich sah die Brüste wie damals in der Nacht und suchte wie damals fieberhaft in der Erinnerung . . .

»Weißt du es sicher, daß du mich kennst?«

Ich fiel vor ihr nieder und preßte ihre Beine an mich.

»Ich muß es wissen!«

»Du sollst es morgen erfahren . . . morgen nacht . . . willst du?«

Mit ersticktem Aufschrei vergrub ich mein Gesicht in ihrem Schoß. Sie faßte mich bei den Haaren, bog meinen Kopf zurück, und unter dem hypnotischen Blick gaben die Kräfte nach. Ich fühlte ihn wie ein 296 Stechen aus tausend feinen Nadeln im Fleisch. Das Blut kreiste träge, die Gedanken stauten sich.

»Hier, um Mitternacht . . .«

Sie beugte ihr Gesicht ganz über das meine, außer ihren Augen sah ich nichts mehr.

»Wirst du mich schützen?«

»Vor wem?«

»Vor Fred van der Werften!«

Es traf mich wie ein elektrischer Schlag. Ich konnte mich nicht rühren, und mein summendes, brennendes Hirn, in dem eine fremde Kraft das Szepter führte, sagte:

»Morgen, hier um Mitternacht!«

War das schon der Trotz? Die Verbissenheit vielleicht? Lag die Höhe der glücklichen zwei Wintermonate so weit hinter uns, daß die Stimmen der Menschen, die uns im Tal begegneten, unser Schweigen übertönten . . .?

Am nächsten Abend mußte es schon ein Viertel vor elf Uhr sein, vielleicht schon mehr, und ich schwieg noch immer.

Aber auch Maria hatte noch mit keinem Wort etwas verraten, als wüßte sie von nichts. Sie mußte alles wissen! René, meine eigene Erzählung, die einem Geständnis gleichkam, ihre Freundschaft mit Lia van der Werften . . . es war nichts anderes denkbar! Auch war ich einige Male ausgeblieben, hatte mich in der Nacht herumgetrieben . . . meine gesteigerte Nervosität, mein zerstreutes Wesen, das ich vergeblich zu meistern versuchte . . .

Der Zufall, daß ich die Unbekannte im Salon Frau Lias wiederfand, und der andere, daß dies geschah, als ich von einem Menschen, den ich nicht kannte, in den 297 Strudel der phantastischsten Ereignisse hineingezerrt wurde – – –

Maria sollte von alldem nichts wissen?

Wie sie still und in vollendeter Ruhe da vor mir saß, mußte ich die Frage verneinen, obwohl es mir im höchsten Maße widersinnig erschien.

Das Einfachste wäre gewesen, die Maske vom Gesicht zu ziehen und ihr alles zu erzählen. Sie allein hätte eine befriedigende Antwort gewußt und wahrscheinlich mit einem Wort alles scheinbar Unlösbare gelöst. Ich mußte mich nur daran erinnern, wie raubtierklug diese Frau gewesen war, bevor sie sich mir ergeben hatte. Wie sie damals gelenk und umsichtig allen Ereignissen gegenübertrat, alle Möglichkeiten ins Auge faßte, alle Menschen plazierte und alle Dinge ihren Zielen unterordnete. Mit der Ruhe, die sie jetzt zur Schau trug, bezweckte sie ganz gewiß etwas: einerseits mußte sie von den Vorfällen unterrichtet sein, andererseits durfte ich dies nicht als Tatsache annehmen, um nicht eine der seltensten Möglichkeiten meines Lebens zu verscherzen.

Den Seitengedanken, daß ich mir das alles nur darum zurechtdachte, weil mich die unbekannte Frau ganz erfüllte, ließ ich nicht aufkommen. Ich wollte ihn nicht aufkommen lassen, und es gelang mir, ihn zu unterdrücken. Ein Gefühl, das sich langsam zum Gedanken steigerte, beherrschte mich: Maria nichts zu verraten und sie dennoch auf die Probe zu stellen. Das Problem der van der Werften interessierte mich zu sehr, ich mußte wissen, wie der verschlossene, mir ganz fernstehende Konsul Leonid auf die plötzliche Idee gekommen war, mich an seinen intimsten Familiengeheimnissen teilhaben zu lassen. Es bestand kein 298 Zusammenhang zwischen den Ereignissen, die sich um den noch unsichtbaren Fred abspielten, und denen, die mein Leben ausmachten, seit ich in dieser Stadt lebte. Nur von ganz fernher dämmerte mir nebelumflossen die Möglichkeit eines Zusammenhanges, die ich aber nicht ergründen konnte, da mir alle Voraussetzungen fehlten.

Der Zeiger rückte vor. Um Mitternacht mußte ich im kleinen Salon sein, wo mich die Unbekannte erwartete. Etwas mir selbst Unverständliches überfiel mich, eine Schwere, ein Aberglaube.

Ich fühlte den hypnotischen Blick, obwohl ich die Möglichkeit der Hypnose als lächerlich verwarf. Mich hatte noch niemand hypnotisiert, und selbst ein Meister, dessen Willen ich mich öffentlich in Paris unterworfen hatte, mußte kläglich abziehen. Hypnose . . . Ich sah die spitzigen, kleinen Brüste in der rosaroten Seide, die gekreuzten Beine, eine kleine, blaue Ader in der Kniekehle . . .

Das alles sah ich, das alles konnte heute abend mein eigen sein! Und ich kannte es nicht! Ich kannte die Frau nicht, die ich dennoch kannte.

Der Aberglaube, der sich meiner bemächtigte, begann sich gegen Maria zu wenden, die so ruhig dasaß, als gäbe es außer diesem Zimmer nichts in der Welt, und als wankten nicht die Mauern unserer Behausung. Ein tiefer Groll stieg in mir auf und formte sich zu Worten.

»Gehst du heute abend nicht mehr aus, Maria?«

»Willst du?« fragte sie in einem Ton, in dem freudige Überraschung zitterte, die auch ihr Blick verriet.

»Ich habe noch eine Besprechung heute.«

Ihr Blick erlosch.

299 »In der Redaktion?«

»Du könntest Alexander anrufen! Es ist noch Zeit.«

»Wenn du ausgehst, könntest du mich zu van der Werftens begleiten. Dort sind immer Menschen. Mit Alexander möchte ich heute nicht sein.«

»Kennst du Fred van der Werften?«

»Den Vetter aus Bombay? Ich habe ihn nie gesehen.«

»Er ist da.«

Sie ging zweimal durchs Zimmer, ohne zu antworten. Vor mir:

»Kannst du deine Besprechung nicht absagen? Komm mit mir zu van der Werftens! Wenn der reiche Vetter da ist . . .«

»Er ist reich?«

»Ungemein reich. Man weiß natürlich nichts Genaues, doch alle Anzeichen sprechen dafür. Komm mit mir hin! Wir werden uns amüsieren. Lia, glaube ich, war einmal in ihn verliebt, und er soll Leonid aufs Haar gleichen. Ich telephoniere Lia und bin in einer viertel Stunde fertig! Komm mit! Es werden Leute da sein!«

»Schön! Ich sage die Besprechung ab.«

Jagte man mich plötzlich von allen Seiten? Ich wollte mittun! In der Redaktion meldete sich der Nachtredakteur. Er verstand mich gleich, als ich ihn bat, den Kollegen mitzuteilen, daß ich verhindert sei, an der Besprechung teilzunehmen.

Im Spiegel sah ich Marias Gesicht und konnte nichts darin entdecken.

Dann rief sie van der Werftens an.

300 »Niemand zu Hause . . . Wann? . . . Vor zwei Stunden schon? Haben sie nichts hinterlassen? . . . Richten Sie bitte aus, daß ich angerufen habe . . .«

»Wie schade! Was willst du also tun?«

»Gehen wir zusammen aus. Du hast die Besprechung ohnehin abgesagt!«

Ich erklärte mich bereit, und sie begann mit den Vorbereitungen. Die Zeit raste plötzlich. Sie stand vor dem Kleiderschrank und folterte mich mit ihren Fragen. Ich sollte das Abendkleid auswählen. Hundert überflüssige Fragen. Lächelnd und lässig. In zehn Minuten sollte ich im kleinen Salon sein! Sie zog alles in die Länge, und ich durfte keine Nervosität verraten.

»Ich rate dir, zieh das rote Crêpe de Chine an.«

Als sie es angezogen hatte, gefiel es ihr nicht, und die Prozedur begann von vorn.

Es war Mitternacht.

»Ach, ich gehe nirgends hin! Ich bin zu müde! Und es freut mich nicht!« Sie warf sich in einen Sessel und begann das Spiel der schmollenden, nervösen Frau. Plötzliche Melancholie, Lebensüberdruß. Ich mußte trösten, Mut zusprechen und geduldig sein. Es half nichts.

»Ich laß dich allein. Vielleicht tut es dir gut.«

»Nein, bleib da!«

Es war nicht möglich, sie mußte von der Unbekannten wissen. Sie hielt mich gewaltsam zurück, damit ich mit ihr nicht zusammenkäme. Und van der Werftens waren nicht zu Hause? Ich war doch für Mitternacht angesagt! Nichts als Mystifikationen!

»Gut, bleiben wir zu Hause.«

»Nein! Ich bitte dich, geh! Laß mich allein!«

301 »Ich werde dir den gegenteiligen Gefallen erweisen. Jetzt bleibe ich mit dir!«

Sie sprang mir um den Hals:

»Bleibst du mit mir?« – Und schon hatte sie sich den Shawl vom Hals gerissen.

»Warum willst du nicht ausgehen?«

»Ich will zu Hause bleiben! Mich interessiert der ganze Betrieb nicht mehr! Ich will ruhig zu Hause bleiben und mit dir sein! Wie froh bin ich, daß ich endlich die Ruhe gefunden habe! Die Tanzerei ödet mich an! Ich will nicht mehr! Komm!« rief sie geschäftig. – »Wir setzen uns bequem hin. Ich stelle den Weinkühler zurecht. Paßt es dir?«

Sie spielte die Szene vortrefflich. Ich merkte ihre Absicht nicht und ließ mich übertölpeln.

»Verzeih, Maria, aber wenn du nicht die Absicht hast, auszugehen, dann könnte ich wirklich noch zur Besprechung der Kollegen.«

»Ich halte dich nicht!« sagte sie kurz auflachend und kehrte mir den Rücken.

Es war halb eins, als ich im kleinen Salon eintrat. Er war leer. Der gegenüberliegende Trakt war hell erleuchtet. Van der Werftens waren zu Hause. Ich wartete einige Minuten. Ein Diener übergab mir einen Briefumschlag. Auf einem Zettel stand, die Unbekannte erwarte mich in der Villa, in der ich mit ihr schon gewesen war.

»Kann ich Frau van der Werften sprechen?«

Der Diener verneigte sich:

»Frau Konsul sind heute morgen für kurze Zeit verreist.«

»Warum verneigen Sie sich?« fuhr ich ihn an.

Ein verständnisloser Blick antwortete.

302 »Wer ist drüben?«

»Herr Konsul und Herr Fred van der Werften aus Bombay.«

»Sonst?«

»Einige Damen und Herren.«

»Ohne die gnädige Frau . . .« dachte ich laut und sagte schnell. »Gut, Sie können gehen! Warten Sie! Weiß Herr Konsul, daß ich hier bin?«

»Noch nicht angemeldet.«

»Rasch! Melden Sie mich an! Ich bitte Herrn Konsul, mich hier aufzusuchen.«

Dann stellte ich die Telephonnummer Marias ein. Ein-, zwei-, dreimal. Keine Antwort. Sie konnte noch nicht schlafen! Alexanders Nummer: keine Antwort. Maria war ausgegangen? Jetzt verstand ich das Lustspiel! Ich warf den Hörer über den Apparat.

Konsul van der Werften trat ein.

»Vor einer halben Stunde hatte ich aufgehört mit Ihnen zu rechnen.«

»Sie können es wieder tun! Ich bin da!«

»Und die Nerven?«

»Wenn Sie sie aus dem Spiel lassen, werden sie durchhalten. Sie müssen mir aber augenblicklich reinen Wein einschenken! Decken Sie mir nicht Ihre Karten auf, so spiel ich nicht mit!«

»Setzen Sie sich! Wir haben knappe zehn Minuten. Fred darf sie . . . darf die Frau nicht erreichen! Ja, ja, die Frau, die Sie gebeten hat, um Mitternacht da zu sein!«

»Wo ist Ihr Vetter?«

»Fragen Sie nicht und hören Sie!« sagte er. »Mit zwei Worten ist alles erklärt. Als wir vor fünf 303 Jahren die schwarze Kugel entscheiden ließen, war der Preis nicht Lia allein, sondern ein ungeheueres Vermögen, das wir geerbt hatten. Die schwarze Kugel entschied zwei Dinge: Lia und das Vermögen. Es sollte dem gehören, der sie besaß. Das war ich!«

»Und der Reichtum in Bombay?«

»Mein Vetter will sich fürchterlich rächen. Er selbst hat den verlorenen Reichtum drüben noch einmal geschaffen, aber er ist mit dem Vorsatz hier eingetroffen, mir Lia und mein Vermögen gleichzeitig zu nehmen. Jetzt verstehen Sie die von mir gespielte und so schlecht gespielte Fregoliszene. Meine Frau ist heute verreist, trifft aber morgen um neun Uhr abends ein. Diese Zeitspanne wollte ich gewinnen.«

»Und jetzt frage ich zum letzten Mal: was habe ich mit diesem Kolportageroman zu schaffen?«

»Alles!« antwortete er und verzog sein Gesicht teuflisch. »Als ich Sie vor einigen Tagen bat, bei jener Szene anwesend zu sein, war Fred bereits da . . . Mir war nicht viel Zeit zum Handeln geblieben! Es gab nur eines: Lia mußte fort, wenn auch nur für kurze Zeit. Inzwischen mußte ich Fred für irgendeine hübsche Frau zu interessieren suchen, um ihn abzulenken . . .«

»Waren Sie von Ihrer Niederlage so überzeugt?«

»Vollkommen!« gab er zu und lachte. »Sie müßten Lia kennen, dann hätten Sie sich diese Frage gespart. Und jetzt bitte ich Sie, Ihre Nerven zu beherrschen!«

Er trat einen Schritt vor und funkelte mich mit dem Einglas an.

»Meine Wahl war auf Ihre Freundin, Frau Direktor Marx, gefallen.« 304

»Ihre Wahl? Und Maria? Hat sie Fred kennengelernt?«

»Es kam nicht dazu! Ein Zufall entschied alles. Und der Zufall ist die Frau . . .«

»Die mich jetzt erwartet? Die bei mir Schutz sucht?«

»Schutz? Davon weiß ich nichts.«

»Wo ist jetzt Ihr Vetter?«

»Vielleicht noch drüben.« Er zeigte nach dem anderen Trakt. »Dort sind einige Menschen. Vielleicht ist er schon fort.«

»Und die mir zugedachte Rolle? Warum wollten Sie mir die Stellung in Paris verschaffen?«

»Ich mußte, als ich mit Maria rechnete, Sie von ihr entfernen. Jetzt brauche ich Sie zwar nicht mehr, aber die Stelle steht Ihnen noch immer zur Verfügung.«

»Elender Schurke! Wie kommt die Frau, die andere, zu Ihnen und zu Ihrer Frau? Wagen Sie es nicht, in diesem Augenblick zu lügen!«

»Die Beschimpfung hat niemand gehört, sie bleibt zwischen uns! Von Ihren Nerven werde ich in Zukunft eine sehr arge Meinung haben. Die Stelle in Paris vor wie nach, aber ich werde den Chefredakteur auf Ihre Nervosität aufmerksam machen.«

»Wollen Sie mir antworten? Zwingen Sie mich nicht zu unüberlegten Handlungen! Wenn die beiden Frauen befreundet sind, so wird doch Ihre Frau über alles informiert sein!«

»Ich glaube nicht. Fred ist immens reich, und jede Frau wird sich glücklich schätzen, von ihm verehrt und begehrt zu sein.« 305

»Sie lügen zu dumm! Sie hat mich gebeten, sie vor Ihrem Vetter in Schutz zu nehmen!«

»Sie lassen es nicht zu, daß man Sie schont? Sie wollen alles wissen?«

Die Beherrschung verließ mich, und beide Fäuste hebend, trat ich vor.

Der Konsul sagte schnell und trocken:

»Das sagte sie Ihnen gestern abend, und gestern handelte sie noch nach meinen Instruktionen. Gestern war sie mein Werkzeug und wollte Maria freibekommen. Gestern. Heute früh war die Situation eine ganz andere. Sie hätten sie hier nicht angetroffen, selbst wenn Sie pünktlich gewesen wären.«

»Und diese Zeilen?« brüllte ich und wies den Zettel vor, den mir der Diener übergeben hatte.

Van der Werften machte eine Geste gegen die Tür:

»Sie steht offen! In einigen Minuten können Sie in der Villa sein!«

»Wir sprechen uns morgen!« schrie ich und rannte, den Hut zurücklassend, auf die Straße.

Es hatte eben zu schneien begonnen. Ich achtete nicht darauf und stürzte mich auf das nächste Auto.

Auf mein wildes Sturmläuten öffnete der verschlafene Portier. Ich mußte mit dem wirren Haar, das mir ins Gesicht hing und vor Nässe troff, ein wenig vertrauenerweckendes Bild bieten, und nur das hinter mir stehende Auto bewog ihn, mir zu antworten. Sein Mißtrauen steigerte sich, als ich den Namen nannte. Vor einiger Zeit hätte ein Herr schon einmal nach diesem Namen gefragt. Auf meine wütende Antwort, der Herr sei ich gewesen, meinte er einfach, jemand triebe mit mir Scherz und blieb auch dann bei dieser Behauptung, als ich ihm ein Geldstück einhändigte. Der 306 Chauffeur stand daneben und amüsierte sich über mich. Ich versuchte dem Portier noch einige Antworten zu entlocken, die er so korrekt und widerspruchslos erteilte, daß er mich endlich überzeugte.

Da fiel mir im letzten Augenblick ein, daß Frau Lia meine Unbekannte als Frau Wolkonskaja vorgestellt hatte, und fragte ihn, ob er diesen Namen kenne, doch er verneinte es.

»Sind die Herrschaften zu Hause?« fragte ich dann noch.

Er verneinte auch diese letzte Frage und begann die Tür zu schließen.

»Sie sind ausgegangen,« sagte er, »und können jeden Augenblick zurück sein.«

Damit schloß er energisch die Tür. Ich starrte einige Sekunden lang auf das Straßenpflaster, auf dem der Schnee zu Brei wurde.

Von irgendwo kam ein lauer Wind, der Bote des Vorfrühlings. Schon begann mich ein Traum gefangen zu nehmen, und schon glaubte die Erinnerung, ihn als alten Bekannten begrüßen zu können . . . Der Schnee fiel langsam in großen Flocken auf mich und vor meine Füße . . .

»Fahren wir weiter?« fragte der Chauffeur ungehalten.

Ich entlohnte ihn und schickte ihn fort.

Eine halbe Stunde schon stand ich vor der versperrten Villa. Kein Mensch kam an, keiner ging vorüber. Der Schnee fiel endlos herab. Mein Trotz zerschmolz mit ihm, und während ich unentwegt dastand, senkte sich eine Lethargie auf mich herab, der ich mich mit wohligem Gefühl hingab. Ich wurde unempfindlich 307 gegen äußere Eindrücke und wartete, ohne zu wissen, worauf.

Maria verloren . . . Die beiden Worte bildeten eine unendliche Melodie.

Ich brachte nicht die Energie auf, mir das Gegenteil zu beweisen: ich stand vor der Tür einer Frau, einer Fata Morgana . . . die hatte sich in Nichts aufgelöst, die hatte ich verloren. Maria? Ich mußte nur nach Hause gehen! Sie war ganz sicher schon zu Hause! Was stand ich noch da?

Alle Gedanken, die klar und einfach waren wie der Schnee, schmolzen dahin, und ich stand vor der Villa der anderen Frau. Das Haar wurde schwerer und schwerer, die Kleider ganz durchnäßt . . . und der Schnee schmeckte salzig auf den Lippen . . .

Da wurde es oben hell. In der Portierloge erklang ein Glockenzeichen so grell, daß ich es trotz der geschlossenen Tür deutlich hörte. Ich sprang hinter einen Vorsprung zurück. Aus der Garage fuhr ein kleines Auto vor, und wenige Minuten danach kamen zwei Menschen aus der Villa. Der Portier begleitete sie: Frau Lia und Alexander.

»Was wollte der Herr?« fragte Lia den Portier.

»Er fragte nach der Frau Gräfin.«

»Wie sah er aus?«

»Nicht sehr vertrauenerweckend!« hörte ich den Portier sagen, und er beschrieb den Eindruck, den ich auf ihn gemacht hatte.

Sie verabschiedete ihn, und als sie mit Alexander auf das Auto zuschritt, dessen Schlag der Diener geöffnet hielt, hörte ich sie sagen:

»Das ist also ganz nach Wunsch gelungen! Diese Liebe Marias ist gründlich zu Ende!« 308

Alexander lachte trocken:

»So aufzusitzen! Eine Kinderei!«

»Hauptsache, daß Maria . . .«

Der Schlag fiel zu. Unbeweglich sah ich an, wie das Auto davonfuhr. Langsam kam ich aus meinem Versteck hervor und wollte gehen. Ich hatte gut eine Stunde Wegs. Plötzlich kam mir ein Gedanke: eines noch mußte ich erfahren! Und ich drückte auf den Knopf der Klingel so lange, bis der Portier herauskam.

»Ich weiß alles! Wenn Sie mir meine Frage jetzt nicht augenblicklich beantworten, sind Sie morgen entlassen! Ich erstatte Herrn Konsul van der Werften Meldung! Also antworten Sie lieber: wem gehört diese Villa?!«

Da traf mich sein Blick: der freche, gemeine Blick des Bediensteten, der nichts zu fürchten hat, weil er seine Herren längst belauschte und in alles eingeweiht ist.

»Ich könnte Ihnen sagen, daß Sie sich zum Teufel scheren mögen, oder ich könnte Sie als verdächtig dem nächsten Schutzmann übergeben . . .«

Ich riß den Umschlag, den mir van der Werften eingehändigt und den ich nicht berührt hatte, heraus und warf ihm das Geld hin. Er duckte sich:

»Die Villa ist das Eigentum des Herrn Konsuls Leonid van der Werften. Ich rate Ihnen, nichts von alldem gesehen zu haben; denn er ist genau informiert!«

»Er weiß, daß seine Frau . . .«

»Können Sie beweisen, daß es Frau Konsul war?«

Seine Freundschaft vernichtete mich. 309

»Nur noch eins: kennen Sie die Gräfin Wolkonskaja?«

Er grinste übers ganze Gesicht.

»Sie, Herr, Sie sind kein Gerissener! Was geht Sie die alte Wolkonskaja an? Sie möchten doch den Namen der Frau erfahren, mit der Sie vor einiger Zeit in dieser Villa übernachtet haben!«

»Sie kennen mich also doch? Und wer ist die Frau?«

»Ihre Person habe ich mir gemerkt, weil mich jeder interessiert, der hier verkehrt, und außerdem haben Sie kein Auge fürs Dienstpersonal gehabt.«

»Die Frau?!« Ich wühlte in den Taschen, um ihm noch Geld hinzuwerfen.

Er bemerkte gelassen:

»Sie haben alles sehr nobel gutgemacht. Wer die Frau ist, mit der Sie waren, weiß ich nicht. Ich gebe Ihnen darauf mein Ehrenwort.«

Diesem Ehrenwort glaubte ich und machte mich auf den Weg. Ein gut gelungener Scherz der oberen Zehntausend, die mir Maria entreißen wollten, weil sie sich langweilten? . . . Oder eine Revanche Lias dafür, daß Maria ihr den Oberleutnant einmal aus Spiel entfremdet hatte, als er ihr in einen Badeort nachreisen sollte? . . .

Ich verstand nur zur Hälfte, aber ich wußte, die andere, noch fehlende Hälfte ließe sich leicht erfahren. Morgen schon . . . Es eilte nicht.

Mein Weg war noch lang.

Und alles hing davon ab, ob jetzt Maria zu Hause war. Ich eilte nicht. Das Ziel lag bereits hinter mir. 310

 


 


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