Paul Neubauer
Maria
Paul Neubauer

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X.
November

Fiedel war abgereist. Ich konnte ihr noch am Vormittag die Filmmanuskripte einhändigen und für das weitere Verhalten Weisungen geben. Auf sie war Verlaß. Mein Plan war einfach, und Friedel der Mensch, der ihn verwirklichen konnte. Ich weiß erst jetzt, warum ich damals in den paar Augenblicken alles so praktisch ausheckte, wo ich doch nicht im Entferntesten daran dachte, Maria und die Stadt zu verlassen. Heute, fern von alldem, weiß ich es, doch das kam später – – –

Es war November geworden.

Ich war auf Aufregungen und Stürme vorbereitet gewesen und fand in Marias Hause Ruhe, Zufriedenheit und eine Abgeschiedenheit, die wohltat und fesselte.

212 Direktor Marx liebte diese Frau mit einer väterlichen Zärtlichkeit, die sich auf jede Einzelheit ihres Lebens erstreckte. Er lebte für sie, die ihm wie eine Tochter entgegenkam. Sie verstand es, mit dem alternden Mann, der sich vor dem Leben und den Menschen ängstigte, Spiele zu spielen, in denen er ganz aufging und für kurze Zeit sein Vertrauen und seine Lebensfreude zurückgewann. Seine kleinen, schwarzen Augen, in denen das ewige Mißtrauen jedes Licht außer dem einen des unterdrückten Hasses ausgelöscht hatte, umfingen zärtlich ihre Gestalt, jede ihrer drollig verspielten Bewegungen, und während ich sie im Spiel mit ihrem Gatten, der außer diesem Spiel nichts verlangte, beobachtete, lernte ich eine neue Seite an ihr kennen: einen kindlichen, fast sentimentalen Zug, der eine natürliche Ergänzung ihrer Raubtierklugheit war.

Sie hatten sich eine eigene Sprache ausgedacht, die niemand verstehen sollte, und verzerrten die Worte. Wenn sie ein neues Wort gefunden hatten, gaben sie sich Rätsel auf, und konnte sie nicht richtig raten, dann freute er sich und vergaß in diesem Spiel alles.

Schlug sie den Teddybär, der nicht richtig sitzen wollte, dann sagte er:

»Ei, ei, Händchen! komm doch mal her!«

Und sie versteckte die Hand unter Polstern, um die andere als Geisel auf den Fingern über die Tischplatte zu ihm laufen zu lassen. Er betrachtete sie mitleidig und liebevoll, um festzustellen:

»Geh wieder, Händchen! Ich kann dich nicht schlagen!«

Und er wackelte vergnügt mit dem Kopf, wenn daraufhin das »sündige« Händchen unter der 213 Polstermasse hervorkroch und sich vertrauensvoll in seine Hand legte.

Zu mir stand er vom ersten Augenblick an in einem Verhältnis, an dem Jahrhunderte des Zusammenlebens nichts hätten ändern können. Er war einfach und fremd. Die Tatsache meines Einzuges in sein Haus überging er. Das war Maria zuliebe geschehen. Er hätte für diese Frau, für sie allein auf der Welt, die größten Opfer gebracht. Außer ihr galt ihm nichts. Er hatte mich, den Liebhaber, nun Tag für Tag an seinem Tisch sitzen und verriet kein einziges Mal seine Gefühle und Gedanken. Wenn er abends müde aus der Fabrik nach Hause kam, spielte er erst mit Maria eine große Begrüßungsszene. Ich stand dabei, doch er begrüßte mich nicht. Erst kam die Szene, die ausschließlich ihr gewidmet war und die ich anstandshalber mit belachen mußte, ohne Zeitung lesen oder mich entfernen zu können. Er tat, als bemerke er mich erst dann, und reichte mir die Hand zum Gruß.

Ein andermal ließ er sich über die politische Situation von mir informieren, um nach fünf Minuten die Rosen, die Maria auf den Tisch gestellt hatte, plötzlich zu entdecken. Er stürzte sich darauf, bewunderte überschwenglich ihre Pracht und begann mit Maria eine kindisch eifrige Auseinandersetzung über die Wichtigkeit der Blumen im Leben der Menschen. Als er sah, daß dieser Gesprächsstoff nicht ausreichte, entdeckte er abermals etwas: die Vase.

»Herrlich!« rief er aus. »Woher hast du sie denn, mein kleines Hündchen?«

Und obwohl sie zur Antwort gab, dies sei eine alte, billige Vase, die schon seit vielen Jahren auf dem Tisch stünde, bewunderte er ihre Farben, ihre 214 Ornamentik und die Form ausgiebig, als sähe er sie zum erstenmal. Dann stellte er sie hin, wandte sich zu mir und sagte:

»Nun?«

Das hieß: sprechen Sie weiter, Verehrter, ich bin bis zur nächsten Störung, die ich bald verursachen werde, ganz Ohr.

Das waren kleine Blöcke, Hindernisse, mit denen er den Weg, der zwischen uns vom einen zum anderen führte, verrammelte, um eine Annäherung zu verhindern oder wenigstens zu erschweren.

Zu Boshaftigkeiten kam es nicht. Wir konnten uns sogar zu dritt zwanglos unterhalten. Ich vermied es natürlich, Maria gegenüber zärtlich zu sein, und er nahm mich, der in sein Leben eingebrochen war, mit einem Fatalismus hin, der als geschlossene und wohltemperierte Vornehmheit zum Ausdruck kam. Von Eifersucht war nicht die geringste Spur zu merken.

Maria war, seit ich bei ihr wohnte, sehr sanft. Sie nahm eine gründliche Revision meiner Garderobe vor, gegen die ich mich verzweifelt, aber vergeblich wehrte. Sie besorgte die nötigen Anschaffungen und begnügte sich selbst damit nicht, sondern legte mir ein Sparbuch an. Ich mußte sie gewähren lassen und hoffte, daß sich diese Laune bald verflüchtigen würde. Eine große innerliche Ruhe war in unser Verhältnis gekommen, die mir wohltat. Ich stand ihr machtlos gegenüber, hineingestellt in ein Stilleben, dessen sanfte Gewalt meine Tatkraft unterband.

Der Herbst schenkte uns einen unerwartet schönen Abschiedsabend. Irgendwie, ganz unerklärlich, umgaukelten plötzlich alle seine brennenden Farben unsere Abendterrasse, auf der Maria, ihr Gatte und 215 ich aus feinen alten Gläsern Chianti der sinkenden Nacht zutranken. Man konnte in diesem Helldunkel kaum die Konturen der Dinge unterscheiden, und die Gesichtszüge lagen schon ganz im Dunkel.

Direktor Marx, der den Wein nicht vertrug, trank nur schluckweise und erzählte in bunter Mischung Anekdoten und Ereignisse aus seiner Fabrik. An ihm vorbeihörend, trank ich Maria zu.

Der Wein verband sich mit dem Dunkel der großen Stille zu einer fremdartigen Mischung. Ich fühlte Marias Begierde, die sich von Augenblick zu Augenblick steigerte. Durchs Dunkel blitzte sie aus ihren raschen Seitenblicken. Wenn der Direktor die Pointe eines Witzes breitspurig hinsetzte, lachte sie verspätet und kalt. Er merkte es nicht, denn er hatte seinen Hausrock angezogen und rauchte die Zigarre, deren Rauchwolken schon dem Schlummergott galten.

Seitdem ich hier wohnte, geschah es zum erstenmal, daß die geölte Maschine des geregelten Zusammenlebens zu stöhnen begann und zu versagen drohte.

Marias Begierde wuchs mir entgegen.

Sie wollte an diesem Abend mit mir allein sein, Es mußte sein! Jetzt, sofort!

»Würdest du nicht noch ins Caféhaus gehen?«

Ich schrak empor. So unvermittelt und schonungslos war die Frage!

»Ei, Mündchen! komm her, Mündchen . . .« – begann der Direktor sein allabendliches Spiel; denn er glaubte nicht an den Ernst der Aufforderung, doch Marias Geste war ungeduldig.

»Geh noch ein wenig ins Caféhaus!«

Ich machte eine kleine, heftige Abwehrbewegung und versuchte durchs Dunkel das Gesicht des Mannes 216 zu erblicken. Er führte ruhig das Weinglas an die Lippen und lachte dann:

»Schick mich jetzt nicht mehr fort, mein kleines Hündchen! Ich bin sehr müde und« – mit einem hilflosen Versuch – »ich habe schon den Hausrock an und rauche die Gutenachtzigarre. Mein kleines Hündchen wird auch bald mit mir schlafen gehen! Und auch« – er überwand sich mit Anstrengung, aber er mußte in diesem Augenblick gerade zu mir freundlich sein – »unser Hausgenosse, der Poeta laureatus, muß schlafen.«

Maria schwieg trotzig.

Ich eilte ihm zu Hilfe.

»Gehen wir alle drei ins Caféhaus!«

»Nein!« – Dunkel klang Marias Stimme.

Dann wieder Stille. Und in ihr die Phantasmen der beiden Seelen: die Qualen eines Lebens, gelebt von zwei Menschen: der eine mußte unterliegen. Kampf und Blut. Unerbittlich bis ans Ende! Die Nacht half den Gespenstern, die unsichtbar blieben und um so sichtbarer werden konnten.

Der Direktor versuchte noch einmal:

»Ich bin müde und muß morgen zeitig aufstehen. Es ist doch nur eine Laune von dir!«

Er gab ihr eine hübsche Gelegenheit, das Geschehene ungeschehen zu machen. Aus Chiantiwein, Dunkel und Nacht aber wuchs über seine Güte und meine Demut ihre Begierde.

»So tu mir doch den Gefallen! Ich bitte dich selten um etwas!«

Sie stülpte den Ungerechtigkeiten die größte Ungerechtigkeit über die Ohren: ihr sorgloses Leben verdankte sie ihm, der sie aus Armut herausgehoben hatte, 217 und jetzt sagte sie, sie hätte selten von ihm etwas erbeten. Obwohl ich dieser Frau ergeben war, fühlte ich mit dem argbedrängten Mann und wollte ihm helfen.

»Maria!«

Ich hatte nichts gesagt als diesen Namen und ganz ohne besondere Betonung. Dennoch genügte es. Der Direktor befand sich in einer Lage, die für einen Mann die schrecklichste sein mußte. Maria war erbarmungslos. Sie hatten sich wohl gegenseitig die Freiheit geschenkt und waren übereingekommen, daß der eine dem anderen kein Hindernis in den Weg legen sollte; aber ich fühlte seinen Kampf: er konnte nicht fort, um mir seine Frau zu überlassen, obwohl er nur ihr Vater war. Doch sie wollte! Und sie schritt über alles hinweg.

Daß ich ihren Namen mahnend aussprach, hatte entschieden. Ich, der Fremde, durfte nicht mehr und klüger sein als er, der ihr Gatte, Vater und Beschützer war, der diese Frau mehr liebte als sein kleines bescheidenes Leben! Ein fast irrsinniger Egoismus besiegte alle anderen Egoismen, und als er wieder sprach, dachte ich an meinen Kollegen Santeau, der ihn in der Trunkenheit für eine Heiligenfigur Dostojewskijs gehalten hatte. So täuschend ähnlich war höchster Egoismus und Heiligkeit.

»Gut, mein kleines Hündchen, ich werde noch hinunterschauen. Ich komme in zwei Stunden zurück.«

Seine Stimme war ruhig, fast glücklich klang sie.

Ich starrte ihn an. Er ging, und auf seinem einsamsten Gang mußten ihn die Bilder der Hölle umgaukeln: Maria, seine nackte Frau in meinen Armen! 218 Aber er ging. Aufrechter als die Aufrechten, heldenhafter als die Helden. Glücklich sogar! Und wenn nicht glücklich, dann selig. Er, der kleine Mann, kämpfte mit dem unermeßlichen Leben einen fürchterlichen Kampf, in dem es auf den Endsieg ankam. Wo andere niedersanken, er wollte dort weitergehen, bis ans Ende.

Den Hausrock vertauschte er mit dem anderen, als legte er einen Panzer an. Und er selbst knipste das elektrische Licht an, als er sich von uns verabschiedete: er hatte nichts zu scheuen. Er reichte mir die Hand: denn er war ein Zufall und ich ein Zufall. Und zwischen den beiden Zufällen die Forderung des Lebens: Maria.

Meine Gedanken hingen ihm nach, als er die Türe hinter sich geschlossen hatte. Ich stahl mich hinter ihm her und vergaß Maria, die mir gegenüber saß. Sie aber goß Chianti in die leeren Gläser.

Und im nächsten Augenblick fegte sie alle Gedanken weg und leuchtete blutrot in der Nacht, durch die der Einsame dahinschritt . . . Der Entsagende erwies sich als wirkende Kraft. Er konnte es nicht verhindern, daß Marias Begierde mit der meinen ineinander brandete, doch seine Entsagung wirkte. Wie Gift: allmählich begann es die Poren zu durchdringen.

An diesem Abend mußte ich erst die Gedankengespenster, die sein Opfer gezeugt hatte, bannen und bekämpfen, und wäre nicht Marias gewaltige Begierde gewesen, die Leidenschaft wäre vielleicht verebbt. Maria aber, die nackte Frau in meinen Armen, besiegte alles, was sich widersetzte, spielend: den einsamen Mann so gut wie meine Gedanken. Unerbittlich war ihre Forderung der Leidenschaft, 219 Gipfelpunkt ihres Seins. Und so trafen wir uns mit dem tödlichen Willen des rauschenden Blutes . . .

Die Chiantiflasche war geleert, und alle Wogen lagen wieder geglättet, als der Direktor zwei Stunden später nach Hause kam. Ich hatte Maria gebeten, ihn nicht mehr zu erwarten und schlafen zu gehen. Am Morgen mußte er zeitig fort, und sie hätte ihm erst vierundzwanzig Stunden später in die Augen zu schauen brauchen. Doch sie wollte noch wach bleiben und die letzten Gläser auf der Terrasse trinken.

Ich saß an ihrer Seite, und sie, die ihrem Mann mit so viel Härte begegnete, war weich und sanft zu mir. Sie flocht in belanglose Reden Fragen ein, die sich auf meine Eltern und ihr Heim bezogen, und ich verstand das Rätsel nicht. Hinter diesen Dingen mußte sich ein Geheimnis verbergen, ein tiefes, vielleicht schreckliches Geheimnis; denn ihr Wesen wies vom ersten Augenblick unserer Begegnung Risse auf und Widersprüche, die ich nicht lösen konnte. Sie war jetzt wie eine hingebende Gattin, die die Lockungen und tödlichen Begierden nicht kennt und im Glück des Augenblicks restlos aufzugehen vermag.

Die Terrasse war in Dunkel gehüllt.

Wir hörten einen leisen, fragenden Pfiff: Direktor Marx war angekommen.

Sie gab den Pfiff zurück.

Und als er auf die nächtliche Terrasse heraustrat, dauerte die Begrüßungsszene mit Maria noch länger als sonst. Und Haß, Liebe, Qual und Tränen, alles löste sich in dieses Spiel auf, an dem Maria lieblich, fast sentimental teilnahm.

Dann reichte er auch mir die Hand.

*

220 So war es November geworden.

Trotz dieses Abends, der sich in verschiedenen Formen wiederholte, änderte der Direktor sein Verhalten gegen mich und Maria nicht. Einige Male ergaben sich Gelegenheiten zu intensiverem Gedankenaustausch, und verschiedene Fälle, in denen ich ihm behilflich sein konnte, mußten sogar eine gewisse Sympathie erwecken. Er zeigte sich als ruhig denkender, objektiver Mensch, der die Kraft besaß, mich anzuerkennen.

Ganz gelöst und glücklich aber war er nur, wenn Alexander zugegen war, da von der Seite des Oberleutnants keinerlei Gefahr drohte und er es vortrefflich verstand, den Direktor durch kindische Scherze, Gesang und Tanz aufzuheitern. Dieser begrüßte es immer wie ein plötzliches Geschenk, wenn Alexander in später Stunde seinen Pfiff vor der Terrasse ertönen ließ. Er war seine Rettung; denn er bedeutete die Entspannung. Maria verstand es so einzurichten, daß er zur richtigen Zeit erschien. Sie spielte mit ihrem Mann und ließ die Ereignisse sich verdichten. Wenn sie gefährlich zu werden drohten, erschien Alexander. Entweder überredete er den ernsten Direktor, noch mit ihm ein Lokal aufzusuchen, oder er drückte ihn auf den Stuhl vor dem Klavier nieder, zwang ihn zu spielen und sang ausgelassene Lieder.

Ein jeder versuchte vorsichtig zu sein und den anderen nicht zu stören; denn es kam mehr auf den Takt als auf den Inhalt der Dinge an. Dennoch ereigneten sich Zwischenfälle, die nicht aus der Welt zu schaffen waren.

Der Direktor kam nach Hause und fand mich mit Maria im eifrigen Gespräch. Vielleicht bemerkte er ihr vertieftes Interesse an mir. Er, der mir ihren 221 Körper überlassen konnte, weil er ein Opfer brachte, um sie zu behalten, begann erst dort eifersüchtig zu werden, wo sie mit der Seele an etwas teilnahm.

»Warum interessierst du dich so lebhaft für seine Eltern?« fragte er einmal, und die sonst ruhige Stimme vibrierte.

Maria antwortete heftig, stand unvermittelt auf und kleidete sich zum Ausgehen an. Daran war diesen Abend nichts zu ändern. Sie tanzte mit mir und Alexander, den sie telephonisch bestellte, bis zum Morgen und kehrte erst in ausgezeichneter Laune heim, da ihr Mann schon in der Fabrik sein mußte.

In solchen Fällen konnte man mit Gewißheit annehmen, daß er noch im Laufe des Vormittags telephonisch anrufen würde, und wenn Maria nicht gleich nett antwortete und auf sein Spiel, das allein ihm Ruhe gab, einging, dann versuchte er es zwei-, dreimal, bis sie nachgab und irgend einen Unsinn in den Apparat hineinwarf, der ihn sofort versöhnte.

Das war keine Schwäche, keine Hörigkeit, kein Ausgeliefertsein an diese Frau. Direktor Marx war nicht der Mann, der sich vor den Dingen und Forderungen des Lebens beugte. Er besaß ein großes Vermögen, das ihn unabhängig machte, und eine bedeutende Stellung. Über alle Vorurteile und Urteile der Menschen hatte er sich längst hinweggesetzt und schätzte alles in harter Wertung nach dem Prinzip des Egoismus und seines letzten Ausdrucks, des Geldes. Daher war sein Urteil in fast allen Fragen von einer unerbittlichen Richtigkeit. Nur Maria gegenüber war er demütig und zart, wie es nur eine Mutter zu ihrem Kinde ist.

222 Ich hatte schon vor längerer Zeit bemerkt, daß er meinen Eintritt in Marias und sein Leben als eine Art von bestmöglicher Lösung betrachtete. Daher kam es auch, daß die von mir erwarteten Stürme ausgeblieben waren. Ich verstand sein Verhalten nur zum Teil; denn ich vermutete hinter seinem Verhältnis zu Maria ein Geheimnis, das ich nicht zu enträtseln vermochte. Es schien auf eine Hörigkeit hinzudeuten, die nicht bestehen konnte. Umso komplizierter mochte diese Form der Hörigkeit sein, als sie keinen Inhalt fand. Alle kleinen Spiele mit ihren Händen, dem Mund oder dem Haar deuteten auf Begierde hin und waren irgendwie sublimiert, als hemmte ihn Scheu vor dieser Frau, die er heißer liebte als sich und seinen Egoismus und die er eben aus diesem Grunde gezwungen war preiszugeben.

»Wenn wir alt sein werden,« sagte er einmal im scherzhaften Ton, »werden alle weg sein! Auch unser Poet, der dann schon sehr berühmt sein wird, wird weit weg sein! Und wir beide werden dann im Zimmerchen sitzen und uns miteinander freuen!«

Ein tiefer Glaube wie an Erlösung vom Leben stand hinter diesem Scherz, und ich ahnte den Gedankengang dieses sonderbaren Menschen, den das Zusammenprallen mit der starken, leidenschaftlichen Maria in einen Kampf verwickelt hatte, dem er nicht gewachsen war. Er focht auf seine Weise, die er sich erst hatte ausdenken, die er erst hatte erlernen müssen, und wartete auf das Ende des Kampfes: auf das Alter der geliebten Frau, das ihm Ruhe, Frieden und endlich Gewährung versprach. Ihr Leben war unendlich stärker als das seine, das er opferte, um das Ende, das Alter erwarten zu können. Das war eine tödliche 223 Verschlingung zweier Menschen, zweier Gegensätze, die auf eine endliche glückliche Vereinigung warteten.

Und das allein, die Hoffnung auf das sonnenüberglänzte, ruhige Meer des Alters gab ihm die Kraft, die größten Entsagungen zu ertragen. Was Maria sonst zu geben wußte, Jugend und Fröhlichkeit, nahm er dankerfüllt an und vergalt es ihr, so gut er konnte.

Doch ich sollte derjenige sein, der seine stille Erwartung enttäuschte. Maria drohte in ihrem Verhältnis zu mir alles bisher Gewesene zu zerreißen und seine bescheidenste Hoffnung zu vernichten. Sie änderte ihr Wesen und ihre Einstellung zu mir, und es schien, als wäre sie mit mir so tief verbunden, daß alles andere verschwinden und verblassen mußte. Ich kannte nur wenig ihr Leben, wußte von der drückenden Armut der Eltern und von der Tochter unbeugsamem Willen, aus dieser Armut herauszugelangen. Ihr Wille, der den kleinen Mann traf, siegte. Mehr wußte ich nicht, und da die Menschen, die ihr das Glück neideten, ihre Erzählungen tendenziös zuschnitten, glaubte ich keinem von ihnen.

Die Voraussetzungen zu einer stichhaltigen Psychologie fehlten. Darum verstand ich es nicht, daß sich scheinbar grundlos die Lage zu ändern begann, und als der November gekommen war, die Spannung einen hohen Grad erreicht hatte. Ich mußte des öfteren mit größter Geschicklichkeit den Ausbruch der entfesselten Leidenschaften verhüten, ohne den Anlaß entdecken zu können.

Beide suchten die Gelegenheit, sich aufeinander zu stürzen. Warum? Nach allem, was vorangegangen war, und nach der Ergründung des Charakters der beiden konnte ich die Frage nicht 224 beantworten. Der Sturm, den ich erwartet hatte und der ausgeblieben war, konnte jeden Augenblick losbrechen. Oft ging er vorüber, und alles war eine Zeit lang wie sonst, doch ich täuschte mich nicht: er lauerte in unmittelbarster Nähe.

Der Direktor pfiff ein Lied.

»Pfeif doch nicht!« fuhr Maria nervös auf.

Er näherte sich mit gewaltsam verlangsamten Schritten, pfiff das Lied weiter, strich ihr ungeschickt übers Haar und fragte:

»Ich soll nicht pfeifen, mein kleines Hündchen?«

Die Liebkosung rief Entgegengesetztes hervor.

»Laß mich!«

Und er, der auf ihr Geheiß sich entfernen konnte, wenn sie mit mir allein sein wollte, verstand sich plötzlich aufs Quälen:

»Das Hündchen hat ein schönes, blondes Köpfchen! Ei, ei!«

Er stand breitbeinig vor ihr. Sie sprang auf.

»Siehst du nicht . . .«

»Daß du nervös bist, mein kleines Hündchen!« – Die Liebkosung klang drohend, und er wiederholte sie, um sie zu reizen. Sein Gesicht war bleich, als bebte er innerlich vor der fürchterlichen Leidenschaft, die ihn jetzt zu beherrschen begann, zurück, und als ahnte er alles Leid, das ihre Folge sein mußte.

Doch in dem blassen Gesicht stand das Urteil des Blutes: er konnte nicht zurück, mußte losbrechen, vielleicht um dann wieder demütig sein zu können. Er mußte sich vor sich selbst von Zeit zu Zeit beweisen, daß er lebe. Ich konnte es deutlich beobachten, daß alles planmäßig vor sich ging und eine Wiederholung vorhergegangener Fälle sein mußte. Mehr noch und 225 deutlicher kam das bei Maria zum Ausdruck, deren Gesichtszüge straffer gespannt waren als sonst, die aber das Kommende ohne sonderlich ängstliche Neugierde, vielmehr so hinzunehmen schien, als kennte sie es bereits zu Genüge und wäre damit einverstanden. Es gehörte zum Ganzen, es war ein Teil des Ganzen.

»Maria ist heute sehr nervös!« wollte ich eingreifen.

»Besonders, wenn du sprichst!« fiel sie mir böse und entschlossen ins Wort; aber ich fühlte, daß das Böse nicht mir galt.

»Sie müssen sie nicht verteidigen!« sagte der Direktor und zog auch mich ins Gefecht.

»Antworte ihm nicht! Du siehst doch, daß er schon wieder . . . .«

»Was? Was?« Der Direktor lauerte wollüstig auf das Wort, das eifersüchtig heißen sollte.

»Komm, Maria, gehen wir noch ein wenig spazieren!«

»Nein, ich bleibe hier!« – Sie war entschlossen, den Kampf zu Ende zu kämpfen; denn es mußte sein, und sie wollte ihn nicht mehr hinausschieben: »Geh du allein!«

»Ich bleibe auch hier bei dir!« – das letzte Wort betonte ich scharf.

»Das glaube ich Ihnen gern!« – trocken und tief war seine Stimme. Das Zimmer sah plötzlich aus, wie eine Landschaft, über die sehr schräg und mit blutigem Rot die Sonnenstrahlen fielen, die noch einen letzten Wolkenriß erhaschten. Das Gewölk verdunkelt die Welt, aber die blutigroten Strahlen erhellen das Dunkel. Bäume, Häuser und Menschen fahl. Geister ziehen dahin und stehen nun still, um auf ihre grausame 226 Weise mit den Menschen zu spielen und dann nach der Tragödie in unermeßlicher Höhe weiterzuziehen.

Ich antwortete nicht; denn ich war als Beobachter fast objektiv. Sollte es ernst werden, dann nehme ich Maria in Schutz, dachte ich bloß. Die Wandlung, die so plötzlich und grundlos eingetreten war, kam in beiden Gesichtern erschreckend zum Ausdruck. Das seine bleich und zerquält, ein Opfer verratend, das er bringen mußte. Das ihre leidend und doch fast gleichgültig.

Mein Schweigen hemmte die Angriffslust, die nun nach anderem auslugte.

»Warum gehst du nicht irgendwohin?« fragte er ruhig.

»Ich habe nicht die geringste Lust! Ich kann wohl zu Hause bleiben, wenn es mir paßt!«

»Aber ich nicht?«

»Du mach, was du willst! Mich interessiert es nicht!«

»Dich interessiert nur dein Liebhaber!«

»Da du keiner sein kannst!«

Sie lachte hysterisch.

»Wie lange willst du mich mit diesem Blödsinn noch quälen?« schrie er.

Ein Blick auf Maria; bevor sie antwortete, konnte ich aus ihrem Gesicht fast alles herauslesen, was hinter der Tragödie stand: Ekel, tiefste Kränkung, Verachtung! Jetzt erst begann ich zu zittern. Ein Nachtstück furchtbarster Art rollte an mir vorüber: die Rache des Blutes.

»Wie lange? Bis du den Gegenbeweis lieferst!« – Aus Ekel, Kränkung und Verachtung sprang der 227 Triumph des Weibes: ein Lachen, das überall hörbar ist, wo Frauen leben.

Vergebliches Bemühen der beiden, seit dem ersten Augenblick des Zusammenlebens, dies aus der Welt zu schaffen! Vergeblich alle seine Opfer des Verzichts und ebenso vergeblich alle ihre Versuche, Stillung der Leidenschaft zu finden. Vergeblich ihre gemeinsam ersonnenen Spiele, das Abreagieren, das zeitweise Vergessen! Die große Sünde wider das Blut war immer wieder da, immer wieder mächtig wie am ersten Tag, drohend und vernichtend. Nichts konnte sie tilgen, nichts war stark genug, das Blut, das betrogene, zu versöhnen.

»Wer hat mich dazu gemacht? Wer hat mich in diese Dinge hineingetrieben?!«

Aufspringend ballte er die Fäuste:

»Du hast mich zu all dem gezwungen, was jetzt ist! Du . . .«

»Warum hast du mich geheiratet?« – sie stach drauf los mit jeder Frage.

Er sollte zur Raserei getrieben werden. Es mußte sein um des kommenden Friedens willen, dessen Reich ein Jahr, vielleicht kürzer, vielleicht länger dauern sollte. Um dieses Friedens willen stach sie zu mit ihren tödlichen Fragen; denn nur das Gift, das tödliche, war lebenspendend im Leben dieser beiden Menschen. Ich sah sie nackt vor mir und Gott, der sie geschaffen hatte, auf daß sie leben sollten. Sie waren einmalig und unabänderlich: ihr Zusammen ehernes Gesetz. Zerfleischend der eine den anderen, rollten sie wie Gestirne ihre vorgezeichnete Bahn.

»Du hast mich dazu gezwungen, du, du . . . Hast die Rolle der Verführten gespielt! Gut gemacht! Sie 228 stand vor der Tür und weinte! Haha! Haha! Sie weinte, die Unschuld! Ich sollte dich heiraten, ich, der reiche Mann das arme Mädchen!« – Seine Augen blitzten wild auf. Er fuchtelte mit beiden Armen und machte einen grotesken Sprung. Dann stand er angewurzelt vor ihr und bewegte sich nicht. – »Und als ich dich geheiratet hatte?!!«

Sie stand auf und wollte hinausgehen. Vielleicht war die Szene zu Ende, oder vielleicht wollte sie ihr heute ein schnelles Ende bereiten. Der kleine Mann aber kam ihr zuvor. Sie hatte sich eben zu mir gewendet:

»Komm, wir gehen! Du wirst dir doch nicht diesen Irrsinnigen anhören!«

Er sperrte in rasender Hast die Tür vor ihr ab und sprang zur anderen. Der Boden erzitterte vom Sprung, und eine Vase fiel zur Erde. Sie zerbrach. Das Wasser floß über den Teppich.

»Dageblieben!« – Schweiß trat ihm auf die Stirn.

»Ist er dein Gefangener? Wie, wagst du es, die Türen abzusperren?« – Sie sagte es um einen Schatten erregter; denn der Auftritt war heftiger, als sie erwartet hatte.

»Er?« grinste der Direktor und entdeckte mich plötzlich. Er labte sich geradezu an dieser Bezeichnung meiner Person. Herausfordernd maß er mich.

»Erlauben Sie sich nicht das geringste!« – Ich trat einen Schritt vor.

»Ziehen Sie nur gleich den Revolver, ich bitte Sie darum! Alle diese Dinge enden mit Gattenmord! Die Frau und der Liebhaber gegen den Gatten! Hintertreppenroman! Ich bin damit einverstanden. Schießen 229 Sie! Das Testament ist schon längst fertig und liegt beim Notar. Ihre Geliebte ist Universalerbin!«

Ich wandte mich ab.

»Schließ die Türen auf, oder ich telephoniere der Polizei!« rief Maria.

»Der Polizei telephonierst du vergeblich! Ja! Was soll die Polizei? Was? Da kann sie nichts mehr tun! Kommen Sie her, Verehrter!« rief er mir zu. »Ich war ungerecht gegen Sie! Hiermit bitte ich Sie um Vergebung! Sie sollen sich nur eine Geschichte anhören, eine allerkleinste, niedliche Geschichte! Setzen Sie sich, bitte! Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten?« – Er holte das Zigarrenetui mit zitternde»Hand hervor, biß das Ende einer Zigarre ab und zündete ein Streichholz an, ohne die Zigarre anzuzünden. Er behielt es brennend in der Hand. Und während der Ausdruck irrsinniger Angst in seine Augen trat, begann er im erzählenden Ton: »Sie hat . . .«

»Hör auf!« fuhr Maria dazwischen, und auch ihr Gesicht war plötzlich entstellt.

»Sie hat mich verhöhnt! Als ich ihr Gatte geworden war und sie zum ersten Mal in meine Arme nehmen wollte, verhöhnte sie mich! Sie lag im Bett und verhöhnte mich! – Ihr Lachen war Gift . . . . furchtbares Gift! Sie erreichte, was sie wollte! Ihr Hohn machte mich kraftlos . . . sie vernichtete mich, und ich war plötzlich . . .« – – –

Er schrie auf. Das Streichholz war niedergebrannt und versengte seine Finger. Er ließ den verkohlten Rest zu Boden fallen.

»Du Elender!« – Maria war wie der Tod und lehnte an der Wand.

230 »Plötzlich . . .« – wiederholte er fassungslos und hing seiner Erinnerung, die furchtbar war, nach.

»Schließ sofort die Tür auf!« brachte sie gequält hervor. Er hörte nicht. Reglos stand er und dachte nach. Das intelligente, ruhig einfache Kaufmannsgesicht war zerfurcht und bot den Anblick einer Fratze. Er wandte sich an mich.

»Sie lügt!« sagte er hoheitsvoll mit tiefem Ernst, als stünde er als Angeklagter vor einem Tribunal. – »Ich bin ein Mann!«

Erschüttert stand ich zwischen diesen beiden Menschen, und trotzdem drängte mich ein unwiderstehlicher Reiz zum Lachen. Ich erinnerte mich im Augenblick an Menschen, die beim Anblick eines Leichenzuges in krampfhaftes Gelächter ausbrechen, und wenn man ihnen mitteilt, ein Verwandter oder Freund sei gestorben, wollen sie sich vor Lachen ausschütten. Ähnlich erging es mir, da die wildesten Gegensätze an mir vorübertobten.

Die beiden Kämpfer, aus Wunden blutend, standen sich ruhig gegenüber. Nach seinem letzten Wort war eine Pause eingetreten, doch nur darum, weil Maria schweigend feststellte, daß es heute kein Entrinnen gab. Und sie war bereit.

»Du bist ein Mann?« stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen pfeifend hervor. »Und du duldest meinen Liebhaber in deinem Haus?«

Sprach Irrsinn aus ihr? Sie hatte mich hergebracht, es war ihr Wille gewesen, und jetzt stieß sie mich mit beiden Fäusten in den widerlichsten Kampf? Ich erkannte sie nicht mehr. Auch mein Hirn begann zu sieden, und die Gedanken wurden unförmig und unlogisch. Als wäre ich ein Ertrinkender, so sauste 231 im letzten Augenblick mein Leben mit Maria an mir vorüber.

Er wankte unter dem Hieb.

»Ich wollte den Frieden, darum ließ ich es zu!«

»Den Frieden?« – Mit voller Wucht sauste das Wort wie eine Peitsche nieder. Dann zu mir: »Du verläßt morgen das Haus, hörst du?«

Ich verstand sie nicht, wollte nicht verstehen! Mochte das fürchterlichste Geheimnis hinter diesem Kampf stecken! Ich hatte nur den Wunsch, so rasch wie möglich weit fort zu sein.

»Morgen? Heute noch! Bitte öffnen Sie die Tür!«

Sie hörten nicht. Ihre Forderung war die neue Kampfansage, und das bisher Zurückgehaltene brach jetzt los, denn er schrie plötzlich:

»Sie? Ich bitte Sie um alles in der Welt, bleiben Sie bei uns!«

»Du Feigling! Du wirst mir nichts verbieten! Er wird gehen!« schrie Maria.

»Er wird nicht gehen . . . nicht gehen!« murmelte er starr vor sich hinblickend und beachtete mich dabei nicht. »Er wird bleiben! Ich kann nicht weiter! Nicht von vorn beginnen! Ruhe . . . Ruhe endlich!«

Die Worte galten weder mir noch Maria. Er sprach sie flehentlich aus, still wie ein Gebet. Seine Hände verschränkten sich in einer Reflexbewegung, und die knochigen Finger verkrampften sich ineinander. Er rang mit einer Macht, die ihn blutig peitschte: ein taumelnder Mensch zwischen Abgründen. Der tobende Kampf zeigte sich plötzlich als die Ruhe eines Geisteskranken.

232 »Nicht wahr, Sie werden bleiben?«

Er schaute an mir vorbei und sprach so zu mir.

»Ich möchte Ihnen erklären . . . Sie können das nicht verstehen und müssen mich verachten. Verachten Sie mich nur! Ich pfeife darauf! Alle verachten mich! Und keiner weiß . . . Was wissen Sie von einer Frau?«

»Schämst du dich nicht?« herrschte ihn Maria an. »Vor meinem Liebhaber kasteist du dich? Schäm dich!«

»Hören Sie nicht auf sie!« lächelte er mit einem leeren Lächeln. – »Alles ist anders, Sie können es nicht verstehen. Ich werde aber versuchen . . .«

»Wenn du die Tür nicht augenblicklich öffnest . . .«

Er stellte sich vors Telephon, bereit, um jeden Preis zu verhindern, daß sie jemand anriefe. Er sammelte in lautloser Stille seine Gedanken und begann dann träumerisch:

»Sie werden mich verstehen! Ich lernte sie als junges Mädchen kennen. Sie war arm, ich reich . . . Sie war schön und leidenschaftlich . . . jung! Ich mußte sie heiraten, obwohl ich mir geschworen hatte, es nicht zu tun. Ich will Ihnen sagen, wie es kam. Wie es kommen mußte! Die erste Nacht, die ich mit ihr verbringen sollte, stand wie ein Heiligtum vor mir. Ich kann das nicht sagen . . . Sie würden mich mißverstehen . . . Sie müßten ein falsches Bild bekommen . . . Aber ich möchte es doch irgendwie sagen . . . Sehen Sie: diese Nacht sollte die erste Nacht in meinem Leben sein! Ich betete zu Gott . . . So verehrte ich diese Frau! Ihr Körper war mir eine Hostie . . . Und da kam die Nacht . . .«

233 Maria stand mit zusammengekniffenen Lippen, die wie ein blutleerer Strich aussahen, und versuchte nicht mehr, ihn zurückzuhalten.

Weder sie noch er waren in diesem Augenblick menschliche Wesen mit menschlichem Bewußtsein. Schemen waren sie im Sturm des Lebens, unendlich kleine Punkte im Meer des Geschehens. Das Geschehen überschlug sich, und der Sinn wurde sinnlos.

»Die Nacht kam!« sagte er mit visionären Augen und hob die Arme, als tastete er sich vorwärts. »Ich tastete mich durchs Dunkel hin zu ihrem Zimmer. Es war in einem Luxushotel hoch oben in den Bergen. Dorthin hatte ich sie gebracht, um die Nacht mit ihr zu feiern. Das Dunkel umschlang mich wie die Lianen des Urwalds, aber ich riß mich frei . . . Und ich erreichte die Klinke ihrer Tür. Dort drinnen lag sie! Ich hörte das Knistern und Rauschen der Seide . . . Ich riß die Tür auf und stürzte an ihr Bett . . . Sie lag da und rauchte eine Zigarette . . . schlank und weiß war sie in ihrem Pyjama . . .«

»Schämen Sie sich!« schrie ich plötzlich fassungslos. »Genug! Ich will nichts weiter hören!«

Er mit pfiffigem Gesichtsausdruck:

»Sie? Wer? Wem sage ich dies? Ihnen? Wer sind Sie? Sie unterstehen sich zu existieren, wenn die Seide knistert und diese Frau im Pyjama eine Zigarette raucht?«

»Ich will nicht!« schrie ich brutal.

»Sie wollen nicht! Sie wollen nicht!« lachte er skurril. »Aber Sie müssen! So gut wie ich mußte, müssen auch Sie hintreten zum Bett und . . . plötzlich ist Nacht . . . das Bewußtsein verdunkelt sich . . . Lust . . . Schmerz . . . Eine Ewigkeit vergeht . . . 234 und plötzlich leuchten durch das Dunkel zwei glühende Augen, die Augen dieser Frau! Sie befehlen und versengen, fordern und machen irrsinnig . . . sie leuchten und erleuchten das Bewußtsein . . . es will nicht mehr dunkel werden . . . es ist irrsinniges Licht überall . . . Ist die Nacht, die große Nacht, auf die ich mich vorbereitete, schon vorüber? Ich springe das Licht an wie ein Rasender! Umsonst! Zahlen schwirren mir durch den Kopf, Berechnungen der Geschäfte, die ich vorhabe . . . Und sie liegt mit verzehrenden Augen . . . doch es wird nicht wieder dunkel . . . es wird nicht dunkel – –«

Der kleine Mann ballte die Fäuste und schrie:

»Ich wartete auf das Dunkel wie auf die Erlösung! . . . Da lachte sie höhnisch, sprang aus dem Bett, und wenige Minuten danach tanzte sie, während ich an einem kleinen Bartisch saß und trank . . . . Und nie wieder wurde es dunkel; denn immer war das fürchterliche Lachen da . . .«

Er brach in sich zusammen, und Maria schnellte sieghaft empor.

»So gehen wir doch endlich auseinander!«

»Ich kann nicht! Du weißt, daß ich nicht kann!« stöhnte er und sprang auf.

»Ich hasse dich! Ich hasse das ganze Leben, das du mir vernichtet hast!«

»Sie lästert! Gott ist mein Zeuge!«

»Ich habe einen Zeugen aus Fleisch und Blut!« schrie sie und deutete auf mich. »Der ist wichtiger! Ich werde morgen . . .«

In diesem Augenblick stürzte er sich auf sie. Mir gelang es, zwischen die beiden zu springen, und ich zerdrückte mit meinen Fäusten seine Arme. 235 Sekundenlang hörte man das Keuchen der zu Tode gemarterten Menschen, dann erschlaffte er.

»Gut . . . morgen . . . ich bin mit allem einverstanden . . .«

Er wurde aschfahl, und ich ließ ihn in einen Lehnstuhl gleiten.

»Einverstanden?! . . . Freiheit?! . . .« – Wie wenn Ketten zu Boden fallen, so klirrten Marias Worte, die sie triumphierend ausstieß.

»Mit allem! Und ich werde Verfügungen treffen, daß die Hälfte meines Vermögens . . .«

»Drei Viertel!« – Falkengleich schoß das Wort auf das Opfer nieder.

»Drei Viertel! Du sollst es haben!«

Ich erstarrte. Es war unbegreiflich!

»Bist du einverstanden?!« – zitternd schrie sie es in höchster Erwartung.

Ihr Leben hing von seiner Antwort ab.

Und der Vernichtete sagte freudig, wie in Ekstase:

»Einverstanden!«

»Wahnsinn! Eben noch wollte er sie nicht frei geben! Eben waren sie noch auf Tod und Leben ineinander verkrampft! . . .

Und bevor ich zur Besinnung kommen konnte, stürzte sie sich auf ihn, umschlang ihn mit beiden Armen, und während ein Tränenstrom aus ihren Augen brach, schrie sie:

»Und du hast geglaubt, daß wir je auseinandergehen könnten?!« Er ließ einen unartikulierten Laut hören und warf sich weinend vor ihr auf die Knie. Sein starker Körper bebte.

Ich verließ rasch das Zimmer.

236 Von drüben hörte ich das Schluchzen der beiden Menschen. Die Gespenster waren vorübergejagt. Stille breitete sich ringsum aus. Zwei Menschen hatten ein furchtbares Opfer gebracht: aneinandergekettet, hatten sie sich zerfleischt; denn nur die Wunden, die sie von Zeit zu Zeit einander beibrachten, konnten sie vereinen: zwei Wunden brannten zu einer Narbe.

»Kommen Sie!« – und ich fühlte den Griff zweier Hände. Der Direktor, tränenaufgelöst, drängte mich ins Zimmer, wo Maria auf dem Diwan lag und schluchzte.

Maria langte mit dem einen Arm nach mir, mit dem anderen bedeckte sie ihr Gesicht.

»Essen!« schrie plötzlich der Direktor. »Wir wollen doch nicht verhungern!« – Und er stürzte hinaus, um in wenigen Sekunden vollbeladen zu uns zurückzukehren.

Ich starrte ihn an: was hier geschah, war jenseits von jeder Vernunft. Ich dachte an einen neuen Ausbruch, aber er schob die Teller zurecht.

»Maria, komm! Wir wollen essen! Kommen Sie! Man muß essen!« – Und Tränen rannen über sein Gesicht.

Eine magische Wirkung mochte das Wort ausstrahlen, dieses gewöhnlichste aller Worte; denn er klammerte sich daran. Vielleicht bedeutete es für ihn den Hausfrieden, die Gewißheit, daß Maria an seiner Seite geblieben war. Was gab es sonst an Gewißheit in einem zu Tode gehetzten Leben?

»Steh auf, Maria!« bat ich.

Sie stand auf.

»Komm her!« flehte er. »Schau, du mußt essen!«

237 Ihre ausgestreckte Hand fiel auf den Tisch. Doch der kleine Direktor, dessen Leben jetzt wieder gesichert war, griff nach den Speisen. Er türmte sie mit zitternder Hand auf seinen Teller: Protest, Hohn und Triumph über das diesmal noch besiegte Schicksal.

Und während aus Marias Augen, die jetzt ganz glanzlos und unendlich müde waren, die letzten Tränen flossen, begann er mit Heißhunger die Speisen zu verschlingen. Grenzenloses Glück strahlte aus seinen dunklen Augen, und es klang wie ein Glaubensbekenntnis:

»Iß, Maria! Man muß essen!« 238

 


 


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