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Sechstes Kapitel

Das Ordenswesen in Gießen. – Das Pfälzer Kränzchen. – Ich werde Amizist. – Die Gesetze der Orden. – So wird man Sklave, um frei zu sein! – Der Senior. – Die sogenannte Studentenfreundschaft. – Wem nützen die Orden? – Marburg. – Die dortigen Studenten. – Sie waren klüger als wir Gießener. – Ein Kommers in Marburg. – Meine erste Predigt. – Mein Glaubensbekenntnis vom lieben Frauenzimmer. – Lorchen. – Eine Serenade in Gießen. – Studentenaufruhr. – Ein Froschmäusekrieg.

Die Ferien waren schon acht Tage zu Ende, als ich nach Gießen zurück kam. Ich ordnete meine Kollegia und fing an, fleißig zu studieren. Ich fand jetzt mehr als jemals, daß Kenntnisse ein wahres Bedürfnis für meinen Kopf waren. Ich habe auch, ohne mich zu rühmen, bloß aus innerem Trieb und niemals deswegen gelernt, weil ich einmal mein Brot damit verdienen wollte. Meine Weisheit ist niemals weit her gewesen, und in keiner einzigen Wissenschaft habe ich mich über das sehr Mittelmäßige erhoben, doch habe ich ohne Unterlaß studiert und studiere noch recht gern; nur muß mir ein Buch in die Hände fallen, worin mehr erzählt als räsonniert wird. Denn gegen das Räsonnement hab ich von jeher einen gewissen Widerwillen gehabt, und das ist auch der Grund, daß ich in der Philosophie ein jämmerlicher Stümper geblieben bin. Vielleicht ist das aber auch so übel nicht.

Ich hatte bisher bei einem gewissen Schneider Klein gewohnt: nun aber quartierte ich mich zum Eberhard Busch, berühmten Bierschenken zu Gießen, ein. Dies Logis war in der ganzen Stadt bekannt, und das Bier war da wenigstens so gut, wie man es in Gießen haben konnte. Mein Hauswirt war ein braver lustiger Mann, bei dem ich ausgehalten habe, bis ich von Gießen abzog.

Ungefähr zwei Jahre vor meiner Universitätszeit waren die Orden auch zu Gießen eingeführt. Diese unsinnigen Verbindungen sind eigentlich in Jena entstanden. Die Mosellaner Landsmannschaft dort hat zuerst dergleichen ausgebrütet. Nach und nach haben sie sich an mehreren Orten eingeschlichen, so daß schon 1778 viele deutsche Universitäten von ihnen infiziert waren, besonders Jena, Göttinnen, Halle, Erlangen, Frankfurt a.d. Oder, Gießen, Marburg u.a. Einige Jenenser hatten den Orden der sogenannten Amizisten nach Gießen gebracht, auf französisch »l'ordre de l'amitié« genannt, denn die Devise war: » Amitíé!«, welche durch das Zeichen XX (›vivat Amicitia!‹) angezeigt wurde.

Anfänglich blieb das Ding geheim: nachdem aber die Ritter, ich wollte sagen die Herren Ordensbrüder, inne wurden, daß man in Gießen alles tun durfte, so machten sie ihre Sache publik. Sie trugen auszeichnende Kokarden und litten nicht, daß die »Profanen« dergleichen nachmachten. So nennen Ordensbrüder diejenigen, die keinem Orden angehören. Dem Profanen steht aber, wie jeder weiß, das Heilige entgegen, wofür sich doch die Herren halten müssen! O sancta simplicitas!

Den anderen Studenten gefiel das Ding: sie rotteten sich also zusammen und stifteten der Orden mehrere. Und so entstand der Hessen-Orden, ja sogar der Renommisten-Orden oder der Orden des heiligen Fensters, welcher aber leider, wegen der großen Schiefität, der schiefe Orden und der Läuse-Orden benannt wurde.

So war die Lage der Orden, als ich nach Gießen kam. Ich geriet gleich anfangs in Bekanntschaft mit mehreren Ordensbrüdern, aber doch konnte ich mich nicht entschließen, ihrer Verbindung beizutreten. Ich war einmal versichert, daß ich bei Händeln fremder Hilfe nicht bedurfte; zum andern fing man von seiten der Universität an, auf die Orden aufmerksam zu werden, und drittens mochte ich keine genaue Freundschaft mit einer ganzen Bande aufrichten, von welcher mich viele nach dem Gießener Ausdruck »laxierten«, d.h. mir höchst unausstehlich waren. So blieb ich also vom Orden frei, auf eine Zeitlang nämlich.

Indessen hatten die Pfälzer ein Kränzchen unter sich errichtet, welches herumging und uns viel Vergnügen machte. Wir hatten freilich unsere Gesetze und Statuten, die den Gesetzen der Orden ziemlich nahe kamen: unser Zweck war auch der Zweck aller Orden, nämlich ein gewisses Ansehen auf der Universität zu behaupten. Aber wir waren weder eidlich noch auf sonst eine Art an einander gekettet, und es stand einem jeden frei, uns zu verlassen, sobald es ihm beliebte. Uebrigens herrschte unter uns die größte Freundschaft und Harmonie, und da wir lauter solche zu Mitgliedern hatten, die als honorige Bursche angesehen waren, so wagte es niemand, das Pfälzer-Kränzchen zu beleidigen oder schlecht davon zu sprechen. So blieben die Sachen eine geraume Zeit, bis endlich ich und noch zwei andere aus unserem Kränzchen uns in den Amizisten-Orden aufnehmen ließen.

Hätte ich vor meiner Aufnahme das eigentliche Wesen einer solchen Verbindung gekannt, ich würde wahrlich niemals hineingetreten sein. Das Ding ist ein Gewebe von Kindereien, Absurditäten und Präsumtionen, über welche ein kluger Mann bald unwillig werden muß. Die Gesetze sind alle so elend abgefaßt und so kauderwelsch durcheinander geworfen, daß man Mühe hat, sich aus dem Labyrinth derselben herauszuwinden. Ueberhaupt ist es ein erztoller Gedanke, daß ein Haufen junger Leute eine Gesellschaft stiften wollen, deren Zweck ist, sich ausschließlich das höchste Ansehen zu verschaffen, deren Oberhaupt ein Student ist, welcher eine Gewalt in seinem Orden ausübt, wie weiland der Jesuitengeneral in der Gesellschaft Jesu. So ungern es manche hören werden, muß ich doch die Wahrheit bekennen und gerade heraussagen, daß akademische sogenannte Orden unsinnige Institute sind.

Als ich hineintrat, las man mir die Gesetze vor, welche in gewisse Titel abgeteilt waren, z.B. von Schlägereien, vom Borgen und Bezahlen, vom Fluchen und Zotenreißen. Die Sprache der Gesetze war äußerst legal, d.i. undeutsch und unverständlich. Da die Gesetze nach und nach gemacht sind, so fehlt es ihnen nicht an Widersprüchen, Wiederholungen und ganz unbrauchbaren Vorschriften. Doch das ist ja auch der Fall im Corpus juris und in mancher anderen heiligen und unheiligen Sammlung von Gesetzen.

Ich erinnere mich noch an viele Gesetze des gedachten Ordens, wovon ich einige der vornehmsten mitteilen will.

Der Zweck des Ordens ist, sich auf der Universität Ehre und Ansehen zu verschaffen, d.h. sich in solche Positur zu setzen, daß alle Studenten, ja selbst die Professoren und die Vorgesetzten, sich vor den Herren Ordensbrüdern fürchten möchten.

Daher ist die engste Verbindung nötig. Diese erfordert natürlicherweise, daß kein Mitglied das andere beleidigen darf. Alle Beleidigungen, die vorfallen, müssen vom Senior geschlichtet werden. Ueberhaupt sind viele Gesetze da, welche Freundschaft, Verträglichkeit u.dgl. gebieten. Da aber Freundschaft ein Ding ist, das sich nicht gebieten läßt, so gibt es im Orden immer so viele Disharmonien, daß gewiß stets Schlägerei Mit den Waffen natürlich. P. sein würde, wenn nicht andere prägnante Gründe Ruhe heischten.

Das Oberhaupt des Ordens ist der Senior, welchem die anderen gehorchen müssen. Er hat ihnen zwar nur in Ordenssachen zu befehlen: da sich aber dahin allerlei ziehen läßt, so ist der Senior gleichsam der Herr der Mitglieder, und die Mitglieder sind, wenn er es verlangt, seine gehorsamen Diener. So wird man Sklave, um frei zu sein!

Neben dem Senior ist noch ein Subsenior, der auch etwas zu sagen hat, vorzüglich in Abwesenheit des großen Moguls, ich meine, des Seniors. Dann folgt das fünfte Rad am Wagen – der Herr Sekretär.

Ordnung muß sein; wer also gegen den Senior spricht, ihn schimpft und sich seinen Befehlen freventlich widersetzt, wird ohne alle Gnade, wenn's nämlich der Herr Senior befiehlt, aus dem Orden herausgeschmissen. An Satisfaktion darf er nicht denken.

Die vom Senior angegebene Kontribution muß richtig bezahlt werden. Fügt es sich, daß Ausgaben zu einer Zeit vorfallen, wo nicht alle Glieder bei Gelde sind, so müssen die, welche Geld haben, vorschießen. Das Vorgeschossene muß aber prompt ersetzt werden, unter Strafe der Verbannung aus dem Orden.

Um die Kosten zu bestreiten, muß eine Kasse angelegt werden, welche unter der Aufsicht des Seniors steht, und worüber ordentlich Rechnung geführt werden muß.

Wenn ein Mitglied Händel bekommt, so muß es sich schlagen; doch aus guten Gründen schlägt sich auch der Senior oder ein anderes Mitglied für ihn. Ueberhaupt müssen in diesem Fall die Glieder dafür sorgen, daß sie und nicht ihre Gegner in Avantage D.h. die Beleidiger sind. Vgl. die Anmerkung zu Desavantage, S. 57. P. sind. Lieber eine Niederträchtigkeit begangen, lieber sich à la mode der Gassenjungen herumgebalgt, als den Vorteil und die Ehre der Avantage aus den Händen gelassen!

Bei den Zusammenkünften muß der, an dem die Reihe ist, rechtschaffen aufwichsen. Geht aber die Zeche auf gemeinschaftliche Kosten, so zahlt jeder seinen Anteil, außer dem Senior, der immer frei ist, weil er der Herr ist.

Eine Klugheitsregel befahl, keine arme Verwachsene, Mutlose u.dgl. aufzunehmen. Der Orden hätte von diesen Menschenkindern keinen Vorteil und nichts als Kosten, Schande und Verdruß. So soldatisch-amikabel dachten die Amizisten!

Und von dieser Art waren die Regeln oder die Gesetze des wohllöblichen Ordens der Herren Amizisten! Ihre Anzahl ließe sich noch stark vermehren, wenn ich nicht befürchten müßte, meinen Lesern zur Last zu fallen. Einige ihrer Gesetze waren aber doch gut: z.B. daß die Mitglieder fleißig sein, die Kollegien nicht versäumen, nicht fluchen oder Zoten reißen sollten u.dgl. Allein diese Vorschriften wurden nicht befolgt, vielmehr wurde in unseren Zusammenkünften geflucht und zotologiert, wie auf keiner Hauptwache. Die meisten anderen Gesetze waren äußerst unsinnig und läppisch, z.B. die über die Aufnahme, über das Zeichen, wodurch ein Glied sich dem anderen entdecken konnte, über die Art, sich zu grüßen, über das Einzeichnen in den Stammbüchern usw. Herr Professor Isenflamm in Erlangen hat, wenn ich nicht irre 1780, auf der dortigen Universität den Amizistenorden zerstört und ihre Gesetze drucken lassen.

Ich habe hernach mehrere akademische Orden kennen gelernt, und alle kamen in der Hauptsache mit einander überein: nur daß jeder seine besonderen Geheimnisse, d.h. seine besonderen Zeichen und andere Alfanzereien vorgibt. In Halle gab es einmal einen Orden der Inviolabilisten und einen anderen der Desperatisten. Wer dergleichen Namen hört, sollte meinen, das wären gewisse Sekten oder Ketzereien wie die Interimisten, Adiaphoristen, Antinomisten usw.

Obgleich der Hauptzweck der Orden, vorzüglich nach einer neueren Einrichtung bei einigen auf eine unzertrennliche Freundschaft und gegenseitige Beförderung hinauslaufen soll, so ist doch das Ding zuletzt lauter Wind oder kindische Spekulation. Auf der Universität hindert oder verdirbt einer den anderen, und hernach verabscheuen sie sich oft um so mehr, je mehr sie an Reife zunehmen und nun den Nachteil einsehen, der aus dieser Spiegelfechterei für sie entstanden ist. Herr Clemens in Hersfeld wollte mich vor fünf Jahren gar nicht mehr kennen, und doch war ich lange sein Ordensbruder gewesen und hatte mich sogar einmal für ihn, oder doch wegen seiner, herumgebalgt.

Die übrigen Zwecke werden auch sehr selten erreicht. Ich habe selten gesehen, daß ein Ordensbruder vor anderen Profanen einen Vorzug gehabt hätte. Es geht ihnen wie allen hochmütigen Schwächlingen, die ihren Wert nicht von sich, sondern von anderen hernehmen wollen. Und dies gilt vom Innern wie vom Aeußern. Mir sind Fälle bekannt, wo Ordensbrüder von sogenannten Profanen verachtet, derb ausgeprügelt und hernach mit Schande bestanden sind.

Für manchen Professor, Sprachmeister, Stiefelwichser, Schneider, Pferdeverleiher, Feldscherer, Gastwirt und Haarkräusler haben die Orden allerdings Vorteile. Diese guten Leute – zumal die größten Pfuscher darunter – stecken sich hinter angesehene Mitglieder derselben, und nun werden alle übrigen ihre Kunden. Die Beispiele sind freilich verhaßt!

Es ist wohl nicht zu hoffen, daß die Orden auf Universitäten durch die Kraft der Gesetze werden vertilgt werden. Es sind immer einige angesehene und reiche junge Leute in denselben, und diese haben Anhang. Nun mag das Kuratorium oder der Landesherr noch so scharfe Edikte wider sie ergehen lassen, man stellt wohl Untersuchungen an, aber diese endigen sich mit Geldstrafen, und der Orden wird stärker als zuvor. Auch hiervon hat man Beispiele die Menge.

Aber da doch der Schaden, welchen die Orden unter jungen Leuten stiften, unermeßlich ist: da diese Verbindungen die Jünglinge von Fleiß und Subordination abbringen, da sie ihnen aufwiegelnde Grundsätze von Ehr' und Schande einflößen, dadurch sie einen Stand im Staate bilden lehren, unverträglicher machen, und so gleichsam ein bellum omnium contra omnes unterhalten; da sie sich einander auf Abwege führen, in Gefahren stürzen und schändlich ums Geld prellen, und dabei auch nicht den geringsten wahren Nutzen aufweisen können, so wäre es durchaus der Mühe wert, ein Mittel auszusinnen, wie diese Art von Verbindungen könnte gestört werden. Gesetze, Verbote, Strafen, Karzer und Relegation enthalten dies Mittel nicht; noch weniger die so häufig angewandten Geldstrafen, das hat die Erfahrung gelehrt.

Doch genug von den Orden!

 

Die Universität Marburg habe ich einige Male besucht und da sowohl den Burschenkomment als auch einige Gelehrte kennen gelernt. Die Universität war damals sehr schwach; sie hatte kaum 180 Studenten, deren Komment elend genug war, nämlich burschikos zu reden. Die Studenten waren meist Landeskinder, und man hielt sie in gar strenger Zucht.

Als ich von Gießen aus da war, machten die Marburger Studenten eine Figur, wie ungefähr die Schüler auf dem Hallischen Waisenhaus. Sie waren den Gießenern nur darin ähnlich, daß sie derb Bier trinken und schnapsen konnten. In Kleidern gingen sie etwas galanter als die Gießener, dafür wußten sie aber auch keinen Komment. Wir kommersierten einst – versteht sich ein Schwarm Gießener – in einem Gasthaus zu Marburg. Einige Marburger sahen uns zu, wurden aber nicht zum Mitmachen eingeladen. Wir sangen aus dem erbaulichen Liede: »Ça donc, ça donc« folgende Verse sehr oft zur Erbauung der Herren Marburger:

:,: Rien, rien, :,:
So spricht der dumme Teufel,
Der noch nicht den Komment versteht.
Seht doch den dummen Marburger an,
Der noch nicht kommersieren kann!

:,: Courage, Courage, :,:
So spricht der Gießner Bursche,
Der da recht den Komment versteht.
Seht doch den Gießner Burschen an,
Wie er brav kommersieren kann!

Die Marburger hatten nicht das Herz, uns etwas übel zu nehmen: vielleicht waren sie zu klug dazu. Als wir sie fragten, wie ihnen unser Kommers gefallen hätte, und sie mit einem: »Sehr schön!« antworteten, sagte Bruder Henrici:

»Ja, ihr müßt auch wissen, ihr Marburger, daß die Gießener den Komment auch recht verstehen. Das sind ganz andere Kerls als ihr! Schwerenot, zu uns müßt ihr kommen! Ein Fuchs bei uns weiß mehr Komment als eure ganze Universität. Gott straf mich, das ist wahr!«

Die Herren Marburger lächelten und gingen ihrer Straße. Sie waren klüger als wir.

 

Das erste Jahr hatte mein Wechsel hübsch zugereicht, und ich war um Ostern 1776 keinen Pfennig schuldig. Ich hatte zwar lustig gelebt, doch hatte ich meine Oekonomie so eingerichtet, daß ich mit meinem Bestimmten auskam. Auch hatte ich mir einige gute Bücher angeschafft; meine Mutter gab das Geld dazu her und bezahlte mir auch den italienischen Sprachmeister.

Auf Ostern zog ich wieder nach Hause, meine Eltern zu besuchen und beiher auch Thereschen zu sehen. Freilich sehnte ich nach ihr mich nicht mehr so sehr als vorhin.

Mein Vater wollte jetzt durchaus, daß ich einmal predigen sollte; ich lernte also eine Predigt auswendig, denn selbst konnte ich noch keine machen, hatte auch nicht Lust dazu, und hielt sie mit vieler Dreistigkeit in Mörsfeld vor Bergknappen und Bauern. Mein Vater hatte mir vor der Kirche zugehört, ohne daß ich es wußte, und war hernach ganz entzückt über meine Eleganz; nur meinte er, ich müßte künftig meine Predigten hübsch selbst ausarbeiten und mich ja nicht, wie sonst die Herren, aufs Reiten legen. In der Folge habe ich zwar manche Predigt selbst gemacht, die meisten aber schrieb ich ab und hielt sie. Ich glaubte das nämliche Recht zu haben, was ein Professor der Geschichte hat, welcher wörtlich abschreibt und hernach seinen Herren Zuhörern das Zeug dahinkanzelt.

Meine Therese bekam ich diesmal nicht zu sehen: sie war in Mannheim, und mir war die Lust vergangen, mich einem Wischer von meinem Vater dadurch auszusetzen, daß ich dahin hätte fahren mögen. Beiher hatte ich auch ein anderes Mädchen kennen gelernt, welches mir meinen Aufenthalt zu Hause ziemlich angenehm machte. Verliebt in sie bin ich wahrlich nicht gewesen, bin auch seit Theresens Zeiten es in keine mehr geworden, hab' gar hernach über die verliebten Torheiten oft weidlich gelacht. Doch hatt' ich so mein Behagen an hübschen Gesichtern, aber auch bloß an Gesichtern, d.i. am Körperlichen, denn für die Seele des Weibes hab ich von jeher blutwenig Respekt gehabt. Es sind, so nach meiner Meinung – die ich aber niemandem aufdringen will – eitle, eingebildete, abergläubische, neidische Dinger, die gern wollen brillieren, die sich bloß am Schein belustigen, in Kleinigkeiten Kabalen spielen, sich durch Nachäffung formen, keinen Charakter haben, Gottes- und Pfaffengunst durch geistliche Koketterie zu erschleichen suchen, und wie's Wetter im April bald gut und sanft, bald stürmisch und tigermäßig grausam sind. –

Das ist so mein Glaubensbekenntnis vom lieben Frauenzimmer, wozu ich mir die Gründe aus der Erfahrung abstrahiert habe. Ich habe sie gesehen in vornehmen Zirkeln und in Puffkellern; sie waren aber da wie dort: immer gleiche Gesinnungen, nur bestand der Unterschied in einigen Schattierungen, welche gröber und feiner sind und die Frauenzimmer von Qualität von denen ohne Qualität unterscheiden. Ja, meine liebe Dame, daß es auch hierbei Ausnahmen gebe, weiß ich; daß aber diese selten sind, weiß ich ebensogut, als daß Sie sich zu diesen Ausnahmen rechnen werden oder mein Buch mit Verachtung hinwerfen. Der größte Teil von Ihnen ist nun so!

Das Mädchen, von dem ich zuvor redete, hieß Lorchen und war die Tochter eines ehrlichen Pfarrers, der in der Folge mein bester Freund geworden ist. Wenn ich nicht das Unglück gehabt hätte, welches ich weiterhin berichten werde, so wäre ich längst Pfaffe und Lorchen wäre meine Frau geworden. Aber so wollte mein Mißgeschick das nicht. Und wenn ich's so recht bedenke, ärgere ich mich auch darüber nicht. Wer weiß, wie unglücklich ich mich mit meiner Familie noch gemacht hätte. Zum Pfaffen war ich verdorben und würde gewiß über kurz oder lang wegen Ketzerei kassiert worden sein. Wenn ich also im Unglück bin – und ich bin meiner Meinung und meiner Empfindung zufolge nicht ganz darin –, so bin ich allein darin.

Ich habe bei meiner Biographie gar den Zweck nicht, dem Leser eine mitleidige Träne abzulocken und dem Publikum so was vorzuwinseln: nein, meine Begebenheiten sollen nur den Beweis erneuern: daß man bei sehr guter Anlage und recht gutem Herzen ein kreuzliederlicher Kerl werden und sein ganzes Glück ruinieren kann. Da wird nun vielleicht mancher, der das liest, vorsichtiger in der Welt handeln, damit er nicht auch anrenne, wie ich angerennet bin.

Der Pastor Neuner besuchte uns fleißig in Wendelsheim, und da ich mehrmals Gelegenheit hatte, mit ihm allein zu sprechen, so ermangelte er nicht, mir vorzustellen, daß es bald Zeit wäre, das große Vorhaben des Katholischwerdens auszuführen. Er erschrak aber nicht wenig, als er hörte, daß ich den Lehren, welche ich sonst für gewiß zu halten schien, jetzt geradezu widersprach und mit Gründen dawider disputierte. Ich hatte nämlich inzwischen außer den Jesuitenschriften auch andere Bücher gelesen und war dadurch in den Stand gesetzt worden, den katholischen Kirchenplunder etwas richtiger zu beurteilen.

Ich fand damals Wohlgefallen an dergleichen Kontroversen und disputierte gern: hernach aber, als ich in Absicht der ganzen heiligen Religion andere Gedanken bekam, verlor ich auch die Lust, dogmatische Kontroversbücher zu lesen: doch haben mir die Histörchen dieser Katzbalgereien immer gefallen und gefallen mir noch.

Mein Pastor Neuner richtete also nichts bei mir aus und gab schon die Hoffnung halb auf, daß ich mich jemals bekehren würde. Freilich stellte er mir vor, daß ich nun ein haereticus formalis wäre, und wenn ich stürbe, schlechterdings, ohne allen Pardon, Schibes, d.i. verloren gehen müßte.

 

Im Frühling 1776 kam der Bruder des regierenden Herzogs von Württemberg durch Gießen, mit seiner Tochter, Prinzessin Dorothea, die der Großfürst, spätere Zar Paul von Rußland, in zweiter Ehe heiratete. P. die für den russischen Großfürsten zur Gemahlin bestimmt war. Der Herzog logierte über Nacht im Posthause. Die Studenten wußten das vorher und machten Anstalten zu einer Serenade, so gut man dergleichen in Gießen haben kann. Die Gießener Hautboisten, die sich freilich wenig über gemeine Bierfiedler erheben, wurden in Beschlag genommen, und damit alles recht feierlich herginge, wurden Pechfackeln bestellt, für jeden ein Paar. Der Rektor wußte um alles und ließ uns machen bis an den Tag, für den die Serenade bestimmt war. Da erschien plötzlich nachmittags ein Edikt am schwarzen Brett, worin den Studenten durchaus verboten wurde, der Prinzessin von Württemberg Musik zu bringen; sonst möchten sie Musik bringen, wem sie wollten, man wolle ihnen ihre Gerechtsame nicht schmälern.

Die Studenten lasen den Anschlag; viele gerieten darüber in Furcht, weil Rektor Ouvrier dabei gesetzt hatte: » sub poena relegationis in perpetuum«; »Bei Strafe von Relegation für immer«, um das schlechte Latein durch schlechtes Deutsch wiederzugeben. Meinen Lesern, die nicht auf Universitäten waren, muß ich sagen, daß das akademisches Latein ist. Freilich steht's so nicht im Cicero. L. allein die Entrepreneurs der Serenade, Herr Lang aus dem Nassauischen und Herr Bohy aus Mümpelgard, setzten auf dem Billard, wo eine Zusammenkunft war, fest, daß das infame Hundsfötter, Drastika und Laxierpillen sein sollten, die sich an des Röckels Befehle kehren würden; wer ein rechtschaffener honoriger Bursch wäre, käme auf den Abend, das Trifolium, den Rektor und die verfluchten Pedelle Möser und Stein tief zu perieren! – Das war das Konklusum, welchem streng nachgelebt wurde. Ich selbst hatte viel zu läppische Begriffe von akademischer Freiheit, als daß ich diese Gelegenheit nicht hätte ergreifen sollen, mich zu zeigen, und übernahm eine Adjutantenstelle. Gegen Abend versammelten sich alle Bursche auf dem Kirchenplatz, und nach acht Uhr warteten wir dem Herzog mit der Serenade auf. Er schien mit dieser Achtung gegen ihn außerordentlich zufrieden zu sein und dankte neben der Prinzessin sehr höflich. Auch ließ er im Posthause so viel Wein auftischen, als uns zu trinken beliebte. Da die meisten ohnehin schon beinahe zu viel hatten, so kam es jetzt dahin, daß der ganze Haufen sehr bezecht wieder abzog.

Auf dem Kirchenplatz wurden die übrigen Fackeln und Fackelstummeln verbrannt, der akademischen Freiheit ein Vivat und den Unterdrückern derselben ein helles Pereat geschrien. Sofort wurde das schwarze Brett, woran das Edikt geheftet war, herabgerissen, in Stücke zerschlagen und ins Fackelfeuer geworfen. Das war nun das völlige Signal zum Tumulte. Die ganze Nacht ging der Spektakel nach Pandurenart fort bis an den hellen Tag. Der arme Eulerkapper mußte schrecklich herhalten, dem Schuster Wannich wurde das Haus gestürmt und alle Fenster eingeschmissen. Das war ein sogenannter Pietist oder Separatist, der immer betete, aber auch jedes Jahr wenigstens ein Kind, jedoch nicht mit seiner Frau, fabrizierte. Die Studenten züchtigten ihn aber auch dafür ganz separat. Auch dem Rektor erscholl manches wilde Pereat.

Damit hatten wir aber noch nicht genug; wir wollten Entschuldigung vom Rektor haben, und um das durchzusetzen, verließen wir allesamt die Stadt und quartierten uns auf den Dörfern ein. Keine zehn Studenten blieben in Gießen.

Kanzler Koch konnte den Rektor Ouvrier ohnehin nicht leiden und setzte es durch, daß dieser, zu unserer Genugtuung, seine Würde niederlegte. So endete dieser Froschmäusekrieg.


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