Artur Landsberger
Mensch und Richter
Artur Landsberger

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XXXIV.

Da Frau Elsa bei den Vernehmungen während der Voruntersuchung jede Frage mit den Worten beantwortet hatte:

»Ich kann es Ihnen nicht sagen – aber ich weiß, daß mein Junge es nicht getan hat« – so hatte die Staatsanwaltschaft keinen Wert auf ihr Erscheinen in der Hauptverhandlung gelegt. Aber auch die Verteidigung hatte auf sie verzichtet, obschon sie als Entlastungszeugin für den Angeklagten nicht ganz ohne Bedeutung war. Denn, wenn sie sich auch zur Tat nicht hätte äußern können, so blieb eine Mutter, die so überzeugt für den Leumund ihres Sohnes eintrat, doch niemals ohne Wirkung. Aber Rechtsanwalt Dr. Bloch hielt sie fern – aus Gründen, die Hilde durchschaute. Da man eine Mutter selbst durch eidesstattliche Versicherungen nicht mundtot machte, so mußte er fürchten, daß sie im Kreuzverhör Aussagen machte, die zur Katastrophe für am Prozeß Beteiligte und Unbeteiligte werden konnte.

Und sonderbar! Frau Elsa hatte sich nicht darum gerissen, als Zeugin aufzutreten. Man hatte sie während der Voruntersuchung mürbe gemacht. Als sie, statt sich zur Anklage zu äußern, immer wieder sagte: »Ich kann es Ihnen nicht sagen – aber ich weiß, daß mein Sohn es nicht getan hat« – hatte der Untersuchungsrichter, so rücksichtsvoll er sonst mit ihr verfuhr, erwidert:

»So ungeschickt hat noch keine Mutter ihren Sohn verteidigt.«

Das hatte sie scheu gemacht – und sie hatte aufgeatmet, als sie erfuhr, daß man auf ihr Erscheinen in der Hauptverhandlung keinen Wert legte.

Allmählich hatte sie sich immer mehr in die Vorstellung hineingeredet, daß sie die eigentlich Schuldige sei. Nie, sagte sie sich, wäre Richard, der arme Junge, in diese Situation geraten, wenn er bei seinen Eltern aufgewachsen wäre.

Zu diesem Schuldbewußtsein gesellte sich weniger die Angst vor den Folgen ihrer falschen eidesstattlichen Versicherung, die sie unter Zwang abgegeben hatte – als die Überzeugung, daß sie sich damit der Möglichkeit begeben hatte, das Unrecht jemals aus der Welt zu schaffen. Niemand würde ihr nach diesem Eid mehr glauben.

Als die Mamsell von Gugenzeils sie am Tage der Hauptverhandlung besuchte, um ihr über die schrecklichen Stunden hinwegzuhelfen, glaubte Frau Elsa angesichts dieses charaktervollen Menschen endlich die Möglichkeit zu haben, sich zu erleichtern. Aber sie hatte kaum begonnen und unter Tränen gebeichtet, daß sie in einer eidesstattlichen Versicherung ihr Kind abgeschworen habe, als die Mamsell empfindlich erwiderte:

»Fangen Sie schon wieder an mit dem Unsinn? Ich will Ihnen mal was sagen, Frau Krüger! Sie leiden entweder an Größenwahn oder an einer fixen Idee.«

»Ich schwöre Ihnen . . .«

»Sie schwören falsch!«

»Ich habe falsch geschworen.«

»Sie bringen sich noch ins Zuchthaus.«

»Unter uns, Mamsell: Ich gehöre hinein.«

»Dann will ich mit Ihnen nichts zu tun haben«, hatte darauf die Mamsell gesagt und Frau Elsa den Rücken gekehrt.

Das war am Tage der Hauptverhandlung.

 


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