Artur Landsberger
Mensch und Richter
Artur Landsberger

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VI.

Von nun an ging bei Gugenzeils und bei Frau Elsa alles so, wie es bei reichen Leuten und bei einer alleinstehenden Friseuse mit Kind zu gehen pflegt. Der liebe Gott sorgt schon dafür, daß es keinem zu leicht gemacht wird. Was Frau Elsa sich und ihrem Sohne ihrer bescheidenen Verhältnisse wegen versagen mußte, bedrückte weder ihr Gemüt noch das ihres Kindes. Weit mehr setzte der Trieb, aus einer Million zwei, aus zwei Millionen drei zu machen, dem Fabrikanten Gugenzeil zu. Und Frau Kaete verursachten ihr gesellschaftlicher Ehrgeiz und die Angst, alt zu werden, größere Beschwerden als der Friseuse das Entsagen auf scheinbar Notwendigstes. Denn, indem sie sich jeden Monat ein paar Mark vom Munde absparte, um ihrem musikalisch veranlagten Sohn später einmal einen guten Unterricht ermöglichen zu können, genoß sie Wonnen, in Vergleich zu denen die Freude gering war, die Frau Kaete an all dem Luxus hatte, den sie sich leistete und leisten durfte.

Es war daher schon etwas Wahres dran, wenn Frau Gugenzeil eines Tages zu Elsa Krüger, die ihr wie jeden Morgen, das Haar frisierte, sagte:

»Ich bin nie so vergnügt wie die Viertelstunde, wenn Sie hier sind.«

»Gnädige Frau haben zuviel gesellschaftliche Pflichten und daher zuwenig Zeit, vergnügt zu sein.«

»Mag sein. – Also erzählen Sie! – Wie hat sich Ihr Junge angestellt?«

»Der Lehrer hat zu ihm gesagt: Richard, aus dir mache ich den europäischen Al Jolson.«

»Stolz können Sie sein, so ein Kind zu haben.«

»Ihre Hilde hat ja doch auch eine hübsche Stimme.«

»Haben Sie sie gehört?«

»Wenn ich das einmal dürfte.«

Frau Kaete rief die Zofe:

»Hilde soll mal hereinkommen.«

»Ich glaube, sie mag mich nicht.«

»Wie kommen Sie auf den Gedanken? Das Kind ist doch so zutraulich.«

»Die Kinder anderer Damen, die ich frisiere, sehe ich immer. – Ihre Hilde nie.«

Die Tür ging auf, und die Kinderfrau mit der achtjährigen Hilde trat ins Zimmer. Frau Elsa fuhr zusammen, die Brennschere glitt ihr aus der Hand – sie schien ganz zu vergessen, wo sie war – sie bückte sich, breitete die Arme aus und rief:

»Mein Kind! – Komm, mein geliebtes Kind!«

Und Hilde lief, obschon die Kinderfrau sie zu halten suchte, auf Frau Elsa zu, streckte beide Patschchen nach ihr aus und sagte:

»Tante Friseuse, mach mir auch so 'ne Ondulation wie Mutti.«

Frau Elsa schloß das Kind in die Arme, drückte und küßte es, obschon Frau Kaete sagte:

»Aber – das ist ja nicht nötig.«

Und da Frau Elsa keine Anstalten machte, das Kind freizugeben, so sagte sie kühl und bestimmt:

»Wollen Sie mich nicht zu Ende frisieren?«

Frau Elsa ließ Hilde los.

»Du hast mich aber tüchtig gedrückt, Tante! – Und das schöne Kleid, sieh nur, Mutti, wie sie es zerknautscht hat.«

»Geh, mein Kind!« sagte Frau Kaete und gab der Kinderfrau ein Zeichen. Die nahm Hilde bei der Hand und ging mit ihr hinaus.

Frau Elsa fand schwer zu sich und ihrer Tätigkeit zurück.

»Ich liebe Kinder so«, sagte sie. – »Verzeihen Sie, wenn ich mich nicht zurückgehalten habe.«

Sie hob die Schere auf und begann wieder zu arbeiten.

»Ich liebe es nicht, daß man das Kind küßt«, erwiderte Frau Kaete. »Nicht einmal meine Freundinnen dürfen es. Außerdem ist es unhygienisch.«

»Ich verstehe das. – Sie entschuldigen. – Ich weiß selbst nicht, wie ich dazu kam.«

»Was machen Sie denn? Seit wann trage ich auf der Stirn ein Pony?«

»Oh, Verzeihung! Ich war in Gedanken.«

»Lassen Sie nur! Ich frisiere mich schon allein zu Ende.«

»Aber, gnädige Frau.«

»Sie haben mich nervös gemacht.« – Sie war aufgestanden und führte das Gesicht ganz nahe an den Spiegel heran. »Ich weiß gar nicht, diese Löckchen am Ohr . . .«

»Aber die haben gnädige Frau doch immer getragen.«

»Möglich! Aber sie gefallen mir nicht – oder nicht mehr. Eine Friseuse muß Versuche machen – nicht immer dasselbe – das langweilt –« Sie schob sich eine Locke in die Stirn – »so zum Beispiel – das ist apart.«

»Aber das hatte ich doch eben . . .«

»Versehentlich – und sie haben es auch gleich wieder weggebracht. Ich verlange von einer Friseuse, daß sie sich mit meinem Gesicht beschäftigt – nicht nur in der Viertelstunde, die sie bei mir ist – auch zu Haus.«

»Ich bin sehr traurig, daß Sie unzufrieden mit mir sind.«

»Jedenfalls werde ich mich von heute ab selbst frisieren.«

»Bitte, bitte, versuchen Sie es noch mal. Ich will mir wirklich alle Mühe geben.«

»Ich verlange individuelle Behandlung –, aber Sie bedienen zuviel Damen –, da können Sie natürlich nicht für jede einzelne Interesse haben.«

»Ich will ein Dutzend Damen aufgeben, wenn ich nur Sie behalten darf.«

»Ich will Sie nicht schädigen.«

»Gnädige Frau brauchen deshalb nicht mehr zu zahlen.«

»Oh bitte!«

»Ich würde sogar auch im Preise nachlassen, wenn Sie mich behalten.«

»Glauben Sie, die paar Groschen spielen bei uns eine Rolle? Wie kommen Sie überhaupt dazu, mir so etwas anzubieten?«

»Ich wollte Sie nicht beleidigen, gnädige Frau.«

»Das können Sie gar nicht. – Also bitte, gehen Sie! Sie fallen mir auf die Nerven.«

Frau Elsa beugte den Kopf und ging. Als sie auf dem Flur war, klang ihr das Lachen ihres Kindes entgegen. Sie stand noch eine ganze Weile und horchte. Sie hat es gut, dachte sie –, und ist glücklich. Dann nahm sie Hut und Mantel vom Riegel und ging.

Frau Kaete aber stand noch lange vor dem Spiegel und mühte sich mit ihrem Haar ab.

»Daß diese Art von Menschen nicht vertragen kann, wenn man gut zu ihnen ist. Gleich werden sie familiär. Als ob es mir einfiele, ihren Sohn so abzulabbern. – Das heißt, wenn er wirklich ein Al Jolson wird! Caruso war auch von niederer Herkunft. Und als er berühmt wurde, haben sich Fürsten um den Verkehr mit ihm gerissen.« – Sie war nachdenklich. »Man könnte Mäzen spielen und hätte eine Attraktion für den Salon.« Sie machte mit der Hand eine Bewegung, als wollte sie den unbequemen Gedanken verscheuchen. »Unsinn!« entschied sie. »So etwas sagt jeder Lehrer, um den Unterricht nicht zu verlieren. Aus mir wollte der Zeichenlehrer, als ich elf Jahre alt war, einen Raffael machen. Nur, um meine Eltern zu veranlassen, daß er mir Unterricht gab. Als ich dann nach drei Jahren meine Mutter zeichnete und das Bild meinem Vater zum Geburtstag schenkte, nahm er mich freudestrahlend in die Arme und rief: »Mein Wunderkind! Mein Raffaelchen! Wie oft hat dir denn der Großpapa dafür sitzen müssen?« – Das hat mich geheilt. Und genau so wird es mit der Elsa Krüger ihrem Wunderknaben auch sein.«

Sie rief das Kinderfräulein und trug ihm auf:

»Wenn sie dieser Person begegnen und haben die Hilde mit –, dann gehen Sie auf die andere Seite! Ich habe nichts gegen sie. Aber so eine Friseuse wühlt den ganzen Tag über in fremden Haaren herum. Ich will nicht, daß mein Kind infiziert wird.«

 


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