Artur Landsberger
Mensch und Richter
Artur Landsberger

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IX.

Während der nächsten Jahre ereignete sich nichts, was für das Verhältnis zwischen Hilde und Richard von Bedeutung gewesen wäre. Frau Kaete sorgte dafür, daß sie sich nicht zu sehen bekamen. »Denn« – so sagte sie zu ihrem Mann – »heutzutage ist alles möglich.«

»Was willst du damit sagen?«

»Daß sie zusammen ausreißen – mit irgendeinem Wanderzirkus oder was weiß ich – in jedem Kind steckt Romantik – ich weiß es von mir selbst – und in einem Künstler schon gar.«

»Bist du etwa als Kind mit einem Wanderzirkus . . .«

»Ich hatte keine Gelegenheit – aber wenn ich sie gehabt hätte, ich glaube, ich hätte sie genutzt.«

»Kaete, in dir schlummern ja Kräfte, von denen ich nie etwas geahnt habe.«

»Hast du dir je die Mühe gegeben, sie zu wecken?«

»Habe ich je Zeit dazu gehabt?«

»Du hast dich um manchen Genuß gebracht.«

»Und du glaubst, mit unserer Hilde ist es ebenso? Dann freilich müssen wir acht auf sie geben. Denn wir haben nur die eine.«

»Meine Schuld ist das nicht.« –

Das Kinderfräulein, das bis zu Hildes vierzehntem Jahr bei Gugenzeils blieb, wurde von Frau Kaete informiert:

»Ich habe Künstlerblut in mir«, sagte sie – »und Hilde hat es von mir geerbt. Damit kein Unglück passiert, sorgen Sie dafür, daß sie nicht mit Künstlern zusammenkommt. Aber auch nicht mit diesem Friseursohn – Krüger heißt er ja wohl?«

»Die Kinder sind sehr befreundet miteinander.«

»Wie? Hinter meinem Rücken freunden sie sich an? Und Sie dulden das? Haben Sie sich noch nie gesagt, daß das kein Umgang für meine Tochter ist?«

»Er ist ein Künstler.«

»Und seine Mutter Friseuse. – Im übrigen habe ich mich nach ihm erkundigt. Es war ja möglich, daß in ihm ein Rubinstein oder Lehár steckt. In diesem Falle hätte ich über die Friseuse hinweggesehen.«

»Es steckt also kein . . . .?«

»Ein guter Musikant und vielversprechender Jazzsänger, hat mir sein Lehrer gesagt. Mehr nicht. Für eine Hilde Gugenzeil aber käme nur ein Don Yovanni oder Caruso in Frage.«

»Wer denkt denn gleich ans Heiraten?«

»Ich. Denn wenn sie sich erst verplempert, kommt sie für die Ehe nicht mehr in Frage. Wenigstens nicht in den Kreisen, mit denen ich rechne.« –

Das Kinderfräulein kam mit ihrem Gewissen in Konflikt. Darauf, daß ein ernster Sinn in den Begegnungen der beiden Kinder liegen könne, war sie nie gekommen. Auch wenn sie nicht regelmäßig dabei gewesen wäre, hätte sie nie an eine solche Möglichkeit gedacht. Aber Frau Gugenzeil mochte schon recht haben. Sah es auch harmlos aus – und es war bestimmt bis heute auch harmlos –, wer weiß, wie es sich, waren sie beide erst reif, weiterentwickelte. Also sagte sie, als sie nachmittags mit Hilde die Tiergartenstraße entlang ging, und, wie fast täglich, an der Bellevueallee mit Richard Krüger zusammentraf:

»Liebe Kinder . . . .«

»Ich bin doch kein Kind mehr«, fiel ihr Hilde ins Wort – und Richard fügte hinzu:

»So wenig wie ich.«

»Um so schlimmer«, sagte das Kinderfräulein hart – »und um so notwendiger, daß diese Begegnungen ein für allemal ein Ende nehmen.«

»Was ist denn in dich gefahren?« fragte Hilde.

»Du bist jetzt dreizehn Jahre.«

»Richard auch. Das paßt doch großartig zusammen.«

»Es paßt eben nicht.«

»Ja, wieso denn nicht?« fragte Richard.

»Weil die einzige Tochter eines angesehenen Millionärs nicht den Sohn einer Friseuse heiraten kann – noch dazu, wenn er Musikant ist.«

Die beiden Kinder sperrten Mund und Augen weit auf und sahen sich an. Mit ganz anderen Augen, als sie sich bisher betrachtet hatten.

»Ja, ans Heiraten haben wir ja noch gar nicht gedacht«, sagte Richard.

»Ich schon«, erwiderte Hilde.

»Du?« fragte er erstaunt.

»Ja«, gab sie zur Antwort. »Eine Frau denkt eben an alles.«

»Und du findest, daß wir zusammenpassen??«

»Als Menschen schon. Denn du bist ein netter Kerl – und begabt bist du auch. Einfach zum Liebhaben.«

»Nun also.«

»Aber, ob es für eine Ehe reicht? Wo du doch so empfindlich bist.«

»Ich – bin empfindlich?«

»Ich möchte ja mal sehen, wenn Gäste bei uns sind und Mama sagt, dazu können wir aber Richards Mutter nicht einladen – was du dann sagst.«

»Weshalb sollt ihr denn das nicht können?«

»Ich könnte es schon. Aber Mama ist so komisch. Sie hat schon Angst, einen Bankdirektor mit einer Frau Herpich zu Tisch gehen zu lassen, weil ihr Mann ein offenes Geschäft hat. Wem soll sie da eine Friseuse zu Tisch geben?«

»Ach so!!« rief Richard laut und empfand mehr die Kränkung, als daß er sie verstand. »Freilich! wenn das so ist, dann passen wir schlecht zusammen.« – Er zog den Hut, sagte: »Lebe wohl!« und ging eilig davon.

»Richard!« rief ihm Hilde nach. »Es geht doch auch so.« – Aber das Kinderfräulein, das bisher schweigend und erstaunt dabeigestanden hatte, nahm Hilde unter den Arm und sagte:

»Komm! Es ist ganz gut so – für euch beide.«

»Wieso – für ihn?« fragte Hilde.

»Weil es doch nur zu Konflikten geführt hätte.«

»Das kann sein – aber ich habe ihn doch . . .« das »so lieb« ging in Tränen unter.

Von diesem Tage an sahen sich Hilde und Richard nicht mehr.

 


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