Artur Landsberger
Mensch und Richter
Artur Landsberger

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XXXIII.

Während dieser dreißig Minuten spielte sich folgendes ab.

Aga Tramm hatte nach ihrer Begegnung mit Hilde Gugenzeil keine ruhige Stunde mehr. Sie erhielt fast täglich einen Brief von Hilde, in dem die flehentlich bat, nicht das Leben zweier Menschen auf ihr Gewissen zu laden. Sie beantwortete diese Briefe höflich und zeigte Teilnahme, die bestimmt echt war. In der Sache selbst aber erklärte sie, da ihr ihr Leben lieb sei, nichts tun zu können. Hilde hatte keine Mühe und kein Geld gescheut, um hinter das Geheimnis zu kommen. Mit großer Vorsicht war sie dabei vorgegangen und hatte sich dem jungen Pariser anvertraut, der – obschon er selbst Zuneigung zu Hilde gefaßt hatte – alles daran setzte, ihr zu helfen. Er nahm die Freundschaft mit Aga Tramm, die einst kurze Zeit bestanden hatte, wieder auf. Aber er war nicht gerissen genug, um ihr das Geheimnis zu entlocken. Zwar erhielt er Tips von Hilde – oft sogar in Telegrammen, die lang und ausführlich waren –, aber Aga war auf der Hut und sagte, wenn er ungestümer als gewöhnlich in sie drang:

»Diese Hilde scheint dir ja wieder gut eingeheizt zu haben.«

Das einzige, was er herausbekam, war, daß Aga Tramm alle vierzehn Tage einmal verschwieg, wo sie die Nacht verbrachte – und daß sie nach dieser Nacht vierundzwanzig Stunden lang wie tot in ihrem Bett lag.

Der junge Pariser verschaffte sich Einlaß in alle Lasterhöhlen von Paris. Es gab keinen noch so verborgenen Ort, an dem man sich im geheimen Rauschgiften hingab, den er nicht ausfindig machte und nach Aga Tramm absuchte. Es gab keine noch so gefährliche Verbrecherkaschemme, in der er nicht Geld springen ließ, um Aga aufzustöbern. Noch einen Tag vor der Hauptverhandlung telegraphierte er der ihn immer dringender bestürmenden Hilde:

»Ich habe wirklich nichts unversucht gelassen und bin am Ende meiner Kraft. Aber ich kann Ihnen keine Aufklärung verschaffen.«

Hilde hatte sich als Zeugin gemeldet und war entschlossen, alles dran zu setzen, daß man sie vernahm. Noch am Morgen der Hauptverhandlung wußte sie nicht, was sie sagen würde. Sie verließ sich auf ihren guten Stern und mehr noch auf ihre – nach Paris zur Gewißheit gewordene – Überzeugung, daß ihr im entscheidenden Augenblick das Richtige einfallen werde. Dennoch war sie nicht gerade hoffnungsfroh, als sie am Arm ihres Vaters, der zu ihr hielt, die Treppe der Villa hinunterstieg, um auf das Gericht zu fahren.

Als sie aus dem Haus trat, kam auf einem Rad der Depeschenbote.

Wenn das Telegramm für mich von Aga aus Paris wäre, dachte sie. Aber sie verwarf den Gedanken sofort wieder, da es so einen Zufall wohl im Film, aber nicht im Leben gab. Ihr Vater bekam jeden Tag Dutzende von Telegrammen – und der Bote gab es denn auch ihm – er öffnete es – las, schüttelte den Kopf – sah noch einmal auf die Adresse – gab es Hilde und sagte:

»Verzeih! Es ist für dich.«

Als Hilde es nahm, wußte sie, daß es – wenn auch nicht die Rettung, so doch die Entscheidung brachte. Zitternd nahm sie das Blatt und las:

»Paris, den 11. Oktober.

Drohe, du verrätst den Teufel, wenn er nicht Ausweg findet.«

Sie las das Telegramm nochmals – sagte den Text dann halblaut vor sich hin – reichte es ihrem Vater und sagte:

»Bitte, verstehst du das?«

Er las und fragte:

»Wer schickt dir das?«

»Ich duze niemand in Paris.«

»Der junge Franzose?«

»Würde mir niemals in diesem Ton telegraphieren.«

»Also eine Frau.«

»Aga Tramm.«

»Wer ist das?«

»Eine Frau, die ihn retten könnte, wenn sie die Wahrheit sagt.«

»Soll ich veranlassen, daß sie geladen wird?«

»Es wäre zwecklos – denn sie würde auch unter ihrem Eide nicht die Wahrheit sagen.«

»Wen kann sie meinen, mit dem du sprechen sollst?«

»Mit Brix.«

»Du wirst es tun?«

»Ich hätte es so wie so getan – aber ich verstehe das Telegramm nicht. Wen mag es nur mit dem Teufel meinen?«

»Vielleicht weiß es Richard.«

»Jetzt ist es zu spät. Hätte ich nur einmal über Paris und Aga Tramm mit ihm sprechen können! Aber dieser Idiot von Bloch hat es verhindert.«

Da Hilde als Zeugin geladen war, so durfte sie vor ihrer Vernehmung der Verhandlung nicht beiwohnen. Sie saß mit ihrem Vater im Warteraum auf dem Flur und ließ sich von der Mamsell, die eine Karte hatte, alle halbe Stunde Bericht erstatten. So trostlos diese Berichte waren – Hilde brachten sie nicht aus der Fassung.

»Ich wußte genau, daß es so kommen wird. Meine einzige Hoffnung ist Brix.«

Dabei sah sie alle zehn Minuten nach der Uhr und rief, gerade als die Pause begann: »Jetzt kommt sein Zug.«

Aber sie hatte trotz der Erregung, in der sie sich befand, den Vormittag nicht ungenutzt gelassen. Mehrere Gerichtswachtmeister, die den Flur entlang kamen, hatte sie ins Gespräch gezogen. Die meisten waren kurz angebunden und erklärten, sie seien im Dienst und könnten daher keine Unterhaltung führen. Der vierte, den sie ansprach und zu dem sie sagte: »Wo gibt es denn hier eine gute Havanna und ein Glas Wein?« erwiderte lachend:

»Die such ich hier auch schon zehn Jahre lang.«

»So lange tun Sie hier Dienst. Dann wissen Sie ja Bescheid.«

»So'n bißchen. Na, was soll's denn sein?«

»Eine kleine Gefälligkeit.«

»Verstößt sie auch nicht gegen das Reglement?«

»Aber! Ich werde Ihnen doch keine Ungelegenheiten machen.«

»Also?«

»Gibt es hier wirklich nichts zu trinken?«

»Milch, Tee und schwarzen Kaffee.«

Sie schob ihm einen Hundertmarkschein in die Hand und sagte:

»Das vertrinken Sie auf mein Wohl.«

Der Wachtmeister befühlte den Schein, warf schnell einen Blick drauf und sagte:

»Nee! Was Sie wollen, mach ich nicht!« – und er drückte ihr den Schein wieder in die Hand.

»Nichts will ich als in Ihrer Gegenwart dem Angeklagten Krüger guten Tag sagen.«

»Und dafür – Nee! Sie wollen ihm was zustecken. Einen Revolver oder Gift.«

»Auf Ehrenwort, ich will nichts anderes. Sie können meine Taschen und meine Kleider untersuchen.«

»Wer ist'n der Herr da?«

»Mein Vater.«

Sie rief ihn heran und sagte:

»Bitte, Papa, bestätige dem Herrn, daß ich nichts weiter will als Krüger guten Tag sagen.«

Gugenzeil wies sich durch seinen Paß aus und sagte:

»Ich stehe für meine Tochter ein.«

»Aber das muß doch einen Sinn haben.«

»Sie bekommen einen Posten in meiner Fabrik, wenn Sie Unannehmlichkeiten davon haben.«

»An und für sich ist das ja keine verbotene Sache – wenn der Angeklagte in der Pause abgeführt wird – und Sie stehen zufällig auf dem Korridor.«

»Sehen Sie.«

»Aber das ist ja nicht der Korridor hier, sondern der ins Untersuchungsgefängnis führt.«

»Also gehen wir dahin.«

»Weshalb?«

»Ich habe Ihnen doch gesagt . . .«

»Nichts haben Sie gesagt.«

»Natürlich nichts – ich verstehe.«

»Doch haben Sie was gesagt.«

»Nämlich?«

»Sie haben gesagt, ich soll Ihnen zu dem Arzt vons Untersuchungsgefängnis führen – was ein Verwandter von Ihnen ist. – Haben Sie das gesagt oder nicht?«

»Selbstverständlich! – Ich muß ihn dringend sprechen.«

»Gut.«

Hilde wollte ihm das Geld schon wieder in die Hand drücken, aber er zog den Arm zurück und sagte:

»Für Handlungen im Dienst bezahlt mich der Staat. – Wenn Sie mal außerdienstlich von mir was wollen, ist das was anderes.«

Hilde gab ihm ihre Visitenkarte und sagte:

»Rufen Sie an.«

»Vorausgesetzt, daß ich mal Zeit habe.«

Dann führte er sie über endlose Korridore einen Gang entlang, der das Gerichtsgebäude mit dem Untersuchungsgefängnis verband und sagte:

»Hier warten Sie – und wenn Sie jemand fragt, so sagen Sie, Sie warten auf Medizinalrat Bürgner. – Aber lassen Sie sich die Zeit nicht lang werden, der kommt heut nicht.«

Hilde stand fast zwei Stunden auf dem kalten Flur. Beamte, die vorbeikamen, sahen sie neugierig an, wagten aber nicht, sie anzusprechen. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie dastand und jeden, der vorbeikam, musterte, hatte zur Folge, daß die meisten die Hand an die Mütze legten oder den Hut zogen.

Die halbstündige Pause begann. Zwei Beamte führten Richard über den Flur. Als Hilde ihn von weitem kommen sah, gab sie ihm ein Zeichen, das er sofort verstand. Als sie noch zwei Schritte von ihr entfernt waren, rief Hilde den Beamten in energischem Ton zu:

»Was ist denn das für einer?«

Die Beamten legten die Hände an die Hosennaht – und der eine sagte:

»Angeklagter Krüger – hat ein Attentat im D-Zug verübt.«

»Richtig! Erinnere mich. Das sind Sie! Sie sollen es ja toll in Paris getrieben haben. Was hatten Sie denn mit dem Teufel zu tun?«

Da Richard entgeistert schwieg, so sagte Hilde zu den Beamten:

»Befehlen Sie ihm, daß er mir Antwort gibt.«

»Reden Sie!«, befahl der Beamte.

»Eine Frau . . .«

»Aga Tramm.«

». . . hat mich hingeschleppt. Sie beten den Teufel an. Ich habe nicht mitgemacht und sie beschimpft. Daraufhin haben sie mich verfolgt, und ich bin geflohen.«

»Der Mann spinnt ja«, sagte Hilde – und der Beamte erwiderte:

»Die Anwälte wollen ja auch auf den § 51 raus – aber die Sachverständigen halten ihn für normal.«

Hilde nickte kurz mit dem Kopf und stürzte eilig den Korridor entlang – während die Beamten den Angeklagten abführten.

»Wer war'n das?« fragte der eine Beamte – und der andere erwiderte:

»Die Tochter des Oberstaatsanwalts, glaub ich.«

Dies kleine Manöver, das so leicht hätte mißglücken können, brachte die Entscheidung. – Hilde eilte zu ihrem Vater zurück, der schon ungeduldig auf sie wartete und sagte:

»Die Pause ist gleich vorüber.«

»Sie hat doch eben begonnen.«

»Man erzählt, sie wollen die medizinischen Sachverständigen vernehmen – und zwar in Abwesenheit des Angeklagten.«

»Und der Juwelier Brix?«

»Der Herr ist eben gekommen«, erwiderte Gugenzeil und wies auf einen kleinen Herrn im Cut, mit hohem Hut und weißen Handschuhen, der einen Bart trug und wohlgefällig einen Spitzbauch vor sich her spazieren führte.

»Er ist es!« sagte Hilde und ging eilig auf ihn zu. Brix tat hocherfreut, zog den Hut, verbeugte sich und sagte:

»Ich habe mich sehr auf das Wiedersehen gefreut. Berlin ist voll von hübschen Frauen, voller als Brüssel und selbst Paris – aber keine gleicht in Charme und Erscheinung Ihnen.«

»Machen Sie noch immer so gern Komplimente?«

»Leider bietet sich selten Gelegenheit – ist sie aber mal da, muß man sie wahrnehmen.«

»Hätten Sie nicht Lust, einen Augenblick lang ernst mit mir zu sprechen?«

»Ich stehe nach Schluß meiner Vernehmung den ganzen Tag und Abend – die Nacht kommt ja leider nicht in Frage – zu Ihrer Verfügung.«

»Es muß vor Ihrer Vernehmung sein.«

»Eilt es so?«

»Ja! Denn nach Ihrer Vernehmung dürften Sie kaum mehr Gelegenheit haben.«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Daß man Sie im Gerichtssaal wegen Meineids verhaften wird, wenn Sie den Überfall im D-Zug so schildern wie bei Ihrer kommissarischen Vernehmung.«

»Sie verstehen es allerliebst, zu bluffen. – Ich muß gestehen, Sie gefallen mir heute noch besser als damals in Brüssel.«

»Daran liegt mir nichts.«

»Ich könnte mir denken, daß ich meine Aussage in manchen Punkten zugunsten des Angeklagten einschränke – das läßt sich machen, ohne, daß man der Wahrheit Gewalt antut –, wenn Sie mir versprechen – sagen wir mal, auf acht Tage mit mir nach Ostende zu reisen.«

»Sie begreifen noch immer nicht«, erwiderte Hilde, das Telegramm in der Hand, »daß ich Sie unweigerlich ins Zuchthaus schicke, wenn Sie nicht die Wahrheit sagen.«

»Wenn Sie mir drohen, müssen Sie mir schon sagen, womit.«

»Mit Aga Tramm.«

Der Juwelier entfärbte sich und sagte:

»Ich weiß, Sie waren in Paris.«

»Aber Sie wissen nicht, daß ich Sie und alle andern – Teufelsanbeter in der Hand habe.«

Der Juwelier fuhr zusammen, senkte den Kopf und sagte:

»Was wissen Sie?«

»Es nützt Ihnen nichts mehr.«

»Ich bin zu Verhandlungen bereit.«

»Ich nicht.«

»Was wollen Sie tun?«

»Das werden Sie im Gerichtssaal hören.«

»Wo ist Aga?«

»Sie hat sich vor Ihrer Rache in Sicherheit gebracht.«

»Ich wußte, sie liebt den Jungen – aber daß sie für ihre Liebe uns verraten würde, habe ich nicht für möglich gehalten.«

»Sie kennen Frauen nicht.«

»Kein anderer von uns hätte das getan.«

»Nun ist es zu spät.«

»Noch nicht«, sagte Brix und nahm einen Ansatz zur Treppe zu. Aber Hilde packte ihn am Arm und sagte:

»Ich habe dafür gesorgt, daß Sie dies Haus nicht als freier Mann verlassen.«

Sie wies auf ihren Vater und sagte:

»Der Herr da sorgt für Ihren persönlichen Schutz.«

»Ich dachte, ich hätte Sie mir in Brüssel verpflichtet.«

»Gut! Das haben Sie. Und ich bin nicht rachsüchtig. Dem Jungen da drin aber werden Sie nicht das Genick brechen.«

»Ich kann doch unmöglich die Wahrheit sagen. Mich bindet der Eid – und dann: es wäre das Ende für uns alle.«

»So denken Sie sich etwas anderes aus.«

»Hätten Sie mir das gestern gesagt.«

»So wären Sie heute auf dem Wege nach Buenos Aires, dem Eldorado aller Verbrecher.«

Die Sitzung hatte wieder begonnen. Der Gerichtsdiener rief als nächsten Zeugen den belgischen Juwelier Brix auf.

Er taumelte mehr in den Saal, als daß er ging. Dieser Umstand und seine an sich schon ungewöhnliche Erscheinung und Kleidung, die in diesem Milieu doppelt wirkten, ermöglichten es Hilde, sich hinter ihm in den Saal zu schleichen. Sie stellte sich so, daß er sie sehen mußte.

Nach Feststellung der Personalien sagte der Vorsitzende:

»Herr Brix. Obgleich der Fall vollkommen geklärt und der Angeklagte geständig ist . . .«

»Der Angeklagte ist geständig?«

»Jawohl. Er hat eingesehen, daß dem Tatsachenmaterial gegenüber jedes Leugnen zwecklos ist. Trotzdem möchten wir von Ihnen, dem eigentlichen Tatzeugen, noch einmal kurz den Vorgang hören.«

Der Staatsanwalt: »Ich bitte den Zeugen zu vereidigen.«

Die Anwälte: »Wir auch.«

Der Vorsitzende: »Ich hatte nicht die Absicht, ihn unvereidigt zu lassen. Dafür liegt ja auch gar kein Grund vor. – Also, Herr Brix, – ich höre, Sie sprechen perfekt Deutsch – die Heiligkeit des Eides ist Ihnen bekannt.«

»Ich bitte, von meiner Vereidigung abzusehen.«

»Warum denn?«

»Ich möchte – da wir doch nur zwei – der Angeklagte und ich – sind, dem Angeklagten gegenüber nicht im Vorteil sein.«

»Erlauben Sie mal, das ist ja eine sonderbare Auffassung.«

»Ich habe kein Interesse daran, daß der Angeklagte verurteilt wird.«

»Aber der Staat hat es. Dazu sind die Gesetze da, daß sie angewandt werden, wenn jemand gegen sie verstößt.«

»Es ist ja niemand geschädigt worden. Ich habe den Schmuck – und der Angeklagte ist durch die Verhaftung bestraft genug.«

»Das ist ja sehr edel – aber es widerspricht ganz und gar sowohl Ihrem Verhalten unmittelbar nach dem Überfall, als auch Ihren Aussagen, die Sie vor dem Kommissar in Brüssel gemacht haben. Damals verlangten Sie ausdrücklich eine exemplarische Bestrafung, obschon das nicht Ihre Sache ist.«

»Ich bin . . . zu einer anderen Auffassung gekommen.«

»Die werden Sie uns erzählen, sobald Sie den Eid geleistet haben.«

»Ich gehöre einer Sekte an, für die der Eid keine moralische Bindung bedeutet.«

»Welche Sekte ist das?«

»Darüber verweigere ich die Aussage.«

Der Angeklagte, der bisher apathisch gesessen hatte, richtete sich auf. Es schien, daß er etwas sagen wollte. Aber ein Blick Hildes, die er erst jetzt bemerkte, ließ ihn schweigen.

»Sie leisten den Eid«, erklärte der Vorsitzende bestimmt – »und Sie unterliegen – gleichviel, welcher Sekte Sie angehören – den für die Eidesverletzung geltenden Gesetzen.«

Es blieb Brix nichts anderes übrig, als den Eid zu leisten. Als das geschehen war, sagte der Vorsitzende:

»So! – und nun erzählen Sie.«

»Ich kann mich nicht erinnern.«

»Was ist denn mit Ihnen los? Sind Sie von irgend jemandem bestochen?«

»Bei Gott und dem Teufel: nein! Das schwör' ich in Ihrem und in meinem Glauben.«

»Sie brauchen nicht besonders zu schwören, da jedes Wort, das Sie sagen, unter Eid steht. Also, was ist?«

»Ist der Angeklagte wirklich geständig?«

»Jawohl.«

»Dann sagt er die Unwahrheit.«

Von der Anklagebank ging ein befreiender Seufzer aus. Der Angeklagte beugte sich weit über die Brüstung, streckte die Arme aus, als wenn er den Zeugen Brix liebevoll zu sich heranziehen wollte und bat flehend:

»Sind Sie ein Mensch! Sagen Sie die Wahrheit!«

Der Zeuge Brix wandte sich zu dem Angeklagten:

»Verzeihen Sie mir.«

»Reden Sie zu mir«, befahl der Vorsitzende – und der Juwelier trat dicht an den Richtertisch heran und erklärte:

»Ich bekenne unter meinem Eide, daß der Überfall von mir fingiert war.«

Rechtsanwalt Dr. Bloch sprang auf und rief:

»Ist der Angeklagte nun nicht meschugge? Er gesteht eine Tat, die er gar nicht begangen hat.«

»Unterbrechen Sie den Zeugen nicht!«, fuhr der Vorsitzende den Rechtsanwalt Dr. Bloch an – und Brix fuhr fort:

»Es war ein Racheakt.«

»Wofür wollten Sie sich rächen?«

»Bitte ersparen Sie mir das.«

»Sie müssen es mir sagen.«

»Es ist keine gewöhnliche Frau – Sie ersparen es mir, ihren Namen zu nennen.«

»Sagen Sie uns zunächst, wessen Frau es war – vermutlich Ihre.«

»Ja. – Ich bin weder jung noch schön – sie lebte in Paris, während ich in Brüssel war. Als ich eines Tages wieder nach Paris kam, erfuhr ich, daß sie ein Liebesverhältnis mit ihm hatte.«

»Stimmt das, Angeklagter?«

Richard sah zu Boden, schloß die Augen und sagte:

»Es stimmt!«

»Eine niederträchtige und feige Rache, die Sie sich da ausgedacht haben«, sagte der Vorsitzende – und Brix erwiderte:

»Ich bin ein alter Mann – niederschlagen konnte ich ihn nicht – sollte ich einen Primgeiger zum Duell herausfordern?«

»Wenn man in Ihren Jahren eine Geliebte hat, muß man damit rechnen, daß man betrogen wird – zumal, wenn man nicht in derselben Stadt wie sie lebt.«

»Und weshalb gestehen Sie das heute?«, fragte der Staatsanwalt.

»Man vergißt – man überwindet. Man wird auch nachdenklich mit der Zeit und sieht ein, daß man ein Esel war. Als ich hierher gekommen bin, um als Zeuge aufzutreten, wußte ich noch nicht, was ich tue. Als ich dann den Angeklagten sah, seine verzweifelte Braut . . .«

»Seine Braut? Wer ist denn das?«

Brix wandte sich um und wies auf Hilde.

»Sie sind seine Braut?«, fragte der Vorsitzende – und Hilde sah mit klaren Augen den Angeklagten an und erwiderte:

»Wenn er mich will – ich habe ihn lieb.«

Der Angeklagte warf die Arme hoch und rief:

»Gibt es denn so ein Glück?!«

»Noch sind wir nicht so weit«, erklärte der Vorsitzende – mit einer Stimme, die fast väterlich klang – und aller Augen waren auf Hilde Gugenzeil gerichtet.

Der Vorsitzende wandte sich wieder zum Zeugen und fragte ihn:

»Und alles das nehmen Sie auf Ihren Eid?«

»Ich schwöre, daß ich den Überfall vorher genau ausgeklügelt und genau so ausgeführt habe, wie ich es mir vorgenommen habe. Ich habe mir – während der Angeklagte schlief – Pelz, Rock, Weste und Hemd aufgerissen, den Beutel mit den Brillanten neben seinen Platz geschoben, den Revolver hervorgeholt, losgeknallt und ihn aus dem Fenster geworfen. Dann habe ich den Angeklagten wachgerüttelt, die Tür geöffnet und laut um Hilfe geschrien. – Es ist so einfach, wenn man darauf ausgeht, einen Menschen unglücklich zu machen. Für die Richter sollte das eine Warnung sein.«

»Von einem Menschen wie Ihnen müssen wir eine Belehrung ablehnen«, erwiderte der Vorsitzende und erklärte die Vernehmung des Zeugen Brix für beendet. Dann sagte er: »Nachdem der Prozeß diese sensationelle Wendung genommen hat, können wir auf die Zeugin Hilde Gugenzeil wohl verzichten. Rufen Sie sie jedenfalls mal herein, Herr Wachtmeister.

»Ich bin schon hier«, rief Hilde und trat an den Richtertisch heran.

»Sie sind Hilde Gugenzeil? Sie durften ja gar nicht hier sein. Wie sind Sie denn hereingekommen?«

»Ich dachte mir, es ist besser für den Zeugen, wenn ich bei seiner Vernehmung dabei bin.«

»Wieso denn?«

»Weil er sonst vielleicht doch einen Meineid geleistet hätte.«

»Und Sie wußten . . .?«

»Nein!«

Der Juwelier wandte sich empört zu Hilde und fragte:

»Sie wußten es nicht?«

»Nichts wußte ich – nur, daß der Angeklagte ein guter Junge ist.«

»Dann hat Aga Tramm mich gar nicht verraten?«

Hilde schüttelte lächelnd den Kopf und sagte:

»Nein! Ich habe alles versucht, um aus ihr etwas herauszubekommen. Aber sie blieb standhaft.«

»Wer ist denn Aga Tramm?«, fragte der Vorsitzende – und Hilde erwiderte lächelnd:

»Die Dame, welche . . .«

»Derentwegen diese Akten in die Welt gesetzt wurden«, sagte der Vorsitzende und wies auf einen hohen Stoß beschriebenen Papiers. Dann wandte er sich an den Zeugen Brix und sagte:

»Das wird für Sie noch ein böses Nachspiel haben.«

»Ich muß es auf mich nehmen«, erwiderte er – und als auf Antrag des Staatsanwalts das Gericht den Angeklagten freisprach und ihm überdies eine Ehrenerklärung gab, schritt der kleine Kavalier im Cut und dem hohen Hut in der Hand auf den Angeklagten zu und bat ihn um Verzeihung.

Statt des Angeklagten, der vor Glück gar keinen Gedanken fassen konnte, streckte ihm Hilde die Hand entgegen und sagte:

»Sie haben Ihr Unrecht gutgemacht, Herr Brix. Zum Dank werden wir den Hochzeitsschmuck bei Ihnen bestellen.«

Nur Rechtsanwalt Dr. Bloch schien unzufrieden. Er trat an Hilde heran und sagte:

»Sie haben, scheint's, vergessen, was Sie mir für den Fall, daß ich den Angeklagten freibekomme, versprochen haben.«

»Ich habe ihn freibekommen, nicht Sie«, erwiderte Hilde und kehrte ihm den Rücken.

 


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