Artur Landsberger
Mensch und Richter
Artur Landsberger

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XIV.

Frau Kaete, der die Verbindung Hilde–Karl seit länger als einem Jahrzehnt als Selbstverständlichkeit und daher als eine abgemachte Sache erschienen war, konnte sich gar nicht an den Gedanken gewöhnen, daß die Verlobung an Karls Widerstand gescheitert war. Zwar traute sie den Worten Hildens nicht ganz und hielt es für wahrscheinlich, daß sie Karl den Verzicht nahegelegt hatte – zumal der Neffe, wie Gugenzeil immer wieder betonte, während der vierstündigen Bahnfahrt von Hamburg nach Berlin ganz fest für die Verlobung gewesen war. Aber Hilde blieb dabei, daß sie nichts dazu getan, sich freilich dem Neffen, der ihr durchaus nicht unsympathisch sei, auch nicht aufgedrängt habe.

»Jedenfalls hast du jetzt einen Stich weg«, sagte Frau Kaete. »Wenn man erfährt – und man wird es erfahren –, daß du bei Karl gescheitert bist, wird man dich zum mindesten nicht mehr für eine exzeptionelle Partie halten.«

»Du irrst, Mama.«

»Ist etwa wieder was im Gange?«

»Vielleicht.«

»Spann mich nicht auf die Folter. Wer ist es? Ist er aus guter Familie? Hat er Geld?«

»Danach habe ich ihn nicht gefragt.«

»Etwa Rechtsanwalt Bloch, mit dem du jeden Morgen reitest?«

»Erraten, Mama!«

»Wie weit seid ihr?«

»Er ist, glaube ich, schon sehr weit – während ich mich abwartend verhalte.«

»Worauf wartest du?«

»Ich bin eben erst achtzehn, Mama. Da ist es immerhin möglich, daß ich mich doch mal verliebe.«

»Die Liebe kommt in der Ehe. Männer, die man vor der Ehe liebt, enttäuschen meistens.«

»War das bei dir so?«

»Bei mir ist es auch erst in der Ehe gekommen.«

»Und warum habt ihr euch geheiratet?«

»Es paßte alles – und wir waren uns nicht unsympathisch.«

»Unsympathisch ist mir der Bloch auch nicht.«

»Nun also.«

»Aber er sagt mir nichts.«

»Was heißt das? Ich werde ihn veranlassen, daß er mit dir spricht.«

»Nicht doch, Mama. Ich meine, er bedeutet mir nichts.«

»Sein Vater ist einer der gesuchtesten Anwälte Berlins.«

»Ich würde ja nicht den Papa, sondern ihn heiraten.«

»Du kommst in eine angesehene Familie.«

»Da brauche ich doch nicht erst reinzukommen, darin bin ich doch schon.«

»Heiraten mußt du doch einmal.«

»Ich weiß, Mama.« –

Rechtsanwalt Bloch hatte in der Tat ernste Absichten auf Hilde. Eines Morgens beim Reiten sagte sie zu ihm:

»Wissen Sie, daß die Leute über uns reden?«

»Was für Leute?«

»Mama zum Beispiel. Sie redet sich ein, wir werden uns heiraten.«

»Ich wünschte, sie hätte recht.«

»Aber Doktor! Sie denken doch nicht im Ernst daran?«

»Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran denke.«

»Und dann reiten Sie fast ein halbes Jahr lang mit mir? Und drängen sich danach, mit mir Golf zu spielen?«

»Das beweist doch grade . . .«

»Daß Sie kein Psychologe – oder sehr eingenommen von sich sind.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Durch das viele Zusammensein habe ich Sie natürlich gründlich kennengelernt.«

»Ja – und?«

»Ich glaube nicht, daß viel Ehen geschlossen würden, wenn die Menschen, die zusammengehen wollen, sich vorher so gut kennen würden wie wir uns.«

»Ich mißfalle Ihnen?«

»Würde ich dann täglich mit Ihnen zusammen sein? Aber vom Gefallen bis zum Heiraten ist ein weiter Weg. – Ich könnte mir sogar denken, daß ich einen Mann heirate, der mir weniger gefällt als Sie.«

»Was mißfällt Ihnen an mir?«

»Das weiß ich selbst nicht. Es ist nichts Bestimmtes. Sie sind klug und nett – aber ich habe kein Vertrauen zu Ihnen.«

»Und weshalb nicht?«

»Ein Anwalt, das ist doch so'ne Sache.«

»Erlauben Sie mal.«

»Sie müssen doch immer dem recht geben, den Sie vertreten – auch wenn Sie davon überzeugt sind, das der andere recht hat.«

»Ganz so ist es nun doch nicht.«

»Ein Richter hingegen . . .«

»Wissen Sie, was ein Richter verdient?«

»Wenig. Aber er kann nach eigenem Ermessen urteilen.«

»Fräulein Hilde! Was sind das für Gedanken für ein Mädel von achtzehn Jahren! Dagegen müssen Sie ankämpfen. Sie bringen sich ja um Ihre ganze Lebensfreude.«

»Durchaus nicht! Man kann reiten, chauffieren, Golf und Tennis spielen und braucht darum doch nicht gedankenlos in den Tag hineinzuleben.«

»Sie haben den Vorzug, nicht denken zu brauchen. Wozu erschweren Sie sich das Leben?«

»Ich erschwere es ja nicht mir – das scheint Ihnen nur so –, ich erschwere es meiner Umgebung – wie Ihnen jetzt, der Sie um meine Hand anhalten und dem ich mich begeistert an den Hals werfen würde, wenn ich das gedankenlose moderne Mädchen wäre, das nur an Sport und Vergnügen denkt.«

»Fräulein Hilde, Sie sind ja ein wertvoller Mensch!«

»Ich wäre Ihnen anders ja lieber.«

»Zum Flirt – aber nicht zur Ehe.«

»Jetzt sprechen Sie, um Ihren Prozeß gegen mich zu gewinnen, schon wieder gegen Ihre Überzeugung. Aber Sie vergessen, ich bin Partei, nicht Richter!«

»Sie machen es einem wirklich schwer.«

»Wenn ich Sie lieb hätte – vielleicht würde ich dann das, was mich an Ihnen stört, gar nicht sehen.«

»Jetzt, wo ich Sie kenne und weiß, was Sie wert sind, gebe ich nicht nach. Es braucht ja nicht heute und nicht morgen zu sein. Wir sind beide jung. Ich werde um Sie kämpfen.«

»Ohne Bundesgenossen?«

»Was meinen Sie damit?«

»Meine Eltern.«

»Das geht nur Sie und mich an.«

»Das gefällt mir – falls es ehrlich ist.«

»Dieses Mißtrauen.«

»Ich habe es Ihnen ja gesagt.«

»Und trotzdem werde ich es versuchen. – Nur sagen Sie mir, daß es nicht hoffnungslos ist.«

»Sofern es Ihnen gelingt, daß ich meine Ansicht über Sie ändere, ist es nicht hoffnungslos.«

Er streckte ihr die Hand hin – und sie schlug ein.

 


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