Artur Landsberger
Mensch und Richter
Artur Landsberger

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IV.

Der Hausverwalter hatte mit Herrn Gugenzeil telephoniert – noch am selben Abend, an dem er die Witwe Krüger aufgesucht hatte.

»Dazu halte ich mir einen kostspieligen Verwalter«, erwiderte ihm Gugenzeil – »um mit solchen Bagatellen belästigt zu werden?«

»Wenn es nicht grade im Hinterhaus Ihres Wohnhauses wäre! Anderswo käme es auf einen kleinen Skandal ja nicht an.«

»Das sind ja nette Grundsätze.«

»Ich wollte nur sagen: die Hauptsache ist doch, daß die Mieten pünktlich eingehen.«

»Man hat Rücksichten zu nehmen – überhaupt auf eine Frau in solcher Lage.«

»Herr Gugenzeil kennen sie?«

»Unsinn! Aber ich habe selbst eine Frau, die ihrer Niederkunft entgegensieht.«

»Ich weiß.«

»Was? – wie ist das möglich, wo ich selbst erst heute abend erfahren habe?«

»Man hat als Verwalter von dreizehn Häusern doch seine Erfahrungen.«

»Sie haben es gesehen?«

»Verzeihung – ja!«

»Wann?«

»Vor vierzehn Tagen, als ich die Ehre hatte, mit der gnädigen Frau . . .

»Schon gut. – Bin ich denn blind?«

»Herr Gugenzeil haben so viele Geschäfte.«

»Stecken Sie Ihre Nase gefälligst nicht in meine Familienangelegenheiten – und meine Frau sehen Sie sich in Zukunft etwas weniger genau an.«

»Ich bitte um Entschuldigung.«

»Und was die junge Witwe und ihr Kind betrifft, so sorgen Sie für beide, als wenn es meine Frau und mein Kind wäre. Ich verreise morgen. Am Freitag bin ich zurück. Sie geben mir dann Nachricht, was aus ihnen geworden ist.«

»Ich werde tun, was in meiner Kraft liegt«, erwiderte der Verwalter – und merkte gar nicht, daß Gugenzeil den Hörer längst wieder aufgelegt hatte.

Er begab sich sofort zu Frau Krüger, die mit ihren letzten Kräften ihre paar Sachen zusammengepackt hatte und jetzt, das Kind im Arm, erschöpft auf dem Lehnstuhl lag.

»Ich gehe schon«, sagte sie leise, als sie den Verwalter vor sich sah.

»Wohin wollen Sie gehen?«

»Ins Wasser nicht – obschon das für das Kind und mich das gescheiteste wäre.«

»Falsch wäre es! Grundfalsch, wo Sie doch Herrn Gugenzeil zu Ihrem Freunde haben.«

Frau Elsa richtete sich auf und fragte erstaunt:

»Herrn Gugenzeil zum Freunde? – Was soll das heißen?«

»Er ist so besorgt um Sie.«

»Er kennt mich gar nicht.«

»Er muß Sie doch wohl mal gesehen haben.«

»Unsinn!«

»Vielleicht vom Fenster aus.«

»Dem seine Fenster führen in den Park – nicht auf den Hof.«

»Wieso wissen Sie das so genau?«

»Weil ich mit der Mamsell von Gugenzeils befreundet bin. Ohne ihre Hilfe hätte ich mein Kind nicht lebend zur Welt gebracht.«

»Sie sind mit der Mamsell befreundet? Das freut mich, denn ich sehe da Möglichkeiten.«

»Was für Möglichkeiten?«

»Sie provisorisch unterzubringen. – Auf ein, zwei Tage – bis ich etwas anderes für Sie gefunden habe.«

»Die hat doch keinen Platz für mich.«

»Sie hat einen Flur, ein Bad, ein geräumiges Schlaf- und ein kleines Ankleidezimmer. Alles schön durchheizt. Und die Küche und Speisekammer sind dicht daneben.«

»Das wird die gnädige Frau nie dulden.«

»Frau Gugenzeil braucht davon gar nichts zu erfahren.«

»Wenn sie zufällig nach hinten kommt.«

»Was soll sie da? Sie ist mit sich beschäftigt. – Also ich gehe und rede mit der Mamsell. In zehn Minuten bringe ich Ihnen Bescheid.«

Aber es dauerte keine fünf Minuten – da kam die Mamsell selbst – außer Atem – so schnell war sie die Treppen hinunter und über den Hof gestürzt. – Ein paar Schritte hinter ihr der Verwalter.

Die Mamsell setzte sich auf einen Schemel neben Frau Elsa, holte ein paarmal tief Atem, streichelte das neugeborene Kind und sagte:

»So, wie ihr jetzt da sitzt, werdet ihr beide heimlich still und leise zu mir hinübergeschafft.«

»Ich will nicht, daß Sie sich meinetwegen Ungelegenheiten machen.«

»Nette Mutter, die eine Hilfe für ihr Kind zurückweist.«

»Es ist ja nur Ihretwegen.«

»Meinetwegen? Das kümmert Sie gar nicht. Wo wollten Sie denn mit dem Kinde hin – wenn nicht zu mir – Wollen Sie mir das mal sagen?«

»Ich wollte es bei meiner Schwester versuchen.«

»Bei dem Luder? Sie haben mir doch selbst erzählt, daß sie sich rumtreibt. Eine nette Kinderstube.«

»Wenn Frau Gugenzeil es erfährt – und Sie verlieren Ihre Stellung . . .«

»Die braucht mich mehr als ich sie. Wenn Sie wollen, sag' ich's ihr.«

Frau Elsa überlegte. Innerlich war sie ja froh, daß sie zu der Mamsell konnte. Und so erwiderte sie:

»Vielleicht erst, wenn ich schon bei Ihnen bin.«

»Also, gemacht!« rief die Mamsell, faßte mit beiden Händen den Lehnstuhl, beorderte den Verwalter auf die andere Seite und kommandierte: »Hochheben! – up! – So, und nun tragen wir Mutter und Kind hinüber. Die Sachen holen wir später.«

Als sie den Sessel mit Frau Elsa und dem Kinde über den Hof trugen, lächelte die junge Mutter seit Monaten zum ersten Male wieder.

Die Sonne stand über dem Hof und schien Frau Elsa und dem Kinde grade ins Gesicht.

»Setzen Sie den Stuhl einen Augenblick nieder«, bat sie und wollte das Kind hochheben, um es der Sonne näher zu bringen. Weshalb eigentlich, wußte sie nicht – aber sie fühlte, daß es Wärme brauchte. Das Kind fing an zu schreien. Frau Elsa erschrak und drückte es an sich.

»Wenn es viel schreit, bring' ich's nicht hoch«, sagte sie traurig.

»Ein Kind muß schreien«, erwiderte die Mamsell.

»Nicht, wenn's so schwach ist.«

»Wir werden es schon stark machen.«

»In den zwei Tagen?«

»Was heißt das?« fragte die Mamsell – und der Verwalter erwiderte:

»Frau Krüger hat recht. Länger darf sie nicht bei Ihnen bleiben. Bis dahin finde ich schon ein Unterkommen für sie.«

Sie trugen den Stuhl nicht ohne Mühe die Treppe hinauf und stellten ihn in das kleine Zimmer, das sauber war und ein großes Fenster hatte – durch das jetzt leuchtend die Sonne schien.

Hier bleiben zu können, dachte Frau Elsa und fühlte ihr Unglück nun womöglich noch mehr. – Der Verwalter ging, und die Mamsell begab sich in die Küche.

Frau Elsa, die nächtelang nicht geschlafen hatte und sich nun zum ersten Male wenigstens für Stunden geborgen fühlte, schlummerte ein. Sie hörte auch nicht, wie die Mamsell leise ins Zimmer trat, sich den Mantel überzog und die Tasche zum Einholen vom Riegel nahm. – Die Mamsell ging auf Zehen, zog behutsam die Gardinen vors Fenster, da sie fürchtete, daß die Sonne blenden und den Schlaf stören könnte – und verschwand.

Wohl eine halbe Stunde war inzwischen vergangen. Da stürzte die Zofe der Frau Gugenzeil in höchster Verzweiflung in die Küche und rief:

»Mamsell!«

Da sie sie in der Küche nicht fand, so lief sie in den hinteren Flur, von da aus in das kleine Zimmer – wo von dem Lärm Mutter und Kind erwachten.

Die Zofe war so erregt, daß sie der Anblick gar nicht überraschte.

»Wo ist die Mamsell?« fragte sie. »Großer Gott! So helfen Sie! Den Johann habe ich zum nächsten Arzt geschickt.«

Frau Elsa richtete sich hoch:

»Was ist geschehen?«

»Die gnädige Frau ist im Bade – als sie aus der Badewanne – ohne meine Hilfe – Dabei hat der gnädige Herr, bevor er abreiste, streng befohlen – ich kann nichts dafür, aber ich verliere meine Stellung.«

»Was ist denn mit der gnädigen Frau?«

»Sie ist ausgeglitten – auf dem nassen Boden.«

»Und was hat sie sich getan?«

»Ein Kind! ein Kind! – Der Jean und ich, wir haben sie schnell auf die Chaiselongue gelegt. – Und das Kind dazu – aber ich weiß mit Kindern nicht umzugehen – während Sie – Gott so ein glücklicher Zufall! Wenn alles glatt geht, kündigt mir der Herr vielleicht nicht – am Ende bekomme ich sogar noch eine Zulage für meine Umsicht. – Sagen Sie, ich habe Sie geholt – aber kommen Sie – Ihr Kind halte ich – oder wir legen es in die Decke –« Sie half Frau Elsa hoch und nahm das Kind in den Arm: »So sah mein Mädel aus, akkurat so! Schwarzes Haar und blaue Augen. Und auch so schwach war's – das wiegt ja keine sieben Pfund – genau wie mein's – Wenn es Pflege gehabt hätte, wäre es vielleicht am Leben geblieben.«

»Sie reden – und inzwischen . . .«

»Sie haben recht, kommen Sie!«

Sie eilte, das Kind im Arm, voraus. Frau Elsa ging hinter ihr her. – Es ging durch ein paar reich und geschmackvoll ausgestattete Zimmer – durch das Schlafzimmer der gnädigen Frau und von da ins Bad.

Auf der Chaiselongue lag mit geschlossenen Augen stöhnend Frau Kaete Gugenzeil. Ihre Arme waren ausgestreckt und hielten automatisch das Neugeborene, das rosig und gesund aussah und Arme und Beinchen von sich streckte.

So sieht ein gesundes Kind aus, dachte Frau Elsa und sah zu ihrem Kinde hinüber, das die bestürzte Zofe in den Wäschekorb gesetzt hatte, in dem es wie in einem Bettchen lag.

»Der Arzt, das Kindermädchen – der Photograph, mein Mann!« stöhnte Frau Gugenzeil.

»Das Kindermädchen ist unterwegs, und Johann holt den Arzt.«

»Telephon!« stöhnte Frau Kaete.

Die Zofe schlug sich mit der Hand vor den Kopf und sagte halblaut und mehr zu sich: »Ich Schaf, daran habe ich nicht gedacht! Jetzt verliere ich sicher meine Stellung.«

»So telephonieren Sie! – bis Sie einen erreichen«, sagte Frau Elsa und bemühte sich, als die Zofe hinausgegangen war, um Mutter und Kind.

»Nebenan . . . im Kinderzimmer – finden Sie alles«, sagte Frau Kaete.

Frau Elsa trat in die Tür und sah ein helles Zimmer weiß in weiß. Außer einem Spitzenbettchen, einem prachtvollen Kinderwagen und allerlei Spielzeug lag auf zwei Tischen eine Aussteuer kostbarer Kinderwäsche. Und auf der Fensterbank lag ein kostbares Lederalbum für Photographien. Auf dem Deckel stand: »Unsere Hilde.«

»Unsere Hilde«, wiederholte Frau Elsa. – »Beneidenswertes Kind!« Dann eilte sie in die Badestube zurück, nahm Frau Kaetes Neugeborenes von der Chaiselongue auf – dachte, es wiegt seine neun Pfund – und sah, daß es ein Knabe war.

»Was ist es?« fragte Frau Gugenzeil.

Elsa zögerte einen Augenblick – dann beugte sie sich zu Frau Kaete herab und sagte:

»Ein Mädchen.«

Frau Gugenzeil lächelte und schloß die Augen.

Elsa machte mit dem Kind im Arm einen Schritt auf den Waschkorb zu – dann blieb sie stehen. Man hörte im Korridor die Schritte der Zofe, die vom Telephon kam.

Reichlich laut, dachte Elsa – bewegte den Körper ein paarmal hin und her, als überlegte sie: Soll ich – oder soll ich nicht? – Plötzlich eilte sie auf den Waschkorb zu – nahm ihr Mädchen heraus und setzte Frau Kaetes Kind hinein.

Sie stand, ihr Kind im Arm, eben wieder an der Chaiselongue, als die Zofe ins Zimmer trat und meldete:

»Das Kindermädchen ist da.«

»Und der Arzt?« fragte Elsa.

»Ist unterwegs.«

Gleich darauf erschien das Kindermädchen – eine robuste Person von beneidenswerter Frische. – Sie sah sich um und sagte:

»Zwillinge – dafür bin ich nicht engagiert.«

Frau Kaete sah entsetzt auf – Elsa zitterte und schloß die Augen – die Zofe lachte ungehörig laut, wies auf den Wäschekorb und sagte:

»Das ist Frau Krüger ihr Kind.«

»Dann ist das also das Herrschaftskind«, sagte das Kindermädchen und ging auf Frau Elsa zu. Die wich einen Schritt zurück – und als das Kindermädchen ihr das Kind aus dem Arm nehmen wollte, drückte sie es an sich und sagte:

»Lassen Sie es mir noch – es eilt ja nicht.«

Der Diener erschien an der Tür und meldete den Arzt, der im selben Augenblick auch schon ins Zimmer trat.

»Gott sei Dank, daß Sie da sind, Sanitätsrat«, sagte Frau Kaete stöhnend.

»Ist denn hier eine Volksversammlung – oder was geht hier vor?« fragte der Arzt, trat an die Chaiselongue heran, fühlte Frau Kaete den Puls, nahm sie mit Hilfe der Zofe und des Dieners auf und trug sie in ihr Bett.

Als sie draußen waren, betrachtete das Kindermädchen das Kind auf Elsas Arm, befühlte es und sagte:

»Eine mickrige Jöhre. – Aber wo sollen die Kinder denn Kraft herkriegen, wenn die Mütter der schlanken Linie wegen hungern.«

Frau Elsa wies, um Zeit zu gewinnen, auf den Waschkorb und fragte:

»Wie gefällt Ihnen das Kind?«

»Donnerwetter, der ist nicht von schlechten Eltern.«

»Woher wissen Sie denn, daß es ein Junge ist?«

»Das sieht unsereins.«

»Es ist mein Kind.«

»Da gratulier' ich. – Und der Herr Papa?«

»Ist leider tot.«

»Schade! – aber Hauptsache, er hat gelebt.«

»Wir waren sogar verheiratet.«

»Das soll vorkommen.«

»Glücklich verheiratet.«

»Der Fall ist seltner. – Aber dem Jungen sieht man's an, daß er in Liebe gemacht ist.«

»Und der Kleinen, die ich hier auf dem Arm habe – was sieht man der an?«

»Luxusartikel. Sehen Sie sich die schlanken Gelenke an. Mehr zum Ansehen, als zum Anfassen. – Aber geben Sie endlich her, das Kind muß besorgt werden.«

Frau Elsa öffnete den Arm – und als die Kinderfrau ihr das Kind abnahm, sagte sie:

»Seien Sie gut zu ihm!«

»Besser als Ihr Junge wird die Kleine es haben – darauf verlassen Sie sich. – Überhaupt: was stellen Sie eigentlich hier vor? Wollten Sie vielleicht Amme spielen? In Berlin gilt es jetzt für fein, Kinder mit der Flasche großzuziehen.«

»Ich habe mein eignes Kind zu nähren.«

Die Kinderfrau hatte das Kleine auf dem Arm, wandte sich zur Tür und sagte:

»Also, Madamchen, viel Glück.«

Frau Elsa, die Augen auf das Kind gerichtet, folgte ihr und fragte:

»Sieht man Sie noch mal?«

»Wie denn? Wohnen Sie denn nicht hier? – Ich dachte, Sie sind Portierfrau.«

»Wäre ich es doch!«

»Hören Sie mal, da ist auch keine Seide zu spinnen.«

»Nur in der Nähe möchte ich sein.«

»Was haben Sie denn? Sie sind komisch.«

In diesem Augenblick erschien die Mamsell, die länger als sonst fortgeblieben war.

»Das geht ja hier wie im Kaninchenstall!« rief sie.

»Richtig!« erwiderte die Kinderfrau, der sie nicht nur im Äußeren ähnelte.

Die Zofe erschien in der Tür und sagte:

»Ruhe! Die gnädige Frau ist eben eingeschlafen.«

»Ich verschwinde schon«, erwiderte die Kinderfrau und ging mit dem Baby in das Kinderzimmer.

»Allmächtiger!« rief die Zofe – »Ihr Kind sitzt ja noch immer im Waschkorb!«

Frau Elsa stürzte auf den Korb zu, nahm das Kind auf, wickelte es in Decken und eilte mit ihm in die Stube der Mamsell zurück.

»Sie kann einem leid tun«, sagte die Zofe, als Frau Elsa draußen war.

»Mit der brauchen Sie kein Mitleid zu haben«, erwiderte die Mamsell – »für die sorge ich.«

 


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