Artur Landsberger
Mensch und Richter
Artur Landsberger

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XXVIII.

Hilde Gugenzeil begriff weder den Optimismus Dr. Blochs, der es zum mindesten nicht für ausgeschlossen hielt, daß er Richard freibekam, noch die Zusicherung des von ihnen hinzugezogenen Rechtsanwaltes Dr. Nebel, der wiederholt versicherte:

»Ins Zuchthaus kommt er nicht.«

Wäre sie einmal auf den Gedanken gekommen, zu fragen: wohin denn? – so hätte sie vermutlich zur Antwort erhalten: ins Irrenhaus. So aber dachte sie, daß die Versicherung: »ins Zuchthaus kommt er nicht« bedeuten sollte, daß er mit Gefängnis davonkommen werde. Diese Antwort genügte ihr, um Tag und Nacht darüber nachzusinnen, wie sie ihm helfen könnte. Sie fand den Fall solange aussichtslos, als man den Bekundungen des Belgiers Glauben schenkte. Sie mußte also, um Richard zu helfen, diese Glaubwürdigkeit erschüttern.

Eines Abends sagte sie zu ihrer Mutter:

»Ich habe eine Bitte. Laß mich auf vierzehn Tage nach Ostende fahren.«

»Im Oktober? Da ist doch nichts mehr los.«

»Eben deshalb. Ich möchte mich ausruhen.«

»Doch nicht etwa allein?«

»Die Zofe nehme ich mit.«

»Und zur Gesellschaft?«

»Niemand. Ich sagte dir doch, daß ich mich ausruhen will.«

Als Emil Gugenzeil nach Haus kam, erzählte ihm Frau Kaete Hildes Absicht und überließ ihm die Entscheidung. Der nahm sie in sein Zimmer und sagte:

»Fährst du nach Brüssel oder nach Ostende?«

»Nach Brüssel, Vater.«

»Ich werde dich nie abhalten, etwas Gutes zu tun. Aber sieh dich vor, mein Kind. Ich habe dich sehr lieb und würde es nicht ertragen, wenn dir etwas zustößt.«

»Haben sich deine Gefühle zu mir wirklich gar nicht geändert?«

»Wieso sollten sie sich geändert haben?«

»Wo du weißt, daß ich gar nicht deine Tochter bin.«

»Frau Krüger hat doch widerrufen. In ganz bestimmter und glaubwürdiger Form.«

»Trotzdem ist es wahr.«

»Eine eidesstattliche Versicherung hat sie abgegeben.«

»Sie hätte noch etwas ganz anderes getan, um ihm und mir zu helfen.«

»Da du so überzeugt bist, Hilde, so will ich dir gestehen: ich bin es auch. Diese gute Frau, die deine Mutter ist, bringt ein großes Opfer.«

»Aber nein! Sie ist glücklich in dem Gefühl, daß sie helfen kann.«

»Hat sie dir das gesagt?«

»Ich habe sie nicht gesehen, seitdem Dr. Bloch dies falsche Geständnis von ihr erpreßt hat.«

»Du bist sehr scharf gegen ihn.«

»Er hat sie jetzt in der Hand – er kann jeden Augenblick drohen, sie festnehmen zu lassen.«

»Das wird er nie tun.«

»Wenn er glaubt, seine Chance bei mir damit zu bessern, tut er es.«

»Er ist doch kein Verbrecher.«

»Ist das, was er mit der armen Frau gemacht hat, vielleicht kein Verbrechen? – auch, wenn es unter keinen Paragraphen fällt?«

»Er liebt dich vielleicht wirklich so, daß er Dinge tut, die er sonst nicht tun würde.«

»Er will vor allen Dingen die großmütterliche Erbschaft sicherstellen, ohne die seine Liebe jeden Sinn verliert.«

»Daß wir immer wieder auf ihn zurückkommen. Mir ist viel wichtiger, von dir zu hören, ob du mich noch ebenso lieb hast wie früher.«

»Genau so, Vater. Vielleicht mit noch größerem Dankgefühl.«

»Und wie fühlst du der Mutter gegenüber?«

»Nicht ganz so wie früher.«

»Fühlst du dich mehr zu deiner wirklichen Mutter hingezogen?«

»Ich habe beiden gegenüber ein fremdes Gefühl, das ich dir gegenüber nicht habe. Bin ich zu Mama zärtlich, denke ich, wenn die andere das sähe, es täte ihr weh. Und wenn ich zu ihr zärtlich sein will . . .«

»Zu Frau Krüger?«

»Ja – dann habe ich Hemmungen und das Gefühl eines Abstands, den aber nicht ich schaffe, sondern sie.«

»Dann ist sie womöglich doch nicht deine Mutter.«

»Das ist sie ganz sicher.«

»Hast du außer ihrem Geständnis einen Beweis, daß du das so bestimmt behauptest?«

»Ich sehe es an ihren Augen.«

»An den Augen?«

»Ja! So sieht nur eine Mutter ihr Kind an.«

»Und Mama – sieht dich anders an?«

»Vielleicht rede ich's mir nur ein – aber diesen schmerzvollen Blick, als lebte sie ständig in Angst um mich, hat nur sie.«

»Kein Wunder, wenn eine Mutter ihr Kind Fremden überläßt.«

»Sie hat es doch in guter Absicht getan.«

»Ich kann ihr nicht böse sein. Wer weiß, ob ich den Jungen ebenso lieb gehabt hätte.«

»Er ist ein guter Kerl.«

»Das beweist der Eifer, mit dem du ihm hilfst. – Also nochmals, Hilde – ich kenne deinen Plan nicht . . .«

»Ich habe keinen. Ich verlasse mich auf mein Glück und meinen Instinkt.«

»Begib dich nicht in Gefahr! Denke daran, daß wir alle verloren sind, wenn dir etwas passiert.«

Frau Kaete kam ins Zimmer. Sie sah erst ihren Mann, dann Hilde an und sagte:

»Du hast ihr natürlich wieder nachgegeben.«

»Ich halte mich nicht für berechtigt, sie zurückzuhalten.«

»Glaubst du etwa immer noch an den Schwindel – obgleich die Person widerrufen hat?«

»Ich bitte dich, Mama, sprich nicht so von ihr.«

»Ich finde, sie hat uns Verdruß genug bereitet. Wir sollten uns endlich freimachen.«

»Und wenn er doch unser Sohn ist?«

»Laß das! Ich will es nicht glauben. Wozu sich unglücklich machen?«

»Du glaubst es – genau, wie ich es glaube.«

»Ich will nicht.«

»Es hat ja keinen Sinn, daß du dich dagegen wehrst. Du kommst doch nicht eher zur Ruhe, bevor du weißt, daß er in Sicherheit ist.«

»Wäre er von Anfang an bei uns gewesen – es wäre nicht passiert.«

»Du hättest dann auf Hilde verzichten müssen.«

»Ich hätte sie ja gar nicht kennengelernt.«

»Bereust du es?«

»Es täte mir sehr weh, wenn ich sie hergeben müßte – obgleich sie mich oft genug geärgert hat. Manchmal war es so, daß ich mir hätte sagen müssen: das kann dein Kind nicht sein. Aber hinterher habe ich sie doch immer wieder lieb gehabt.«

»Du bist also mit der Lösung zufrieden, daß sie bei uns bleibt?«

»Gewiß! Aber wie lange wird sie schon bleiben? Ein so hübsches Mädel mit so viel Geld.«

»Das Geld gehört doch nun ihm, Mama.«

»Du bringst es fertig und schenkst es ihm.«

»Muß ich denn das nicht? Das wäre doch sonst Unterschlagung.«

»Wo sie es abgeschworen hat? Das ist für uns entscheidend – nicht unsere Gefühle.«

»Darin hat Mama recht. Wie könnten wir es sonst vor unserem Gewissen verantworten?«

»Könnt ihr das? – Ich nicht.«

»Diese übertriebene Korrektheit, mein Kind, ist ganz unzeitgemäß«, sagte Frau Kaete – und Emil Gugenzeil schränkte aus pädagogischen Gründen die Behauptung dahin ein, daß er ergänzend hinzufügte:

»Man soll natürlich korrekt sein – nicht nur in äußerlichen Dingen. Niemals aber auf Kosten der Selbsterhaltung – das ginge zu weit.«

»Ich will schon mit mir fertig werden«, erwiderte Hilde. »Nur fallt mir nicht in die Arme – auch dann nicht, wenn ich unsere Schuld . . .«

»Von einer Schuld«, erklärte Frau Kaete – »kann gar keine Rede sein.«

». . . in einer Form abtrage, die euch nicht gefällt.«

»Du bist alt genug, um zu wissen, wie weit du gehen kannst«, erwiderte Frau Kaete. »Kompromittieren darfst du weder dich noch uns.«

»Bitte, Papa, gib mir Reisegeld – oder besser einige Blankoschecks.«

»Was du alles kennst«, sagte Frau Kaete – und Hilde erwiderte:

»Du vergißt, daß ich vor ein paar Tagen zweiundzwanzig Jahre alt geworden bin.«

»Wenn ich in deinem Alter meine Eltern gebeten hätte – und du weißt, ich bin aus sehr guter Familie –, mich allein nach Ostende reisen zu lassen, so hätten sie das für einen schlechten Scherz gehalten.«

»Auch dann, wenn ich damit ihrem Sohn hätte helfen können?«

»Das kam in unseren Verhältnissen gar nicht in Frage.«

»Es braucht sich ja nicht immer um Geld zu handeln.«

»Geld oder Schmuck, wo ist da schon ein Unterschied? –« Sie wandte sich an ihren Mann: »Du läßt sie also wirklich reisen?«

»Ich fühle mich nicht berechtigt, sie zurückzuhalten, wenn sie glaubt, daß sie ihm helfen kann.«

»Könnte ich das nicht lieber versuchen?«

»Du willst? Wie gut von dir, Mama.«

»Ich bin doch erfahrener und älter als du.«

»Vielleicht, daß Unerfahrenheit und Jugend in diesem Fall vorteilhafter sind.«

»Du wirst dir doch nichts vergeben, Hilde?«

»Ich komme so zurück, wie ich fortfahre – das verspreche ich euch. Ob ich aber nicht in Situationen gerate, die mich äußerlich kompromittieren, das kann ich freilich nicht versprechen.«

»Laß sie gehen, Kaete, und belaste sie nicht. Sie muß ganz nach freiem Ermessen handeln, wenn sie etwas erreichen will.«

Frau Kaete schloß Hilde in die Arme und sagte fast feierlich:

»Es mag kommen, was will – du bleibst doch immer meine Hilde.«

»Und was fühlst du für Richard?« fragte sie.

»Ich leide. Wenn ich aber wüßte, es geht ihm gut, käme ich, glaube ich, darüber hinweg.«

»Ein Grund mehr zu handeln«, erwiderte Hilde, ließ sich die Schecks geben und nahm von beiden Abschied.

 


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