Artur Landsberger
Mensch und Richter
Artur Landsberger

 << zurück weiter >> 

XII.

Emil Gugenzeil drahtete seiner Frau:

»Bin 10 Uhr 55 Berlin. Bringe Karl mit. Vorbereite Hilde.

Grüße Emil.«

Etwas happig, dachte Frau Kaete, ging mit dem Telegramm in Hildes Zimmer und forderte die englische Gouvernante auf, sie allein zu lassen. Dann trat sie an Hilde heran, legte den Arm auf ihre Schulter und sagte so feierlich, wie es ihr möglich war:

»Mein Kind! Du hast bisher nur Zerstreuung und Unterhaltung gekannt. Jetzt tritt der Ernst des Lebens an dich heran.«

»Was ist geschehen?« fragte Hilde erschrocken.

»Du hast dich verlobt.«

»Ich? – Was soll das denn heißen?«

»Daß dein Vetter Karl aus Hamburg um deine Hand angehalten hat.«

»Der Lausejunge?«

»Hilde! was sind das für Ausdrücke! noch dazu in deutscher Sprache! Wenn du es noch auf englisch sagtest!«

»Ich spreche das Papa nach. Ich selbst kenne ihn ja kaum.«

»Er aber kennt dich – und liebt dich.«

»Wie entsetzlich komisch.«

»Hilde! eine Verlobung ist weder entsetzlich, noch komisch. Zumal, wenn man wie du am Tage der Ehe von seinem Schwiegervater eine Million Mark geschenkt bekommt.«

»Das soll mir die bittre Pille wohl versüßen?«

»Wie sprichst du denn? Das bin ich von dir ja gar nicht gewöhnt?«

»Wenn es einem an den Kragen geht, dann kann man ja wohl deutsch sprechen.«

»An den Kragen geht? Ist das ein Ausdruck für sich verloben?«

»In diesem Fall schon. Die Mamsell hat mir Mordsgeschichten vom Vetter Karl erzählt.«

»Das ist ja unerhört! Die Mamsell hat ihren Kopf in die Kochtöpfe zu stecken und nicht in unsere Familienangelegenheiten.«

»Bei welcher Gelegenheit hat er sich denn in mich verliebt?«

»Das mußt du ihn selbst fragen.«

»Verlaß dich drauf, daß ich das tun werde.«

»Heute abend um acht kommt er mit Papa aus Hamburg nach Berlin. Er wird sich umziehen und mit dir persönlich sprechen wollen, bevor wir die Verlobung offiziell feiern.«

»Glaubst du wirklich, daß das nötig ist?«

»Was?«

»Daß er mit mir vorher spricht.«

»Es gehört sich so. Mach dich recht hübsch und sei im übrigen reserviert. Das reizt einen Mann, der das Leben kennt wie Karl.«

»Weshalb soll ich ihn denn reizen? Ich denke, er ist schon in mich verliebt.«

»Natürlich. Wir haben dir alle Mühe – auch die der Entscheidung, abgenommen. In deiner Jugend tut man gut, wenn man seine Eltern für sich handeln läßt.«

»Bitte! bitte! Solange ich mit der Angelegenheit nichts zu tun habe, bin ich einverstanden.«

»Als Braut hast du natürlich Pflichten.«

»Ich muß mich küssen lassen.«

»Davon stirbt man ja nicht. Aber du mußt mehr tun.«

»Mama!«

»Dein Bräutigam ist ein kleiner Luftikus.«

»Ein Lausejunge.«

»Hilde, ich verbiete es dir . . .«

»Pardon! Ich vergaß! Er ist dein Schwiegersohn.«

»Du mußt versuchen, ihn so verliebt in dich zu machen, daß er gar nicht auf den Gedanken kommt, sich außerhalb des Hauses zu vergnügen.«

»War das bei euch so, Mama?«

»Früher lebte man nicht so schnell. Man hatte Zeit, sich kennenzulernen, bevor man sich verlobte.«

»Gott, muß das schön gewesen sein!«

»Du machst es dir unnötig schwer. Der Junge ist aus einem guten Stall, sieht vorzüglich aus, ist nicht unintelligent, sein Vater ist einer der reichsten Männer Hamburgs – nur eben, er ist ein Luftikus. Alles Gute ist nie beisammen.«

»Ich werde sehen, was ich für euch tun kann, Mama.«

Und als am Abend Herr Gugenzeil mit seinem Neffen am Lehrter Bahnhof ankam, empfing Frau Kaete ihn mit den Worten:

»Hilde ist einverstanden.«

Karl begrüßte seine Tante sehr höflich und erkundigte sich nach dem Befinden seiner Kusine.

»Sie erwartet dich«, erwiderte Frau Kaete. »Ich habe das Abendessen auf neun Uhr gelegt, damit du Gelegenheit hast, vorher mit ihr zu sprechen.«

»Gott, wie rücksichtsvoll.« – Er wies seinen Diener an, so schnell wie möglich mit den Koffern nachzukommen, und bestieg mit Herrn und Frau Gugenzeil das Auto.

Als er eine Stunde später im Smoking den Salon betrat, saß Hilde am Flügel und spielte – Chopin. Das war die Regie Frau Kaetes, die schon von Kindheit an in wichtigen Situationen stets das Falsche traf.

Karl blieb in der Tür stehen – und es hatte den Anschein, daß er umkehren wollte, aber Hilde, die darauf vorbereitet schien, wandte sich zu ihm und sagte lachend:

»Polizeiwidrig, was?«

»Ganz Ihrer Ansicht.« – Er trat ein paar Schritte näher. »Das heißt, Sie sind ja meine Kusine, ich darf daher wohl du zu Ihnen sagen?«

Hilde betrachtete ihn sehr gründlich und sagte:

»So lang und so mager hatte ich dich gar nicht in der Erinnerung.«

»Ich bin in den letzten zwei Jahren mächtig in die Höhe geschossen.«

»Hoffentlich schießt du nicht weiter.«

Sie stand auf, trat dicht an ihn heran und sagte:

»In der Größe passen wir ganz gut zusammen.«

»So schön wie du bin ich freilich nicht.«

»Ich mag keine schönen Männer.«

»Dann habe ich ja Chancen.«

»Womit nicht gesagt ist, daß sie eine so lange Nase und ein so spitzes Kinn wie du zu haben brauchen.«

Karl faßte sich ans Kinn und erwiderte:

»Das ist mir noch gar nicht aufgefallen.«

»Vielleicht sagst du mir endlich guten Tag.«

Karl nahm ihre Hand, führte sein Gesicht an das von Hilde, spitzte den Mund und fragte:

»Darf ich?«

Hilde schüttelte energisch den Kopf und sagte: »Nein! erst bemüh dich. Ich bin nämlich sehr gespannt darauf, wie du dich anstellst.«

»Es ist das erste Mal – ich schwöre es dir.«

»Bei mir auch.«

»Du hast ja nur ja oder nein zu sagen.«

»Soweit sind wir noch nicht. – Vielleicht fällt es dir leichter im Sitzen.« – Sie wies auf einen Stuhl, setzte sich auf die Chaiselongue und sagte: »Bitte!«

Karl nahm Platz, schwieg erst und sagte dann:

»Ich weiß gar nicht – ich bin doch sonst so frech.«

»Du sitzt wahrscheinlich zum erstenmal einem anständigen Mädchen gegenüber.«

»Mein Gott, du hast recht. Von Privatbällen habe ich mich immer gedrückt.«

»Das rächt sich jetzt.«

»Also, liebe Kusine – du weißt . . .«

»Ich weiß gar nichts.«

»Auch wenn ich nicht dein Vetter wäre, müßte ich blind sein, wenn ich nicht von deiner Schönheit hingerissen wäre.«

»Quatsch!«

»Also anders. – Liebe Kusine, der Wunsch unserer Eltern, die die große Pinke haben, ist es, aus uns ein Paar zu machen.«

»Deine Eltern wollen? – Ich dachte, du willst.«

»Ich wußte ja gar nicht – erst als mir Onkel Gugenzeil deine Photos zeigte . . .«

»Er hat den Musterkoffer mit nach Hamburg genommen? Sehr interessant.«

»Das Original übertrifft noch die Erwartungen, die ich mir nach den Bildern gemacht habe.«

»Abgedroschene Phrase! Weißt du nichts Originelleres?«

»Mir imponiert neben deiner Schönheit . . .«

»So hör schon auf!«

». . . vor allen Dingen deine Keßheit.«

»Das läßt sich hören.«

»Noch nicht achtzehn und schon so frech.«

»Bravo!«

»An deine Erziehung scheinen Onkel und Tante nicht viel Mühe verwandt zu haben.«

»So wenig wie deine Eltern an deine.«

»Dann passen wir aber zusammen!«

Er breitete die Arme aus und erwartete, daß Hilde sich ihm an den Hals werfen würde. Das Gegenteil geschah. Sie trat einen Schritt zurück und sagte:

»Die Schnoddrigkeit ist nicht echt.«

»Um so besser.«

»Du verstehst mich nicht. Ich will damit sagen: sie ist etwas rein Äußerliches. Ein Schutzwall, mit dem ich mein Inneres verdecke.«

»Inneres hast du auch?«

»Zuviel leider.«

»Das gewöhnst du dir bei mir schnell ab.«

»Das will ich gar nicht!«

»Du weißt ja selbst nicht, was du willst.«

»Hast du es mit siebzehn Jahren gewußt?«

»Bummeln und mich amüsieren – das wollte ich, solange ich denken kann.«

»Du brauchst also gar keinen Menschen, der dich liebt?«

»I Gott bewahre! In der Beziehung kannst du ganz unbesorgt sein.«

»Wenn ich es nun brauche?«

»Was brauchst?«

»Liebe.«

»Gott, Kind, ich sage dir ja – ich bin in der Beziehung großzügig und verlange dieselbe Großzügigkeit von dir mir gegenüber.«

»Du meinst . . .?«

»Daß das Dinge sind, die erst peinlich werden, wenn man über sie spricht. Was ich von meiner zukünftigen Frau verlange, ist Takt – in ihren Affären und gegenüber meinen. Wenn wir darüber, das heißt, über den üblichen Streitpunkt, im voraus eine Verständigung erzielen, wird unsere Ehe glücklich werden.«

»Das heißt, eine Ehe ohne Bindung.«

»In sexueller Beziehung.«

Hilde trat ein paar Schritte von ihm fort und sagte:

»Herr! Sie vergessen, daß ich siebzehn Jahre bin.«

»Puppig! – Liebling, du hast doch eben selbst gesagt . . .«

Er ging auf sie zu und wollte ihre Hand nehmen.

»Rühren Sie mich nicht an!«

»Puppi, machst du Theater?«

»Ich habe es vorhin gemacht, um zu wissen, ob Sie sind wie Ihr Ruf.«

»Du machst mir also schon Vorwürfe vor der Ehe?«

»Dazu wird es nie kommen.«

»Aber, Kind, reg unsere Eltern nicht auf. Sie wünschen es sich. Und schließlich, worin besteht schon der Unterschied, ob ich oder ein anderer.«

»Muß ich denn heiraten?«

»Ich rate dir dazu. Als Frau kannst du dich ganz anders amüsieren.«

Die Tür ging auf, Frau Kaete trat ins Zimmer und sagte:

»Seid ihr denn noch nicht einig? das Essen verdirbt.«

»Was gibt es denn?« fragte Karl.

»Kaviar, Rheinlachs und Schnepfen.«

». . . und dazu einen 21er Rüdesberger Scharlachberg Steinkautweg Riesling, den ich für Hildes Verlobung aufgehoben habe«, sagte Gugenzeil, der hinter Frau Kaete ins Zimmer getreten war.

Karl flüsterte Hilde zu:

»Bring mich nicht um den Wein und die Schnepfe.«

Hilde überlegte einen Augenblick lang, dann wandte sie sich an ihre Eltern und sagte:

»Gut! wir essen! Und bei der Speise . . .«

»Es gibt Eisauflauf mit frischen Erdbeeren«, ergänzte Frau Kaete.

»Erdbeeren um die Jahreszeit!« rief Karl.

»Hilde feiert ja nicht alle Tage Verlobung.«

»Also beim Eisauflauf mit Erdbeeren . . .«

». . . stoßen wir mit 1906er Veuve Clicquot auf das Brautpaar an«, sagte Gugenzeil. »Zwei Flaschen, die ich seit dem Kriege zu diesem Zwecke aufbewahre.«

»Bring mich nicht um den Sekt!« bettelte Karl leise – und Gugenzeil flüsterte seiner Frau zu:

»Wie verliebt sie sind.«

»Einverstanden!« sagte Hilde laut – »unter der Bedingung, daß während des Essens mit keinem Wort die Verlobung berührt wird. Erst wenn der Champagner serviert wird . . .«

»Eine sehr gute Idee!« sagte Karl – und Hilde fuhr fort:

». . . klopfe ich ans Glas und sage ein paar unpassende Worte.«

»Ein Strolch, das Mädel«, sagte Gugenzeil zärtlich und nahm Hilde unter den Arm. »Dann führe ich dich heute zum letztenmal zu Tisch.«

»Und ich gebe dir den Arm, Karl«, sagte Frau Kaete und fügte – während sie zu Tisch gingen, hinzu: »Auf was für originelle Gedanken das Kind kommt.«

Während des Essens drehte sich das Gespräch um die üblichen Dinge. Karl, der wußte, daß er hier nichts mehr zu gewinnen hatte, trank und aß und beteiligte sich nicht viel an der Unterhaltung, die zum größten Teil Gugenzeil und Frau Kaete bestritten. Sie richteten die Wohnung von Karl und Hilde ein, ob sie gemeinsame oder getrennte Schlafzimmer haben, einen Buick oder La Salle fahren und in den Salon einen Bechstein oder Steinway aufstellen sollten. Als der Diener den 1906er Clicquot in die Gläser goß, erwog Karl die Möglichkeit, sich zu drücken. Aber Hilde stand schon, das Glas in der Hand, gab dem Personal ein Zeichen, sich zu entfernen und begann:

»Liebe Eltern. Ich bin euch bisher in allem gefolgt, obschon ich oft anderer Meinung war als ihr. Aber ich habe mir stets gesagt: Wahrscheinlich bist du noch zu jung, um es richtig zu beurteilen. – So dachte ich auch heute nachmittag, als Mutti mir meine Verlobung mit Vetter Karl mitteilte. Ich bin euch dankbar, daß ihr mir in diesem Falle wenigstens die Gelegenheit zu einer Aussprache mit Karl gegeben habt. Das Ergebnis dieser Aussprache ist, daß Karl die Unmöglichkeit einer Ehe mit mir erkannt hat.«

»Wa . . . a?« sagten Gugenzeil und Frau Kaete wie aus einem Munde.

»Er hat erkannt, daß er eine reife und energische Frau braucht, die imstande ist, aus ihm einen Mann zu machen. Er befürchtet mit Recht, daß er mich mit in das Leben hineingezogen hätte, das er führt und in dem er sich wohl fühlt. Es ist hochanständig von ihm, daß er mir zuliebe dieser Gefahr aus dem Wege geht. Ihr seht also, liebe Eltern, er ist besser als sein Ruf und wir müssen ihm dankbar sein, daß er uns Enttäuschungen und Aufregungen erspart, die unausbleiblich gewesen wären. Ich wünsche dir, lieber Vetter Karl, daß du recht bald eine Frau findest, die du brauchst. Ich wünsche es vor allem dem Onkel und der Tante und bitte euch, liebe Eltern, mit mir anzustoßen auf das Wohl unserer Hamburger Verwandten. Sie leben hoch!«

Gugenzeil und Frau Kaete waren aufgestanden. Sie wußten es kaum. Sie stießen auch mit Hilde, die ihnen ihr Glas hinhielt, an. Sie tranken, setzten sich wieder – und Frau Kaete, die als erste die Sprache wiederfand, sagte:

»Das ist ja eine nette Geschichte« – während Gugenzeil an das Geschäftliche dachte und seiner Frau erklärte:

»Ich habe dir gleich gesagt, das ist kein Geschäft für mich.«

Karl, der sich schnell noch ein Glas Champagner eingegossen hatte, goß es hinunter, stand dann auf, reichte erst Frau Kaete die Hand und küßte sie – verbeugte sich dann vor Gugenzeil und sagte:

»Lieber Onkel, es tut mir leid. Auf Wiedersehen in Hamburg.«

Dann wandte er sich an Hilde, die mit ihm zur Tür ging und ihn hinausbegleitete.

Als sie draußen waren, gab sie ihm die Hand und sagte:

»Ich glaube, es war am besten so.«

»Für dich vielleicht – für mich nicht. Denn ich glaube, du wärst für mich die richtige Frau gewesen.«

 


 << zurück weiter >>