Artur Landsberger
Mensch und Richter
Artur Landsberger

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XVII.

Hilde Gugenzeil führte genau das Leben wie alle Mädchen ihrer Kreise, deren Väter nicht zu rechnen brauchten. Sie spielte Tennis und Golf, lenkte ihren Wagen selbst, ritt jeden Morgen im Tiergarten, badete im Sommer in einem französischen oder belgischen Seebad und fuhr im Winter Ski in St. Moritz. Die Cocktailparties und die Abendgesellschaften sorgten für Zerstreuung am Nachmittag und Abend – und die wenige Zeit, die ihr noch blieb, verbrachte sie beim Schneider. Wenn sie bei dieser Art der Beschäftigung geistig nicht verflachte und sich ein warmes Gefühl für Menschen bewahrte, so zeugte das von nicht alltäglichem Charakter.

Sie liebte es, wenn sie mal abends allein zu Haus war – was selten genug geschah –, die Mamsell in ihr Zimmer zu rufen, ihr Süßigkeiten vorzusetzen und sich mit ihr zu unterhalten. Das endete dann meist damit, daß die Mamsell – meist erst spät in der Nacht – mit Geschenken und Geld für Bedürftige in ihr Zimmer zurückkehrte.

Hilde Gugenzeil brauchte das, weil sie sich – sehr im Gegenteil zu ihren Freundinnen – Rechenschaft über die Art ihrer Lebensführung gab und sie mit der Lebensweise anderer verglich, die kaum das Nötige zum Leben, geschweige denn für Vergnügungen hatten.

Wenn Eisbahn war, lud sie die Kinder ihrer Portierleute und die der Nachbarschaft ein und lief mit ihnen stundenlang auf dem Eis umher. Sie kannte die Geburtstage aller dieser Kinder und beschenkte sie so reich, daß sie das Geld in den Geschäften schuldig blieb. Wenn dann Frau Kaete die Rechnungen bekam, kam es immer zu Auseinandersetzungen.

»Ich weiß gar nicht, woher du diesen plebejischen Zug hast«, sagte Frau Kaete regelmäßig – und Hilde erwiderte:

»Von Großvater vermutlich, der Korpsdiener bei den Saxo-Borussen war.«

»Er war Verwalter von drei Rittergütern, als er starb.«

»Das kann unser Diener Johann auch noch werden.«

»Ich möchte wissen, wie.«

»Ich brauche nur einen Landwirt zu heiraten und Johann zu protegieren wie der Graf von Arnim den Großvater protegiert hat.«

»Du hast eine komische Art, einem Unangenehmes zu sagen.«

»Ich habe nur ein besseres Gedächtnis als du.«

»Du solltest Papa dankbar sein, daß er sich als Sohn eines Gutsverwalters zu einem Großindustriellen emporgearbeitet hat.«

»Wenn er nicht auf dem Gut des Grafen aufgewachsen wäre, hätte er nicht die großen Herren kennengelernt, die für seine Ausbildung gesorgt und ihn später protegiert haben.«

»Daran denkt heute kein Mensch mehr.«

»Ich liebe Papa deshalb genau so – vielleicht noch mehr.«

»Als ich mich über alle Vorurteile hinwegsetzte und deinen Vater heiratete, habe ich zu ihm gesagt: ›Deine Vergangenheit muß ausgelöscht sein, schon unserer Deszendenz wegen.‹«

»Das bin ich. Nun, ich pfeif drauf.«

»Ein undankbares Kind bist du.«

»Die Hauptsache ist doch, daß man zufrieden ist. Ich bin es – und wäre es genau so, wenn Papa Korpsdiener wäre.«

»Hilde, wie kannst du so ungehörig von deinem Vater sprechen? Der Himmel behüte uns davor, daß wir je dahin kommen.«

»Mir wäre es gleich.«

»Und deine Pferde und dein Auto?«

»Man kann auch ohne das glücklich werden.«

»Kind, du bist krank! So spricht kein Gesunder. – Es muß was geschehen. Ich lasse sofort den Sanitätsrat kommen.«

»Aber, Mama! Mir fehlt ja nichts.«

»Das merkt man selbst nie.«

Frau Kaete ging eilig hinaus und telephonierte mit dem Hausarzt.

»So ein Unglück!« rief sie in den Apparat. »Nur ein Kind zu haben – und das muß krank sein.«

»Mir ist aber nie etwas an Ihrer Tochter aufgefallen.«

»Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen – eine Mutter sieht eben mehr als ein Arzt.«

Und als der Sanitätsrat zehn Minuten später erschien, klagte ihm Frau Kaete:

»Sie hat den Drang nach unten. Ich kann mit Ihnen ja offen sprechen. Sie sind ja verpflichtet, es für sich zu behalten. Also hören Sie! Was niemand weiß und was wir natürlicherweise als Geheimnis hüten und was uns niemand mehr anmerkt, daß der Vater meines Mannes – aber vergessen Sie es, wenn ich es Ihnen gesagt habe – nein, ich bring es nicht über meine Lippen.«

»So sagen Sie es doch.«

»Er war bei den Saxo-Borussen . . .«

»Oh! Das ist das feinste Korps.«

»Gewiß. Aber . . . er war . . .«

»Gnädige Frau, wir alle sind als Studenten einmal über die Stränge geschlagen, der eine mehr, der andere weniger. Das ist das Vorrecht der Jugend.«

»Aber der Vater meines Mannes . . .«

»Sie machen es sich wirklich unnütz schwer, gnädige Frau. Mag er als Student getan haben, was er will. Das liegt so weit zurück – und die Hauptsache bleibt ja doch, er ist aus einem guten Stall.«

»Das ist er eben nicht.«

»Oh pardon.«

»Sie haben ja vollkommen recht, Herr Sanitätsrat – und ich fühle wie Sie. Sie können sich also vorstellen, was ich darunter leide.«

»Aber, wenn Ihr Herr Schwiegervater doch bei den Saxo-Borussen war.«

»Als Korpsdiener.«

»Oh, Verzeihung – ich begreife – immerhin, es liegt ein Menschenalter zurück – wer weiß das heute noch.«

»Hilde weiß es.«

»Sie hätten es ihr nicht sagen sollen.«

»Mein Mann hat es ihr erzählt.«

»Ich begreife – auf einen feinen und so empfindsamen Charakter wie Ihre Tochter muß das ja furchtbar wirken.«

»Im Gegenteil! Sie freut sich.«

»Wa . . . as?«

»Und sie bedauert nur, daß mein Mann nicht auch . . .«

»Korpsdiener ist?«

»Ja! – Was sagen Sie dazu?«

»Minderwertigkeitskomplexe.«

»Moral insanity?«

»Dazu müßte man sie erst beobachten.«

»Entsetzlich! Wie komme ich nur zu so einem Kind?«

»Es überspringt oft eine Generation.«

»Sie meinen vom Großvater her – natürlich! – Und Sie glauben, daß so etwas heilbar ist?«

»Auch das kann ich im Augenblick nicht sagen.«

»Sie wollen sie doch nicht einsperren? Das gibt mein Mann nie zu – und ich auch nicht.«

»Diese Art Krankheit ist ja ungefährlich.«

»Ungefährlich? Wenn sich das herumspricht. Ein Korpsdiener hebt nicht gerade die gesellschaftliche Position.«

»Ich werde ihr das klarmachen.«

»Wenn Ihnen das gelingt.«

Und der Sanitätsrat sprach mit Hilde. Frau Kaete bat er, der Unterredung nicht beizuwohnen.

»Ah, der Sanitätsrat!« war der Ruf, mit dem sie ihn empfing. »Haben Sie die Gummizelle gleich mitgebracht?«

»Was sind das für Reden, Fräulein Hilde?«

»Wissen Sie denn noch nicht, daß ich geisteskrank bin? Mama hat es festgestellt und ist, glaube ich, sehr stolz auf ihre Entdeckung.«

»Ihre Frau Mutter ist besorgt um Sie.«

»Oder um sich und ihren guten Ruf.«

»Den Sie in der Tat zu schädigen im Begriff sind.«

»Wegen des Korpsdieners? Ich bitt' Sie! Wen interessiert denn das?«

»Sie werden also nicht darüber reden?«

»Wenn ich Mama damit einen Gefallen tue.«

»Sie tun mehr als das. Sie machen sie gesund.«

»Sie ist krank? Ich denke ich

»Sie wird es werden, wenn Sie das Geheimnis der Familie nicht für sich behalten.«

»Ich soll meinen Großvater verleugnen? Fällt mir nicht ein. Wenn Mama das so wichtig nimmt, hätte sie Papa nicht heiraten dürfen.«

»Empfinden Sie es denn nicht auch peinlich, daß Ihr Herr Großvater . . .«

»Nicht die Spur. Papa hat mir erzählt, was er ihm zu verdanken hat. Ich bin sogar stolz auf ihn.«

»Das mag ja edel sein – aber es ist nicht klug. Sie wollen doch heiraten. Nehmen Sie an, ein Mann gefällt Ihnen, hält um Ihre Hand an und Sie sagen ja. Eines Tages erfährt er, daß Ihr Herr Großvater . . .«

»Wieso eines Tages? – Das ist das erste, was ich ihm sagen würde – schon um zu sehen, ob er ein Kaffer ist.«

»Ihre Aufrichtigkeit in Ehren – aber man kommt heute nicht weit damit.«

»Wer sagt Ihnen, daß ich die Absicht habe, weit zu kommen.«

»Sie werden doch nicht einen Mann heiraten, der Ihnen nicht das bieten kann, was Sie jetzt haben?«

»Raten Sie mir das als Arzt oder als Mensch?«

»Als Freund und Berater.«

»Dann bedaure ich, Ihren Rat ablehnen zu müssen.«

»Sie halten sich trotz Ihrer Jugend für unfehlbar.«

»So wenig wie Sie trotz Ihres Alters.«

»Dann muß ich Ihnen sagen, daß Sie an moral insanity leiden.«

»Das hat Ihnen Mama gesagt.«

»Haben Sie etwa gehorcht?«

»Ja.«

»Ein weiterer Beweis für die Richtigkeit meiner Diagnose.«

»Was steht darauf? Zuchthaus oder Irrenanstalt?«

»Fragen Sie das im Ernst?«

»Ich habe Sie noch nicht einen Augenblick lang ernst genommen.«

»Sie sind ja unverschämt.«

»Sagt man das einer Kranken?«

In diesem Augenblick stürzte Frau Kaete ins Zimmer und rief:

»Hilde! Ich habe alles mit angehört.«

»Aber Mama! Du hast gehorcht? Dann leidest du also auch an moral insanity – und ich bin erblich belastet.«

»Mit der Tochter werden Sie noch viel durchmachen.«

»Ich glaube nicht an Ihre Prognosen, Herr Sanitätsrat!« erwiderte Frau Kaete.

Hilde und der Sanitätsrat waren starr vor Staunen – und Frau Kaete fuhr fort:

»Wenn Sie behaupten, daß meine Tochter geisteskrank ist, gehe ich mit ihr zu ein paar anerkannten Nervenärzten und lasse mir bescheinigen, daß sie vollkommen gesund ist.«

»Aber Sie haben mir vor einer Viertelstunde doch selbst gesagt . . .«

»Ich habe es mir anders überlegt.«

»Bist du plötzlich zur Vernunft gekommen, Mama?«

»Mehr als dir lieb sein wird, du kommst in eine Pension.«

»Herrlich, Mama!«

»Warte nur ab! – In eine Pension, in der es weder ein Auto, noch Golf, noch Tennis, noch eine Bridgepartie gibt.«

»Himmlisch! Da kommt man doch endlich mal zu sich selbst.«

»Eine Pension, in der außer dir nur Kinder des Mittelstands sind.«

»Meinst du, die sind dämlicher als die andern?«

»Das nicht. Aber es gibt keinen Kuchen und nur viermal in der Woche Fleisch.«

»Das ist ja wunderbar. Da brauche ich nicht ins Sanatorium, um schlank zu bleiben.«

»Zigaretten rauchen ist verboten.«

»Also raucht man heimlich. Das schmeckt noch mal so gut.«

»Es gibt keine Cocktails.«

»O je!«

»Also endlich etwas, was du entbehren wirst. Und ich hoffe, ein halbes Jahr wird genügen, um dir zu beweisen, was für ein Glück es ist, reich zu sein.«

»Und wenn ich dir nach einem halben Jahr schreibe: ›Geliebtes Muttchen. Es ist himmlisch hier. Darf ich nicht noch ein halbes Jahr bleiben?‹«

»Dann bist du reif für den Sanitätsrat.«

 


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