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Druckfehler

Die Freigabe des Briefschreibens zur Mitteilung von Druckfehlern hat Folgen wie diese:

Ich möchte mich keiner Unbescheidenheit schuldig machen und hätte es auch niemals zu dem Einfall, geschweige denn zu dem Entschluß gebracht, das Wort an Sie zu richten, wenn Sie nicht in der letzten Nummer der ›Fackel‹ ausdrücklich betonen würden, daß es Ihnen erwünscht sei, durch Ihre Leser auf etwaige Druckfehler aufmerksam gemacht zu werden. In dieser Nummer (546–550) sind es auf Seite 80 die 1. Verszeile: »auf dem sie sitzt, ist ganz rosinfarben,« die 8.: »ist sie; und ihrer mich verwundernd« und die 7. von unten: »das Fleisch der Mächtigen, der Totschläger«, die sich, wie mir scheint, dem Rhythmus des 5 füßigen Jambus nicht ganz fügen.

Verzeihen Sie mir die Taktlosigkeit und Anmaßung, welche nach meinem Gefühl doch darin liegt, wenn man aus welchem Anlaß immer, und nun gar aus einem solchen, einem seit langem ehrfürchtig geliebten Geist nahe zu treten wagt.

Eine Leserin

Man sollte nicht. Denn man ist ersucht worden, Druckfehler mitzuteilen, nicht aber Stilfehler, als die man Stilvorzüge zu erkennen glaubt. Wenn sich die zitierten Verse im Ohr der Leserin dem »Rhythmus des 5füßigen Jambus« nicht ganz fügen, so dürfte das Ohr, außen sicherlich wohlgebildet, die Schuld tragen und nebenbei eine Ordnungsliebe, die darauf besteht, daß jeder 5füßige Jambus auch seine 5 Füße habe. Wer wird denn so anspruchsvoll sein. Nun ja, denkt offenbar der Ordnungssinn, bei einem Tausendfüßer kommt's nicht drauf an und man zählt da auch nicht immer nach, aber beim jambischen Vers sieht man's auf den ersten Blick, wenn ein Fuß fehlt. Das ist richtig, aber es ist im Titel nichts versprochen worden und wenngleich die Fülle der 5füßigen Jamben die Leserinnen verwöhnt haben mag, so sollten sie doch nichts dagegen haben, daß ein solcher einmal auch 4füßig ist und etwa noch eine Schleppe von zwei schwachbetonten Silben nachzieht. Das hängt nämlich gar nicht vom Verfasser ab, der sich des Mangels bewußt ist, da er zur Not bis fünf zählen kann, sondern ausschließlich vom Jambus, der sich nicht strecken will oder vielmehr nicht kann, indem er, der Not gehorchend nicht dem eignen Trieb, sich ausschließlich der psychischen Situation der Zeile anpaßt, welche eben einer mechanischen Auffüllung (die ja ein Kinderspiel wäre) widerstrebt. Der Leser, der den Wert dieser Verkürzung

ist sie; und ihrer mich verwundernd
sah ich sie.

nicht erkennt, das Erlebnis dieser Verwunderung nicht spürt, die für zwei Silben den Atem aussetzt und die Pause hörbar macht; sondern mit einer Einschiebung (etwa: lautlos mich verwundernd) befriedigt wäre, dem ist auch die »Ehrfurcht« schwer zu glauben, die doch in jeder Zeile der Fackel, Vers oder Prosa, nichts anderes als eben solche Leistung erkennen müßte.

            Und die Haut des Tiers,
auf dem sie sitzt, ist ganz rosinfarben

Wo fehlt's da zum »Rhythmus«, wenn doch jede Silbe den Ton oder Nichtton hat, den sie nach Vers und Worthandlung verlangt? »Rosin farbig« etwa hätte schon, zugunsten des stärkern Tons, auf das Bild gedrückt. Wer zwingt die Leserin, einen vierfüßigen Jambus mit zwei schwachbetonten Nachsilben fünffüßig zu skandieren und dann ungehalten zu sein? Tausend Verse bei Shakespeare würden sie unglücklich machen:

            Wohl war einst der Tag,
Wo mir der kleine Arm, dies gute Schwert
Den Ausgang schaffte durch mehr Hindernis
Als zwanzigmal dein Zwang.

(Das betonteste Wort »mehr« ist in der Senkung.) Aber man fände auch vier-, drei-, zwei- oder sechsfüßige Jamben in Fülle; und ihrer sich verwundernd. Oder sollten sie gewollt sein? Stellt das Beispiel eine Härte der Übersetzung vor? Nun, solche Härten machen sie so einzigartig, mit diesem »Hindernis« und allem Einklang des Gedankens mit der Unregelmäßigkeit. Aber Goethe ist nicht ins Deutsche übersetzt und doch wagt Iphigenie schon auf der zweiten Seite, was sich dem Rhythmus des 5füßigen Jambus nicht ganz zu fügen scheint:

Den du, die Tochter fordernd, ängstigtest

und bald drauf:

Die schönen Schätze, wohl er halten hast;

oder:

Genießt. O laßt das lang' er wartete

Also ganz rosinfarben. Und noch mehr Beispiele für völlig unbetonte, jambuswidrige Nachsilben:

Denn unerträglich muß dem Fröhlichen

oder:

In deinem Schleier selbst den Schuldigen

oder:

Und deine Gegenwart, du Himmlische

spricht Orest, der sich gar einen 2füßigen Jambus erlaubt:

Wie gährend stieg aus der Erschlagnen Blut
Der Mutter Geist
Und ruft der Nacht uralten Töchtern zu

Der Mutter Geist. Aber der braucht auch Raum. Wenn's nicht ein Druckfehler ist. Und sogar einen 1½füßigen Jambus wagt er:

            zwischen uns
sei Wahrheit!

Aber die braucht eben noch mehr Raum.

Orest, ich bin's! Sieh Iphigenien!

Wenn sie nicht Iphigeni en sagt, so stimmt's vielleicht doch mit dem Vers

Das Fleisch der Mächtigen, der Totschläger

Weil man nicht Mächtig en und Totschläg er betonen kann, soll's nicht den vollen jambischen Klang haben? (Warum sollen solche nicht hart tönen?) Wahrscheinlich würde nur die klägliche Zeile: »Das Fleisch von allen Großen, allen Mördern« das Ideal des Blitzblankverses erreichen. Doch dürfte sich selten genug ein Gedanke erleben, der sich ihm anpaßt, ohne bloß die Kurzlangweile auszufüllen. Was aber die Leserin – die ja gewiß von der allerreinsten Absicht geleitet war und die ich nur belehre, weil das Mißverständnis im Tiefern zugunsten des Äußern typisch ist – was sie verfehlt hat, ist nicht, daß sie für verbesserungsbedürftig hält, was sie nicht versteht oder nicht empfindet; auch nicht, daß sie es äußert (solcherlei gibt's alle Tage); sondern daß sie, bei denkbar großmütigster Erweiterung des Begriffs »Druckfehler«, meint, ich hätte die Leser gebeten, mir mitzuteilen, was sie stilistisch auszusetzen haben. Denn daß der Drucker an jenen Versen schuld sei, kann sie ja im Ernst nicht glauben. Die Hilflosigkeit dessen, der solche Verse schreibt, reicht aber nur bis zum Erscheinen, und wenn er bis dahin bereit war, jede Leserin zu fragen, ob sie dies oder jenes Wort passender finde, weil er ihr dafür, in diesem Stadium, weit mehr Kompetenz einräumt als sich selbst (und sogar mehr Kompetenz als sich selbst in jedem Stadium in Bezug auf Damenhüte), so kann natürlich von einer Dankbarkeit für nachträgliche Gutachten keine Rede sein. Ich will nicht den harten Selbstvorwürfen, die sie sich während der Tat machte, zustimmen, aber ich glaube doch, daß jede Leserin gut täte, ehe sie schreibt: Ich möchte nicht, aber ich tu's doch, oder: Wiewohl ich weiß, daß Sie, tu ich es – sich zu besinnen und es doch nicht zu tun. Und wenn sie das Gefühl, mir nahegetreten zu sein, nunmehr in verstärktem Maße haben sollte, so kann sie sich davon befreien, indem sie dem Zentralverband für Kriegsbeschädigte hundert Kronen überweist, eine Spende, die, als Strafporto für den Absender jedes an mich adressierten Schreibens, mir alle willkommen machen wird, und wären sie unsympathischer als dieses.

*

Etwa dieses:

Euer Hochwohlgeboren!

Bezugnehmend auf die Notiz in der letzten ›Fackel‹, wo Sie Ihre Leser auffordern, Sie auf Druckfehler und Sonstiges aufmerksam zu machen, teile ich Ihnen folgendes mit:

Seite 79, 4. Zeile ist kein einwandfreier Vers. Über das Wort »Feuer« stolpert man.

Seite 80, 1. Zeile: detto »rosinfar ben« ist falsch!

Seite 80, 23. Zeile: Man kann nicht »fres sét sagen.

Vielleicht nehmen Sie diese Mitteilung zur Kenntnis und ändern für eine 2. Auflage die betreffenden Zeilen.

In treuer Ergebenheit.

            Eine genaue Leserin

Die glaubt es also wirklich mit ihrer Modistin zu tun zu haben; und sie ist genau. Rosinfarben steht auch ihr nicht zu Gesicht. Das, worüber man stolpert – hier sind wir bei Robes – kann nicht geändert werden. Sie soll's tragen und sie wird schon sehn, daß es geht. (Oder ist sie, weil die Verse nicht blitzblank geputzt sind, in ihren Hausfrauengefühlen verletzt? Darauf würde die Kritik der Stelle »Fresset das Fleisch« hindeuten.) Hier wäre leicht geholfen, man könnte ja »Feu'r« machen. Aber da würde sie schon spüren, daß es nicht brennt. Während, wenn Hagel mit Feuer und Blut gemengt wird, dem Unmaß der Naturerscheinung die überzählige Silbe sehr wohl entspricht. Ich meine das im Ernst und würde in einer Stilschule darlegen, welche Einheit gerade in jenen Fällen erreicht ist, an denen sich der platte Begriff vom Dichten stößt. Aber sie spürten doch nichts, und wenn es gelänge, eben das, was sich nicht erklären läßt, hundertmal zu beweisen. Wäre sonst die Ausmessung eines Verses wie:

Kommt, sammelt euch zu Gottes großem Mahl!
Fresset das Fleisch der Könige, der Feldherrn

möglich? Man kann also nicht »fress et« sagen. Als ob man gezwungen wäre und als ob einem andern als dem armen Intelligenzhirn vor dem größeren Zwang dieser Posaune so viel Besinnung bliebe, nach der Vorschrift zu skandieren! Soll da wirklich noch gesagt sein, daß der Atem des Verses jede Möglichkeit glatter Bildung verzehrt; daß sich eine solche gar nicht einstellen konnte und andernfalls vorweg abzuweisen war? Es läßt sich nur immer wieder mit der Shakespeare-Übersetzung und mit Goethe dieser Armut zu Hilfe kommen, die da glaubt, daß ein Gedicht aus Versfüßen besteht.

Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen

heißt's gleich zu Beginn der »Iphigenie«, wiewohl hier kein Pathos den Auftakt erzwingt. Notwendiger verschiebt sich:

O wie beschämt gesteh' ich, daß ich dir

und gleich die Fortsetzung:

Mit stillem Widerwillen diene, Göttin.
Dir meiner Retterin!

Oder:

Ja, Tochter Zeus, wenn du den hohen Mann
– – – – – – – –
Und rette mich, die du vom Tod errettet,
Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode!

»Auch von dem Leben«? Aber es ist völlig gleichgültig, ob die zweite Silbe an und für sich so betonbar ist wie »Fres set« unbetonbar. Es kommt nur darauf an, daß die erste entgegen dem jambischen Charakter betont werden darf, weil sie muß.

Der mißversteht die Himmlischen, der sie
Blutgierig wähnt – –
Zwar die gewalt'ge Brust und der Titanen
Kraftvolles Mark – –
            Zuletzt
Bedarf's zur Tat vereinter Kräfte, dann
Ruf' ich dich auf, und beide schreiten wir
Mit über legter Kühnheit zur Vollendung.

Ganz antijambisch sind in der letzten Zeile die ersten drei Silben unbetont. Nur zwei vollbetonte Silben, die dritte und zehnte, hat die Zeile:

Hat den Rückkehrenden statt des Triumphs

Welcher Blödsinn käme bei vorschriftsmäßiger Betonung hier zustande:

Und deine Gegenwart, du Himmlische,
Drängt sie nur seitwärts und verscheucht sie nicht

und welche Groteske in dem ersten Beispiel aus »Iphigenie«:

Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen – –

Und was geschieht hier :

Laß mich! Wie Herku les will ich Unwürd'ger – –
Nennst du Den deinen Ahnherrn, den die Welt – –

(Um die jambuswidrige Betonung und überhaupt den Sinn des ersten »den« durchzusetzen, nützt Goethe die Möglichkeit, das Demonstrativum mit großem D zu schreiben.)

Lands leute sind es? und sie haben wohl

oder:

Kommt! Es bedarf hier schnellen Rat und Schluß

Das wäre nicht von Goethe, sondern von Girardi. Jener betont aber antijambisch – und vielleicht wird hier doch überall das Minus als Plus spürbar –:

Bringst du die Schwester zu Apollen hin – –
Fiel Troja? Teurer Mann, versichr' es mir – –
Denk' an dein Wort, und laß durch diese Rede – –
Hülfreiche Götter vom Olympus rufen – –
Antworte, wenn er sendet und das Opfer – –
Vorsätzlich angefacht, mit Höllenschwefel – –
Kommt denn der Menschen Stimme nicht zu euch?

Nein, zu den Skythen nicht. Aber

Sind wir, was Götter gnädig uns gewährt,
Unglücklichen nicht zu erstatten schuldig?

Wir sind's. Und nichts könnten wir für eine zweite Auflage ändern als den Vorwitz, der die erste mißversteht (und selbst das können wir nicht). Aber um wieder auf die Modistinnen zu kommen – Shakespeare braucht man nur aufzuschlagen:

»Zeich ne dies Muster ab.« »Ei, woher kam dies?«

Es ist ja falsch! und Lear ruft den Elementen zu:

Ras sle nach Herzenslust! Spei' Fe uer, fl ute Reg en!

Eine Zeile, in der so ziemlich alles zu Bemängelnde vorkommt, sogar das Feuer, über das man stolpert, und von der Traufe kommt man in den Regen. Da ist denn doch die Zeile, die in eben jenem Heft der Fackel steht, exakter:

Eine der unangenehmsten Begleiterscheinungen der Fackel sind ihre Leser.

Da ist um keine Silbe zu viel. »Leserinnen« wäre nicht hineingegangen. Aber sie waren einbezogen. Denn sie machen nicht nur »auf Sonstiges aufmerksam«, sondern sie erdreisten sich sogar zu behaupten, sie seien dazu aufgefordert worden. Alles in allem: 200 Kronen für den Zentralverband der Kriegsbeschädigten!


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