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Aus »Vorlesungen über Kunst«

Von John Ruskin

Es steht fest und ist keinem Irrtum und keiner Ausnahme unterworfen, daß die Kunst einer Nation der Ausdruck ihres ethischen Zustandes ist.

Der Ausdruck, nicht aber die Wurzel oder die Ursache. Man kann sich nicht zu einem guten Menschen singen oder malen. Man muß ein guter Mensch sein, um singen oder malen zu können, dann wird die Farbe oder der Ton das Beste in ihnen vollenden. Und das auch wollte ich Ihnen nahelegen, als ich in meiner ersten Vorlesung sagte: Hören Sie vor allem darauf, daß kein Kunstunterricht Ihnen nützen könnte, sondern eher schaden würde, wenn er nicht in etwas noch Tieferem wurzelte als alle Künste. Denn nicht nur mit der Kunst, deren Gesetze Ihnen zu zeigen meine Aufgabe ist, verhält es sich so, sondern auch mit jener, die alle Menschen üben und die zu lernen Sie hauptsächlich hierher gekommen sind – mit der Sprache.

Die Hauptfehler unserer Zivilisation sind auf die Annahme zurückzuführen, daß eine edle Ausdrucksweise ein durch Grammatik und Betonung erlernbarer Kunstgriff sei, da sie doch nur der sorgfältige Ausdruck eines richtigen Gedankens ist. Alle Vorzüge einer Sprache wurzeln in der Moral. Sie wird deutlich, wenn der Sprecher wahrhaftig sein will, klar, wenn er mit Wohlwollen und dem Wunsche spricht, verstanden zu werden, kraftvoll, wenn er ernst ist, anmutig, wenn er Sinn für Rhythmus und Ordnung besitzt. Die Sprache hat keine Vorzüge, die sich durch Kunst lernen lassen. Ich möchte die Bedeutung einer der erwähnten Eigenschaften näher erläutern. Man kann das Wort eines Menschen wirklich nur dann verstehen, wenn man sein Temperament versteht. Ebenso wird einem andern unsere Ausdrucksweise eine fremde Sprache bleiben, wenn er unsere Natur nicht versteht, und diese Tatsache macht die Kunst der Sprache vor allen andern Künsten zum vornehmsten Werkzeug eines wahrhaft gebildeten Menschen. Die Bedeutung eines Wortes gründlich verstehen, heißt die Natur des Geistes verstehen, der es geprägt hat. Das Geheimnis der Sprache ist das Geheimnis des Mitempfindens, und ihr ganzer Zauber ist nur den edelsten Naturen zugänglich. Deshalb auch sind die Grundgesetze einer schönen Sprache durch eine aufrichtige und gütige Sprache festgelegt worden. Nach den Gesetzen, die die Aufrichtigkeit gegeben hat, kann man später eine falsche, anscheinend schöne Sprache ableiten, doch ist jede solche Äußerung, sei es in der Rede oder in der Poesie, nicht nur ohne dauernde Kraft, sondern sie zerstört auch die Prinzipien, die sie sich zu Unrecht angeeignet hat. Solange unsere Worte unserem Glauben entsprechen, so lange kann sich die Kunst der Sprache veredeln. In dem Augenblick, da sie nach äußerlichen Grundsätzen geformt wird, wird sie flach und ist keiner Entwicklung mehr fähig. Diese Wahrheit wäre längst allbekannt geworden, wäre nicht in den Zeiten vorgeschrittener akademischer Wissenschaft stets die Neigung erwacht, die Aufrichtigkeit der Meister einer Sprache zu bezweifeln. Wer in der Schreibweise eines älteren Autors anmutig zu schreiben gelernt hat, wird leicht glauben, daß auch dieser in der Manier eines andern geschrieben habe. Ein edler und richtiger Stil ist bis jetzt aber immer nur aus einem aufrichtigen Herzen hervorgegangen. Wer seinen Stil bilden will, darf keinen Schriftsteller lesen, der nicht wirklich meinte, was er sagt. Nur von einem solchen Menschen kann jemals ein wahrhaft großer Stil geschaffen werden. Finden Sie einen Mann, der eine neue, bedeutende Art zu schreiben hat, und Sie haben den Verkündiger neuer Wahrheiten oder aufrichtiger Leidenschaft gefunden. Ihre ganze Methode, zu lesen, wird so eine beschleunigte und vertiefte sein, denn da Sie wirklich überzeugt sind, der Autor meine, was er sagt, werden Sie umso sorgfältiger zu würdigen suchen, was er sagt. –

Von noch größerer Wichtigkeit ist es, zu wissen, daß jede Schönheit, die sich in der Sprache einer Nation verkörpert hat, bedeutungsvoll für die innersten Gesetze ihres Wesens ist. Wenn das Wesen eines Volkes streng und mannhaft ist, seine Verkehrsformen ernst und höflich, sein Sinn auf gerechte Taten gerichtet, so wird seine Sprache notwendigerweise eine große sein. Rückwirkend ist es daher nicht möglich, daß eine Sprache edel ist, deren Worte nicht wie Trompetentöne zum Handeln rufen. Jede große Sprache befiehlt große Dinge. Ihr Atem ist Inspiration, und man kann nur lernen zu sprechen, wie große Leute sprachen, wenn man wird, wie sie waren.


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