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Der Apostroph

Einen Leser in Kansas beschäftigt das folgende, gar nicht wildwestliche Problem:

27. August 1924

Schon lange warte ich auf eine weitere Fortsetzung Ihrer »Sprachlehre«. Und würde es dankend begrüßen, wenn Sie es der Mühe wert fänden, sich einmal über Ihre Anwendung des Apostrophs zu äußern. Etwa an folgender Stelle von »Traumtheater« (Seite 18)

So ist's, so sei's, so b1eib' es allzumal:
quäl ich die Lust dir, mach zur Lust die Qual!

Ich suche vergebens nach einer ganz befriedigenden Lösung meines Zweifels: warum bei dem Wort »bleib« das Zeichen gebraucht wird, und es bei den Worten »quäl« und »mach« wegfällt. Allerdings fiel mir bald ein, daß die Anwendung im ersten Falle ein typographischer Tempo- und Gewichtsbehelf sein könnte, wie umgekehrt das Weglassen in den beiden anderen Fällen: daß also vielleicht der Apostroph in der ersten Zeile die kleine Verlangsamung markieren, und die Emphase auf jenes Wort ein wenig unterstreichen sollte; während in der folgenden Zeile ein Hinweis auf die Abkürzungen dem beschleunigten Tempo gerade hinderlich wäre. Aber so plausibel diese Erklärung erscheinen mag, ich kann ihr doch nicht recht trauen; sie kommt mir allzu spitzfindig vor. Da sie aber die einzige Antwort ist, die mir mein Zweifel eingab, und ich nicht annehmen darf, daß das Anwenden und Weglassen des Apostrophs bei Ihnen auf Zufall oder gar Willkür beruht, so wäre ich Ihnen von Herzen dankbar, wenn Sie den merkwürdigen Fall gelegentlich behandeln wollten. A. B.

Die Frage wegen des Apostrophs ist mit der gar nicht spitzfindigen Erklärung beantwortet. Sie ist umso weniger spitzfindig, als sie einen Vorgang erläutert, der, meiner Erinnerung nach, kein Überlegungsvorgang war. Ob aber eine solche Unterscheidung – vor allem zwischen dem Positivgehalt des ersten und dem Negativgehalt des zweiten Verses – in allen Fällen mit vollem Bewußtsein geschieht, ist ebenso gleichgültig wie ob sie in ähnlichem Fall ein anderes Mal eintreten würde, wo vielleicht das Gewicht der Worte wieder anders verteilt wird. Grundsätzlich ist, was der Schreiber empfindet, ganz richtig. Doch deckt sich seine Erklärung auch mit einer, die von außen her die gleiche Unterscheidung rechtfertigt. Im allgemeinen vermeide ich die apostrophlose Abknappung, hier, in der zweiten Zeile, ist sie nötig zur Unterscheidung von »bleib'«, dem als einem Konjunktiv der dritten Person der Vokal überhaupt nicht genommen werden kann wie dem Indikativ der ersten (quäl) und gar dem Imperativ (mach), dessen Vokallosigkeit ja eine an und für sich richtige Form ist. Daß der Konjunktiv als solcher das e nicht entbehren kann, deckt sich ganz und gar mit der Auffassung, daß hier eben ein nachdrücklicherer Ton gegeben ist. Jener wäre völlig entwertet, wenn durch Gleichartigkeit – insbesondere bei Setzung aller Apostrophe – das Ganze in das Tempo gemächlicher Spruchweisheit gerückt würde. »Ist's« und »sei's« ist nicht nur aus demselben Gefühl gerechtfertigt, sondern wieder auch von außen her damit, daß – abgesehen von dem bedenklichen Lautbild eines »ists« und »seis« – das darin voll empfundene und im Folgenden gesetzte »es« nicht verkürzt werden darf. Der mir unbekannte und anonyme Schreiber des Briefes, eines der erwünschtesten, die ich je erhalten habe, gehört dem Briefpapier nach der »University of Kansas« an. Mir erscheint die Mücke, die da über den Ozean kam, beträchtlicher und wunderbarer als der Elephant, der ihn kürzlich überflogen hat. So bin ich; so ist's, so sei's, so bleib' es allzumal.


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