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Missdeutungen

Da steh' ich nun, ich armer Tor!

Im Volkstheater aber geht der Vorhang auf, und es sitzt ein alter Herr bei schlecht beleuchtetem Pult und deklamiert: »Habe nun, ach, Philosophie«, ohne daß jemand wüßte, warum er das just dem Publikum erzählt ... Und warum bei solch trockenem Wetter plötzlich der »erflehte Geist« um den »Faust« schwebt, ein Geist freilich, der sofort seine Theaterkunst verrät, indem er fälschlich deklamiert: »Du gleichst dem Geist, den du begreifst« (statt daß er schaudernd sagte: »Den du begreifst«). Begreifen sie überhaupt? Beide begreifen nicht!

Und Herr Liebstöckl, der sich doch sogar ein Doktorat zugelegt hat? Begreift er, daß er den Vers nicht begriffen hat und mit seiner öden Betonung nur dann recht hätte, wenn der Vers nicht lautete: »Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!«, sondern »... den du begreifst, nicht ich!« Natürlich wären (was aber weder jener noch der Schauspieler begreifen und treffen würde) beide Worte zu betonen, das heißt: das zweite zu betonen und das erste nicht unbetont zu lassen. Dem äußeren Sinn der Stelle genügt aber der Schauspieler mit der ausschließlichen Betonung des zweiten, und »fälschlich« hat nicht dieser deklamiert, sondern Herr Liebstöckl kritisiert. Etwas nicht begreifen, ist schließlich jedermanns Recht, aber einem andern daraus einen Vorwurf zu machen ist das Vorrecht des Kritikers. Herr Liebstöckl, dem der Geist wirklich nur schaudernd sagen könnte: »den du begreifst«, hätte besser getan, sich mit der Zitierung von »Habe nun, ach! Philosophie« zu begnügen. Diese Stelle kennt er gründlich, bis zu den Worten: »heiße Doktor gar«.

Handel mit Sprachgut

Es gibt wenige Motive der Fackel, die noch nicht von deren Lesern mißverstanden worden wären, und allen Bitten zum Trotz erfolgt, damit es immer wieder dargetan sei, die Zusendung von Zeitungsausschnitten und sonstigem Material, das im Fall der Tauglichkeit ja noch unerwünschter ist, aber zumeist doch nur die Unzuständigkeit des satirischen Blickes dartut, der da in meiner Vertretung die Welt betrachten zu sollen glaubt. Von einem solchen wohlmeinenden Helfer wird mir, sichtlich mit Anknüpfung an das Motiv der geschändeten deutschen Sprachdenkmäler, der Prospekt eines Violinsaitenerzeugers zugesandt, der die Verse von dem Strengen mit dem Zarten, dem Starken und dem Milden nebst dem Ergebnis des guten Klanges verwendet und behauptet, daß die Herstellung nach seinem Verfahren »auf Grundlage des Sinnes obigen Zitates aus Schillers Glocke beruht«. Das wird von einem Rufzeichen eskortiert, in der sicheren Überzeugung: da gibt es einen guten Fang. Aber uneben daran ist nichts als die falsche Zitierung des ersten Wortes: »Wo« statt »Ob« das Spröde mit dem Weichen sich vereint zum guten Zeichen, also die Gleichstellung mit der folgenden Konstruktion »Denn wo das Strenge usw.« (während es im Original doch die Ausführung von »Prüft mir das Gemisch« bedeutet und nicht die Ursache des »guten Klangs«). Ein sprachliches Heiligtum nun ist die ebenso berühmte wie leere Stelle mit der – schlecht verteilten – dreifachen Antithese der analogen Begriffe und Formen (das Spröde, das Strenge, das Starke gegen das Weiche, das Zarte, das Milde) keineswegs; ihrer gemeinplätzigen Sinnigkeit hat sie eben die Popularität zu verdanken, die sie längst der satirischen Verwendung preisgegeben hat. Das darf mit aller Ehrfurcht vor dem hohen Menschentum des Versifikators solcher Lehrmeinungen, die schon Jean Paul aus dem Bereich des Dichterischen entfernt hat, gesagt werden. Sicherlich läßt sich jedoch ernsthaft, ohne Blasphemie und sogar mit einem hinzutretenden Etwas von einer neuen Sinnigkeit dem Werk der Saitenerzeugung das Rezept beischließen, das dem Glockenguß den guten Klang sichert. Der Fall, wo zitiert und nicht variiert wird, ist durchaus nicht dem Erdreisten jener zahllosen Kategorien von Koofmichs und Vereinsmeiern gleichzustellen, die in Goethes »Über allen Gipfeln« frohgemut den diversen Interessendreck einsetzen. Es handelt sich auch nicht um Schuhwichs oder Margarine, und daß, wenngleich in geschäftlicher Absicht, für ein Musikinstrument gelten soll, was für die Glocke gilt, ist weder an und für sich unwürdig noch der fatalen Geläufigkeit jener Verse unangemessen. Es wäre selbst nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Verschönerungsverein Goethes Verse, wie sie sind, zur Anpreisung einer Waldlandschaft in seinen Prospekt aufnähme; greulich ist eben nur, daß jede ulkige Händlersorte nach der Reihe aufsagt, wo jeweils Ruh', nämlich Pleite ist und was du derzeit kaum spürest außer dem Gestank, den sie zurückläßt. Was der Einsender, der es sicherlich besser gemeint als gedacht hat, in dem Prospekt übersah, ist weit ärger: die eigene Sprache des Händlers. Für den weichen Klang seiner Saite, der durch eine »Bindung zwischen Darm und Metall«, also wirklich durch so etwas wie die zitierte Paarung entsteht, mag er sich getrost auf Schiller berufen; aber nur im deutschen Sprachgebiet ist es möglich, daß eine Reklame in großen Lettern einen Titel führt wie diesen:

A. B.'s nach neuem Verfahren hergestellt en und temperiert en Original G und C Saiten für Streicher.

Die völlige Hemmungslosigkeit, mit der die deutsche Zunge deutsches Sprachgut behandelt und just dort, wo es einen guten Klang geben soll: wo von »Ton- und Quintenreinheit«, von »andauernder Tonschönheit« die Rede ist – das ist das einzig Bemerkenswerte, das Um und Auf der nationalen Frage und hierin ist offenbar der eigentliche Rückhalt eines Volkes, das bald keine Sprache mehr haben wird, um der Welt zu beteuern, daß es nicht untergehen kann.

Der Ton

– – Davon gar nicht zu sprechen, daß einen solchen Brief, aus dem der Byzantinismus geradezu herausstinkt, wohl ein Monarchist, bei dem der Schwachsinn das Gefühl ist, schreibt, den »Ton« aber überhaupt niemand nachahmen kann; wer vermöchte einen Satz zu konstruieren wie den Schlußsatz: »Ihre Majestät wird auch Gelegenheit geben, in allernächster Zeit von ihr auch zum persönlichen Vortrag empfangen zu werden«? Der Monarchist, den die Exkaiserin ein überirdisches Wesen dünkt, vermag den »Gedanken«, daß sie bereit wäre den monarchistischen Agitator demnächst zu empfangen, in dieser allen grammatischen Regeln baren, nur auf »Ehrerbietung« bedachten Form auszudrücken; erfinden läßt sich derlei überhaupt nicht ...

Und wenn der Brief hundertmal echt war, gerade der »Ton« könnte die Annahme rechtfertigen, daß er erfunden sei. Warum sollte den Ton »überhaupt niemand nachahmen können«? Dann wäre überhaupt keine Zeile in den »Letzten Tagen der Menschheit« von mir, wo zu den Dokumenten aller Sphären auch aller Sprache gesprochen wird. Und der zitierte Satz spottet ganz und gar nicht aller grammatikalischen Regeln – das gute Beispiel einer solchen hat wohl ein Druckfehler durch den Dativ unvorbildlich gemacht –; er ist grammatisch ganz richtig und es handelt sich vielmehr um das Problem eines Stils, dem durch die getreue Erfüllung der dargestellten Sphäre geradezu das Reguläre gelingt. Der majestätische Wahn, der solchen Ausdruck findet, mag absurd, der »Gedanke«, den er ausdrückt, lächerlich sein. Aber die Distanzierung, die beabsichtigt ist: daß also die Majestät nicht etwa Gelegenheit hat, jemand zu empfangen, sondern Gelegenheit gibt, von ihr empfangen zu werden, so daß der, dem es bevorsteht, in weiterer Passivität verharrt – dies gerade ist ganz entsprechend bewältigt. Die Majestäten schreiben eben so oder lassen so schreiben und der Stil ist gut, wenn auf ihre Art gesagt wird, was gesagt sein soll. Und nichts läßt sich eher erfinden oder nachbilden – von dem, der das Ohr hat – als die Besonderheit einer Sphäre, und umso leichter, je absurder sie ist und je mehr sie als solche von der gesellschaftlichen Norm absticht. Die Echtheit der Wendung ist kein Beweis für die Echtheit des Briefes. Da würde ich eher noch glauben, daß den Satz, der an der gleichen Stelle zu der Meldung vom reichen Kindersegen einer sächsischen Familie zu lesen war:

Ochott ja! Die doitsche Famülje, das deutsche Gemüt sie sind doch zuu süß!

ein echter Sachse geschrieben hat.


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