Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Wenn das Wort ergriffen wird

Ganz entartet sind sie, wenn Fremde kommen. Da bewirkt nicht nur der Freudenschock, daß sie sich noch mehr gehen lassen als wenn sie unter sich sind, sondern sie rechnen auch damit, daß jene sie ohnehin nicht verstehen werden, und umsoweniger, wenn sie Deutsch verstehn. Freilich vergessen sie dabei, daß kein Fremder so wenig Deutsch versteht, daß er nicht doch verstünde, wie wenig sie es verstehn. Um da einen Ausgleich herbeizuführen, werden zumal die Reden solcher Ausländer, die die Mission der Völkerverständigung haben, in schlechtem Deutsch wiedergegeben, wodurch schließlich doch das Ziel gefördert wird. Sagt zum Beispiel eine Amerikanerin, um dem Neuen Wiener Journal aus der Verlegenheit zu helfen, die Musik sei die Sprache, die wir alle verstehen und die alle sonstigen Gegensätze überbrückt, so wird ihre Höflichkeit wie folgt formuliert:

Die Kunst scheint uns als das beste Verständigungsmittel zwischen den Völkern.

Die Fremden machen sich also durch gebrochenes Deutsch verständlich, das sie auch perfekt beherrschen, sobald sie nur den Fuß auf Wiener Boden setzen und dessen sie leichter habhaft werden als eines Autos am Westbahnhof. Gleichwohl dürften die Italiener, die beim Fußballmatch unterlagen, gefunden haben, daß ein Satz wie der in der Arbeiter-Zeitung bei ihnen nicht vorkommen könnte:

Das kommt daher, daß diesmal jeder instinktiv gefühlt hat, daß es sich hier um mehr gehandelt hat als um ein harmloses Spiel, das heute der und morgen jener gewinnt und keine weitere Aufregung lohnt.

Sie würden lieber trachten, einige von den vier »daß« und »das« zu ersparen als das unentbehrliche fünfte, das da lohnt, weil sie das vierte, das gewinnt, als Objekt (Akkusativ) spüren würden, welches nicht zugleich auch als Subjekt (Nominativ) dienen kann. Nein, sprechen würde es der Wiener Schreiber auch nicht, aber wenn er schreibt, so hört er nicht, sondern sieht nur ein »das«, das ihm als ein wahrer Entoutcas-Schirm so entgegengesetzte Bedürfnisse zu decken scheint. Es ist in der Tat am besten, daß die Überbrückung der Gegensätze, nämlich die Völkerverständigung, die in Wien unternommen wird, durch Musik erfolgt, mit der ja alle sich notwendig ergebenden Gesprächspausen ausgefüllt werden.

Ob mit diesem nun schon seit Jahren währenden Tralala, dieser ununterbrochenen Kirmes eines Feiertagslandels, wo das Miserere ein Walzer ist und noch zur Erinnerung an Jubiläen jubiliert wird – ob damit Anleihen zu holen sind, muß sich ja endlich einmal herausstellen. Sicher ist, daß mit dieser sich unaufhörlich selbst besingenden Musik von der Pauvreté der sprachlichen Belange abgelenkt werden kann. Gefährlich sind nur Kongresse, denn da muß doch auch geredet werden, wenngleich nach der Arbeit des Tages wieder gedudelt wird; und was erst herauskommt, wenn es sich um einen Kongreß von Schriftstellern handelt, das hat man gerade jetzt erfahren. Die Leute, die von berufswegen die Sprache nicht beherrschen, bieten da als Festredner keine besondere Überraschung, aber interessant ist, wie im Bannkreis des Schrifttums sogleich auch die Funktionäre, die zur Begrüßung aufwarten, ein noch schlechteres Deutsch sprechen als sie von amtswegen verpflichtet sind. Wobei gerechtermaßen die Möglichkeit eingeräumt sein muß, daß ihre Rede nur in der journalistischen Wiedergabe, die vielleicht ihrerseits der Gelegenheit angepaßt ist, die besondere Unbeholfenheit gewinnt. Aber da man noch nie erlebt hat, daß einer dieser Würdenträger sich gegen das Gestammel, das ihm in den Mund gelegt wird, verwahrt habe, so darf man ihm, wenn schon nicht die Autorschaft, doch getrost die Verantwortung aufbürden. Wie man nur liest, daß da einer nach dem andern vortrat und »das Wort ergriff«, so erschrickt man bereits für das arme Wort, dem es nicht gut ergehen wird. Dem Bundespräsidenten freilich kommt bei solcher Gelegenheit die Gymnasialprofessur (Horn) zugute, so daß er »ein altes römisches geflügeltes Wort variierend« meinte:

So wie man einst sagte, in ihrer Toga hätten sie Krieg und Frieden verborgen, so möchte ich nun variieren: Sie, meine Damen und Herren, haben in Ihrer Feder Krieg und Frieden verborgen ...

Wer waren die »sie«? Doch ausschließlich der römische Abgesandte vor dem zweiten punischen Krieg, den er eben in der Toga hatte, und nicht etwa die damaligen Literaten. Daß Herr Miklas den Damen und Herren vom Pen-Klub so etwas sagte und noch zu dem Kompliment fortsetzte, ihnen sei es »vorbehalten, Völker zum Haß zu entflammen oder aber in Frieden zu versöhnen« – das läßt die Frage offen, wozu eigentlich diese Regierenden auf der Welt sind, wenn sie die vitalsten Interessen der ihnen anvertrauten Völker der außeramtlichen Vertretung überlassen. Daß Herr Miklas »eine ungeheure Achtung vor der Macht der Schriftsteller und Dichter« hat, ist schön von ihm, er meint aber natürlich die Journalisten, welche ja vermöge einer Unverantwortlichkeit, der keine Staatsgewalt entgegenzutreten wagt, wirklich über Krieg und Frieden entscheiden, die nur nicht in ihrer »Feder« verborgen sind, sondern in dem Mechanismus, mit dem sie die Vorstellungsfähigkeit kaputt machen. Die Existenz von Scheinregierungen neben dieser einzigen Machtrealität, die es heute gibt, ist bloß der Spott, den die Völker zum Schaden noch draufkriegen. Was aber Herr Miklas den Damen und Herren vom Pen-Klub gesagt hat – von welchen diese keine Toga und nicht einmal jene eine Feder haben –, ist lediglich das, was es heute noch gibt, weil eben kein Umsturz an den Riten und Rhythmen des Offiziantentums etwas ändern könnte und weil die Blödmacherei eines republikanischen Wesens, das ausschließlich in der Beurlaubung von Kaisern und in der Einklammerung von Adelsprädikaten besteht, nicht mehr gespürt wird. Es ist eben einer der Gemeinplätze, deren Betreten Festrednern gestattet ist, und es »beinhaltet« (ein schönes neudeutsches Wort, das die Weisung auszudrücken scheint, einem solchen gleich das Bein zu halten und nicht den Mund) – es enthält also eine ziemliche Überschätzung des Aktionsradius der Pen-Gemeinschaft, deren Mitglieder doch wohl mehr zu dem Zweck zusammenkommen, ihre Beziehungen zu Verlegern, Theaterdirektoren und insbesondere zu Kritikern, die sie alle nebst Autoren sind, auszubauen und zu vertiefen. Die Ansprüche reduzieren sich da ähnlich wie bei Nestroy: »Na, vielleicht bekomm' ich einen, der mir einige Millionen zu Füßen legt!«, sagt eine Schwärmerin. »Versteht sich, ich bin froh, wenn du einen kriegst, der mir die Kost gibt«, erwidert der praktischere Vater. Der Pen-Kongreß ist eine Zusammenrottung von Leuten, die beim ehrlichsten Bestreben einzelweis doch nicht die Fähigkeit hätten, sich wichtig zu machen, und die unter dem pompösen Vorwand, »das Mißtrauen zwischen den Nationen zu beseitigen«, eher hoffen können, daß es mit dem Mißtrauen gegen die Individuen gelingen werde. Ehedem hat für diesen Zweck die Logenbrüderschaft ausgereicht, doch das pazifistische Ideal offeriert freibleibend noch genug Bruderhände, daß bei den eigentlichen Interessen angetaucht werden kann, und da es sich um eine Unternehmung handelt, die der Presse nahesteht, so wird weder mit offiziellen Ehrungen noch mit den Steuergeldern geknausert, die Regierung und Gemeinde für die Fressereien zur Verfügung stellen. Das Aufreizende liegt nicht in dem immer erneuten Versuch einer Idealisierung von Geschäften, die die Unbeteiligten schädigen, und in der Prellerei einer auf Fremdenfang dressierten Bevölkerung, die immer wieder wähnt, daß die Fremden, die sie gratis bewirtet, auch nur einen herbeilocken werden, der dafür zahlt. Den, der immer wurzend sich bemüht, zur Wurzen zu machen, wäre noch der versöhnliche Ausgang. Aber das Erstaunliche ist das Durchhalten der Weihestimmung, ohne daß das Einverständnis der Auguren sich jemals in dem »Lächeln« verriete, das diesem Wien bei solchen Anlässen als Spezialität der Grazie, als Merkmal seiner Duldsamkeit nachgerühmt wird. Der Stil der Ansprachen verrät in einem Grad die Abgenütztheit der Walze, daß man sich fragt, wie lange das Werkel noch vorhalten kann und ob nicht doch einmal der Entschluß reift, die Feste zu unterbrechen, auszuspannen und einen Arbeitstag einzuschalten. Denn wozu dient solches:

Dann wies Bundespräsident Miklas in seiner Rede auf die außerordentliche Bedeutung Wiens schon als Zentrum der Dichtkunst hin. Er betonte, daß in den Donauländern die deutsche Ilias, als die er das Nibelungenlied bezeichnete, entstanden ist und daß hier Walter von der Vogelweide singen und sagen gelernt hat, ebenso wie hier Nestroy, Raimund und viele andere, deren Namen momentan nicht alle zu nennen sind, hier gewirkt haben.

Daß der Bundespräsident Miklas so gesprochen hat, glaube ich der Zeitung aufs Wort. Nicht unbegreiflich ist, daß er die Namen momentan nicht alle nennen könnte. Aber zum Zentrum der Dichtkunst ist Wien erst durch seinen Vorgänger Hainisch geworden, dem er vermutlich auch die Information verdankt, daß hier außer diesem auch Walter von der Vogelweide singen und sagen gelernt hat. Das ist eine weitverbreitete Version, die den Fremden im Kampf der Wagen beim Westbahnhof zwischen »Gengan S' füri« und »Fahr zuwi« angeboten wird, die in New York noch nicht den geringsten Eindruck gemacht hat und deren Häufigkeit bisher auch nicht imstande war, ihre Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Denn wenn man schon in Gottesnamen es gelten lassen wollte, daß Walter von der Vogelweide (Herr, wenn ich bitten darf!) hier singen gelernt hat – sagen hat er bestimmt wo anders gelernt. Aber nehmen wir selbst an, auch dies wäre der Fall und in einer Vorzeit deutscher Sprachübung möglich gewesen, so bliebe noch immer die hier doch stets aktuelle Frage offen, was wir uns dafür kaufen, und vor allem, was es einer Gegenwart nutzen soll, in der auf eine Art gesagt wird, daß es einfach unsagbar ist. Die Schriftsteller, denen diese Empfehlung Wiens dargeboten wird und auf die auch der Hinweis auf das Nibelungenlied keine aneifernde Wirkung ausüben könnte, wissen am besten, daß dies der wunde Punkt in ihrem Berufsleben ist. Und die Festredner beweisen auf der Stelle, wie es mit dem Sagen hapert. Nach dem Bundespräsidenten ergriff der Bürgermeister das Wort und »betonte«:

daß Wien nicht mit allzu reichen Schätzen aufwarten könnte, es sei denn, daß die sprichwörtlich gewordene Wiener Gastfreundlichkeit und Dankbarkeit des Wiener Publikums dem internationalen Schrifttum gegenüber genüge.

Das ist mehr als genug, weil

es sei denn mit der Gastfreundlichkeit und Dankbarkeit des Wiener Publikums

genügen würde, oder

es muß die Gastfreundlichkeit ... genügen.

In »es sei denn« ist nämlich die Genüge schon enthalten, es sei denn, daß diese Wendung nicht als Formel der Beschränkung gedacht wäre, sondern als der Hauptsatz: »So sei es denn«. (Auch die Absonderung ins Figürliche: der im uneigentlichen Sinne gedachten eigentlichen Schätze, läßt keinen Spielraum; die Genugtuung ist verbraucht.) Ferner ist offenbar nicht gemeint, daß die Dankbarkeit »gegenüber« dem Schrifttum, sondern dem Schrifttum genügen soll. Schließlich wäre zu sagen, daß die Wiener Gastfreundlichkeit, wenn sie eh' schon sprichwörtlich geworden ist, nicht mehr zitiert werden muß. Immerhin war es gut, daß ein Vortrag der Wiener Sängerknaben die eindrucksvolle Feier beendet hat, denn die haben bestimmt hier singen gelernt.

Was aber Präsident Salten vorher gesagt hatte, wurde am nächsten Tage nachgetragen. Er, der doch zu vielem fähig ist, gab bescheiden zu, er sei damals in Oslo »nicht fähig gewesen, ein Loblied auf Wien anzustimmen«

so wenig wie ein Mann imstande ist, seine Frau oder seine Kinder vor den Leuten anzupreisen.

Die entstehende Scharte wird in diesem Fall so ausgewetzt, daß nachdem Herr Salten über sämtliche Darsteller von »Leinen aus Irland« mit Ausnahme einer einzigen Darstellerin referiert hat, Korreferent Wertheimer einen Absatz nachträgt, dessen positiver Inhalt für den Referenten natürlich eine angenehme Überraschung bildet (denn jener hätte das Kind doch auch tadeln können). Ganz wie Vater Korngold das Loblied auf den Seinigen vor den Leuten taktvoller Weise dem objektiveren Herrn Reitler anvertraut. Und ebenso überläßt Salten es den anderen Festrednern, die vielleicht in Wien nicht so zuhause sind wie er, seine Stadt anzupreisen. Der Präsident des Pen-Clubs, der als Autor der »Josefine Mutzenbacher« Wien bis in die enteren Gründe kennt, gibt für seine Zurückhaltung einen Grund an, in dem sich diese Autorschaft doch nicht ganz verleugnen kann:

Das wäre mir wie Exhibitionismus erschienen.

Dieser krankhafte Trieb in Bezug auf Wien haftet nun bekanntlich den meisten Wienern an, ohne sie leider mit dem Strafgesetz in Konflikt zu bringen, ja sie scheuen sogar nicht davor zurück, wenn sie vor den Fremden die Vorzüge entblößen, darauf hinzuweisen, daß auch ihr Muatterl eine Wienerin war. Salten, der solches Tun verschmäht, indem er überzeugt ist, daß die Fremden schon von selbst dahinter kommen werden, macht das so:

War ich in Oslo durch begreifliche Hemmungen gebunden

(die Mutzenbacher wird jetzt neu aufgelegt)

etwas über Wien zu sagen, so bin ich jetzt, da Ihre Blicke auf dieser Stadt ruhen, ebenso begreiflicher Weise jedes Wortes enthoben.

Jetzt kann er im Gegenteil offen bekennen:

Wir haben Sie mit Absicht hier in diesem Saale versammelt, bevor wir unsere gemeinsame Arbeit beginnen.

Der Saal ist nämlich der Kuppelsaal des Belvedere. In Oslo habe er gemeint, die Pen-Leute müßten zu den Mißhandelten kommen, jetzt aber sage er, daß es nur die halbe Wahrheit war:

Das Lächeln, das Sie hier empfängt, ist echt. Es ist ein unzerstörbares Lächeln. Es war immer schon da, in glänzenden Jahrhunderten und in schweren Zeiten.

Ob man da bloß an »Madame l'Archiduc« zu denken hat, wo für den Empfang das Lächeln vorgeschrieben wird? Oder auch an den Hamlet, der sich's niederschreiben will, daß einer es immer tun kann und dabei doch dem Bekessy Dienste leisten? Und das Lächeln zeigte sich nicht auf den Gesichtern solcher Anwesenden, die einigermaßen informiert sind? Herr Galsworthy, der ja dem Salten ein Vorwort geschrieben hat, scheint nicht zu diesen zu gehören. Er wollte das unzerstörbare Lächeln, das ihn hier empfangen hatte, zum Abschied noch auf dem Gesicht der Grete (v.) Urbanitzky erkennen, der er schrieb:

Das Lächeln auf Ihrem Gesicht an Stelle der Ermüdung wird für mich immer eine(r) der angenehmsten und anregendsten Erinnerungen an den Wiener Penklubkongreß sein. Nur Mut! ... Ich küsse Ihre Hand und bin Ihr Galsworthy.

Wozu die Urbanitzky Mut braucht, ist nicht so ersichtlich wie die Anregbarkeit Galsworthys. Dabei hat alles in Wien gelächelt, nur er nicht. Er blieb sogar bei den Worten ernst, die er selber beim Abschiedsbankett sprach, bei dem Schubert seine Schuldigkeit tun mußte, und die Phantasie Galsworthys Nahrung erhielt. Zunächst meinte er, er beuge sich vor Wien, dessen Artigkeit und sonstige Qualitäten mit Gold nicht aufzuwiegen seien und weit erhaben über Reichtum und so irdische Sachen. Was wieder sehr an Nestroy erinnert, der einen Dankbaren zu seinem Retter sagen läßt, Geld sei eine Sache, die einen Mann von solcher Denkungsart nur beleidigen würde, und es heiße den Wert seiner Tat verkennen, wenn man sie durch eine Summe aufwiegen wollte. (Worauf jener Titus, dem der Wiener aufs Haar gleicht, anerkennend bemerkt: »Der Marquis hat ein Zartgefühl – wenn er ein schundiger Kerl wär', hätt' ich g'rad 's nämliche davon«.) Galsworthy, weit entfernt, zu lächeln, überließ sich nun völlig der Rührung im Kreise der Mitstrebenden, die er – ich weiß nicht, ob auf deutsch oder nach einer Übersetzung von Trebitsch – folgendermaßen angesprochen haben soll:

Wir waren ein Traum, nun aber sind wir Wirklichkeit geworden. Wie ein Baum wachsen wir bei Regen und Sonnenschein. Die Vögel in der Luft setzen sich auf unsere Zweige und singen zweiundvierzig verschiedene Lieder, ohne einander doch je nicht zu verstehen. Oder, um ein anderes, weniger dichterisches Gleichnis zu wählen, wir sind eine Ansteckung – nicht der Krankheit, sondern der Gesundheit. Wir sind der Baum, aus welchem sich eine Epidemie guter Gesinnung über alle Welt verbreiten wird.

Die Vögel in der Luft, die sich auf die Zweige des Pen-Clubs setzen, der aus einem Traum ein Baum geworden ist, und die einverständlich in nicht weniger als zweiundvierzig Sprachen singen, würden gewiß auseinanderfliegen, wenn ich mich ehedem, der Einladung folgend, als Walter von der Vogelscheuche dort etabliert hätte. Aber das weniger dichterische Gleichnis, mit dem der Redner das Milieu des Pen-Clubs mit dem Standardwerk seines Präsidenten verknüpft hat, wurde von der Neuen Freien Presse in Sperrdruck gebracht. Keineswegs um die Metapher des Baumes, aus dem sich eine Epidemie verbreitet, ins rechte Licht zu rücken. Nein, der arme Wirrkopf, der den Leitartikel schreibt und Titelparolen ausgibt wie »Laßt die Waffen verrosten!« und »Laßt die auswärtige Politik aus dem Spiele!« (so zwischen: »Nehmet Holz vom Fichtenstamme« und »Gebts Ruh!«) – der arme Teufel stellte fest:

John Galsworthy hat gestern im Pen-Club eine Ansprache gehalten, die jedem Zuhörer ans Herz griff.

Ich weiß nicht, ob die Metaphorik des Herrn Galsworthy über den Interessenkreis des Zsolnay-Verlages hinaus trägt und ob seine Phantasie nicht erst durch den Umgang mit Wiener Pen-Brüdern zugenommen hat, zu dem er vielleicht ahnungslos gelangt ist und der seinem geistigen Bild wohl Eintrag tut. Wenn sich aber die Vögel in der Luft auf so ansteckenden Bäumen niederlassen und dort singen und sagen können, haben sie es sich selbst zuzuschreiben. Dem Neuen Wiener Tagblatt zufolge hätten sie zur Galsworthy-Feier, die den Kongreß eingeleitet hat, keinen Platz mehr gefunden, denn:

Das geistige Wien war reichlich vertreten, die Anhänger des Dichters drängten zu den Abendkassen, um vergeblich noch Einlaß zu verlangen ...

Verglichen mit dieser Zweckhandlung war der Plan Goethes, der im Wald so für sich hinging und nichts zu suchen im Sinn hatte, die reine Schwärmerei. Aber daß die Anhänger des Dichters auch erreichten, was sie angestrebt haben, ist aus dem Grunde kein Wunder, weil man die Freikarten nach dem Telephonbuch ausgegeben hatte. Eine positivere Errungenschaft des Pen-Kongresses dürfte nebst den Gelegenheiten, wo wir, Champagner zu schlürfen, nicht nur haben zuschaun, sondern auch bezahlen dürfen, und nebst einem Tee bei Schneiderhan, an dem wir gleichfalls nicht unbeteiligt waren, der Antrag gebildet haben, die Schutzfrist der Autoren auf fünfzig Jahre auszudehnen. Eine sozialpolitische Tat, die nicht nur die Interessen der Hinterbliebenen wahrnimmt, sondern wodurch auch die Schutzfrist der Leserschaft gegen die Autoren des Pen-Clubs prolongiert wird. Sie würde zugleich zu der Lösung des Sprachproblems beitragen, das mir von Kind auf der Genitiv in jener Mahnung bedeutet hat, wonach Anlagen dem Schutze des Publikums empfohlen sind.


 << zurück weiter >>