Jean Paul
Dr. Katzenbergers Badereise
Jean Paul

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IIII.
Dr. Fenks Leichenrede auf den höchstseligen Magen des Fürsten von Scheerau

Dr. Fenk hielt die Predigt im Kloster Hopf an die Patres, da sie aßen. Schon vor 8 Jahren hab' ich jedermann in der unsichtbaren LogeErster Band, S. 114. berichtet, daß er vorher in der Klosterkirche die Disposition dazu entworfen, während daß man den Magen beisetzte. Seitdem las ich in Mosers Archiv, daß aus Leichenpredigten für Fürsten vieles von ihrer Geschichte zu schöpfen sei; ich verteile daher mit Freuden einige Exemplare vom Sermone an die Welt, zumal da man mich fest versichert, daß selber der Konsistorial-Direktor Frommann, der (nach Moser) siebentausend fürstliche Leichenpredigten aufgespeichert, die Dr. Fenkische noch nicht hat erwischen können.

Die Patres im Kloster Hopf verdienen hier meinen öffentlichen Dank und Preis, daß sie den Spaß, der den ernsten Mann oft mitten in der Trauerrede auf den hohen Magen überfiel, ganz gut verstanden und vergeben haben. Dieses vermag die katholische Kirche leichter als unsere. Gerade in die andächtigsten Zeiten fielen die Narren- und Eselfeste, die Mysterienspiele und die Spaßpredigten am ersten Ostertage, bloß weil damals das Ehrwürdige noch seinen weitesten Abstand von diesen Travestierungen behaupteten wie der Xenophontische Sokrates vom Aristophanischen. Späterhin verträgt die Zweideutigkeit des Ernstes nicht mehr die Annäherung des Scherzes, so wie nur Verwandte und Freunde, aber nicht Feinde einander vor den komischen Hohlspiegel führen dürfen.

Dr. Fenk machte schon vor dem Essen die Patres dadurch aufmerksam, daß er anmerkte, er würde nie, wenn er auf dem Throne säße und davon tot heruntersänke, sich in so großen breiten Bruchstücken begraben lassen wie die östreichischen Erzherzöge, nämlich nie, wie diese, bloß Herz und Zunge in die Lorettokapelle bei der Hofkirche zu den Augustinern, Eingeweide und Augen in die heilige Stephanskirche und den Torso in die Gruft bei den Kapuzinern: – sondern jeder Stummel, schwur er, und jede Subsubdivision seines Gemächs müßte, wie vom Osiris, in ihren eigenen Gottesacker einlaufen. Denn – fragt' er die Väter – warum soll ein Regent nicht nach dem Tode ebensogut überall in seinem Lande sein wie vorher, und zwar durch Repräsentanten, wozu seine Glieder so gut wie Staatglieder passen? Und wenn das gelte, fuhr er fort, so könn' er ja recht gut das geheime Kabinett zur Begräbniskapelle für seine Schreibfinger erlesen, die Antichambre für Milz und Leber, den Audienz- und Landtagsaal für die Ohren, die Kammer für die Hände, den Regensburger Re- und Korrelationsaal als Familiengruft für die Zunge; – ja er könne die Kaiserstraßen oder Königwege zur geweiheten Erde seiner ersten Wege ausheben und den fernen Fuhrstraßen die letzten geben, und die Landstände können sich (die Residenz besitze sein Herz) in seine einsaugenden Gefäße teilen. »Mich dünkt,« – sagt' er etwas stolz, da er auf einmal die ganze schöne Idee überschauete –, »gegen ein solches topographisches Universalbegräbnis kommt wohl wenig das elende kleine Partialbegräbnis auf, wozu es einer und der andere gekrönte Stammhalter dadurch treibt, daß er noch bei Lebzeiten aus eignen Gründen nach dem Chirurgus schickt.« –

Die Eßkongregation fand den Doktor so oratorisch, daß sie ihn bat, statt des Novizen, der eine Predigt über die Speisetafel hinlesen wollte, selber eine eigne zu halten. Er zog eine Schreibtafel heraus und sagte, diese setz' ihn instand, dem eingesargten Magen eine kleine rührende Tisch- und Trauerrede zu halten; er bitte sich bloß vom Hörsaale die Gefälligkeit aus – weil er im Redefeuer etwas vor sich sehen müsse zum Ansehen und Anreden –, daß er einen im Zimmer liegenden, zum Knaul eingerollten Retter und Schirmer (oder wars ein anderer Jagdhund) für den Leichenmagen halte und sich sämtlich für das Trauerkondukt des Schirmers. Dann trat er nach dem ersten Tischgebet ganz bewegt als Parentator vor das Tier, besah es lange und hob an:

Betrübte Trauerversammlung!

Nun haben wir unsern Landes-Magen verloren, hier liegt sein kalter Rest auf die Bahre hingestreckt. Er, der sonst für uns arbeitete und sorgte, wenn wir schliefen, ruht endlich aus von seiner Bewegung, welche so peristaltisch war. Wir wollen über das Staatsglied, das wir hier zur Ruhe bestatten, zugleich die allgemeinsten und besondersten Betrachtungen durcheinander werfen.

Ein Fürst repräsentiert das Volk, aber nicht bloß mit dem Herzen den allgemeinen Willen, sondern auch in mehren Ländern mit dem Magen den allgemeinen Appetit; in Spanien setzen die Reichsgesetze dem Könige täglich eine Schüssel-Zenturie vor; und in Frankreich ließen sie für ihn nach dem Tode – denn der König stirbt da nie, nach der Fiktion – gerade so viele Tage lang kochen, als Christus hungerte, nämlich 40Erst 40 Tage nach dem Tode wurde ein gallischer König begraben; und so lange speist' er auf der Serviette. Ein Prälat oder Kardinal verrichtete das Tischgebet vor ihm.; ja die Bienen weisen auf etwas Ähnliches. ihre Dogaressa oder Fürstin wird durch zwei Umstände groß und thronfähig, durch eine größere Zelle – ein Bienen-Louvre und Eskurial – und durch fettern Fraß, aus zerdrückten Bienenjungen bereitet. Im letzten hält sich der König von Makoko ganz wörtlich an die Natur: er läßt sich täglich (nach Dapper) 200 gesottene und gekochte Landskinder servieren. Wie hart! Wäre es nicht genug und etwas Ähnliches, wenn er entweder wie ein durchpassierender aufschmausender Pascha Zahngeld für das Abnutzen seiner Hundzähne eintriebe, oder für die Vakanz derselben außerordentliche Steuern einfoderte? –

Daher wird sogleich nach der Krönung der Thron als ein Sessel an den Eßtisch gerückt, und Speisen ist der erste öffentliche Aktus des Neugekrönten; daher muß der Erbherr auf Bardolf, der die Grütze auf die britische Königstafel trägt, der Herr von Lyston, der das Gebäck aufsetzt, der Erbherr auf Scoulton, welcher Oberspeckverwalter ist, samt andern Erblandküchenmeistern und Erblandvorschneidern, früher ihren Posten vorstehen als andere Staatbedienten von weniger Wichtigkeit, z. B. der Lord-Mayor oder der Sprecher des Unterhauses.

Darum wird in bessern Ländern darauf gesehen, daß der Mundkoch nicht mit dem Regierungrate, den man so gern über jenen heben möchteIm Kölnischen aber erhielt (s. Magazin zur geist- und weltlichen Statistik 1. Jahrg. VIII. 2.) der Mundkoch 602 Taler Salar, und ein Regierungrat 250; so daß jeder nach Verhältnis das bekam, was er fordern konnte., in eine Klasse geworfen werde, da jener doch am Ende für die längere Sessiontafel arbeitet. Daher speiste der verewigte Magen, den wir hier versenken, so oft öffentlich vor seinem ganzen Fürstentume, um diesem das Regieren zu zeigen, wie der Groß-Sultan eben deswegen jeden Freitag in die Kirche geht. Der Dalai Lama hält es für hinlänglich, wenn er die Folgen von der Sache sehen läßt. Der Negerkönig ist so despotisch, daß er stets hinter der Decke ißt.

Das Gesandtenpersonale glaubt seinem repräsentierenden Charakter durch Gastmahle genugzutun, die es teils gibt, teils besucht. Auch geringern Staatdienern darf er nicht ganz fehlen. Es verdient bewundert zu werden, wie ich sonst in der Fleischscharre eines Marktfleckens stand und mehrmal aus einem Rind, das eben ausgehauen wurde, den Adreßkalender der Honoratioren so komplett herstellte wie die Passionhistorie aus einem Hechtkopf; ich teilte die Männer bloß, wie Frisch die Vögel, nach dem Futter ein. Dem regierenden Konsul, der am meisten zu sagen hatte, starb vom Tier die Zunge an – fette Kollegen erhielten Fettstücke – innere Ratglieder hintere Rindglieder – äußere nur vordere – der magern Canaille, die nichts an sich hat als Haut und Knochen und leeres Gedärm, kam von dem Maststücke auch nichts anders zu, als was sie schon in sich selber herumführte. Von den Opferschalen, welche die Künstler den alten römischen Kaisern, wie dem dorischen Fries, anbilden und anmalen, behauptete ich stets, daß sie nicht das Ausgießen, sondern das Einschöpfen vorstellten. In der Natur fließt zwar von den Bergen den Tälern fette Erde zu, aber im Staate mästen besser die Tiefen die Höhen. So ist der päpstliche Thron zwar ein Hungerturm, aber nicht für den Bischof Hatto droben, sondern für die zappelnden Kirchenmäuse unten, die nicht hinauf können.

Betrübtes Trauer- und Eßgelag! Du seufzest unter dem Genuß des Leichenmahls, womit du das Abscheiden unsers Magen feierst, und die Bissen treiben dir Tränen aus. Wische sie ab, setze deine Trauer darein, daß du in den Fußstapfen des hingegangenen Gliedes wandelst. Ihr wisset, Leidträger, daß ihr im Kirchenschiff, eurem Proviantschiff, nicht umsonst fahret, sondern daß euer Leben ein langes Nachtischgebet sein soll, hingebracht nicht in gelehrter Zerstreuung, sondern in genossener. Da der Klerus-Magen in den Kloster-Prytaneen der erweichende Vogelkropf am Staat-Phönix sein soll; da die Kirche euch bloß darum, wie Epikur und andere Alte, so oft fasten läßt, um den Hunger zu reizen, und sie euch sogar das Gelübde des Schweigens unter dem Essen auflegt, damit euch alles besser zuschlage: so seid ihr verbunden, der großen Welt voranzugehen, die so schwache Eßlust und doch so viel zu essen hat; weil sie das Brokardikon Marcians nicht bloß auf Dokumente einschränkt: non solent, quae abundant, vitiare scripturas, d. h. es tut nichts, was zuviel dasteht. – Ritter Michaelis bewies, daß die Priester des alten Bundes bloße Schlächter wären; und dies spreche für euch.

Muntern euch keine Staatglieder auf, die in ihren Pflichten starben? – Hier liegt ein betrübtes, aber großes Beispiel vor uns; der hier unten seinem Erwachen entgegenschlafende Magen kam durch Arbeitsamkeit an den Ort, wo wir ihn betrauern. Er wollte zuviel auf sich nehmen und in Saft und Blut verwandeln – er wollte, gleich dem Wasser der Neptunisten, ganze ausgeleerte Austernbänke für die Nachwelt absetzen – er wollte eine europäische Niederlassung wichtiger Konsumtibilien werden und alles einführen in sich: – jetzt schläft er.

Wird er aber wieder erwachen, unser hoher Magen, zum Lohne seiner Arbeiten?

Hoch-, Hochwohl-, Wohl-, Hochedelgeborne Trauerversammlung! Das ist ausgemacht! Nicht zwar der irdische schwere Magen ersteht, aber der verklärte. Bonnet und Platner kundschafteten im jetzigen Körper und Seelenorgan einen zweiten Körper aus mit seinem zweiten Seelenorgan und führten Gründe an, die es glauben lassen, daß sich das zweite konserviere und letztlich aufschwinge. Ist das, und füttert in der Tat ein feiner Unterziehmensch den äußern groben aus: so muß sich auch in dem ersten Magen ein präformierter ätherischer aufhalten, wie beim Krebs der alte im neuen. Schon Van Helmont wickelt die sensitive Seele in die Magenhaut, und Parmenides gar den ganzen Geist. – – Wie, sollte keine glückliche Erfahrung die Hypothese eines Äthermagens stützen? – Woher kommt es denn, daß die vornehme Welt, wenn sie den Erdenmagen ausgefüllt hat, sich doch immer nach feinerer Zehrung für den Himmelmagen umsieht? – Himmel! was sind denn Schaugerichte? – Sind diese nicht eben die vollen Schüsseln für den ewigen Magen, der sie daher bloß mit den feinsten Freßspitzen, mit den Sehnerven aufzehrt? Das Phänomen der Schaugerichte wurde bisher noch schlecht erklärt; und wenige Leute in Schulen wußten, warum sie den Namen Schau-Essen Materien und Formen lassen sollten, die höchstens nur für den Vogel Strauß brauchbar und nahrhaft wären. Allein es bringt Licht in die Sachen, wenn man erkennt, daß eine speisende Hoftafel ja nicht bloß die untern Seelenkräfte des Unterleibs, die nur materiellere Trebern fodern, sondern auch die obern Seelen- und Magenkräfte, die, wie bei den Krebsen, im Kopfe, und zwar im Auge sitzen, entwickeln will an optischem Manna. Veredelte, übersinnliche Seelen dieser Art, welche, dem Volke des Ktesias so ungleich, das sich nur vom Geruch der Früchte erhält, viel feiner von der Physiognomie derselben leben, diese haben in ihrem eignen Bewußtsein den gewissern höhern Beweis einer schönern höhern Natur, gleichsam des Magens eines neuen Adams; und bloß darauf können sie die Hoffnung ihrer Fortdauer bauen. Die Völker, welche dem Toten Speise versetzten und mitgaben, die er mit dem gestorbenen Magen nicht verdauen konnte, scheinen etwas von einem fortlebenden vorausgesetzt zu haben. Indes, so wie ein Lasterhafter im ganzen Himmel kein Vergnügen fände, so würde ein Hungerleider – voll grober Begierden – in einer ganzen Garküche voll Schaugerichte keine Sättigung gewinnen; er muß erst veredelt (oder gesättigt) sein. Gebildete Damen haben meist den irdischen Magen dermaßen ertötet, daß sie – so wie Christus, nach dem Clemens von Alexandrien, Essen genoß, nicht weil ers brauchte (eine himmlische Kraft macht' ihn satt), sondern um sich nicht das Ansehn eines Scheinkörpers zu geben – daß, sag' ich, die Damen gleicher Weise grobe Sachen essen, nicht um satt zu werden (Schaugerichte beköstigen sie genug), sondern um zu zeigen, daß sie selber keine Schau- oder Schein–Körper sind, um so mehr, da ihre Pariser Schau- oder Schein–Wangen, Schein-Adern und –Haare so leicht diesen Irrtum weitersäen.

Und so wird denn der selige Magen vor uns einst die irdischen Schlacken abschütteln und geläutert erwachen und im Anschauen ewiger Küchenstücke leben. – –
 

So weit war Dr. Fenk, als der Pater Küchenmeister aus Bosheit den Schirmer mit einem Tritt auf den Schwanz erweckte und ihm ein leeres Markbein zuwarf, so daß der Hund anfing, mit dem Bein im Maul herumzugehen. Inzwischen da der Leichenredner nur noch fünf bis sechs Kadenzperioden nachzutragen hatte, so ging er lieber fortfahrend hinter dem Tiere nach und sagte: »Und wir, wenn wir Landes-Waisen einst unserm hohen Magen wieder begegnen und ihm danken wollen für« – – Da aber der Hund, voll Verdruß über das Nachsetzen, vielleicht präsumierend, der Redner woll' ihm den Knochen nehmen, zu murren anfing und sich wehren wollte: so fiel die Sache ins Lächerliche, und selber der Parentator mußte mitten im Jammer lachen und brach ab.....


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