Jean Paul
Dr. Katzenbergers Badereise
Jean Paul

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45. Summula

Ende der Reisen und Nöten.

Die sechs Finger und acht Hasenbeine waren so erquickende Zuckerröhre, an denen Katzenberger unterwegs saugte, daß er nach dem Unfall wenig fragte, sowohl die Abrechnung der Reisekosten mit Nießen vergessen zu haben als das Aufheben des weggeworfenen Windpistols bei Stryk. Das letzte sollten ihm, beschloß er, ein paar höfliche Zeilen nachholen. Er ließ galoppieren, um noch vor Untergang des Mars über das großpoleiische Grenzwappen hinauszufahren. Dann stieg er in Fugnitz aus und genoß bei Licht seine Mißgeburten ruhiger.

Nach einem kräftigen Extrakt von kurzem Schlaf flog er der Tochter nach und durch das Städtchen Huhl mit gezognem Giftpfeil vor dem Hause des Pharmazeutikus vorbei. Dieser stand eben unter der pharmazeutischen Glastüre und unter der Wappen-Schlange seiner Offizin neben dem Orts-Physikus und zeigte diesem ohne Hutabziehen und sonstige Gruß-Schüsse mit ausgestrecktem Arme den Giftmischer und Hasendieb.

Erst spät, bei Licht-Anzünden, kam er zu Hause an. Er hörte, Theoda, die schon vormittags angelangt, sei bei ihrer Freundin. Halb verdrüßlich machte er sich nach Mehlhorns Wohnung im Erdgeschosse auf, welches für ihn den Vorteil hatte, da es abends durch Fensterladen verschlossen war, daß man ungesehen durch sie hineingehen konnte.

Katzenberger war ein Mann von vielen Grundsätzen, worunter er einen hatte, den zarte Seelen, welche die menschliche, von keiner sichtbaren Gegenwart gemilderte Schärfe der Urteile über taube Abwesende schwer ertragen, ihm nicht so leicht nachbefolgen konnten, nämlich den, zu – horchen und zu luken. Darum erklärte er besonders Fenster-Läden der Erdgeschosse für die besten Operngucker und Hörmaschinen, die er nur kenne; und sagte, solche Läden schlössen etwas wohl dem Räuber, aber nichts dem Herzen zu – und man schaue nie ruhiger und schärfer in Haushaltungen als durch zarte Ritzen, entweder in einen offnen Himmel oder offnen Schaden, und er wisse dieses aperturae Jus oder diese servitus luminum et prospectus, kurz diese Licht-Anstalt mit nichts zu vergleichen als mit Totenbeschau und Leichenöffnung; nie sei er von solchen Fensterläden weggegangen, ohne irgend einen Gewinn davonzutragen, entweder eines Schmähwortes auf ihn oder sonst einer Offenherzigkeit.

Durch den Fensterladen sah er nun mit Erstaunen die Wöchnerin Bona im Bette und in ihren Händen zwei fremde Hände, die sie aufeinander drückte, Theodas und Theudobachs, indem sie ihr klares, obwohl mattes Auge mit so viel Entzückung und Teilnahme zu den beiden Liebenden aufhob, als sie ihrem Zustand erlauben durfte. – Er sah ferner, wie der Umgelder mit (geborgten) Weingläsern und mit (bezahltem) Weine ohne Anstand, aber lebhaft umhersprang und den Aufguß seiner eignen Begeisterung einer himmlischern vorhielt und anbot, sogar der neuen Kindbetterin, welche indes mitten in der ihrigen genug Bedachtsamkeit besaß, diesen bösen Honigtau des Wochenbettes auszuschlagen. Er vernahm sogar, daß der Zoller ein Wagstück mit seiner Zunge bestand und sagte: »Gnädigster Herr Gevatter, aufs hohe Wohl unseres Paten!« – Von dem Nachmittag und der vorigen Nacht war also (sah er durch die Spalten) das Pfund jeder Stunde gewissenhaft benutzt und auf Zinsen der Liebe angelegt. Nie sah die blasse hellblauaugige Bona verklärter und durchsichtiger aus als in dieser Stunde des Mit-Entzückens, aber ihre Verklärung verschönerte auch die fremde; denn ein liebendes Paar erscheint zärter und himmlischer durch den Widerschein einer teilnehmenden Freude.

Jetzt hörte der Doktor den Zoller ausrufen: »Ich gäbe meine Hand darum, wären der Herr Doktor Gevatter da; meine scharmanten Brautleute wären aufgeräumter und stießen an.« – Der Zoller hatte als ein Mann, der wenig anders noch in der Welt scharf beobachtet hatte als Zoll und Umgeld, aus Theodas Bleich- und Ernst-Sinn den Schluß gezogen, sie bange vor des Vaters Entscheidung; wiewohl die heitere Rose bloß vor der heißen Sonne der Liebe und Entzückung zur weißen erblaßte. Der tiefe Ernst der Liebe griff ihr ganzes munteres Wesen an. Der Hauptmann, schon von Natur und Wissenschaft ernst, war durch die plötzliche unberechnete Lohe der Liebe nur noch ernster geworden; denn sonst irgend eine äußere Störung (Perturbation) seines Liebe-Hesperus durch den Vater Saturn oder Mars kam ihm bei seiner mathematischen Hartnäckigkeit und kriegerischen Entschlossenheit gar nicht in Betracht, ja wenig in Sinn. Mehlhorn fuhr fort: »Ich setze meine Ehre zum Pfande, die Sache geht.« Vergeblich winkte ihm Bona. »Ich weiß sehr gut«, sagt' er, »was ich sagen will; ich kenne meinen teuersten Herrn Gevatter Doktor so gut als euch selber, und vermachen ihm Dieselben auf Ihrem herrlichen Rittergut Ihre ganze Höhle voll Bärenknochen zum Ausleeren: so weiß ich, was ich weiß.«

Der Doktor ärgerte sich am Fensterladen, daß Mehlhorn bei Kräften sein wollte und keck – denn derselbe Liebhaber aller Kraft-Menschen wird doch verdrießlich über einen Schwächling, welcher plötzlich, wenn auch nur im Trunk-Mut, etwas vorstellen und dadurch das Verhältnis der Unterordnung schwächen will –; doch sagte zu sich der Doktor: »Übrigens ists gut, und ich bin Herrn Theudobachs gehorsamer Diener und Schwiegervater, wenn es mit der Höhle richtig ist.«

Der Doktor trat gelassen ins Zimmer und sah jeden unverlegen an. Die verschiedenen Konzertisten der harmonischen Liebe mußten gegen den eintretenden Taktschläger sich in angemessenen Spielen der Harmonie darstellen. Die Tochter hatt' es am leichtesten, sie hatte einen Vater zu empfangen und zu küssen. – Auch der Zoller unternahm bei so viel Wein im Kopf mit Erfolg die schwersten Umhalsungen. Nur der Schwiegersohn, Theudobach, begab sich gegen Katzenberger, der ohnehin mit lauter Winterseiten besetzt war, mit Anstrengung in das gewöhnliche krause Höflichkeit-Gefecht zwischen kühlen Schwiegervätern und heißen Schwiegersöhnen. Je feuriger und reifer der Doktor das Ja im Herzen hatte, desto fester verkorkte er es darin; schon auch darum, um dem ergötzenden Ringel-Frontanze um sein Vaterherz herum zuzusehen. Bona durchblickte sogleich die Ineinanderwirrung; der nun trocknere Hauptmann, der neben dem Alten die Hand der Tochter nicht fortbehalten konnte, schien ihr Anstalt zum Abzuge in sein Quartier im Sinne zu haben, um sich aus demselben an den Nordmann mit der Feder zu wenden. Auch der geheizte Kopf des Zollers, schiens ihr, versprach mit allen seinem Reverberier-Feuer nicht viel Licht für den Ausgang der Sache.

Aber sie tat es kühn ab; sie bat die Gesellschaft um einen einzigen Augenblick, um mit ihrem alten Arzte ein Wort zu reden. Man ging leicht, nur Mehlhorn schwer.

Sie leitete wirklich mit einigen Kranken-Fragen ein, ehe sie den Doktor zur Geschichte ihrer Freundin, zu der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft derselben überführte. Zuletzt kam ihr eben aus Wöchnerin-Schwäche ihre Schwäche ganz aus dem Sinn, und sie ließ Herz und Zunge flammen für Theoda. Ihr verschwinde zwar, sagte sie, mit ihr das halbe Glück des Lebens; wenn aber diese dadurch das ganze gewinne, so weine sie gern ihre heißesten Tränen.

Der Doktor bat, ihn mit den nähern Verhältnissen des Mannes in Bekanntschaft zu setzen. Sie erzählte, ihr Mann habe schon vormittags bei mehr als fünf Studenten aus Theudobachs Nachbarschaft Nachrichten über seine Umstände und über die Wahrheit seiner Versicherungen einziehen müssen, aber lauter Bejahungen eingebracht, wie sich denn im ganzen Wesen desselben der Mann von Wort ausweise. Sie nahm so viel Anteil an Theudobachs Reichtum als Katzenberger selber; und es steht einer schönen Seele nicht übel an, für eine fremde dasselbe Irdische zu beherzigen, das sie für sich selber versäumt. »Sie können ja – setzte sie lächelnd hinzu – unter einem sehr guten Vorwand selber hinreisen und sich alles mit Augen befühlen; er hat nämlich auf seinem Gute eine Höhle voll Bären- und Gott weiß was für Knochen. Für die Tochter gibt er Ihnen freudig alles, was er von toten Bären hat; es wird schon was zu einem lebendigen übrig bleiben für die Ehe.«

»Ich – versetzte der Doktor – bin gewissermaßen dabei. Weibleute kann man nicht früh genug auf jüngere Schultern abladen von alten; wir armen Männer werden bei allem Gewicht leicht in ihnen geschmolzen, wie z. B. Bleikugeln in Postpapier ohne dessen Anbrennen. Sie soll ihn vor der Hand haben, bedingt

Hier war der Umgelder schon von der Türe (er hatte, um sie nicht aufzumachen, davor gehorcht) abgeflogen zum Braut-Paar; vierundzwanzig blasende Postillione stellte er vor, um das gewonnene Treffen anzusagen. Vielleicht hätten sie wenig dagegen gehabt, hätte sich der Sieg auch einige Stunden später entschieden. Die Liebenden kamen zurück, und in ihren Augen glänzte neue Zukunft, und auf den Wangen blühte die Gegenwart. Der Umgelder wollte auf einem Umweg durch die Knochenhöhle – als einem tierischen Scherbenberge Roms – der Sache näher kommen und tat dem Hauptmann die Frage, was er für Schönheiten auf seinem Landgute verwahre. Aber dieser wandte sich, ohne Antwort und Umweg, gerade an den Vater und legte ihm den durchdachten Entschluß seines Herzens zum Besiegeln vor. Katzenberger murmelte, wie verlegen, einige Höflichkeit-Schnörkel, bloß um sich bestimmtes Loben zu ersparen, und äußerte darauf: er sage ein bedingtes Ja und schieße das unbedingte freudig auf dem Gute selber nach, wenn ihm und seiner Tochter der Hauptmann erlaube mitzureisen. »Warum soll ichs nicht sagen?« fuhr er fort, »ich bin ein gerader Mann mit dem ganzen Herzen auf der kleinen Zunge. Ich wünschte wirklich den unterirdischen Schatz zu sehen, dessen Herr Zoller gedachte, und Sie mögen immerhin dies für einen Vorwand mehr aufnehmen, um meine naturhistorische Unersättlichkeit zu befriedigen.« Ob er nicht eine wahre Verstellung in die scheinbare verbarg und eigentlich gerade dem Reichtum über der Erde unter seinem Vorwand eines tiefern nachschauen wollte, konnte außer der hellen Bona wohl niemand bejahen; sondern eine triumphierende Kirche frommer Liebe, ein Brockengipfel tanzender Zauberfreude wurde das Zimmerchen; und selber Katzenberger stellte in dieser Walpurgisnacht voll Zauberinnen schöner als sein Urbild (der Teufel) den umtanzten Brocken-Helden dar.

Nachdem er, um die allgemeine Entzückung und die eigne lustiger zu ertragen, den nötigen Wein getrunken: so macht' er sich unversehends, in der Flucht vor vier Dankstimmen, nach Hause und sagte unterwegs, die Augen gegen den Sternenhimmel gerichtet: »Rechn' ich auch nur flüchtig nach, daß ich einen achtfüßigen Hasen – eine sechsfingrige Hand – die goldfingerige eines Schwiegersohns auf einer kurzen Reise gewonnen, wobei ich nicht einmal im Vorbeigehn die Strykische Schreibtatze anschlage, auf die ich geschlagen – und schau' ich in die Höhle hinein, wo ich auf ganz andere Höhlenbären als auf die kritischen stoßen soll: so kann ein Mann, der auf einer Reise ums Weltmeer nicht mehr hätte fischen können als ich auf meiner ins Maulbronner Bad, dafür Gott, sollt' ich denken, nicht genug danken.«

Werft noch vier Blicke in den kleinen Freudensaal der vom Vater-Ja beglückten Liebe und der beglückten Freundschaft zurück, eh' ihr von allen auf immer geht! Solche Abende und Zeiten kommen dem dürftigen Herzen selten wieder; und obgleich die Liebe wie die Sonne nicht kleiner wird durch langes Wärmen und Leuchten, so werden doch einst die Liebenden noch im Alter zueinander sagen: »Gedenkst du noch, Alter, der schönen Juli-Nacht? – Und wie du immer froher wurdest und deine Bona küßtest! – Und wie du, Theoda, (denn beide fallen einander unaufhörlich in die Rede) den guten Zoller herztest! – Und wie wir dann nach Hause gingen, und der ganze Himmel funkelte, und das Sommer-Rot in Norden ruhte – Und wie du von mir gingst, aber vorher einen ganzen Himmel in meine Seele küßtest, und ich im Lieberausche leis' an meinem Vater vorüberschlich, um den müden nicht zu wecken – – Und wie alles, alles war, Theoda; ich bin kahl, und du bist grau, aber niemals wird die Nacht vergessen!« – So werden beide im Alter davon sprechen.

Ende der Badgeschichte.


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