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21.

Fast zur selben Stunde, in der die Geschworenen sich zurückgezogen hatten, um den Wahrspruch über Karl Beck zu berathen, saß Hildegard in der Wohnstube mit einer Handarbeit beschäftigt.

Sie sah noch bleicher und niedergeschlagener aus, wie am vorhergehenden Abend. Ungeduldig verfolgte sie den Zeiger der tickenden Wanduhr, welcher ihr noch niemals so schneckenhaft langsam von der Stelle gerückt zu sein schien.

Sie hatte Rudolph gebeten, ihr von dem Ausgange der Gerichtsverhandlung, falls er nicht selbst kommen könnte, sofort Nachricht zu senden. Nun wies die Uhr schon auf die zweite Nachmittagsstunde, und noch immer hatte sie keine Nachricht.

Draußen wirbelte der Wind die falben, herbstlich gefärbten Blätter durch die Luft. Die Bäume zeigten schon kahle Aeste und der Blüthenschmuck der sorgfältig gepflegten Teppichbeete war dahin. Ueber Nacht hatte Alles einen grauen, fahlen Anschein erhalten.

Hildegard vermochte von ihrem Fensterplatze aus über den Park hinweg bis auf die Straße zu schauen, so gelichtet hatte sich schon das bis dahin so dichte Gezweig.

Mechanisch verfolgte sie einen Wagen, der sich in beschleunigtem Trabe durch die entblätterte Ahornallee den Fabrikgebäuden näherte. Erst als er dann mit plötzlichem Rucke vor dem Portale der Villa hielt, durchzuckte sie der Gedanke, daß vielleicht ein Bote von Rudolph kommen werde, um ihr das Endergebniß der Verhandlung zu melden.

Als sie nun aber die Gestalt ihres Bräutigams den Wagen verlassen sah, durchzuckte ihr Herz ein gar seltsamer Schauer.

Sie schalt sich selbst, daß nicht helle Freude ihr Inneres durchzuckte; kam Hugo doch früher, als sie selbst anzunehmen gewagt hatte. Er pflegte in der Regel erst nach dem Essen zu kommen, um dann den Abend bei ihr zu verbringen.

Gleich darauf trat er ein und eilte, offenbar in großer Erregung, auf seine Braut zu, die noch immer am Fenster stehen geblieben war. Er erfaßte mit bebendem Drucke ihre Hände. »Hildegard, ich komme –« brachte er mit solch' entstellter, rauh klingender Stimme hervor, daß er selbst erschrak und jäh wieder verstummte.

Das junge Mädchen bebte am ganzen Körpern »Mein Gott, wie bist Du erregt!« hauchte sie endlich, den zagenden Blick noch immer unverwandt auf Hugo's Angesicht gerichtet. »Du bringst Unglück mit Dir, ich fühlte es, als ich Dich kommen sah.«

»Hildegard,« begann ihr Verlobter, »beruhige Dich. Es ist wahr, ich komme anders, als sonst. Ich – ich bin gezwungen, mit Dir über unsere Zukunft zu reden –«

»Ich las es lange schon in Deinen Augen, daß etwas vorgegangen ist, was Dich bedrücken muß,« fiel Hildegard ihm ins Wort. »Sprich offen zu mir, sage mir, was Dein Herz bedrückt – ich bin bereit, Alles zu hören.«

Der junge Mann schlug die Augen nieder; es schien, als ob er den Blick Hildegard's nicht mehr zu ertragen vermöchte. »Was soll ich Dir sagen,« stieß er endlich hervor. »Ich bin gekommen, um mir Gewißheit von Dir zu holen. Ich – ich stehe zum letzten Male vor Dir in diesem Raume. Ein Geschäft ruft mich nach auswärts Es kann lange dauern, bis ich zurückkehren kann – und darum –«

Da faßte ihn plötzlich das junge Mädchen bei den Händen und zwang ihn förmlich, ihr in die Augen zu schauen. »Keine Lüge jetzt zwischen uns, Hugo,« bat sie. »Es muß Alles klar und offen zwischen uns sein, und wenn es das Schlimmste ist, enthülle es mir. Ich habe versprochen, Dir eine Gefährtin sein zu wollen in Freud und Leid, im Glück und Unglück, und wenn es das Härteste ist, es kann nicht schlimmer und furchtbarer sein, als das langsame Ersterben meines Glückes, wie es die letzten Wochen über mein Herz bedrückte.«

Ein langes Stillschweigen entstand im Gemache. Der Baron hatte die Augen wieder niedergeschlagen, er schien einen harten, langen Kampf zu kämpfen. »Hildegard,« begann er endlich wieder, »ich habe gräßliche Stunden durchlebt, ich kann sie Dir nicht schildern. Aber Eines habe ich klar und deutlich gefühlt, daß ich Dich lieb habe, ja Dich so liebe, wie ich niemals geglaubt habe, an einem anderen Wesen hangen zu können. Und doch, Hildegard, muß ich vor Dir stehen und Dir bekennen, daß ich ein Elender bin, daß ich nicht werth bin, dieselbe Luft mit Dir zu athmen, daß es für mich besser wäre, ich ginge bis an's Ende der Welt, als Dich in mein jammervolles Elend zu verflechten.«

Das junge Mädchen schaute ihn entsetzt und doch wieder mit liebendem Ausdrucke an. »Klage Dich nicht an, Hugo; es thut mir so wehe, aus Deinem Munde solche Worte zu hören. Sage mir, was geschehen muß, sage mir, was Du von mir verlangst. Ich habe mich Dir vor Gott anverlobt, es gibt für mich keine Lebenslage, die meine Treue zum Wanken zu bringen vermöchte.«

»Nun gut, Hildegard. Ich möchte eine Frage an Dich richten, deren Beantwortung mein zukünftiges Schicksal in sich birgt. – Glaubst Du, daß es ein Wesen geben könnte, das entsagend und selbstlos genug wäre, um zu einem tiefgefallenen Menschen zu sprechen: ›Laß uns in ein fernes Land fliehen, wo Niemand Dich kennt, wo Niemand ahnt, was Dir im Herzen bohrt und wühlt. Laß uns durch ein Leben voll treuer Liebe und Pflichterfüllung sühnen, was einige Stunden hirnloser Selbstverblendung einst gefrevelt haben.‹ Glaubst Du, Hildegard, daß es solch' ein Wesen geben könnte?«

Das junge Mädchen war todtenbleich geworden. Mit großen, erloschenen Augen starrte sie in die verstörten Züge des geliebten Mannes. »Jetzt verstehe ich Dich, was ich die letzten Wochen über nicht zu ahnen wagte, jetzt ist es in mir zur Gewißheit geworden – ich fühle es jetzt, was Dein Herz bedrückt.«

»Du verachtest mich darum, nicht wahr?« stöhnte Hugo auf. »Es kann ja nicht anders sein. Du mußt mich verachten! Sage es nur, Du stößt mich von Dir, Du –«

Da drang ein leiser Schrei über die Lippen Hildegard's; ohne selbst zu wissen, was sie that, umschlang sie plötzlich den Nacken des unwillkürlich vor ihr auf die Kniee Gesunkenen.

»Nein, ich heiße Dich bleiben,« hauchte sie, »keine That ist so schlimm, daß sie nicht gesühnt werden könnte durch ein reueerfülltes Leben. Nein, Hugo, ich lasse Dich nicht; ich habe Dir geschworen, treu zu sein, bei Dir ausharren zu wollen in Noth und Tod. Es war nicht gut, daß Du so lange Dein Inneres vor mir verbargst. Aber es ist jetzt nicht Zeit, ich will Dir die letzten Augenblicke, die Du noch hier verweilen darfst, nicht trüben. Du mußt fort, heute noch, noch ehe« – sie beugte sich tief zu ihm nieder – »jener Mann verurtheilt ist!« flüsterte sie fast unhörbar.

Hugo sprang von den Knieen auf. »Hildegard, was sagst Du da?« murmelte er verstört. Dann nach einem langen Stillschweigen, während dem er gefühlt hatte, wie der Blick des jungen Mädchens auf ihm brannte, setzte er mit abgewandtem Gesicht hinzu: »Ja, Du hast Recht, ich muß fliehen, heute noch, in dieser Stunde noch!«

Das junge Mädchen war während seiner letzten Worte unwillkürlich an eines der Fenster getreten. Mit einem kurzen Aufschrei fuhr sie nun zurück. »Hugo, nur das Eine sage mir, sucht man Dich schon, weiß man, daß Du zu mir gefahren bist?«

Der junge Baron erschrak furchtbar, er taumelte plötzlich auf den Füßen, die ihn kaum mehr tragen konnten, hin und her. Sekunden vergingen, ehe er einen Laut über die Lippen zu bringen vermochte.

»Man sucht mich hier? Unmöglich! Jetzt schon?« lallte er kaum verständlich.

Das junge Mädchen war wieder an's Fenster geeilt. »Dort hinter den Bäumen stehen Männer,« flüsterte sie heiser, »Männer, die nicht hierher gehören. Aber es gibt einen Ausgang aus dem Park, der nicht bekannt ist. – Hast Du Geld bei Dir?«

Hugo starrte sie verstört an. »Nein –– doch das ist es ja eben. Hätte ich Geld gehabt, dieses verfluchte Geld, hätte ich es gehabt, dann stände ich nicht so vor Dir.«

»Rege Dich nicht auf, es ist keine Zeit für Worte jetzt, es muß gehandelt werden,« unterbrach ihn Hildegard, die inzwischen an den Sekretär geeilt war, diesen geöffnet und einem der Schubfächer eine Anzahl Bauknoten und Goldstücke entnommen hatte. »Hier sind meine Ersparnisse; es ist nicht viel, einige hundert Mark. Komm, nimm – weigere Dich nicht.«

Mechanisch steckte er das Geld zu sich. »Hildegard, Du mußt mich verachten,« keuchte er.

»Behalte im Herzen meine Worte, daß ich Dich lieb haben werde bis in den Tod, mag geschehen, was da wolle. – Und jetzt, Hugo, komm. Ich werde Dich führen. Du kannst durch den Wald bis an die nächste Eisenbahnstation gelangen, von dieser fährst Du bis an die Grenze, von dort aus wirst Du schon weiter kommen. Gott im Himmel wird die Reue Deines Herzens sehen, und wenn sie wahrhaft ist, dann wird er Dich erretten! Ich will beten für Dich, Hugo, beten für unser Glück!«

Sie verließen das Zimmer und traten aus den Gang hinaus.

Hildegard achtete nicht darauf, daß die Dienerschaft, an der sie vorüber mußten, verwundert und kopfschüttelnd ihr und dem von ihr an der Hand geführten Verlobten nachschaute.

Nun waren sie, die Villa durch eine Hinterpforte verlassend, schon im Park.

Eilfertig drängte Hildegard nach der hinteren Mauer. Dort befand sich ein vom Gebüsch halb verdecktes schmales Pförtchen.

Hildegard blieb stehen und lauschte angestrengt. »Nein, nein, es ist nichts,« sagte sie und mit einem plötzlichen, leisen Aufschrei warf sie sich Hugo an die Brust. »Nun gehe mit Gott, er sei Dein Geleiter und beschirme Dich!«

»O Hildegard, ich bin ein Elender, ich verdiene Deine Güte nicht,« murmelte Hugo

»Geh' jetzt, geh'« drängte Hildegard »Jede Minute Versäumniß kann Dich in Gefahr bringen. Hier ist der Schlüssel, schließe auf.«

Er wollte die Weinende umarmen, aber sie stieß ihn plötzlich von sich »Nein, geh' jetzt, geh'.«

Dann sah sie ihm mit starrem Blicke nach, wie er den Schlüssel ins Schloß schob; es gab ein knarrendes, kreischendes Geräusch. Jetzt wendete er sich nochmals nach ihr zurück.

In demselben Augenblick stieß Hildegard einen verzweifelten Schrei aus und sank in die Kniee.

Die Thür war hereingestoßen worden, und in deren offenem Rahmen erblickte Hildegard ihren eigenen Bruder und neben diesem einen ihr unbekannten, ernst und gemessen blickenden Herrn, während mehrere Männer noch hinter Beiden auftauchten.

Bei diesem Geräusch hatte auch Hugo sich umgewendet.

Mit entsetztem Gesichtsausdruck starrte er auf die so plötzlich Erschienenen.

Zu spät, zu spät!

Rudolph eilte der Schwester zur Hilfe. Der Kommissär aber wendete sich an den wie vernichtet dastehenden und vergeblich nach Fassung ringenden Hugo.

»Im Namen des Gesetzes, Herr Baron v. Engler,« versetzte er mit tiefklingender Stimme, zugleich die Schulter des Zurückbebenden berührend, »verhafte ich Sie als des Mordes an dem Trödler Schimmel verdächtig.«

Da aber kehrte auch schon wieder Entschlossenheit in die Gesichtszüge des Barons zurück. »Sind Sie von Sinnen?« fuhr er den Kommissär an. »Sie wollen mich verhaften als Mörder des Trödlers Schimmel? Ich kenne diesen Menschen gar nicht einmal –«

»Doch, doch, Sie kennen ihn, Herr Baron,« entgegnete der Kommissär scharf. »Und nun folgen Sie ohne Widerstand. Das Weitere wird sich finden.«

Einen letzten, erloschenen Blick auf die noch immer bewußtlos daliegende Hildegard werfend, ließ er sich von dem Kriminalbeamten durch die Pforte führen.



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