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5.

Schon in den Vormittagsstunden des nächsten Tages ließ Alberti sich den Angeschuldigten zum Verhör vorführen.

Oft, ja fast immer stellt ein Verhör einen ebenso erbitterten wie schrecklichen Zweikampf zwischen Richter und Angeschuldigtem dar. Der Erstere, die Verkörperung des Gesetzes, kämpft mit der ganzen Kraft, deren er fähig ist, im Interesse der Gerechtigkeitspflege und der Wahrheit, um den Angeklagten seiner Schuld zu überführen. Dieser aber kämpft verzweifelt für sich selbst, für seine Freiheit, ja selbst für sein Leben.

Als Beck in das Amtszimmer des Untersuchungsrichters geführt wurde, nahm Letzterer gerade hinter einem großen Schreibtische Platz, auf welchem verschiedene Gegenstände ausgebreitet zu erblicken waren, darunter ein Grabstichel, vier Eintausendmarkscheine und Bruchstücke der gestern vorgefundenen Amethystkette. Außerdem bedeckten den Tisch noch verschiedene Akten, sowie das Protokoll über die Vorfälle am Tage zuvor in der Engler'schen Villa und in der Wohnung des Mechanikers.

An einem Nebentische vor einem der Fenster saß der Protokollführer.

»Treten Sie näher!« begann der Untersuchungsrichter.

Beck versuchte zu gehorchen, aber er schwankte auf seinen Füßen hin und her.

»Sie scheinen angegriffen zu sein. Sie können sich setzen.«

Beck ließ sich auf einen Stuhl niederfallen.

Alberti fuhr fort: »Sie sind augenscheinlich sehr stark erregt. Wenn nöthig, warte ich gern einige Minuten, ehe ich mit dem Verhör beginne. Die Anklagepunkte, welche Sie belasten, sind derartige, daß Sie Ihrer ganzen Ruhe und Kaltblütigkeit, der ganzen Spannkraft Ihres Geistes bedürfen, um mir zu antworten.«

Obwohl in gemessenem Tone gesprochen, verriethen die Worte Alberti's doch eine gewisse Theilnahme; sie gaben zu gleicher Zeit aber auch zu verstehen, daß in seinen Augen die Lage des Mechanikers eine völlig aussichtslose war.

Der Untersuchungsrichter benutzte die kurze Unterbrechung, um das Protokoll nochmals aufmerksam durchzulesen und sich einige Worte mit Bleistift auf dem Seitenrande des Papiers zu vermerken Jetzt nickte er seinem Protokollführer zu, daß das Verhör beginne. Er eröffnete es mit der Frage: »Sie heißen?«

»Karl Beck.«

»Wie alt?«

»Siebenundvierzig Jahre.«

»Wo geboren?«

»Hierselbst.«

»Verheirathet?«

»Ja.«

»Sie haben Kinder?«

»Eure Tochter im Alter von neunzehn Jahren.«

»Ihre Beschäftigung?«

»Zur Zeit bin ich Mechaniker.«

»Besitzen Sie Vermögen?«

»Ich bin ausschließlich auf den Ertrag meiner Arbeit angewiesen.«

»Sind Sie schon bestraft?«

Diese Frage, welche bei jedem Verhör gleich allen vorangegangenen an jeden Beschuldigten ausnahmslos gestellt wird, jagte dunkle Röthe in Beck's Wangen.

»O niemals – niemals!« rief er aus, »und ich glaubte leben und sterben zu dürfen, ohne daß das Gericht sich jemals mit meiner Person beschäftigte.«

Der Untersuchungsrichter schien auf seine Worte nicht zu hören; er schaute schweigend einige Minuten vor sich bin und schien angestrengt nachzudenken Wieder blätterte er in dem Protokolle; plötzlich hob er das Haupt und richtete einen durchdringenden Blick auf den Angeschuldigten. »Können Sie mir sagen,« fragte er, »auf welche Art und Weise Baron v. Engler und seine Nichte gestern Nacht ermordet worden sind?«

»Die Beantwortung dieser Frage ist mir schon aus dem Grunde unmöglich, weil ich selbst nicht weiß, was Sie von mir zu erfahren wünschen.«

»Dann kann ich es Ihnen ja sagen. Der Baron ist in seinem Bette erdolcht und seine Nichte durch ein starkwirkendes Gift getödtet worden.«

»Mein Gott,« murmelte Beck, »das ist schrecklich!«

Alberti antwortete nicht. Er nahm einen der auf seinem Schreibtische liegenden Gegenstände und hielt ihn dicht vor die Augen des Mechanikers. »Kennen Sie dieses Instrument?«

Beck wurde todtenbleich; sein erster Blick hatte ihn darüber belehrt, daß das vorgehaltene Werkzeug ein Grabstichel war.

»Nun?« fragte der Untersuchungsrichter, »ist Ihnen das Instrument bekannt?«

»Jawohl,« sagte Beck, der sich inzwischen wieder gefaßt zu haben schien. »Das ist ein Grabstichel und sogar bis vorgestern Nachmittag mein Eigenthum gewesen.«

»Und wissen Sie auch, daß mit diesem Instrument der unglückliche Baron v. Engler ermordet worden ist? Wie erklären Sie es, daß Ihr Eigenthum in der Brust des Ermordeten aufgefunden wurde?«

»Damit kann nur ein unglückseliger Zufall Schuld haben,« entgegnete der Verhaftete, »denn ich habe vorgestern Nachmittag sowohl dieses Instrument wie auch verschiedene andere verkauft.«

»An wen?«

»An Herrn Schimmel, meinen Hausherrn.«

Der Untersuchungsrichter nahm ein Blatt Papier, welches mit amtlichem Stempel versehen war, und schrieb auf dasselbe einige Worte. Dann läutete er und befahl einem eintretenden Kriminalschutzmann: »Nehmen Sie einen Wagen, fahren Sie unverzüglich nach dem auf dieser Vorladung bezeichneten Hause, lassen Sie sich von dem Trödler Schimmel sein Ein- und Verkaufsregister einhändigen und bringen Sie ihn womöglich selbst zur Stelle. Sie können ihm sagen, daß es sich um eine wichtige Zeugenaussage handelt.«

Der Schutzmann verließ das Zimmer, um ungesäumt den erhaltenen Befehl auszuführen.

Beck zitterte an allen Gliedern; kalter Angstschweiß war auf seiner Stirn hervorgetreten. Die Gewißheit, daß mit dem Werkzeug, das er tagtäglich in Händen gehabt, solch' ein verabscheuungswürdiger Mord ausgeführt worden war, schien ihm augenscheinlich in diesem Augenblicke noch schrecklicher vorzukommen, als die sein eigenes Haupt bedrohende furchtbare Gefahr.

Alberti beobachtete ihn einige Sekunden lang schweigend. »Fahren wir nunmehr in unserem Verhör weiter fort,« nahm er alsdann wieder das Wort. »Bis der Schutzmann mit dem Zeugen zurückkehrt, können wir alle übrigen Punkte erledigt haben.«

Wieder hielt er einen Augenblick inne. Unschlüssig blätterte er in den Akten; dann schaute er Beck wieder scharf an. »Sie haben Schulden?« fragte er.

Der Mechaniker neigte den Kopf.

»Sie befanden sich offenbar in drückendster Nothlage. Ihr Mobiliar war versiegelt, und Sie konnten auf Nachsicht Ihrer Gläubiger nicht rechnen. Es handelte sich also für Sie darum, entweder Ihre Schulden auf Heller und Pfennig zu bezahlen, oder Ihr letztes Mobiliar zu verlieren und mit den Ihrigen unter Umständen obdachlos zu werden.«

Ein banges Stöhnen glitt über des Verhafteten Lippen.

»So ist es,« murmelte er, während das Kinn ihm tief auf die Brust herabsank.

»Wie kommt es nun, daß sich auf Ihrem Arbeitstisch gestern Morgen die immerhin für Ihre Verhältnisse sehr erhebliche Summe von viertausend Mark befand, Banknoten, die nachweislich in der Mordnacht aus dem Kassenschranke des Barons v. Engler geraubt worden sind?«

Einen hilflos fragenden Blick ließ Beck durch das Gemach gleiten, dann seufzte er schmerzlich auf.

»Angeschuldigter,« begann der Untersuchungsrichter von Neuem in scharfem Tone, »in Ihrem eigensten wohlverstandenen Interesse glaube ich Ihnen rathen zu müssen, gehörig zu überdenken, was Sie aussagen wollen. Verzichten Sie auf alle haltlosen Ausflüchte, die Ihnen doch kein Mensch glaubt, eine vollkommene Aufrichtigkeit würde Ihr Gewissen erleichtern und zweifelsohne auch Ihre Richter milder stimmen.«

Beck starrte verstört vor sich nieder. Von Neuem hob ein schwerer Seufzer seine Brust. »Ich fühle nur zu gut, daß Sie meinen Worten mißtrauen,« murmelte er dann gepreßt, »dennoch aber spreche ich die lautere Wahrheit. Bei Gott dem Allmächtigen schwöre ich Ihnen, daß ich nimmermehr meine Lippen durch eine Lüge entweihen würde!«

»Auf welche Weise wollen Sie also in den Besitz des Geldes gelangt sein?«

»Ich weiß es so wenig, wie Sie selbst, Herr Untersuchungsrichter!« rief der Mechaniker sogleich hastig. »Aber ich habe während der letztvergangenen gräßlichen Stunden eifrig über das räthselhafte Vorkommniß nachgedacht und bin zu der Ueberzeugung gekommen, daß mir das Geld von einem Unbekannten durch das Fenster geschoben worden ist.«

Der Untersuchungsrichter schaute ihn ironisch lächelnd an. »So hätten wir uns also wieder einmal mit dem großen Unbekannten zu beschäftigen,« meinte er dann.

»Aber lassen Sie einmal sehen. Ich glaube, der Unbekannte kann ganz gut vom Hofe des Nachbargrundstückes aus über das Dach des Stallgebäudes auf den Balkon geklettert sein. Ebenso gut hätte er aber auch den Weg vom Balkon über das Stallgebäude nach der Villa zurücklegen können.«

Beck hörte nur die ersten Worte des Untersuchungsrichters. »Mein Gott,« rief er dann plötzlich, während tiefes Grauen in seinen Gesichtszügen sich widerzuspiegeln schien, »dann muß ja dieser Mensch der Urheber des furchtbaren Verbrechens sein! O, die Wahrheit tagt in meinem Innern! Der wahre, einzige Schuldige, welchen Sie suchen und finden müssen, jener feige Mörder, der das Blut einer wehrlosen Frau und eines siechen Greises vergossen hat, ist derselbe Mann, welcher mir die unheilvolle Summe Geldes durch das Fenster auf meinen Arbeitstisch gelegt hat!«

Alberti's Züge blieben vor wie nach unverändert; das Angesicht seines Schreibers dagegen wies den Ausdruck großer Ungläubigkeit auf.

Einige Sekunden verstrichen in bangem, lautlosem Schweigen.

Der Gefangene hatte voll ängstlicher Spannung seine Blicke auf das Gesicht des Untersuchungsrichters gerichtet; jetzt stöhnte er plötzlich dumpf auf. »O mein Gott,« schrie er, »Sie glauben mir nicht!«

»Es wird mir erst möglich sein, Ihren Worten zu glauben, wenn Sie Mittel und Wege angegeben haben, jenen großen Unbekannten, den Sie beschuldigen, mir vorführen zu lassen. Bis dahin aber sehe ich mich gezwungen, die Existenz einer solchen geheimnißvollen Persönlichkeit in Zweifel zu ziehen.«

»Ach, Herr Untersuchungsrichter,« murmelte Beck tief niedergeschlagen und mit gebrochener Stimme, »Sie wissen nur zu gut. daß ich selbst diesen Dämon nicht kenne. Nicht in meinem Vermögen liegt es, Sie auf seine Spur zu führen. Ich kann nur wiederholt meine Unschuld betheuern, das Verbrechen, dessen Thäterschaft man mich verdächtigt, hat ein Anderer begangen!«

»So beharren Sie also bei Ihrem Leugnen?«

»Ja, Herr Untersuchungsrichter,« entgegnete Beck.

Alberti winkte seinem Schreiber, die Aussage niederzuschreiben und schüttelte mißbilligend den Kopf. Dann ergriff er die goldene Halskette. »Kennen Sie diese?« fragte er kurz.

Beck starrte auf den kostbaren Schmuck. Ein Seufzer glitt über seine Lippen. »Sie fragten mich schon einmal darnach, aber ich habe das Schmuckstück gleich den Banknoten gestern Morgen zum ersten Male in meinem Leben gesehen.«

»Sie behaupten also, daß der große Unbekannte Ihnen auch dieses Amethysthalsband großmüthig zugewendet hat?«

Wiederum schwieg Beck; nur ein leises Aufstöhnen glitt über seine festgeschlossenen Lippen, während seine Blicke mit starrem, verzweiflungsvollem Ausdruck am Boden hafteten.

Alberti schüttelte leicht den Kopf. »Sie sind doch ein gebildeter Mann, dem es klar sein muß, daß sich die Vertreter der Justiz mit einem solchen, obendrein noch recht schlecht erfundenen Ammenmärchen nicht beschwichtigen lassen können und werden. Hier diese beiden Kettenglieder sind in der Fuge des Kassenschrankes eingezwängt gefunden worden. Ueberzeugen Sie sich selbst, der Bruch stimmt ganz genau mit dem einen Ende des in Ihrer Behausung aufgefundenen Halsbandes überein. Nur noch ein ganz kleiner, wenige Centimeter umfassender Bruchtheil der Kette, an welchem sich offenbar das sicherlich kostbare Schloß befunden hat, kann fehlen. Wollen Sie nun noch immer nicht der Wahrheit die Ehre geben, beharren Sie auf Ihrem nutzlosen Leugnen?«

»Mein Gott – o mein Gott,« murmelte Beck, »was soll ich Ihnen sagen? Sie glauben mir ja doch nicht!«

»Weil hier niederschmetternde Beweise gegen Sie vorliegen,« unterbrach ihn streng der Untersuchungsrichter »Standen Sie in näherer Beziehung zu der Nichte des Barons?«

Beck sah ihn anscheinend erstaunt an. »Ich kannte die Dame nur vom Sehen,« meinte er dann. »Sie ging fast täglich durch unseren Hof, und ich grüßte sie immer, wenn ich sie sah.«

»Sie standen in keinem näheren persönlichen Verkehr mit dieser Dame?«

»Nein!«

»Wann sahen oder sprachen Sie dieselbe zuletzt?«

»Sie öffnete dem Diener und mir vorgestern Nachmittag die Vorsaalthür, als ich zum Oeffnen des Kassenschrankes geholt worden war.«

»Sie sprach aber nicht mit Ihnen?«

»Nein, sie befahl dem Diener nur, mich zu ihrem Oheim in das Kassenzimmer zu führen.«

»Sie sind also nicht etwa Abends von der Dame in das Haus eingelassen worden. Dieselbe hat Sie nicht durch die Versprechung einer hohen Belohnung zu veranlassen gesucht, den Mord an ihrem Oheim zu begehen? Ich fordere Sie nochmals auf: sprechen Sie die volle, ganze Wahrheit!«

»Nein, nein, und abermals nein!« schrie der Mechaniker, »der Schein mag wider mich sein, aber ich verbitte es mir entschieden, daß mir Motive untergeschoben werden, von denen meine Seele nichts weiß. Ich bin unschuldig!«

Wieder blätterte Alberti in den Akten. »Sie waren vorgestern Abend kurz vor sechs Uhr in der Marienapotheke?«

»Jawohl, ich holte Arznei und eine Flasche Marsala für meine Frau.«

»Mit welchem Gelde? Sie waren doch an demselben Nachmittage erst ausgepfändet worden!«

»Ich hatte fünfzig Mark vom Trödler für meine Werkzeuge erhalten, außerdem hatte mir auch Baron v. Engler eine halbe Mark eingehändigt.«

»Sie verbrauchten diese immerhin beträchtliche Summe noch an demselben Nachmittage?« forschte Alberti uns gläubig weiter.

»Jawohl, denn ich mußte einige dringliche rückständige Schulden beim Fleischer und beim Bäcker bezahlen.«

»Bei Ihrer Verhaftung fand man noch etwas über zwei Mark kleines Geld vor, welches Ihrer Tochter ausgehändigt worden ist,« schaltete der Untersuchungsrichter ein. »Haben Sie sich in der Marienapotheke mit Jemand unterhalten?«

Beck sann einen Augenblick nach. »Jawohl, mit dem Provisor,« entgegnete er dann.

»Worüber unterhielten Sie sich?«

»Er fragte mich nach dem Befinden meiner Frau. Ich erklärte ihm, daß es übel genug darum bestellt sei. Dann meinte er wieder, ich sollte sie nach dem Süden schicken oder vielleicht auch nach Görbersdorf, da wäre allenfalls noch Heilung für sie zu finden.«

»Was erklärten Sie darauf?«

»Soviel ich mich entsinne, meinte ich, daß, wenn ich das Geld hätte, welches ich am Nachmittage in müßiger Ruhe im Kassenschranke des Barons v. Engler gesehen, meinem Weibe und mir freilich geholfen wäre,« fiel der Mechaniker ein.

»Sie sollen den Ermordeten einen alten knickerigen Geizhals genannt und hinzugefügt haben, daß Sie in dem Augenblicke, als er Sie mit einer elenden halben Mark abgefunden, während er ungezählte Tausende im Schranke liegen gehabt, die Versuchung herannahen gefühlt hätten, den alten Geizhals niederzuschlagen.«

»Das war unbedacht von mir gesprochen, ich war erbittert und wußte kaum, was ich redete.«

»Aber Sie geben den Wortlaut zu?«

»Ich gebe es bedingungslos zu,« entgegnete Beck. »Hätte ich ahnen können, daß jene unbedachte Aeußerung auf solche Weise wider mich angewendet werden würde, ich hätte sicherlich geschwiegen.«

Der Untersuchungsrichter war mit dem Verhör zu Ende gekommen; er stellte nur noch einige untergeordnete Fragen. Dann ließ er den Schreiber das inzwischen aufgesetzte Protokoll vorlesen. Er änderte Einiges und ergänzte Verschiedenes; dann mußte der Schreiber es Beck verlegen, um es von diesem unterschreiben zu lassen.

Kaum war dies geschehen, so öffnete sich die Thür und der Amtsdiener trat ein. »Schutzmann 214 ist mit dem Handelsmann Schimmel zur Stelle,« meldete er.

Alberti nickte mit dem Kopfe. »Lassen Sie Beide sofort eintreten,« befahl er.

Gleich darauf erschien der Schutzmann mit dem Trödler.

Letzterer sah geängstigt und verstört aus; er mochte kein sonderlich gutes Gewissen haben.

Der Schutzmann erstattete seine Meldung und überlieferte dem Untersuchungsrichter die Geschäftsbücher des Trödlers.

Als Beck den Letzteren eintreten sah, prägte sich in seinen Gesichtszügen eine flüchtige freudige Erregung aus.

»Endlich, Herr Untersuchungsrichter,« murmelte er halblaut, »werden Sie den thatsächlichen Wahrheitsbeweis meiner Aussagen erhalten. Und wenn Sie wissen werden, daß ich in diesem Punkte nicht gelogen habe, werden Sie vielleicht geneigter sein, meinen übrigen Worten ebenfalls Glauben zu schenken.«

Schimmel beeilte sich, sobald sich die Thür wieder geschlossen hatte, sich demüthig vor dem Untersuchungsrichter zu verneigen. Seine Augen streiften auch die Gestalt des Verhafteten, aber er vermied es, diesem in die Augen zu schauen.

»Setzen Sie sich. Bereiten Sie sich vor, mir Antwort zu geben,« redete der Untersuchungsrichter den Trödler an.

Schimmel gehorchte. Seine Beine zitterten, seine Kniee schienen ihn kaum noch tragen zu wollen.

Die gewöhnlichen Personalfragen schickte der Untersuchungsrichter voraus; dann schaute er den Trödler scharf an. »Jener Mann ist Ihnen persönlich bekannt?« fragte er.

»Ich kenne ihn recht gut,« entgegnete der Trödler. »Er bewohnt das erste Stockwerk meines Hauses.«

»Sie haben ihm vorgestern verschiedene Werkzeuge abgekauft. Unter denselben befand sich auch dieser Grabstichel, welchen ich Ihnen hier zeige? Ueberlegen Sie Ihre Antwort wohl, denn dieselbe ist von der allergrößten Wichtigkeit!«

Becks ganze Seele schien an den Lippen des Trödlers zu hängen.

Aber Schimmel schüttelte den Kopf. »Ich habe vorgestern nichts gekauft, und ebenso hat mir Herr Beck vorgestern nichts verkauft.«

Beck stieß einen Schrei aus. »Was?« murmelte er dann mit erstickter Stimme, »Sie haben vergessen – Nein – nein, das ist unmöglich! Sie selbst haben ja die Buchstaben auf der Klinge wahrgenommen!«

»Herzlich gern würde ich Ihnen aus der Klemme helfen,« versetzte der Trödler, ohne jedoch Beck dabei anzusehen. »Es ist ja selbstverständlich peinlich, seinen Miether in Ungelegenheiten verwickelt zu sehen. Unglücklicherweise bin ich aber nicht im Stande, das zu können, ich befinde mich hier an einem Orte, der Anspruch auf volle und lautere Wahrheit erheben darf.«

Den Mechaniker schien eine Art von kalter Wuth zu überkommen und seine Sinne zu verwirren. Er befand sich anscheinend in einer jener Gemüthsbewegungen, wo der ehrenwertheste Mann, wenn er eine Waffe in seiner Hand verspürt, zustößt und tödtet.

»O, das ist schändlich!« schrie er. »Dieser Mensch erinnert sich wohl, er hat nichts vergessen, aber er ist mein Feind, er will mich verderben! Schwöre nur einen Meineid, daß ich gelogen habe, die Strafe wird nicht ausbleiben, Gott der Herr wird Dich treffen, früher oder später!«

Schimmel verfärbte sich sichtbar, aber der Untersuchungsrichter schaute Beck mißbilligend an. »Angeschuldigter,« sagte er in strengem Tone, »Sie haben den Zeugen weder zu beschimpfen, noch zu bedrohen! Merken Sie sich dies wohl! – Zeuge,« wendete er sich dann wieder an den Trödler, »Sie beharren bei Ihrer Behauptung, daß dieser Grabstichel durch den hier anwesenden Karl Beck Ihnen vorgestern nicht verkauft worden sei?«

»Weder vorgestern, noch an einem anderen Tage,« entgegnete Schimmel, »ich habe ihm niemals etwas abgekauft, und er hat mir niemals etwas zum Kaufe angeboten. Ich will die heiligsten Eide darauf ablegen!«

Der Untersuchungsrichter blätterte in dem ihm vorhin vom Schutzmann überreichten Ein- und Verkaufsregister des Trödlers. Die letzten Seiten, auf welchen die jüngsten Eintragungen vermerkt waren, erhielten in der That keinen Eintrag über einen zwischen dem Trödler und Beck abgeschlossenen Handel, wie das polizeilich vorgeschrieben gewesen wäre, wenn derselbe überhaupt geschehen war.

Kein Zweifel blieb mehr in der Seele des Untersuchungsrichters zurück; er vereidete, der Wichtigkeit seiner Zeugenaussage wegen, den Trödler angesichts des Angeschuldigten.

Schimmel mußte noch ein Protokoll unterzeichnen und wurde dann entlassen

»Angeklagter, ich frage Sie nochmals: wollen Sie Ihr nutzloses Leugnen aufgeben?«

Beck schaute ihn mit kaum menschenähnlichem Blicke an. »Ich bin unschuldig!« schrie er mit erstickter Stimme

Mit einer verächtlichen Bewegung wendete sich Alberti von dem Angeschuldigten ab.



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