Karl Gutzkow
Der Zauberer von Rom, I. Buch
Karl Gutzkow

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149 21.

Schauspieler haben die schöne Art, in äußersten Lebenslagen sich von einer herzlichen Seite zu zeigen. Es ist dann fast, als gedächten sie der alten Zeit, wo sie noch zu den Verfemten gehörten, gedächten ihres eigenen, meist so schwankenden Looses. Serlo war freilich schon so verbittert, daß er auch diese Erfahrung anders erklärte. Er hatte zu Lucinden schon vor längerer Zeit gesagt: Wir Komödianten kennen die Wirkung, die auf der Bühne Edelmuth macht! Immer Schlangen im Herzen haben, erstickt uns auch zuletzt selbst. Wir athmen ja auf, einmal für unsere bessere Empfindung ein Zeugniß ablegen zu können. Daß uns aber dann auch der Beifall, nicht nur des Gewissens in aller Stille, sondern auch der öffentliche und der Hervorruf nicht fehle, dafür sorgen wir schon! Gilt es ein bewiesenes Herz, gilt es unser gezeigtes Mitleid, unsere Aufopferung, dann wird sogar ein College einmal Claqueur des Collegen und das will viel sagen!

Dieser bittern und menschenfeindlichen Aeußerung erinnerte sich Lucinde, als sie den Eifer sah, mit dem man Serlo bestattete, seine Angelegenheiten ordnete, für seine Anerkennung sogar durch die Presse sorgte. Jetzt hatte jeder das Ringen des Armen beobachtet, jetzt hatte jeder gefunden, daß er eines bessern Looses würdig gewesen. O diese Grabredner! sprach Serlo einst schon 150 früher wie in Vorahnung. Man möchte diese Kerle immer fragen, warum sie nicht früher das Maul aufthaten? Zum Behuf aller dieser Liebesdienste wurde ein Comité niedergesetzt und Lucinden selbst der Ueberschuß einer Subscription angeboten.

Sie nahm für sich nur, was für das »unterbrochene Opferfest«, wie ein bewunderter Witzbold und beliebter Zeitungsreferent von der Vorstellung der »Jungfrau« gesagt hatte, von der Direction gezahlt wurde. Sie wohnte dann noch dem Begräbniß und der theilweisen Versiegelung der Verlassenschaft bei, schrieb an Madame Serlo und die Kinder, ließ, was sie noch entbehren konnte, dem Todtengräber zurück, um einige Jahre lang Serlo's Grab zu schmücken, und reiste ohne Plan, ohne Ziel blindlings in die weite Welt hinaus.

Zunächst nur über die düstern Berge hinweg, über diese waldigen, dunkeln Fichtennadelhöhen! Nur in freundlichere, sonnigere Thäler! Sie wollte womöglich die Stadt sehen, wo Serlo geboren war und noch Anverwandte hatte. Dann hoffte sie irgendwie und wo weiter zu kommen. Was das Leben zur Schule machen kann, glaubte sie hinter sich zu haben. Eine Schülerin im großen Lehrgange des Schicksals erschien sie sich nicht mehr. Sie mußte schon wieder bitter lachen, als sie so im Eilwagen über die Schluchten des Rhöngebirges fuhr, dabei an die Wölfe des Revierförsters, an ihre langen-nauenheimer Wandlandkarte dachte und ihr immer die Klänge ihrer Rolle im Ohre summten. Auch andere Rollen wurden lebendig. Wie viel hatte sie nicht auswendig gelernt und studirt! »Fahr' hin, lammherzige Gelassenheit!« »Zum Himmel fliehe, leidende Geduld!« Diese Worte wiederholte sie am öftersten. Verirrung schien ihr alles, was sie bisher erlebt. Dabei sah sie neue Ströme, neue Thäler, neue Ebenen; sie fühlte wieder die Kraft, ihr Schicksal sich selbst zu gestalten.

151 Wie aber und womit? Wo den Handschuh hinschleudern zur Fehde gegen Natur, Menschen, Erde, Himmel? Nach Schloß Neuhof zurückkehren? Dort um den Kronsyndikus her, wenn er noch lebte, ein Wachtauf! Wachtauf! rufen? Thatsachen geltend machen, die nicht ganz aus ihrem, allerdings umflorten Gedächtniß an die Jugendtage entschwunden waren? Dann hätte sie freilich nach Norden zurück müssen und es zog sie unwiderstehlich nach dem Süden.

Als man Serlo auf dem Friedhofe, dem katholischen, begraben hatte, war sie zugegen und hatte von fern gestanden. Sie gehörte dem Dahingegangenen zwar am meisten an, aber das auf der Bühne Erlebte zwang sie, an den Grabeshügel erst dann heranzutreten, als alle sich entfernt hatten, der Weihrauch verduftet, die schönen Gesänge des Theaterchors verklungen waren. Da hatte sie noch eine Thräne in ihrem brennendheißen Auge gehabt. Daun warf auch sie drei Hände voll Erde auf das Grab, nahm jene Rücksprache mit dem Todtengräber und war nur noch eine Weile unter den Gräbern gewandelt. In der Nähe lag der Kirchhof auch, wo ihre Schwester begraben sein mußte. Er stand offen. Sollte sie hineingehen? Ueberall las sie: »Friede und Glück.« Glück, wo es so viel Gräber gibt, so viel müde, gequälte, betrogene Herzen? Und doch! Glück, unter der Erde im Nichts sich ausruhen! Im Nichts! So glaubte sie schon. Alles schien ihr Traum und Wahn. Verwirrung, Krieg, fester Wille nur, und den Fuß gestemmt auf jeden Nacken, der sich nicht beugen will! Das schien ihr eine Aufgabe, allein des Lebens werth. Sie ging nicht auf den andern Friedhof.

In einer altberühmten Stadt kam sie an und fand die Verwandten Serlo's. Diese fragten –nach seinem Nachlaß! Sie sagte, sie hätte nichts, ging und belächelte ihre Anwandlung von Gefühl. Mit sich kämpfend, ob sie an den Kronsyndikus, vielleicht an 152 seinen Sohn, den Oberregierungsrath, schreiben, bitten, vielleicht drohen sollte, las sie in der Zeitung des Orts folgende Aufforderung:

»Man sucht im orthopädischen Institut ein gebildetes junges Frauenzimmer katholischer Confession, das der Sprachen und Musik vollkommen kundig sein muß. Näheres bei dem Director.«

Ein orthopädisches Institut! Eine Erziehungsanstalt für die Unarten des Körpers; eine Correctionsanstalt der Natur! Die hier gemeinte war weit berühmt. Sie war eine der ersten, die man in Deutschland überhaupt anlegte; sie wurde vom Landesfürsten königlich unterstützt. Es strömten ihr aus allen Gegenden, selbst aus England und Amerika Pfleglinge, größtentheils junge Mädchen zu, von denen nicht einmal alle an ganz auffallenden, durch Streckbettliegen zu heilenden Fehlern litten; die Neigung, dem Körper seinen natürlichen Wuchs zu entziehen, ist ja leider in die erste Erziehungs- und Bekleidungssitte unserer Zeit tief eingerissen.

Lucinde stellte sich dem Director vor und gab allerlei Auskunft über ihr vergangenes Leben. Da sie sich gewandt französisch ausdrückte, etwas englisch verstand, vollkommen fertig Klavier spielte, war die Prüfung bald beendigt. Auch gefiel ihr bestimmtes Wesen. Man wurde über die Bedingungen einig. Von den Eigenschaften, die ihr sonst noch etwa mangelten, hatte man nicht gesprochen; daß sie katholisch war, schien sich von selbst zu verstehen. Gleich schon am Tage darauf sollte sie beim Institut eintreten. Da der Vorstand und Besitzer der Anstalt Arzt war, der seine Zeit geregelt hielt, so wurde genau die Stunde angegeben, wo Lucinde in die Säle eingeführt werden sollte. Morgen in der Frühe »um punkt neun Uhr« wurde sie erwartet.

Es war um die Osterzeit. Der morgende Tag war, wie sie im Gasthause hörte, ein Quatembertag. Schon früh wurde sie 153 vom Geläut der Glocken geweckt und als sie sich angekleidet hatte, hörte sie, daß in der Kathedrale vom Bischof heute eine Priesterweihe vorgenommen wurde. Drei junge Diakonen sollten die letzten Weihen empfangen.

Nach acht Uhr stieg auch sie, von Unruhe und Ungeduld getrieben, die Anhöhe empor, auf welcher die Kathedrale lag, umgeben von Resten alter Bauwerke. Hier sollten einst deutsche Kaiser eine Pfalz, einen Palast gehabt haben, an derselben Stelle, wo jetzt eine Schwadron Chevauxlegers einkasernirt lag in allerlei Anbauten, die mit Galerieen hinausgingen auf einen Platz, den man den Schloßhof nannte und wo allerdings an einer Stelle ein alter Thurm mit Wendeltreppe und ein steinernes Portal, über welchem der Thierkreis abgebildet war, unmittelbar um tausend Jahre aus der Gegenwart hinausversetzten. Die Kathedrale selbst war in byzantinischer Form angelegt, aber von dem Geschmack späterer Jahrhunderte mannichfach ergänzt durch Neubauten, Rundkränze und Thürme allerlei Stils. An den obern Stockwerken der Thürme sah man Säulen und Statuen, die Thüren waren nicht eben hochgewölbt, aber reich geschmückt mit Bildwerken. Die Nähe der kaiserlichen Burg schien Einfluß gehabt zu haben auf die Gegenstände dieser Reliefs; man sah Allegorieen mit den Attributen der Gerechtigkeit, Salomo, den Richtenden, eine verhüllte Gestalt mit der Wage in der einen Hand und dem Schwert in der andern. Dazu gesellte sich, in noch nicht allzu kirchlicher Ausdrücklichkeit, der wunderlichste Schmuck von Thieren und manche humoristische Ausgelassenheit, die man am Eingang so heiliger Stätte am wenigsten gesucht haben würde. Ein Silen reitet auf einem Ziegenbock, ein Affe schreitet gravitätisch in Gewändern daher, ein Löwe spielt mit jungen Hasen. Ist es doch bei diesen alten Bauten, als wenn sich das Leben der Zeit auf dem Markt und im Wald nur in Stein verwandelt hätte 154 und sich seinerseits auch der trauten Nähe des Allerheiligsten erfreuen wollte. Oder sollte es andeuten, was man alles, die heiligen Räume betretend, vom Ungeistlichen draußen zurücklassen sollte?

Ostern war spät gefallen, aber die reichen Blumenspenden, die Lucinde in den Straßen getragen fand, waren fast zu kostbar für die Jahreszeit. Hier mußten besondere Opfer der Liebe stattfinden, wenn man Kränze und Kronen sah, die, aus den schönsten Blumen gewunden, noch wie verspätet eilends in die Kathedrale nachgetragen wurden. Die Menschen drängten sich, vorzugsweise eilten die Frauen. Eine Priesterweihe ist einer der anregendsten Vorgänge des kirchlichen katholischen Lebens, gleichsam eine geistliche Hochzeit, fehlt doch bei Ertheilung der ersten Grade selbst eine sichtbare Braut nicht, ein Kind, dem der entsagende Priester angetraut wird, als dem Symbol der reinen, unentweihten, jungfräulichen Kirche. Hier handelte es sich um drei junge Diakonen, die schon die letzten Weihen erhielten und nicht »ein-«, sondern, wie Lucinde aus Erkundigung vom Volke erfuhr, »ausgeweiht« wurden.

Lucinde machte erst einige Gänge durch die alte Pfalz, betrachtete die geheimnißvolle Wohnung des Bischofs, hinter welcher ein Garten mit schon Blüten ansetzenden edeln Bäumen sich erhob, und umschritt die Kathedrale, die wie ein Sinnbild des Lebens selbst, abwechselungsreich und fast in ihrem ursprünglichen Zweck überladen und erdrückt erschien; fehlte doch selbst an einem Ausbau ein Schalter mit frischem Backwerk nicht – in der Kirche ein Bäckerladen! Einer alten Sitte zufolge mußte hier jeder neu gewählte Domherr weißes Brot kaufen und an die Schuljugend, die ihm Glück wünschte, selbst vertheilen. So bot die Kirche Brot des Lebens, geistiges und leibliches. Lucinde, gedenkend, daß sie in ihrer neuen Lage die ihr mangelnde und von ihr als 155 unwesentlich vorausgesetzte Bedingung, die katholische Confession, ganz verschwiegen hatte, wollte das geistige wenigstens am Geschmack versuchen und trat in die Kathedrale ein.

Das Innere derselben war trotz der Sonne von Kerzen erhellt, mit Blumenkränzen durchzogen, von Orgelklängen durchbraust; Stimmen redeten laut und so voll neugierig sich drängender, auf den Zehen stehender Menschen war der Raum, daß Lucinde nur auch sogleich von dem, was vorging, angezogen wurde und der Betrachtung des Baues selbst, seiner hohen Gewölbe, seiner bunten Fenster, seiner Kapellen und Grabmäler sich jetzt nicht widmen konnte. Die heilige Handlung war schon in vollem Gange. Der Bischof stand am Hochaltar in prächtigen Gewändern. Rings um ihn her kniete eine Reihe junger Priester, vor ihm knieten drei andere, eben die, welche die letzten Weihen empfingen.

Eben redete der Archidiakon den Bischof mit den Worten an: Die heilige Mutter Kirche verlangt, daß die gegenwärtigen Diakonen zur Würde des Priesterthums geweiht werden! Der Bischof sprach: Weißt du, daß sie würdig sind? Der Archidiakon erwiderte: Soweit es die menschliche Gebrechlichkeit zu erkennen vermag, weiß ich es und bezeug' es! Nun wurden die Namen der drei zu Weihenden genannt, die mit Kerzen in der Hand vor dem Bischof standen: Joseph Niggl, Beda Hunnius, Bonaventura von Asselyn.

Der letzte Name machte die Hörerin lebhafter aufblicken. Dieser Name Asselyn war auf Schloß Neuhof nicht selten genannt worden. Der Sohn des Kronsyndikus, der Oberregierungsrath, hatte die Witwe eines Herrn von Asselyn geheirathet. Sie erinnerte sich, daß sein mitübernommener Stiefsohn Bonaventura von Asselyn hieß; dieser war jedoch für den Militärstand bestimmt und hätte jetzt Offizier sein können. Sie blickte näher . . .

156 Jetzt überfiel sie ein Schauer. Alle ihre Umgebungen wandten sich, als sie einen zwar unterdrückten, aber genugsam hörbaren ängstlichen Schrei ausstieß. Das ist ja – hatte sie erst ganz laut gesagt, leiser aber und schon verklingend auf ihren plötzlich erbleichenden Lippen hinzugefügt: – Serlo! Der Bischof sprach soeben von der Bürde und Würde des geistlichen Amtes.

Lucinde hielt sich an einen der dicht besetzten Kirchenstühle im Innern des Schiffes. Sie starrte auf den jungen Priester, den man Bonaventura von Asselyn genannt hatte. Er war wie Serlo! Serlo, wie er vor zehn Jahren hier hätte können ebenso gestanden haben! Derselbe schlanke Wuchs, dieselbe würdige Haltung, dieselben, als er sich wandte, ganz sichtbaren edeln Gesichtszüge, derselbe feine Schwung des Profils, dieselben dunkeln Augen, ganz gleich auch das Haar, das schon die Tonsur empfangen hatte und ringsum rabenschwarz war. Aller Augen theilten das Interesse für diesen jungen Novizen. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätte die Unruhe, die Lucinde verrieth, noch störender auffallen müssen.

In der Litanei der Heiligen, die jetzt vom Bischof vor den niederknienden Priestern und während er selbst kniete, angestimmt wurde und deren wiederholtes: Bitte für uns! die dichte Menschenmasse volltönend und durch die nicht endende Gleichmäßigkeit fast die Sinne verwirrend nachmurmelte, fand Lucinde Zeit sich zu sammeln und die krankhafte Aufregung ihrer Gefühle zu beschwichtigen. Als sich endlich die Betenden erhoben und wieder die lange schlanke Gestalt Serlo's wie aus dem Grabe erstanden vor ihre fieberhaft erregte Phantasie trat, hätte sie sich den mit Blumen bestreuten Aufgängen zum Hochaltar noch mehr genähert, wenn nicht einige das Gewölbe mächtig durchdröhnenden Schläge der Thurmuhr sie zur Besinnung gebracht hätten. Neun 157 schlug es, die Stunde, wo sie schon im Institut erschienen sein sollte.

Noch einmal sah sie an den Hochaltar, dann blickte sie ringsum. Es waren Hunderte von jugendlich erblühenden Mädchen anwesend, ganze Schulen, ganze Pensionate. Konnte nicht auch jenes Institut – Nein, sie besann sich, die künftigen Pfleglinge, zu denen sie eilen mußte, führten ein Leben, das dem Leben der andern nicht glich. Sie lagen ja auf Betten, bewegten sich in Bändern und Maschinen. Diese armen Kinder fehlten.

Nun riß sie sich los. Noch im Gehen war sie nur zu dem Priester hingewandt, der ihr Serlo schien. Serlo, wie er einst gewesen sein konnte, wie er einst gewesen sein mußte!

Eben streckte der Bischof die Hand über die zu Weihenden aus, sprach Worte des Segens, begann die Ceremonieen an dem ersten der drei, indem er die Stola, die er als Diakon von der linken Schulter zur rechten trug, ihm kreuzweise über die Brust hängte und dann sprach: Nimm auf dich das Joch des Herrn! Denn sein Joch ist süß und seine Bürde ist leicht! Wie sie, mit dem Nachklang dieser Rede, der Anstalt zuflog und dort glücklicherweise noch nicht verspätet ankam, wußte sie kaum.

Das große Gebäude des orthopädischen Instituts nahm sie auf. Es war geschmackvoll und sogar luxuriös eingerichtet. Hinterwärts hatte man den Blick in einen Garten, wo der Rasen schon in üppigem Grün stand. Durch eine geöffnete Glasthür trat man in einen großen Saal, den zierliche Treibhauspflanzen schmückten. Dann freilich kamen die trüben Eindrücke. Saal an Saal. Bett an Bett. Kinder darunter, die die Hoffnung ihrer Mütter auf Schönheit ganz betrogen hatten; aber doch viele auch, die sie noch einst erfüllen werden. Ein Jahr, und eine Neigung der Hüfte oder der kaum sichtbare ungleiche Wuchs einer Schulter ist geheilt. Einige dieser jungen, ringsum 158 liegenden Mädchen werden vielleicht, ganz leise nur und unscheinbar, mit dem einen Fuße weniger behend durchs Leben schweben; aber was thut das ihrem rosigen Lächeln? Ihrer neckischen Lust, die einen ganzen Kreis in gleicher Lage Befindlicher ringsum auf den Prokrustesbetten eben zum Lachen bringt! Diese schelmischen Augen dort, diese sinnigen hier, diese Rosen auf den Wangen, diese Lilien auf Arm und Nacken, jede eine Knospe voll Hoffnung für die Zukunft, jede so ganz das schöne, liebevolle, reiche Geheimniß eines jungen Mädchenlebens! Wer kann sonst schon solche junge Mädchen im traulichen Verein spielend, harmlos dem Augenblick dahingegeben sehen, ohne zu gedenken: Was wird euch allen noch einst beschieden sein? Welche Flammen werden in euern Herzen lodern? Wo waltet wol jetzt die Hand, die in Liebe einst die eurige erfaßt? Vor welchem Munde, der von Liebe spricht, wird euer Jugendmuth verstummen, und ach! welcher von euch allen sind noch die größten Leiden aufgespart? Der da vielleicht, die jetzt die Glücklichste scheint? Der da vielleicht, die ihr alle wie eure Schwester liebt, mit der ihr eure Freuden, eure kleinen Geheimnisse theilt und der ihr, so oft ihr unter den Blumen des Feldes sein dürft, sein könnt, die schönsten bringen müßt, die ihr am Wege gefunden? Bringen selbst dann, wenn der Geliebten ein Fuß nicht so schnell gehorcht wir der andere und sie hinkt – die Aermste?

Eine solche Königin unter dem jungen Volk, eine schon emporragende Lilie unter Maiblumen und Veilchen, ein Wesen schon voll Seele, während ringsum nur noch Gemüth, Verstand und Phantasie sich entwickelten, war die junge, zu früh emporgeschossene und deshalb in ihrem Wuchs ängstlich überwachte Fünfzehnjährige, welche vorzugsweise der Obhut der Gesellschaft, der Unterhaltung Lucindens angewiesen werden sollte.

Der Vorstand des Instituts hatte die neue Lehrerin und 159 Gesellschafterin des Hauses, mit ihr durch die Säle wandelnd und laut sprechend, eingeführt. Erst hatte er sie allen flüchtig vorgestellt, dann aber mit besonderm Vorzug einer unter ihnen, die in einem abgesonderten Zimmer lag und Comtesse Paula von Dorste-Camphausen genannt wurde.

Wie Lucinde auch diesen Namen hörte, erschrak sie. Auch diesen kannte sie ja schon! Comtesse Paula war jene Größere von den Mädchen, die sie am Weiher im Park von Neuhof beobachtet, jene Paula, die reiche Erbin, die Nichte des Kronsyndikus, die vielleicht einst mit jenem österreichischen Offizier vermählt werden konnte, den sie vor zwei Jahren in Kiel gesehen. Kam das alles hier so wieder zusammen? Wie fügte sich Ring an Ring? Sollte sie die Kette festhalten, sich binden, aufs neue sich in das große, bewegte, thatsachenreiche Leben um Schloß Neuhof und die uralte Stadt Witoborn hinüberziehen lassen?

Auf einem schrägliegenden Ruhebett, von einigen Gurten und Bandriemen, einigen eisernen Klammern in fester Lage gehalten, lag, weißgekleidet, das schlanke junge Mädchen, eine Gestalt zart, durchsichtig, ganz von jenen länglichen Formen, sowol im Oval des edeln griechischen Profils, wie des Oberkörpers und der Hände, die wir gelernt haben als Ausdruck des Seelischen zu nehmen.

Die Comtesse, die ihr eigenes Zimmer hatte, schien zu schlummern. Der Director sagte leise: Sie ist krank und mir ganz besonders empfohlen! Sehen Sie nur! Sie neigt zum Traumschlaf. Sie spricht! Ganz deutlich! Und doch schläft sie!

Lucinde trat näher. Ihr Herz pochte.

Murmelnd sprach das junge Mädchen Worte, die einem Gebet gleichkamen.

Der Director schloß die Thür, die zu den lauten Sälen führte.

160 Nimm hin, sprach das junge Mädchen, leise und langsam betonend, nimm hin – das – priesterliche – Kleid – welches – die Liebe bedeutet! – Gott ist mächtig – genug in dir – um die Liebe zu vermehren und sein Werk – zu – vollenden –!

Der Director horchte auf; so zusammenhängend hatte die Kranke noch nie gesprochen.

Lucinde verstand noch nicht recht den von dem Director erwähnten, ihr fremden Zustand, träumte noch von Neuhof und von der Kathedrale.

Die Schläferin schwieg eine Weile, dann fuhr sie deutlich fort: Du willst, o Herr – diese Hände – weihen und heiligen – durch die Salbung – damit alles, was sie weihen – geweiht und geheiligt sei im Namen unsers Herrn! Dann setzte sie mit einer andern, fast männlichen Stimme hinzu: Amen!

Was mag sie beschäftigen? fragte der Director erstaunt. Und Lucinden war es nun, als wäre sie durch diese Worte der mit offenen Augen Schlafenden an den Hochaltar zurückversetzt, wo sie Serlo gesehen zu haben glaubte, wie er von den Todten erstand. Der Director winkte, daß sie nicht spräche; eben wollte Lucinde an die Priesterweihe erinnern.

Die Schlafende fuhr fort: Nimm hin – den Heiligen Geist! – Welchen – du die Sünden – erlassen wirst, denen – sind sie erlassen! Welchen – du sie – behalten – wirst – denen sind – sie – behalten!

Sie spricht dem Bischof nach, der in diesem Augenblick in der Kathedrale die Priesterweihe hält! . . . flüsterte Lucinde.

Sieh! Sieh! bemerkte jetzt der Director kopfschüttelnd und setzte leise und lächelnd hinzu: Es ist ein Verwandter ihrer Familie darunter, Zögling des hiesigen Convicts, ein junger ehemaliger Offizier . . . er wird in diesem Augenblick ausgeweiht.

161 Offizier? Ein Herr von Asselyn! fragte Lucinde in höchster Erregung.

Ganz recht! erwiderte der Director und flüsterte nach einer Weile: Sie hat eine große Verehrung vor diesem ihrem Landsmann. Entweder leidet sie darunter, der Feierlichkeit nicht beiwohnen zu können – sie sieht sie aber im Geiste vor sich – oder sie wünscht wol gar – Auf dieses bedeutungsvoll gezogene: »Wol gar«, worin Lucinde die Vermuthung erkannte, die Kranke müsse darüber vielleicht aufgeregt sein, daß der ihr so Theuere überhaupt Priester wurde und Frauenliebe nun ein ganzes Leben lang nicht mehr erwidern durfte, schienen plötzlich die Empfindungen der Schlummernden Inhalt und Ausdruck zu verändern. Die Mienen verdüsterten sich, die Hände hoben sich, als wollten sie irgendetwas Störendes verhindern. Der Rücken, den sie nicht bewegen konnte, schien sich erheben zu wollen. Zurückgehalten von dem Mechanismus des Bettes, mehrte sich ihre Angst. Seufzer entrangen sich der Brust, die sich mächtig hob. Der Mund blieb starr geöffnet, als wollten die Lippen und zusammengepreßten Zähne: Nein! Nein! Nein! rufen.

Da fuhr der Director sanft über ihr Antlitz und Comtesse Paula erwachte. Befremdet sah sie um sich, als hätte sie hier zu erwachen nicht vorausgesetzt. Als der Director ihr die neue Pflegerin vorgestellt hatte, veränderten sich ihre Züge allmählich zur frühern Milde. Sie schien Lucinden nicht mehr von früher zu erkennen. Sie lächelte nur gelassen, ergeben, sanft; es war ein Lächeln wie jener lichte Hauch, jener sanfte röthliche Schimmer im Innern einer weißen Rose. Tief andachtsvoll, gläubig der Gruß ihres schönen Antlitzes. Sie bewegte sich nicht, aber in den Augenwimpern lag etwas, wie wenn sie sich im Geist verneigte. Sie verneigte sich wie [vor] einem Engel der Verkündigung.

162 Kommt aber wol der Engel, der sich in freundlicher Anrede jetzt über Paula von Dorste-Camphausen niederbeugt, aus den reinen Regionen des Lichtes? Ihr Kinderseelen da ringsum! Mögen lichtgeborene gute Engel über euch wachen, Hüter und Schirmer vor dem nachtdunkeln Gefieder, das an Lucindens Haupte, wie einer Tochter Lucifer's, dämonisch aufzurauschen scheint. Nachdem die »neue Erzieherin« ihr Zimmer angewiesen erhalten und ihren Einzug geordnet hatte, machte sie einen ihrer ersten Ausgänge zum Bischof.

Sechs Wochen später holte sie für ihre neue Stellung die Bedingung nach, deren Erfüllung unerläßlich verlangt wurde. Sie gehörte nun der katholischen Kirche an.

 

Ende des ersten Buchs.


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