Karl Gutzkow
Der Zauberer von Rom, I. Buch
Karl Gutzkow

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107 11.

Schon war für Lucindens Ehrgeiz eine Zurücksetzung, wie sie dieselbe jetzt erlebt hatte, aufregend. Manchmal, wenn sie bei offenem Fenster in ihrem Pavillon saß, war es ihr, als wenn sie sich in der That doch nur eine aufs Land hin vermiethete Nähterin erschien. Sie saß und besserte wirklich nur Wäsche aus. Es war allerdings ihre eigene. Sie hatte um ihre Schwester fortgesetzt noch Trauer anlegen wollen und begehrte neue schwarze Kleider; der Kronsyndikus hatte ihr diese abgeschlagen, da der Anblick seinen Augen nicht wohlthäte, eine Aeußerung, die sie den alten Leuten wiederholte, bei denen sie wohnte, und die von diesen mit einem tiefen Seufzer aufgenommen wurde . . . Ueberhaupt fiel ihr der Druck, unter welchem hier auf dem Schlosse und in seiner nächsten Umgebung alles schmachtete, immer mehr auf. Ja, sie selbst empfand ihn. Als sie wegen der verweigerten Garderobe zu schmollen anfangen wollte, rief der Kronsyndikus ein so starkes und drohendes Halloh! daß sie erbebte und diesen Ruf, dies Zusammenziehen der gelbweißen buschigen Augenbrauen nie wieder heraufbeschwören mochte.

Während auf dem Schlosse eines Tages wieder eine glänzende Gasterei stattfand, trieb es Lucindens Ungeduld und verletzte Eitelkeit ins Freie.

Hinter dem Park gab es erst ein Feld und eine Reihe von 108 Obstbäumen zu durchstreifen, dann öffnete sich ein grüner Grund, und tief hinab ging in allmählicher Abdachung eine enge Bergspalte, die sich erweiterte zum schattenreichsten Waldesgrün, wieder dann enger wurde und sich so in gleicher Abwechselung fortzog bis zur Ebene hin, aus der zunächst die Thürme eines Franciscanerklosters, Himmelpfort genannt, herübersahen, dann die des Stiftes Heiligenkreuz und der Dom der uralten Stadt Witoborn.

In diesem Einschnitt zwischen zwei oben ganz wie in der Ebene liegen bleibenden Saatfeldern wucherte die Pracht des Waldes. Im Winter mußte diese Spalte mit Schnee überfüllt sein. Auch jetzt im Frühjahr, wo überall schon der Boden trocken, glänzte hier noch alles feucht. Von den Felswänden tropfte es zwischen Moos und Farrnkräutern hin. Ein Bächlein bildete sich unversehens. Es rieselte unter Haselnußbusch und Schlehdorn über ein verworren steiniges Bett. Mancher Felsblock schien den Lauf des Bächleins ganz zu versperren, doch plötzlich brach es irgendwo mit stiller, sich gleichbleibender Stärke wieder hervor. Dann aber wurde die Spalte weiter, die Bäume wurden höher und höher, Tannen ragten mit geradlinigem Wuchse, tiefer ab kamen Eichen, die von einer kurzen Strecke des weißesten Sandes, dann Buchen, die von kurzem Grase umgeben waren. Querdurch gingen Fußwege von da und dorther und zuletzt ein schmaler Reitweg dicht vor dem Eintritt in eine riesige Gruppe uralter Eichenstämme, die man den »Düstern Bruch« oder den Düsternbrook nannte. Von hier aus konnte man bequem wieder die Seitenwände des Grundes emporklimmen und kam dann in der Hochebene wieder an, wo über grünen Saaten die Lerchen stiegen und die Gegend sich hinzog so gleichförmig, so eben als wenn dieser Grund gar nicht vorhanden war. Und doch führte er allein, wie die große Hauptstraße, die vorm Schlosse vorbeiging, 109 auf das allgemeine Niveau des Landes zurück. Ueber dem fernen Tiefland lag das Schloß wol gegen tausend Fuß hoch. Fünf Regierungen besaßen hier Enclaven; nur nach Westen zu gehörte alles ausschließlich jener Krone, in deren Diensten der älteste Sohn des Freiherrn, der Regierungsrath, stand und sein, wie es schien, einziger nächster Freund, der Landrath, der ehemalige Husarenrittmeister von Enckefuß, gewöhnlich »der schöne Enckefuß« genannt.

Vor der stechenden Nachmittagssonne boten die Schatten des Düsternbrook heute den erquickendsten Schutz. Es rieselten zwar noch die kaum geschmolzenen Schneereste, die sich in den Felsspalten festgefroren hatten, jeder Schritt war glatt und gefahrvoll; aber Lucinde hielt sich an den schon allmählich ihr Laub treibenden Büschen und suchte das von würzigen Kräutern duftende niedere Thal zu gewinnen. Belebt war es von allem, was nur in den ersten Frühlingstagen aus den Bäumen mit Gurgeln, Zwitschern, Schnabelwetzen der allernärrischsten Art wieder die Wonne erprobt, sich von dem Nochvorhandensein seiner alten Stimmmittel überzeugen zu können.

Lucindens Sinn ging dabei brütend auf irgendeinen zu fassenden Entschluß. So wie sie jetzt da war, den runden Strohhut mit schwarzem Band in der Hand, in die Weite zu gehen und gar nicht wieder zurückzukehren, das war noch das Leichteste, was sich ausführen ließ gegen eine Lage, in deren Erwartungen und Aussichten sie sich betrogen hatte. Daß ihr Sinn Gedanken der Rache nicht unzugänglich war, wissen wir. Düster zogen sich ihr die dunkeln Augenbrauen zusammen; manche rasch gebrochene Blüte zerriß, ja zerbiß sie, manches junge, kaum ganz entrollte Blatt zerkaute sie, so bitter es schmeckte. Immer mehr gerieth sie in einen Zorn, wo die bei dunkeln Augen eigenthümlich schon vorhandene leichte Entzündlichkeit der obern Wangen sich 110 immer mehr steigerte und den heißen Lichtern noch dunklere Schatten gab.

Vom Düsternbrook her störte sie jetzt Geräusch. Bald waren es Axtschläge, bald der gleichmäßig klingende Ton einer Säge.

Als sie näher kam, bemerkte sie einen Arbeiter vom Schloßhof. Sie neckte sich zuweilen mit ihm. Es war ein fremder Arbeiter vom Westen her, ein gelernter Küfer, der auch für die Brauerei, Brennerei und die Milchwirthschaft des Kronsyndikus mit Fleiß und Geschick große Gefäße baute, Bottiche von gewaltigem Umfang, Tonnen in allen Größen. Rüstig arbeitete er vom Morgen bis zum Abend und zog sich seine Hülfsgesellen selbst; er hieß Stephan Lengenich und war landeinwärts einer der eifrigsten Kirchenbesucher. Auf dem Schlosse selbst gab es eine Kapelle, doch wurde in ihr nie die Messe gelesen, obgleich der Kronsyndikus von sieben Pfarreien und dem Kloster Himmelpfort selbst Patronatsherr war. Seit Jahren stand er mit seiner Kirche auf gespanntem Fuß und duldete z. B. nie, daß die Franciscaner Schloß Neuhof betraten, eine Maßregel, die durch die Auslegung der Polizeigesetze über das Terminiren der Bettelorden von seinem Freunde, dem Landrath, dem »schönen Enckefuß«, nach Kräften unterstützt wurde.

Ei, Herr Lengenich! rief Lucinde mit ihrer etwas tiefliegenden, nicht starken Stimme; schon wieder eine von den heiligen Eichen des Bonifacius umgehauen? Wenn Ihnen nur nicht einmal so ein alter Heidengott dabei erscheint und Ihnen was anthut!

Stephan Lengenich sah auf und meinte in der That:

Machen Sie keine Scherze, Mamsell Schwarz! Aber es muß ja sein! Die alten Fässer faulen und es geht mit dem Brennen der Kartoffeln ins Weite . . .

'S ist recht, sagte Lucinde in der treuherzig derben und ruhig 111 sichern Art, die den ihr geläufigen Volkston jetzt schon mit Bewußtsein festhalten konnte, 's ist recht! Man soll nicht neuen Most gießen auf alte Schläuche!

Stephan Lengenich horchte . . .

Lucinde zeigte, daß sie eine Schulmeisterstochter war, auch ein Jahr bei einem Pfarrer gelebt hatte, und fuhr weiter schreitend mit künstlichem Pathos fort:

Niemand flicket auch ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuche, denn der Lappen reißet doch wieder vom Kleide und der Riß wird ärger. Adjes, Stephan! Betet Ihr einmal ein Ave-Maria für eine andere arme Seele als die der Lisabeth, so schließt auch unsereins ein.

Dann ging sie, ohne die Antwort des Arbeiters abzuwarten, den sie an ein allbekanntes Verhältniß mit der ersten Beschließerin des Hofes erinnert hatte.

Lucinde schlug den kürzern Weg jetzt wieder zur Anhöhe ein. Es war ein steilerer, aber von Steinen unterstützter Pfad, der zur obern Anhöhe der Schlucht führte.

Sie war auf der Hälfte dieses etwas mühseligen Weges, als sie hinter sich laut reden hörte.

Sie wandte sich und sah, daß Stephan Lengenich mit einem nach ihr Gekommenen in einem lebhaften Gespräch begriffen war. Widerhallte so schon in dieser Stille an den Bergwänden jedes gesprochene Wort, wie viel mehr ein Zank, der allmählich heftiger geführt wurde.

Eine schlanke Gestalt in schwarzem Sammtkittel, weiten Sommerbeinkleidern und einem grauen, mit einem Zweig geschmückten Hut konnte von ihr nicht im Gesicht betrachtet werden, da der Sprecher rückwärts stand. Aber der Stimme nach war es ein junger Mann, nicht, wie sie im ersten Schreck über den Lärm vermuthet hatte, der Deichgraf selbst, der als 112 Theilungscommissar, wie sie wußte, über den Düsternbrook und die dortige Baumfällberechtigung mit dem Kronsyndikus in Streit war.

Hat es der Freiherr befohlen? Ausdrücklich befohlen? fragte der Hinzugekommene mit heftiger Entrüstung.

Guten Morgen! war Stephan Lengenich's Antwort, während er weiter sägte.

Gestern noch stand die Eiche! Das muß erst die Nacht geschehen sein! Sie haben keinen Auftrag dazu gehabt!

Guten Morgen! sagte der Küfer und sägte weiter.

Will man uns mit Gewalt aufs Aeußerste treiben? Antwort! Red' Er!

Herr! richtete sich jetzt der Arbeiter zornfunkelnd auf und deutete auf den rothen Strich einer Mütze, die er trug, womit er andeuten wollte, daß man einen noch in der Landwehr befindlichen Soldaten nicht mit »Er« anredete. Sich aber beruhigend, fügte er dann weiter arbeitend spöttisch hinzu:

Guten Morgen!

Vom Düsternbrook gehört nicht eine Eichel der Herrschaft! Es ist Gemeindewald und seine Privatnutzung ein Misbrauch, der nicht fortbestehen kann!

Nicht eine Eichel? Suchen Sie hier Eicheln?

Stephan Lengenich sprach diese Anzüglichkeit auf Thiere, die man mit Eicheln füttert, und ganz im boshaften Geist seiner Herrschaft.

Im ersten Augenblick trat der junge Mann einige Schritte vor und rief: Kerl –! Dann besann er sich ohne Zweifel auf den ungleichen Kampf und sagte, indem er sich langsam entfernte:

Nehmt euch vor meinem Vater in Acht! Er legt nächstens den Grenzstein und den werden dann die Gensdarmen zu bewachen wissen!

Damit schritt er langsam weiter, verfolgt von einem Hohnlachen des Arbeiters.

113 Bei der Gewißheit, endlich des mehrfach besprochenen frühern Freundes und Studiengenossen des Kammerherrn, der durch eine Abhandlung über das sogenannte Bienenrecht Doctor der Rechte geworden war, ansichtig zu werden, wandte sich Lucinde, ihn doch nun auch deutlicher zu sehen.

Dabei glitt einer der Steine aus, die sonst das Aufsteigen erleichterten.

Der Fall weckte die Aufmerksamkeit des Doctors, wie er gewöhnlich im Gespräch auf Neuhof genannt wurde. Auch er wandte sich und bemerkte die Nähe eines jungen, in dieser einsamen Umgebung überraschenden Mädchens.

Er zog den breiten Krempenhut und grüßte.

Beide schritten weiter, er den Weg, den sie eben zurückgelegt, den Grund hinauf, sie den parallelen, jedoch oben auf der Hochebene.

Sie hatte den Eindruck keines schönen Mannes empfangen. Der Doctor mochte wenig über einige Zwanzig zählen, hatte aber schon das Ansehen eines Dreißigers. Der Kopf war ausdrucksvoll, doch das kurzlockige, etwas röthliche Haar war an den Schläfen und der Stirn schon ausgegangen. Der Bart war gepflegter, aber noch röther als das Haar. Er hing über Lippe und Kinn herab wie bei einem Soldaten; und an entstellenden Schmarren fehlte es auch nicht auf Wange und Stirn, ja sogar auf der Nase, Schmarren, deren Ursprung sie gleich unterzubringen wußte; nach den Erzählungen des Kammerherrn waren es Duellnarben.

Die Tracht des Doctors war die leichteste; kaum daß um den magern Hals ein dünnes Tuch gelegt war. Die Brust stand fast offen. Handschuhe fehlten ganz.

Lucinde hatte seit den Erinnerungen an Oskar Binder und dessen Freunde in der Residenz einen Abscheu vor allen Stutzern und geschniegelten Männern. Viel Aeußerlichkeit war überhaupt 114 bei den Herren nicht Sitte, die auf Schloß Neuhof kamen; die Gewohnheiten der reichsten Leute hier waren in diesem Punkte einfach. Grafen gingen wie Bauern. Nur der Landrath, der »schöne Enckefuß«, hielt die Erinnerung an die Zeiten, wo er wirklich »schön« gewesen sein mochte, durch eine gesuchte Toilette, festgeschnürte Taille, gefärbte Haare, Bart, Augenbrauen, ja, wie man behauptete, gemalte Wangen und Schläfe aufrecht, er konnte seine Triumphe als Rittmeister der Husaren nicht vergessen und blieb, ob er gleich schon einen großen Sohn hatte, der Beau der Gegend, derPetit-maître von Stadt Witoborn an bis auf Schloß Neuhof.

Die studentische Art der Erscheinung des Doctors paßte vollkommen in den Rahmen der verworrenen Erzählungen, die der Kammerherr, wenn er in seinen renommirenden Erinnerungen kramte, von dem akademischen Leben desselben zu geben pflegte.

Bald gingen Lucinde und der Doctor in ganz gleicher Linie.

Lucinde konnte sich oben nur am schmalen Rande des Grundes halten, denn zu ihrer Linken hin gab es kaum einen Weg: die junge Getreidesaat ging bis dicht an den Rand des Abhangs.

Es entspann sich trotz der ansehnlichen Distanz ein Gespräch über das Misverhältniß der Ansprüche, die sich bei der Regulirung der bäuerlichen und grundherrlichen Verhältnisse ergeben hatten. Der Doctor fragte, als sich Lucinde darüber recht unterrichtet zeigte, ob sie zu den auf Neuhof oben versammelten Herrschaften gehöre?

Nicht zu den Herrschaften; zu den Dienern! antwortete sie und balancirte auf dem schmalen Pfade hin, wohl wissend, daß sie nicht wie eine Dienerin aussah.

Sie sind doch nicht etwa gar das berühmte Elfenkind, das mein alter Freund, der Kammerherr, jenseit der Wälder an einem Schilfteich gefunden hat?

115 Freilich! Das bin ich! sagte sie und sprang nun mehr als sie ging.

So werden Sie, sagte der Doctor, trotz der Tüngel'schen Familie, deren Appelhülsener Linie zurückgekommen ist, Frau von Wittekind werden! Ich gratulire! Einen bessern Mann kann sich eine Frau nicht wünschen! Dann müssen Sie aber zu uns nach Göttingen kommen! Lernen Sie reiten! Oder können Sie's wol gar schon? Um so besser; wir machen Sie zur Conventsseniorin, falls Ihr Mann nicht aus Rücksicht auf die göttinger Fensterscheiben sofort wieder relegirt wird! Denn er bekannte Ihnen doch wahrscheinlich seine alte Leidenschaft, in Göttingen keine ganzen Fensterscheiben und Laternen dulden zu können? »Nacht muß es sein, wo Wittekind's Sterne strahlen!« Die göttinger Laternen, ohnehin nicht die hellsten, kosteten ihm einen Theil seiner glücklicherweise guten Wechsel.

Diese Liebhaberei, erwiderte Lucinde, ist noch immer nicht so schlimm gewesen wie die einige seiner Ahnen, die keinen Dachdecker auf einem Thurm sehen konnten, ohne nicht das Gelüst zu haben, ihn herunterzuschießen.

Aha! rief der Doctor. Sie sind eingeweiht! Deutsche Staats- und Rechtsgeschichte!

Lucinde verschwieg, daß es der Kammerherr mit Vögeln noch so machte. Man ließ ihm deshalb nur eine Windbüchse; in schlimmen Anfällen richtete er auch mit dieser genug grausame Verheerungen an.

Der Doctor schien aufmerksamer geworden und suchte Lucinden näher zu kommen, was ohnehin durch seinen aufsteigenden Weg von selbst geschah.

'S wäre ganz gut, sagte er, wenn einmal in diese altadelige deutsche Menschenrasse frisches Blut käme! Ich bin an und für sich für diese alten Geschlechter und mag sie leiden, aber sie sollen 116 sich nicht untereinander kreuzen, sondern zur Inoculation das Volk benutzen; das gäbe dann einen Nachwuchs, wie der der alten Angelsachsen und Normannen, der jenseit des Kanals noch immer so stattlich ist. Wenn wir Deutsche ein Princip haben, das vernünftig ist, wie die Adelsidee, so reiten wir's leider auch immer gleich zu Tode.

Lucinde erwähnte ganz dreist seine Abhandlung über die Bienen.

Wie? Wissen Sie davon? rief der Doctor. Nun ja! Im Bienenstaat liegt mehr Weisheit als in Dahlmann's»Politik«, zu der er keinen zweiten Theil schreiben kann. Auch die Bienen pflanzen sich mit vernünftiger Aristokratie fort. Ein Ei, aus einer schlechten Arbeitszelle in eine Königinzelle gebracht, gibt eine Königin. Wir werden erst die Probleme der Geschichte dann lösen, wenn wir ein Mikroskop erfunden haben, groß genug, das Leben und Weben eines durchsichtigen Bienenkorbes zu gleicher Zeit zu beobachten. In China, in Indien ist es mir manchmal, als wenn man das Bienenleben schon seit Jahrtausenden viel besser kennt als bei uns.

Da Lucinde von dem schmalen Rasen immer ausglitt, rief der ihr jetzt ganz Nahegekommene:

Sie gehen schlecht da oben! Ich biege hier die Zweige zurück, so kommen Sie herunter!

Dann müßt' ich wieder wie Sie steigen! sagte sie und blieb.

Bei dem Versuch, den der Doctor machte, ihr zum Niedersteigen das Gestrüpp der Büsche wegzubiegen, fiel von oben her das Licht auf ihn günstiger. Der Hut wurde ihm gerade von einem zurückgehenden Zweige weggenommen; so sah sie einen scharfen, durchgeistigten Kopf. Daß in ihm Leidenschaften zuckten, daß in dem großen wie luftblauen Auge eine Unbestimmtheit lag, so groß und weit, wie eben die Luft und selbst das Meer, konnte 117 sie mit ihren jungen Jahren noch nicht unterscheiden, aber das Gefühl seltener Kraft strömte ihr aus diesem an sich harten und unschönen Antlitz, aus diesen unabsehbar weiten, hellen und wie schwimmenden Glaskugelaugen entgegen.

Warum sind Sie aus Göttingen hier? fragte sie. Stehen Sie Ihrem Vater in seiner undankbaren Arbeit bei?

Schon daß Lucinde fragen konnte, schien ihren Begleiter zu erfreuen. Mit den meisten Mädchen dieser jungen Jahre kann man ja stundenlang gehen und sie wissen nichts als ein empfindsames Ja! oder Nein! Sie lächeln halberschrocken zu allem und jedem und nennen auch späterhin noch die eigentlich eitelste Versunkenheit in sich selbst – ihr schweigsames Gemüth.

Der Doctor erzählte, daß sein Vater aus dem Pachtverhältniß zu dem Kronsyndikus sich zu lösen und ein eigenes Gut zu kaufen beabsichtigte. Zu dem Ende glaubte er des einzigen Sohnes Beistand nöthig. Leider, fügte dieser hinzu, bin ich kein so fermer Advocat geworden, wie er hoffte. »Grau, Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum«, nämlich der, auf dem die vollwichtigen Pistolen wachsen!

Lucinde wußte schon von Eibendorf und Neuhof her, daß man hier zu Lande die Goldstücke Pistolen nennt. Jeder Gegenstand, den der Kammerherr taxirte, wurde nach Pistolen berechnet.

Vielleicht könnten Sie den Streit zwischen dem Kronsyndikus und dem Deichgrafen beilegen? sagte sie.

Unmöglich, mein Fräulein! erwiderte der Doctor. Das sind Gegensätze, die uralt sind. Schon an dem öden Strand der Elbe, wo sich beide kennen lernten, soll mein Vater sich durch das Abzählen der hannoverischen Sandkörner gegen die holsteinischen als Deichgraf unmöglich gemacht haben. Es gibt solche große Charaktere, die gerade zwei Minuten vor halb sieben und zu keiner Secunde anders einen Gegenstand abgemacht sehen wollen. Sie 118 halten die Hand aufs helle, lichte Feuer wie Mucius Scävola, nur um ihren Muth zu beweisen. Versöhnung? Mein Vater konnte sehr leicht von Napoleon eine Kugel vor den Kopf bekommen, denn er fing die Befreiungskriege nach seiner Uhr an. Gerade zwei Minuten vor halb sieben! Der Tugendbund hatte gesagt: Zwei Minuten vor halb sieben steht jeder Patriot an der Spritze, und mein Vater hielt sich an die Ordre. Ob nun die Umstände bewiesen, daß die Schlacht bei Dresden ganz unzweifelhaft für Napoleon gewonnen war, ob es noch ganz im Unklaren blieb, ob die Oesterreicher in die Allianz treten würden – mein Vater nahm schon die Schlacht bei Leipzig für geschlagen und für gewonnen an. Der Deichgraf sammelte Mannschaften, bewaffnete sie und stürmte die Zollhäuser der westfälischen Regierung. Zwei Tage lang war Deutschland frei vom Tyrannenjoch; dann – eine Gewehrsalve von bückeburg-westfälischen Grenadieren, die Napoleon's Arrieregarde bildeten, und die Patrioten waren auseinander gesprengt. Mein Vater hinkte mit verwundetem Fuß in den Teutoburger Wald, wo er jede Stelle kennt, an der einst Arminius bivouakirt hat und sich an dem Meth erquickte, den ihm Thusnelde brachte. Da irrte er proscribirt umher. Auf hundert Thaler hatte man seinen pünktlichen Kopf angeschlagen. Glücklicherweise half ihm aber der Geist des alten Arminius und Mutter Thusneldens. In den Schluchten blieb er unentdeckt und war dann wieder der Erste, der nach der Schlacht bei Leipzig auf die Externsteine zum Aufruf des ganzen westlichen Deutschland eine bluthrothe Fahne steckte. Mein Vater machte trotz Weib und Kind den Krieg mit und soll die Lieder von Max Schenkendorf in unserm alten burschenschaftlichen Commersbuch auswendig gewußt und überall vorgesungen haben, wie auch ich, als ich, noch etwas grün, zuerst in Erlangen studirte. Später hat er nicht mehr viel davon wissen mögen und von 119 Versöhnung ist bei ihm in principiellen Gegensätzen nie die Rede!

Ueber diese Mittheilungen waren beide Wanderer oben zusammengekommen. Sie gingen unter den blühenden Obstbäumen hin dem Park zu.

Da Lucinde durch die akademischen Reminiscenzen des Kammerherrn in vielen der von ihrem Begleiter angeregten Verhältnisse heimisch war, so konnte dieser auf ihren wiederholten Vorschlag, eine Vermittelung zu versuchen, in der Charakteristik seines Vaters fortfahren.

Nein, mein Fräulein! sagte er. Mein Vater ist trotzdem, daß er nicht mehr den Schenkendorf singt und wir jetzt 1831 schreiben, in der Exaltation von 1813 stehen geblieben. Schwarzrothgold kam er aus Frankreich zurück und mußte 1817 wieder etwas anzetteln da drüben im Teutoburger Walde bei dem großen Christoph, den sie jetzt dort auf die Höhe stellen wollen, das germanische Rächerschwert in Händen. Für den deutschen Kaiser und dessen Wiederherstellung saß er drei Jahre in Magdeburg. In dieser Zeit war der frühere westfälische Kronsyndikus, d. h. Vertreter der Krone des ehemaligen Weinreisenden und spätern Königs Hieronymus bei der westfälischen Landschaft, d. h. den Ständen und Deputirten der ihm unterworfenen Provinzen, Freiherr von Wittekind-Neuhof, immerhin so zu sagen unser Wohlthäter. Das Pachtverhältniß ging fort, ohne daß der Vater damals die vollständigen Summen auftreiben konnte. Der rüstige Grundherr trieb sie sich eben selber ein. Meine Mutter starb darüber, der Vater kam aus Magdeburg zurück und warf sich jetzt in die ergrimmteste Provinzialopposition. So hat nicht Demosthenes über Philipp von Macedonien gedonnert, wie mein Vater – lieber Gott, noch dazu bei verschlossenen Thüren! – über Brücken und Vicinalstraßen. Harry Heine spricht von einem 120 Mirabeau der lüneburger Heide. Mein Alter war einer von der witoborner. Und wirklich, er allein mit seinen zwei Minuten vor halb sieben war's, der hier Großes durchsetzte in Ermangelung von Größerm. Ueberall, wo Sie hier einen Hemmschuh an einen Pfahl gemalt sehen und einen Finger darüber mit dem Avis: Bei einem Thaler Strafe! überall, wo an einem Kreuzweg ein Pfahl mit vier Armen steht: Hier geht's nach Mölln, nach Schöppenstedt, Schilda oder Krähwinkel! bei jeder Verbesserung in Luft, Feuer, Wasser und Erde ringsum kann er mit stolzem Bewußtsein wie ein »Sattelmeier« aus Karl's des Großen Zeit vorübergehen. Und nun ist er denen, an welchen er sich eigentlich für Magdeburg rächen wollte, der Regierung selbst, zum Bedürfniß geworden! Der vielbefähigte unruhige Mann, dem sein nächster Beruf schwer genug aufliegt, übernimmt die Regulirung der grundherrlichen Verhältnisse und führt diese richtig wieder nach dem Maßstabe: Zwei Minuten vor halb sieben! durch. Nichts schont sein Zollstock. Er zerstört den schönsten Ameisenbau, wenn die eine Seite an Hinz, die andere an Kunz gehört. Er steckt den Spaten gerade mitten durch, er trennt die Blüte vom Ast, den Schwanz von der Kuh, er ist und bleibt der alte Deichgraf, der Mathematik und Wasserbaukunst studirte, bei Stade die Sandkörner zählte, die sich ins hannoverische Fahrwasser verloren und Holstein gehörten, und der jetzt noch Landrath werden wird, ja, zu alledem vielleicht einen Orden kriegt und zur Anerkennung für den friedlichen Verlauf aller seiner patriotischen Landstürme und schwarzrothgoldenen Revolutionen eines Tages in Sanssouci zu Mittag speist!

Lucinde wußte nicht, wie sie dazu kam, auf diese im Grunde unkindliche, jedoch offenbar gleichfalls aus einem Ueberzeugungseifer (nur für andere, ihr unbekannte Auffassungen) herzuleitende Auslassung fragend zu erwidern:

121 Sind Sie katholisch?

Der Doctor schwieg erst erstaunt und sagte dann:

»Du sprichst ein großes Wort gelassen aus!« Nein, wir sind es nicht, mein Fräulein!

Am Ende des Parks durchkreuzten sich einige Wege und ein steinernes Christusbild hing über einer Ruhebank.

Lucinde war ermüdet. Sie setzte sich. Der Doctor lehnte sich an einen Baumstamm ihr gegenüber. Sie nahm den inzwischen wieder aufgesetzten Hut ab. Schon lange trug sie wieder ihr Haar in Flechten. Eine davon war losgegangen. Es machte ihr gar nichts, so vor einem Fremden ihre Toilette zu machen, ja sogar eine Haarnadel in den Mund zu nehmen und zwischendurch zu sprechen:

Nein, Sie schüren nur noch den Haß! Das ist aber unrecht! Sie sollten Versöhnung stiften!

Heinrich Klingsohr war jetzt verstummt und weidete sich an dem Anblick. Lucinde sah nicht älter aus, als sie war. Noch nicht siebzehn Jahre und eine solche Reife des Urtheils. Fast kindische Bewegungen, die Beine übereinander geschlagen, im Schoose den Hut, die Nadel im Munde, ein Kamm aus der Kleidtasche zu Hülfe genommen, um losgegangene und verworrene Härchen im Nacken hinten zu einer kleinen Welle zu runden, und, als der Strohhut dabei zur Erde fiel und Klingsohr hinzusprang, ihn aufzunehmen, den Hut ruhig auf die Füße des Steinbildes über sich gehängt – Alles das allerdings mit bestimmtem und bewußtem Wohlgefallen an der immer mehr erglühenden Theilnahme der neuen Bekanntschaft und doch ganz wie zufällig und absichtlos.

Klingsohr hatte sich jetzt gleichfalls auf die Bank gesetzt, so aber, daß er, bald das Steinbild, bald sie betrachtend, elegisch improvisiren konnte:

122 Am Fuße des Erlösers
Hängt ihr pariser Hut –
Und ihre dunkeln Locken
Netzt heil'ger Wunden Blut . . .

Kennen Sie Heine? unterbrach er seine Parodie . . .

Gewiß! sagte sie. Der Kammerherr kann ihn auswendig!

Der Kammerherr! fuhr Klingsohr, jetzt hingerissen von der Schönheit und Lieblichkeit der Erscheinung, auf: Ist es denn also wirklich möglich! Jérôme nennt Sie –

Er stockte in seiner Rede, ergriff Lucindens Hand, zog sie an sich und sah ihr mit seinen jetzt weit geöffneten großen Augen ins erröthete, von der Wanderung und dem Schreck über sein Benehmen doppelt erglühende Antlitz.

Und nun ein ganz kokett strafendes, kindisch mädchenhaftes: Aber Herr Doctor! womit sie aufsprang und in rascher Handbewegung den Hut ergreifend weiter ging.

Klingsohr folgte. Er konnte annehmen, daß Lucinde ihm entfloh und die Nähe des Parks benutzte, um sich vor den Gefahren einer Fortsetzung dieser einsamen Begegnung zu sichern.

Wie aber als wenn nichts geschehen wäre, wandte sie sich plötzlich und lenkte auf das frühere Gespräch zurück mit den Worten:

Ja! Lassen Sie uns beide Frieden stiften zwischen Neuhof und – wohnen Sie auch auf der Buschmühle?

Klingsohr, von den Künsten, die eben auch so nur Lucinde kannte, schon umstrickt, wie alle, die ihr bisher begegneten, wiederholte, wie wenn er sich auf nichts besinnen konnte:

Frieden? Was? Buschmühle?

Ja, half sie nach, zwischen Ihrem Vater und –

Unmöglich! fuhr er sich besinnend und wild auf. Die Welt muß in Flammen stehen! Krieg! Krieg! Aller Dinge Vater ist der Krieg! singt Pindaros. Und ich respectire sogar diese alte 123 Hünennatur, den Kronsyndikus! Dies Geschlecht ist schon seit dem Tage, da Karl der Große seine Vorfahren gebunden in die Weser jagte und mit Gewalt taufte, Hader und Streit gewohnt und hat eine Natur dafür, auch den alten reichsunmittelbaren und kaiserebenbürtigen Dünkel, der immer hoch zu Roß sitzt und sich in seinen Rüstkammern sogar noch die Schwerter aufbewahrt, mit denen die Ahnen gelegentlich in Regensburg, Gotha oder Soest drüben als Landfriedensbrecher hingerichtet wurden! Die haben solche Aufregungen nöthig! Nur wir Plebejervolk verlieren immer gleich den Athem, sind zu kurz, zu dick, zu untersetzt stämmig für solche Fehden – Kennen Sie meinen Alten?

Lucinde hatte den Deichgrafen oft reiten und fahren sehen und erkannte aus des Doctors Schilderung die kleine, corpulente Persönlichkeit eines Charakters, der, wie sie sah, vom Sohne selbst aufgegeben wurde . . .

Aber dürfen Sie denn drüben überhaupt sagen, daß Sie mit mir gesprochen? fragte er.

Sein Ton war wieder so zärtlich, daß Lucinde sich seiner Annäherung entzog. Und jetzt hatte er zwei Blütenzweige von einem Obstbaum über sich abgebrochen und legte den einen stumm in ihre Hand, den andern senkte er ohne ein Wort zu sagen in die Erde. Er bezeichnete damit eine Stelle, wo Lucinde seitwärts vom Wege eine Weile gestanden hatte. So redete er fast die Sprache seines Freundes, des Kammerherrn.

An dergleichen demnach gewöhnt, widersprach sie gar nicht, sondern ließ ihrer neuen Eroberung ruhig lächelnd auch diese Huldigungsform. Der Doctor pflanzte den Zweig und schwieg bewunderungsvoll.

Als die Procedur vorüber war, kamen sie an die kleine Pforte des Parkes, zu der Lucinde den Schlüssel hatte.

Ringsum war alles still, niemand kam des Weges –

124 »Das Schweigen ist der Gott der Glücklichen!« flüsterte Klingsohr rings um sich blickend, und dann wieder seufzend rief er.

Jérôme! Jérôme! Wie ist es nur möglich, Jérôme!

Verdrießlich über die Anspielung auf ihr Verhältniß zum Kammerherrn, erwiderte sie kurz:

Ich verstehe Sie gar nicht! Adieu!

Klingsohr folgte, blieb dann plötzlich stehen und sprach laut, wie ein Declamator, die Heine'schen Verse:

Die Linde blühte, die Nachtigall sang,
Die Sonne lachte mit freundlicher Lust;
Da küßtest du mich und dein Arm mich umschlang,
Da preßtest du mich an die schwellende Brust!

Die Blätter fielen, der Rabe schrie hohl,
Die Sonne grüßte verdrießlichen Blicks;
Da sagten wir frostig einander: Lebwohl!
Da knixtest du höflich den höflichsten Knix!

Lucinde erwiderte lachend:

Ein so gelehrter Mann und fremde Citate?

Hüten Sie sich, mein Fräulein, rief Klingsohr, wenn ich Original werde!

Dabei streckte er wild die Arme aus. Es war eine Geberde, wie wenn er vermöchte, den Himmel auf die Erde herabzuziehen.

Sie erschrak und entschlüpfte.

Am Gitter, wo sie aufschloß, wendete sie sich noch einmal.

Ihr Begleiter war nicht weiter gefolgt. Auf sechs oder sieben Schritte blieb er zurück, wie wenn er seiner Kraft nicht traute weiter zu gehen. Nur leise rief er ihr nach:

Engel! Seh' ich dich wieder?

Dabei hob er die Hände empor wie anbetend, gerade so wie der Kammerherr sonst gethan.

Sie winkte, daß er gehen möchte.

125 Aber es war ja ihre Sache, zu gehen –

Klingsohr rief wieder:

Heilige!

Dann sprach er leise und innig:

Bitt' für mich! . . . Erlöse mich –! setzte er dringender und fast feierlich hinzu.

Das die Umzäunung bildende geschnittene Zwergholz des Parkes verbarg sie jetzt. Sie schritt unter den hohen, noch fast durchsichtigen Ulmen, die sich über sie mit ihren halbbelaubten Zweigen wölbten, dahin gleichsam wie in Lüften. Auf so ergreifende Worte, wie ihr da eben nachklangen, Erwiderungen zu geben hatte sie in sich noch keine Schätze des Geistes, des Herzens und der Phantasie.

Es war die erste Begegnung ihres Lebens mit einem Manne, der sie nun wol verstummen machte.


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