Karl Gutzkow
Der Zauberer von Rom, I. Buch
Karl Gutzkow

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19 3.

Von dem Morgen an, wo Lucinde erwachte und im Auffahren fast lebensgefährlich an das spitze Nasenwerk der Frau von Buschbeck gestoßen hatte, die sie ein für allemal bedeutete: So lange dürfe sie niemals schlafen! (es schlug eben eine Uhr mit heiserm Tone, nicht unähnlich dem Bellen eines alten asthmatischen Mopses, fünf) – von diesem Morgen an blieb Lucinde ein Jahr, neun Monate, funfzehn Tage und drei Stunden bei der Frau »Hauptmännin« von Buschbeck und in den seltsamsten Verhältnissen.

Schon von der Frau, die fünfeinviertel Uhr die Milch brachte, hörte Lucinde ein lautes Lachen:

Also wieder einmal eine in die Falle gegangen!

Weiter war die Milchfrau nicht gekommen, denn schon schlorrte die Frau Hauptmännin »im Nachtjoppel« und mit einer Haube, deren Spitzen sich in die uns schon bekannte liebende Umarmung von Kinn und Nase als Drittes im Bunde einzumischen suchten, aus der vordern Stube heraus und verwies Lucinden jeden unnützen Aufenthalt mit den Leuten, die »ins Haus kämen«. »Ins Haus« nannte sie ihre Wohnung, bestehend, wie Lucinde sah, aus der Küche, einem dunkeln Entrée mit Guckloch durch die Thür zur Hausflur, einer Schlaf-, einer Wohn- und Putzstube. Ueberladen aber war die Möblirung der kleinen Etage allerdings. 20 Für ein zweistöckiges Haus würde sie ausgereicht haben. Was am ersten Abend Lucinde schon beim Beobachten des Zwetschenmahles befremdet hatte, waren eine Menge ausgestopfter Vögel, einige aus Steinen gemeißelte häßliche Köpfe, die Götzen vorstellten, ein Porzellan-Chinese mit einem großen Pfauenwedel, auch eine Lanze, die quer an der Wand hing, mit einem Köcher voll Pfeile, die, wie sie später erfuhr, sogar vergiftete sein sollten. Alle diese Dinge hatte der Herr von Buschbeck aus Indien mitgebracht. Das war ein Hauptmann in niederländischen Diensten gewesen und seine Witwe lebte von einer Pension, die sie, wie sie sagte, aus dem Haag bezog . . . die Gelder ausgenommen, die sie auf dem Lande »liegen« hatte.

Diese vergifteten Pfeile beschäftigten Lucinden sehr. Gleich in der zweiten Nacht träumte sie von der gnädigen Frau, daß sie ihr im Schlaf erschien und ihr einen dieser Pfeile gerade aufs Herz setzte. Sie schrie im Schlaf auf und richtig! wie sie aus ihrer Bettlade in die Küche blickte, huschte auch etwas und tappte nach der Entréethür zu. Sie horchte länger, entdeckte aber nichts. Als sie am Morgen erwachte und nach ihren Tauben sah – der Tischler war noch nicht bestellt worden, weil Lucinde nicht früher ausgehen sollte, als bis ihre »Garderobe« ganz in Ordnung war; sie hatte daran den ganzen Tag nähen müssen – da lag ja eine von den Tauben todt! Das Opfer war glücklicherweise keiner ihrer Lieblinge. Frau von Buschbeck bedauerte den Unfall, fand es jedoch angemessen, daß man die Taube nicht ganz »umkommen« ließ. Sie wurde zu Mittag von ihr selbst, wie sie's nannte, au gratin zubereitet. Daß Lucinde von einem ihrer Täubchen selbst nichts essen mochte, that ihr leid, denn sie sagte, sie hätte darauf gerechnet. Lucinde mußte sich deshalb mit einer einfachen Milchsuppe begnügen.

Schwerlich würde Lucinde – wieder von jener Milchfrau – ein 21 ferneres überraschendes Wort, das wir gleich berichten wollen, vernommen haben, wenn sie nicht die Schlauheit gehabt hätte, schon durch das Guckloch zu beobachten, wann diese kam. Denn kaum hatte im glücklich erspähten Moment, als sie ohne zu klingeln geöffnet bekam, die Milchfrau gesagt: Was? Sie sind noch da? und dies Noch höchst scharf betont, als auch schon wieder Frau von Buschbeck in Halbnégligé, Joppel und Spitzenhaube, erschien und eine weitere »Conversation« unterbrach. Lucinde war eine Gefangene. Die gnädige Frau besorgte die inzwischen nothwendig gewordenen Ausgänge selbst und schloß ihren Pflegling ab. Glücklicherweise glaubte dieser, solche Vorsicht wäre in der Ordnung, da ihr die Stadt als eine Höhle aller Laster und Verbrechen geschildert worden. Nur daß sie ausschließlich in der Küche und auf dem Entrée verbleiben mußte, wurde ihr zu schwierig. Sie rüttelte wenigstens an dem Eingang zur Wohnthür, aber die vordere Herrlichkeit mit den Erinnerungen an die Wilden fand sich immer verschlossen.

Der Taubenschlag, der auf dem Boden hergerichtet werden sollte, kam nicht. Die Tischler wären viel zu theuer, hieß es, und vor Mardern blieben die Thierchen unterm Küchenherde gesicherter. Es war ein trauriger Anblick, die armen Luftbewohner in dem engen Raum sich drängen und einer dem andern auf die ohnehin bei Tauben so schwerfälligen Füße treten zu sehen. Lucindens liebste Freude war sonst gewesen, an der Dachluke zu sitzen und die kreisenden Bewegungen ihrer Pflegbefohlenen mit ihren scharfen Augen, die sie bis in die weiteste Ferne verfolgen konnten, zu beobachten. Sie verbrachte damit eben jene Zeit, die besser für die Erlernung des Eierkuchenbackens wäre angewendet gewesen. Einzig den paar Kröpfern, die sich Lucinde aufgezogen, that die Ruhe wohl. Die häßlichen Thiere saßen wie die Puterhähne und vergruben die Schnäbel in ihre Kröpfe. 22 Leider aber mußten sie hungern, was diese vornehmen Prälaten am allerwenigsten vertragen können. Es starben – fast konnte man sagen »glücklicherweise« – in nächster Nacht noch zwei von den armen Gefangenen. Es war eine Taube darunter, deren Verlust Lucinden unendlich nahe ging; eine halb braun und weiße Taube von ganz besonderer Zierlichkeit, mit einem Halse, dessen Federn auf die wunderbarste Art in sämmtlichen Farben des Regenbogens spielten, ohne daß man eigentlich unterscheiden konnte, wo die grünen und die blauen Schattirungen anfingen; die Farbenspiele der Taubenhälse sind auch eben Wunder, die noch kein Chemiker hat erklären können. Wohl wußte Lucinde, daß zu ihrer Wirkung das Licht des blauen Himmels gehörte, von dem in die nach einer Brandmauer hinausgehende Küche leider wenig hereinfiel.

Auf dem Boden, das entdeckte sie allmählich auch, war gar kein Platz, um daselbst einen richtigen Taubenschlag bauen zu können. Sie entdeckte das, wenn sie von dorther Holz holen mußte. Das war für sie immer eine große Reise, auf der sie vielerlei Neues sah. Es schmerzte sie daher auch nicht zu sehr, als eines Tages die Alte mit einem ganz besonders charakteristischen Tone sagte:

Sackerlot! Die Tauben fressen einem ja das Hemd vom Leibe weg! Das sind theure Kostgänger! Wir wollen sie verkaufen! Was sie einbringen, leg' ich zu deiner Toilette an für den Winter, Jettchen!

Lucinde hatte aus dem Fenster. wenn sie vorne rein machte und nähte – letzteres mußte sie jeden freien Augenblick und wenn es in der Küche zu finster wurde, in der Vorderstube, schon manche wunderschöne Frau auf der Straße gesehen und träumte dann, wenigstens einen neuen Hut tragen zu können – wenn auch ohne Federn. Sie gab also ihre Einwilligung zum 23 Verkauf. Die Alte brachte einen Koch aus einem der vornehmen Gasthäuser mit, der sämmtliche Tauben an sich nahm. Wie viel sie dafür löste und wie viel für ihren Winterstaat verbraucht werden konnte, erfuhr Lucinde nicht; denn der Koch kam gerade in dem Augenblick, als ihr die gnädige Frau befohlen hatte auf dem Boden zu bleiben und zwei Trachten Kleinholz zu machen.

Daß sie nur eine »Magd« bei der gnädigen Frau war, das hörte sie denn endlich dort oben auch. Auf dem Boden trafen sich die Mägde aus dem ganzen Hause zusammen und da auch erfuhr sie desgleichen, daß Frau von Buschbeck in der ganzen Stadt den Namen hatte, keinen Dienstboten mehr, aber absolut auch keinen mehr, bekommen zu können. Sie plage und quäle ihre Leute so sehr, daß niemand länger als einige Tage bliebe. Die Miethweiber schickten niemand mehr, vor der Polizei bekäme sie gegen keine Anklage mehr recht; sie wäre verurtheilt gewesen sich selber zu bedienen, wenn sie nicht auf den Einfall gekommen wäre –

Bei dieser Eröffnung mußte Lucinde schon wieder hinunter. Frau von Buschbeck rief sie selbst ab und fuhr die Magd an, die auf einem Nebenboden Holz spaltete und wol »ihre Dienstboten verführen« wolle? Vor ihren Augen mußte Lucinde zwei Trachten Holz aufpacken und in die Küche tragen. Jetzt war wieder unterm Feuerherd Platz. Die Tauben waren fort. Die gnädige Frau behauptete, schlecht bezahlt worden zu sein; sie gab von dem, was sie von dem Koch empfangen, nur die Hälfte an und Lucinde hörte es kaum; sie überlegte sich nur, was sie gehört: Frau von Buschbeck hatte in der Stadt keine Magd mehr bekommen können und holte sich deshalb doch wol – selbst eine vom Lande? Ihr Räthsel war gelöst.

Ehe sie dabei mechanisch das Holz verpackte, wollte sie doch erst die vielen kleinen Federchen wegnehmen, die von ihren Tauben zurückgeblieben waren. Sie waren so blau, so weiß, so 24 goldbränulich, und jede Feder erinnerte sie gerade an die Verschwundene, der sie angehörte . . .

Das gibt ein schönes Nadelkissen! sagte die Frau Hauptmännin. Es war eine Kunst, die dieser Frau eigen war, immer wieder die Phantasie ihrer Pflegebefohlenen anzuregen. Erst der Winterstaat, nun das Nadelkissen! Was sind dem Kinderherzen nicht alles Eingänge zu den herrlichsten Feenschlössern!

Allmählich aber kam Lucinden das Vollgefühl ihres traurigen Looses. Da hatte sie schon in einer Nacht vor dem letzten Braten, den sie gehabt (Taubenbraten), selbst gesehen, daß die gnädige Frau, die an Schlaflosigkeit zu leiden schien, an ihre Bettlade kam, sie überleuchtete, das Licht auf den Feuerherd stellte und eine der Tauben nahm und ihr mit raschem Griff eigenhändig den Hals abdrehte. Dann legte sie sie wieder ruhig zu den übrigen und stellte die Zuber vor, als wäre nichts geschehen. Lucinde glaubte zu träumen. Aber es war ganz wirklich so. Der Augenschein des Morgens bestätigte es. So gingen anfangs die Tauben fort, ähnlich gingen die Eier und die Zwetschen. Auch den Korb schickte sie nicht an den Vater zurück, worüber Lucinde sie zum ersten mal etwas trotzig zur Rede stellte. Aber die Alte wußte zu zähmen; vorzugsweise durch Hunger. Abends, als denn auch Lucinde zum ersten mal ihre kleinen Krallen gezeigt hatte, brachte die Hauptmännin einen Haufen trockener Zwetschensteine. Lucinde bekam die Anweisung, sie mit einem alten Ziegelsteine, der vom Feuerherd losgegangen war, aufzuschlagen und sich die »kostbare« Mahlzeit der Kerne für den Abend munden zu lassen. Ein Trunk Wasser dazu würde die Kerne besser aufquellen lassen.

Lucinde gehorchte wol, doch in den schwarzen Augen der Schulmeisterstochter brannte mehr als nur Gehorsam. Sie mußten sich nur immer erst orientirt haben, diese Augen, und dann 25 geriethen sie in eine Glut, die von seltsamen Gedanken geschürt werden konnte. List weckt Gegenlist, Tyrannei Widerstand. Wer weiß, ob Lucinde ein Wesen ist, das sich überhaupt nach sanfter Rede, Güte des Herzens, Liebe und schonender Obhut sehnt! Schon können wir sagen, daß ihr nie die Zähne weh thaten, daß ihr nie ein Schnupfen Fieber machte, nie eine Zurücksetzung Thränen kostete. Sie half sich immer gerade so weit durchs Leben, als sie das Leben verstand, und ihre Waffen waren schon in frühester Zeit die geballte Faust, später die spitze Rede, jetzt die Verschlagenheit . . . Sie fängt mit der gnädigen Frau. die sie nun »bald weg hat«, wie sie den Mägden des Hauses, die sie aufhetzten, eingesteht, einen Kampf an, nicht etwa auf Tod und Leben, Bleiben oder Gehen, sondern einen Guerillakrieg innerhalb der von der gnädigen Frau selbst gezogenen Schranken. Sie hat allmählich dabei die schöne Stadt sich »herausgeluchst«, die herrlichen Gärten, die großen denkmalgeschmückten Plätze, die Soldaten, die Offiziere, die schönen Umgebungen und die bezaubernden Fernsichten in sonnenbeschienene Ebenen und nach neuen wunderbar blauen Hügelrändern hin; sie erwischt aus dem Bücherschranke des, wie sie gehört hatte, noch gar nicht einmal verstorbenen niederländischen Hauptmanns Bücher; sie dringt darauf, daß sie, noch immer nicht eingesegnet, wenigstens in die Kirche gehen darf; sie schreibt seitenlange Briefe nach Langen-Nauenheim, worin sie freilich das Ausbleiben des Korbes entschuldigen und eine Menge Erfindungen mittheilen muß, weil die gnädige Frau die Briefe erst liest, ehe sie sie abgehen läßt. Und nun macht es ihr gerade Spaß, die komischsten Erdichtungen zu schreiben, nur damit die »Alte« sich ärgert oder in jene Blindheit verfällt, die sie überkommt, wenn ihre unruhigen und gespenstischen Gedanken ganz nach innen gehen. Lucinde schreibt von Bällen und von Gastereien und die Alte liest das, als hörte sie 26 die Geigen rauschen und die Schüsseln klappern. Sie läßt kichernd den Brief abgehen und ist sogar milder als sonst, weil sie dann stundenlang nicht aus einem wie somnambulen Zustande herauskommt.

Um so schrecklicher ihr Erwachen! Dann war es doch, als beschuldigte sie Lucinden oder den »schwarzen Teufel«, wie sie sie nannte, er wolle sie erwürgen. Dann hatte die menschenfeindliche, geizige Frau Blicke so voll Gift wie ihre javanischen Pfeilspitzen. Wie der Taubenfalk schoß sie hinter Lucinden her, wenn diese nur einmal gelacht hatte; sie krallte mit ihren dürren Fingern in sie ein wie jener, wenn er aus Himmelshöhen niederschießt. Die böse Frau hatte keinen Schlaf. Sie fürchtete entweder Gespenster oder sich selbst. Sie leuchtete um Mitternacht in die Winkel. Kam sie an die Bettlade Lucindens, so hielt sie das Licht über die Halbschlummernde und ächzte sie an: Das kann schlafen! Das kann die Augen zuthun! Oft mußte Lucinde aufstehen und ihr um zwei Uhr Morgens vorlesen, Reisebeschreibungen, Erzählungen von den Wilden, zuweilen auch Legenden. Frau von Buschbeck ging jährlich einmal zur Kirche; sie war katholisch. Wenn aber Lucinde um ihre Einsegnung drängte, nahm sie alle Bücher fort und sagte: Unser Herrgott ist der Satan! Sie war so geizig. daß sie sich eine alte Guitarre, auf der sie in den Abendstunden klimperte, nicht einmal neu mit Saiten beziehen ließ. Auf zwei Saiten spielte sie alte sentimentale Lieder und pfiff dazu. Da sie ohne Lippen pfeifen mußte, so klang's wie leise klagender Nebelwind aus öder Heide. Der Anblick dieser grotesken Scene war Lucinden nicht vergönnt, denn Frau von Buschbeck schloß sich ein, wie sie fast immer that, besonders nach jedem Ersten im Monat, wo der Postbote eine ansehnliche Summe in einem mit adeligem Petschaft versiegelten Briefe brachte. Da mochte sie zählen, was ihr Geiz aufhäufte. 27 Oft lauschte Lucinde und hatte die listigen Augen an die Fensterscheiben der Stubenthür gedrückt. Sie unterließ aber auch das, als eines Tags aus der entgegengesetzten Fläche der Scheibe das volle Antlitz der plötzlich hinter dem Vorhang auftauchenden Hauptmännin sie angrinste. Sie war von dem Anblick so entsetzt, als hätte ihr auf der Nase eine Fledermaus gesessen. Sie bebte so, daß sie nicht einmal entfliehen konnte, sondern ruhig geschehen ließ, daß die Thür sich öffnete und sie zur Strafe ihre gewöhnliche körperliche Züchtigung erhielt.

Dabei liefen Tag und Nacht zusammen. Hatte Lucinde bis drei Uhr nach Mitternacht vorgelesen, so meinte die Hauptmännin, bis vier wäre nur noch eine Stunde und man könnte gleich aufbleiben und ans Tagewerk gehen, worunter sie Nähen und Stricken verstand. Die Hemden und die Strümpfe, die Lucinde lieferte, gingen und kamen: sie behauptete, für eine Anstalt, die gut zahle; sie spare alles für Lucindens Zukunft. Oft wurde sie, wenn gar zu böse Stunden kamen, so tückisch, daß Lucinde manche Arbeit dreimal thun mußte, nur damit ihre Peinigerin über dies und jenes ihren Willen hatte.

Eines Tages klingelte ein Polizeiagent und verlangte Einlaß. Er erklärte rundweg, Frau von Buschbeck sollte auf dem Amte erscheinen und wiederum sich rechtfertigen wegen unmenschlicher Behandlung ihrer Dienstboten, wie schon öfters.

Eine Menge Menschen aus dem Hause und der Nachbarschaft drängte nach. Beinahe wäre ein Act der Volksjustiz ausgeführt worden, denn man fand Lucinden an Händen und Füßen gebunden in einer dunkeln Seitenkammer der Küche, in welcher Frau von Buschbeck ihr altes Geräth aufbewahrte. Dort lag sie schon seit zweimal vierundzwanzig Stunden und bekam nur Wasser und Brot, weil sie, wie sie beschuldigt wurde, aus »Bosheit« zwei chinesische Tassen zerschlagen hätte und zwar unter der Drohung, 28 alles Zerbrechliche auf der Servante ebenso zu zertrümmern, wenn sie noch ferner jedes kleine Misgeschick, das sie beim Abstäuben oder Abputzen beträfe, mit »künftigem Abzug von ihren Ersparnissen« büßen müsse . . . Im Hause hatte man das Jettchen der Frau Hauptmännin zwei Tage lang nicht bemerkt, hatte Anzeige gemacht, und so kam's zum Durchbruch.

Lucinde machte auf dem Amte dem Polizeirichter, Stadtamtmann genannt, einen wunderlichen Eindruck.

Sie war trotz Kasteiung und Entbehrung jeder Art vollkommen entwickelt. List und Verschlagenheit waren unverkennbar der Ausdruck ihres Wesens, der ihr aber hübsch stand, wenn ihre dunkelbeschatteten Augen glühten, ihre Lippen trotzig sich aufwarfen und dabei ein ständiges scheues und ironisches Lächeln um den kleinen zierlichen Mund spielte. Das schwarze Haar war in Flechten geordnet, die voll und schwer um die Stirn gingen. Selbst die Hände, die doch viel schaffen und »schanzen« mußten, waren nicht eben zu rauh. Sie sagte, da die in einem Fiaker folgende Frau von Buschbeck sich auf die Feinheit und Schonung derselben berief, daß sie es bei ihrem Vater »nicht nöthig gehabt hätte«. Nur ihre Haltung entsprach nicht dem schlanken Wuchse. Sie senkte zu sehr den Kopf . . . so jedoch, wie wenn eine schwere Aehre sich an einem langen Halme wiegt – es war die Reife, die sie bog.

Der Stadtamtmann sprach von ihrer Familie . . . Erst jetzt erfuhr sie ein schreckliches Unglück aus Langen-Nauenheim. Drei ihrer Geschwister, und das liebe Hannchen darunter, waren schon seit Jahresfrist todt! Im Zeitraume von drei Tagen hatte sie das Scharlachfieber, das in der Gegend wüthete, hinweggerafft . . . Die Alte hatte den Brief des Vaters aufgefangen und den Inhalt verschwiegen, weil sie die Wirkung des Kummers auf den Fleiß und die Arbeit fürchtete.

29 Wie Lucinde diese Nachricht hörte, stürzten ihr seltsamerweise keine Thränen aus den Augen . . . Nur schrecklich erblaßte sie . . . Der Stadtamtmann ließ das wankende Mädchen sich auf einen Stuhl setzen; man konnte eine Ohnmacht befürchten . . . Der Blick, den Lucinde bei dieser Nachricht auf die böse Frau warf, war furchtbar. Ihre sonst so dunkeln Augen sahen in diesem Moment weiß aus und die böse Zunge der stadtberüchtigten Frau, die der Verzweiflung nahe war, kein Mädchen bekommen zu können, und in diesem Fluche fast mit wirklichem Schmerz eine angezettelte Verschwörung sah, war gegen sie völlig verstummt.

Als der Stadtamtmann Lucinden erstens einen Lohn und die Auszahlung ihrer Ersparnisse gesichert, dann die Frau Hauptmännin, die er indessen sonderbarerweise nur immer Fräulein von Gülpen nannte, aufs entschiedenste ermahnt hatte, die Langmuth der »überhaupt gegen sie so duldsamen« städtischen Behörden nicht zu erschöpfen, wurde Lucinde von ihm befragt, ob sie nicht zu ihrem Vater und zu ihren Geschwistern zurück wolle?

Sie saß starr und antwortete nicht.

Dann erwähnte der Stadtamtmann unter den Unterlassungssünden, die sich das »Fräulein von Gülpen« gegen sie hatte zu Schulden kommen lassen, auch die unterbliebene und doch von ihr versprochene anständige Confirmation. Gleichsam aber, als wenn sich Lucinde fürchtete, nun in Langen-Nauenheim noch erst confirmirt und dort unter die ihr wohlbekannten dummen Buben und Mädchen gesteckt zu werden, antwortete sie auf die wiederholte Frage, ob sie mit der immerhin beträchtlichen Summe von nahezu funfzig Thalern, die ihr zuerkannt wurde, nach Langen-Nauenheim zu ihrem Vater und ihren auf drei zusammengeschmolzenen Geschwistern zurückkehren wolle, mit einem ernsten, bedachtsamen und fast kalten Kopfschütteln: Nein!

30 Das ist's ja eben! brach die zitternde Tyrannin aus. Das Leben auf der Straße, die Promenaden, die Offiziere, das Schlendern, das Gaffen . . .

Ruhe, Fräulein! unterbrach der Stadtamtmann.

Frau von Buschbeck oder Fräulein von Gülpen mußte sich entfernen, nachdem sie mit zitternden Händen einen Revers zur Zahlung von funfzig Thalern und Auslieferung aller Sachen Lucindens unterschrieben hatte. Sie ging mit krampfhaftem Zusammenschlagen ihrer Ober- und Unterkiefern, doch nicht ohne eine Art von Würde und Vornehmheit, von dannen. Man hatte ihr da, wo man ihre Lebensverhältnisse näher zu kennen schien, zwar den Titel einer Frau geraubt, den aber einer Adeligen lassen müssen.

Draußen empfing sie das Hohngeschrei zusammengelaufener Menschen. Sie war die Bekannte, die Stadtkundige, die »Frau, bei der niemand dienen wollte!«

Scheu flüchtete sie in ihren Fiaker, doppelt schwer aufseufzend; denn ihr Geiz sagte ihr schon wieder: Nun rechnet dir der auch noch die halbe Stunde an, die er vor dem Stadthause hat warten müssen! Sie hatte vergessen, ihn vorher abzulohnen und vor dem Stadthause war ein Halteplatz, wo der Fiaker genug auf jeden Wink zu haben waren.


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