Karl Gutzkow
Der Zauberer von Rom, I. Buch
Karl Gutzkow

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98 10.

Immer und immer schon war ein gewisser »Deichgraf« genannt worden, ein Titel, nach dessen Bedeutung Lucinde nicht fragen mochte. Wie sicher sie zwar in allem, was zur Bildung gehörte, jetzt schon Stand hielt und einen über Geldangelegenheiten vom Vater in französischer Sprache begonnenen Discurs mit der endlos belachten Bemerkung unterbrach, ob sie nicht lieber polnisch sprechen wollten, was sie weniger verstünde als französisch, so hütete sie sich doch, auf Gebiete einzugehen, wo sie in keiner Weise heimisch war. Sie bildete sich da jenes bekannte aufmerkende und geheimnißvolle Schweigen aus, das bei Leuten, denen Bildung überhaupt zugestanden werden muß, immer annehmen läßt, daß sie über jeden vorliegenden Fall, und beträfe er die Inschrift einer ägyptischen Pyramide, vollkommen au fait sind.

Bald merkte Lucinde aus den Drohworten, die der Kronsyndikus ausstieß, daß es mit dem Deichgrafen eine besondere Bewandtniß hatte. Dieser »Graf« schien nur ein Bürgerlicher zu sein. Es war der erste Pächter des Freiherrn von Wittekind. Der Kronsyndikus nannte ihn unausgesetzt bald einen Hund, bald einen Schurken; ja, er erklärte, daß er ihm bei erster Gelegenheit und, wie er sagte, »stanta pe« eine Kugel vor den Kopf brennen würde. Der Kammerherr wünschte neue Vorkommnisse des 99 Zwistes zu wissen, aber der Vater schien von denselben so ergriffen zu sein, daß er zuweilen die an ihn gerichteten Fragen ganz überhörte.

Das Terrain war eine Zeit lang nur eben gewesen. Auf den Gütern des Freiherrn, die von der Straße ostwärts lagen, wurde es von Anhöhen wieder unterbrochen, und auf der höchsten Höhe lag nun Schloß Neuhof wie eine leuchtende Krone der ganzen in Saatengrün, Wald und Wiese prangenden Gegend. Diesem Schloß, diesen reichen Fluren nach zu schließen, mußte der Kronsyndikus fürstliche Einnahmen beziehen, womit freilich sein Dingen und Zanken mit den Postillonen und Wirthen in Widerspruch stand. Lucinde hatte den Muth, ihn seines Geizes wegen aufzuziehen, wobei er durchaus beistimmend schmunzelte und ihr in die Wangen kniff mit den Worten, daß er von solchen hübschen Kindern, wie sie wäre, in seinem Leben oft schon solche Wahrheiten hätte hören müssen.

Ehe man auf die bedeutende, aber sanft aufsteigende Anhöhe gelangte, von welcher das im vorigen Jahrhundert gebaute Schloß herniederleuchtete, hatte sich in die jeweiligen Auseinandersetzungen des Kronsyndikus über die Ernte, die neuen Wegebauten, die Kirchen und Klöster, die man in der Ferne aufragen sah, über einen oft citirten Landrath von Enckefuß, den sein Auge da und dort zu erspähen glaubte, dann wieder über den Reichthum und die hohe gesellschaftliche Stellung der Tüngels und über die Vorzüge der freilich nicht mehr ganz jungen Baronesse Portiuncula, die Jérôme heirathen sollte, wieder der Zorn gemischt auf jenen »Deichgrafen«. Man sah, aus den heftigen Rügen über diesen Acker, jene Hecke oder Anpflanzung, überall die Schöpfungen dieses Mannes, der seit einer langen Reihe von Jahren mit dem Freiherrn aufs innigste befreundet gewesen, jetzt aber, wie sein Sohn mit dem Kammerherrn, in Bruch gekommen war. 100 Der Kammerherr suchte die Neigung seines Vaters zu gewinnen durch beständiges Schüren dieses Hasses, durch Uebertreibungen und Flüche, welche die des Vaters zuweilen noch an Kraft und Umfang überboten. Zwei verwöhnte, durch ihren Namen und Besitz sich für unantastbar haltende Männer scheuten sich nicht, dem Deichgrafen im Geist bald die Peitsche zu geben, bald sämmtliche Hunde ihrer Förster auf ihn zu hetzen.

Lucinde erfuhr jetzt, daß der Generalpächter Klingsohr den altüblichen Namen eines Deichgrafen von einer frühern Anstellung bei den Deichen der hannoverischen Niederelbe führte, dort die Bekanntschaft des zuweilen nach seinen mecklenburgischen und holsteinischen Gütern durchreisenden Freiherrn machte und von diesem bereits vor beinahe dreißig Jahren in diese Gegend als sein Pächter berufen wurde. Lange hätten sie in dieser Lage freundschaftlich verkehrt, sogar die Söhne des Freiherrn und des Deichgrafen wären zusammen aufgewachsen und erzogen worden, der Kammerherr hätte mit Heinrich Klingsohr, dem jetzigen Doctor, in Göttingen studirt, und bei alledem war eine Feindschaft ausgebrochen, wo einer denn doch noch, wie der Kronsyndikus sagte, »dran glauben« würde.

Die Ursache dieser Feindschaft lag in einer neuern Ernennung des Deichgrafen. Der alte Klingsohr, der sich als großer Pächter im landwirthschaftlichen Verein, ja als Kenner der Volkszustände auf dem Provinziallandtage einen Namen gemacht hatte, war Commissar der Regulirung bäuerlicher und grundherrlicher Verhältnisse geworden. Erst jetzt wurden in dieser Gegend die letzten Reste der Leibeigenschaft aufgehoben. Die Regierung bestimmte Theilungscommissare, denen sie ihr Vertrauen schenkte, um jedes streitige Recht zwischen Bauern und Grundherren, zwischen Gemeinden und Einzelpersonen zu prüfen und schließlich die Ablösungen nach bester Ueberzeugung zu schätzen. Man konnte 101 nicht bemessen, daß ein Macchiavellismus darin lag, zu einem unter Umständen so unpopulären, ja gefährlichen, der Bestechung wie der Anfeindung ausgesetzten Posten einen Oppositionsmann zu wählen. Im Gegentheil ließ sich annehmen, daß gerade in der gesunden, offenen und ehrlichen Politik des Deichgrafen, die der Regierung schon viel zu schaffen gemacht hatte, eine Bürgschaft gefunden wurde für die Gerechtigkeit, mit der er sich seinem schwierigen Amt unterziehen würde. Er kannte die Gegend seit beinahe dreißig Jahren, hatte die Interessen derselben mannichfach studirt und war unstreitig der geeignetste, der die Unparteilichkeit einer so wichtigen Procedur verbürgte. Lucinde gewann diese Einsicht in ihr keineswegs ganz fremde Verhältnisse vollständig erst von ihrem Pavillon aus im Schloßparke zu Neuhof. Jetzt war es nach des Kronsyndikus Meinung eine teuflische, höllenmäßige und bis an die Throne diesseits und jenseits zu verfolgende Undankbarkeit des Deichgrafen, auf seinem neuen Posten fortwährend seinem Pachtgeber, langjährigen alten Freunde, ja Wohlthäter, wie er sagte, in fast allen streitigen Fragen Unrecht zu geben, ihm Rechte zu entziehen auf Wald und Flur, die er seit Urgedenken besessen haben wollte, die Summen, die er von seinen frühern Lehnsassen zu empfangen, gering, die aber, die er selbst an die Gemeinden zu zahlen hätte, hoch anzuschlagen. Durch diese nun schon seit zwei Jahren dauernde Ablösung, die den Deichgrafen zum Wohlthäter des ganzen Kreises machte, waren beide in Streitigkeiten gerathen, die leicht auf Thätlichkeiten übergehen konnten, denn auch der alte Klingsohr war, wie Lucinden aus dem plattdeutschen Examen, das der Kronsyndikus bald mit Postillonen, bald mit Gensdarmen über »etwas Vorgefallenes« oder Vorkommnisse des Feldbaues anstellte, vernehmlich wurde, eine heftige Natur, zäh und eigensinnig in seinen Ueberzeugungen. Der Pacht, der nur noch einige Jahre lief, 102 war ihm vom Freiherrn gekündigt worden. Und gib Acht, Jérôme, schloß der Vater in seinen Anklagen, wir werden erleben, daß er uns auch noch allen als officielle Zuchtruthe gesetzt wird, denn Enckefuß will und muß versetzt werden! Geschieht das, so kauft sich Klingsohr ein Eigenthum, läßt sich wählen, und unter den drei Candidaten angesessener Bewohner des Kreises, die wir vorzuschlagen das Recht haben, wird von oben her kein anderer zum Landrath gewählt werden als der erprobte Herr Theilungscommissar!

Lucinde hörte allen diesen Gesprächen mit der Erwartung zu, im Verlauf derselben würde vielleicht der Name der Schreckgestalt, der Mäusefängerin und Giftpfeilbesitzerin genannt werden. Doch war der Umfang an Lebensbezügen und Erinnerungen des Kronsyndikus so außerordentlich groß, daß er unausgesetzt Neues aufs Tapet brachte und zum Alten, wo dies nicht den Deichgrafen betraf, selten zurückkehrte. Der Kammerherr setzte dabei seinen gewohnten Unterricht Lucindens durch Erklärungen fort. Auseinandersetzen, erläutern, dociren war sein Steckenpferd. Fürsten, Grafen, Bischöfe und Erzbischöfe wurden dabei wie die gewöhnlichsten Menschen sogar einfach mit Vornamen genannt. Alles, was Lucinden bisher hoch und unerreichbar geschienen, zeigte sich ihr hier ganz menschlich und von den allgemeinen Leidenschaften aller beherrscht. Für ihre Bildung und Lebensauffassung mußte sich daraus, wie durch die Erfahrungen im Hause des Stadtamtmanns, mancherlei ergeben. Wer den ersten Blendzauber, den die Großen der Erde verbreiten, auszuhalten oder ihn allmählich in nächster Nähe erblinden zu sehen Gelegenheit gehabt hat, der wird leicht für jedes Lebensverhältniß eine Entschlossenheit und Thatkraft gewinnen, die vor keinem Ziel des Ehrgeizes mehr zurückschreckt.

Schon lange, ehe man, langsam die sanft aufsteigenden 103 Anhöhen zum Schlosse emporfahrend, an diesem angekommen war, hatte man zur Rechten den zwar noch laublosen, aber schon von Spatzen, Amseln, Goldammern belebten großen Park neben sich liegen. Die Umwandelung eines Waldes in diese regelrechte und kunstmäßige Zierlichkeit, mit zuweilen durchschimmernden Erlenbrückchen, kleinen, von Hängeweiden bestandenen Inseln, künstlichen Felsgrotten, Wasserfällen, stammte schon aus dem vorigen Jahrhundert. Auch die erwähnten Pavillons mit Galerieen und chinesischen Dächern wurden sichtbar. Ein solcher, der auf der andern Seite lag und im untern Geschoß von einem alten Schloßdiener bewohnt wurde, sollte ganz für Lucinden eingerichtet werden, falls sie nicht bei Vater und Sohn vorn im Schlosse wohnen sollte. Die sittlichen Vorstellungen des Kronsyndikus schienen von sogenannten Vorurtheilen völlig frei zu sein. Selbst wenn sein Sohn zu Lucinden in Verhältnissen gestanden hätte, in denen dieser nicht stand, würde er darüber mit Unbefangenheit gescherzt haben.

Schloß Neuhof zeigte in seinem Hofe und in den Seitenbauten ein großes Oekonomiewesen. Den einen Theil seiner Besitzungen verwaltete der Freiherr selbst. Da gab es Ställe voll Rinder und Schafe, in der Ferne Ziegelöfen, eine Branntweinbrennerei, eine Brauerei, deren Grundstoffe und Erträge im beständigen Verkehr um das Schloß her kamen und gingen und die nächsten Räumlichkeiten desselben so unschön wie möglich erscheinen ließen. Menschen umgaben den Besitzer von allerlei, aber durchgehends untergeordneter Art. Ihm mußte man nur dienen, nur gehorchen; Weisungen von andern anzunehmen war seine Sache nicht. Von jeher hatte er auch deshalb Frauen lieber um sich leiden mögen als Männer. Gleiches, Ebenbürtiges, Höheres, zu dem er aufblicken mußte, duldete seine hohe Meinung von sich selbst nicht. Seine tyrannische Art schlug mit 104 einer Handbewegung um sich und scherzte mit der andern. Ihm kam nichts auch nur, wie er's zu nennen pflegte, »bis an den Nabel«. Er hatte immer recht, ob nun eine andere Fütterung für verkommene Schafe oder der Bau eines neuen Ofens für die Ziegelei beantragt wurde. Die Mägde, die Knechte. die Verwalter der vielen Zweige, in denen gearbeitet und Gewinn angestrebt wurde, alle standen in der Regel in den Fällen, wo's, wie er sagte, »auf Grütze im Kopfe« ankam, »wie die Heuochsen« und waren die Dummköpfe selbst. Er nur wußte alles und entschied alles. Und dann, wenn Er den »rechten Zapfen« eingeschlagen hatte, Er »den Nagel auf den Kopf getroffen«, Er irgendeinmal »den Karren wieder aus dem D. geschoben« hatte, mußte alles den Kopf schütteln und ohne viel Worte gleichsam nur ein: »Aber man muß sagen, unser gnädigster Herr –« mit den Augen andeuten. Wer das verstand, der traf den Ton, in dem er die Menschen mit sich verkehren haben wollte. Es kam vor, daß er in solchen Fällen, wo Er allein »dem Ding auf die Beine geholfen«, die Börse zog und einen Thaler austheilte, nur damit sich die Ochsen, die Esel, die »Rindviecher« dafür, daß sie sich ihm gegenüber wieder einmal als solche bewährt und bekannt hatten, einen guten Tag machten.

Lucinde wurde unter zahlreichen neuen Menschen eingeführt als eine durch Familienbekanntschaft Empfohlene, der das Landleben nützen und die wiederum auch dem Lande nützen sollte. Da der Kammerherr nicht aufhörte, seine Liebe mit einer niemand an sie heranlassenden Eifersucht zu schützen und seine Sorgfalt, Obhut und Zartheit gegen sie die gleiche blieb, so durchkreuzte er die Plane des Vaters, der nicht wenig Lust bezeugte, der Rival seines Sohnes zu werden. Lucinde wohnte im Schlosse selbst nur bis zu dem Tage, wo mit dem mächtig hereinbrechenden Frühling eine Menge benachbarter Adelsfamilien erschienen 105 und sie in den für sie bestimmten Pavillon des Parkes zog. In dieser Zeit der Besuche mußte sie sich vom Schlosse sogar ausdrücklich fern halten.

Vom Pavillon aus beobachtete sie die vornehmen Gäste, die kamen und gingen. Liebliche junge Mädchen, auch Kinder umschwärmten einige Stunden lang, während der Hof sich mit Livreen füllte, einen Weiher im Park. Besonders anmuthig war eine Comtesse Paula von Dorste-Camphausen, eine zarte, schlank aufgewachsene und, wie es schien, kränkelnde Blondine mit langem goldenen Haar, kaum zwölf Jahre alt und schon zur Reife entwickelt. Ihre treueste Begleiterin war ein kleiner schwarzer Lockenkopf, den man Armgart von Hülleshoven nannte. Flüchtig sah auch Lucinde jene Portiuncula von Tüngel, aus dem Geschlechte derer von Tüngel-Appelhülsen, die in diesen Tagen und bei diesen Berathungen und Bewillkommnungen durchaus die Kammerherrin von Wittekind, die Gattin eines Geistesschwachen, werden sollte. Sie sah sie eines Tages wieder, als sich plötzlich der Park mit Menschen gefüllt hatte. Lucinde war auf diese Ueberraschung nicht gefaßt. Sie hatte sich in träumender und verdrießlicher Langeweile für sich allein in ihrem Pavillon geschmückt und mußte an den Parkweiher, weil der Kammerherr, wie sie von den alten Leuten, bei denen sie wohnte, erfuhr, ihr im Vogelhause alle ihre Nähapparate versteckt hatte. Dorthin wagte sie sich. Sie hatte sich in einem vom Kammerherrn mit Goldlackfarbe bemalten schön geformten Kahn, zu dem ein zierliches mit Goldfarbe gleichfalls überzogenes Ruder gehörte, an das in der Mitte befindliche Haus voll türkischer Enten, Tauben und Schwäne, die in drei Stockwerke vertheilt waren, hinrudern wollen, indem gerade die ganze Gesellschaft vom Schlosse kam. Alles eilte voll Staunen näher. Es war die phantastischste Ueberraschung, die man sehen konnte. Der Teich, der goldene 106 Kahn, die schöne Schifferin. Und der Kammerherr selbst konnte, da der Vater nicht sogleich in der Nähe war, dem Drange nicht widerstehen, der Welt seine wahre Liebe zu zeigen. Lucinde erschrak und flüchtete sich in das Vogelhäuschen. Es bestätigte dieser Anblick die Sage, daß sich der Kammerherr Jérôme auf Schloß Neuhof ein Elfenkind hütete.

Doch folgte nun eine heftige Scene mit dem hinzugekommenen Kronsyndikus. Die phantastische Schifferin stieg über den Lärmen in die Pagode hoch hinauf und kletterte bis an die obere Spitze, die in einem buntgemalten Taubenschlage endigte. Da flatterte es, als sie dort richtig ihr Nähzeug entdeckte, von allen Oeffnungen heraus, während der Kahn, den sie nicht befestigt hatte, inzwischen ans Ufer schwamm. Nun wollten die Herren der Gefangenen zu Hülfe eilen; aber der Kronsyndikus machte dem Vorfall durch kurze und entschiedene Befehle ein Ende. Er kündigte die eben erfolgte Ankunft seines ältesten Sohnes an.

Alles mußte jetzt den Park verlassen und den Regierungsrath von Wittekind begrüßen.

Lucinde bekam so die Freiheit.

Bis die Bediente den Kahn zurückgerudert hatten zur Insel, saß sie unter den Tauben, die allmählich wiederkehrten, und konnte Betrachtungen anstellen über alles, was zwischen ihrem Taubenschlag auf dem geflickten Schindeldach in Langen-Nauenheim, dem Taubenschlag unter dem Küchenherd der Frau Hauptmännin und hier dem auf der chinesischen Pagode im Park von Schloß Neuhof für sie an Erlebnissen in der Mitte lag.


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